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Unterkategorien : Stories , Themen
17 Dec 2014
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Abgesang an ein Licht

Nie wieder so hell

Nie wieder so hell

Haben Sie schon einmal nach oben geguckt und in dem Moment gefühlt, dass alles gut wird? Weil es da oben immer weiter geht, angeblich endlos? Oder weil da oben Engel sind? Oder einfach nur, weil da oben nicht viel ist, über das man traurig sein könnte? Die Dunkelheit über Uelzen, dieser alten, für die meisten Menschen auf diesem Planeten relativ bedeutungslosen Stadt im Schatten der Zuckerfabrik wird im Dezember erhellt durch lange Lichterketten. Seit ich denken kann. Der Abend mitten in meiner Kindheit, an der Seite meines großen Töchterchens, beginnt genau so. Ich gucke nach oben und fühle, dass alles gut werden wird. Weil es weiter geht, weil wir Engel sehen werden und weil Traurigkeit vielleicht auch einfach dazu gehört. Der Audi 100 ist geparkt. Wir suchen das Licht, die Engel, Freunde und noch ein paar andere Sachen. Vieles davon finden wir. Einiges zum allerletzten Mal.

Ich mag ja gelb. Und ganz besonders gelbes Licht.

Abgesang an ein Licht

das könnte ich heute noch oft knipsen…

Der Dottore LS hat französisches gelbes Abblendlicht. Besonders scharfe Konturen im Nebel, weniger Ermüdung der Augen bei Nacht. Leider auch ein bisschen funzeliger im Dunkeln, was auf dem Hinweg bei strömendem Regen (Sie erinnern sich?) nicht immer für Klarheit darüber gesorgt hat, ob man sich denn überhaupt noch auf der Straße befindet oder schon den Acker umpflügt. Aber irgendwas ist ja immer. Ich mag es trotzdem. Es harmoniert wundervoll mit den gelb/orange schimmernden Gaslaternen in der Uelzener Innenstadt und dem warmen, gelb/weißen Licht der Weihnachtsbeleuchtung. Da haben die Städteplaner einmal Herz und Geschmack bewiesen, vor allem bei der Entscheidung, die uralten stromfressenden Weihnachtslämpchen nicht durch kalte, seelenlose LEDs zu ersetzen. Auch unser Hotel ist weihnachtlich-warm erleuchtet, aus dem Restaurant unten drin duftet es nach Pizza und Gebratenem, und fröhliche Stimmen und Geschirrgeklapper dringen auf die Straße. 200 Meter weiter links, auf der Kreuzung, hören wir laute Aaaaaahs und Ooooohs. Hier sind erstaunlich viele Menschen versammelt, um dem Öffnen eines weiteren Türchens am Uelzener Adventskalender beizuwohnen.

Abgesang an ein Licht

plötzlich sind alle da!

Es ist für uns eine Zeit angekommen ♫ Jedes Fenster am frisch renovierten Rathaus ist ein Kalendertürchen, hinter jedem verbirgt sich ein kleines Kunstwerk und ein Märchen, das dann vorgelesen wird. Traditionell spielt vorher ein Horst Schulz auf seiner Trompete drei Weihnachtslieder in den stillen dunklen Abendhimmel. Verdammt. Ich komme nicht drumrum, das echt schön zu finden, und mich springt eine wundervolle Weihnachtsmelancholie an. Die vielen Menschen, der Duft von Glühwein und Burgunderschinkenbrötchen und die klassischen Lieder, die heute fast niemand mehr singt. Die aber Weihnachten zu genau dem machen, was Weihnachten bedeutete, als man noch ein Kind war. Wie machen das die Digital Natives von 2014 später mit ihren Kindern, geben die denen eine App mit Tannenzweigen und Touch-Screen Kerzen, die den Kleinen dann ab Level 24 einen youtube-Link auf “Last Christmas” von Wham einblendet? Genug gegrantelt. Ich sehe drei Engel, die in langen Gewändern mit nichts drunter zwei Leitern erklimmen. Ganz kurz fällt mir ein, wie ich in einem Sommer vor vielen Jahren nachts eine Leiter an das Fenster von Silke gestellt und dort vergessen habe – und am kommenden Morgen von ihrem Vater mit fünf Salven aus seiner Schrotflinte in den Kirschbaum über meinem Zelt geweckt wurde. Aber das ist eine andere Geschichte. Psssst. Ruhe jetzt.

Abgesang an ein Licht

So werden Heideköniginnen geboren

Es ist ein Ros’ entsprungen aus einer Wurzel zart. Die drei schönen Engel enthüllen das Märchen Hänsel und Gretel, symbolisiert durch ein Bild der Künstlerin Brigitte Jerosch-Dürfeldt. Das habe ich googeln müssen, denn die Ansprache und mögliche Notizen zum Geschehen gehen in unserem akuten Glühweinbedarf unter. In Tassen und Gläsern erwerbe ich mehr warme Substanzen als ich tragen kann, teils echt deftig eiweißhaltig und sahnig, teils auch für Anwesende unter 16 Jahren geeignet. Es ist wirklich voll auf dieser Kreuzung, das finde ich jedes Jahr wieder erstaunlich. Nicht, weil der Anlass es nicht wert gewesen wäre, sondern weil ich keinen Schimmer habe, wo alle diese Menschen den ganzen Tag über waren? Bis 16:00 Uhr war das hier noch eine Geisterstadt, trockene Büsche wehten durch die leeren Straßen und irgendwo spielte jemand auf einer Mundharmonika. Und jetzt stehen hier ein paar 100 große und kleine Menschen und hören zu, wie zwei kleine Kinder von einer unsympathischen weiblichen Person gegessen werden sollen. Prost.

Abgesang an ein Licht

Punschige Weihnacht mit und ohne

Die üblichen Verdächtigen. Später soll auch noch Markus mit Familie dazustoßen, dann sind wir wieder vollzählig. Und obwohl es so wundervolle Geschichten zu hören gibt, von den beiden Kindern, die sich im Wald verlaufen haben und an einem Pfefferkuchenhaus rumknabbern durften will neben dem Glühwein kein so richtiger Hunger auf Wurst oder Burgunderschinken aufkommen. Vielleicht hängt das auch mit den lange anhaltenden Nachwirkungen des niedersächsischen Pomm Döners aus dem ersten Teil zusammen. Ich persönlich bin in diesem Moment sehr glücklich darüber, dass mein bequemes Bett keine 200 Meter von hier steht und dass ich (glaube ich) auch noch vier Tüten duftende Badezusätze eingepackt habe. Meine Füße frieren ein wenig, wie in jedem Jahr stehen die warmen Winterstiefel frisch geputzt im Schuhschrank in Kiel. *burps* genug Glühwein, so langsam. Aber so ein kleiner Spieß mit Schoko-Erdbeeren geht eigentlich immer…

Abgesang an ein Licht

Abendessen kann auch mal anders ausfallen

Haben Sie damals in der Schulband Musik gemacht? Oder gar in einer Band außerhalb der Schule, mit der Sie dann manchmal im Jugendzentrum oder auf Schulfesten supercool aufgetreten sind? Ich wünsche jedem einzelnen, diese Erfahrungen gemacht zu haben. Zwischen Anerkennung mit singenden und applaudierenden Hundertschaften und Ignoranz mit leeren Säälen liegen nur wenige Schritte, und beides prägt irgendwie. Ich muss an meine Bandzeiten Ende der 80er denken. Gitarre und Gesang, dazu hatte wir einen Leadgitarristen (Freddy), einen Bassisten (Olaf, aber ein anderer Olaf), einen Keyboarder (Holmer) und einen Drummer (Sören). Ich glaube so richtig gut klang das nicht, aber es hat heftig Spaß gemacht und ab und an haben wirklich viele Menschen vor teils echt großen Bühnen mit uns gefeiert. Ich habe noch ein paar Tapes von den Konzerten. Vielleicht traue ich mich irgendwann, die mal wieder zu hören :-) Die Band neben der Eisbahn geht gut ab, die Damen und Herren sind noch alle minderjährig und haben einen ziemlich guten Groove. Einzig die Stimmen der Sängerinnen sind ein bisschen dünn, Dieter Bohlen hätte Grund zur Lästerei, aber wer ist Dieter Bohlen? Irgendwie bin ich beruhigt, dass es noch immer Teenager gibt, die Musik machen.

Abgesang an ein Licht

Ich erkenne mich wieder…

Das Offizium neigt sich dem Ende entgegen. Meine kalten Füße auch. Am Rand des diesmal recht kleinen Weihnachtsmarktes stehen seit den 60er Jahren der bronzene Kaufmann und der Uhlenköper und erzählen immer und immer wieder die Geschichte des nuschelnden Bauern, der in seinem Sack “Baarftgaans” (Barfußgänger) hatte und sie an einen klugen Kaufmann verschacherte, der nicht richtig hinhörte und glaubte, er würde teure “Barkhahns” (Birkhähne) erwerben. Die sich dann später als ungelogen barfuß gehende Eulen erwiesen, was der herbeigerufene Richter ziemlich lustig fand und den Bauern freisprach. Daraus ergaben sich einige Kollateralschäden. Den Uelzenern wird seit dem nachgesagt, sie würden gern Eulen kaufen, was ich bei dem reichhaltigen Angebot an allerlei Utensilien für vorwiegend ältere Menschen in den zumeist geschlossenen Geschäften heute nicht mehr nachvollziehen kann. Aber überall findet sich Eulengetier in Bild und Form, das wiederum ist süß, ich mag Eulen an sich ja lieber als Birkhähne. Und – die Münze.

Abgesang an ein Licht

Drei Wünsche frei? Einer reicht.

Mein Töchterchen und ich tun es tausenden von anderen Menschen gleich und reiben daran. Was ich erst eben gerade, als ich das Jahr der Errichtung des Denkmals im Netz nachschlug erfahren habe: Man muss mit der einen Hand die Münze reiben und mit der anderen ein wenig Kleingeld in der Tasche klimpern lassen. Das bedeutet immerwährenden Reichtum. Verdammt :roll: Warum erfahre ich das erst jetzt? Wir haben immer dran gerieben und uns dabei leise etwas gewünscht. War das falsch…? Äh… jedenfalls erklärt es, warum die Kohle in den letzten Jahren nie gereicht hat. Eine falsche Bedienung des Uhlenköperdenkmals war Schuld daran! Alles klar. Somit wäre dieses Rätsel auch gelöst, wenn ich das nächste mal in der Nähe bin habe ich klimperndes Kleingeld in der Tasche.

Abgesang an ein Licht

Da ist schon so viel gewünscht worden

All diese Bräuche, all diese Hoffnungen, all diese Sehnsüchte. Was die Menschen in den letzten 50 Jahren wohl alles beschäftigt hat, als sie an dieser Münze rieben? Sie war schon da und schon blank, als ich noch gar nicht geboren war. Sie war da, als meine eigene kleine Geschichte in dieser Stadt stattfand, ein kleines Leben mit Fröhlichkeit und Kummer, an das sich in ein paar Jahren niemand mehr erinnern wird. Sie war da, als ich wegzog und als ich erwachsen wurde. Tag und Nacht standen die beiden Männer vor der Kirche und tätigten dieses Geschäft mit den Eulen. Die Münze war da, als die Kaufhäuser schlossen, als die traditionsreichen Spielwarenläden vor der Macht des Internets kapitulierten und die Inhaber von Bekleidungsgeschäften keinen so gutes kaufmännisches Gespür bewiesen wie dieser schlaue Bauer. Und ihre Läden schlossen. Ein Licht nach dem anderen ging aus in dieser Stadt, und die blanke Kupfermünze war bei jedem dabei. Olaf erzählt, dass die hängende, warm-gelbe weihnachtliche Beleuchtung nun auch in die Jahre gekommen sei und zum letzten mal erstrahle. Sie werde ersetzt durch preiswertere, pflegeleichte LED-Sterne, die auf einer der drei kreuzenden Straßen schon zum Einsatz kommen. :shock: Was??

Abgesang an ein Licht

Ein letztes mal unter den Lichtern?

Eine weitere, schöne Erinnerung aus meiner Kindheit verschwindet also. Selbst mein Töchterchen, die ansonsten eigentlich auf alles Helle und Neue mit Glitzi und Blinki und LED steht sagt, dass doch aber genau DIESE Beleuchtung das Weihnachtsfest hier ausmache, denn nur hier sei die so. In keiner anderen Stadt haben wir jemals diese hängenden Tore aus Lichtern gesehen. Aber wer fragt uns schon? Die Stadt muss sparen, die Kosten für die Instandhaltung der antiken Lampen und ihre aufwändige Anbringung an den Fassaden verschlinge zu viel Geld, deshalb habe man eine Tombola ins Leben gerufen, mit deren Hilfe die neuen, hellen LED-Lichterketten finanziert werden sollen. Mannmannmann :-( Aus florierendem Einzelhandel werden Backshops und 1-Euro-Bazare, Kaufhäuser verfallen zu dunklen Ruinen und aus warmen, Trost spendenden Lichtermeeren wird ein kaltweißer Sternenkrampf. Die Münze des Uhlenköpers ist noch immer dabei. Tag und Nacht, Sommer wie Winter. Vielleicht sollten ein paar der Einheimischen öfter mal an ihr reiben und das nicht nur den Touristen überlassen.

Abgesang an ein Licht

Gute Nacht Freunde

In the Mood ♫ Heute Abend versacken die Freunde mal nicht weintrinkend auf den Ledersesseln im Hotelflur, heute fahren Olaf und Markus mit ihren Ladies brav nach Hause. Dieser Abend gehört meinem Töchterchen und mir, wir haben uns in den vergangenen Monaten aus verschiedenen Gründen zu wenig einander gewidmet. Die Aussicht auf ein großes Hotelzimmer, eine Badewanne, eine neue Gitarre und ein Laptop voller guter Filme schürt die Erwartung an einen entspannten Papa-Tochter Abend. Gleichwohl ich schon wieder denke, dass es schade ist, wenn wir alten Freunde uns immer nur vor Weihnachten sehen. Es gibt so viel zu erzählen, es gibt so viele verschiedene Lebensmodelle anzugucken und anzufühlen und es gibt so viele Erfahrungen und Geschichten auszutauschen – wenn ich es geschafft habe, die ungebetenen Dämonen endgültig aus meinem Leben zu vertreiben bleibt bestimmt auch wieder Zeit dafür, Freundschaften zu pflegen. Denn es tut sooooo gut….
Bevor Tochter & Papa auf dem Hotelzimmer versacken will ich noch eine weitere Nachricht, die im Zusammenhang mit dem Lichtwechsel am Uelzener Weihnachtshimmel an mich rangetragen wurde, bestätigt sehen. Tatsächlich. Chocolata ist nicht mehr. Noch ein alteingesessenes Geschäft weniger, und dazu noch eins, wie es schöner nicht sein konnte. Randvoll mit Süßigkeiten, Schokolade und Naschkrams.

Abgesang an ein Licht

Wieder eins weniger

Die gute Nachricht hinter der schlechten Nachricht: Doch, die sind noch da, gleich um die Ecke sogar, nur ein bisschen kleiner :-) Gottseidank. Trotzdem ist für mich eine weitere immer dagewesene Konstante weggebrochen. Hier habe ich schon als Teenager heftig schäumendes Brausepulver und Schokoladenautos in rauen Mengen gekauft. Hm. Was kommt heute noch? Auf dem Bild habe ich das alte, hell beleuchtete Schaufenster schemenhaft in die dunkle, abgeklebte Realität reingeschummelt. Wie bunt und schön es mal aussah sehen Sie als Aufmacherbild HIER in einer vergangenen Uelzengeschichte. Okay. Ich finde es reicht. Genug schließende Dinge für heute, genug neu gestaltete Beleuchtungen, ich will jetzt endlich in die Badewanne. Im Hier und Jetzt, mit Badesalzen von 2014 und einem Glas Rotwein, das nicht älter als ein oder zwei Jahre ist. Ab in den ersten Stock, Zimmer zur Straße.

Abgesang an ein Licht

Erhabene Stufen in den ersten Stock

Es wurde nicht ganz ohne Erfolg renoviert, das Hotel Stadt Hamburg. Es heißt nun auch COMFORT Hotel Stadt Hamburg. Die Bewertungen im Internet bemängeln vor allem die alten Badezimmer und loben vor allem die kostenlose Mineralwasser-Flatrate. Ich bin extrem anspruchslos, was Hotelzimmer betrifft. Wenn sie sauber sind und das Bett bequem ist bin ich zufrieden. Umso mehr überrascht es mich, wenn ein Zimmer wie hier nicht nur geräumig ist und hohe Decken hat, sondern auch durchaus geschmackvoll farblich kombiniert und eingerichtet ist. Warme, gedeckte Farben, endlich mal keine Wände in Abricot Wischtechnik und Sessel in blauem Post-90er DDR-Wiederaufbau-Muster. Braun, grau, weiß und ein einzelnes Bild mit einer Rose. Mag ich. Töchterchens Gitarre liegt auf dem Bett, als wenn sich Justin Currie hier grad vor einem Auftritt entspannt hätte. Ach nee, der spielt glaube ich Bass…. egal.

Abgesang an ein Licht

Erstaunlich geschmackvoll

Die bewertenden Gäste hatten Recht – das Badezimmer ist alt. Na und? Es hat eine große Badewanne und einen Wasserhahn, aus dem rauschende Mengen an wirklich sehr heißem Wasser rauskommen. Ich bade für mein Leben gern. Eine Badewanne ist für mich der kleine Luxus am Ende eines langen Tages, der Beginn eines langen Wochenendes oder der Triumph über die ersten 12 Jahre meines Lebens, in denen es keine Badewanne gab. Ich badete als Kind in der Duschwanne mit Stöpsel drin, das war okay und auch schön warm und schaumig, aber irgendwann einfach zu klein und zu flach. Ich kippe Lavendel und andere Kneipp Salze in den Bottich mit langsam steigendem Pegel und bin ein bisschen belustigt über die erstaunliche Schaumbildung des Gebräus. Super :-D Das Wasser ist SO heiß, dass ich noch reichlich kaltes nachlassen muss, und als ich mich seufzend und quiekend reinlege steigt der Wasserspiegel fast bis zum Rand. Was für ein einfacher, aber sehr wirksamer Wohlstand. Ich beginne, die alten Römer zu verstehen und nippe an einem viele 1000 Jahre alten Getränk, aus Ermangelung eines Glases nur in einem Zahnputzbecher dekantiert. Aber alles ist besser, als Wein aus der Flasche zu trinken.

Abgesang an ein Licht

Die Wanne ist voll!

Haben Sie schon einmal…… Nein, haben Sie nicht. Immer diese Fragen. Selbstverständlich haben Sie noch nie in einer kochend heißen Badewanne mit viel Schaum in einem alten Hotel in Uelzen gelegen und Wein getrunken, während Ihre Tochter nebenan auf ihrer neuen Gitarre “Glycerine” von Bush gespielt und gesungen hat, oder? Es sind diese kleinen Momente, bei denen man sich wünscht, sie mögen niemals vorbei sein.
Der Tag war schön. Der Abend war schön, die Musik, der Film, jede einzelne Minute war die kleine Reise wert. Mein Töchterchen schläft inzwischen auf ihrer Seite des riesigen Doppelbetts zufrieden und voller Urvertrauen in die Menschen, die für sie da sind. Bis sie irgendwann selbst für sich verantwortlich ist und das Leben nach und nach seine Stolpersteine wirft und seine Fallen aufstellt. Und alles, ALLES lässt sich irgendwie ertragen. Ich sitze in dem offenen Doppelfenster zur Straße und lasse die kalte Dezemberluft ins Zimmer. Die Stadt ist ebenfalls schlafen gegangen. Es ist kein einziger Mensch mehr draußen, nur der Uhlenköper und der Bauer tauschen neben der Kirche ihre ewige Münze. An der man so schön reiben kann. Die Glocken der Marienkirche bimmeln jede Viertelstunde leise und jede volle Stunde etwas lauter, so wie sie das schon immer gemacht haben.

Abgesang an ein Licht

Zimmer mit Aussicht

Heute Abend bin ich mit mir und der Welt da draußen im Reinen.
Was schon irgendwie erstaunt, denn die freundliche Dame an der Rezeption sagte vorhin ein paar Sätze, die zwar nahtlos in den Gang der Dinge passen, die aber eigentlich wieder einmal traurig stimmen müssten. Das altehrwürdige Hotel Stadt Hamburg mit seinen schönen modernisierten Zimmern, seiner Mineralwasserflatrate und seinen großen Badewannen schließt überraschend in ein paar Tagen. Endgültig. Wir sind quasi die letzten Gäste. Ich könnte jetzt erneut voller Pathos anfangen, die alte “alles ist vorbei” Platte aufzulegen und episch meine Traurigkeit darüber ausdrücken, dass gute alte Institutionen “von damals” verblassen und verschwinden. Weil sie unwirtschaftlich geworden sind, weil sie zu viel Strom verbrauchen oder was auch immer. Aber ich bin müde. Müde von einem schönen, realen Tag mit tatsächlich existierenden Freunden. Aber auch müde von der Oberflächlichkeit dieser Tage, von Geiz-ist-geil und von der Virtualisierung des Miteinander. Vorhin habe ich nach oben geguckt und gefühlt, dass alles gut wird. Der malzige Duft der Zuckerfabrik weht rüber.

Abgesang an ein Licht

Gute Nacht Uelzen.

Die Lichterstäbe der alten Weihnachtsbeleuchtung tauchen die Straße in ein warmes, beruhigendes Licht. Gott bin ich froh, dass ich kein Los bei dieser Tombola gekauft habe! Gegenüber blinzelt tot und dunkel der verglaste Dreigiebel der Kaufhalle, ehemals ein brummender und heller Konsumtempel. Krass, hier geht so viel den Bach runter. Aber es kommt immer etwas Neues, manchmal ist das billig und erneut zum Scheitern verurteilt, manchmal ist das auch eine Chance. Meine Tochter fragte sich (und mich) kurz vorm Einschlafen, wie wohl in 20 Jahren die Innenstädte aussehen werden. Ob es da noch Geschäfte gebe, oder ob dann alles anders sei. Wissen Sie was? Ich habe keine Ahnung. Aber ich habe ein kleines Stück meiner eigenen Vergangenheit noch einmal erleben dürfen, bevor es für immer zu den Akten gelegt und vergessen wird. Ich habe Engel gesehen und an einer Münze gerieben. Ich habe Freunde getroffen und gute, handgemachte Musik gehört. Ich habe gebadet und wertvolle Zeit mit meiner Tochter verbracht.
Und morgen ist ein neuer Tag!

Sandmann

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15 Dec 2014
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Gitarren und Eulen

Gitarren und Eulen

Nicht schön – aber Heimat

Was wollen wir eigentlich in diesem Nest?
Wenige Geschichten und Legenden ranken sich um die Stadt Uelzen in der Lüneburger Heide. Schlagwörter wie Barftgaans oder Hundertwasser ziehen durch die Tageszeitungen und überpinseln bunt die graue Wahrheit einer überalterten Stadt, an der die Zeit vorbeigezogen ist. Die City entvölkert sich, kleine Geschäfte singen den Blues der schönen Nachbarin Lüneburg und sterben einsam mit dunklen, leeren Schaufenstern. Ich bin hier aufgewachsen. Der malzige Geruch der potthässlichen Zuckerfabrik hat die ersten 12 Jahre meines Lebens geprägt. Heute fahren mein Töchterchen und ich zurück in die strukturschwache Flächenregion, denn es ist bald Weihnachten. Und man mag von Uelzen halten was man will – es hat für mich den Zauber der Kindheit, und hier wohnen ein paar Menschen mit sehr großen Herzen. Außerdem gibt’s im Dezember abends um 18:00 Uhr immer leicht bekleidete junge Engel zu sehen. Und ein Hotelzimmer mit Badewanne. Kommen Sie mit?

So eine Reise will akustisch gut vorbereitet sein ♫

Gitarren und Eulen

Start und Aufnahme gleichzeitig drücken.

Vorbereiten bedeutet in diesem Jahr, bei Saturn den armen TECH-NICK total zu überfordern und nach seinem Zusammenbruch zwei Maxell Kassetten zu kaufen. Analoge Audiotapes. Ja, die gibt es noch immer, ich hab mich auch gewundert, und Nick als vollbärtiger Digital Native hat in seiner Welt wieder was dazu gelernt. Am Vorabend des Wochenendes sitze ich auf dem Fußboden in meinem Wohnzimmer und nehme mal wieder Tapes auf. Wie lange ist das her? Wann haben SIE ihre letzte Kassette aufgenommen? 1995? Großartig. Und es geht natürlich noch immer so wie früher, das Band ein bisschen vordrehen, die Lautstärke auspegeln und dann REC und PLAY gleichzeitig drücken. Dann hat man 45 Minuten Freizeit, bis die andere Seite dran ist. So viel Zeit muss sein. Wenn Sie mich nun für bescheuert halten, liegen Sie vermutlich richtig, aber im alten silbernen Audi steckt noch ein Blaupunkt Freiburg SQM 26. Mit einem Kassettenteil und einem Radio ohne RDS. Was soll’s, da bietet es sich doch an, ein paar Tapes zu hören, wer will sich denn freiwillig länger als 10 Minuten NDR 1 Niedersachsen ausgesetzt wissen? Zufällig hat mein Töchterchen neulich beim Tanzen “Moskau Moskau” in die Ohren geblasen bekommen und fand das echt lustig. Okay. Ich nehme also das “ROM” Album von Dschinghis Khan auf. Und auf die Rückseite TRUCK STOP - Nicht zu bremsen. Auf Tape Nummer zwei kommen meine amerikanischen Lieblingsweihnachtslieder und ein Album von Francis Cabrel. Jetzt kann es glaube ich losgehen.

Gitarren und Eulen

Vollmachen, Heizung an und ab vom Hof

Das Wetter war noch bei keiner unserer Dezembertouren so schlecht!
Es regnet junge Hunde und Hamster (zu den jungen Hunden kehren wir thematisch in Teil 3 nochmal zurück, erinnern Sie mich bitte dran) und ich möchte gern mal dem Petrus die Meinung geigen. Vielleicht finden wir ihn ja wieder lattenstramm auf dem Weihnachtsmarkt, sollten wir da heute jemals ankommen. Eigentlich stehen die Zeichen gut, der alte Audi ist durchrepariert, hat eine neue Starterbatterie und – Fanfare bitte – nagelneue Bridgestone Winterreifen drunter. So gut ausgestattet waren wir auf dieser traditionellen Reise noch nie :-) Wenn Sie mal nachlesen wollen,
2012 war’s recht schneereich und
2013 ziemlich emotional, aber ohne Schnee. Dafür mit Poesiealben :-)
2014 habe ich für die erste Nacht um Asyl bei meinem Freund Olaf und seiner Familie gebeten und für die zweite Nacht wieder ein Zimmer im alten Hotel Stadt Hamburg gebucht, weil die da Badewannen haben. Doch von Wasser sprechen wir lieber ein andermal, allein beim Tanken am späten Freitag Nachmittag werde ich nass bis auf die Knochen, was zwar nervt, aber die gute Laune nicht trübt. Dafür sorgen die aktuellen Benzinpreise.

Gitarren und Eulen

Preise wie damals noch

Sprit ist immer noch viel VIEL teurer als in meinen automobilen Anfangstagen (da hat Super ‘ne Mark gekostet, und das ist noch gar nicht soooo lange her), aber er war schon lange nicht mehr so preiswert wie heute. Um 1,30€ der Liter Super? Geil. Ich pumpe den Tank vom Dottore randvoll, puschel dann noch unsere Bettdecken auf den Rücksitz (das ist so eine Marotte von uns, wir nehmen immer unsere eigenen Bettdecken mit, wenn wir bei Freunden übernachten) und lade das schöne, junge Fräulein ein, was sich meine Tochter nennt. Die Mittlere. Sie kennen diese Verwandtschaftsverhältnisse ja inzwischen fast besser als ich. Ursprünglich hatte ich noch ein bisschen Platz im Kofferraum gelassen, weil ich der Dame eine eigene Gitarre in Uelzen kaufen wollte. Das hat sich leider erledigt, der zuvor gegoogelte Gitarrenladen ist einer von den Sterbenden mit dem dunklen Schaufenster. Der befindet sich jetzt in Lüneburg. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass wir auch ohne Musikinstrument klarkommen, es wäre das erste mal, dass Langeweile aufkäme.

Gitarren und Eulen

Freitags sind die beiden immer ein bisschen…. crazy

Der Weg ist am Ziel, oder so ähnlich, Sie kennen das ja… Allerdings habe ich diesmal aus mehreren Gründen unterwegs die Kamera schweigen lassen. Das Wetter ist einfach zu schlecht, da will man den angenehm warmen neckarsulmer Technologieträger nicht öfter verlassen als unbedingt nötig. Außerdem läuft der große Vierzylinder dermaßen sauber und rund, dass ich gar nicht aufhören kann, den Moment zu genießen. Auch wenn er über zwei Stunden andauert, dieser Moment. Seit ich gelesen habe, dass der Orgasmus von Schweinen bis zu einer halben Stunde dauern kann habe ich kein schlechtes Gewissen, wenn ich mal zwei Stunden am Stück beseelt lächel, weil mein altes Auto so gut fährt :-)
Und dann ist da ja auch noch mein Teenager-Töchterchen, was ich eine Woche lang nicht gesehen habe. Eine Woche bei Familie Sandmann ist eine halbe Ewigkeit, Sie können sich gar nicht vorstellen, was in einer Woche zwischen Hamburg und Kiel alles passiert. Und das will mitgeteilt werden! Trotz noch nicht ganz abgeklungener Heiserkeit erzählt sie und erzählt und erzählt, sie erzählt so viel dass die Scheiben beschlagen. Im Hintergrund singen Dschinghis Khan ihre von Ralph Siegel produzierten Disco-Schlager der frühen 80er und ich höre zu. Meiner Tochter, nicht den verkleideten Quartett mit Schnurrbart und Engelslocken. Denen zolle ich auf diesem Weg heimlich mein Tribut, weil nämlich Tiffy heute Geburtstag hat. Tiffy? Ja, Tiffy. Wenn Sie damit nichts anfangen können schauen Sie mal auf ihrer Hochzeit rein *klick* - das Bild mitten drin…… Der alte Partykeller….. genau da haben wir an ihrem Geburtstag genau dieses Album gehört. Heute vor… äh… vor 32 Jahren :-( Ohgottogott. Ist das lange her. Ich höre weiter meiner Tochter zu und stelle fest, dass die Sorgen und Gedanken einer 14jährigen heute ein wenig erwachsener strukturiert sind als meine eigene kleine Welt 1982. Zeiten ändern sich. Aber sie hat wenigstens einen Papa, der ihr zuhört, meiner war damals irgendwie immer woanders.

Gitarren und Eulen

Männer mit ihren Kindern

Da sind wir wieder, Westerweyhe bei Uelzen, unter dem Fernsehturm.
Olaf – mit Tochter.
Markus – mit Sohn.
Sandmann – mit Tochter.
Fällt Ihnen was auf? Jahaaa ich hab ein bisschen früher angefangen als meine beiden besten Freunde aus Kindertagen :-) Und ich seh ein kleines bisschen fertiger aus als die beiden. Auch sonst eint uns drei Freunde nach außen eigentlich wenig, ich arbeite nicht in der Sparkasse und ich wohne auch nicht mehr in Uelzen. Ich bin auch nicht mehr verheiratet, wohne nicht in einem Haus… ach egal. Es ist eine gemeinsame Vergangenheit (die unter anderem in Tiffys Partykeller stattgefunden hat), die uns dreien einen guten Abend/einen guten Morgen mit vielen Erzählungen und Fotos beschert. Es gibt da außerdem noch so eine Geschichte mit einem warmen, im Auto gut durchgeschüttelten roten alkoholfreien Sekt und einem Wohnzimmer mit einer weißen Decke und zimtfarbenen Wänden, aber die lasse ich jetzt lieber weg. Tandaradei ♫
Olaf erklärt uns noch auf einer Karte (liebe Kinder, das ist so ein gefaltetes Blatt Papier, auf dem ganz viele Straßen und Wohngebiete eingezeichnet sind), wie wir gleich wieder aus dem Neubaugebiet rauskommen, obwohl der neue Abschnitt der Umgehungsstraße noch nirgendwo kartographiert wurde. Das macht Sinn. Mein Töchterchen und mich ruft ein kleiner Schnippsel Vergangenheit und eine Einkaufsrunde durch das menschenleere Uelzen. Oh ja!

Gitarren und Eulen

Navigation im Neubaugebiet

Ich komm’ immer viel rum hier. Heute liegt das vor allem daran, dass ich Olafs Ausführungen mit dem Stadtplan überhaupt nicht zugehört habe, weil ich fest davon überzeugt war, als Eingeborener den Weg auch so finden zu können. Schade. Wir haben eine Menge Benzin in mir völlig unbekannten Gegenden verfahren, ich habe interessante Neubaugebiete entdeckt, die ich nicht mal von der Himmelsrichtung her dem Landkreis zuordnen kann und bin durch Wälder gefahren, die noch nie zuvor ein Mensch betreten hat. Irgendwann, es ist schon später Nachmittag und ich habe ziellos umherirrend bereits drei mal vollgetankt, kommen wir an einer Sparkasse raus, an der wir nach Olafs Worten rechts abbiegen sollen. Ich mache das. Und erkenne endlich die Straßen wieder, in denen ich als kleiner Junge schon meine Runden mit dem Fahrrad gedreht habe. Ich erinnere mich an futuristische, kugelförmige Straßenlaternen zwischen alten Fachwerkhäusern und eingeschossigen Plattenbauten. Oldenstadt heißt dieser Teil von Uelzen, und der Elbe-Seitenkanal trennt diese Häuseransammlung seit 1976 in Oldenstadt und Oldenstadt West. Ich bin im Westen aufgewachsen, Olaf und Markus im Osten, auf der anderen Seite des Kanals.

Gitarren und Eulen

Auch da kennt man leider Bewohner.

Auf der anderen Seite des Kanals war auch der flache kleine Kaufmannsladen, in dem ich wöchentlich meine Micky Maus und später mein Yps kaufte. Da gab’s auch Plastikmodellbausätze von Airfix, Süßigkeiten und Gardinen. Mein langer Weg zu Heers glich jede Woche einer kleinen Pilgerreise, denn manchmal war das YPS Heft noch nicht ausgeliefert worden und ich musste ohne Beute wieder nach Hause radeln. Ich kann mein Töchterchen dazu bewegen, diese eine Geschichte noch einmal nachzuerleben. Ich will sie nicht mit zu vielen Kleinteilen aus meiner verschütteten Kindheit beballern… “Vati erzählt wieder Geschichten aus dem Krieg” sagt mein halbfinnisches Fräulein Altona dann immer ;-) Aber ohne eine klitzekleine Dosis Vergangenheit geht es nicht in Uelzen, und mit Aussicht auf shoppen in der Stadt und die abendliche Badewanne ist sie natürlich gern dabei. Geht auch schnell. Die futuristischen Kugellampen gibt es immer noch vereinzelt. Den Kiosk Heers aber nicht, das Gebäude ist abgerissen und durch einen modernen Backsteinbau ersetzt worden, in dem nun die Sparkasse ist. Markus arbeitet hier.
Oder halt – doch. Es gibt Heers doch noch! Kleiner als vorher und einen Schritt weiter rechts, aber immer noch da. Leider zu. Na klar, Samstag nachmittag, das Schild in Richtung Friedhof wäre gar nicht nötig gewesen. Hier ist weit und breit kein einziger Mensch auf der Straße, hier ist es überall gleich tot.

Gitarren und Eulen

Hallo? Jemand da? Nein.

Ironie der Namensgebung, wie ich später von Olaf erfahre: Die alte Familie Heers hatte den Laden schon vor vielen Jahren an einen anderen Betreiber abgegeben, der wiederum hat das kleine Geschäft seinerseits an den nächsten weitergegeben -> eine Frau Heers. Nicht verwandt mit den ursprünglichen Ladenbesitzern :-) Also ist Heers wieder Heers, das begeistert einen allerdings nur, wenn man hier in den 70ern selbst im Wochenrhythmus wichtige Zeitschriften erworben hat. Ich kann mir heute trotzdem kein YPS kaufen, und das liegt nicht etwa daran, dass es YPS nicht mehr gibt ;-) Heers und Heers. Hihi.
Die Bilder sind angestoßen, und jetzt kommen sie eins nach dem anderen. Als ich wieder in den alten Audi einsteige und mich auf den Sitz plumpsen lasse fällt mir mein kleiner großer Schwarm Iris Tanz aus der 6. Klasse ein. Ich war wirklich ganz schlimm verliebt, ich glaube das wusste sie damals gar nicht. Sie hieß genau so wie ich, allein das war für den 11jährigen ein Grund zum Schwärmen, und wir waren nicht mal verwandt. Das hätte die Entscheidung, welchen Namen man später bei einer Hochzeit annehmen würde erheblich vereinfacht, leider kam 1983 dann der Umzug nach Plön dazwischen. Raus aus Uelzen. Aus heutiger Sicht sage ich: gut. Aber damals fand ich das ziemlich doof, weg von Silke, weg von Olaf, weg von Markus und letztendlich auch weg von Iris Tanz. Ob es die noch irgendwo gibt? Im Netz habe ich nur eine einzige finden können, wahrscheinlich hat sie sich später bei der Namensfindung nicht durchsetzen können :-( und heißt jetzt anders. Hallo? Iris Tanz aus Hanstedt II? Wo steckst du? Bist du die, die ich vorhin im Internet gefunden habe? Die jetzt in L.A. wohnt? Wenn ja…. na dann… mein lieber Schieber :-)

Gitarren und Eulen

Autofahren mit Papa

Nervös kaue ich auf meinen Fingernägeln rum. Wenn ich erstmal angefangen habe, auf den Pfaden meiner Vergangenheit zu wandeln kann ich nur ganz schwer wieder aufhören. Mir fällt noch das Garagentor meines damaligen Mathelehrers ein, bunt bemalt mit Tieren des Dschungels und einer Giraffe, deren aus Gips modellierter Kopf oben rausguckt. Und einem klitzekleinen Marienkäfer, den ich auf den Spaziergängen immer auf dem großen Tor suchen wollte… das ist hier… äh… ganz in der Nähe… ich…
Okay. Ich gucke mein Töchterchen an und beschließe, mein Versprechen einzuhalten und mit ihr in die City zu fahren. Meine Retro-Ego-Show kann ich auch noch ein andermal abziehen… Wir schnarzen mit dem Audi durch die schmalen Straßen der Zuckerrübenstadt im Zeichen der Eule, und ich parke den silbergrauen Dottore mit dem schwarzen Vinyldach am Rand eines kleinen Platzes, gleich hinter dem Hotel. Grinsend zeigt mein Töchterchen auf den Laden direkt vor uns, der blinkt und blitzt und mit warmem Licht nicht nur geöffnet zu sein scheint (an diesem Tag um diese Zeit in dieser Stadt?), sondern sich auch noch auf dem größer werdenden Kreis der absurden Zufälle dreht. Eine Musikalienhandlung, randvoll bis unters Dach mit Gitarren aller Art. Wa? Hä? War der nicht nach Lüneburg… äh…? Ringding ♫ wir gehen rein und erfahren von dem gut gelaunten Inhaber, dass er schon seit 25 Jahren in Uelzen ist, aber nicht schon immer hier in dieser Ecke. Cool. Mein Töchterchen hat sich derweil schon das erste, katzendarmbespannte Klangbrett geschnappt und damit zielsicher einen klassischen, hochwertigen Vertreter der Firma mit den gekreuzten Stimmgabeln erwischt. In schwarz.

Gitarren und Eulen

Ups? Aus Versehen eine Gitarre gekauft

Jetzt steckt Papa natürlich ein bisschen in der Klemme. Das Ding klingt wirklich sehr gut, es sieht gut aus, es spielt sich super und ich trau mich nicht so richtig, dem Mann an der Kasse zu sagen, dass ich ursprünglich nur rund die Hälfte der Zahl auf dem Preisschild ausgeben wollte und mit dem Gitarrenerwerb für heute eigentlich schon komplett abgeschlossen hatte *grummel* Was mach ich denn nun? Momentan steht bei meiner Tochter zu Hause nur meine eigene alte abgerockte Gitarre, zwar auch schwarz, aber von chinesischen Häftlingen gebaut und schon mal ungenügend vertäut vom Dach meines Rudolf-Passats auf eine finnische Autobahn gefallen. Hm. Verkäufer nett, Laden cool und hell und voller akustischer Schätze, Tochter begeistert, noch kein anderes Weihnachtsgeschenk in Sicht und Papa in Kauflaune? Okay. Ich handel noch ein rotes Sharkfin Plektrum raus, drücke den Endpreis um sagenhafte 90 Cent und schleppe 15 Minuten später einen großen Pappkarton raus ins Auto :-) Mein Töchterchen kreiselt um mich rum wie der Mond um die Erde, hüpft und tanzt vor Freude und singt heisere Lieder. Teenager, die singen, sind strukturell glücklich. Behaupt ich. Jetzt müssen wir in dieser weltoffenen Stadt nur noch was zu Essen und ein Abtanzballkleid für sie finden. Pha. Kein Problem, jetzt sind wir ja warmgekauft. Doch zunächst werfe ich Ihren Blick mal auf einen guten Satz, den ein guter Mann leider nicht selbst auf einen Stein mitten in der Stadt geschrieben hat.

Gitarren und Eulen

Herr Hesse dichtet

Da können Sie jetzt ziemlich lange drüber nachdenken. Sie können es auch mit dicken Lettern auf einen bunten Hintergrund schreiben und als tollen, nicht selbst ausgedachten Sinnspruch auf Facebook posten. Ich für meinen Teil arbeite noch an der Definition des Wortes “Paradies” und bin schon recht weit gekommen. In meinem Paradies gibt es keine Schlangen oder einen Apfel, der Erkenntnis verspricht, wenn man ihn isst. In meinem Paradies geht es den Menschen, die ich liebe gut, sie sind gesund und ich verbringe Zeit mit ihnen. In meinem Paradies schlafe ich ruhig ohne Angst vor Morgen. In meinem Paradies habe ich meine Familie, bestenfalls ja sogar mehrere davon :-) und einige gute Freunde. Das finden Sie alles normal? Ha. Dann sind Sie anscheinend noch niemals aus Ihrem Paradies vertrieben worden, dann denken Sie bitte noch ein wenig über die Zeilen auf dem Stein nach.
Wir für unseren Teil bekommen langsam einen ernstzunehmenden Hunger. Mission Nahrungsaufnahme ist gestartet.

Gitarren und Eulen

Mit Vati unterwegs – dann gibt es Salat.

Was isst man denn so in Uelzen? Eulen? Nein, die armen Dinger. Die müssen ja noch für die immer wieder gern zitierte Uhlenköpersage herhalten, die kommen nur in den Sack und nicht auf den Tisch. Heidehonig? Nö. Ein traditionelles niedersächsisches Gericht, was man weit über die Grenzen der Lüneburger Heide kennt ist Pomm Döner. Mit frischem Lammfleisch, guten Kartoffeln und knackigem Salat aus der Region. Da weiß man, was man hat. *burps* Fragen? Keine? Gut. Gesättigt und gestärkt folgt Mission Ballkleid, erfahrungsgemäß etwas schwieriger als Mission Nahrungsaufnahme. Gar nicht so sehr, weil ich mir kein Urteil über guten Sitz und Taille erlauben kann, nein nein, das geht schon :-) Das Problem ist viel mehr, dass der durchschnittliche Uelzener ungefähr 78 Jahre alt ist und die Innenstadt aus Apotheken, Sanitätshäusern und Vertriebspunkten für Rollatoren und Stützstrümpfe besteht. Alle davon losgekoppelten Bekleidungsgeschäfte haben entweder geschlossen, sind endgültig geschlossen worden oder verkaufen Stickjacken und Stoffhosen, die schon in den 80ern meiner Oma peinlich gewesen wären. Puh. Nach einer freudlosen Odyssee durch ein paar Trendshops, die den marktforscherisch ermittelten Klamottengeschmack in der Lüneburger Heide mit den Füßen der 90er treten landen wir kurz vor Ladenschluss in einem alteingesessenen Geschäft, an das ich sogar noch dunkle Erinnerungen habe. Ramelow. Die gibt es also noch immer. Ist das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? Es sind Eulen an den Türen. Dann kann man ja mal reingehen.

Gitarren und Eulen

Eulen. Überall Eulen.

Verrückt. Hier hängen extrem coole Klamotten rum, mein Töchterchen schnappt sich zielstrebig eine junge und quirlige Verkäuferin und verschwindet drei Minuten später mit gleich drei Kleidern in der nächsten Umkleidekabine. Derweil drifte ich ein wenig durch das überraschend junge und schicke Geschäft, habe alles irgendwie ganz anders in Erinnerung und fühle mich plötzlich wieder ein bisschen alt. Ist mit Anfang 40 nicht mehr drin, mal eben zu New Yorker oder Tally Weijl gehen und ne Hose kaufen. Der Herr ist jetzt besser bei Ansons oder P&C aufgehoben. Na gut, dann ist das eben so. Und eines Tages werde ich auch zur Rollator-Klientel gehören. Aber meiner ist dann orange und von Ford oder Audi.
Mein Töchterchen macht diverse Fotos von sich in den drei Kleidern und schickt sie an ihre beste Freundin und ihre große Schwester, damit die ein Urteil abgeben. Ich sitz und lauf weiter rum und fühl mich weiter alt, aber mal davon abgesehen bin ich unfassbar stolz auf dieses Mädchen, weil alle drei Kleider ihr sagenhaft gut stehen. *hach* Oh. Hallo.

Hm.

Hm.

Gehen Sie eigentlich gern shoppen? Viele Männer sind ja reichlich genervt von den Touren mit ihren Frauen oder ihren Töchtern und würden lieber drei Bierchen im Pub nebenan kippen und Fußball gucken. Ich mag nun Bier nicht sonderlich gern und finde Fußball langweilig. Aber auch sonst treibe ich mich durchaus freiwillig mit den mich umgebenden Frauen in den Klamottengeschäften dieser Welt rum, wenn es mal wieder an der Zeit ist. Mir macht das Spaß. Schließlich sind die Ladies hübsch anzusehen, und jeder Blick in die großen Spiegel macht mich noch ein bisschen stolzer. Paradies, und so. Sie erinnern sich? Ich glaube, ich bin oft nun genug vertrieben worden um zu sehen was ich habe, was mir genügt und wer ich bin.

Gitarren und Eulen

Sie wird die Schönste auf dem ganzen Ball sein…

Ich schreibe und schreibe und schreibe. Das sollte eigentlich nur ein kleiner Einleitungsblog für die Weihnachtsmarktgeschichte werden. Mist. Schon fast alle Wörter verschossen, dann muss ich wohl teilen. Unser Tag ist jedenfalls noch lange nicht zu Ende, das niedersächsische Einkaufserlebnis aber schon. Nein, ich habe mein Portemonnaie nicht zücken müssen, so gern ich auch die heimische Textilindustrie unterstützt hätte. Alle beteiligten weiblichen Personen, anwesend oder virtuell zugeschaltet, waren sich darüber einig, dass die Kleider gut aussähen, man aber gern noch ein Live-Urteil fällen würde und der Abtanzball schließlich erst im Februar sei. Damit bin ich sehr einverstanden. Aber Respekt, Kaufhaus Ramelow, so wie du dich entwickelt hast gibt es vielleicht doch noch Hoffnung für den Einzelhandel in Uelzen…?
Auf dem kurzen Weg zurück zum Hotel, wo wir kurz einchecken wollen, tobt schon der diesmal extrem reduzierte Weihnachtsmarkt. Nix Märchenbuden mit gruseligen Szenen drin wie 2012 (Mist!), nix Buden in der ganzen Stadt und nix Petrus und Frau Holle. Alle weg. Um die Kirche rum haben sich ein paar Holzhütten versammelt, und am neu aufgebauten Rathaus werden nachher ein paar Engel das neue Türchen/Fenster des Adventskalenders öffnen. Wir sind fast dafür bereit. Was isst man so an einem kalten Dezemberabend, wenn der Pomm Döner längst verdaut ist? Genau. Ein Eis.

Eis geht immer

Eis geht immer

Tatsächlich ergreift mich jetzt ein weihnachtliches Gefühl. Da müssen Sie jetzt durch.
Das gleiche Auto, was mein Papa fuhr, als er Weihnachten 1980 unsere kleine Familie verlassen hat steht direkt vor dem Eingang des altehrwürdigen Hotels Stadt Hamburg. Alles ist festlich beleuchtet, und es duftet nach gebrannten Mandeln, Punsch und Bratwürsten. Unser Zimmer ist diesmal zur Hauptstraße gelegen, was ich toll finde, weil dann die Abendstimmung dieser alten Stadt in Licht und Ton präsent ist. Im Bild die beiden Fenster oben rechts, da ist es :-) Das Hotel war schon immer da, schon immer mitten in der Stadt, schon immer direkt an der Straße. Was 2014 nicht schlimm ist, denn Uelzens Innenstadt ist verkehrsberuhigt, es wohnt hier sowieso keiner mehr und es kommen wegen der Parkgebühren auch keine Touristen, nicht mal wegen der schnellen Rollatoren und schicken Stützstrümpfe. Ein Zimmer zur Straße bedeutet ein Zimmer mit einem Blick auf meine Kindheit in einer Stadt, in der ich noch immer fast jeden Stein kenne (mal abgesehen vom Heers/Sparkassen Neubau in Oldenstadt) und die mich irgendwie beruhigt. Mich runterbringt. Mich aufwühlt und mich traurig macht.

Gitarren und Eulen

Parken wie der Herzog

In der Mitte meines eigenen Lebens höre ich meine Tochter, die nun ein bisschen älter ist als ich damals, im Badezimmer Lieder singen. Ihre Eltern haben sich ebenfalls getrennt und auf eigenen Wegen weitergemacht. Die sind damit aber offen und meistens nach vorn blickend umgegangen, und die waren in guten wie in schlechten Zeiten für ihre beiden Kinder da. Mal zusammen, mal alleine, aber immer bedingungslos Papa und Mama.
Ich stehe am Fenster, blicke auf die Straße runter und erinnere mich an meine nachts weinende Mama, obwohl doch angeblich alles in Ordnung war. Und ich erinnere mich an meinen Papa, der in einem weihnachtlich dekorierten Wohnzimmer Teller und Tassen in Kartons packt und plötzlich weg ist. Ganz weg. An Weihnachten.
Komm, mein Töchterchen, lass uns mal runter zu den Engeln gehen. Zu Olaf, Melli und Jette. Zu Markus, Tina und Jakob. Zu unseren Freunden.

Sandmann

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12 Dec 2014
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Der Zauber-Schrauber, Teil 2

Wehe wenn sie losgelassen

Wehe wenn sie losgelassen

Ich finde es lustig, wenn man weder beim Titel der Geschichte noch vom ersten Bild her drauf schließen kann, worum es geht :-) Das ist aus Social Media Sicht eine Katastrophe, das bringt keine Klicks und keine Reichweite und macht den Blog weniger erfolgreich :roll: Gniihihi. Total egal. Ich möchte euch und Ihnen eine Geschichte erzählen, und wie erfolgreich die ist kratzt mich nicht. Aber vielleicht fühlen Sie ein bisschen mit, wenn wir schräge Filmaufnahmen machen, wenn der Kühlwasserschlauch unvermittelt platzt – und wenn am Ende dank des Einsatzes eines erneut spontan zaubernden Werkstattmeisters alles gut ist. Oh verdammt. Jetzt hab ich auch noch die ganze Spannung rausgenommen. Also so wird das nie was.

Vielleicht fange ich mal damit an, warum oben auf dem Bild zwei sehr junge Typen auf der Motorhaube eines Ford Granada Coupés sitzen.

Der Zauber-Schrauber, Teil 2

Ich und der Audi kommen ins Fernsehen

Einer davon, der rechts, ist der hier mit der Nickelbrille. Das Fernsehen hat ja schon mal bei mir angeklopft, draus geworden ist ein Oscar Clip mit vielen Pressestimmen und Auszeichnungen. Den Artikel dazu gibt es hier KLICK.;-) Äh… Moment, jetzt hab ich giggelnd den Faden verloren. Ach ja. Fernsehen. Heute gibt’s erneut Filmaufnahmen, der Hauptakteur ist mein immer noch vorhandenes altes Granada Coupé und der Mensch links, mit dem ich damals auf der Motorhaube des großen Kölners ein Frühstück eingenommen habe. Der Svenni. In der Doku soll es um “das erste Auto” gehen, und feinerweise habe ich das ja noch. Also filmt man da ein wenig dran herum, mehr verrate ich aber nicht, wenn das gesendet wird sage ich rechtzeitig bescheid. Der Audi, rechtzeitig frisch gemenzelt, trägt mich zu den Orten des Geschehens und läuft noch immer nicht so rund wie er soll. Das macht schon ein bisschen traurig, weil mir langsam die Ideen ausgehen, woran es liegen könnte. Aber wenigstens die Zylinderkopfdichtung ist dicht.

Der Zauber-Schrauber, Teil 2

Der Beginn der Inkontinenz

Diese vorher-nachher-Bilder, zwischen denen 20 Jahre oder mehr liegen sind meine große Leidenschaft. Verdammt, ich werde älter, und auf den Bildern sieht man das auch noch besonders deutlich! :-( Was mich allerdings noch nicht beutelt, im Gegensatz zu meinem in Ehren ergrauten Dottore: Inkontinenz. Nanu? Wir fahren vor, wir fahren zurück, wir fahren den Fördewanderweg rauf und runter und wir posieren auf eben jenem Parkplatz, mit laufendem Motor. PFFFFFSCHSCHSCH Er zischt leicht, der alte Herr, und er kleckert nennenswerte Mengen Kühlwasser auf den Asphalt, während das Kamerateam die richtige Position für die Bilder sucht. Oh nein. Jetzt ist endlich alles Elementare in Ordnung und alles heile, aber jetzt scheint der Druck im neu abgedichteten Kühlsystem anscheinend wieder so hoch, dass andere Sollbruchstellen der voranschreitenden Zeit sichtbar werden. Ich bekomme schlechte Laune. Die bekomme ich immer, wenn mein Auto nicht so läuft wie das geplant war, außerdem muss ich heute noch nach Hamburg. Aber erstmal die Aufnahmen fertig machen, so viel Zeit muss sein.

20 Jahre

20 Jahre

Schlecht gefotoshoppt :-) Aber lustig. Die Damen vom Kamerateam wollen noch Aufnahmen in Sandmanns natürlichem Lebensraum machen, dazu müssen wir vom Falckensteiner Strand wieder zurück in die Stadt. Ich rufe Meister Menzels Dauerhotline an und berichte ihm von dem kleinen, aber bedeutenden Stück Kühlwasserschlauch, was anscheinend keine Lust mehr auf eine Zusammenarbeit mit mir und/oder dem Auto hat und komplett durchgerissen ist. Was einen Weg mit diesem Auto von Kiel nach Hamburg heute in den Bereich des Unmöglichen treibt. “Komm mal erstmal her, wir schauen dann mal was wir machen“. Das ist ein Wort. Gleichwohl auch schon der Weg vom Strand bis in die Stadt mit einem offenen Kühlwassersystem nicht so ganz ohne ist. Wir kippen alles oben rein, was wir noch an Flüssigkeiten da haben. Wasser, Orangensaft, laktosefreie Milch und den Rest aus dem Wischwaschbehälter für die Windschutzscheibe. Ein wahrhaft leckerer Cocktail. Das muss bis in die City reichen.

Der Lump, der

Der Lump, der

Meister Menzel grinst, als er mich sieht. Ich weiß nicht, ob er sich wirklich freut, ob das die professionelle Freundlichkeit eines kundenfreundlichen Unternehmens ist oder ob er einfach gern hilft. Vielleicht werde ich das auch nie erfahren. Er macht quietschend die Motorhaube auf, guckt lange und nachdenklich auf das Malheur und sagt nur norddeutsch trocken: “Oha“. In diesem Wort stecken, das weiß man als Kieler, eine Menge Informationen. Dieses “Oha” besagt: Das ist ein Spezialteil, das haben wir nicht da und die Bestellung kann mehrere Tage dauern. Es besagt auch: So kannst du auf keinen Fall weiterfahren, dann ist die neue Kopfdichtung gleich wieder hin, weil der Motor überhitzt. Es besagt außerdem: Aus einem Universalschlauch können wir das nicht basteln, der Knick ist zu eng. Eine Menge Neins in diesem Oha. Ich höre mich in den kalten Abendhimmel sagen: “Aber können wir bitte, BITTE irgend etwas machen, damit ich heute Abend nach Hamburg komme?” Meister Menzel wird sehr still. Dann sieht er mich an und sagt: “Eine einzige Möglichkeit haben wir.” Und er verschwindet hinter der Halle. In diesen zwei Minuten gehe ich im Kopf schon mal vorsorglich die aktuellen Verbindungen der Deutschen Bahn durch und bereite mich drauf vor, Alex noch ein weiteres mal um seinen BMW 325e zu bitten… Nach zwei Minuten kommt er wieder und hat ein kleines, schwarzes Stück Schlauch in der Hand. “Das ist von einem A6, frag nicht, das regel ich morgen. Wenn wir das draufbekommen kannst du heute weiterfahren” – sprichts und schraubt los.

runter und drauf?irgendwie festDer Zauber-Schrauber, Teil 2

Er flucht. Immer wieder kommen seine Mitarbeiter an, stellen Fragen, brauchen Anweisungen und neue Aufgaben. Und Menzel dirigiert und wrangelt und walgt parallel an dem kleinen Wasserschläuchlein rum. Um uns rum sieht es inzwischen aus wie in einem Schlachthaus mit blauem Blut, er selbst ist auch nicht ganz verschont geblieben, aber irgendwann grunzt er zufrieden und taucht aus den Tiefen des Motorraums wieder auf. Der Schlauch ist nicht nur drauf, er sitzt auch fest. Wahnsinn. Wo er grad dabei ist tauscht er noch den völlig runtergebrannten Unterbrecherkontakt aus und schaut mich nach ein paar Schraubereien am Vergaserfuß fragend an:
Wusstest du, dass die Bimetallfeder deiner Startautomatik komplett ausgehakt ist? Der ist anscheinend immer viel zu fett gelaufen und niemals aus dem Kaltlauf rausgekommen…” Ups? Das… äh… Er hakt sie wieder ein, schraubt alles wieder zu und füllt frisches Kühlwasser auf. Überall liegt Werkzeug auf dem Auto und dem Boden rum, die Zeit tickt unaufhaltsam weiter – aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass in diesem Moment was entscheidendes passiert ist. Startautomatik? Da war noch keiner dran, um mal zu gucken, ob der schlechte Rundlauf daran liegen könnte. Schwimmernadelventile, Drosselklappen, Benzinzufuhr, Zündung, alles ist geprüft worden. Aber die mechanische Startautomatik, die bei steigender Kühlwassertemperatur mit einem Bimetall das fette Gemisch wieder abmagert ist übersehen worden. Bis heute.

Der Zauber-Schrauber, Teil 2

Spontan werden Sie geholfen

Ich drehe den Schlüssel, und nach einer halben Anlasserumdrehung springt der Motor willig an und dreht ruhig und gleichmäßig im Standgas. Wa? Das gibt’s doch gar nicht! Nicht nur, dass der Menzel mir ohne Termin und ohne Ersatzteile aus einer echten Notsituation spontan und unbürokratisch-kreativ raushilft, nein, er macht auch noch ganz nebenbei mein Auto wieder heile. Also, komplett heile.
Der Dottore läuft wieder, rund, gesund und ohne Aussetzer :-D
♫ Mit einem Lied auf den Lippen fahre ich nach rund einer Stunde zurück zum Filmteam, und wir beenden die angefangenen Aufnahmen. Danach rollen der Audi und ich über die A7 zurück zum halbfinnischen Fräulein Altona nach Hamburg. Der Wagen läuft ruhig, beschleunigt sauber, dreht entspannt und ohne zu Ruckeln im Halbgas und verbraucht ungefähr halb so viel wie vorher. Das Leben ist schön. Und Menzel ein Zauberer. Ich fahre jetzt immer noch mit diesem A6-Ersatzteil rum, es hält und hält, aber inzwischen hab ich einen Tipp bekommen. Bei Porsche scheint man diesen Formschlauch noch für 25 Euro zu bekommen. Da werde ich mich beizeiten mal drum bemühen.

Nervös? Ja. Aber egal

Nervös? Ja. Aber egal

Das hat sich doch gelohnt, oder? :-)
Ich breche hier und jetzt eine weitere Lanze für Meister Menzel in Kiel. Die Werkstatt nimmt auch Altautofahrer sehr ernst, und man ist ehrlich bemüht darum, dass der Wagen schnell wieder auf die Straße kommt. Es geht vermutlich nicht immer mit solchen unkonventionellen Methoden wie bei mir, aber in diesem Fall waren wir erfolgreich – und darauf kommt es an. Ich konnte weiterfahren. Was hat das gekostet? Eine gute Flasche Weißwein, aber nicht aus Deutschland. Direkt auf seinen Schreibtisch gestellt und mit einem Handschlag versehen. Ich fahre den Audi seit dem jeden Tag, weil er so unfassbar Spaß macht. Wer hätte das gedacht? Jetzt bekommt er noch neue Sitze…. und neue Winterreifen….. aber das sind andere Geschichten. Jetzt ist der Grundspaß wieder da, von dem ich Anfangs geschrieben habe. Alles was jetzt kommt ist Kosmetik. Auf in die Vorweihnachtszeit!

Sandmann

Kontakt:
Menzel Auto-Dienst GmbH
Saarbrückenstraße 143
24114 Kiel
Telefon: 0431-641757

http://www.autodienst-menzel.de/

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Created Freitag, 12. Dezember 2014 Tags 1A Autoservice | Audi 100 | Audi 100 LS 1977 | Filmteam | Kühlwasser | Menzel Kiel | Schlauch | Typ 43 | Vergaser | Zauberer Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
11 Dec 2014
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Der Zauber-Schrauber, Teil 1

Der Zauber-Schrauber, Teil 1

Tiefer Blick mitten ins Herz

Wenn einem alten Auto mehr liebevolle Aufmerksamkeit zuteil wird, als ihm aus rein kalkulatorischer Sicht zusteht ist das etwas besonderes. Das ist dann entweder fehlendes kaufmännisches Geschick, automobiler Wahnsinn oder blinde Liebe. Im Fall meines Dottore ist es von allem ein bisschen, als Sahnehäubchen kommt obendrauf noch der profane Zwang, die Verkehrstüchtigkeit wiederherzustellen. Ein 1977er Audi 100 steht in einer Fachwerkstatt, und sein Motor wird von einem gut ausgebildeten Menschen zum regulären Stundensatz neu aufgebaut. Ein seltenes Bild. Ich halte es mal fest, bevor ich mein Portemonnaie aus der Tasche ziehe…. Und bevor ich nachher den BMW 325e wieder abgeben muss, weil der Audi wieder fährt :-(

Gut aufgehoben hier

Gut aufgehoben hier

Wie war doch gleich die Diagnose?

  • Kopfdichtung durch
  • Ventilschaftdichtungen völlig verhärtet
  • Zahnriemen älter als Adenauer und poröser als Heesters
  • Keilriemen und Servoriemen antik
  • und überhaupt läuft er ja bekanntermaßen ein bisschen scheiße.

Seit fast zwei Jahren die Note “ungenügend”. Dieser Audi 100 LS mit seinem von Porsche mitentwickelten 2-Liter-Vierzylinder, der inzwischen echt selten geworden ist, weil alle den 5-Bänger wollen ;-) Die aufgezählten Arbeiten kann ein durchschnittlicher Sandmann unten vor der Tür seiner Wohnung prinzipiell selbst machen – aber es fehlt hinten und vorn an Zeit. Also lasse ich mal wieder Herrn Menzelran, und diesmal wird er zusätzlich unterstützt durch seinen Herrn Papa. Der hat sich schon damals bei der Reparatur meines KaSis (erinnern Sie sich?) als unbezahlbare Fachkraft erwiesen, der hat noch Benzin im Blut und stellt einen Doppelvergaser nach Gefühl und Gehör sauber ein.

Mach auf das Ding

Mach auf das Ding

Da man mich beim 1A Autoservice in Kiel inzwischen wiedererkennt (ich komme mir in diesen Tagen vor wie ein Stalker, mit dem Audi meines Töchterchens waren wir jetzt auch schon zwei mal da) halten die Jungs auch gleich hier und da mal die Kamera auf das Elend drauf :-) Gut. Während ich also meinem brötchengebenden Tagwerk nachgehe und es irgendwie ziemlich schade finde, den lieb gewonnenen ETA vom Alex heute Abend nach über einer Woche wieder abgeben zu müssen wird am Audi Kopfarbeit geleistet. Die gute Nachricht: Ja, es ist tatsächlich “nur” die Zylinderkopfdichtung nicht mehr ganz dicht, es ist kein Riss im Kopf. Sowas soll’s ja auch geben. Und das lange Zeit mit verbrannte Kühlwasser hat zwar seine Spuren auf den Kolben und den Zylinderlaufbuchsen hinterlassen, aber die Auswirkungen sind nicht schlimmer als die Lachfalten rund um die Augen in meinem eigenen Gesicht.

Operation am Herzen

Operation am Herzen

Was eigentlich viel mehr wiegt: Das lohnt sich alles hier aus wirtschaftlicher Sicht -> nicht! Vor einem halben Jahr hatte ich die Schnauze voll, da wollte ich den Dottore verkaufen, und niemand wollte ihn. NIEMAND. Nicht mal für weniger als 1000 Euro, nicht mal die Jungs von der wassisletztePrrrais-Fraktion. Der treue, aber mager ausgestattete Vierzylinder ist weder gut für den Export noch in der Szene sonderlich begehrt. Alle wollen immer nur rostfreie Plüsch-GLS oder wenigstens den 5S oder den CD 5E. Was ich auch verstehen kann, die sind ja auch ein bisschen geiler als der silberne Nullausstatter. Aber er ist mir mit seinem kleinen, kranken Herz, seinen nicht getönten Scheiben und seinem Vinyldach an mein eigenes, gesundes Herz gewachsen. Irgendwie. Also habe ich ihn trotzig behalten, aus Versehen mit einer frischen HU versorgt und besitze nun einen Oldtimer (ja, es ist ein Oldtimer, kein Youngtimer mehr…), der weniger wert ist als das, was ich vermutlich nachher bezahlen muss. Glaube ich. Bin ich total bescheuert? Ja. Und das ist gut so.

Gut Ding will Weile haben

Gut Ding will Weile haben

Wissen Sie was? Ob meine Rechnung wirtschaftlich ist oder nicht ist mir total egal. Die Jungs mit ihrem Werkzeug werden dafür sorgen, dass der alte Wagen wieder gesund ist und fährt. Wegschmeißen ist nach so vielen Geschichten keine Option. War es noch nie gewesen. Familie Menzel zerlegt das prinzipiell als unzerstörbar geltende, klotzige längs und gekippt eingebaute Triebwerk in seine Einzelteile, Nockenwelle runter, Schaftdichtungen raus, Zahnriemen runter, Ansaugkrümmer runter, Kopf ab und so weiter. So viele Streicheleinheiten hat dieser Wagen vermutlich das letzte mal vor 20 Jahren bekommen, und da war er schon ein altes Auto. Krass. Während der OP sitze ich zu Hause und kaue an meinen Fingernägeln. Unruhig versuche ich, ein paar Texte auf die Tastatur zu legen. Kennen Sie das auch? Dass man sich fragt, wie es dem Baby wohl gehen mag? Dass man nervös im Flur auf und ab läuft? Dass man sich fragt, wann endlich der Anruf kommt: Alles okay, hol ihn ab?
Und nicht wie letztes mal der Anruf: Äh… wir müssen reden…

Das sind 8 Zylinder...

Das sind 8 Zylinder…

Ein altes Auto kostet Geld. Eine Restauration ist in aller Regel wesentlich teurer als die Kohle, die man bei einem Verkauf für die Karre bekommen würde. Außer, wir sprechen hier von einem 300 SL oder einem 911er aus den 60ern, aber wer kann denn sowas bezahlen? Der Dottore ist eine Alltagskarre, eine seltene mit traditionell schlechter Teileversorgung seitens des Herstellers, aber da ist wenigstens alles einigermaßen bezahlbar. Noch. Und hier und heute sprechen wir immerhin von einer fast kompletten Motorrevision… Was ich inzwischen bei Menzel gelernt habe: Wenn er morgens sagt, dass er den Wagen heute schon irgendwie zum Laufen kriegen wird, dann ist das auch so. Er macht, dass es fährt. Es ist die erste und einzige Werkstatt bisher in Kiel, auf die ich mich wirklich verlassen konnte. Jetzt muss ich mir nur noch überlegen, welchen Supermarkt ich nachher auf dem Weg dahin überfalle, um das Geld zusammen zu kriegen. Denn gute Arbeit kostet gutes Geld, egal ob man sich nun schon länger kennt oder nicht. Von Freundschaftsdiensten kann ein Unternehmen nicht leben. Klar. Und aus diesem schwachsinnigen Geiz-ist-geil Alter der 1-Euro-Läden bin ich raus. Kein kauf-bei-KICK, kein Billig-Backshop und kein eingeblistertes Separatorenfleisch. Ich kaufe beim echten Bäcker und beim echten Fleischer. Und ich bringe mein Auto in eine richtige Werkstatt, denn ich weiß, dass es hinterher nicht wieder liegenbleiben wird.

Der Zauber-Schrauber, Teil 1

pflück pflück. Und wieder alles zusammen

Und da kommt er dann auch, der Anruf. Kurz nach 17:00 Uhr, es ist schon dunkel. “Er ist fertig. Alles eingestellt, läuft rund. Aber irgendwas ist noch immer mit deinem Vergaser, da musst du nochmal wiederkommen.” Na gut, Hauptsache der Motor im Kern ist erst einmal wieder gesund, abgedichtet und vollgasfest. Alles andere kenne ich ja nun, und das lässt sich bestimmt auch noch regeln. Ich habe da ein ziemlich dickes Sitzfleisch, wenn der Wagen prinzipiell zuverlässig ist und sauber läuft mache ich den ganzen Kleinkram drumrum gut gelaunt nach und nach. Aber wenn er nicht gut anspringt, bockig ist, wie ein Loch säuft und oft ausgeht dann macht auch alles andere keinen Spaß. Oder? Genau.
Ich setze mich in den erschreckend gewohnten BMW und schnurre aufgeregt durch die Dunkelheit zur Werkstatt, wo der alte Audi schon auf mich wartet.

Der Zauber-Schrauber, Teil 1

Hallo, da bist du ja wieder

Es ist so ein bisschen wie ein neues Wiedersehen. Wie das neue Entdecken der Partnerin nach einer Trennung, nachdem da jemand anderes dran war, und man sich jetzt wieder zusammenraufen will. Zärtlich streichel ich ihm über den rechten Kotflügel, stapfe nach vorn in den warmen und hellen Empfang und futter die halbe Haribo-Schale leer, die da auffordernd steht *burps* Menzel erklärt mir, was alles gemacht wurde, welche Teile verbaut wurden, welche Schrauben neu gekommen sind und welche Gewinde nachgeschnitten werden mussten (ohjeohje). Hauptproblem war die Dichtung der Ansaugbrücke, die hat ziemlich lange auf sich warten lassen. Die Teile werden selten. Vielleicht sollte ich mich bei einem 37 Jahre alten Auto langsam mal damit abfinden. Nun ist alles dicht, mit frischem Öl und Kühlwasser in nun getrennten Kreisläufen befüllt und fertig für weitere hunderttausende von Kilometern :-) Und die Rechnung? Alles zusammen kostet mich ungefähr so viel wie ein Zahnriemensatz mit Anbauteilen für einen Audi V8. Oder die Monatsmiete einer 2 1/2 Zimmer Wohnung in Kiel. Oder ne Woche Malle pauschal. Danke, alte Technik und danke, dass offensichtlich alles ohne Probleme lief und die Neuteile relativ preiswert waren. Ich habe mit dieser Reparatur den Restwert des Wagens doch nicht überschritten :roll: und bin nun ein bisschen ärmer, aber wesentlich glücklicher als vorher.

Der Zauber-Schrauber, Teil 1

Hallo mein Audi. Dann wollen wir mal.

Neu beschnuppern. Neu erfahren. Bevor ich den BMW gleich nach Hause bringe und mit meinem Fahrrad wieder zurück komme, um den Dottore erneut zurück in die Familie zu lassen setze ich mich einmal rein. Cool. Hallo, du 70er Jahre Welt aus blauem und braunem Plastik. Es riecht nach altem Stoff und einem Schluck Kühlwasser. Das Raumgefühl ist sogar bei Dunkelheit einfach sagenhaft, die großen Fensterflächen und die Sitzposition tief drin machen aus dem Fahrersitz den Beichtstuhl in einer vergessenen Kathedrale aus Erinnerungen. Ach – er ist ja irgendwie doch ein Guter, der alte silberne Herr. Ich bin froh, den ganzen Kram da vorn drin nun neu zu haben, und das auch noch zu einem echt guten Preis. Möge er nun endlich, ENDLICH vernünftig fahren. Vielleicht war die kaputte Kopfdichtung ja der Schlüssel zum Oldtimer-Glück? Oder sind Sie etwa stutzig, weil in der Überschrift “Teil 1″ steht und ich erwähnt habe, dass der Meister erwähnt hat, dass immer noch etwas mit dem Vergaser nicht stimme? Womöglich stutzen Sie zurecht.

Wieder auf der Straße

Wieder auf der Straße

Müde vom Tag trenne ich mich von dem BMW (schade schade) und bin um eine Erfahrung reicher. Auf meiner Radtour zum Audi durch die Dunkelheit treffe ich noch auf einen Tankstellenpächter, der sich als ein alter Bundesbruder meines halben, freudlosen Studentenverbindungsjahres von 1994 entpuppt, aber das ist eine andere Geschichte. Der Audi springt an und läuft im Stand rund. Er beschleunigt schlecht und ist noch immer bockig :-( Aber darum kümmern wir uns nächste Woche, morgen sind er und ich bei Filmaufnahmen zum Thema “Mein erstes Auto” unterwegs. Es gibt ein Wiedersehen mit meinem Granada Coupé, meinem alten Freund Svenni und mittendrin auch zwangsläufig mit Herrn Menzel. Denn der kann und muss zaubern. Gottseidank. Aber dazu bald mehr.

Sandmann

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Created Donnerstag, 11. Dezember 2014 Tags 1A Autoservice | Audi 100 | Audi 100 LS 1977 | Menzel Kiel | Typ 43 | Vergaser | Zahnriemen | Zylinderkopfdichtung Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
10 Dec 2014
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Haarige Zeiten

Haarige Zeiten

Weg. Ab. Runter mit der Wolle.

Schatz, du kratzt.
Die Firma BRAUN fand anscheinend nach dem spontanen Genuss einiger meiner Blogs, dass ich verwahrlost aussehe, hatte Mitleid und stellte mir einen nagelneuen Rasierer hin. Das Topmodell. Den Mercedes unter den Haare Abreißern. Der kann laut Pressemitteilung alles besser und will sich in meinen Tagesablauf einschleichen. Ohne zu weit auszuholen – aber Männer und Frauen sind jeweils auf ihre Art bestraft worden. Frauen müssen die Kinder gebären und plagen sich mit monatlichen Beschwerden rum, Männer müssen dafür Spinnen aus der Dusche entfernen und sich im Gesicht rasieren. Die meisten zumindest. Es ist unerheblich, dass ich einer der wenigen deutschen Männer bin, die auch gern Kaffee kochen – rasieren finde ich prinzipiell trotzdem doof. Doch es muss sein. Manchmal. Sonst sieht Mann irgendwie verwahrlost aus, mag sein, dass das einige sexy finden, ich nicht. Erleben Sie tiefe Einblicke in mein intimes Badezimmerdasein :-)

Haarige Zeiten

Es stoppelt gar umfangreich

Heute mal kein Auto. So ein paar andere Sachen treiben mich ja auch noch täglich um, dazu gehören Musik, Kaffee und die Haare in meinem Gesicht ;-) In der Tat passt es ganz gut, mal was Neues auszuprobieren und ganz unverhohlen darüber zu schreiben, denn von meinem alten Philips finde ich das Netzkabel nicht mehr wieder und die Klingen zum nass Rasieren sind alle oder stumpf oder verrostet. Ich sag ja, ich mach das nicht so oft. Krass für mich als analogen Retro 70er ist jetzt, dass ich in dem Karton viele viele Sachen finde, die mich mehr an Computerequipment oder Technikspielzeug erinnern als an einen Rasierapparat. BRAUN Series 9 Modell 9090cc. Unverbindliche Preisempfehlung: mehr als 400 Euro. Alter Barbarossa. Was gibt’s dafür?

  • Ein angenehm schweres Ding in einem wirklich sexy Design
  • Akkulaufzeiten bis ins kommende Jahrzehnt
  • einen Rasierkopf mit 40.000 Schneidbewegungen in der Minute (das macht mir Angst)
  • Barttrimmer
  • eine Nass- und Trockenladestation
  • wasserdicht bis 5 Meter (ich kann damit also tauchen gehen)
  • LED Display
  • Tasche und Zubehör

Und was Sebastian Vettel bewirbt kann nicht schlecht sein, oder? Sehe ich am Ende so aus wie er? Kann ich dann auch so gut fahren? Ich bin ganz aufgeregt :-) und packe den ganzen Kram mal aus.

Haarige Zeiten

ein bisschen wie Weihnachten

Was ich cool finde (ich achte irgendwie auf andere Sachen als der normale Rasierapparat-Käufer): Das Ding ist komplett in Deutschland entwickelt und hergestellt worden. So was mag ich in Zeiten eines aussterbenden “Made in Germany” :-) Die stylische schwarze Ladestation ist ein bisschen zu breit für meinen Spiegelunterschrank, die muss noch einen gemütlichen Platz in einer anderen Ecke finden. Und ob ich so der Freund von Nassreinigung mit den mitgelieferten Kartuschen bin muss ich selbst noch ergründen, man sagt, sie reinigen besser und gründlicher als Wasser, dabei wird das Gerät außerdem aufgeladen und anschließend auch noch getrocknet. Was der alles kann. Jedenfalls liegt er gut und schwer (ich mag diese wertige Schwere von Dingen, das finde ich auch bei Smartphones gut) in der Hand, leuchtet mich blau illuminiert an und begeistert mich mit dem Vorhandensein eines Barttrimmers. Den brauche ich vor allem. Jetzt.

Haarige Zeiten

Lasst die Spiele beginnen

Sie sind sehr tapfer, dass Sie sich bis hier hin lesend vorgearbeitet haben, ohne dass es diesmal um Autos oder nicht verarbeitete Kindheitserinnerungen aus den 70ern geht. Oder Sie haben einfach nur genug Kaffee getrunken. Oder genug Rotwein. Oder Sie müssen sich täglich rasieren oder haben einen Schatz, der sich täglich rasieren muss. Wissen Sie was? Weihnachten 2014 gibt es mal keine Socken sondern einen haptisch glücklich machenden Rasierapparat! Vor fünf Tagen habe ich mir die Haare einmal, ein einziges (zweites) mal seit vielen Jahren komplett aus dem Gesicht vibriert, um mal so auszusehen wie der Sebastian. Da hatte ich aber meine Kamera in Hamburg vergessen und nur mein iPhone dabei, wir vergleichen gleich mal :-) Heute ist die Barttrimmung dran. Der Hals wächst schon wieder zu. Klack. Rausgeschoben und Kanten geschnitten. Srrrrrrrrrrr

Haarige Zeiten

Bartkante: Check

Was soll ich sagen… geht gut :-) Als die langen Fusseln weg sind pendel ich noch mit dem Scherkopf drüber und werde niemals verstehen, wie so ein Ding die Haare überhaupt abschneidet. Es sind da zu wenig Ventile, Kipphebel oder Nockenwellen drin. Obwohl… wenn ich mir das offizielle Werbebild mal anschaue könnte man das (nach dem Genuss von zu viel Kaffee oder Rotwein, da sind wir wieder) auch für einen guten alten V8 Motor mit vier Nockenwellen halten, oder? 32 Ventile… “Nee nee die Wartungskosten, die Wartungskosten” diffundiert es durch mein noch nicht ganz auf touren gekommenes, vom Badezimmerradio abgelenktes Gehirn. Aber nochmal nee nee. Genau so wie ein Zahnriemen nur alle 100.000 Kilometer gewechselt werden muss schlägt der Hersteller vor, den Scherkopf alle 18 Monate zu tauschen. Und das betrifft Menschen, die sich damit jeden Morgen rasieren. Bei mir hält der sensende Aufsatz also theoretisch bis ins Jahr 2025, bevor ich ihn tauschen muss ;-) So lange tut es auch gefühlt der Akku… 50 Minuten Dauerbetrieb und aufladen ohne Memory Effekt. Das sind ja schon fast Smartphone Werte.

Haarige Zeiten

Technik, die begeistert

Ich hoffe, die Jungs von BRAUN wissen, was sie sich da für einen Kasper eingekauft haben, als sie mir den Series 9 schickten. Denn wenn ich was geil finde dann texte ich auch fröhlich einen Artikel darüber, solchen Quatsch wie versteckte Werbung oder stumpf gekaufte Links zu Onlinecasinos überlasse ich einigen von den Bloggern da draußen, die alles, aber auch wirklich ALLES verlinken. Jeder wie er meint, ich tausche Glasperlen gegen Wörter :-) Hihi. Okay, andererseits lässt sich tatsächlich nicht episch über den Vorgang einer Rasur berichten, die meisten von Ihnen werden wissen was da passiert. Mein Bart sieht heute wieder gut getrimmt und dreitägig aus, auch damit wirbt die Serie 9… “An 3-Tage-Bärten getestet” Schauen Sie mal, hier steht alles genau drin: KLICK Demnächst steht da bestimmt auch noch der Zusatz “Sandmann Approved”, und die Verkäufe gehen durch die Decke :-D So was jetzt, sehe ich nun aus wie der Vettel? Ich stecke den Rasierer in seine Lade-Wasch-Halte-Station, verpasse ihm damit eine gründliche Felgenreinigung und werde heute Abend mal mein halbfinnisches Fräulein Altona fragen, ob ihr was auffällt. Ich seh’ ja auch immer nicht, wenn sie beim Friseur war, jetzt kann ich mir mal einen einzelnen Punkt zurück holen.

Haarige Zeiten

Nicht mehr ganz so verwahrlost

Fasse ich mal zusammen: Sie haben noch kein Weihnachtsgeschenk? Dann wird es Zeit, und dann machen Sie zumindest den Mann an Ihrer Seite (oder sich selbst, Mann kann sich ja auch mal selbst beschenken) mit diesem kleinen elektrischen Freund glücklich. Die Preise variieren im Netz erheblich, es gibt anscheinend auch noch Geräte mit geringerer Ausstattung. Aber den hier finde ich gut, und dass er wasserdicht ist begeistert mich von Minute zu Minute mehr :-) Und wenn Sie den tatsächlich kaufen gibt es momentan auch noch eine 50-Euro-Geld-zurück Aktion, und *schwupps* rutscht High Tech sogar in bezahlbare Dimensionen. Die Teilnahmekarte dazu hab ich mal HIER hinterlegt, ich Guter, ich. Und nun bin ich doch ein bisschen fasziniert wie viel man über Barthaare schreiben kann. Ich hole das demnächst mal mit dem Thema Kaffee durch, darüber könnte ich NOCH mehr schreiben. Fragen wir mal Herrn Vettel, der sich so glatt rasiert wie nie zuvor gibt:

Haarige Zeiten

Sebastian Vettel

Anzug sitzt perfekt, und das Kinn scheint auch nicht mehr zu pieksen. Dagegen habe ich glaube ich wenige Chancen. Allerdings bin ich auch kein erfolgreicher Rennfahrer und dreifacher (oder vierfacher?) Formel 1 Weltmeister, schon ein bisschen älter als der Waschtl und irgendwie… hm… vielleicht WILL ich ja auch gar nicht wie er aussehen. Moment…

Sandmann

Sandmann

Joar passt schon. Und jetzt lasse ich die Stoppeln wieder wachsen und trimme fein die Kanten. Und sorge ab sofort dafür, dass ich zumindest auf den Fotos nicht mehr so abgerockt und verwahrlost aussehe, dass die Hersteller von Rasierapparaten mir freundliche Carepakete schicken :roll: So oder so danke! an BRAUN! Aber auch wenn es jetzt mal nicht der klassische Themenbereich war – erzählen Sie mir doch mal, womit Sie sich rasieren. Wie oft. Und wann. Ich lerne gern dazu, und es wäre ja nicht das erste mal, dass wir hier in thematisch ausufernde Dimensionen abgleiten :-)

Sandmann

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Created Mittwoch, 10. Dezember 2014 Tags 9090cc | braun | BRAUN Series 9 | Fremde Federungen | rasierapparat | Rasierer | Test Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
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01 Dec 2014
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Be M Wirkungsgrad

Be M Wirkungsgrad

Broccoli für das Kind der 80er

Der Tach beginnt trüb. Mein vinylbedachter Dottore steht bei ZauberSchrauber Menzel in Kiel, in freudiger Erwartung neuer Ventilschaftdichtungen und einer endlich mal vernünftigen Grundeinfummelung des störrischen Zenith Doppelvergasers. Damit der ENDLICH, nach zwei Jahren, mal sauber läuft und kein Öl mehr frisst. Der vieräugige Benz, normalerweise zuverlässig rettender Alltagswagen, ist gemeinsam mit meinem halbfinnischen Fräulein Altona über Land in Richtung Lüneburg auf und davon. Ich bin also heute mal in Kiel mit meinem Fahrrad unterwegs, was sportlich aber nicht wirklich cool ist. Lichtblick: Ein heißer Kaffee bei Lieblingsoptiker Alex in der City, ein paar Benzingespräche und…. dann klingelt mein Telefon. Auf dem Display steht 1A Autoservice Menzel. Das ist nicht gut, das ist um diese Uhrzeit gar nicht gut.

In der Tat, das ist nicht gut.

Ich hab kurz Druckluft angesetzt, um die alten Schaftdichtungen rauszudrücken, und dann ist mir der komplette Ausgleichsbehälter von deinem Kühlwasser um die Ohren geflogen. Die Werkstatt ist geflutet. Ist dir klar, dass deine Zylinderkopfdichtung komplett durch ist? So durch, dass die Kolben vom Kühlwasser schon blank gewaschen sind?” Nein. Das war mir nicht klar :-( Ich setze mich auf mein Fahrrad, um mir das anzugucken…..

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Neiiiiiiiiiiin…

GNAH :-(:-(:-( Und jetzt? Mal schnell hinstellen, die Schaftdichtungen bis heute um 15:00 Uhr neu machen und den Vergaser sauber einstellen… äh… scheint jetzt nicht mehr so ganz in den ursprünglich abgesteckten Zeitplan zu passen. Verdammt. Die Kopfdichtung des 2-Liter Vierzylinders ist an mindestens zwei Stellen durch. Ob ich das denn nicht bemerkt hätte, der Wagen würde nennenswert Kühlwasser mit verbrannt haben, so wie die Kolben und die Laufbuchsen aussehen…. :-( Und noch ein trauriges Gesicht :-( und gleich noch eins :-( Ich habe zwar hier und da mal einen Schluck Kühlwasser nachgekippt, aber DAS war mir in diesem Umfang nicht klar. Scheiße. Und jetzt? Joar. Klare Ansage. Neue Kopfdichtung und Kopfschrauben bestellen. “Und sag mal, dein Zahnriemen… wie alt ist der? Da sind überhaupt keine Zähne mehr drauf, sowas hab ich noch nie gesehen… dass der überhaupt noch gelaufen ist…” Äh. Zahnriemen? Ich dachte immer der hat eine Steuerkette? Ich habe mich deshalb da nie drum gekümmert… “Nein, das hier, … also dieser poröse abgefledderte Zottel…. das ist definitiv ein Zahnriemen!” Ogottogott. Ich habe mich tatsächlich lange nicht um dieses Auto gekümmert, geschweige denn mich mal mit den Grundlagen seiner Technik befasst. Okay, den Zahnriemen und die Umlenkrolle auch noch neu. Und dann gleich auch noch die Riemen für die Servopumpe und die Lichtmaschine, die sehen genau so schlimm aus.
Bis die Teile da sind und alles wieder zusammengebaut ist wird es eine Woche dauern, das hat niemand lagerhaltig… Keine Chance, den Wagen heute fertig zu machen. Keine.

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Sportlich, aber zum falschen Zeitpunkt

Ich fahre wieder Fahrrad. Wieder und noch immer. Und ich stehe vor einem Berg an Problemen. Einem weiteren. Mittelfristig gibt es keinen schlechteren Zeitpunkt für diesen Umfang der Audi-Havarie hier in Kiel, denn der Benz ist wie beschrieben noch für zwei Wochen mit meinem halbfinnischen Fräulein Altona im täglichen Pendelverkehr zwischen Hamburg und Lüneburg – den kann ich nicht nehmen. Kurzfristig erwartet mein kleines, viertelfinnisches Sandmädchen mich heute Nachmittag pünktlich in der KiTa. Das bekomme ich wohl mit der Deutschen Bahn irgendwie hin, aber was mache ich morgen? Und übermorgen? Ich kehre resignierend zu Alex ins warme Geschäft zurück, trinke noch einen Kaffee mit ihm und schimpfe vor mich hin. Über das Schicksal als solches, schlechte Zeitpunkte im Allgemeinen und zu wenig Geld für zu viele Reparaturen im Besonderen. “Du, mein Eta steht im Moment eh nur rum, der ist vollgetankt. Nimm den doch...” Ups? Einfach so? Das Heiligtum mit der Feinrost-Motorhaube? “Ja sicher. Ist aber drinnen nicht aufgeräumt. Ich fahr dann halt ein paar Tage mit der Vespa.” Ui. Das ist krass. Zum einen, weil der Alex und ich uns zwar schon ein bisschen länger kennen, aber eigentlich gar nicht so richtig gut. Zum anderen, weil ich mit den bayerischen Stufenheckschleudern aus den 80ern bisher nix am Hut hatte und gar nicht weiß, worauf ich mich da einlasse… “Meine Liebste gibt dir den Schlüssel. Räum den Kram der da überall rumliegt einfach nach hinten. Im Cockpit ist der Akku alle, der Verbrauchsmesser spinnt ein bisschen. Ignorier den einfach. Ansonsten fährt er sich fein.
Und ich radel aus Kiel raus, meiner ersten 3er BMW Erfahrung entgegen.

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irgendwie… besonders

Ich gebe zu, ich fand den immer doof. In den 80ern war der irgendwie langweilig, in den 90ern peinlich (er erfüllte in jedem zeitgenössischen Sketch das “Alda – Dreier BMW weissu?” Klischee junger Türken, die den Wagen gern ein wenig… nun… aufgewertet hatten) und danach habe ich ihn aus den Augen verloren. Es gibt so unfassbar viele Autos. Jetzt stehe ich vor einer klassischen Stufenhecklimousine mit vier Türen, einer langen Motorhaube und einem echten Kofferraum. Das allein schon lässt mich diesen Millionenseller ein ganz klein wenig ins Herz schließen. Außerdem rettet er mir gerade den Arsch, das macht ihn mir sympathisch und dafür schenke ich ihm einen Strauß Broccoli. Dieser Be Em We ist nicht nur irgendein Reihensechser, der mir an die Hand gegeben wurde – es ist ein 325e. Hinten mit e. Das steht für eta. Eta ist nicht etwa die Tankansage, dass hier nur ETAnol reingekippt werden darf. Es ist auch keine bayerisch-überhebliche Tröterei wie “l’eta c’est moi” oder so. Und Kalauer werden auch nicht besser, wenn man sie völlig falsch schreibt. Klugscheiß-Modus an: Der griechische Buchstabe eta (η) steht in der Physik für den Wirkungsgrad, also das Verhältnis aus dem, was ich an Energie -> reinstecke und dem, was ich am Ende wieder <- rausbekomme. Ein eta von 1 (Energiemenge -> rein geteilt durch gleiche Energiemenge <- raus) wäre also perfekt. Wir alle wissen, dass das nicht geht. Aber trotzdem heißt die Karre so.

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Er sagt, der Akku ist alle

Hier geht noch ein bisschen mehr nicht als nur ein Wirkungsgrad von 1. Das 80er Jahre Cockpit beherbergt einen kleinen Akku, der inzwischen nicht nur mausetot, sondern auch ausgelaufen ist. Ih gitt. Sein Ableben hat die Funktionalität der Verbrauchsanzeige lahmgelegt und den bunten Pacman-Inspektionsbalken fast komplett beleuchtet. Das zusammen mit einer gebrochenen Lötstelle (welche die Bremsverschleißanzeige immer mal sporadisch in Linkskurven aufleuchten lässt) sind aber laut Alex die einzigen Fehler in dem ansonsten technisch kerngesunden Auto.
Er hat den Wagen für lächerlich wenig Geld gekauft, ein paar Rostlöcher zugeschweißt, dem Motor neue Lager spendiert und den bordeauxroten alten Herren (extrem schöne Farbe) direkt über die HU gebracht. Wenig Aufwand, großer Wirkungsgrad. Das sagte man auch damals dem Motor nach, der aus seinen fetten 2.7 Litern Hubraum nur niedrig verdichtete 122 PS schöpft. Das bedeutet viel Druck von unten bei geringem Verbrauch, und das mit dem Komfort einer sechszylindrigen Reiselimousine. Geht durchaus mit acht Litern durch die 100 Kilometer, sagt Alex. Ich bin gespannt. Deshalb also eta. Alles ist schön rot beleuchtet hier drin, fast wie in meinem Audi V8 damals. Cool. Und er hat ein Panel oben im Dach, über das der Bordcomputer alle lebenswichtigen Organe einmal checken kann. *hach* die 80er. Wenn es nach Roboter und Enterprise aussah, war es sofort cool und teuer :-)

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Captain an Brücke, alles okay?

Ein BMW ist ein BMW ist ein BMW. Ich hatte wie gesagt nie einen, nur einmal bin ich für zwei Wochen mit dem neuen 7er Flagschiff durch das Land gefahren – aber das hat mir die Marke nicht wirklich und endgültig ins Herz tätowiert, zumal der Kasten mehr gekostet hatte als ein Einfamilienhaus am Stadtrand von Kiel. Die Bayern hatten mir allerdings nie was getan. Es hat sich schlicht nie ergeben, das ist bei mir wie mit der Marke Opel. Alles fein, alles okay, ich hatte aber noch nie einen. Gründe gibt es dafür keine. Jetzt sitze ich in der angekündigt unaufgeräumten Karre, habe ein paar Bierdosen, Kleingeld und Kontoauszüge in die hinteren Fußräume gebaggert und überlege kurz, ob es total peinlich ist, wenn ich jetzt los will und nicht weiß, wie der Rückwärtsgang reingeht. Uff. Das Cockpit ist bmw-mäßig um mich rum gebaut, ich sitze bequem und tief drin in einer sportlichen Welt aus Plastik und bunten Lampen und vor mir ist eine echte Motorhaube. Eine sehr verrostete, aber das ist gewollt, das ist noch von Örg’s Feinrost Partyim Sommer… Alex hat die originale noch in seiner Halle stehen. Sagt er. Die analoge Uhr tickt, das neuere Radio blinkt und bummst und alles strahlt eine stoische Zuverlässigkeit aus. Schräg. So gut können sich die 80er anfühlen.

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tatsächlich heute wieder sexy

Ein Dreh am Schlüssel, und der Sechszylinder erwacht zum Leben. Erst ein bisschen störrisch, er stand lange, aber nach ein paar Sekunden sauber und rund. Reihensechser eben. Glück gehabt, das mit dem Rückwärtsgang hat sich nicht als Problem erwiesen, ich habe ihn intuitiv gefunden :-) Und los geht’s. Mein Fahrrad lasse ich bei Alex in der Einfahrt stehen, bis ich den Wagen wieder abgebe. Irgendwann. Jetzt will ich erstmal schnell nach Hamburg, das kleine Sandmädchen wie verabredet aus ihren Bauklötzen zerren. Erster Gang, zweiter, dritter. Er fährt sich so, wie sich ein Auto fahren sollte. Quer durch Kiel, kurz vor der Autobahn ist er auch schon warm und schnurrt wie ein Uhrwerk. Nein. Er sirrt eher wie eine Turbine! Haben Sie mal diesen sagenhaften Motor mit seinen sechs Töpfen sirren gehört? Heulend knurren? Dieses Geräusch macht sonst keine andere Maschine. Geil. Da leuchtet auch schon die Bremswarnlampe auf. Moin. Ab auf die Bahn, vielleicht wird dieser Tag ja doch noch mein Freund.

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uiuiui das macht ja richtig SPASS!

Yayyyyy ist das ein cooles Fahren! Der Wagen liegt deftig straff auf der Straße, was an den Koni Gelb liegt, wie Alex auf Nachfrage per sms erzählt… Die hatte der Vorbesitzer sich wohl noch gegönnt. Schon wieder seltsam, denn mit dem BMW 325 haben die typischen Herrenfahrer damals eigentlich ihre Lederhandschuhe abgelegt und sind gleich ab Werk ins sportliche Image eingetaucht. Es war ihm wohl noch nicht sportlich genug, dem Herrn Vorbesitzer. Ich fühl mich fast wie in einem GoKart :-) Und da ist er dann auch endlich, der eta. Der Grund für das e in der Typenbezeichnung. Im Standgas fährt das Auto gefühlt schon 80, und auch bei höheren Geschwindigkeiten bemüht sich der Drehzahlmesser nur träge in Richtung der 3000. Bei 4500 beginnt sogar schon der rote Bereich. Daher also der recht geringe Verbrauch, wer nicht viel drehen muss der muss auch nicht viel zünden. Okay. Geht auf. Bei 140 zuckt dann auch plötzlich die Verbrauchsanzeige runter auf Null, und die Inspektionsanzeige geht wieder ganz aus. Lustig. Glaube keinem hier. Doofer kaputter Akku im Instrument, der.

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Drehzahlen wie beim Diesel

Es braucht keine 10 Kilometer, und ich habe mich komplett an den BMW gewöhnt. Nach weiteren 10 fühle ich mich wie zu Hause, und auf der A7 kurz hinter Neumünster beschleicht mich dieses unangenehme Gefühl, ich wolle vielleicht auch mal so ein Auto haben. Kennen Sie das? Das passiert mir immer wieder, aber es ist auch nicht schwer, mein automobiles Herz zu erobern. Mist. Nein nein ich nehme den jetzt erstmal dankbar als Leihwagen, bis der Dottore wieder fahrtauglich ist, und dann volltanken und etwas aufgeräumter wieder zurück zum Alex. Jetzt kommt auch noch gute Musik im Radio. Argh. Auch das ist ein Phänomen, was ich irgendwann mal ergründen möchte. Mit der richtigen Musik ist eine Autobahnfahrt wie ein kleiner Roadmovie, und das betreffende Auto wächst ein wenig fester ans Herz als geplant. Das geht auch bei einem absoluten Un-Auto, wenn die Musik stimmt. Und dieser eta ist alles ander als ein Un-Auto… Verdammt verdammt. BROOOOOOO siiirrr

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schnell dran gewöhnt

Puh. Wer hätte heute Morgen gedacht, dass der Tag am Steuer eines BMW 325e endet? Ich nicht. Ein Rest schlechte Laune ist noch immer da, denn ich habe heute bei weitem nicht alles geschafft, was ich schaffen wollte und zu viel Zeit auf dem Sattel meines Fahrrades verbracht. Außerdem habe ich so eine Ahnung, dass ne neue Kopfdichtung, neue Ventilschaftdichtungen, ein neuer Zahnriemen mit Umlenkrolle und neue Treibriemen für LiMa und WaPu bei einem 38 Jahre alten Auto (sorry, einem AUDI) nicht für den Preis einer Kinokarte zu bekommen sind. Zumal der Einbau von Menzels Fachwerkstatt gemacht wird, fein auf Rechnung, also zum ganz normalen Kurs. Aber das ist eine andere Geschichte. Ich komme heute pünktlich zur KiTa, musste nicht mit der Bahn fahren und bin um eine erste Erfahrung reicher: Den Dreier BMW. Nix weissu? Der Kahn ist cool. Ich spritze noch mal bei entspannten 120 Sachen Wischwaschwasser auf die Scheibe und wunder mich darüber, dass kein Wischwaschwasser kommt? Hm? Nochmal. Suuurrrrrrr. Nix. Huch? Rechts ran und mal nachschauen. Oh. Okay, eine Sache hatte der Alex wohl noch vergessen zu erwähnen :-) Das Schlauchgewirr ist wegen der Feinrost-Haube abgeklemmt, ich hab jetzt eine schöne Motorwäsche gemacht. Als ich ihn anrufe fällt es ihm auch spontan wieder ein ;-) Egal. Peanuts.

Be M Wirkungsgrad

Blumen für den eta

Er hat sich diesen Broccoli wirklich verdient. Wann haben Sie Ihrem Auto zuletzt einen Broccoli spendiert? Na? Sehen Sie. Ich ordne nun auf den verbleibenden Kilometern noch ein paar Gedanken im Kopf. Wie ich dem Alex meinen Dank für seine Selbstlosigkeit aussprechen kann, was wohl mein halbfinnisches Fräulein Altona zum temporären Neuzugang sagt, wie mein kleines Sandmädchen den Wagen findet und welche Bank ich morgen überfalle, um die unplanmäßige Ausgabe für den alten Audi 100, die seinen Gesamtwert wohl übersteigen wird, zu bezahlen. Aber ich habe ja noch ein paar Tage Zeit. Zeit mit einem Auto, das ich noch vor 10 Jahren nicht mit dem Arsch angeguckt habe. So ändern sich die Zeiten. Oder werde ich etwa altersmilde? Coole Kiste. Und weiter geht es im Karussell des Alltags.

Sandmann

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Created Montag, 01. Dezember 2014 Tags 525e | 80er | BMW 325e | bmw e30 | e28 | eta | Fremde Federungen | Heimwärts Highways | Reihensechser | Sechszylinder | Wirkungsgrad Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
28 Nov 2014
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Pausen-ROT zum Abi

Pausen-ROT zum Abi

Damals Internat – heute Fielmann Akademie

Das flache rote Auto ist ein Fremdling in der beschaulichen Kulisse von Plön, Schleswig-Holstein. Der Herbst hat sich über den Schlossberg gelegt und bedeckt mit trockenen Blättern die Kleinstadtidylle. Man fährt hier VW Passat, 5er-BMW oder E-Klasse in gedeckten Farben. Die Welt ist einigermaßen in Ordnung, solange das Abendbrot rechtzeitig auf dem Tisch steht. Enno und ich haben uns seit dem Abi nicht mehr gesehen, also seit 1990. Heute treffen wir uns für eine Fotostory über seinen Chrysler 300 2-Door Convertible, aber nicht irgendwo. Sondern in eben diesem Plön, wo wir die Schulbank gedrückt haben, wo er Internatler war und wo das Leben als Erwachsener losging, bevor wir hart und schmerzhaft da landeten, wo wir heute sind.

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Fremdkörper, Rebell

Der langsam den Berg hoch kriechende “Three Hundred” wirkt wegen eben dieser Beschaulichkeit der Gegend hier ein wenig deplatziert. Er ist riesengroß, laut, bunt und in jeder Hinsicht unvernünftig. Kurz: Er passt zu Enno. Der Projektentwickler baut eigentlich schöne Häuser in der Innenstadt von Hamburg und ist schon längst dem Backsteinklinker der Holsteinischen Schweiz entwachsen. Aber heute fahren wir beide zurück an den Ort, wo seine Sozialisierung begann, lange bevor er richtig erwachsen wurde: ins Plöner Internat. Internatsleben bedeutete, das damalige Internat Schloss Plön mit 160 mehr oder weniger wilden Menschen Tag und Nacht zu teilen, sich anzupassen oder die richtigen Lücken zu finden. Gewohnt wurde im Schloss, unterrichtet im fußläufig erreichbaren, altehrwürdigen Gymnasium unten am See. Da bin ich dann auch selbst als “Stadtschüler” immer gewesen. Im Schloss herrschte ein fest vorgegebener beaufsichtigter Tagesablauf, streng getrennt von den Mädchen drüben im zierlichen Prinzenhaus (zumindest theoretisch), und immer mit dem Leistungsdruck des zu erreichenden Abiturs 1990 im Nacken. Nicht alle haben das gepackt.

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Vorfahren wie die Vorfahren. IN einer offenen Kutsche

Vielleicht waren es diese engen Schubladen, die Enno schon immer zu Fahrzeugen greifen ließen, die eine Seele haben. Sein erstes Auto noch während der Schulzeit war ein BMW 1602, der wohl die Liebe zu langen Motorhauben verursachte. Es folgte ein Mercedes W123, danach nur noch Firmenwagen wie Golf IV und 3er BMW (er nennt es “Neuwagengekröse”). Fünf Jahre nacheinander trieb er sich auf den Street Nats in Hamburg herum und war begeistert von der Kraft, der Größe und der Lautstärke der alten Dinosaurier – irgendwie musste es nun endlich mal ein Ami sein. Diese Gedanken sind mir sehr vertraut, bei mir wurde es erst ein Ford LTD und dann ein Cadillac Eldorado. Aber heute geht es um Enno.
Die bei norddeutschen Querdenkern begehrten Klassiker Dodge Challenger und Charger Baujahr 1968/69 rangierten preislich schon an der Oberkante des Machbaren und schossen über den Orbit hinaus, als der Wunsch seiner lieben Ehefrau auf den Plan kam, es möge doch – wenn überhaupt – bitte ein Cabrio werden. Enno rückte also den Focus auf ein Mopar-Fullsize-Car und verliebte sich immer mehr in den seltenen 300. Mit dem C-300 warf Chrysler 1955 sein leistungsstärkstes Modell mit dem schweren “New Yorker” als Basis auf den Markt. Der Hemi-V8 entwickelte die namensgebenden 300 PS und war das stärkste amerikanische Serienfahrzeug der damaligen Zeit. Seitdem verwendeten die Jungs aus Michigan jedes Jahr einen anderen, aufsteigenden Buchstaben als Modellbezeichnung, was der Serie den Beinamen “Letter Cars” gab. Ab 1962 baute man parallel ein preiswerteres Einstiegsmodell mit anderen Motoren und weniger Ausstattung auf Basis des leichteren Chrysler Windsor. Diese Fahrzeuge erkannte man daran, dass sie diese Buchstaben nicht in ihren Modellbezeichnungen trugen und nannte sie bis 1971 die “Non letter series. Nur im Modelljahr 1968 hatte der Three Hundred die markante spitze Nase und die “hidden head lamps – so einer sollte es für Enno werden.

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Plätzchen mit guter Aussicht

Gesucht – gefunden, ein beauftragter Importeur ließ vor Ort in den USA ein (leider sehr oberflächliches) Gutachten erstellen und kaufte den Wagen von einem namenlosen Hobbyhändler. Der Chrysler 300 2-Door fand im November 2011 seinen Weg über Lille nach Deutschland, die historischen Papiere leider nicht. Sie flattern noch immer irgendwo zwischen den USA und Frankreich herum – schade. Trotzdem konnte die riesige rote Wanne schnell auf den deutschen Straßenverkehr umgerüstet und zugelassen werden und schrieb schon bei ihrer ersten Ausfahrt Geschichte: Die Verabredung mit einem Freund aus der Mopar-Szene zur gemeinsamen Fahrt an die Oldtimer-Tankstelle in Hamburg endete während eines unachtsamen Moments mit einem heftigen Auffahrunfall, bei dem der Chrysler den Wagen des Freundes am Heck brutal kaltverformte – was für ein ungewöhnlicher Saisonauftakt. Aber der Three Hundred passt eben genau wie sein Besitzer in keine Lücke…

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Heute – alles anders

Lücken finden ist heute genau so schwer wie damals. Das den Schlossberg erklimmende amerikanische Automobil ist mit seinen 5,6 Metern Länge hier oben genau so wenig anpassungsfähig wie damals sein Fahrer. Und der ehemals recht liberal geführte Internatsbetrieb mit permanentem Partypotenzial auf dem Innenhof ist den strengen Hausregeln der Fielmann-Akademie gewichen – ja genau, die mit den Brillen. Als der hämmernde Chrysler vor dem gewaltigen schmiedeeisernen Tor zum Stehen kommt, werden wir sofort von zwei Kameras focussiert und rufen zwei freundliche, aber entschlossen guckende Herren der Security auf den Plan. Sie bedeuten mit wenigen Worten, dass es wohl eher unwahrscheinlich sei, dass wir hier eine Fotogenehmigung bekämen. Wie? Fotogenehmigung? Der Typ neben mir hat hier mal GEWOHNT! Ups… Aber: Das auffällige Auto, eine gewisse charmante Wortgewandtheit und die Tatsache, dass TRÄUME WAGEN hier oben im vergangenen Sommer im Rahmen der Aircooled Classics eine viel beachtete Rallyeetappe eingerichtet hatte, öffnen überraschend dem Ex-Internatler Enno und seinem 300 Convertible das Tor. Sowie auch die normalerweise abgeschlossene grobgliedrige Kette, hinter der ein Ehrenparadeplatz liegt.

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Da darf man sonst nicht mehr hin…

Der Big Block ballert tief, sein Bass hallt von den reinweißen Schlosswänden wider. Zwischen diesen ehrwürdigen Mauern brennt das rote Auto fast schon in den Augen. In den beiden Wintern nach dem Kauf hat Enno diverse Umbauten und Verbesserungen in Auftrag gegeben: Der Unterboden wird eisgestrahlt, einige kleine Durchrostungen geschweißt und das fertige Werk korrosionshemmend beschichtet. Das gesamte Fahrzeug, alle Falzkanten und sämtliche Hohlräume sind mit dem Timemaxx-Fett-Verfahren großzügig versiegelt worden – hier und da kleckert die zähe, dauerelastische Masse sogar ein bisschen raus. Ein altes Auto muss in seinen Augen nicht hundertprozentig schön aussehen und verträgt gut ein bisschen ehrliche Patina – aber es muss zu 100 Prozent funktionieren.

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Kein Motor. Eher ein Triebwerk.

Der Motor wird auf kontaktlose Zündung von Mallory umgerüstet und erhält komplett neue Schalldämpfer, ein Hochleistungskühlernetz und einen Ölkühler. Die Blattfedern werden ausgetauscht und die Sitze neu aufgepolstert. Jeder, der schon einmal ein amerikanisches Auto restauriert hat, wird ein Lied von den schwer zu reparierenden und so gut wie nicht zu bekommenden Instrumenten singen können. Allein um den Tageskilometerzähler wieder in Betrieb nehmen zu können, muss Enno sieben (!) komplette Kombiinstrumente kaufen. Die analoge Uhr tickt wieder, das Licht wird in diesem Zuge gleich auf Relaissteuerung umgebaut. Ein paar Zusatzinstrumente, die Auskunft über die Motorbefindlichkeit geben, finden den Weg auf die Mittelkonsole.

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Eine Menge Lebensraum

Das originale Acht-Track-Radio hinterlässt momentan ein großes Loch im Holzfurnier, es befindet sich noch auf dem OP-Tisch. Überhaupt macht die Elektrik manchmal, was sie will, das wird im nächsten Winter mit einem komplett neuen Kabelbaum beseitigt. Der Oldtimer-Spezialist Nils Rademacher und sein Team von “United Cars” in Henstedt-Ulzburg bei Hamburg helfen Enno bei allen Arbeiten, denn es fehlt dem Familienvater knapp 25 Jahre nach seinem Abitur in Plön ganz klassisch an Zeit und Platz, die Dinge selbst zu richten.

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Diese Zeit verbringt er lieber so viel wie möglich fahrend mit dem Chrysler, auch bei schlechtem Wetter. Nur Schnee und Salz bekommt das Full Size Car nicht unter die Puschen. Bei herrlichem Wetter macht dafür auch gern mal die ganze Familie einen schönen Ausflug mit offenem Dach. Und die Kaffeepausen werden dann so getaktet, dass der Motor nicht heiß gestartet werden muss. Das mag er nicht, da spielt er manchmal nicht mit… Also lassen wir ihn lieber laufen, während wir auf diesem für uns persönlich sehr geschichtsträchtigen Hof stehen und er mir all diese Geschichten erzählt. Schloss Plön. Krass, was aus dir geworden ist. Damals hab ich meinen verrosteten Taunus hier oben direkt neben den anderen Karren geparkt, bin hoch aufs Zimmer zu Heiko, und wir haben Gitarre gespielt und Baileys getrunken. Dem Gebäude selbst tut der neue Besitzer sicherlich sehr gut. Aber dieser Schleier der unantastbaren Erhabenheit ist irgendwie ungewohnt…

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Noch mal eine da rauchen, wo er es immer gemacht hat

Enno zeigt vom Hof des Internats auf das Zimmer, in dem er seine Jahre verbracht hat, und raucht noch eine Zigarette auf der Mauer. Dort, wo er es damals auch immer gemacht hat. Hier und da gab es Ecken, in denen das geduldet wurde. Da sind sie wieder, die Lücken. Der Chrysler läuft weiter im Standgas, lieber jetzt nicht ausmachen, die Security guckt schon ein bisschen nervös und wir sollten langsam trotz aller entgegengebrachter Toleranz wieder verschwinden. Unser zweites Ziel ist eine Non-Letter-Hommage. Wenn dem Chrysler selbst schon der Letter fehlt, dann fahren wir jetzt dorthin, wo uns früher die fehlenden Buchstaben gelehrt wurden: ins Gymnasium Schloss Plön.

Pausen-ROT zum Abi

Wenn die Klingel schellte war die Freizeit vorbei

BÄM. Flashback. Hinter diesen Mauern habe ich gelernt, geträumt und geflennt. Ich habe Klopapier geraucht und bin erwischt worden, ich habe Matheklausuren verkackt und verärgert den Mülleimer durch den Flur geschossen. Ich war verknallt, mal unglücklich, mal glücklich, wie Teenager das eben so sind. Enno scheint seine ganz eigenen Gedanken zu haben und ist recht schweigsam. Draußen auf dem Schulhof ist alles anders als früher. Während das Triebwerk im Stand weiter Superbenzin verbrennt und von den Backsteinwänden des Altbaus und dem Sichtbeton des Neubaus widerhallt, läuft er über den Kies bis runter an den See. Unser hölzerner Marterpfahl mit der Inschrift “ABI 90″ ist weg – wo er mal war, steht nun eine Art Wellblechbude: die neue Turnhalle. Das traditionsreiche, symbolträchtige Stück Holz soll noch jahrelang ausgebuddelt im angrenzenden Wald gelegen haben, inzwischen dürfte es dem Wurmfraß zum Opfer gefallen sein. Enno krabbelt zurück in den 300 und lässt das elektrische Dach hochsurren. Inzwischen finde ich hier ALLES symbolhaft, auch das.

Pausen-ROT zum AbiPausen-ROT zum AbiPausen-ROT zum Abi

Enno fährt seinen Chrysler auf das schwarze Pflaster in die “Oberstufenecke”, wo immer die Großen standen und geraucht haben. Und raucht seufzend gleich noch eine weitere Zigarette. Vielleicht auch zwei. Die große runde Uhr über dem Haupteingang tickt gnadenlos und unmissverständlich. Sie kündigt auch heute noch den Beginn des Unterrichts an, das Ende der Pause und irgendwann für jeden auch das Ende der Schulzeit. Danach beginnt der Ernst des Lebens. Damals wussten wir noch nicht, was alles auf uns zukommen wird. Wäre es so gewesen – hätten wir etwas geändert? Ich weiß es nicht. Gut, dass sowas nicht möglich ist. Das ist alles ganz schön lange her hier, und irgendwie zerrt das an uns. Egal, Posingbilder gehen immer.

Pausen-ROT zum Abi

Einmal noch die Schulbank drücken? Ach, nö lieber nicht.

Der Mann, mit dem ich zur Schule gegangen bin blickt, von Pathos ergriffen, auf sein Auto. Das steht jetzt hier vor einer sich ständig verändernden Kulisse, die er mit der schönsten Zeit seines Lebens in Verbindung bringt. Tatsächlich erinnert hier nur noch wenig an unser damaliges Dasein. Neue Generationen haben den Platz erobert und neue Bedürfnisse haben bauliche Veränderungen bewirkt. Und das ist auch alles gut so, wer sind wir denn, dass wir immer nur der Vergangenheit nachhängen würden? Es tut gut, den eigenen Erinnerungs-Schauer mal direkt auf jemand anderen und sein dickes Auto transponieren zu können. Denn es geht immer weiter – und mit einem solchen Traumwagen vielleicht sogar ein wenig gelassener.

Sandmann

Technische Daten
Chrysler 300 2-Door Convertible
Baujahr: 1968
Motor: V8 Big Block
Hubraum: 7.200 ccm (440 cui)
Leistung: 261 kW (355 PS) bei 4.400/min
Max. Drehmoment: 650 Nm bei 2.800/min
Getriebe: Dreigang-Automatik
Antrieb: Hinterräder
Länge/Breite/Höhe: 5.631/1.990/1.420 mm
Gewicht: 1.935 kg
Beschleunigung 0-100 km/h: 8,1 Sek.
Top-Speed: 190 km/h
Preis/Wert: ca. 25.000,- Euro

Original Artikel auf TRÄUME WAGEN

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26 Nov 2014
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Der Morgen danach

Der Morgen danach

Das zugewachsene Paradies

Was macht Mann an einem grauen Morgen, bei dem man nicht so richtig definieren kann, wie der gestrige Abend eigentlich so war? Definieren sowohl vom Endlich-mal-wieder-gesehen-Faktor als auch von der Menge an gemeinsam getrunkenem Rotwein? Und der Lautstärke der in die Nacht geschmetterten Lieder. Und der in Kerzenflammen aufgedampften Mücken. Eine ganze Menge undefinierbare Thematiken, ich werde mal langsam wach und komme dem Wunsch nach, meinen gebeutelten Körper in die Badestelle meiner Kindheit zu tunken. Den Oldenstädter See. Wenn es den überhaupt noch gibt.

Der Morgen danach

Ich habe schon besser geschlafen

Falls Sie erst jetzt dazuschalten, ich habe gestern Abend meine Sandkastenfreundin Silke besucht und bin nach vielen, nach sehr sehr vielen Wörtern und Noten und maximal einem halben Glas Wein :roll: irgendwann in meinen Autowagen gekrochen, um der Nacht und dem Schlafe zu huldigen. Mir wurde seitens der Mutter ein komfortables Gästezimmer mit einem richtigen Bett und richtigen Bettdecken angeboten, und es war gar nicht so leicht, ihr zu erklären, dass ich im Auto schlafen möchte. Ohne, dass es unhöflich wirkt. Aber ich schlaf nunmal gern im Auto, und das ist in diesem Jahr vermutlich die letzte Möglichkeit gewesen, das Ein-Stern-Hotel Sindelfingen ohne Heizlüfter zu bewohnen. Man gestattete es mir kopfschüttelnd und verständnislos lächelnd :-)
Die Nacht war dunkel, die Nacht war kurz und sie war vor allem – kalt! Ich habe schon wieder Patty Smyth im Ohr, die vom Sommer singt, der vergangen ist. Sie mag Recht haben. Immer noch mit dem dicken Pulli bekleidet krabbel ich kurz aus dem Daimler raus in die trübe Helligkeit, muss mich ein bisschen kalibrieren, laufe dann einigermaßen geradeaus in die Küche. Da steht ein opulent gedeckter Frühstückstisch, um den viele viele ausschließlich weibliche Menschen aller Altersgruppen sitzen, denen ich mitteile, dass ich noch ein bisschen Zeit erbitte. Ich wolle baden gehen.

Der Morgen danach

Hirn freiblasen. So oder so gut.

Wind im Gesicht. Morgenluft.
Das tut sehr gut. In Ripdorf lasse ich besagte Damenwelt, bestehend aus drei direkt miteinander verwandten Generationen, ähnlich kopfschüttelnd zurück wie nach der Ankündigung, den harten Mercedes Kofferraum einem weichen warmen Bett vorzuziehen. Im Kreis Uelzen scheint man im August pauschal nicht gern baden gehen zu wollen, wir Kieler sind da ein wenig anders gestrickt. Wir sind Wind, Regen und Kälte gewohnt. Wir finden das genausowenig toll wie andere, aber wir jammern nicht über das, was wir nicht ändern können ;-) Und ich sehe aktuell keine andere Möglichkeit, mich ins Hier und Jetzt zurück zu holen. Ändern kann ich hoffentlich den leichten, unangenehmen Druck in meinem Kopf, direkt hinter meinen Augen. Kennen Sie das, wenn es sich so anfühlt, als gingen Sie in Watte gepackt durch die Welt, während jemand versucht, mit einem Angelhaken und viel Kraft Ihr Gehirn vorn aus der Stirn rauszuziehen? Ich glaube ich darf noch gar nicht autofahren……
Hab ich gestern Nacht noch sinnentleerte SMS an die falschen Menschen geschrieben? Uff – nein, anscheinend nicht. Meine linke Hand ist müde und tut weh von viel zu vielen Gitarrenakkorden. Meine Stimme ist heiser. Und trotzdem bin ich irgendwie beseelt.

Der Morgen danach

keiner guckt zu. Also los.

Klappe auf. Strippen am Oldenstädter See. Dieses bewässerte Loch in der Erde ist die einzige mir bekannte Wasserpfütze weit und breit. Als in den 70ern der Elbe-Seitenkanal quer durch das Land gebuddelt wurde war das hier die Kiesquelle für die hohen Böschungen der Wasserstraße. Ein komplett künstlicher Baggersee mit einer kleinen Insel in der Mitte und unfassbar weißen Sandstränden, die damals viel zu tot und nährstoffarm waren, um der Natur Lebensraum zu bieten. Und das war auch gut so. Jeden Sommer drängten sich jung und alt hier und badeten, plantschten, bauten Sandburgen und ernährten sich angenehm ungesund mit all dem, was der kleine Kiosk so angeboten hatte. Ein kleines Cuxhaven in der Lüneburger Heide, ich habe es geliebt.
Schnitt.
Die gute Nachricht: Der See ist noch da. Die schlechte Nachricht: Nur mit meiner Badehose bekleidet wird mir nicht wirklich wärmer, und das hier vor mir sieht mehr wie ein naturgeschütztes Sumpfgebiet als wie der wimmelige Baggersee der 70er aus. Bis auf einen schmalen Pfad ist der komplette Strand rundrum zugewachsen mit Gräsern, Schilf und ziemlich hohen Bäumen, die verschwundene Insel schimmert nur noch trübe unter der grauen Oberfläche und der Kiosk ist zwar noch da, aber heute zu. Na klar. Ist ja auch kein Mensch weit und breit zu sehen. Egal. Ich will da jetzt rein in der Hoffnung, den Tag einigermaßen erfrischt beginnen zu können und nicht wie ein verwahrloster, nach Sprit stinkender Penner in Ripdorf am Frühstückstisch zu sitzen. Banzaiiiii!

Der Morgen danach

YAAAAAYYYYYYYYY

ARGH. Großartig! Ich bin drin.
Und ein längst verschütteter Gedanke zappt in meinen restalkoholisierten Kopf: Hier, genau an dieser Stelle habe ich Ende der 70er meinen ersten Toten gesehen. Ein junger Mann, der im Hochsommer nach ein paar Stunden Sonnenbaden reingelaufen ist und mit einem Herzinfarkt ertrank. Wir saßen quasi daneben, als sie ihn nach einer Stunde, viel zu spät, mit Tauchern rausgefischt und vergeblich reanimiert hatten. Diese tödlichen Temperaturunterschiede erfährt mein Körper heute nicht, das sehr frostige Wasser nimmt sich nix mit der ebenso frostigen Morgenluft. Aber drin sein ist super. Und rauskommen auch, denn es kann nun eigentlich nur wärmer werden ;-) Da bin ich wieder. Wenn ich vorhin diesen See mit einem kleinen Cuxhaven verglichen habe wird mir jetzt schlagartig klar, dass auch Cuxhaven vielleicht im Jahr 2014 nicht mehr zu den Top-Badeadressen der Republik gehört. Aus gutem Grund. Aber hier… wo wenn nicht hier badet man denn bitte schön, wenn man in Uelzen wohnt??? Abtrocknen, nochmal durchdeklinieren was ich damals am Kiosk alles gekauft hätte (Schnuller, Salzdiamanten, süße Frösche, Schleckmuscheln, Lakritzschnecken und das neue YPS Heft) und dann zurück an den Frühstückstisch, bevor auch der letzte Schluck Kaffee in der riesengroßen Familienthermoskanne kalt geworden ist.

Der Morgen danach

Hihi geil. 20 Jahre jünger

Ja. Besser jetzt :-) Ich kann auch nach dieser sehr angenehmen Schocktherapie keine Momente am vergangenen Abend rekonstruieren, die man peinlich berührt aufarbeiten müsste. Schade, dass alle Fotos entweder unscharf sind oder sehr stark verdeutlichen, dass wir ein paar Gläschen Wein zu viel getrunken haben. Ich musste Silke versprechen, die unveröffentlicht zu lassen, was ich gern mache, da ich selbst auch nicht sonderlich gut auf denen abschneide. Puh. Aber das Kopfweh ist noch immer da, ich gehöre zu der Kategorie Mensch, die oft erst am folgenden Abend einen richtigen Kater bekommen. Na das kann ja heiter werden.
Am Frühstückstisch, der jedem guten Hotelbuffet dramatische Konkurrenz machen kann, sitzt noch immer die Familie und plaudert, lacht und frotzelt. Seit meiner Anwesenheit dann auch gern über mich. Es ist, als wären nicht fast 30 Jahre vergangen, seit ich hier regelmäßig als Teenager aus und ein ging. Damals mochte ich allerdings noch keinen Kaffee, und da habe ich echt was verpasst. Kann ich bitte noch einen haben? Was für liebe Menschen. Ich bereue langsam ein bisschen, das Angebot mit dem Bett ausgeschlagen zu haben. Mein Rücken tut weh und meine rechte Schulter hängt irgendwie ein bisschen anders am Hals als gestern noch. Verdammt. Ich werde echt nicht jünger, warum hat mir das damals niemand gesagt?

Der Morgen danach

Die Dame schmunzelt ob des nassen Sandmanns

Silke wurde gestern Abend ein bisschen schneller betrunken als ich – heute ist sie allerdings auch ein bisschen schneller wieder nüchtern. Ich fühle mich noch immer nicht endgültig fahrtauglich (irgend jemand muss für die Statistiken mal die Anzahl der Rotweinflaschen rekonstruieren… Silke?), obwohl ich rund drei Liter guten schwarzen Kaffee in mir drin habe und mir gleich an einer Tanke hinter Uelzen für den Rückweg sicherlich noch einen weiteren holen werde. Tja. Hm. Schräger Abend, schräger Morgen. Gerade waren wir noch Teenager und hatten alles noch vor uns, und plötzlich sind wir erwachsen. Sie hat (wie sich das gehört) damals einen Jens geheiratet und lebt mit ihm und den beiden bezaubernden Töchtern im Lippischen. Ich habe keine Silke geheiratet, und es hat mich mit inzwischen drei bezaubernden Töchtern nach Kiel und Hamburg zerstäubt. In Uelzen sind wir alle nicht geblieben. Aber wir sind gern hier her zurück gekommen und werden es immer wieder tun. Wenn auch aus verschiedenen Gründen. Silke hat hier nach wie vor ihr Elternhaus und einen Teil ihrer Familie. Sie kann hier loslassen, sich mal von Mutti bekochen und die Seele baumeln lassen. Ich kann hier nur meinen Kindheitsakku aufladen. Der Rest ist weg, gehört unbekannten Menschen oder wurde eingeebnet. Aber trotzdem tut es gut, wieder einmal abgetaucht zu sein. Auch in das Wasser des O-Sees. Mit diesen Eindrücken kann ich nun wieder nach vorn gucken.

Der Morgen danach

Ciao Freundin. Bis bald mal.

Seit 1983 nicht mehr da. Und trotzdem irgendwie immer noch. Wenn ich Silke wiedersehe, auch wenn ich mich mal mit meinen guten Freunden Markus und Olaf in der Vorweihnachtszeit treffe ist alles wie immer. Wie früher. Woran liegt das? Was macht eine Freundschaft so besonders, wenn sie schon in der Grundschule begonnen hat und sich mit mehr oder weniger langen Pausen bis heute hält? Ist es das natürliche Vertrauen, was Kinder einander entgegen bringen und was sie später gegenseitig nicht so leicht brechen? Ist es die Einbildung, dass sie alle immer noch da sind, die einem vorgaukelt, dass sich gar nicht so viel verändert hat und man nicht so schnell altert wie alle behaupten? Oder ticke ich vielleicht nur allein so, denn die anderen drei leben ja hier immer noch, haben ihren Alltag und ihre Freuden und ihren Kummer und nicht diesen Zauber der für immer vergangenen Kindheit, der mir als “Vertriebenem” hier diesen sehr emotionalen Schleier über die Gegend legt? Ich weiß es wirklich nicht. Vielleicht werde ich es niemals ergründen. Aber es fühlt sich gut an.

Der Morgen danach

Kanal mit Aussicht

Gleicher Kanal, gleiche Brücke, anderes Auto. Wenn ich mir alte Fotos angucke kann ich anhand der Autos, die ich jeweils gefahren und in den Bildern geparkt habe rekonstruieren, wann das ungefähr war. Autos kommen und gehen. Gute Freunde nicht. Ich stelle meine Karre auf der Straße ab und steige aus, sollen die anderen doch drumrum fahren. Machen sie auch. Ohne zu hupen. Erstaunlich.
Da unten rechts ist die Siedlung, in der ich aufgewachsen bin. Der Acker nebenan. Und der Bauernhof. Es reißt mir fast das Herz raus. Es gibt Ereignisse, Verhaltensweisen und Verdrängungen, die können ein Kind echt kaputt machen. Ich glaube, manche Eltern sind sich darüber gar nicht im Klaren. Ich fahre zurück in meinen Alltag, zu den Menschen, die ich liebe und die heute an meiner Seite sind. Das ist so sagenhaft wichtig. Und wichtig sind auch die alten Freunde. Sie sind ein kleiner, konstanter Anker in einem aufgewühlten Meer voller Veränderungen.

Sandmann

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23 Nov 2014
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Silke

Silke

Ein Ausflug in die Vergangenheit. Ein echter.

Eine Reise in die Vergangenheit. Eine lange verschüttete Vergangenheit, hinter der jemand schon 1983 die Tür geschlossen hat. Hinter dieser Tür saß all die Jahre eine Spielkameradin aus der ersten Grundschule, eine Kinderfreundschaft, eine Jugendliebe. Und heute? Sie ist mit ihren Töchtern heute Abend in Ripdorf bei Uelzen. Wo wir endlose Sommer lang in den Feldern, zwischen Strohballen und in alten Autos gespielt haben. Wo ich als Teenager pathetische Liebeskummerballaden unter einem Kirschbaum gesungen habe, in dem 42 große Lebkuchenherzen hingen. Wo die Zeit stehen blieb. Ich habe den Daimler vollgetankt, die Gitarre und ein paar Reliquien der 90er eingepackt oder angezogen und sehe heute Abend…. Silke.

Silke

Verzeihen Sie mir – ich werde jetzt jemand anderes

Den Typen kennen Sie, oder? Ja. Ich auch. Von dem verabschieden Sie sich jetzt bitte mal für zwei Geschichten, denn der Sandmann wird heute wieder zu Jensi. Schlimm, hinten mit i. Total albern und peinlich für einen Mann über 40 im neuen Jahrtausend, das gebe ich gern und unter Zeugen zu, aber so um 1986 rum hieß ich nun mal so. Mit i. Das hatte sich so eingeschlichen, und eine handvoll Menschen nennt mich heute noch immer so, ohne dass es mir auffallen würde. Ich ziehe die fast schon angewachsenen Lloyd Halbschuhe aus und streife meine alten Chucks über. Mein schwarzes Hemd tausche ich nicht gegen ein T-Shirt aus den 80ern, auch meine Hose ist und bleibt eine graue Jeans, aber ich habe meine alte weiße Jacke aus Amsterdam wiedergefunden. Schlimme 90er. Die und einen rot-karierten Hoody gegen die Kälte werf ich auf den Rücksitz. Und noch ein paar andere Sachen wie meine Zahnbürste und ein Kuschelkissen, denn ich habe vor, mit Silke nennenswerte Mengen an Alkohol zu trinken, also werde ich am Zielort nächtigen. Keusch und brav in meinem Auto. Für ein Zelt und ein Fahrrad, das klassische Ensemble von 1986, fehlt im Frühherbst 2014 der Kirschbaum und die nächtliche Wärme des schwindenden Sommers.

Silke

was man so mitnimmt

Ich packe meinen Kombi, und ich nehme mit: Eine Gitarre. Ich packe meinen Kombi, und ich nehme mit: Eine Gitarre und zwei Flaschen französischen Rotwein. Ich packe meinen Kombi, und ich nehme mit: Eine Gitarre und zwei Flaschen französischen Rotwein und eine dicke Decke. Ich packe meinen Kombi, und ich nehme mit: Eine Gitarre und zwei Flaschen französischen Rotwein, eine dicke Decke und einen 8 Jahre alten Einweg-Grill. Das können Sie jetzt noch lange so weiterspielen, wichtig ist dabei nur, dass Sie alles mitnehmen, was sie hier auf der Ladefläche meines alten Mercedes sehen. Da sind noch ne Strandmuschel dabei (albern), Noten, Texte und Akkorde (hinter dem Wein liegend ahnt der Kenner die Noten von Simon & Garfunkel’s Greatest Hits), Würstchen, ein paar Tabakpfeifen, ne Lampe und ein Schlafsack. Ich fühle mich gut ausgestattet, ich weiß zwar wo ich hinfahre aber ich weiß absolut nicht wo ich ankommen werde. Was dieses Treffen nach Jahrzehnten für Geschichten bringen wird. Aber ich muss ja auch nicht alles vorher wissen. Probiere ich es einfach aus.

Silke

So, wir fangen mal an

Was weder Sie noch ich bisher in den Koffer gepackt haben ist die runde Nickelbrille aus den 20ern, die ich in den 80ern getragen habe. Urks. Ich habe sie noch, und ich nehme sie mit. Ich setze sie auf Silke Mal sehen ob die mich irgendwo hinter Lüneburg rauswinken, bei den Kasernen, in denen schon Joachim Witt seinen Wehrdienst leisten musste. Weil ich wie ein Sniper aussehe. Lustig ist auch, dass meine gute Kamera kaputt ist und die alte Sony Blog-Cam, die ich schon zu AutoBILD Zeiten nutzte, unerwartet das Datum ins Bild drückt Silke Was ich erst am nächsten Morgen bemerkt habe. Egal. Der frische Nordwind treibt mich in ein kleines Dörfchen namens Ripdorf, gleich neben Uelzen, direkt am Elbe-Seitenkanal. Mich trennen rund 180 Kilometer von diesem Ripdorf, das dauert ungefähr zwei Stunden. In zwei Stunden fährt mich dieser Mercedes aus dem Jahr 2014 zurück ins Jahr 1986. Das sind 85 Tage pro Minute. Also wenn die in Sindelfingen damals geahnt hätten, dass sie eine Zeitmaschine mit Common Rail Einspritzung bauen würden hätten sie den Wagen anders beworben.

Silke

Der Weg ist auch diesmal ein bisschen das Ziel

Heimat. Zu Hause. Wie definieren Sie das? Mein Zu Hause ist da, wo meine Familie ist, meine Freunde, Menschen, die mich lieben. Aber meine Heimat? Da bin ich aufgewachsen. Das wird immer und ewig Uelzen sein, die ziemlich unbedeutende Stadt in Niedersachsen mit einer Zuckerfabrik und einem Bahnhof, der nach Hundertwassers Tod so wie von Hundertwasser gestaltet umgebaut wurde. Auf dem Weg dahin kenne ich jeden einzelnen Meter, und das fühlt sich heute besonders schräg an. Die Leitpfosten entlang der Autobahn stehen im Abstand von 100 Metern, also fahre ich mit jedem Pfosten knapp 6 Tage weiter zurück in meine Vergangenheit. Wusch. 6 Tage jünger. Wusch. 12 Tage jünger. Das macht mir Angst. Ich tauche und tauche und höre dazu mit pathetischen Gedanken den Soundtrack meiner Jugend. Auf dem alten iPhone, was ich jetzt als mp3-Player benutze und mit dem Mercedes-Radio über einen schnöden Kassettenadapter verbunden habe läuft Patty Smyth. Die querdenkende Ex-Punk-Lady singt mir etwas vom schwindenden Sommer ins Ohr, dass sie es nicht glauben kann, und warum eigentlich nur die kalten und einsamen Zeiten immer so beständig sind? Und ist das da nicht Don Henley im Hintergrund? Ach ja, die 90er.

Silke

There are no mistakes in Love

Ja was, wie soll ich diese Gänsehaut denn jetzt wieder weg kriegen? Scheiße. Ich blicke auf ein ganz gutes Zeitpolster, ich bin früh losgefahren und heute ist nicht viel los auf den Bundesstraßen südlich Hamburg, rund um Lüneburg. Auf der B4 zwischen Lauenburg und Uelzen, dieser waldigen Überlandstraße im typischen Niedersachsen-Stil: Vereinzelte Birken links und rechts, und dahinter Kiefern und Felder. Was die Flächenland-Idylle stört sind die zahllosen Kreuze, ebenfalls links und rechts, und es sind gefühlt noch mehr da als Birken auf diesem langen Teilstück. Seit ich denken kann bullern im Herbst die langsamen Rübentrecker mit zwei Anhängern aus der ganzen Umgebung zur Zuckerfabrik und bringen die Zuckerrüben von den Feldern zur Verarbeitung. Und jeden Herbst überholen ungeduldige Autofahrer diese Rübentrecker, bei Nacht und Nebel, und immer einige den Gegenverkehr und die Robustheit der Bäume am Straßenrand. Während über der Lüneburger Heide der malzig-süße Geruch der Rübenkampagne liegt, wird auf der B4 gestorben. Einige Kreuze sind so alt, dass man sie kaum noch erkennen kann. Solche Gedanken sind nicht gerade gut dafür, die musikalisch verursachte Gänsehaut zu glätten. Also halte ich mal an und mach ein paar Bilder von dem Typen mit dieser irren Jacke.
Die Jacke habe ich in Amsterdam gekauft, und nein, ich war nicht im Drogenrausch. Sie ist älter als der Mercedes und hat im Gegensatz zu ihm definitiv keinen red dot Design Award gewonnen. Mit dem grob gewebten Ding und den bunten Aufdrucken bin ich in den 90ern tatsächlich rumgelaufen Silke Da waren die 80er schon lange vorbei. Im Postkasten steckten noch vor wenigen Jahren die handschriftlichen Briefe von Markus und Olaf, mit den neuesten Ereignissen aus dem Alltag und bunten, selbstgezeichteten Comics. Freundschaften haben sich neu geordnet, Kinder wurden groß und plötzlich ging so etwas wie das “Leben” los. In den 90ern kamen plötzlich Einladungen zu Hochzeiten, Geburtsanzeigen, safe the dates zu Kaffeekränzchen wegen Taufen und irgendwie auch die ersten Briefe mit wenigen Worten und einem schwarzen Rand. Fahrradfahrer wurden Autofahrer, Camper wurden Eigenheimbesitzer und Knutscher wurden Ringestecker. Ich habe sogar noch während meines Studiums, als sich die Wege der befreundeten Kinder verloren, den Kasperfaktor hoch gehalten und mich nicht nur schräg gekleidet. Ich habe mich geweigert, erwachsen zu werden. Und trotzdem ist es passiert, vielleicht genau deshalb viel verletzender als wenn ich mich freiwillig drauf eingelassen hätte.

Silke

Generationen treffen aufeinander

Aber was macht man in diesem Leben schon freiwillig? Ich habe gerade die schlimmsten drei Jahre hinter mir, die beschissendsten Nachrichten überhaupt bekommen und die klarste Erkenntnis, dass das Leben eines Erwachsenen es nicht immer gut mit dir meint erfahren. Und jetzt geht es weiter. Jetzt besinne ich mich auf die schönen Momente in dieser Zeit, die Lichtstrahlen durch die grauen Regenwolken und die Gegenwart von Freunden, die immer sein werden. Die einfach da sind, egal was passiert, die sich den ganzen Mist immer und immer wieder anhören und die am Ende noch immer da sind. Plötzlich bin ich erwachsen geworden. Hart und schmerzhaft. Innerhalb kürzester Zeit trennt sich Spreu vom Weizen, müssen Entscheidungen gefällt und muss losgelassen werden. Kryptisch? Ja, aber was soll’s, nicht mehr als sonst oder? Nehmen wir einfach das Leben so wie es ist und ändern wir die Dinge, die uns belasten. Das geht am besten, wenn man sich selbst nicht so ernst nimmt und eine bunte Jacke aus Amsterdam anzieht Silke Ich werf noch die Xenon-Brenner an, dann ist’s auch fein hell. Ich blicke nach vorn und heute gleichzeitig zurück. Das fühlt sich gut an. Sehr gut.

Silke

Licht? Ja. Auch.

Posing ging schon 1986. Damals war ich allerdings mit einem Fahrrad unterwegs, hatte viel längere Haare, Pickel und meinen Freund Lutz dabei. Im Jahr danach den Binz. Ripdorf bei Uelzen hatte eine magische Anziehungskraft für mich bekommen, ich war dort frei und fern meiner Eltern. Ich konnte dort mitten in der Nacht nochmal durch das Dorf laufen und über dies und das mit Lutz reden, ohne dass mich jemand fragt, wann ich wieder da bin. Selbstverständlich war Lutz ein bisschen in Silke verknallt. Binz im Jahr drauf auch. Und ich ja sowieso. Dieses leichte Kribbeln legte in jedem Sommer einen aufwühlenden Zauber des Verbotenen über die Abende und die Nächte. Wir waren Teenager, gebeutelt von Hormonen, getrieben von banalen Gedanken und gefangen in einem Jahrzehnt, in dem nicht ganz sicher war, ob vielleicht in ein paar Wochen alle im nuklearen Winter verrecken würden. Ich bin dieser Angst und diesen Gefühlen damals konkret mit zwei Aktionen begegnet: Gitarre spielen und Lebkuchenherzen in einem Kirschbaum aufhängen. Es gibt eine Menge Bilder von diesen Touren und diesen Tagen. Vielleicht tu’ ich Ihnen das beizeiten mal an Silke 2014 habe ich das Fahrrad gegen einen Mercedes-Benz S210 220 CDI Avantgarde getauscht, ne alte Karre, aber ich mag ihn. Der Weg ist der gleiche. Das Ziel auch. Die Gefühle sind inzwischen anders, aber noch immer interessant…

Silke

Damals war es ein Fahrrad

Merken Sie was? Ich zögere die Zeit raus. Ich habe echten Respekt vor diesem Abend, gut gelaunten Respekt, neugierigen Respekt, aufgeregten Respekt. Ich glaube, das ist ganz normal, wenn man eine alte Freundin, in die mal immer wieder mal ziemlich doll verknallt war und für die man damals ein paar echt verzweifelte Teenager-Balladen geschrieben hat, nach so vielen Jahren wiedersieht. Verkleidet als Jensi. Warum nochmal genau? Ach ja – um die Scheiße, die gerade am Abklingen ist ein bisschen bunter zu färben und der gesamten Szenerie eine lustige Absurdität zu geben. Das funktioniert. Allerdings passe ich in diese Jacke nicht mehr richtig rein, also weg damit auf den Rücksitz.

Okay Folks. Vorbei an der Siedlung, wo ich aufgewachsen bin und in der ersten Reihe dem Drama der Trennung meiner Eltern beiwohnen durfte. Vorbei an einem grauen Gewerbegebiet, was bis vor ein paar Jahren noch eine grüne Wiese am Rand des Waldes war, wo der Baum steht, in den ich alle meine Jugendlieben mit einem Messer eingeritzt habe. Vorbei an genau diesem Wald, den es noch immer gibt. Den Baum auch? Ich muss nochmal wiederkommen. Über die Kanalbrücke rüber, rechts ab – und ich bin da.

Silke

Statt Uelzen

Hier geht sie nicht erst los, meine Vergangenheit, ich bin schon mitten drin. Einmal links abbiegen, dann einmal rechts und die schmale Straße führt entlang der Mauer des Bauernhofes, wo ich all diese unbeschwerten Stunden verbracht habe. Der Name auf dem Schild ist noch immer der gleiche, aber so wie das hier aussieht gibt’s keine Schweine mehr. Früher gab es hier unfassbar viele Schweine in den Ställen, deshalb bekamen Silkes Eltern auch immer alles, was die irgendwie futtern konnten angeliefert. Und manchmal waren das die Überbleibsel eines Jahrmarktes und seiner Zuckerbäcker. Lebkuchen, Popcorn, was weiß ich noch alles. Und manchmal, wenn der Sommer fast vorbei war, haben die Schweine nicht alles davon bekommen. Manchmal hat ein nicht erwachsen werden wollender Teenager auch den ganzen Krams in den Kirschbaum gehängt.
Der Kirschbaum ist weg. Der Plattenweg dahin und die Hecke auch. Mist. Aber die Treppe zur Haustür ist die gleiche, der Klingelton kommt mir bekannt vor. Ich bin schrecklich aufgeregt. Silke macht die Tür auf und drückt mich. Als wären keine 15 Jahre oder so vergangen. Sie entkorkt den Wein, und ich werfe den alten Einweg-Grill an. Nicht unter dem nicht mehr anwesenden Kirschbaum, sondern unter einem Vordach mit Blick auf das, was vom damaligen Garten noch übrig ist. Gut so, denn es wird kalt und fängt leicht an zu regnen.

Silke

Würstchen auf dem Einweggrill

Reden. Unfassbar viel reden. Sabine ist anfangs auch dabei, Silkes große Schwester, die ich damals nur am Rande wahrgenommen hatte. Irgendwann ist man in einem Alter, da spielt es keine Rolle mehr, dass 8 oder 7 oder 9 Jahre zwischen den Anwesenden sind. Damals schon. Mit 16 war für mich jeder über 20 schon echt alt, und die Leute über 40 waren spießig, langweilig und scheintot. Krass. Ich bin inzwischen spießig, langweilig und scheintot, zumindest in den Augen des kleinen Jensi in den 80ern. Der sich damals gar nicht so klein fand. Wir bringen die Zeit seit der Jahrtausendwende auf den aktuellen Stand und trinken Rotwein. Ziemlich sicher viel zu viel davon, irgendwann (sehr bald) sind meine beiden Flaschen alle, aber in Ripdorf ist man vorbereitet. Was soll’s. Die Qualität der Fotos genügt anschließend nicht mal mehr dem Blog Silke Inzwischen ist es dunkel, der Regen hat wieder aufgehört, dafür kriecht die Kälte langsam an mir hoch. Mal schnell den Pulli anzuziehen. Ist noch Wein da?

Silke

Spät? Ja.

Zeit? Was ist das denn? Wir lachen und frotzeln, als wären höchstens ein paar Monate vergangen, seit wir uns zuletzt gesehen haben. Was ist in den ganzen Jahren passiert? Wir erzählen es uns. Und werden nicht müde, jedes noch so unwichtige Detail nachzufragen. Zwischendurch schweifen wir immer wieder ab in die 80er, zu den Kindergeburtstagen bei Michelle (inzwischen verheiratet, ich fuhr den Brautwagen, erinnern Sie sich?), zu Olaf (die sehr sehr emotionale Geschichte mit den Poesiealben) und zu Markus. Zu Menschen, die woanders sind und zu Menschen, die GANZ woanders sind, weil es sie nicht mehr gibt. Sie warten vermutlich jetzt auf die Antwort auf die Frage, wie ich die Beziehung zwischen Silke und mir im Jahr 2014 definiere? Ganz einfach: Wir sind Freunde. Und das waren wir doch schon immer. Wir singen die Lieder von damals und ein paar neue, die in den Folgejahren dazu gekommen sind. Die das Leben geschrieben hat. Ich habe ein paar Kerzen angezündet (es gibt so ein paar Lieder, da habe ich mir mal geschworen, dass ich die nur bei Kerzenlicht singen werde) und ich schwebe in einer zeitlosen Blase aus Vergangenheit und Gegenwart. All diese Geräusche um mich rum sind so vertraut. Es riecht wie damals, nach nassem Gras, nach Bauernhof und ein bisschen nach einem Sommer, der langsam vorbei ist. Komm Silke, lass uns eine Runde durch das Dorf gehen, bevor wir in unsere Betten krabbeln. So wie 1986.

Silke

Unterwegs durch Ripdorf

Der größte optische Unterschied zu 1986 ist, dass ich damals noch keinen Wein getrunken habe. Deshalb sind auch die meisten Bilder von damals echt super geworden. Heute ist das ein bisschen schwierig, die Melange aus antiker Digitalkamera, einer nicht näher bekannten Anzahl an Rotweinflaschen und einer Dunkelheit, mit der dieser Autofocus anscheinend nicht klarkommt legen einen Nebel des Vergessens über die Bilder. Silke friert. Also lege ich ihr meine schlimme Amsterdam-Jacke um, in die sie dankbar reinschlüpft. Ripdorf. Ich kann gar nicht sagen, ob mir diese abendliche Runde durch die Straßen noch in der Erinnerung hängt, weil es inzwischen so spät ist, dass alle Straßenlaternen ausgeknipst wurden. Und das bedeutet: Es ist dunkel. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie dunkel es in Niedersachsen sein kann, wenn das Licht aus ist. Aber das macht nichts, wir halten uns aneinander fest, schieben uns in die jeweils richtige Richtung und kommen irgendwann auch wieder heil und ohne gebrochene Knochen auf dem Bauernhof an. Silke geht schlafen. Ich auch. Sie nach oben in ihr altes Zimmer, ich bleibe hier in meinem Auto und krabbel so wie ich bin (nur ohne Schuhe) unter die Decke und den Schlafsack. Verdammt, ist das kalt. Der Sommer ist vorbei, ich kann es echt nicht glauben. Er war so schnell vorbei. Warum scheinen eigentlich nur die kalten und einsamen Zeiten immer da zu sein? Zitat Ende.

Silke

Kein Zelt. Viel besser als ein Zelt.

Gute Nacht ihr alle da draußen. Das war ein schräger Tag. Bevor ich in einen alkoholisierten, traumlosen Schlaf falle denke ich noch ein bisschen über Freundschaften nach. Warum sie so sind, wie sie sind. Und warum einige halten und andere nicht. Bevor ich mit diesen Gedanken zu einem Ergebnis komme schlafe ich auch schon ein. Durch das halb offene Fenster rauschen die Blätter im Nachtwind. Es riecht nach Zuckerrübensirup und Landluft, von fern höre ich die Autos auf der Umgehungsstraße fahren und irgendwo tutet ein Schiff auf dem Kanal.

Sandmann

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Created Sonntag, 23. November 2014 Tags Gitarre | Heimwärts Highways | Kanal | Kirschbaum | Lebkuchenherzen | Ripdorf | Silke | Sternstunden | Uelzen | Vergangene Verse Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
19 Nov 2014
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Nu komm schon, Winter!

Nu komm schon, Winter!

Ganzer Körpereinsatz

Einmal vorbereitet sein!
Der Mercedes-Benz S210 rostet. Das wissen wir inzwischen alle. Meiner auch langsam, hier und da, außerdem ist er echt verdreckt :-( Und der nasse und kalte Winter klopft schon an die Türen mit dem Kantenrost, den Unterboden und alles andere. Ich muss was tun! Geilerweise habe ich ein NIGRIN Carepaket bekommen :-D Werbung Werbung! Jahaaa und das ist randvoll mit so ziemlich allem, was ich heute Abend brauche. Nein, was der Daimler braucht, um einigermaßen konserviert die ersten Frostnächte und den ersten Schnee gelassen zu packen. Ich tauch mal ab. Und ich spritze, pumpe und wische. Kommen Sie mit?

Nu komm schon, Winter!

von vorn über die Flanke nach hinten

Ich fang mal im Keller an. Aus Ermangelung einer Hebebühne schredder ich auf meiner holperigen Garageneinfahrt die alten Auffahrrampen hoch (lassen Sie uns das Thema “Avantgarde – oder wie ein tiefergelegtes T-Modell zwei Auffahrrampen durch die Gegend schiebt” mal auf einen anderen Tag verlegen) und sprühe alle Bremsleitungen und alle Falzkanten unterm Auto dick mit Hohlraumwachs ein. Ich wusste gar nicht, dass es das auch von NIGRIN gibt :-) Es ist schön schmierig und klebrig und bringt mich schon nach wenigen Minuten sprötzelnd unter dem Wagen zu der Erkenntnis, dass ich mir dafür eigentlich besser Schrauberklamotten angezogen hätte. Nun. Es zeugt ja irgendwie auch von Respekt dem Fahrzeug gegenüber, wenn man seine Lieblingshose, teure Schuhe, ein gutes Hemd und Ringelsocken trägt. Der alte Herr hat das verdient. Zeitaufwand: Rund 20 Minuten. Dann habe ich das Gefühl, von unten ist für ein paar Monate alles okay. Wenig Rost hier, by the way. Ich bin erstaunt, ein wenig erfreut und tauche wieder auf. Felgen, jetzt.

Nu komm schon, Winter!

Botschaften im Schmutz

Lassen Sie uns über Alufelgen sprechen. Die habe ich schon bei meinem Audi V8 so sträflich vernachlässigt, dass sie am Ende nicht mal mehr anständig aufgearbeitet werden konnten. Und die waren von BBS ;-) Die hier am Benz sind noch ein wenig besser im Futter, aber durchs andauernde Bremsen wegen irgendwelcher Pinneberger Vollpfosten, die auf der Autobahn ohne zu Blinken die Spur wechseln hat sich hier eine Menge Dreck gesammelt. Über… äh… über mehrere Monate, ich glaube die letzte Reinigung hat der Wagen vor meinem Sommerurlaub nach Frankreich bekommen :roll: Jetzt kann ich lustige Worte in den Dreck kratzen. In meinem Carepaket findet sich auch was, das vom Namen her eher ein Bauteil für hochgezüchtete Rennmotoren sein könnte: Performance Evo Tec Felgenreiniger. Geil. Klingt so, als wäre die Felge danach nicht nur sauber, sondern rein. Und der Wagen um 30% schneller als vorher. Ich spritz mal los:

spritz spritzwisch wischstaun staun

Was mich total fertig macht: Ich glaube, dass die Felgen nun tatsächlich erstmals in ihrer Geschichte tatsächlich sauber sind. Wow. Die sehen ja richtig gut aus. Hm. Bin ich eigentlich ein Auto-Messie, weil ich meinen Wagen so selten pflege? Ich sollte da mal drüber nachdenken. Nein, lieber nicht, diese Behauptung habe ich in der Vergangenheit schon viel zu oft kundgetan. Ich lasse lieber Taten folgen. Und mache drinnen weiter, denn ich will trotz sauberer Felgen und konserviertem Unterboden in der dunklen Jahreszeit im Inneren meines preisgekrönten Lifestyle-Kombis ;-) nicht im Schmutz dahin vegetieren. Von der letzten Fototour vorgestern ist der Beifahrersitz ziemlich dreckig… ich stand da drauf rum, während ich aus dem Schiebedach raus erst einen BMW 2000 CS, dann einen 190er SL und dann einen Volvo P1800 in schneller Fahrt fotografiert habe. Vorher stand ich auf einem matschigen Acker rum und fotografierte die VORBEIfahrt der genannten Kandidaten. Ups. Falsche Reihenfolge – Flecken im guten Gestühl mit dem spät90er Design. Im Wintervorbereitungspaket von NIGRIN steckt ein feiner Polsterreiniger, der auch diesen Performance-Zusatz im Namen trägt. Wenn der den Dreck genau so wegbrennt wie der Felgenreiniger habe ich nachher nagelneue Sitze :-D Oh. Da ist sogar eine Bürste dran. Cool, gleich mal ausprobieren…

Nu komm schon, Winter!

Für die zarte Haut ab 40

Kitzelt ein bisschen, riecht aber angenehm und schmiegt sich der Gesichtsform dank Hyper-Boost perfekt an. So, der Bart ist einigermaßen getrimmt. Das geht vermutlich mit anderen Geräten besser, aber das ist a) eine andere Geschichte und b) dann nicht mit so einem duftigen, schaumigen Geruch verbunden ;-) Gniiihihi. Okay, werden wir wieder ernst. Ich schau mir das Gebilde einmal genauer an und begreife es nach nur wenigen Minuten. Die Bürste kann drauf bleiben, weil ich hinten einen Plastiknippel eindrücken und dann direkt unter dem Schrubber durch sprühen kann. Leider habe ich das erst nach dem Foto kapiert… Später lernte ich dann, wie ich die Bürste wieder draufbekomme.

Nu komm schon, Winter!

Der erste Schnee!!!

Da kommt er also schon mal vorzeitig, der norddeutsche Winter. Und voll auf den Beifahrersitz. Es spruutzt, es schäumt und es britzelt regelrecht episch. Ich kann hören, wie die kleinen Performance-Schaumpartikel sich mit Kriegsgebrüll auf die Flecken stürzen und sie einen nach dem anderen wegfressen, als wären sie ihr Lebenselixier. Banzaiiiiii! Vielleicht sind das auch die heute zum zehnten mal von der Schaukel gefallenen Nachbarskinder, ich weiß es nicht, wittere aber schon jetzt weniger Schmutz. Mit der Bürste, an der noch Barthaare von mir hängen massiere ich die Winterwelt liebevoll in das Gestühl und nehme mir vor, das nachher noch wegzusaugen. Klasse. Ich liebe solche Schrubber-Kombinate, im Urlaub bin ich auch immer der erste an der Handwasch-Schüssel, wenn Rainer Tube und sein Bürstenaufsatz dem Kragenspeck der T-Shirts auf den Pelz rücken müssen. Aber ich schweife ab. Was mit den Felgen und den Sitzen ging wird ja wohl auch im Cockpit funktionieren? Jetzt bin ich richtig warm geputzt. Ich wische mit dem Finger, bin entsetzt und lasse den Kunststoff Tiefenpfleger sprechen. Da ist wirklich alles dabei, in diesem Karton für den eifrigen Blogger. Und das Ergebnis ist super, abgesehen von den beiden nicht mehr funktionierenden Displays in meinem KI, aber dafür kann NIGRIN nichts, die gingen schon vorher nicht ;-)

Nu komm schon, Winter!Nu komm schon, Winter!Nu komm schon, Winter!

Zeitaufwand: Rund 15 Minuten. Mein halbfinnisches Fräulein Altona wird erschüttert sein, wenn sie das nächste mal in den Daimler einsteigt. So sah er schon seit Monaten nicht mehr aus. Nun gut, wehe wenn sie losgelassen! Und jetzt kommt’s. Was ich RICHTIG geil finde und was ich seit 25 Jahren im Auto vermisse (wahrscheinlich gibt es das schon immer, ich hab’s bisher nur nie gefunden) ist der sagenhafte Beschlag-Weg-O-Matic-Hi-Performance-Booster, bei NIGRIN heißt er aus noch ungeklärten Gründen etwas weniger ausufern nur Anti-Beschlag Pumpzerstäuber. Was macht der? Er verhindert, dass ich in den Übergangsmonaten, wo sich das Wetter noch nicht so richtig entscheiden kann, ob es nur kalt oder richtig kalt und feucht oder nass ist, wie ein Kasper in der Puppenstube vor meiner Scheibe rumzucke und mit irgendwelchen schon benutzten Servietten aus der Türtasche den schmierigen, beschlagenen Siff innen von der Scheibe wische. Er verhindert angeblich das Beschlagen als solches. Ich bin begeistert.

Nu komm schon, Winter!

Adios beschlagene Scheiben

Und dann zucke ich ein letztes mal wie der Kasper in der Puppenstube vor der Scheibe rum, diesmal aber, weil ich für das Foto draufgehaucht habe. Ich beschließe, das Wundermittel auf meiner Seite mal sozusagen halbseitig im Mit- und Ohne-Test anzuwenden. Doof ist dabei nur, dass momentan das Wetter nicht mitspielt, es ist einfach zu warm und die Scheiben beschlagen sowieso nicht. Hm. Aber auf der Dose steht, dass ich mit mehreren Wochen Langzeitwirkung rechnen kann, also werde ich mich vielleicht in einer der kommenden frostigen Novembernächte daran erinnern? Doch moment – bei allen coolen Effekten, die eine nicht mehr beschlagende Scheibe mit sich bringt, muss ich vor allem eines loben: Der Pumpzerstäuber sieht cool aus und hat irgendwie den Appeal einer alten Ölkanne, diese goldenen Dinger mit diesem komplizierten Hebelpumpmechanismus. Industriedesign in Vollendung. Und es macht auch noch richtig Spaß, mit dem Ding ganz ohne Treibgas das Tuch vollzujauchen. Ich lass da mal den Sandmann ran.

Nu komm schon, Winter!

haptische Erlebnisse mit dem Sandmann

Sagenhaft. Nein, nicht der fehlende feuchte Nebel, sondern die Menge an Dreck, die ich mit diesem Mittelchen von der Innenseite meiner Scheibe runterhole. Dabei ist das dafür gar nicht gedacht gewesen? Wo kommt dieser Mulch her? Ich rauche nicht im Auto! Ih bäh. Na gut, ein netter Nebeneffekt. Das angetrocknete Nebel-Weg reibe ich mit meinem Fensterschwamm runter und blicke durch eine klare Scheibe nach draußen. Ob sie jemals wieder beschlagen wird werde ich in den kommenden Tagen sehen.
Ich fühle mich wundervoll vorbereitet. War gar nicht so schwer. Nächstes mal ziehe ich mir etwas andere Klamotten und vielleicht auch Handschuhe an. Hemd und Hose sind nun ein bisschen… öh… also ich sag mal, ich könnte die Schrubberbürste zur Polsterreinigung nochmal sprechen lassen. Und meine Hände sind ein bisschen ZU sauber. Vielleicht habe ich mich aber in die Aufgabe auch nur ein bisschen zu tief reingekniet?

Nun kann er kommen

Nun kann er kommen

Womit konserviert ihr denn so eure Autos? Womit macht ihr sie sauber? Innen wie außen? Habt ihr Tipps für mich, speziell zur Rostvorsorge? Irgendwie kocht da ja jeder sein eigenes mehr oder weniger erfolgreiches Süppchen. Ich breche hier und heute eine Lanze für NIGRIN. Das Paket, was die Damen und Herren mir zugeschickt haben hat noch mehr tolle Sachen drin gehabt, außerdem ein paar Anstecker und ein paar Bonbons ;-) Und ich verlinke nur allzu gern auf die Produktübersicht, wo alles mal gebündelt zu sehen ist:
NIGRIN Autopflege Produktpalette innen/außen
Und jetzt harre ich eurer und Ihrer Tipps, wie ich meinen rostenden Mercedes über den Winter bringe. Ein Anfang ist gemacht. Von unten ist er gewachst, von außen und von innen duftig und entnebelt. Ein guter Abend. Auf in einen neuen Tag :-)

Sandmann

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Created Mittwoch, 19. November 2014 Tags Anti-Beschlag | Anwendung | Felgenreiniger | Fremde Federungen | Hohlraumkonservierung | NIGRIN | S210 | Scheibenreiniger | Sternstunden | W210 Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
 
16 Nov 2014
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Friedhof der Geschichten

Friedhof der Geschichten

Ich seh dir in die Augen, Kleines

Schrottplätze, Autofriedhöfe, heute heißen sie fast alle “Verwerter” – faszinieren mich seit meiner Kindheit. Damals bedeuteten sie für mich das Eldorado zum Verstecken spielen und zum Klauen von kleinen, glänzenden Dingen. Meist wurde ich am Ende des Tages von einem unfreundlichen Besitzer und einem lauf kläffenden Schäferhund verfolgt. Zwischendurch waren Schrottplätze meine einzige bezahlbare Quelle von Ersatzteilen für die Autos, die täglich meinen Alltag begleiteten. Und die mir Geschichten von längst vergessenen Vorbesitzern erzählten. Und heute? Hihi :-) heute sind Schrottplätze noch immer genau das, was sie für mich früher waren. Nur dass sie immer seltener werden. Ich habe einen in der Nähe von Hamburg entdeckt, der mehr als nur eine kleine Überraschung auf der grünen Wiese bereit hält.

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Hier sind sie alle auf ewig vereint

Oststeinbek liegt im Osten von Steinbek Hamburg, genau da, wo täglich auf der A1 immer das Verkehrschaos in Richtung Lübeck stattfindet. Ich habe nicht gewusst, dass hier ein riesengroßer Schrotti ist, bis ich einem der Mitarbeiter dieses Unternehmens über ebay Kleinanzeigen ein paar angerostete Reparaturbleche für kleines Geld vertickte. Und weil’s fast am Weg liegt dachte ich mir so – bringe ich sie ihm doch mal persönlich vorbei. Das war eine gute Idee. Der Deal ist gelaufen, und jetzt stehe ich hier zwischen den üblichen Verdächtigen französischer, italienischer und asiatischer Herkunft, meist aus Zeiten nach der Abwrackprämie. Aus allen sind schon die Flüssigkeiten abgelassen, deshalb dürfen die hier inmitten einer wild wuchernden Graslandschaft ihrem Schlachtfest entgegen dämmern. Und das sieht wundervoll oldschool aus. Aber nicht nur fast rostfreie Kleinwagen liegen an diesem gut versteckten Ort wie Perlen an der Schnur aufgereiht rum, da verbergen sich hinter der einen oder anderen Dachkante doch glatt wahre Schätze!

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Daimler. Nicht Rolls.Trotzdem mal richtig teuer gewesen

Argh. Das ehemals weiße Ding verdunkelt die Sonne. Was für ein Ungetüm von einem Auto. Ein Daimler DS420, wie ich auf Facebook gelernt habe, ich hatte zuerst an einen Rolls Royce gedacht (aber die liegen ja gar nicht so weit voneinander entfernt). So oder so ein unwürdiges Ende für ein mehr als würdevolles Auto. Was mag passiert sein? War er eine Staatskarosse, schon etwas marode und wurde nicht mehr gebraucht? Gegen einen mit Elektronik vollgestopften A8 ersetzt? Viel ist nicht mehr dran an dem Riesenschiff, im Inneren quellen Schläuche und Kabel aus der British-Elend-Zeit aus dem nicht mehr vorhandenen Armaturenbrett, Gras wächst durch die Handgroßen Rostlöcher von unten rein und wenn man nicht irgend eine wirklich absurde Wette verloren hat sollte man von diesem… äh… Auto wohl lieber die Finger lassen. Aber er ist glaube ich auch nicht zum Komplettverkauf hier geparkt.

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Ach komm, ein bisschen Isolierband und dann geht das

Außerdem ist er ein Rechtslenker, den will zumindest ich persönlich sowieso nicht. Bäh. Hier drin stinkt’s :-( Und nicht mal Sessel im Angebot. Ich erfreue mich der puren Präsenz so eines automobilen Dinosauriers und wende mich inspiriert lächelnd um. Der Blick schweift über den großen, nicht gepflasterten Platz. Mittendrin stehen ein paar kleine Hallen, vor denen Autos undefinierbarer Herkunft filetiert werden. Der Zaun mitten drin ist recht hoch. Hier hängt ein Schild “Betreten verboten”. Oh. Aber ich hab ja vorn Bescheid gesagt, das wird schon okay sein. Nicht, dass ich nachher wieder von einem wütenden Besitzer und seinem Schäferhund verfolgt werde, ich kann nicht mehr so gut über Zäune klettern wie damals…
Gleich neben dem Daimler liegt noch ein anderer Zeitzeuge aus dem vergangenen Jahrtausend auf dem Boden rum, linksgelenkt und ein wenig plüschiger.

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Zeitzeugen, noch vor 9/11

Ein Oldsmobile, eine frontgetriebene, äußerlich sagenhaft hässliche Designblase aus dem letzten Jahrzehnt des abgelaufenen Millenniums. Die Karre ist in einem Amerika gebaut worden, was noch nicht von 9/11 erschüttert war. Wo der Genuss des kommoden Wohnzimmer-Plüschs Vorrang hatte vor Multifunktionsdisplays und Bluetooth-Kommunikationseinrichtungen. Ein Auto mit vier Rädern und einem Motor vorn, gebaut, um bequem zu fahren. Mehr nicht. Nicht jedermanns Geschmack, vor allem nicht mit V6 und Reihe 4 Motoren, aber als Zweitürer definitiv oldschool und vom Cruisingfaktor Ur-Amerikanisch. Geil. Und jetzt tot. Hat der Ami, der seinerzeit in einem recht biederen wiedervereinten Deutschland auf seine ganz eigene Art ein Ausdruck provokanter Rebellion der oberen Mittelklasse war, mal einem Studienrat gehört? Einem, der sich von seinen Kollegen in ihren Nissans, BMWs und Audis abheben wollte? Mein damaliger Kunstlehrer könnte in dieses Schema passen, aber der hatte einen Chevy Caprice. Den fand ich tatsächlich cool :-) Aber zurück zum Stichwort “bieder”, zumindest aus damaliger Sicht.

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Der Urvater der Livestyle Kombis

Jetzt kommt es Schlag auf Schlag. Im Hintergrund sehe ich einen Goggo auf einem Schuppendach stehen, aber da ist ein Zaun drumrum. Hinter mir hat ein 123er T-Modell seinen letzten Parkplatz gefunden, tatsächlich und endgültig, er hat nicht mal mehr seine Reifen und Felgen :-( Der einst teure und stolze (und biedere) Urvater aller Lifestyle-Kombis sieht nicht so aus, als hätte er mal einem Handwerker als Lastwagen gedient. Vielleicht war es eine kleine, wohlhabende Familie, die den Benz immer für Reisen in den Urlaub genutzt hat? Hinten drin das Gummiboot und anderer Kram der frühen 80er Jahre? Was mag damals im Kassettenradio gelaufen sein? Mr. Roboto von Styx? John Wayne is Big Leggy von Haysi Fantayzee? Oder nein, in so einem Fahrzeug der gehobenen Mittelklasse war vielleicht eher Klassik aus dem Radio zu Hause. Und als “Zu Hause” konnte man diese rollenden Wohnzimmer damals wie heute bezeichnen.

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Ich seh den Sternenhimmel

Ups. Der alte Herr kommt aus Dänemark :-) Also war es vielleicht eher dänische Volksmusik, die dort gern mal belästigenderweise ins lokale Radioprogramm eingeflochten wird. Wir werden es nie erfahren. Auch warum die anderen Sterne hier gestrandet sind wird für immer im Dunkeln bleiben. Jedenfalls liegen sie hier schon länger rum, während wir inzwischen Sonden zu Kometen schicken, die 500.000.000 Kilometer weit weg sind. Und sie dort sauber einparken, leider im falschen Krater, deshalb bleibt das jetzt auch alles im Dunkeln. Aber das ist eine andere Geschichte. Weitere 123er. Ein 124er. Zustand? Weiß ich nicht, ich hab heute eigentlich gar nicht so viel Zeit mitgebracht, um das hier alles in Ruhe begutachten zu können. Ich wollte doch eigentlich nur diese Bleche abgeben…? Das habe ich inzwischen auch getan, aber ich kann einfach noch nicht weiterfahren. Eine letzte Runde noch, da hinten war ich noch nicht…

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Stiefpapas Passat…..

Aaaah! Ein Passat B2 als Variant! Was man alles für lustige Namen für den Kombi gefunden hatte. T-Modell, Variant, Karavan, Turnier, … Der Mann, dem es in den frühen 80er Jahren gelungen war, das Herz meiner Mama ein zweites mal zu erobern rollte damals mit so einem Kombi in marsrot vor unsere Tür. Er war der Grund, warum wir 1983 aus meiner Heimatstadt weggezogen sind. Das hat er nicht böse gemeint, ich bin wohl am Ende auch ganz froh dass ich nicht im niedersächsischen Uelzen hängen geblieben bin, aber trotzdem war er Schuld… Der rote Laster hat mich durch meine Teenagerzeit begleitet und war eine Art Heiligtum, das ich nicht mal ausleihen durfte, als ich den Führerschein endlich hatte. Nur zum Einkaufen, das war erlaubt, auf eine Party zu Freunden nicht *grummel* Kein Wunder, dass ich mir sofort ein eigenes Auto zulegen wollte! Und jetzt verrottet hier einer. Damals fand ich den irgendwie öde. Heute ist er so selten geworden, dass ich ihm regelrecht ein wenig Attraktivität abgewinnen kann. Zumal mich das mit meinem halbfinnischen Fräulein Altona eint – ihre Eltern fuhren den auch. In metallic grün. Ich glaube, JEDER hatte damals einen Passat, oder?

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Flora und Fauna gediuhen

Zwischen den vereinzelt gestreuten Highlights liegen die typischen Wegwerfautos rum, nach denen wir uns in 20 Jahren vermutlich die Finger lecken werden – weil niemand, aber auch wirklich NIEMAND die heute und gestern aufgehoben und gepflegt hat. Irgendwelche Peugeots, Opel Corsas oder Polos. Werden das jemals Klassiker? Ich fürchte: Ja. Mich interessieren viel mehr die Pflanzen, denen es hier ziemlich gut zu gehen scheint. Sie bieten ein gemütliches Zuhause für allerhand Getier :-) Die ersten Spinnen des Herbstes flechten ihre klebrigen Netze zwischen Gräsern, Büschen und Stoßstangen, verlagern ihren Hauptwohnsitz in den windgeschützten Bereich eines elektrisch verstellbaren Außenspiegels und seilen sich von nachträglich angebauten Nebelschlussleuchten ab. Niedlich. Ach hey. Guck mal. Was sehe ich DA denn??? Jahaaaaa ♫

Friedhof der Geschichten

EIner der letzten hier Überlebenden

Eingekeilt zwischen ein paar Bayerischen Motorwagen, einem Audi 80 und einem Hiun… Hyund… Hyiundai? Hunday? Wie schreibt man denn diesen koreanischen Mist??? Jedenfalls einem Nexia, was mal ein E-Kadett war, dazwischen steht ein: Audi 100 Typ 43 VorFaceLift! *seufz* Ein wahnsinnig seltener GLS mit Velours, Plüsch, Chrom, Schiebedach und dem gleichen großen Vierzylinder wie mein Dottore. Und noch alles dran, niemand hat hier irgend etwas abgebaut oder kaputt gemacht! Niemand außer Petrus, der es hat regnen lassen. Immer wieder. Ich habe selten so einen verrosteten Unterboden wie diesen gesehen. Vom fast genau so durchgerosteten Dach (DACH!!!) fange ich gar nicht erst an :-) Aber davon abgesehen – Teile. Viele viele käufliche Teile. Und da ist sie wieder, die Erkenntnis, dass Schrottplätze für mich noch immer das sind, was sie mal waren. Bedeutet: Ich muss wohl nochmal wiederkommen. Mit ein wenig Werkzeug und ein bisschen Bargeld.

Rücksicht

Rücksicht

Das grüne Innere des nicht verschlossenen Mittelklasse-70ers ist nahezu makellos. Ich brauche leider nix Grünes :-( Ui, und jemand hat mal das Zündschoss recht rabiat ausgebohrt. Das scheint ein allgemeines Problem bei diesem Modell zu sein :roll:ich kenne das ja auch. Aber ich war bei meinem ein bisschen liebevoller…. Auf der Hutablage liegt irgend so ein 70er Jahre Fussel, und ich sehe die alten runden Lautsprechergitter…. Big Love! Schnell weg hier, ich habe schon lange mein Zeitfenster überschritten…
Harry Kloss in Oststeinbeck. Da muss ich noch mal hin. Beim Rausgehen erfrage ich noch ein paar grobe Preise von Teilen am “alten, verrosteten Audi da hinten”. Mist. Man weiß anscheinend, wie selten der ist. Die Preise klingen trotzdem fair. Ich will: Radio, Doppelvergaser, B-Säulenverkleidungen, Zierleisten, Fensterkurbeln und das Cockpit mit Drehzahlmesser. Ich werde wiederkommen. Laufen Sie derzeit nicht weg.

Sandmann

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15 Nov 2014
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Du BIST wie du SITZT

Du BIST wie du SITZT

So nicht auf Dauer.

Die ewige, unsterbliche Frage nach dem passenden Gestühl in des Deutschen liebsten Spielzeug ist genau so polarisierend wie die Frage nach der Schönheit oder Hässlichkeit bestimmter Felgen. Soll das Sofa original sein? Leder oder Stoff? Kann ich hier auch mal gewagte Farben in den ansonsten mausgrauen Alltag bringen? Ich bin bei der Suche nach neuen Sitzlösungen für meinen Dottore auf eine Seite gestoßen, die mir leider nicht helfen kann. Aber die ich Ihnen nach einem Telefonat mit dem Schef mal vorstellen will, denn in einem anderen Leben mit einem anderen Auto hätte ich angebissen. Überzieher für die Sitze. Und alles, wirklich ALLES andere als das, was man an Plunderware vom Discounter kennt…

Du BIST wie du SITZT

Ein Sessel für den Herren

Die Sessel meines Dottore sind durchgesessen, von der Sonne und den nicht getönten Scheiben porös wie alter Lebkuchen, faltig und teils zerrissen. Neuwertige Sitze im originalen blau aus Stoff gibt es für dieses Auto keine mehr. Und ein Sattler möchte für die neuen Bezüge vorn und hinten mehr haben als mein gesamter silberner Blechhaufen wert ist. Sitzbezüge zum Nachkaufen gibt es schon fast so lange, wie es Sitze gibt. Und wer einmal das komplette 9-teilige kunterbunte Stoffset aus dem Supermarkt für 29,95 auf seine Sessel gezogen hat macht das kein zweites mal. Das sieht nicht nur sagenhaft billig aus, das hält nicht mal eine TÜV Periode. Und die Leute, die in den 2014ern immer noch auf das Wohnzimmersofadesign der frühen 90er stehen (oft zu finden in ostdeutschen Gaststätten) werden auch weniger. Alles keine Optionen. Über 12 Ecken durch meine Mitarbeit am GRIP Motormagazin (dem gedruckten) und ein wenig rumgegoogel hab ich eine Seite gefunden, die ein paar Sachen besser macht als die anderen :-) Und hatte ein langes, sehr freundliches Telefonat mit dem Geschäftsführer. Ladies and Gents – die Seat Styler sind da. Und wir schwenken gleich mal auf einen 3er BMW mit roten Kedern.

3er BMW? Hata da.

3er BMW? Hata da.

Die Jungs aus Berlin bieten maßangefertigte Bezüge für die Sitze und die Seitenverkleidungen nach Herstellervorgaben an. Also Naht auf Naht. Da wirft nix Falten und da spannt nix, da bröselt nix und da verbiegen keine Klammern. Die sehen aus wie frisch gesattelt! Wermutstropfen für mich: Mein Audi ist zu alt :-( Für den gibt es keine Bezüge mehr. Also auch kein Anreiz in Form einer neuen Garnitur, wenn ich diesen Artikel schreibe. Mist. Aber Herr Schuster am Telefon schickt mir gleich mal ein paar Bilder, die ich meiner Tochter nicht zeigen darf. Für ihren A3 gibt es nämlich sehr wohl ziemlich sexy Häute. Ob man jetzt Voll-Leder in mehreren Farben mag oder nicht liegt im Auge des Betrachters, da komme ich wieder zu der Analogie mit den Felgen :-) Stehen Sie auf sowas? Käme das in Frage? Wollen Sie mal ein Beispiel mit altem Audi, wenn auch nicht dem meinigen?

Du BIST wie du SITZT

Leder für den A3 8L

Herr Schuster zählte am Telefon noch ein paar weitere Modelle auf, die ich durchaus in meinem näheren Umfeld wiederfinde. Und das sind garantiert nicht nur die top-aktuellen Spoilerhupen koreanischer Herkunft, da sind auch Klassiker mit Rang und Namen dabei. Hauptsache, es fahren noch viele davon rum, sonst lohnt eine Maßanfertigung natürlich nicht. Denn so teuer sind die gar nicht. Der Standard-Pimp, also eine Vielzahl von fertigen Varianten für alle Sitze wird im Set schon für weniger als 300 Euro verschickt. Kommt natürlich ein bisschen auf das betreffende Auto an, und die Sonderwünsche gehen ein bisschen mehr ins Geld. Aber hey, die durchgesessene Lederausstattung von ebay kostet auch gern mal 500 Euro plus Versand oder an Selbstabholer, oder? Und echtes originales Leder gibt’s hier nagelneu zwischen 700 und 800 Euro. Wenn Sie einen Mercedes 190 chauffieren und schon lange mal drüber nachdenken, die fleckigen und durchgerittenen Stoffsitze nach 500.000 Kilometern endlich mal aufzuwerten – schwarzes Leder kommt gut.

Du BIST wie du SITZT

Mercedes 190? Na klar. Steht ihm gut.

Auf der Seat-Styler Seite kann man sich fein austoben und gedanklich schon mal seine Weihnachtswünsche zusammenkonfigurieren. Das geht auf Bestellung und beginnt bei Lederoptik, also Kunstleder und endet bei echtem Leder. Dazwischen oszillieren ungezählte Designs, Farbkombinationen und Varianten von “angenehm dezent original” bis hin zu “superabgefahren und schrill”. Schlicht schwarz oder zweifarbig? Ich mag’s ja lieber schlicht, aber jeder wie er will. Die Süddeutsche Zeitung hat gelobt und gepriesen, GRIP hat getestet und 5 von 5 Sternen vergeben und der Hersteller Zacasi legt nochmal drei Jahre Garantie drauf. Und eine DVD, wie die neuen Bezüge passgenau montiert werden. Je länger Herr Schuster redet, desto mehr überlege ich mir, ein neues Auto zu kaufen. Eins, was bei Seat-Styler im Programm ist und beliefert werden kann ;-) Lars, wie sieht es aus, neue Stühle für euer Golf 1 Cabrio? Das wäre dann ungefähr so:

Du BIST wie du SITZT

Neue Sitze für Lars Kohlkopfs Golf?

Für meinen Audi habe ich inzwischen eine andere Lösung finden müssen. Auf den durchgerittenen Lumpen will ich nicht mehr sitzen, und meinen Töchtern ist es langsam regelrecht peinlich. Mein Kumpel Stefan hat in Lübeck noch gute blau-graue Stoffsitze aus einem alten 200er, die hole ich kommende Woche ab. Und die zerschlissenen fliegen komplett raus. Aber für euch und Sie hab ich mit Seat-Styler eine Kooperation ausklamüstert: Wer Interesse an neuen Sitzbezügen hat (die kann man ja auch super dem Schatzi zu Weihnachten schenken) bekommt mit dem Sandmanns-Welt Gutscheincode bei einer Bestellung über die Website eine sexy Zusatz-Option zum halben Preis und einen Rabatt von 10 Euro auf die Bestellung*
Du BIST wie du SITZTKlick Klack auf das Banner, und dann sehen wir weiter :-) Und nicht verschreiben beim Code ;-) Cool? Ich hoffe. Und wenn das nicht Ihren Geschmack trifft, teilen Sie mir das gern mit. Ich freu mich auch hier und vielleicht gerade hier auf Kommentare sowohl positiver als auch kritischer Art. Kommen solche Bezüge für das eigene Autogestühl prinzipiell in Frage? Oder gibt es im Freundeskreis vielleicht Seat Styler? Dann scheucht sie mal auf die Seite und gebt ihnen den Code. Oder schaut mal bei den Jungs auf Facebook vorbei: FACEBOOK-LEDER Oder, wenn Sie aus Berlin kommen – rufen Sie den Herrn Schuster mal an und machen Sie einen Termin vor Ort, natürlich kann man sich die Beispiele auch live anschauen, beschnuppern und betasten. Ich werde das mal machen, wenn ich das nächste mal am Hackeschen Markt zur Redaktionskonferenz der Sterne aussteige. Da plane ich mal ein Stündchen extra ein und nehme mal Platz. Hm… Da fällt mir meine alte E-Klasse ein…. die hat auch “nur” Stoff *grübel*

Sandmann

[Im Feed kann dieses Video nicht angezeigt werden.Klicke zum Blogeintrag um das Video anzusehen.]

*Einzulösen unter: www.Seat-Styler.de Gilt für die Bestellung eines Komplettsets Maßsitzbezüge, nur bei Verfügbarkeit Ihres Fahrzeugmodells und Designwunsches. Nicht kombinierbar mit anderen Sonderaktionen/Rabatten.

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Created Samstag, 15. November 2014 Tags anbieter | Autositze | Fremde Federungen | Kunstleder | Lederausstattung | Seat-Styler | Sitzbezüge | Wildleder Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
11 Nov 2014
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Uncle Benz

Uncle Benz

Der Dottore und sein Patient

Der kleine Junge sitzt hinten, unangeschnallt, während er mit seinem Onkel im Mercedes durch die Stadt fährt. Damals in Hamburg. Sein neugieriger Blick geht nach vorn, auf die Armaturen, über die lange Haube bis zum Stern. Das ist schon ewig lange her. Plötzlich steht das 280er Coupé als Erbstück vor dem heute jungen Mann, und er wird völlig unvorbereitet mit einer Stil-Ikone konfrontiert, die er eigentlich gar nicht gesucht hatte. Silber und gold, Leben und Tod, Max und ich haben uns in der Hamburger HafenCity auf einen Kaffee getroffen und ein paar Benzinblasen in die Morgenluft geatmet. Die 70er. Da sind sie wieder. Und der junge Mann ist für kurze Zeit wieder ein Kind :-)

Uncle Benz

heute sitzt er vorn

Der linke Fuß von Max Pohlmann drückt auf den Gummibalg im Fußraum seines Autos. Wasser spritzt auf die flache Frontscheibe, die Wischer beseitigen den Staub des Sommers. Denn der ist jetzt endgültig vorbei. “Hier unten sifft immer gern mal Wasser aus, und die Bleche rosten dann so schnell durch, dass ich die Straße sehen kann,” sagt er. Rost? Im Benz? Ja. Auch und erst recht beim Stil-Werk 280 Coupé, Baujahr 1973. Die Frage nach dem Rost ist sogar oft die erste bei Gesprächen unter Kennern der Baureihe, und die Preise im Netz und den Anzeigenblättern sind genau von dieser braunen Pest abhängig. 40 Jahre sind auch an diesem Daimler-Coupé nicht spurlos vorbeigezogen, aber die Schweißarbeiten an Max’ W 114 hielten sich in überschaubaren Grenzen. Der 280er hat es ihm von Anfang an nicht schwer gemacht. Vielleicht deshalb, weil er wusste, dass er gänzlich überraschend zum ihm kam und daher nicht mit einem perfekten Plan rechnen konnte. Der Onkel, der ihn als Kind manchmal auf Touren durch Hamburg mitnahm, starb 2010 unerwartet und viel zu jung. Er hinterließ seinem Max das Auto, das der Kleine immer so geliebt hatte. Und der sich nun, emotional zutiefst berührt, in einem Familienerbstück voller Geschichten wieder findet.

Uncle Benz

Ein bisschen sexy, mehr als bieder jedenfalls

Stil-Ikone von Bracq
Die klaren Linien des Wagens ohne Beiwerk und die Karosserieform, die ein unfassbares Platzangebot zulässt, stammen wie die Oberklasselimousinen W 108/109 aus der Feder von Designer Paul Bracq. Vier- und Fünfzylinder als Benziner und Diesel erhalten die interne Modellbezeichnung W 115, die großen Sechszylinder und das ab 1969 gebaute Coupé werden als W 114 bezeichnet – das muss man sich nicht merken, der Volksmund nennt sie alle einfach Strich 8 oder /8 aufgrund des Erscheinungsjahres 1968. Bracq erschuf eine völlig neue Generation von Autos, gänzlich ohne die muffigen Nachkriegskonstrukte oder Holzrahmen mit Droschkencharme. Eine “neue Klasse”. Stimmt.

Uncle Benz

man möchte fast nach dem Taxi winken… aber nein…

Der /8 bekommt Scheibenbremsen vorne serienmäßig, Doppel-Querlenker an der Vorderachse und eine moderne Schräglenker-Hinterachse als Ablösung der antiken Eingelenk-Pendelachse der Vorgänger. Auch im Inneren ziehen neue Werte ein: Kopfstützen vorn und hinten, Automatikgurte und eine Mittelkonsole, die noch in den heutigen Modellen stilistisch zitiert wird. Diese neue Mittelklasse gönnt sich der hart arbeitende Deutsche gern, denn im Rahmen einer legendären Aufpreispolitik können mehr Extras als jemals zuvor geordert werden.

Uncle Benz

Mehr Cockpit braucht man nicht zum Glück

Zwischen dem 200er-Basis-Benziner für 13.000,- D-Mark und dem voll ausgestatteten 280E für 40.000,- DM findet 1972 jeder seinen persönlichen Stern, der den Wohnzimmercharme und die Trutzburg der Zuverlässigkeit um sich herum als Statussymbol vor der DIN-Garage stehen haben will. Mit knapp zwei Millionen Fahrzeugen verkauft Mercedes-Benz bis 1976 von dieser Baureihe genau so viele Modelle wie von allen seinen Nachkriegs-Baureihen bis 1968 zusammen. Im Januar 1976 steht schon der barocke Nachfolger W 123 in den Schaufenstern der Händler, der /8 wird aber noch bis Dezember 1976 weiter gebaut und verkauft. Beim größten deutschen Belieferer von Personen befördernden Unternehmen ist man diese Parallelpolitik schon gewohnt und hält die Lieferversprechen, die man den Taxifahrern gegeben hat, ein.

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fast schon Bauhaus Charme

Wem der kantige Klotz mit dem cw-Wert einer Schrankwand zu minimalistisch ist, kann ab 1969 auf die hier in Gold vor uns stehende zweitürige Variante ohne B-Säule, mit flacheren Scheiben und gehobener Ausstattung zurückgreifen. Die Coupéform mit den doppelten Stoßstangen steht dem fast zehn Jahre lang gebauten Millionenwagen ungemein gut. Das Auto wirkt wahnsinnig lang und wesentlich agiler als die recht konservativ wirkenden Limousinen, die gerade in ihrer schwächsten Dieselmotorisierung (55 PS) gern mal als „Wanderdüne“ bezeichnet werden. Pohlmann schätzt das Platzangebot, den großen Kofferraum und den Rundumblick, wenn die Seitenscheiben komplett versenkt sind. Die mercedestypischen, sofa-ähnlichen Fauteuils lassen auch längere Reisen zum Genuss werden, das elektrische Schiebedach erduldet die Sonne großzügig auch im Inneren. Und das originale „Becker Europa“ umschmeichelt die Ohren mit einem für damalige Verhältnisse sagenhaft fetten Sound.

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Becker wird’s schon in die Ohren blasen

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Holz? Ja, sogar echt, auch wenn’s nicht so aussieht.

Einzig der Durst des agilen Doppelnockers, der parallel auch in der S-Klasse und im SL eingebaut wurde, schmälert den Wunsch nach exzessiven Distanzen ein wenig. Der unzerstörbare Reihensechser mit der elektronischen Bosch D-Jetronic ist kaum unter 15 Litern Super zu bewegen – aber mehr Haken an dem betagten Gleiter finde ich nicht. Wenn Sie ein Auto komplett einnimmt, wenn es seine Geschichte förmlich aus allen Poren der Sitze verströmt und mitteilen will – wen interessiert da der Spritverbrauch? Der Durst liegt vielleicht an zu vielen Kurzstrecken, vielleicht an falschen Motoreinstellungen, aber der Max lässt da niemanden ran. Und selbst schraubt er auch nicht. Das Herz schlägt ja, und es schlägt gut… Wer ist schon perfekt? Sein Onkel war es schließlich auch nicht.

Uncle Benz

Reihe sechs – Herz was willst du mehr?

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Hinten raus, was vorn in Bewegung umgesetzt wird

Auch sonst kann sich Max nicht über die Zuverlässigkeit des extravaganten Biedermeiers beklagen – das Steuergerät musste mal neu gemacht werden und einen Tacho hat es zerlegt. Das war es dann aber auch schon. Den Winter verbringt der 280er in einer trockenen und gut belüfteten Garage, mit ein bisschen mehr Druck auf den Reifen und vollen Flüssigkeitsständen. Regen oder gar Schnee sieht er nach Möglichkeit nicht – zu groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich in der selbsttragenden Karosserie verborgene Rostnester breitmachen. Ich kenn’ das. Also – das mit dem Rost. Mein Dottore steht Tag und Nacht draußen und hat schon, wie die meisten seiner Artgenossen in den 70ern, im Prospekt gerostet. Egal. Nebeneinander sehen beide ziemlich cool aus.

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sind schon fesch, die beiden…

Sobald die Sonne rauskommt, ist Max im Benz unterwegs und erlebt seine Touren, die er als Kind mit seinem Onkel gemacht hat immer wieder neu. Neben seinem Beruf als Projektmanager betreibt der Hamburger das Unternehmen “Photolove” und lässt das gute alte Polaroidbild wieder aufleben. Seine Firma gibt der virtuellen Internetgeneration über Instagram, Handyfoto oder Digitalkamera die Möglichkeit, ihre Bilder als analoge Vintage-Papierabzüge im alten Stil zu bestellen – zurück zu den Wurzeln, zurück zu echten Fotos für die Stecknadel in der Wand. Weg von der digitalen Vergänglichkeit der Bits und Bytes, der sterbenden Festplatten und der USB-Sticks, die in der Hosentasche mitgewaschen wurden. Fotos. Wie sie sein sollen, im Album oder an der Wand, nicht auf dem Smartphone.

Uncle Benz

Das kann er – und noch viel mehr

Da passt das Coupé vor der Tür bei Fotografen und Kooperationspartnern wie die Häkelmütze auf die Klorolle. Ach ja – die sucht man, genau wie den Wackeldackel auf der Hutablage, vergeblich. Onkel hatte sowas auch nicht. Hier bei Max liegen ein paar Polaroids, schön angeordnet, cool gemacht. Der Mann hat Stil, genau wie sein Auto.

Das Erbe des Onkels bekommt seinen Ritterschlag, als Max ein zweites mal “ja” sagt, diesmal auf dem Standesamt :-) Völlig überladen mit Hochzeitsgeschenken schleppt der Benz das frisch vermählte Paar nach Hause. Aber er bricht nicht, natürlich nicht, er ist ein Mercedes. Der sympathische Jungunternehmer liebt seine Frau vom ersten Tag an, sein geerbtes Auto hat er in den Jahren erst richtig lieben gelernt. Ein frisch ins kalte Wasser geworfener Oldtimerfahrer kann sich nur mit der Zeit ein dickes Fell angewöhnen, das geht nicht von heute auf morgen. Man muss sein altes Auto erfahren, verstehen und als Freund begreifen. Das dauert.

Uncle Benz

Der Sonne entgegen

Es sind Ereignisse wie das klemmende Benzinpumpenrelais neben dem Steuergerät, das den Benz zumeist mitten auf viel befahrenen Kreuzungen einfach ausgehen lässt. Man muss das Gehupe und die blutdruckgepeitschten Schimpftiraden der anderen einfach ignorieren. Abschnallen, die gewaltige Haube öffnen, nach vorn gehen und mit leichtem Klopfen die Pumpe wieder zur Mitarbeit überreden. Dafür dankt sie es einem aber auch nach einem langen Winter mit sonorem Schnurren und direktem Starten des Motors. Auch kleine Lackplatzer hier und da oder Rempler von Einkaufswagen auf dem Supermarktparkplatz dürfen einen “Daily Driver” nicht in den Wahnsinn treiben – das ist Teil des Alltags, daraus wird Patina, die so ein Fahrzeug liebenswert macht. Und jede Narbe ist eine Geschichte mehr, die erzählt werden kann.

Zum Alltag gehört nun auch bald ein Kindersitz auf der Rückbank. Die Pohlmanns erwarten Nachwuchs, und wie der kleine Max damals mit seinem Onkel wird auch dieses Kind eines Tages auf dem Rücksitz die Welt vor und neben den Coupéscheiben wahrnehmen und die Geschichte weiter schreiben.

Uncle Benz

Goldene Zeiten. Oder kupferne?

Denn sie ist nie zu Ende.

Sandmann

Max ist zu finden bei www.photolove.us

TECHNISCHE DATEN

Mercedes-Benz W114 280 CE
Baujahr: 1973
Motor: Sechszylinder-Reihenmotor
Hubraum: 2.746 ccm
Leistung: 136 kW (185 PS) bei 6.000/min
Max. Drehmoment: 223 Nm bei 4.000/min
Getriebe: Viergang-Automatik
Antrieb: Hinterräder
Länge/Breite/Höhe: 4.680/1.790/1.395 mm
Gewicht: 1.455 kg
Beschleunigung 0-100 km/h: 10 Sek.
Top-Speed: 200 km/h
Wert: ca. 10.000,- Euro

Original Artikel und noch mehr Bilder auf: TRÄUME WAGEN

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Created Dienstag, 11. November 2014 Tags /8 Coupé | 280 CE | Max Pohlmann | Onkel | Photolove | Sternstunden | TRÄUME WAGEN | W114 Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
06 Nov 2014
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Neue Wege mit Lisa

Neue Wege mit Lisa

Es geht nix über ein großes Display.

Lisa ist weg – es lebe Lisa.
Mein altes TomTom Go 720 hat nach 7 Jahren meinen umtriebigen Alltag verlassen. Inklusive Custom Voices und nicht immer schönen Erinnerungen an Umwege, die zuletzt mit frischem Kartenmaterial vermeidbar gewesen wären. In 7 Jahren ist einiges passiert… Und irgendwie wird alles größer. Telefone sind so groß wie Laptops, Fernseher erreichen die Dimensionen von Wohnzimmerwänden und Navigationssysteme – sind ebenfalls nicht kleiner geworden. Begrüßen wir mein neues großes TomTom aus der 6000er Serie, was vor allem eines hat: Lebenslange Kartenupdates inklusive. Lebenslang? Wessen Leben? Meins? Seins? Ihrs? Ist es wieder eine “sie”, eine Lisa? Ich glaube, das Ding kann echt viel, aber heute lasse ich mich erstmal nur quer durch Hamburg zum Verlag führen…

Neue Wege mit Lisa

Always online, also nur Geduld

Meine neue Lisa ist wesentlich größer als ihre Vorgängerin, aber ist sie auch erwachsen geworden? Haptisch nicht, sie ist flach wie eine Flunder ;-) Ich habe erstmal 6,5 Gigabyte (GIGAbyte, Leute) Kartenupdates über das Netz geladen und dabei meinen Account aktiviert. Ab und an ist noch meine alte TomTom Home Software dazwischengegrätscht und hat behauptet, ich hätte noch immer ein Go 720. Irgendwann, nachdem ich auf Niederländisch geflucht habe, hat das dann aufgehört, und irgendwann (viel später, meinten die das mit lebenslang?) war das Update dann auch auf dem großen Fladen drauf. Freudig erregt verlasse ich das Wohnzimmer und mein Laptop mit der total überforderten, leicht schmurgelnden W-LAN Antenne und lasse mich entzückt in den Daimler fallen, in der Hand dieses große Navi. Den Saugfuß, der endlich mal was zu taugen scheint, pfropfe ich ein bisschen mittiger in die Windschutzscheibe, um den Dimensionen der Dame gerecht zu werden. Ich möchte in die Amsinckstraße und sage ihr das mit meinem linken Zeigefinger, was sie freundlich im Netz vor sich hinsuchend versteht und bestätigt.

Neue Wege mit Lisa

Was ist los in Hamburg?

Lisa ist upgedated, Lisa empfängt die Verkehrsinfos – und Lisa ist permanent online mit den TomTom Diensten verbunden, ohne dass es was extra kostet. Außer Strom :-) Und so weiß die Lady auch, wo gerade gedrängelt und geschoben wird, wie lange das jeweils dauert und wie lang insgesamt die Verzögerung ist. Heute scheint die allgemeine Verkehrslage in Hamburg mal recht entspannt zu sein, rund um meine Route steht wie jeden Morgen alles still, aber ich schaffe die knapp 6 Kilometer diesmal vielleicht schneller als mit dem Fahrrad. Datenschützer werden auf die Palme gehen, weil jetzt die NSA und alle anderen immer genau wissen, wo ich gerade langfahre. Denn Lisa sendet in beide Richtungen, sie empfängt nicht nur. Aber ehrlich, Freunde. Im Fall meines Navis ist mir das persönlich total egal. Los geht’s…

Neue Wege mit Lisa

Blindflug nach Display, wie ein Flugzeug

Während der Regen auf die Scheiben prasselt lasse ich mich von der altbekannten Stimme (und ja, sie heißt noch immer Lisa) leiten. Für mich neu und spannend ist die 3D-Darstellung von sämtlichen Gebäuden im Innenstadtbereich, und was mich dabei vor allem ablenkt ist, wie nah diese Darstellungen dem tatsächlichen Aussehen der Häuser kommen. Aber ich glaube, das ist wie mit allem, was neu und cool ist. Man muss sich erstmal dran gewöhnen, und wenn der Hype vorbei ist nimmt man es gelassen hin. Momentan freu ich mich wie ein Kind über die bunten Häuser und achte weniger auf die Fahrbahn vor mir, als ich das sollte. Meine Route entlang der B4 sieht auf dem Display besser aus als ein Flugsimulator von 1998, und es ist doch nur ein Navi :-D Hihi. Check. Mag ich.

Neue Wege mit Lisa

Hinter der KPMG ist der Michel

Ui, kuck mal :-) Besondere Sehenswürdigkeiten sind sogar als richtig modellierte 3D Gebäude integriert. Das wird ja immer besser (und das kenne ich ebenfalls aus den Flugsimulatoren). So kann ich trotz Schietwetter und vorgelagerten Gebäuden den Hamburger Michel rechts vorn schon sehen, bevor ich ihn tatsächlich sehen kann. Ich hup nochmal kurz, weil mein Schwesterchen hier rechts irgendwo in einem Büro sitzt (das weiß Lisa aber nicht) und konzentriere mich wieder auf den laufenden Verkehr. Hier staut sich’s ein bisschen. Das weiß das große bunte Display auch, und eine freundliche Herrenstimme behauptet unvermittelt, eine zwei Minuten schnellere Strecke gefunden zu haben. Ob ich die nehmen wolle, ich müsse nur mit JA antworten! Huch? Einfach so JA sagen? Das kann Konsequenzen haben. Nein, das probiere ich später mal aus und schweige. Hoffentlich singt jetzt im Radio nicht jemand ganz laut JAAA ♫ was mache ich denn dann? Erstmal Radio aus. So. Jetzt bin ich tatsächlich am Michel vorbei.

Neue Wege mit Lisa

Auf dem Display sieht er schöner aus

Wie so oft im Leben sieht die Realität nicht so schön aus wie die vorgegaukelte Virtualität, in diesem Fall liegt das allerdings vor allem am Regen auf meinem Glasdach. Der Michel ist wunderschön, und wenn Sie auch mal am Heiligen Abend alleine total verheult den abendlichen Weihnachtsgottesdienst da drin verbracht haben werden Sie mir zustimmen. Im Stau stehend (hätte ich mal auf die Männerstimme gehört) spiele ich noch ein bisschen rum. Ah. Doppelt antippen zoomt ran. Rechts am Rand auf die Stausymbole tippen zeigt mir die Länge und Art der Verzögerungen als Text an. Schon ziemlich cool. Wie auf dem iPhone kann ich mit zwei Fingern die Darstellung größer und kleiner wischen. Warum hupen die alle? Oh. Ups. Ich fahre dann mal weiter und spiele später mit der Technik ;-) Wie lange mag der Akku von dem Ding wohl halten? Die alte Lisa hat’s am Ende keine Minute mehr geschafft, hier vermute ich nennenswerte Standbyzeiten, momentan braucht sie aber noch ein paar Watt zum Glücklich sein. Leider gibt es im Auto noch keinen W-Strom, also zwirbel ich ein Kabel von der Mittelkonsole am Lenkrad vorbei zum Saugfuß. Sieht scheiße aus, geht aber ganz gut. Und ist ja auch nur für die Strecken, deren Ziel ich normalerweise nicht kenne.

Gib ihm Ampere

Gib ihm Ampere

Gleichwohl durch die 3D-Darstellung mit den Gebäuden und Sehenswürdigkeiten gefühlt schon ein Blindflug möglich wäre, gucke ich hier und da lieber noch mal auf die Straße vor mir. Bald können die Navis bestimmt auch andere Autos erkennen und mir sagen, ob hinter der nebeligen Rechtskurve jemand entgegen kommt oder ob ich den Trecker jetzt überholen kann. Lisa kann das noch nicht. Aber ich glaube sie kann noch eine ganze Menge Sachen, die ich noch gar nicht kenne. Na mal sehen, das werde ich mir nach und nach aneignen. Den ersten Test hat sie jedenfalls schon mal bestanden. Schnell die Satelliten gefunden (ich hasse es, wenn ich in einem unbekannten Stadtteil bin, ganz schnell irgendwo hin muss und das blöde Navi dann zwei Minuten braucht, bis es überhaupt weiß, wo wir gerade sind), schnell online gegangen und mich mal wieder dahin gebracht, wo ich hin wollte.

Neue Wege mit Lisa

gefühlte und tatsächliche Größe

Das hier ist übrigens die tatsächliche Größe vom Go 6000, vielleicht habe ich auf ein paar vorherigen Bildern ganz leicht übertrieben ;-) Groß genug, um alles gut zu erkennen. Lisa sagt rechtzeitig an, wenn ich abbiegen muss und stellt mir das auf größeren Straßen auch mit Spuren, Straßenschildern und Pfeilen dar (was mich persönlich eher nervt, aber das kann ich mit einem einzigen Tippen wegmachen). Und jetzt park ich mal, die letzten Meter muss ich zu Fuß gehen. Durch den Regen. Ich habe die berechtigte Hoffnung, nun ein bisschen weniger wertvolle Lebenszeit auf falschen Wegen zu verbringen und werde Sie darüber natürlich auf dem laufenden halten. Irgendwann ist man mal genug Umwege gefahren, jetzt hab ich einen Zug zum Ziel. Für heute ist das nur der Verlag, aber über alte Autos zu schreiben ist ja so schlecht nicht :-) Und später sehen wir mal, wo das alles hinführen wird. Gibt es eigentlich eine Wetter-App, mit der man das Wetter über das Display anpassen kann? Ich fürchte nicht :-( The sun always shines on TV.

Sandmann

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Created Donnerstag, 06. November 2014 Tags Display | Go 6000 | Heimwärts Highways | lebenslange Kartenupdates | Navi | Navigationssystem | Sternstunden | Test | TomTom | touch Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
24 Oct 2014
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Ihr ERSTES Auto!

Ihr ERSTES Auto!

Stolz. Sie ist soooo stolz!

Ihr erstes eigenes Auto war ein…? Genau. Sie wissen noch sehr gut, was Ihr erstes Auto war. Wie es gerochen hat. Wie der Motor klang. So was vergisst man nicht, das ist wie der erste Sex und das Parfum Ihrer ersten großen Liebe. Tandaradei ♫ Zeitsprung. Die Bilder im Kopf von Ihrem ersten Mal verblassen mit den Jahren, und Ihr erstes Auto, was Sie damals gelangweilt für eine Handvoll Mark oder Euro verschleudert hatten, vergessen Sie. Über Jahrzehnte. Und plötzlich geht bei Karstadt jemand an Ihnen vorbei, und Sie haben wieder das Parfum Ihrer ersten Liebe in der Nase. Die Bilder kommen zurück. Schwupps – sind Sie in dem Alter, in dem Sie sich Ihr erstes Auto wieder vor die Tür wünschen.
Meine große Tochter steht heute ganz am Anfang dieser Geschichten.

Ihr ERSTES Auto!

Nicht unsexy fürs erste mal

Ein Auto kaufen. Hm. Wo? Hören Sie mir auf mit Kleinanzeigen im Netz. Ich hatte ja schon eine vage Ahnung, als wir anfingen, erstmals nach DEM ersten Auto für meine erste Tochter zu suchen. Sie erinnern sich? Dass es so ernüchternd war glaubt mir niemand. 12 schriftliche freundliche Anfragen von mir, EINE patzige Rückantwort, KEIN Rückruf und auch KEINE Besichtigung. Ich bin zu alt für so einen Scheiß. Tschüss ihr Yenars, Hamids und Jussufs. Ihr mögt privat nette Menschen sein, aber ihr habt anscheinend keinen Bock, mir eins eurer Autos zu verkaufen. Dann findet euer Glück halt im Exportgeschäft. Wir haben noch ein paar andere Möglichkeiten ausgelotet: Ex-Taxis kommen nicht in Frage ;-) Die Inserate in der TRÄUME WAGEN sind supercool, aber nicht in der angestrebten Fahrzeugklasse. Aber wussten Sie, dass zum Beispiel die HERTZ Autovermietung ihre jungen gebrauchten Mietwagen nach einiger Zeit günstig verkauft? Nein? Wir auch nicht, jetzt wissen wir es, aber es war im Umkreis von Kiel nichts Kleines im preislichen Rahmen dabei. Trotzdem werde ich da in 2015 mal wildern, wenn es darum geht, vielleicht dem halbfinnischen Fräulein Altona ein neues nicht ganz so altes Auto mit einem Stern vor die Tür zu stellen. Da lohnt sich ein Klick, aber das wird eine andere Geschichte.
Heute fahren wir deshalb -> zu Tom. Tom kenne ich seit er am Daumen lutscht, und Tom behauptet nicht nur, sein Auto zufällig wegen eines anstehenden Neuerwerbs verkaufen zu wollen, er scheint das auch wirklich vor zu haben. Meine Tochter, die ich noch ein bisschen länger als Tom kenne will das haben. Genau das. Alles passt?

Auto holenGenau DAS” ist so eine Definitionsfrage, vor allem bei jungen Menschen, dazu noch wenn sie weiblich sind. Während ich von meiner geschätzten jüngeren Tochter gewohnt bin, dass sie im Monatsrhythmus die freizeitgestaltenden Interessen wechselt (und bei jeder neuen Idee Himmel und Hölle schwört, das es die ultimative Geschichte ever ever sei) ist die Große da inzwischen etwas konstanter. Seit der Plan vom eigenen Auto im Raum steht soll es am liebsten ein A3 sein, ein Polo (ab 2002 mit den runden Lichtern) oder ein Lupo der ersten Serie. Wichtig: Klein und spritzig, und cool. Schwarz. Aktuelle Verkaufsargumente aus der Werbung wie Bluetooth Connect, App-gesteuerte Standheizung oder Lounge Beleuchtung passen noch nicht ins Budget :-) Und sparsam, das wäre auch gut, denn sie steckt grad im FSJ und muss ein paar Kilometer jede Woche abspulen. Aber die Preise für die kleinen Diesel….. schlimm schlimm. Auch die Null-Ausstattungen aus Wolfsburg rufen selbst bei hohen Laufleistungen noch meist vierstellige Beträge mit einer großen 2 vorn auf. Ich weiß nicht.
Plötzlich ruft halt unser guter Tom an. Er habe da noch einen A3 erste Serie, wenig gelaufen, gepflegt, Winterreifen dabei aber leider ein Benziner. Der Preis ist heiß, die telefonisch durchgegebenen Daten auch – wir fahren da mal hin.

Ihr ERSTES Auto!

Skepsis, Neugier, alles dabei

Zu Tom muss ich sagen, dass ich ihn eigentlich nicht richtig kenne. Er ist der Sohn des Exfreunds der Schwester meiner Exfrau, die dann mit jemandem verheiratet war, der später mit Toms Mutter zusammenkam. Kompliziert? Nein, mit einem abgeschlossenen Studium in Mathe und Psychologie kein Problem. Egal, wir sahen uns in Zeiten, wo er Bobbycar gefahren ist und ich Audi V8. Jetzt fahre ich Mercedes S210 und er (noch) Audi A3. Eine gewachsene Vertrauensstruktur würde ich das nicht nennen, aber er ist immerhin kein Unbekannter. Vor mir steht ein charmanter, erwachsener Mann. Alt ist er geworden. Ich glaube, ich aber auch :-) Nachdem wir festgestellt haben, dass meine beiden anwesenden Töchter wiederum GROSS und HÜBSCH geworden sind widmen wir uns dem feilgebotenen dunkelblauen Kleinwagen aus Ingolstadt. Ich gucke immer ganz böse, wenn ich Autos checke, ich will das eigentlich gar nicht. Ist das Konzentration? Vielleicht. Meine Große bedeutet mir mit ein paar Pieksern in die Seite, dass sie den Wagen auf den ersten Blick schon mal ganz cool findet. Wir haben gar keine geheimen Zeichen abgemacht…

Ihr ERSTES Auto!

Gut gerüstet für den Schnee

Das wäre auch nicht wirklich nötig gewesen. Der Audi aus den späten 90ern scheint kerngesund. Der echte Tachostand mit einer 1 vorn spiegelt sich im wirklich sauberen Inneren wieder, vorn macht ein neues bunt blinkendes Radio (mit USB!!!) Alarm, hinten schlummern vier fast neue Winterreifen unter der großen Heckklappe. Das Alarm machende Radio ist wichtig! Eigentlich ist das nicht dabei, aber Tom sagt, darüber könne man reden. Meine Tochter strahlt aus beiden Ohren und überlegt schon, wie sie ihr Smartphone damit verbinden kann, um später mit Drum & Bass die Dichtungen der Scheiben schnarren zu lassen. Der große 1.8 Liter Vierzylinder ist trocken und klingt gesund. Zahnriemen? Vor nicht mal 20.000 Kilometern gemacht worden. TÜV? Fast neu. Ausstattung? Nicht viel, außer elektrischen Fensterhebern und Servo ist nix drin, aber hey – es ist ein Audi. Der ist im Vergleich zu einem Polo schon ab Werk ein bisschen geiler. Er wirkt wertig und straff, das haben die Käufer damals schon teuer bezahlt – sie ist begeistert. Fahren. Ja. Wir wollen fahren!

Ihr ERSTES Auto!

Alles gut? Anscheinend ja.

Tom drückt uns gechillt den Schlüssel in die Hand und geht noch was erledigen. Okay. Ziemlich ungechillt steigt mein Töchterchen auf den Fahrersitz, ich setz mich daneben und hinten machen es sich die Mittlere und der Typ mit der Harry Potter Narbe unter der Cap bequem. Na ja, bequem nicht, es ist halt ein kompakter Zweitürer. Vorn sitzt man definitiv besser. Sie startet den Motor, und ich lausche. Ich fühle. Der Anlasser könnte ein bisschen früher wieder ausrücken, aber na gut. Ab auf die Dorfstraße. Die Antriebswellen klackern nicht, das Getriebe schaltet sich präzise und ohne zu hakeln. Die Bremsen ziehen gleichmäßig und der Motor klingt knurrig und gesund. Nichts klappert, nichts knistert, es ist halt ein Audi. Und sie? Sie ist begeistert und will ihn haben. Ich sehe wieder skeptisch aus. Bin ich aber gar nicht. Ich seh nur so aus und hänge ein paar Gedanken nach, die sich mit meinem eigenen ersten Auto beschäftigen…

Ihr ERSTES Auto!

Alles nochmal checken

Wir deuten dem jungen Mann mit den undurchsichtigen Verwandtschaftsverquickungen ein prinzipielles Kaufinteresse an. Tom nutzt die Gelegenheit und erläutert der jungen Dame die Details, zeigt die Fahrgestellnummer und alle Kratzer rund herum auf dem Lack. Das sind nicht wenige. Da müssen wir nochmal über den Preis reden, denke ich. Und stehe derweil im Geiste in einer dunklen Garage in Stade, irgendwann Anfang 1990, und schleiche um ein Ford Taunus Coupé rum. Ich hatte keinen Mentor dabei, keinen Papa, der sich um meine Wünsche gekümmert hat und im Zweifelsfall verhindert, dass ich über den Tisch gezogen werde. Ich habe das lila gelackte, zusammengebastelte Teil damals blauäugig als Katze im Sack gekauft und konnte später zum Glück auf die Schweißkünste meines Schwagers Andreas und seines Freundes Andreas (in diesen Zeiten hießen alle so) zurück greifen. Und auf das Portemonnaie meines Opas. *plopp* Schweißen wird bei diesem Audi hier nicht nötig sein, und die Technik scheint gesund. Und was kaputt geht sollte Papa später wohl mit seinem Werkzeug richten können…

Ihr ERSTES Auto!

Der Moment der Wahrheit

Meine Tochter kauft ihr erstes Auto.
Und ja, sie unterschreibt den Vertrag selbst. Saß sie nicht gerade noch auf meinen Schultern und hat herbstliche Lieder geschmettert? So lange ist das doch noch gar nicht her? Jetzt füllt sie die Daten aus, und ich drifte wieder weg. Damals hatte ich noch nicht genug Kohle für mein Auto zusammen, also hat meine Freundin Nessi den Taunus erstmal gekauft und drei Monate lang gefahren. Die drei längsten Monate meines Lebens. Dann habe ich ihn endlich “auslösen” können, der Rest ist Geschichte. Pendeln zur Bundeswehr, Freundin weg, Kummer, dazu immer Marillion, der Soundtrack meines Lebens. *plopp* Töchterchen hat genug Geld zusammen. Einen Teil hat sie gespart, einen Teil hat ihre Mutter dazu gegeben und einen Teil ich. Warum auch nicht? Hey – es ist ihr erstes AUTO, wie geil ist das denn? Da gebe ich doch gern. Und es ist irgendwie echt schick. Man sieht dem Wagen sein Alter nicht wirklich an. Liegt das an der Pflege oder der Marke oder der Tatsache, dass hier vom Design ein zeitloser Wurf getätigt wurde? Weiß ich nicht :-)

Ihr ERSTES Auto!

Ein’ Lütten noch obendrauf

Tom ist nicht nur Geschäftsmann – er ist auch Genießer. Für das Bündel Geldscheine, das gerade den Besitzer wechselt (und das, mögen es alle diese bescheuerten Fähnchenhändler schlucken, eine 1 vorn in der Summe hat), bekommt mein Töchterchen das Auto, die Winterreifen, das Bumm Bäng Radio und obendrauf noch das originale Audi Gamma Radio. Und ne Mappe mit Papieren. Er wiederum bekommt obendrauf noch ein Fläschchen Vodka. Jetzt stehe ich hier also, gucke meiner Tochter beim Kaufen eines Autos zu und sehe, wie sie dem kleinen Jungen mit dem Bobbycar eine Flasche harten Alkohl in die Hand drückt. Selbstgekauft. Irgendwie drehen sich die Zeiger der Uhr heute wieder ein bisschen zu schnell, aber was soll’s, solange der Anlass ein schöner ist komme ich mit meiner eigenen Midlife-Crisis gut klar.

Ab vom Hof

Ab vom Hof

Tschüss Tom. War schräg, dich in diesem Zusammenhang mal wieder zu sehen. Ich steige mit meiner kleinen/mittleren Tochter in den alten Daimler, und meine große Tochter mit ihrem Liebsten (man kennt ihn inzwischen aus den Frankreich-Geschichten) in ihr erstes eigenes Auto. Auf eigener Achse zurück aus der Pampa hinter Rendsburg nach Kiel. Ich bin wahnsinnig stolz auf das große Mädchen hinterm Steuer. Der Wagen steht ihr, oder? Er würde hinten quer auf meine Ladefläche passen. Aber so ein A3 hat einen gewissen Charme, den sogar ich ihm nicht absprechen kann – und ich bekenne mich dazu, kleine Autos nicht unbedingt super zu finden. Aber er hat so viel Platz wie ein Golf, ist dabei aber irgendwie noch ein bisschen cooler mit seinen roten Armaturen und seiner schlanken Form. Wenn nur die Ersatzteile nicht so teuer wären. Na, hoffen wir mal, dass die geringe Laufleistung ein bisschen Ruhe vor den Reparaturen versprechen kann. Und da ist auch schon die Autobahn nach Kiel. Kick it.

Ihr ERSTES Auto!

glückliche Menschen

Er scheint zu laufen, der alte Audi. Die strahlenden Gesichter der beiden jungen Menschen darin sprechen eine klare Sprache. Was war vor 25 Jahren ein Auto für mich? Die Freiheit, da hin zu fahren, wo ich hin will. Ich allein. Ein Raum nur für mich, in dem ich Musik hören, reisen, trauern, ja sogar schlafen kann. Die Unabhängigkeit eines verkappt braven Gymnasiasten vom konservativen Umfeld. *plopp* Was ist ein Auto für meine Tochter heute? Das wurde sie letzte Woche auch von einem Kamerateam gefragt. In diesem Auto. Aber das ist eine andere Geschichte. Ich bin hin- und hergerissen zwischen Freude und Vergangenheit. Kenne Sie das auch, wenn Sie an einem Moment teilhaben, von dem Sie genau wissen, dass er irgendwie wichtig ist? Damals, bei meinem ersten Auto habe ich das noch nicht gewusst. Beim ersten Sex schon eher, da haben mir ein besonderes Umfeld und besondere Zeiten schon eine frühe Ahnung gegeben, dass ich das sobald nicht vergessen werde. Mal gucken, was sie in 25 Jahren zu diesem Moment sagt. Also, zu dem mit dem Auto.

Ihr ERSTES Auto!

Alle springen mal bitte HOOOOCH

Töchterchens erstes Auto ist also ein Audi A3 1.8 Liter Schaltgetriebe. Ein paar Jahre jünger als sie selbst. Genau genommen ist der Wagen fast exakt so viele Jahre jünger als sie selbst, wie damals mein Taunus jünger als ICH war. Ich war genau so alt wie sie heute, aber mein erstes Auto wirkte seinerzeit schon auf alle anderen wie ein antiker Dinosaurier. *plopp* Irgendwas ist heute anders. Können Sie es ergründen? Ist es das Fehlen von Rostplacken an den Schwellern? Sind Autos heute wertiger anmutend als damals? Zeitloser? Und werde ich tatsächlich älter?
So oder so – ich freu mich wie blöd über das erste Auto meiner Tochter. Ich kann mich allerdings an das Parfum meiner ersten Freundin nicht mehr erinnern. Aber an das der dritten. Kashmir von Chopard. Spannende Zeiten. Oder haben SIE den Kauf Ihres ersten Autos etwa vergessen???

Sandmann

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Created Freitag, 24. Oktober 2014 Tags audi a3 | benziner | das erste mal | eigenes Auto | Erstauto | erstes auto | Fremde Federungen | Gebrauchtwagen | Heimwärts Highways Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz

21 Oct 2014
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Ge STUTZ te Flügel

Ge STUTZ te Flügel

Ein bisschen Saurier, ein bisschen Hai

Stutz? Schon mal gehört?Nein? Bestimmt doch, auch wenn Sie es nicht wissen. Durch unzählige Filme der vergangenen 40 Jahre fährt ein Stutz Blackhawk. Herbert Engel besitzt ein Exemplar dieser extrem seltenen Gattung. Das US-amerikanische “Revival Car” wirkt wie der Mix aus einem übergewichtigen Dinosaurier und einem schlanken Hai, die von Virgil Exner gestaltete Karosserie könnte ausgefallener nicht sein – und kleidet eines der teuersten US-Automobile aller Zeiten. Dieser Cocktail aus Luxus und Extravaganz mit verspielten Anklängen an die 30er Jahre begeisterte damals nicht nur Sunnyboy Dean Martin, sondern auch viele andere Reiche und Schöne der Welt… Ich bin weder reich noch schön, aber ich hab mich mal auf den Wagen eingelassen und zähle ein paar Promis auf, die mir das gleich taten. Mit Erfolg? Definitionssache…

Ge STUTZ te Flügel

Eine total verrückte Kombination aus Formen

Das 40 Jahre alte Getüm, das rückwärts aus der kleinen Garage in der Burgschmiede Namedy herausrollt, ist – ein Auto. Wirklich? Formen wie aus einem Batman-Film und ein Name wie ein Rasiermesser: Stutz Blackhawk. Des Engels schwarzer Falke. Der gewaltige 7,5-Liter-V8 mit seinen mehr als 400 SAE-PS murmelt eine ungeduldig vorgetragene Ballade von letztendlicher Freiheit. Dieser gestutzte Falke durfte noch nie so richtig das tun, wozu er einst gebaut wurde: Fliegen. Jagen. Schnell und gefährlich sein. Nur 2.600 historisch verbriefte Meilen sind vom Tacho abzulesen, für einen V8 ist das ein Neuzustand, der Block ist noch nicht einmal richtig eingefahren :-) Und es ist aus heutiger Sicht kaum zu glauben, was einem die ungläubigen eigenen Augen für ein Konglomerat aus Formen ans Gehirn melden. Was der Omnibusbauer Officine Padane aus dem italienischen Modena diesem ur-amerikanischen Klotz da für ein Kleid geschneidert hat.

Ge STUTZ te Flügel

Metall, Holz, Fell soweit das Falkenauge reicht

Ich bin schlecht entsprechend vorbereitet. Dieses Fahrzeug trifft mich in der kühlen Morgensonne wie ein Schlag ins Gesicht, und ich kann mich noch nicht entscheiden, was ich eigentlich über diesen Kahn denken soll. Er steht da lauernd wie eine Provokation, wie ein Legomodell, was ein kleiner Junge aus vielen verschiedenen Themen-Baukästen zusammengesetzt hat. Irgendwie stimmt das auch. Nur, dass der kleine Junge ein bisschen genial war und den extravaganten Zeitgeschmack mit extravaganten Baukästen getroffen hat. Ich fasse die kalten, glatten Flanke an. Ich streichel sie. Und ich habe immer Angst, vom Falken gebissen zu werden.

Ge STUTZ te Flügel

Alles passt zusammen. Echt jetzt.

Was mag Sammy Davis Jr. gedacht haben, als er über den fast wollüstigen Kühler seines Stutz strich und die Hand über die geschwungenen Kotflügel gleiten ließ, die eine fußballfeldgroße Motorhaube flankieren? Irgendwas muss er gedacht haben, schließlich hatte er eine Menge Geld für die Karre auf den Tisch gelegt. Anfang der 70er kostete ein VW Käfer rund 6000 Mark. Ein gut ausgestatteter Opel Kadett Festival lag schon bei 7800 Mark. Ein total ausgefallener Maserati Ghibli war mit etwas über 70.000 Mark teurer als ein Einfamilienhaus am Stadtrand von Uelzen. Der Stutz kostete 150.000 Mark. Viel Geld. Sammy muss irgendwas gedacht haben. Vielleicht ist ihm ein neuer Song eingefallen…

Designelemente der 30er Jahre

Ge STUTZ te Flügel

egal von wo man guckt, die Karre ist unfassbar

Um dieses Auto zu verstehen (und letztendlich auch zu mögen) muss man in die Geschichtsbücher eintauchen.
Der US-Amerikaner Harry Stutz beschäftigte sich schon vor mehr als 100 Jahren mit dem Bau von motorisierten Kutschen, die er über die Jahre als Roadster und Limousinen immer weiter verbesserte. Seine expandierende Stutz Motor Company ging durch die Hände mehrerer Eigner, bis sie 1939 wegen der Weltwirtschaftskrise Insolvenz anmelden musste. Im Jahr 1968 ließ James ODonnell den Markennamen in seinem neu gegründeten Unternehmen Stutz Motor Car of America wieder aufleben. Sein Ziel: Luxuriöse Fahrzeuge mit eigenständigem Design zu bauen, eine Kombination aus Elementen der 1930er Jahre mit zeitgenössischen und robusten Komponenten moderner Autos. Für die Verwendung der Plattform gab ein gewisser Herr DeLorean, damals Chef bei Pontiac, selbst sein okay. Es mussten allerdings statt des nur benötigten Rahmens komplette Fahrzeuge abgenommen werden. Komplette Fahrzeuge vom Typ Pontiac Grand Prix. Der große Preis, Geschäftsmann war er ja durch und durch ;-)

Ge STUTZ te Flügel

Ein wahrlich beeindruckendes Markenzeichen

Der Blackhawk der ersten Serie, von dem es nur 25 Stück gab, gleicht diesem Baukasten. Aber einem Baukasten der Superlative. Am Ende wirkt er irgendwie stimmig kombiniert. Wenn Sie das erste mal vor einem späten Picasso stehen fangen Sie auch an zu lachen, finden das bunte Bild mit der seltsamen Frau und diesem Löffel im Gesicht und diesem kantigen Taschentuch vor der Nase albern und gehen kopfschüttelnd weiter. Zu den gefälligen Seerosen von Monet. Wenn Ihnen aber mal jemand erklärt, dass dieser Löffel auf dem Bild der Frau gerade brutal das Auge aushebelt und die Zacken im Taschentuch auf ihrer Nase scharfe, unbarmherzig schneidende Glassplitter sind – dann bekommen Sie eine Ahnung davon, welche Schmerzen sie wohl gerade durchleiden mag. Schmerzen, die ein normales Bild gar nicht darstellen kann. Der Stutz ist ein Auto, was etwas verkörpert, was Sie mit einem normalen Auto einfach nicht hinbekommen.

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goldene Felgen und dicke Hurra-Tüten an den Seiten raus

Von den wuchtigen Kotflügeln gerahmt fallen die speziellen Firestone-Reifen auf, die exklusiv für dieses Fahrzeug hergestellt wurden. Mr. Davis Jr. strich über Türgriffe vom Maserati Indy und fuhr die perfekte Linienführung der Flanken nach, deren Filigranität gekonnt von je einem armdicken seitlichen Auspuffrohr unterbrochen wird. Seitenfenster gibt es nicht bei diesem als Zweisitzer konzipierten Coupé. In unserem speziellen Exemplar befindet sich allerdings eine originale, klappbare Rückbank – dieser Stutz ist tatsächlich für vier Personen zugelassen, aber trotz seiner wahnwitzigen Länge nur bedingt als Familienkutsche geeignet.

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Tierschützer sollten hier mal wegschauen.

Man möge es den damaligen Zeiten und der fehlenden political correctness verzeihen – für diesen Wagen mussten kleine Tiere sterben. Ein großer Teil des mit Chinchilla-Fell ausgelegten Kofferraums wird vom außen liegend montierten Reserverad inklusive Firmenlogo beansprucht – Continental Kit mal ganz anders. Kenny Rogers hätte da nicht einmal seine Gitarre reinbekommen, vermutlich hatte er sie auf dem Beifahrersitz liegen. Nach dem satten Klacken des Schlosses öffnet sich mit der überdimensionalen Tür ein innerer Schrein des Überflusses. So wähnte sich der Schah von Iran wohl in seinem Palast, als er in einem seiner zwölf (nochmal: ZWÖLF) Stutz saß. Feines Wurzelholz vom Zitronenbaum umrahmt kunstvoll die analogen Rundinstrumente und filigranen Knöpfe, die ebenfalls von Maserati geliefert wurden.

Echtes Fell vor geteilter Windschutzscheibe

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Herbert Engel mitten im Überfluss

Auf Augenhöhe finden sich bei genauerer Betrachtung erneut ein paar graue Chinchillas wieder, deren Fell die Sonnenblenden ziert, mit denen sich die in der Mitte geteilte Frontscheibe abblenden lässt. Feinstes weiches Leder umschmeichelt den Körper und verströmt den wunderbaren Geruch eines alten, erhabenen Autos. Der Blackhawk mutet fast schon britisch an. Trug Elvis Presley am Steuer vielleicht Handschuhe? Seine drei Stutz waren die einzigen Autos, in denen er sich nicht chauffieren ließ. Er nahm das Volant selbst in die Hand, bei unserem Modell ist das übrigens ein sehr sportlich gehaltenes aus dem Mustang Shelby. Das letzte bekannte Foto des King zeigt ihn kurz nach Mitternacht zum 16. August 1977 am Steuer seines schwarzen Stutz mit roten Sitzen. Nur wenige Stunden vor seinem Tod. Der Wagen steht heute in Graceland. Auf jeden Fall hätte Elvis zunächst seine eigene Musik auf einer Cartridge in die original Stutz-Stereoanlage gedrückt. Das antike Teil selbst ist inzwischen so selten, dass ich gar nicht glauben kann, dass es tatsächlich noch funktioniert. Doch, tut es, wenn auch nicht mit Elvis. Hier und heute begnügen wir uns mit Paul Ankas 21 Golden Hits.

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Paul Anka singt uns einen vom Tonband

Herbert Engel lächelt wie Muhammad Ali nach einem gewonnenen Kampf, als er gleich dem unserblichen Boxmeister selbst am Steuer Platz nimmt. Die charmante Ausstrahlung des Händlers für exklusive Automobile wird vom Geist dieses unfassbaren Autos und seiner prominenten Fangemeinde noch mystisch untermalt. Es sitzt sich hier wie in einem italienischen Gran Turismo aus den späten 60ern, es fühlt sich aber ein bisschen klapperig an wie in einem Ami aus den 70ern und – es klingt wie ein Sportwagen, als Engel den Big Block zum Leben erweckt. Donnerlüttchen. Ich wusste zwar, dass da fast acht große Milchtüten mit Treibstoff versorgt werden, dass die aber so zornig klingen können ist mir neu.

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Dürfen es ein paar Liter mehr sein?

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guller guller blubber schlürf

Der Stutz gleitet wie ein gigantisches Schiff durch die Welt

Die originalen LXX-17 Run Flat Firestone-Reifen von der Auslieferung besitzt Herbert Engel noch, hat sie aber aufgrund des biblischen Alters gegen etwas jüngere, einigermaßen fahrbare Pneus auf anderen Felgen getauscht. Auch wenn die originalen Reifen erst besagte 2600 Meilen gelaufen sind. Aber wenn Sie mal ihr seit Jahrzehnten mitgeschlepptes Reserverad im Kofferraum angucken, wissen Sie, wie hart Gummi werden kann. Safety first. Mit der Erhabenheit eines Supertankers gleitet der Blackhawk knurrend über den Innenhof zur Yellow Brick Road, wie Elton John sie besungen hätte, während er durch das verregnete England fuhr. Die Automatik schaltet ohne Ruckeln, die Klimaanlage schnorchelt leise. Es fühlt sich wirklich wie in einem edlen Salon an, ich möchte spontan eine Pfeife rauchen, nehme aber Rücksicht auf die verstorbenen Chinchillas und die Reinheit ihrer pelzigen Hinterlassenschaft. Die 5,26 Meter Länge verteilen sich gefühlt vor allem auf die nicht enden wollende Motorhaube, die 1,91 Meter Breite indes fallen weniger ins Gewicht.

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Alles im Blick? Schwierig.

Das meilenweit von den Insassen entfernte Cockpit und die runden Armaturen lassen Luft zum Atmen und versprühen das passive Sicherheitsgefühl eines Panzers. Wer mal in einem Leopard II gefahren ist weiß, dass auch der durchaus Bumms haben kann, nicht nur hinter der Kanone. Engel gibt Gas. Ja :roll: der Motor hat Drehmoment, das kann selbst das mehr als zwei Tonnen schwere Gesamtkunstwerk nicht verheimlichen. Es ist nicht überliefert, wie Evil Knievel seinen Stutz gefahren ist, den er sich selbst nach dem legendären River Jump als Belohnung schenkte. Vermutlich aber nicht fliegend durch brennende Reifen oder was er sonst noch alles so veranstaltet hat. Unsere nicht brennenden Reifen hier und heute im 21. Jahrhundert wollen jedenfalls nicht mit dem Wort “waghalsig” in einen Topf geworfen werden, also shuffelt Engel kommod und entspannt zu ein paar wunderschönen Plätzen. Wie gemacht für ein wunderschönes Auto. Ich beginne Gefallen zu finden. Am Ende mochte ich Picasso auch.

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Gesehen werden? Na gut.

Der Falke will kommod gefahren werden

Egal wo wir auftauchen – vor Ort polarisiert der Bolide die anwesenden Zuschauer, die sich zu allem ungefragt lautstark äußern. Der kleinere Teil sieht in dem Fahrzeug ein hässliches Monster von einem anderen Stern, steigt danach in seinen Multipla Fiat und fährt nach Hause in sein Reihenmittelhaus. Die meisten aber begreifen ihn aber von Anfang an richtig, nämlich wie ein exklusives Kunstwerk, für das man sich gern begeistern kann, ohne es gleich selbst besitzen zu müssen. Angucken erlaubt. Denn das hat der Blackhawk vielen seiner verwandten Kollegen voraus: Ein Ferrari, ein Rolls-Royce, ein Jaguar oder ein Lamborghini pressen ihre Besitzer umgehend in feste, für die Ewigkeit in den Köpfen verankerte Klischees  - der Stutz, im Übrigen wesentlich teurer und seltener als jede der genannten Marken, ist einfach nur stylisch und ein bisschen verrückt. Wie sollte man seinen Besitzer charakterisieren? Geht nicht. Ach doch – reich. Auf jeden Fall reich.

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Was für sündige Hüften

Spätestens, wenn den Betrachtern am warmen Kaminfeuer der gullernden Zylinder aus der illustren “Stutz Owners” Liste vorgelesen wird, und allerspätestens, wenn der Name Elvis Presley fällt, schwenken sogar ein paar der fast schon wieder abgereisten Neubaugebiets-Zweifler um und gucken genauer hin. Ja ja, Prominenz macht sexy und verursacht explosionsartig ansteigendes Interesse aller Beteiligten. George Normanist, wie alle anderen Stutz-Käufer auch, auf einer Metalltafel an der Mittelkonsole verewigt. Er lebte zwar ein farbenfrohes und interessantes Leben, ist aber nicht so prominent wie einige der anderen Fahrer von insgesamt rund 600 gebauten Stutz verschiedener Serien. Herr Norman als einziger Vorbesitzer dieses Falken hatte in den frühen 70ern ein paar Probleme mit dem Gesetz und tauchte unter, seine Sammlung teurer Autos wurde später konfisziert.

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Der Erstbesitzer ist verewigt

Der Erstbesitzer wurde international gesucht

So überdauerte auch dieser Stutz fachgerecht eingelagert die Jahre, bis 1985 ein Nachbar von Norman das Fahrzeug verkaufte. Über einige verschlungene Wege gelangte der Wagen letztendlich zu Herbert Engel, der ihn heute prinzipiell verkaufen würde. Doch erwarten Sie kein Schnäppchen. Der Zustand ist weltweit einzigartig, die erste Serie ist wesentlich begehrter als die Nachfolgemodelle. Bei späteren Baureihen hat das Baukastensystem von Pontiac immer mehr Einzug gefunden, der filigrane Charme und italienische Einfluss verflog ein wenig. Bis er einen Käufer gefunden hat bewegt Engel das Unikat mit H-Kennzeichen durch die Landschaft rund um den Rhein und erfreut sich immer wieder an den Reaktionen der Passanten. Für ihn ist es ein gutes, seltenes Auto. Er hat noch andere, noch ganz andere Kuriositäten in seinen Hallen stehen.

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angesaugt werden – kann passieren

Der seltsame Wagen, welcher an sich schon eine faszinierende Geschichte erzählt, kühlt leise tickend wieder ab. Er verfügt über eine komplette Historie, angereichert mit Berichten von Preisverleihungen und weltweiten Showveranstaltungen. Wie bei fast allen seiner anderen Autos auch hat Herbert Engel ein besonderes Verhältnis zu diesem besonderen Fahrzeug, aber der Handel ist ein Kommen und Gehen. Zu viele Gefühle machen da schnell sentimental, und meistens gelingt ihm, einen professionellen emotionalen Abstand zu den Exponaten zu halten. Manchmal aber auch nicht. Als er das Garagentor hinter dem Blackhawk schließt, hat er dieses Leuchten in den Augen, das nur Männer haben, die ein bisschen verliebt sind.

Sandmann


www.sportwagenengel.de

STUTZ BLACKHAWK Serie 1
Baujahr: 1971
Erstzulassung: 1972
Motor: Pontiac Big Block V8
Hubraum: 7.500 ccm
Leistung: 431 PS
Drehmoment: 570 Nm bei 4.000/min
Verbrauch: ca 30l/100km
Getriebe: GM TH-400 3-Gang Automatik
Höchstgeschwindigkeit: 210 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h: 8,4 s
Gewicht: 2.300 kg
SammyAliKennyEvilElvisElton
Originalartikel auf TRÄUME WAGEN

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Created Dienstag, 21. Oktober 2014 Tags Burgschmiede Namedy | Herbert Engel | Sportwagen Engel | Stutz | Stutz Blackhawk | TRÄUME WAGEN Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
20 Oct 2014
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Aus Versehen TÜV

Aus Versehen TÜV

Lange her, der letzte Werkstattbesuch…

Eigentlich sollte es ein ganz normaler Tag in meinem Leben werden. Früh Morgens mit dem Dottore ohne Zündschloss das Töchterchen zur Schule fahren und ab 9:00 Uhr an den Schreibtisch, schreiben und Fotos bearbeiten. Wie immer in meinem Leben ist es natürlich KEIN normaler Tag geworden, zumindest kein normaler Morgen. Er schüttelt mich zwischen 7:00 und 9:00 Uhr von Himmelhochjauchzen bis Zutodebetrübt, vielleicht sollte ich mich langsam mal an eine derartige relative Emotionsgeschwindigkeit gewöhnen. Ich fang mal vorn an, damit ich um 9:00 Uhr auch rechtzeitig an meinen Computer komme…

Aus Versehen TÜV

Na – da ist er ja

6:42 Uhr
Papa, ich hab grad das Netzteil vom alten Laptop aus der Kommode geholt, da ist so ein Schlüssel mit rausgefallen…” Argh. Tropfnass direkt aus der Dusche kommend (ich hatte noch nicht mal einen Kaffee) stehe ich überraschend vor meinem verlorenen Autoschlüssel. Sie erinnern sich? Ich werde in diesem Leben nicht mehr erfahren, was er in meiner Kommode im Wohnzimmer gemacht hat und wie er da hin gekommen ist. Ich sehe jedenfalls eine Chance für einen guten Tag, trockne mich grob ab, ziehe mich an, bastel noch liebevoll ein Pausenbrot für meine fröhliche Finderin und lasse sie dann für 10 Minuten mit ihrem Müsli allein. Ich und mein Kaffee, wir sind schnell mal draußen beim Audi in der frühherbstlichen Feuchtigkeit. Ich baue mit den schon bereitgelegten neuen Schrauben das alte Lenkradschloss wieder an, ziehe es fest und befinde das Ergebnis für insgesamt vorzeigbar. Lenkstockschalter drauf, Lenkrad drauf und gut. Mein Kaffee unterstützt mich dabei bedingungslos. Das hektisch bei ebay ersteigerte und inzwischen auch eingetroffene Set aus Schließzylinder, Türschloss, Heckklappenschloss und Schlüssel kann ich ja irgendwann mal weiterverkaufen oder beiseitelegen, falls sich der Schlüssel erneut in irgendwelchen undurchsichtigen Ecken meines Lebens niederlassen sollte :-)

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Mit Montag Morgen Muffel Musik

07:10 Uhr
Ich hatte ganz vergessen, dass mein Töchterchen am Wochenende mit ihrem Fahrrad bei mir war. Na gut. Kombi? – Braucht man nicht :-) Der Kofferraum des Dottore schluckt das Fahrrad ganz gut, und an so einem kalten grauen Herbstmontag will man die Zweitgeborene ja nicht frieren lassen. Also gullern wir mit ♫ Montag Morgen Muffel Musik ein bisschen verschlafen in Richtung Innenstadt. Ich beschließe, gleich nach dem Rauskippen der hübschen Fracht bei meinem Leib- und Magen-KFZ-Meister Rüdiger Menzel vom 1A Autoservice in Kiel einzukehren und zu fragen, ob er das allgemein schlechte Laufen des alternden Vierzylinders irgendwie kurz ergründen kann. Mit dem bin ich schon seit der Neueröffnung freundschaftlich verbunden. Deshalb: Nein, das sind keine verkauften und irgendwie ins Thema integrierten Links, die kommenden Geschichten werden Ihnen nach und nach erläutern, warum ich den Mann wirklich schätze und glaube, dass er zaubern kann. Und danach könnte ich mir auf dem Rückweg ins Büro gleich einen Termin bei der GTÜ holen, Hauptuntersuchung ist fällig. Bis dahin kann ich mich an den Wochenenden nochmal drunter legen und schauen, was alles gemacht werden muss. Ich fahre den Audi seit fast zwei Jahren einfach nur so….. ich habe da noch nie drunter geguckt, es war schlicht nicht nötig. Guter Plan. Also los.

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In guter Gesellschaft

7:32 Uhr
Für einen Montag Morgen ist der Meister ausnehmend gut gelaunt. Ich trau mich gar nicht zu fragen, woran das liegen könnte, nehme aber hin, dass wir zwei uns endlich duzen. Fein :-)Komm ich häng den gleich mal ran” sagt er und fährt den silbernen Herren auch schon in die große helle Halle, gleich neben einen wunderschönen W123. Der alte Daimler guckt den alten Audi ein wenig herablassend an, er ist in einem definitiv besseren Zustand und hat auch eine viel größere Fangemeinde als der Typ 43. Den will irgendwie niemand haben, alle finden den toll wenn man auf die Tankstelle fährt aber kein Mensch lässt sich drauf ein. Na und? Ich bin in diesem Jahr schließlich auch ein Typ 43 :-) Ich hab ihn ein bisschen lieb und freue mich, dass der alte Herr mal wieder eine richtige Werkstatt von innen sieht. Ex-Raffay in Hamburg, wo er einst 1977 gekauft wurde, sollte diese Ehre eigentlich auch zuteil werden. So dachte ich mal, als ich die anschrieb. Dort hat man aber leider das Klischee des “Freundlichen” bestätigt und trotz mehrerer Mails keinen Terminvorschlag gemacht. Hat man das in einem Audi Zentrum nicht nötig? Ich werde dem noch nachgehen, Menzel hat schon seinen Rollwagen hergeschoben und legt los. Hier werde ich auch mit einem 37 Jahre alten Auto ernst genommen, im Hamburger Audizentrum anscheinend nicht.

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Mit Herz und Ohr dabei

7:40 Uhr
Standgas und CO vom Vergaser sind frisch eingestellt. “Der bläut aber derbe hinten raus. Da solltest du mal die Schaftdichtungen machen, die sind sicher schon steinhart…” Das hatte ich sowieso vor, lasse mir einen groben Preis nennen (die Nockenwelle muss dazu raus, Mist) und mache gleich einen Termin für die nächste Woche. Morgens bringen, Nachmittags abholen. Klasse. Und dazwischen fahr ich dann eben Fahrrad, noch ist es ja nicht so kalt dass ich dafür zu bequem bin – und dass es hinten rein passt weiß ich ja seit heute Morgen :-) Die gute Nachricht: Kompression auf allen vier Zylindern ist gut, Standgas ist sauber, der Motor macht einen relativ gesunden Eindruck. Die Werkstatt füllt sich langsam, Kundenfahrzeuge werden reingeschoben, Monteure klettern unter die Hebebühnen und geschäftiges Treiben dringt aus allen Ecken.

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Der Maestro an seinem Orchester

7:43 Uhr
Wissen Sie, was beschämend ist? Viele Werkstätten haben gar nicht mehr die alten Testgeräte, die über Induktion die Zündsignale abgreifen. Ich bin von drei Markenzentren in Hamburg wieder nach Hause geschickt worden, weil man dort die alten Geräte entsorgt und auf die neue Generation umgestellt hat. Die mit den Diagnosesteckern, wo nur noch ein Computer angeschlossen wird, der dann über die Schnittstelle vom Auto gesagt bekommt, wo es weh tut. Diese Schnittstelle hat mein Audi aber noch nicht, 1977 waren Computer den Universitäten und der NASA vorbehalten :-( Was machen solche Werkstätten denn, wenn ein gut situierter Klassikerfahrer ankommt und zum Beispiel die Vergaser seines Porsche oder seines Audi Coupé S einstellen lassen will? Nichts. Ach doch, sie können was machen – sie können diese Leute zu Menzel nach Kiel schicken, der hat noch so ein Gerät. Und er selbst hat auf dem alten Audi 100 gelernt, und was er selbst bei alten Autos zeitlich nicht hinbekommt regelt sein Vati. Der ist auch noch ab und an dabei, der hat schon die Bremsen meines alten K70 damals wieder gerichtet. Gut. Das Zündbild ist fast perfekt. Es muss also irgendwie an der Spritzufuhr oder am Vergaser liegen, dass der Dottore bei 100 km/h sporadisch immer wieder bockig ist.

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Alles gesund im E-Werk

7:48 Uhr
Wir vertagen uns auf die nächste Woche, dann will er außer den Schaftdichtungen auch gleich mal den Vergaser unter die Lupe nehmen. Außerdem soll ich mir mal die Lenksäule anschauen, die macht komische Geräusche und mahlt so metallisch, das ist nicht gut. Ich erzähle von dem ausgebohrten und wieder angeschraubten Schloss. Irgendwas wird das damit wohl zu tun haben. “Das lässt sich schon finden” beruhigt Menzel mich grinsend und scheucht mich gut gelaunt vom Hof :-) Okay. Ich bin nicht wirklich weiter, aber ich kann mir ja noch schnell den Termin bei der GTÜ Prüfstelle holen, bevor ich mich in den Arbeitstag stürze. Die ist quasi eine Ecke weiter und öffnet in wenigen Minuten ihre Pforten. Vielleicht kann ich mir danach sogar noch ein Brötchen bei meinem Lieblingsbäcker holen, bevor es ans Schreiben geht.

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Äh… moment, ich bin unvorbereitet…

8:05 Uhr
Sie sind heute der Erste, fahren Sie den schönen alten Audi doch gleich auf die Bühne!” – Äh… ich…. wollte eigentlich nur einen Termin so für in drei Wochen oder so haben…. “Wieso, der sieht doch gut aus. Den machen wir gleich, rauf damit!” Ich bin verwirrt und überfahren. So war das nicht geplant. Während der Plakettenchef in seinem Büro die Daten in den Computer eingibt schleiche ich schnell nach vorn, mach die Haube auf und tausche die gelben Lampen gegen nicht ganz so gelbe, die ich im Handschuhfach für besonders renitente Ordnungshüter mitführe. Und schon ist er wieder da. *schwitz* Ich fühle mich irgendwie ertappt, allein aus dem Grund dass ich absolut nicht weiß, in welchem Zustand dieses Auto ist. Vor allem der Unterboden. Der Mann legt einfach los und lässt den Motor ein paar mal aufjaulen und ihn hochdrehen, als er Temperatur bekommen hat. Abgaswerte sind okay (na klar sind die das, ich komme ja auch gerade erst vom Motortester). Der routiniert vorgehende Sachverständige schaltet das Licht durch, Blinker, Hupe, Fernlicht, Nebelscheinwerfer (oh GOTT die gehen ja sogar noch!). Er prüft das Lenkungsspiel und wackelt an allen Rädern. Während der Motor im Standgas ruhig vor sich hin murmelt und irgendwann der Lüfter anspringt (was den Prüfer auch fröhlich zu stimmen scheint) stellt er noch die Lampen in der Höhe nach. Ich sage danke.

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So gestrahlt hat er noch nie

8:23 Uhr
Unter dem Auto höre ich AAAAHS und OOOOHS. “Wie sind Sie denn dem Rost bei diesem Modell Herr geworden? Der sieht ja von unten aus wie neu!” Ich…. ich…. ach wissen Sie, regelmäßige Pflege und Inspektion, wenn man immer dran bleibt ist das gar nicht so wild bei dem Audi 100. Während meine Nase immer länger wird und ich ebenfalls unter dem Dottore stehend Gefahr laufe, sie mir am heißen Auspuff zu verbrennen bin ich selbst ein wenig erstaunt über diesen Unterboden. Habe ich irgendwelche Lemminge im Garten, die Nachts diesen Wagen pflegen und konservieren? Das ist ja nicht zu fassen. “Hier an der Antriebswellenmanschette ist ein kleiner Riss. Nicht schlimm, aber da sollten Sie bald mal ran. Ansonsten okay, wir können wieder raus.” Ach? Was ist denn hier los? So ein gesundes Auto habe ich? Der Mann geht wieder in sein Büro, während die nächsten Prüflinge schon Schlange stehen. Ein total, TOTAL verrosteter T3 Bulli und ein wunderschöner, anscheinend tadelloser Mercedes W108, die alte S-Klasse. Na dann. Auf in den Tag. Da kommt der Chef wieder und hat was rundes, selbstklebendes in der Hand…..

Aus Versehen TÜV

Zwei Jahre Ruhe

8:52 Uhr
Und wie war Ihr Montag Morgen so? Ich bin wieder zu Hause und habe meinen Plan abgearbeitet. Vor zweieinhalb Stunden hatte ich noch einen alten Audi ohne Zündschloss mit Motorproblemen, jetzt habe ich einen alten Audi mit Zündschloss und Schlüssel, sauberen Abgaswerten, frischem TÜV und… noch immer mit Motorproblemen. Aber das weiß ich jetzt noch gar nicht. So erfolgreich dieser Morgen in Sachen Schlüssel und TÜV auch war – er hat seine Langzeithaken. Mit der mahlenden und schabenden Lenksäule habe ich noch ein paar Hühnchen zu rupfen. Und der Satz “Die Schaftdichtungen solltest du machen” in Verbindung mit dem gebuchten Termin soll noch für eine Menge Gesprächsstoff sorgen – und für einen BMW 325e, wenn auch nur für kurze Zeit. Warum sollte in diesem Jahr auch IRGEND etwas einfach mal einfach nur funktionieren? Pha. Ich sitz dann mal am Schreibtisch und schreibe, deshalb heißt er ja auch so. Wir lesen uns bald wieder zu diesem Thema. Aber so unerwartet hab ich noch nie die HU bekommen.
Haben Sie auch so einen Respekt vor diesem Termin…?
Sind Sie auch ein Opfer der Überheblichkeit der Fachwerkstätten mit den vier Ringen?
Oder hat Ihre gar keinen Motortester mehr, sondern nur noch ein Laptop?

Sandmann

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Created Montag, 20. Oktober 2014 Tags 1A Autoservice | Audi 100 | Audi 100 LS 1977 | C2 | gtü | Hauptuntersuchung | Menzel Kiel | TÜV | Typ 43 | Vergaser | Zündung Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
16 Oct 2014
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Schlüsselerlebnisse

Schlüsselerlebnisse

Oldschool Autoknacken

Sag mal, wo’sn der Schlüssel vom Audi…?” Mit diesem Satz fing alles an, irgendwann heute Morgen, im Osten von Kiel. Das ist 8 Stunden her. Nein, sie hatte ihn nicht gesehen, stieg später in den Mercedes und fuhr mit unserem viertelfinnischen Sandmädchen von Kiel zurück nach Hamburg. Ein fröhlich Liedlein singend. Ich will, nein ich MUSS heute Abend mit dem Audi nachkommen und stehe vor einigen Problemen. Ich komme gerade noch nicht mal rein in den alten Dottore, vom Losfahren kann noch viel weniger die Rede sein. Das bedeutet: Entweder den Schlüssel finden oder… oder… hm. Na das sehen wir dann.

Schlüsselerlebnisse

Ich muss da irgendwie rein.

Haben Sie schon mal einen Autoschlüssel nicht wiedergefunden? Ich will gar nicht von “verlieren” sprechen, denn ich bin ja mit der Karre hier her gekommen und habe seit dem das Grundstück nicht verlassen – also muss er hier irgendwo sein. Aber er ist nicht da, wo ich ihn immer hinhänge: Am Schlüsselbrett. Doof. Ich durchsuche alle Taschen, sowohl die an meinen Klamotten am Körper als auch die meiner Arbeitshose, die ich heute auch an hatte. Die Taschen meiner Jacke. Die aller anderen Jacken. Laptoptasche. Alle Ablagen im Wohnzimmer, in der Küche und im Bad. Manchmal legt man so einen Schlüssel ja in Gedanken mit irgend etwas anderem irgendwo hin. Nein. Hab ich nicht. Der Kofferraum ist offen, da habe ich vorhin ein paar Ersatzteile reingelegt. Aber nicht den Schlüssel. Nirgends. Er ist nicht im Kühlschrank, nicht auf der Terrasse und auch nicht in der Kaffeemaschine. Verdammt. Habe ich den stecken lassen, und jemand hat ihn geklaut? Nein. Ich lasse NIE den Schlüssel stecken, und selbst wenn – alle Türen sind zu. Die Fahrertür lässt sich nur mit dem Schlüssel zumachen, ich glaube nicht, dass sich ein Schlüsseldieb so viel Zeit nähme. Nein, den hat niemand geklaut. Ich laufe die Straße rauf und runter und scanne mit Adleraugen den Straßenrand. Ist er mir aus der Tasche gefallen? Nein. Ich durchsuche alles noch mal. Und noch mal. Was für ein sinnloses Verbrennen von wertvoller Zeit :-( Irgendwann ist klar, dass ich diesen Schlüssel hier und heute nicht mehr auftreiben werde, also plane ich einen gezielten Einbruch. Vielleicht… liegt er ja doch irgendwo im Auto…?

Schlüsselerlebnisse

Der gute alte Kleiderbügel

Ach ja, die guten alten Zeiten. So ein Kleiderbügel von der chemischen Reinigung ist schon ein super Universalwerkzeug, das kennt man ja noch aus den alten Filmen. Heute, bei neueren Autos geht das nicht mehr. Da kann man die Türen nicht so einfach mit einem Schraubendreher von der Dichtung wegdrücken und schon gar nicht den Knopf mit einer Art Haken hochziehen. Die Knöpfe sind heute oben nicht mehr breiter als unten (damals, 1977 waren sie es), und irgendwelche Innenraumüberwachungen würden wohl laut Alarm schlagen. Ich frickel mir so einen Bügel zurecht und finde mich wieder zwischen komisch guckenden Spaziergängern, die mich nicht persönlich kennen und lachenden Nachbarn, die das schon gewohnt sind. Dass ich seltsame Sachen an und mit den Autos vor meiner Haustür mache und mich dabei fotografiere. Es kommt innerhalb von 10 Minuten kein Polizeiwagen, soll mich das nun verunsichern oder beruhigen? Dann bin ich drin. Kein Schlüssel. Nirgends. Hätte mich auch gewundert, aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Also nochmal von vorn. Ich laufe die Straße ab. Ich durchsuche nochmal alle Taschen, sowohl die an meinen Klamotten am Körper als auch die meiner Arbeitshose, die ich heute auch an hatte. Ich gucke sogar im Wäschekorb. Die Taschen meiner Jacke. Die aller anderen Jacken. Die Laptoptasche, obwohl ich das alles schon gründlichst gemacht habe. Alle Ablagen im Wohnzimmer, in der Küche und im Bad. Der Kofferraum ist immer noch offen, ich suche erneut und finde eine verschollen geglaubte Zierleiste unterm Teppich. Aber nicht den Schlüssel. Nirgends. Er ist noch immer nicht im Kühlschrank, noch immer nicht auf der Terrasse und auch noch immer nicht in der Kaffeemaschine. Nochmal Verdammt.

Schlüsselerlebnisse

Dann muss es eben sein.

Ich bin zu alt zum kapitulieren. Nicht vor meiner eigenen Blödheit und schon gar nicht vor einem kleinen Schlüssel. Ich habe in den vergangenen Jahren zu viel Scheiße erlebt, bin da durchgegangen und habe nach und nach alles in den Griff bekommen, da ist das hier ja wohl auch zu regeln. Es muss wohl der harte Weg sein. Die Alternative wäre eine Bahnfahrt nach Hamburg und übermorgen eine Bahnfahrt wieder zurück nach Kiel. Nicht unbedingt unattraktiv, aber dann hätte ich hier noch immer keinen Schlüssel. Der zaubert sich ja nicht plötzlich wieder her. Gleichwohl er irgendwo sein muss….. Egal. Ran an den Speck beziehungsweise den Stahl, Lenkrad runter und das Zündschloss freilegen. Dafür muss der komplette Lenkstockschalter ab, aber das ist bei diesem alten Herren mit dem Lösen einer einzigen Schellenschraube getan. Sollte ich vielleicht noch mal alles durchsuchen…..? Ich rufe mein halbfinnisches Fräulein Altona an, ob der Schlüssel vom Audi vielleicht aus irgend einem Grund im Mercedes liegt? Nein :-( Nun reicht’s. Ich ziehe ein dickes schwarzes Verlängerungskabel aus dem Kellerfenster bis auf die Straße. Hat der Audi grad gezittert? Ja, zu Recht, mein Lieber. Auch wenn du nichts dafür kannst, du kostest mich gerade eine Menge Nerven und Zeit an einem Tag, an dem ich beides nicht habe. Ich fahre heute noch Audi. Definitiv. Und jetzt ist schweres Geschütz angesagt.

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Er will es ja nicht anders

Die gute alte BOSCH hat schon einige Löcher in weichem und hartem Material hinterlassen, heute wird sie erstmals mit rundköpfigen Abrissschrauben (sieht komisch aus, oder? sss) aus Stahl konfrontiert. So ein Zünschloss konnte man natürlich auch in den 70ern nicht einfach mit einer 13er Stecknuss abschrauben, auch damals gab es schon Diebe und auch damals hingen die Menschen an ihren teuer bezahlten Mittelklasselimousinen. Die beiden Schrauben im Alugehäuse des Zündschlosses sind am Ende des Tages auch nur Schrauben. Und nein, liebe Kinder, ich erkläre euch und auch den Erwachsenen, die das vielleicht wissen wollen jetzt nicht im Detail, wie man an diese Schrauben rankommt. Das soll ja hier keine Anleitung zum Audiknacken sein. Auch erzähle ich nicht, wie weit und wie tief man bohren muss, aber lasst euch gesagt sein: Da fallen eine Menge Metallspäne in den Fußraum. Was ich lerne: Die Schrauben halten nicht nur das Zündschloss, sie fixieren auch die komplette Lenksäule am Armaturenträger. Oh. *KNACK* jetzt nicht mehr….

Schlüsselerlebnisse

Ich bin der Schlüsselmann

Die Ingenieure haben sich da vor 37 Jahren in Neckarsulm ganz schön Mühe gegeben, ihre Autos stabil und sicher zu bauen. Mal eben die Kabel rausreißen, aneinanderhalten und dann läuft der Laden (wie im Kino) geht hier nicht. Solange das Zündschloss noch auf der Lenksäule sitzt rastet gegebenenfalls auch noch das Lenkradschloss ein. Also ganz runter mit dem Teil. Hinten drauf steckt ein Bauteil, das gern mal im Alter seinen Dienst quittiert. Der Anlassschalter. Schreibt man den heute wirklich mit drei s? Ist ja gruselig. Auch den hab ich jetzt mal nicht fotografiert, da kommt man auch gaaaanz schwer ran. Echt. Und ich beschreibe hier auch nicht, welche der 7 Klemmen wie verbunden werden müssen, damit man a) die Zündung anschaltet und b) dem Anlass-Relais die Spannung gibt, die es davon überzeugt, den Strom zum Anlasser durchzuschalten. Aber ich kann so viel verraten: Als penibler Kommunikationselektroniker habe ich fein drei Kabel mit Steckern gekrimpt und die in die richtigen Pole gesteckt. Das sieht nicht nur gut aus, das verhindert gegebenenfalls auch einen feinen kleinen Kurzschluss mit Brand hinter dem Armaturenbrett, denn hier wird mit Klemme 30 hantiert, die ist stromführend direkt von der Batterie.

Schlüsselerlebnisse

zündende Ideen

Das muss jetzt nur noch a) überhaupt funktionieren und b) bis Hamburg halten. Ich bin heute ein Mann von viel a und b. Und ich bin Kummer gewohnt, mit dem KaSi fahre ich schon seit Jahren rum und habe das Abblendlicht mit einer Klemme im Sicherungskasten überbrückt, weil irgendwo ein Kabel gebrochen ist. Geht. Warum also nicht auch hier? Ein bisschen Sorgen machen mir die drei anderen unberücksichtigten Klemmen am nun temporär nicht mehr benötigten Anlassschalter, die haben schließlich auch irgend eine Funktion. Aber was kann schon groß ausfallen bei so einem alten Auto? Primär will ich jetzt den Motor zum Laufen bekommen, damit mich der Wagen nachher nach Hamburg tragen kann. Wider der Deutschen Bahn und wider der Kapitulation. Später kann ich mir ja bei ebay ein gebrauchtes neues Schloss kaufen und das entsprechend wieder einbauen. Ich habe ja nur die beiden Schrauben zerstört, den Rest kann ich wieder brav zurückbauen. Okay, vielleicht habe ich auch mit der Bohrmaschine ein bisschen vom unteren Armaturenbrettträger (wirklich heute mit drei t? Krass) weggefräst, aber das sieht man nicht, da ist das Lenkrad vor. Also, dann, wenn ich es wieder draufgeschraubt habe. So. Zwei der drei Klemmen verbinden. Zündung, jetzt?

Schlüsselerlebnisse

Große Freude über zwei rote Lampen

Jawohl! Kupplung treten, die dritte Klemme mit ranhalten – und der Anlasser dreht sich. Und der Motor springt an. YESS!!!!! :-) Nach 45 Minuten bohren und basteln läuft der Dottore wieder, lässt sich lenken und schalten und macht insgesamt einen fahrbaren Eindruck. Ich… äh… okay, die Blinker gehen nicht. Das muss an der Position der Schalter auf der nun nicht mehr fixierten Lenkachse liegen. Glaube ich. Dementsprechend sollte ich Kreuzungen meiden oder vielleicht die Hand raushalten, das geht ja beim Fahrrad auch. Das normale Abblendlicht geht auch nicht. Nur das Standlicht. Also sollte ich los, bevor es dunkel wird, das kriege ich aber hin. Der Scheibenwischer geht auch nicht. Und es sieht nach Regen aus. Aus Mangel an Alternativen lasse ich mich trotzdem drauf ein und beschließe, zur Not einfach so schnell zu fahren, dass die Regentropfen auf der Scheibe nach oben weggefegt werden. Dass das nicht geht weiß ich irgendwie, aber nun bin ich schon so weit gekommen – jetzt will ich das auch durchziehen. Wenigstens weiß ich jetzt, was mindestens alles noch über diesen Anlassschalter gesteuert wird. Das Radio hängt direkt an Klemme 30, das geht immer. Und das ist auch gut so. Die Hupe geht auch. Die Lenksäule schwabbelt ein wenig haltlos ohne ihre Fixierung im Fußraum vor sich hin, ich beschließe, vorsichtig zu fahren und das alles erst zu veröffentlichen, wenn es ein gutes Ende genommen hat :-)

Schlüsselerlebnisse

Ich hör jetzt auf damit, aufzugeben.

Steine im Weg? Fuck you. Nur ein kleines Ereignis innerhalb des riesengroßen Haufens an Arbeit, Kummer und Zeitdruck, der momentan in Sandmanns Welt abgearbeitet wird. Aber weil ich nicht einsehe, dass so ein Dreck jetzt überflüssigerweise auch noch meine Pläne verzögert oder durchkreuzt ist es mir so wichtig gewesen, den Kahn wieder zum Laufen zu kriegen. Dass dies erst der Anfang war und in der Folge nach und nach noch ein weiterhin malader Vergaser, verhärtete Ventilschaftdichtungen, eine durchgeschossene Kopfdichtung, ein zahnloser Zahnriemen und ein geplatzter Kühlwasserschlauch kommen ist nur konsequent. Aber das sind andere Geschichten. Heute fahre ich mit dem Audi nach Hamburg, und ich komme heil und nur leicht genervt da an. Ohne Regen ;-) Und vielleicht bin ich auch ein bisschen stolz auf die alte Karre, denn trotz alledem bringt sie mich auch in stürmischen Zeiten immer wieder nach Hause.

Sandmann

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Created Donnerstag, 16. Oktober 2014 Tags Audi 100 | Audi 100 LS 1977 | schlüssel | Typ 43 | verloren | Zündanlassschalter | Zündschloss Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
15 Oct 2014
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Re-CHARGE my Life!

Re-CHARGE my Life!

Wertanlage mit Hüftschwung

Wie sich ein 68er Dodge in ein Leben einschleicht …
Als Kinder seid ihr irgendwann aus dem Spielzeugalter raus,  habt dann aber kein Geld. Jedenfalls nicht viel mehr als für ein Eis, ein YPS und ein Smartphone. Wenn ihr als Männer später Geld haben, nimmt es euch meist der Alltag, das Finanzamt oder die knapp kalkulierte Doppelhaushälfte wieder ab. Oder die Lebensgefährtin. Denn die legt üblicherweise ein Veto gegen Spielzeug jeder Art ein, so habe ich das jedenfalls in meinem Freundeskreis mehr als einmal beobachten dürfen. Bei Martin Hofmann ist das irgendwie alles anders. Der ist erwachsen, hat Geld gespart und die Freundin auf seiner Seite. Er will auch wieder spielen, und er tut es, und sie lässt ihn.

Re-CHARGE my Life!

Besser als jede Therapie

Keine Spur Midlife-Crisis
Kinder und maskuline Erwachsene spielen gern mit Autos – aber die Form eines 911er, die so viele Männer in der Mitte ihres Lebens erregt (und meist einhergeht mit dem Austausch der Lebenagefährtin gegen ein wesentlich jüngeres Modell), reizt Martin nicht. Er ist ein Kind der 80er. Amischlitten – sie fallen ihm wieder ein, zuerst gesehen in den amerikanischen TV-Serien. Erinnerungen an das “A-Team”, “Knight Rider” und “Ein Colt für alle Fälle” erwecken den berühmten Virus für amerikanische Autos wieder zum Leben. Seiner Freundin gebührt an dieser Stelle großer Respekt, denn statt zickig mit der klappernden Haushaltskasse zu wedeln unterstützt sie geduldig und verständnisvoll diesen Mann in seinem Vorhaben. Obwohl er nichts anderes mehr im Kopf zu haben scheint, aber das kennen wir ja.

Volltreffer in Wisconsin
In Hamburg werden Nägel mit Köpfen gemacht. Mit einem kundigen Importeur bringt Martin monetäre Voraussetzungen mit Wunschvorstellungen in Einklang, und er beginnt die detektivische Suche im Internet. Und gerade das gestaltet sich gar nicht so einfach, wenn man konkrete Gedanken und Vorstellungen besitzt. Es soll ein Dodge Charger werden, das klassische, leider inzwischen recht hochpreisige Muscle-Car der 60er. Martin befolgt den Rat des Importeurs und sieht sich viele, sehr viele Muskelkisten an – und wird immer wieder enttäuscht. Da ihm ein bestimmtes Baujahr mit einer klar definierten Motorisierung vorschwebt, dünnt sich das Angebot im deutschen Lande ohnehin immer weiter aus, und Dichtung und Wahrheit besorgen den Rest. Also erweitert er seine Recherche auf die USA, und schon kurze Zeit später macht es endlich “Klick”. Bei einer Anzeige passt alles – Motor, Innenausstattung, Übersetzung der Hinterachse und der beschriebene Allgemeinzustand. Martin greift zum Telefon.

Re-CHARGE my Life!

Da geht noch was…

Auf der anderen Seite des großen Meeres meldet sich Chris aus der Nähe von Milwaukee in Wisconsin. Ja, der Wagen sei noch da, er habe auch schon eine lange Geschichte in seiner Familie hinter sich. Als das ursprüngliche Fahrzeug in die Jahre gekommen war, erwarb es sein Bruder und wollte es eigentlich zeitgenössisch zum Drag-Racer pimpen. Dieses Vorhaben zog sich aber anscheinend erheblich in die Länge, und Chris konnte es irgendwann nicht mehr ertragen, den schon damals recht seltenen Wagen ohne Motor ausgeweidet auf dem Hof stehen zu sehen. Also kaufte er ihn seinem Bruder ab und baute ihn bis 2004 nach und nach genau so auf, wie er selbst sich einen fabrikneuen Dodge Charger bestellt hätte. Und da scheint zwischen Martin und Chris geschmackliche Einigkeit zu bestehen. Was für ein Treffer!

Farbe? Passt.

Farbe? Passt.

Über den großen Ozean
Der nun erneut wieder auf den Plan gerufene Importeur einigt sich mit dem Besitzer des Muscle-Cars auf die Bestellung eines unabhängigen Gutachters vor Ort, der 120 Fotos vom Auto macht und alle eventuellen Schwachpunkte und Mängel in einem Schriftstück festhält. Die Fotos und die umfangreichen Beschreibungen überzeugen Martin sofort – und das Ja seiner Freundin bekommt er umgehend. Das muss Liebe sein. Also… von beiden Seiten :-) Er kauft den 42 Jahre alten Dodge, ohne ihn je selbst gesehen zu haben und nimmt ihn sieben Wochen später überglücklich und mit Herzklopfen in Empfang. Nach einem kurzen Umbau für den deutschen TÜV und eine auf Anhieb erfolgreiche Zulassung gehört der Dodge zur Familie.

Re-CHARGE my Life!

So soll ein Muscle Car aussehen

Eine eigene Dimension
Und Familientreffen mag ich. Da folge ich der Einladung sehr gern, zumal die Anreise nicht weit ist und es am Treffpunkt einen leckeren Mittagstisch, serviert von der süßen Mary, zu futtern gibt ;-) Martin stellt mich seinem Charger höflich vor, während ich mich verbeuge und ehrfürchtig damit beginne, die Dimensionen zu erfassen. Erstmal innen drin. Ein für die späten 60er Jahre unaufgeregtes Armaturenbrett beherbergt in schwarzem Kunststoff einige Rundinstrumente und dicke Kippschalter. Kleine Aufkleber auf dem Tacho erzählen von Stundenkilometern und verdecken die Meilenangaben. Ein Lichtlein aus dem Mitteltunnel leuchtet den Weg, als sich der Steuermann in das weiße Kunstledergestühl fallen lässt.

Alles im Blick

Alles im Blick

Re-CHARGE my Life!

Beleuchtete Füße. Cool.

Re-CHARGE my Life!

Schalter, die noch geschaltet werden WOLLEN

Re-CHARGE my Life!

Musik zwo drei…

Ich trete zurück, um dieses glänzende, grüne Muskelpaket einmal in Gänze vor die Linse und in mein Bewusstsein zu bekommen. Ich muss dafür ziemlich weit zurücktreten, das Ding ist sagenhaft lang. Was gerade noch als Matchbox-Auto in einer irren Farbe mit dicken Reifen und kurvenreichen Formen in meiner Sandkiste auf eine kleine Reise ins benachbarte Erdbeerbeet wartete, steht hier jetzt im Maßstab 1:1 vor mir. Seine Schnauze wirkt gierig, sein Body wie von einem heißen Gegenwind nach hinten ausgeformt. Ein faszinierender Hüftschwung mit wunderschönen Details wie dem seitlichen Tankdeckel oder den kleinen, runden Rücklichtern lassen meinen Mund permanent offen stehen. Ich beginne zu begreifen, warum dieses Modell bei den Freaks in der Szene so begehrt ist. Hier war ein Künstler am Werk. Der Dodge scheint zu warten.

Re-CHARGE my Life!

Nordische Wangenknochen, sehr sexy

Re-CHARGE my Life!

Grip auf jedem Meter. Die Walzen versprechen es.

Re-CHARGE my Life!

Bremslichter, die aber nicht gebraucht werden.

Ein Motor wie ein Gewitter
Im Hintergrund holpert ein Toyota Aygo die Kopfsteinpflasterstraße entlang, und ich kann mich nicht entscheiden, was mir hier deplatzierter vorkommt. Der knubbelige, japanische Kleinwagen im Angesicht einer gewaltigen, völlig sinnentleerten Fahrmaschine – oder eben diese vor Kraft strotzende, irgendwie unwirkliche Symbiose aus wunderschönen Kurven und Ressourcen vernichtendem 440cui Big Block in einer grauen Welt voller Abgasnormen und Elektroautos. Wie sagten sie so schön im Trailer des ersten Jurassic-Park-Films? “Etwas… hat überlebt!”. Ja geil, und dieses etwas passt, wie ich finde, noch immer wunderbar in diese Welt. Nennen wir es Ansichtssache. Der Anlasser dreht sich.

Re-CHARGE my Life!

Zwischen viel Platz und viel Motor.

Und das, was jetzt kommt, lässt sich kaum in Worte kleiden. 7,2 Liter Brennraum füllen sich mit leicht entzündlichem Nass. Der Anlasser klingt wie bei jedem amerikanischen Hubraumwunder ein bisschen so, als schaffe er es nicht ganz. Tut er dann aber irgendwie doch immer. BRROOOOAAMMMMM!!!!! Ein kurzes, turbinenhaftes Aufbrüllen, dann ein ruhiges Grummeln wie von einem fernen Gewitter, gleichmäßig und völlig unaufgeregt. Martin legt den mittigen Wählhebel des TFT 727 Getriebes in die Fahrstufe ein und fährt an mir vorbei… und fährt vorbei… und fährt vorbei… Ich habe schon kürzere Autos gesehen. Der Aygo ist hoffentlich langsam mal in seinen Vorort verschwunden, wir brauchen gleich die ganze Straße!

Re-CHARGE my Life!

Ein Gewitter donnert durch den Hafen

Käufliche Sehnsucht
Wow – deshalb heißen die auch Muscle Cars. Das tiefe Grollen erzählt von etwas, was gern frei gelassen werden möchte, von einem Raubtier in Lauerstellung, von einem endlich erfüllten Traum. Und Martin lässt es frei. Katzenhaft schnellt der Dodge nach vorn. Wie bei einer nahenden U-Bahn bebt die Straße, er ist gar nicht laut dabei, ich fühle es trotz der Entfernung eher im Magen und bewundere, wie unangestrengt das Fahrzeug dabei wirkt. Ich bin von Evel Knievel geprägt. Ich erwarte einen am anderen Ende der Straße sich entfaltenden Bremsfallschirm, aber diese Aufgabe müssen die vier zeitgenössischen Trommelbremsen übernehmen. Meine Nackenhaare haben sich noch gar nicht wieder gelegt, da brennt er erneut an mir vorbei. Shit, ich soll ja Fotos machen :-) Okay. Die breite, scheinwerferlose Schnauze taucht tief in die Bodenwellen ein, hart und bestimmt stemmen sich die Pneus gegen das Kopfsteinpflaster – und schon ist er wieder weg. Es riecht angenehm nach sauber verbranntem, unkatalysiertem Super.
Das hier ist Sex. Das ist Form und Kraft in einem, das ist käufliche Sehnsucht und erfüllte Lust bei der Kontrolle über die Maschine. Mich fröstelt. Als das Gerät (kann man so etwas überhaupt noch Auto nennen?) wieder an mir vorbei auf den Parkplatz rollt, blicke ich nur noch andächtig lächelnd und ein bisschen irre.

Re-CHARGE my Life!

Wer braucht da noch einen Therapeuten?

Aufladen im Alltag
Martin Hofmann, setzen, alles richtig gemacht. Der Mann erzählt am Ende unseres Treffens bei einem Kaffee in der Oldtimertankstelle Brandshof die Geschichte seines Autos, während es draußen ungeduldig auf ihn wartet. Martin ist noch immer ein bisschen Kind. Und er wirkt glücklich, so glücklich wie ein Mann nur wirken kann, wenn er sich einen Traum erfüllt hat. Der Nachbar muss jeden Tag sein Elektroauto wieder aufladen. Der Charger lädt andersrum Martin jeden Tag wieder auf, bringt Farbe und Sound in den grauen, monotonen norddeutschen Winter und  gewährt einen Ausblick auf viele weitere spektakuläre Reisen und Erlebnisse mit einem mehr als ungewöhnlichen Auto.

Re-CHARGE my Life!

Das Schiff ist im Hafen

So soll es sein. Hier hat ein Mann seine Religion gefunden und lebt sie nun. Und noch immer mit dem Segen seiner Freundin. Der Fahrer des Aygo wird das niemals verstehen…

Sandmann

Location: www.tankstelle-brandshof.de und der Hamburger Hafen
Artikel auch bei TRÄUME WAGEN

Bilder: Jens Tanz und Susann Drews

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Created Mittwoch, 15. Oktober 2014 Tags 1968 | ami | Brandshof | Charger | Dodge | Dodge Charger | hamburg | Import | Musclecar | TRÄUME WAGEN Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
13 Oct 2014
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Zurück in die Sintflut

Zurück in die Sintflut

Wie Sie sehen – sehen Sie nichts.

Finalement bringt der Weg am Ende des Urlaubs mit dem Auto nach Hause viererlei Erkenntnis: Erstens sind es viele Kilometer. Zweitens wird das Wetter in Richtung Deutschland schlechter. Drittens überkommt den Fahrer bei so einer lange Tour am Stück gern mal eine tiefe Müdigkeit. Soweit ist mir das alles bekannt :-) Die Superlativen sind allerdings neu – ich lerne heute, WIE weit es wirklich von Agde am Mittelmeer bis Kiel in Norddeutschland ist, WIE schlecht das Wetter faktisch werden kann und WIE sehr einen die Müdigkeit am Steuer eines Autos erwischt, wenn weit und breit über Stunden kein Rastplatz kommt. Von der vierten Erkenntnis erzähle ich später. Aber ahnten Sie schon, WIE dringend ich ein neues Navi brauche? Aber geben wir dem alten zunächst, bei gutem Wetter in Südfrankreich, die Koordinaten der Heimreise durch:

Argh.

Zurück in die Sintflut

Das… ist WIRKLICH weit.

Zur Verifizierung der ersten Erkenntnis schiebe ich mein bas Erstauntsein auf die Psyche des Menschen und die Verdrängung im Allgemeinen. So ein zweigeteilter Hinweg mit Übernachtung in Paris lässt eine europadurchquerende Gesamtstrecke irgendwie kürzer wirken, als sie tatsächlich ist. Heute sollen es 1635 Kilometer am Stück werden, und nach nur 14 Stunden sollen wir um 1:21 heute Nacht da sein :-) Ha. Ohne Pausen, also eher ein paar Minuten später. Und mein großes Töchterchen regt einen Stopp in Lyon an, da waren sie auf Oberstufenfahrt, und man sagt dort solle es sehr leckere Süßigkeiten geben. Mitbringselalarm!
Das Mobile Home ist fachgerecht abgenommen und mindestens in seinem Ursprungszustand übergeben, das bedeutet (wie immer auch nach jedem Dänemarkurlaub) sauberer als zu Beginn und mit genau so vielen Fehlteilen in der Küche wie vor 10 Tagen. Das stört niemanden, die Gäste offensichtlich auch nicht, uns auch nicht – also kann es losgehen. Jetzt. Jetzt ist er wieder da, dieser Moment, von dem wir zu Beginn der Reise immer sprechen :-( Wenn nach nur einem *SCHNIPP* mit den Fingern all die schönen und schrägen Tage vorbei sind.

Zurück in die Sintflut

Bitte recht traurig…

Mmmmmmhhhhböööh :-( Manno. Zurückfahren heißt sich mit dem Alltag konfrontiert sehen, und zwar ziemlich direkt und unnachgiebig. Heute ist Samstag, und Montag geht die Mühle wieder voll los. Zumindest für den sich in einer Ausbildung befindenden jungen Mann mit der neuen Cap und für mich, also MÜSSEN zumindest wir beide irgendwie morgen im Laufe des Tages in Norddeutschland ankommen. Und dann wird er wieder wacker vor sich hinzimmern, und ich werde ich mich dem stellen, was da auf mich wartet. Die Mädels wiederum haben entweder noch vier Wochen Ferien oder noch vier Wochen Freiheit bis zum Beginn des FSJ vor sich. Beneidenswert. Vier Wochen am Stück, vielleicht hätte ich DOCH Lehrer werden sollen? :-) Neiiiiin. Autos. Der Tank ist voll, Öl, Wasser und Reisebaguettes sind aufgefüllt und Lyon als Zwischenziel in 5 Stunden klingt gar nicht so wahnsinnig weit weg. Gleich bei der Auffahrt auf die erste Autobahn vor Montpellier (wo M. Leroc den ausgebüchsten Daniel mit… ach, lassen wir das nun mal) treffen wir auf viele gleichgesinnte Franzosen, Niederländer und Belgier, die auch nur bis zum heutigen Samstag ihre Domizile gebucht haben und die vermutlich wie wir auf dem Heimweg sind. Stau an der Péage. Na – da fühlt man sich doch gleich wie Zuhause auf der A7 im Elbtunnel…

Zurück in die Sintflut

Samstag ist Bettenwechsel?

Finalement gibt südfrankreichs Sonne noch einmal alles. Ich weiß nicht ob mich die Wetterprognosen, die Regen vorhergesagt haben nun fröhlich stimmen. Eher nein. Denn vom Regen in Frankreich hab ich nichts und bin prinzipiell kein missgünstiger Mensch, außerdem scheint in Deutschland sowieso grad die Welt unterzugehen. Mindestens wettertechnisch. Also nehmen wir es einfach so, wie es ist – bleibt ja eh keine Alternative :-) Und mit Petrus kann ich erst wieder im Dezember über seine Wetterplanung plaudern, wenn er genau wie ich den jährlichen Trip mit seiner Ische Frau Holle auf den Weihnachtsmarkt nach Uelzen macht. Aber das ist eine andere Geschichte. Scrollen Sie doch bitte noch einmal hoch zu dem Bild am Anfang. Das mit der Windschutzscheibe. Dann haben Sie einen ungefähren Eindruck davon, was so auf der Autobahn kurz vor Lyon abgeht. Alle bleiben stehen, der Himmel öffnet seine Schleusen und zwischendurch ballern auch noch Hagelkörner nieder. Hat Lyon keine Lust auf uns? Selbst wenn dem so ist - wir haben Lust auf Lyon. Auch wenn es uns üblicherweise auf dem Rückweg dann doch ziemlich doll nach Hause zieht, wollen wir einmal durch die Stadt flanieren, die Gliedmaßen strecken, etwas essen und ein paar Süßigkeiten kaufen, bevor es auf die finale Etappe raus aus Frankreich geht.

Zurück in die Sintflut

Da braut sich was zusammen

Die Lebensmittelversorgung wird standesgemäß aus Zeitgründen von der amerikanischen Fastfoodkette mit dem goldenen M bewerkstelligt. Notiz an mich selbst: Auf der nächsten Reise dieser Art werden ausschließlich saisonale Köstlichkeiten von lokalen Anbietern gegessen. Man muss ja Ziele haben :-) Für andere Sehenswürdigkeiten neben diesem Etablissement hat der Zeitplan leider keine Lücken gelassen, also hüpfen die drei Mitreisenden und ich zwischen den einzelnen heftigen Starkregenschauern von Fußweg zu Fußweg und suchen und finden dann auch eine Confiserie, wo man diese kleinen bunten süßen Küchlein kaufen kann. Wie heißen die noch mal? Leider sind die hier sechsmal so teuer wie in jeder anderen Bäckerei auf dem Land, aber wir haben nun mal keine andere Bäckerei auf dem Land in der Nähe und das Angebot bestimmt den Preis. Ich beschließe spontan bei soviel kapitalistischer Erkenntnis, das Taschengeld meiner Töchter zu erhöhen. Immerhin sind die Pralinchen sehr hübsch verpackt, die Lieben daheim werden sich freuen :-)

Zurück in die Sintflut

Quasi im Dior-Shop für Pralinen

Tschüss Lyon. Ich glaube du bist ganz schön, wenn man sich Zeit mit dir nimmt. Leider haben wir die heute nicht, aber meine große Tochter kann von einigen wirklich guten Tagen und Abenden im vergangenen Jahr hier berichten. Und auch wenn wir nur den innerstädtischen McDonald’s und diese völlig überteuerte Luxus-Schokoladenmanufaktur gesehen haben, so bekommt man doch beim Durchfahren auf der Suche nach einem Parkplatz einen ganz guten Eindruck von deiner Schönheit. Lyon. Wenn der Regen einem diesen Eindruck gewährt. Kurz vorm Auto werden wir noch einmal nass. Also so RICHTIG nass! Zumindest drei der vier Reisenden können es nicht fassen, dass nach der warmen Morgensonne und dem strahlend blauen Himmel heute bei unserer Abfahrt nun ein paar 100 Kilometer weiter nördlich die erste Sintflut niedergeht. Haben wir denn so sehr gesündigt, dass wir reingewaschen werden müssen? Ich kann mich nicht erinnern. Nummer vier hat eine wasserdichte Cap auf, von der die Regentropfen abperlen, den stört das alles irgendwie nicht ;-)

il pleut

il pleut

Zurück in dem Rettungsboot aus Sindelfingen wird das pensionierte Navi mit neuen, letzten Zielen versorgt. Die Route geht irgendwie nicht so, wie ich sie in Erinnerung habe, sehe ich da einen Zipfel von Luxemburg ins Bild ragen? Sind wir nicht sonst immer über Saarbrücken gefahren? Na wie dem auch sei, wir wollen bei Dämmerung an der Deutschen Grenze sein. Die Große möchte dann ein paar Stunden das Steuer übernehmen, damit ich ein bisschen Schlaf bekomme. Also soll es der erste Rastplatz nach der Grenze werden, bis dahin ist es noch ein laaaaaanger Weg über die große große Landkarte. Genug Diesel schwappt noch im Tank (wir fahren tatsächlich mit einem Schnittverbrauch von 6,8 Litern auf 100 Kilometern, da werden Tankstellen zur Nebensache). Frische Musik ist schon zurechtgelegt, satt sind wir auch, genug Trinkwasser und Cherry-Coke in Dosen befindet sich in direkter Reichweite meiner linken Hand. Also los.

Zurück in die Sintflut

Gallien ist größer als man meint

Die Meilen ziehen sich. Es dämmert früher als erwartet, und in der Nähe der Grenze (jedenfalls GLAUBE ich, dass wir in der Nähe sind) beginnt meine gute alte TomTom Lisa schon wieder zu zicken. Ein paar Straßen scheinen hier neu gebaut worden zu sein, und plötzlich sind wir tatsächlich in Luxemburg. Huch? Es gibt hier keine Raststätten, auf denen man einen Fahrerwechsel durchführen könnte, außerdem möchte ich meiner hübschen Fahranfängerin noch keine so lange Stecke außerhalb klarer Richtungsverhältnisse zumuten. Nicht, wenn ich dabei hinten auf dem Rücksitz vor mich hin schnarche… Also fahre ich weiter. Immer weiter. Von der Autobahn geht es runter auf dunkle Überlandtraßen in irgend eine Richtung, ich hoffe die richtige. Irgendwann nach Mitternach werde ich wirklich müde! Also – so RICHTIG müde. Auf dem Rücksitz sind alle Führerscheininhaber resignierend eingeschlafen, hier kann ich nicht mit Ablösung rechnen. Wir kurven durch die Dunkelheit, es gibt weder Ortschaften noch Rastplätze und es geht nur schleppend voran. Ich hinterfrage nicht mal mehr, ob wir hier eigentlich richtig sind, ich fahre einfach weiter auf der Suche nach einer Autobahn nach Norden. Gegen 1:00 Uhr kommt die tatsächlich. Ich kenne meine Belastbarkeit inzwischen ziemlich gut, und ich weiß, dass ich keine 50 Kilometer mehr gefahren wäre. Die Fracht an Bord des Mercedes ist zu kostbar für Sekundenschlaf.
Und da ist sie endlich, die beleuchtete Oase der Rast, die Tankstelle! Rauf da, Motor aus, Kuschelkissen in den Nacken und… schlafen.

Zurück in die Sintflut

grad noch Zeit für einen verschwommenen Selfie

Haben Sie schon mal auf einer Autobahnraststätte im Auto geschlafen? Hier bieten sich einem alle erdenklichen Klassiker nacheinander, und ich habe sie alle mitgenommen:
Zuerst schläft man nicht ein, weil man noch aufgekratzt von der Konzentration und der Übermüdung ist.
Nach 30 Minuten fangen die Gliedmaßen an, sich unwohl zu fühlen. Schließlich sitzt man in einem Auto.
Nach dem ersten kurzen Wegnicker beginnt das Kühlaggregat des LKW neben einem anzuspringen. Die Lichter des Parkplatzes scheinen von dem Moment an viel heller zu sein und nerven rum.
Nach dem zweiten Wegnicker kommen die Autobahncops und leuchten einem mit ihren MagLites direkt ins Gesicht.
Daraufhin gehen die beiden davon aufgewachten Damen nochmal zum Piseln in die Büsche, der Mann mit der Harry Potter Narbe raucht eine.
Nach dem dritten Wegnicker schläft man dann. Man schläft sagenhaft tief.
Und um 4:00 Uhr weckt einen der Wecker. Hurra.

Aufstehen, strecken, Cola trinken, tanken und weiter auf der Autobahn nach Norden. Ich bin fit und wach, ich habe noch keinen Plan wo wir eigentlich sind aber angeblich sind wir gegen 8:30 Uhr in Kiel. Was für ein blindes Vertrauen in dieses TomTom. Okay.

Zurück in die Sintflut

Der “Rest” der Etappe

Irgendwann (es ist noch immer dunkel) erkenne ich die Städte auf den blauen Schildern als die, die man entlang der A1 gebaut hat. Das beruhigt. So schön die Vorstellung auch ist, endlich mal in Luxemburg gewesen zu sein. Und so angenehm ich die Errungenschaften des vereinten Europas finde, die es möglich machten, dass ich nicht einmal gemerkt habe, dass ich über mehrere Landesgrenzen gefahren bin. Aber es ist noch schöner, zu wissen, wo man ist. Eins muss ich meinem alten Navi lassen – es hat mich am Ende immer dort hin gebracht, wo ich hin wollte. Nicht immer auf dem besten Weg, aber immer zum Ziel. Du bist ehrenhaft ergraut, Lisa. Du warst stets bemüht, das Klassenziel zu erreichen. Aber jetzt kannst du endlich Bäcker werden. Oder vielleicht im ersten Auto meiner großen Tochter ein zweites Leben führen. Wir werden es erfahren. Während ich noch so über die Ereignisse der letzten Nacht sinniere wird es am Horizont langsam hell. Die bekannten Silhouetten der Hamburger Hafenkräne zeichnen sich schattenhaft neben der A7 kurz vorm Elbtunnel ab, vielleicht ist der frühe Sonntag Morgen tatsächlich der einzige Zeitpunkt, an dem man hier nicht im Verkehrsinfarkt steckt? Hallo Hamburg.

Zurück in die Sintflut

Nun, das kennt man ja

Alle schlafen. Mein halbfinnisches Fräulein Altona und mein viertelfinnisches Sandmädchen, die tapfer fast zwei Wochen ohne Papa klargekommen sind schlafen keine drei Kilometer von hier tief in ihren Betten. Meine mittlere und meine große Tochter schlafen auf den Mercedes-Sitzen neben und hinter mir, die große hat den Mann mit der Mütze im Arm. Schlafend. Bald werden sie alle wach werden und in einen neuen Tag starten. Die einen werden sagen: “Heute Abend kommt Papa endlich wieder!” und die anderen werden sagen: “Huch, hier sind wir schon?” Denn es geht immer weiter. Jedes Ende von irgend etwas ist gleichzeitig der Anfang von etwas Neuem. Ich habe einen sehr weiten Weg bis hier hin zurück gelegt, und bald komme ich an. Ich wurde begleitet von Menschen, die ich liebe und Menschen, mit denen man sich gern umgibt. Wollen Sie noch mehr Metaphern? Gern. In diesen Tunnel hinein geht es zwar bergab, aber abwärts bedeutet nicht immer, dass es schlechter wird. Das spart auch Diesel :-) Und ab der Mitte geht es wieder bergauf. Das kostet zwar Kraft, aber am Ende des Tunnels ist Tageslicht.

Unter Normal Null

Unter Normal Null

Und auch wenn es da regnet ist es doch hell.
Ich habe Sie nun über mehrere zusammenhängende Geschichten zugetextet, habe alle meine Gleichnisse und Andeutungen in Urlaubserlebnisse verpackt und bin streckenweise sehr nachdenklich geworden. Zwischen schönen Bildern von Sonne und Palmen standen Zeilen, die nicht immer fröhlich waren. Und wenn Sie verfolgen, wie lange ich benötigt habe, um einen 12 Tage dauernden Urlaub niederzuschreiben bekommen Sie vielleicht eine Ahnung davon, dass die eigentliche Sintflut nicht auf der Autobahn bei Lyon über uns niedergegangen ist, sondern später in Kiel. Gut, dass ich mir rechtzeitig eine kleine Arche gebaut habe, in der ich nur die Menschen mitnehme, die mir am Herzen liegen. Und nur die Dinge, die ich wirklich benötige und an denen ich wirklich hänge. Das ist dann wohl die vierte Erkenntnis. Wir sind wieder da. Ich bin wieder da. Passen Sie auf sich auf, verschließen Sie niemals die Augen und halten Sie an dem fest, was wirklich wichtig ist.

Sandmann

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Created Montag, 13. Oktober 2014 Tags autobahn | Elbtunnel | ende | frankreich | Hafen | hamburg | heimweg | Lyon | regen | Reise Reise | Roadmovie | Rückweg | S210 | Urlaub Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
09 Oct 2014
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Von oben betrachtet

Unbesiegbar. Zumindest hier oben.

Zack bingg ♫ Begeben Sie sich bitte zum Ausgang. Zum Ausgang vom Sommerurlaub nach Südfrankreich, wenngleich ich mir das vor 10 Tagen noch nicht wirklich vorstellen konnte. Ich denke noch nicht darüber nach, was mich alles im deutschen Alltag erwartet, zumindest nicht am Tag, was ich nachts so träume habe ich leider nur bedingt unter Kontrolle. Aber es fehlt im Hier und Jetzt noch ein Pflichtbesuch sur nôtre Route: das mühlige Cassis mit den malerischen Calanques und dem Cap Canaille. Diese kleinen Flecken, auch von offiziellen Quellen als die schönsten auf der französischen Landkarte bezeichnet, sind das Krönchen dieser kleinen Reise, sowohl von den Höhenmetern als auch von der Farbskala als auch vom bleibenden Eindruck. Als auch von… als auch von… ach manno, mein Wortspeicher ist fast leer :-(

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Die fantastischen Vier

Sie sehen hier zusammenhängende, aber nicht geordnete Körperteile in sindelfinger Großkombis. So sieht man aus, wenn der Wecker den Geist rausrappelt, obwohl der Körper doch im Urlaub ist. Also nicht ausschlafen, mit schlurfendem Gang ein paar Croissants und Pains Chocolat vom Camping-Mini-Marché holen und diese in der Morgensonne zu heißem Kaffee genießen. Stattdessen packen die drei jungen Menschen und der mittelalte Papi diversen Badekrams, Sonnenbrillen und Handtücher ein. Und viel Trinkwasser. Und sie machen sich auf den Weg dahin, wo das Wasser unfassbar grün, die Felsen leuchtend weiß und der Himmel sagenhaft blau ist. Blöderweise sind das von hier aus 260 Kilometer. Wer hatte eigentlich die Idee, mal “woanders” zu verweilen und nicht wie immer in der Nähe von St. Tropez? Wer?? Ich? Oh :-( Okay. Na egal, nach so vielen Tagen in und um Agde kann der Südwind gern mal wieder den Staub von dem dicken Daimler blasen, die Autobahnmaut-Tüte ist noch einigermaßen voll und das Ziel heiligt jeden Weg. Glauben Sie mir. Vorglühen, starten, Fahrstufe einlegen und mit französischer Musik ♫ von Radio NRJ im Ohr los bis…

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Stop. Nachhaltig.

… irgendwo bei Montpellier. Alles bremst, alles steht. Na toll. Und nein, es ist nicht dieses sirupartige Dahinquälen wie jeden alltäglichen Montag Morgen auf der A7 von Kiel in Richtung Hamburg, es steht tatsächlich. Und es hört nicht auf damit. Menschen laufen durch die Gegend, die ersten drehen nach einer Stunde Stillstand um und versuchen ihr Glück entgegen der Fahrtrichtung rückwärts durch die just passierte Mautstelle. Der Mann mit der Cap Canaille auf dem Kopf raucht erstmal eine und ist dementsprechend dankbar für diese Unterbrechung, aber ich sehe schmerzlich jede Minute hier auf der teuer bezahlten Autobahn verstreichen, wo ich sie doch auch am smaragtgrünen Wasser in den Calanques bei Cassis verstreichen lassen könnte. Es kommen Krankenwagen. Oha. Es kommen Rettungswagen und Notärzte. Es kommen Hubschrauber, einer, zwei, drei. Und noch mehr Krankenwagen. Und noch mehr Notärzte. Es kommen Feuerwehren. Viele Feuerwehren. Oh je oh je…..

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Ja, es nervt. Aber wir leben wenigstens noch.

Wir machen es irgendwann wie die anderen und fahren zurück, entgegen der Spur, durch eine offene Schranke rückwärts auf die Landstraße. Kapitulierend. Geleitet von der Gendarmerie. Später lese ich auf Facebook, dass in den schweren Verkehrsunfall vor uns ein LKW und mehrere PKW verwickelt waren. Eine Familie wurde in ihrem Kleinbus eingeklemmt und ein 14jähriges Mädchen ist noch an der Unfallstelle gestorben.
Da ist sie wieder. Meine Erdung. Drauf geschissen, hier stundenlang rumzustehen, wen interessieren Hitze und Zeitverlust – da hat gerade ein Vater seine Tochter verloren. Eine Mutter ihr Kind. Da ist aus einem fröhlichen Sommerurlaub mitten auf der Autobahn eine furchtbare Tragödie geworden, wegen Unachtsamkeit, wegen Übermut, was weiß ich weswegen. Das kleine Mädchen ist tot, und ich kann wirklich sehr gut damit leben, nur ein bisschen Zeit verloren zu haben. Wir fahren weiter über Land, vorbei an der Autobahn und allem was da drauf gerade passiert. Weil wir noch immer unser Ziel vor Augen haben und der Tag noch immer recht jung ist. Ich bin ein bisschen dankbarer als ohnehin schon für das, was ich habe, streife die traurigen Gedanken ab und konzentriere mich wieder ganz auf Lisa, mein veraltetes Navi, der ich zum ERSTEN MAL die genauen Koordinaten des Parkplatzes unten an den Calanques eingegeben habe. Die vorigen Male (Sie erinnern sich? KLICK) sind wir mit dem Auto immer irgendwo weit oberhalb des eigentlichen Fußweges gelandet, das war unsexy und anstrengend. Heute sind wir direkt unten auf dem Parkplatz der ersten Bucht und müssen nur weitere 30 Minuten warten, bis jemand sein Auto aus der jetzt schon sengenden Hitze ohne Schatten rausnimmt und wir diese begehrte Parklücke haben dürfen. YESS:

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Deiiiine Spuuuuren im Saaaand

Da vermutlich die wenigsten von Ihnen schon einmal den Fußmarsch in die Calanques gewagt haben, sei erwähnt, dass es auf dem Weg dorthin parallel zu einer wandartigen hohen Klippe tagsüber sehr heiß ist. So heiß, dass der kleine Kiosk am Parkplatz gegen Abend immer zum lebensrettenden Ort für die Heimkehrer, die zu wenig Wasser mitgenommen hatten wird. Ich weiß inzwischen, wie viele Sonnenstunden wir vier so abkönnen und wie man sich mit mehr oder weniger albernen Kopfbedeckungen schützt, aber was kann man eigentlich einem durchschnittlichen Kraftfahrzeug so an Direkt-UV zumuten? Schmilzt das irgendwann? Ein wenig beunruhigt lassen wir (ich) den Mercedes im Staub zurück, sind uns nicht endgültig sicher ob man hier überhaupt einen ganzen Tag stehen darf und bedecken unsere Häupter und Schultern mit allerlei Stoffen. Und dann ab in die Wüste, entlang der Calanque Port Miou über den Kamm rüber zur Calanque Port Pin… Und wir machen das Bild, was wir immer gemacht haben. Schon 1991.

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So heiß wie auf einem Salzsee

Wahnsinn, wie die Zikaden hier ihr lautes, unermüdlich balzendes Liebeslied in den blauen Himmel sägen. Dabei sind die echt winzig, und sie können so einen Krach machen. Jedes mal war es hier heiß, sonnig und schön. Drei mal in den frühen 90ern und nun schon das dritte mal mit meinen Ladies im neuen Jahrtausend – und immer der gleiche blaue Himmel. Gibt es in Cassis gar so etwas wie eine Sonnengarantie für Touristen aus Allemagne? :-) Ein Vorteil und gleichzeitig ein Nachteil dieses Plätzchens unter Pinien, das wir vor 23 Jahren zufällig entdeckten (weil uns zwei junge, hübsche Holländerinnen dort hingeführt hatten, aber das ist eine andere Geschichte): Man muss zu Fuß da hin. Oder mit einem der Boote, aber das kostet Geld. Also zu Fuß, und das dauert eine gute halbe Stunde laufen bei sengender, schattenloser Hitze. Über Sandpisten, lockeres Geröll und über glatt gelatschte Steine zwischen Kiefern und Pinien durch. Wohl denen, die dann NICHT ihre Schwimmreifen und Luftmatratzen mitschleppen und sich auf ein einziges Paar Taucherflossen beschränken. Wohl denen, die aber viel Wasser mitschleppen und auch vorher geschmierte Baguettes mit Käse und Wurst nicht vergessen. Wenn man nämlich erstmal da ist, befindet sich der nächste Kiosk eben genau da, wo man das Auto geparkt hat. Weit weg.

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gut geeignet für Piraterie…

Warum wir aber immer wieder den steinigen Weg gehen (und das phrasiere ich jetzt mal ohne Metaphern mit aktuellem Bezug) erschließt sich beim Blick weg von den staubigen Füßen, hoch, über die Bäume in Richtung Meer. Allein der Weg in die zweite Bucht (es gibt drei) belohnt einen mit sagenhaften, fast karibischen Panoramen von einem Mittelmeer, was hier ganz anders aussieht als an der restlichen Côte d’Azur. Links ist schon das Cap Canaille zu sehen, die mit 396 Metern steil nach unten (von oben gesehen) gehende höchste Klippe Frankreichs. Das messen wir heute Abend mal nach und sagen der Sonne gute Nacht. Vorher ist die aber noch gar nicht in Schlaflaune, diese Sonne, und das Bad in ihr fernab der touristisch völlig überlaufenden Strände ist schon zum Greifen nahe. Frankreich hat Sommerferien, und genau wie die Deutschen sich an Nord- und Ostsee drängeln treibt es die Franzosen ans Mittelmeer. Aber die sind genau so faul wie wir, und den besagten Fußmarsch möchten offensichtlich nicht viele auf sich nehmen. Allein schon deshalb ist die Bucht trotz ihrer Erwähnung in fast allen Reiseführern immer so leer wie eine Bierkneipe mit Rauchverbot. Und da ist er endlich, der erste Blick auf dieses grüne Wasser und die badenden Menschen, der mir in jedem Jahr einen wohligen Schauer über den Rücken treibt. Hallo. Da sind wir wieder :-)

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Karibik? Ein bisschen…

Sandstrand? Nein. Ein Steg, auf dem man seinen blassen Körper bequem sonnen kann? Nö. Treppenstufen, über die man wieder altersgerecht dem Wasser entrinnt? Nicht eine einzige. Warmes Wasser, in das ein jeder gern springt…? Äh – nein, auch nicht. Warum auch immer, das Wasser hier in der Calanque Port Pin ist ungefähr zwei Zentimeter kalt. Es ist so kalt, wie es klar ist. Der über 4 Meter tiefe Grund spannt sich wie eine HD-Fototapete unter der Oberfläche, wenn man hier schnorchelt haut es einem alle Farbsicherungen aus dem Kopf raus und hinterlässt eine tiefe Abneigung gegen trübe norddeutsche Badeseen. Wunderschön. Aber kahaaalt.

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Schattig, weitläufig und ein bisschen hart

Es liegt eine Magie über diesem Ort. Ich weiß nicht, ob nur ich das so empfinde, weil ich vor über 20 Jahren hier meinen ersten richtigen, selbstbestimmten und für plöner Verhältnisse ziemlich abgefahrenen Sommerurlaub verbracht habe? Weil ich hier als junger Mann mit zwei durchaus attraktiven jungen Frauen in einem lila Ford Taunus Coupé hergefahren bin und mir niemand geglaubt hat, dass die beiden wirklich nur Freundinnen von mir sind, obwohl ich 14 Tage zwischen ihnen in einem kleinen Zelt geschlafen habe? Weil ich in die eine der beiden jungen Frauen wie immer und wie seit der ersten Grundschulklasse ein bisschen verknallt war und das immer und immer wieder wie bei den beiden Königskindern nichts wurde? Weil ich hier Petra und Marieke aus Holland kennen gelernt habe, die mich an diesen Ort führten und die beide so wunderschön waren, dass diesmal ich selbst nicht glauben wollte, welcher Film da vor meinen Augen abläuft? Dass die wesentlich blondere der beiden hier auf diesen Felsen meine Gitarre nimmt (welcher Idiot hat die damals eigentlich so weit durch die Hitze geschleppt…? äh…) und mit einer verrauchten, engelsgleichen Stimme anfängt, Like a Hurricane von Neil Young zu singen? Wenn mir heute schon beim Schnorcheln die Farbsicherungen rausfliegen war ich damals entweder blind oder blöd. Wahrscheinlich beides, außerdem jung. Wahnsinn. Soweit zur Magie.

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Wie auf einer Rallye – immer die gleichen Bilder

Jedes Jahr fast die gleichen Bilder. Nur die Auflösung wird immer besser :-) Anfang der 90er hat Nea (die eine meiner beiden Mitreisenden)  mit einer unfassbar teuren analogen Spiegelreflex überlegt die Motive ausgesucht und mit künstlerischem Ansatz fotografiert. Heute hält der Freund meiner großen Tochter sein Telefon vor sich, drückt einen Knopf und dreht sich dann. Zeiten ändern sich. Ich sitze im Schatten und bin noch immer stolz auf mein drei Jahre “altes” iPhone 4, während meine Brut auf die Teile von Samsung abfährt. Sie mussten dafür laaaange arbeiten, ich hab mal geguckt, bei OTTOkostet das S5 ohne Vertrag aktuell zwar weniger als ein iPhone, aber noch immer fast so viel wie ein Friseur in Sachsen im Monat verdient… Na gut. Aus Papierabzügen werden digitale Panoramen, aber die Motive sind hier jedes Mal ähnlich. Weil man es am Anfang einfach nicht fassen kann, wie schön es hier ist. Hier. Genau hier. Und das irgendwie für später festhalten muss. Wir springen in das kalte, wie erwähnt wirklich sehrkalte Wasser und plantschen ein bisschen rum. Später soll der coole Typ, der nicht mal beim Schwimmen seine Cap abnimmt noch einen gewagten Kopfsprung von der Klippe machen. Hier kann er wenigstens sicher sein, dass der Grund weit genug weg ist und er sich nicht eine zweite Narbe auf die Stirn stempelt. Das Wasser ist allerdings heute so kalt, dass der Spruch “Wenn man erstmal drin ist geht’s!” niemandem über die Lippen kommt. Denn er wäre gelogen. *bibber*

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Gekommen um zu bleiben

Handtücher auf harten Steinen. Die Augen schließen und das leise Plätschern des Salzwassers hören. Vereinzelt fröhliche französische Menschen, regelmäßig ein *PLATSCH* gefolgt von spitzen Schreien und vielen verschiedenen französischen Wortformen für “kalt”. Es duftet nach warmen Steinen, Meerwasser, Pinienharz und ein wenig Sonnenmilch. Die Zikaden schnarzen auch hier, als wäre der letzte aller Tage angebrochen und verwandeln den Moment in einen Mikrokosmos, weit weg von der Realität. Ich finde es wundervoll. Auch wenn wir diesmal viel zu viel Wasser mitgeschleppt haben und die Baguettes nicht so gut schmecken wie sonst möchte ich noch verweilen. Eine leichte Unruhe ist in uns allen, vielleicht auch ein bisschen, weil wir noch einen weiten Heimweg vor uns haben und der Urlaub bald zu Ende geht. Ich schließe noch einmal die Augen. Und leise, ganz leise kann ich wieder eine Frauenstimme singen hören.

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You are like a Hurricane…

Der Rückweg kommt einem immer kürzer vor als der Hinweg, vielleicht auch weil es mehr bergab geht, weil wir weniger zu schleppen haben (irgendwie sind die Baguettes dann doch weggefuttert worden) und weil wir ein weiteres schönes (letztes) Ziel in diesem Urlaub noch direkt vor uns haben. Tochter groß, Tochter klein (mit einem leichten Kollisionsschaden an der Hand, im Wasser, womit auch immer) und der Typ mit der Cap stapfen mit mir den noch immer warmen, sandigen Weg zurück zum Benz. Für ein weiteres Jahr sagen wir au revoir.
Und heute lasse ich einmal mehr die blonde Holländerin zurück, singend und neben meinem ewigen Schwarm Silke auf den Felsen sitzend (das ist die andere meiner beiden damaligen Mitreisenden) und langsam leiser werdend, während das Meer weiter unaufhaltsam an den Strand vor Cassis brandet. Das Auto gleicht einem Gewächshaus in einem Hochofen, in dem neuartige Formen der Kernschmelze ausprobiert werden. Die geliebte Klimaanlage regelt das Schlimmste, und nur ein paar Grad bevor der Kunststoff innen anfängt zu schmelzen kehren wir den Prozess um und drehen den Kompass auf die Route des Cretes, Richtung La Ciotat. Der Mercedes nagelt herzzerreißenderweise vorbei am Campingplatz Les Cigales, wo wir damals unser Zelt aufschlugen. Den gibt’s also auch noch. Mich beruhigt es, wenn Orte oder Dinge nach 20 Jahren noch immer da sind, wo sie mal waren. Das ist ein kleiner konstanter Zipfel, an dem ich mich festhalten kann, wenn alles andere um mich rum zusammenbricht und sich verändert…

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La Route des Cretes

Der Weg rauf auf die Klippe ist für sich genommen schon eine kleine Attraktion, denn man ist auf dem Kamm dieses Massivs und schraubt sich Serpentine für Serpentine nach oben. Links ist La Ciotat und das Mittelmeer, rechts ist Cassis und das Mittelmeer. Dieses wundervoll grüne Mittelmeer, über das die Abendsonne langsam ihre Strahlen ausbreitet und die ganze Gegend in genau das Licht taucht, welches den Malern des Impressionismus immer wieder neue Schöpfungskraft und Inspiration gegeben haben muss. Marc Chagall, Pablo Picasso, Henri Matisse und Auguste Renoir – sie MUSSTEN einfach malen, als sie dieses Licht sahen. Wie es die trockenen Pinien und die weißen oder roten Felsen in ein warmes Orange taucht, was sich komplementär vom tiefblauen Abendhimmel absetzt. Fotografieren konnten sie noch nicht, das kam grad erst in Mode. Also haben sie gemalt. Irgendwann muss ich hier mal hin und meine Malutensilien wieder dabei haben…..
Wir parken den Wagen auf dem kleinen Parkplatz, wo wir 1991 auch schon den Taunus geparkt haben. Heute liegen am Rand des kleinen Pfades zwei große schwere Steine, die vermutlich verhindern sollen, dass übermütige Zeitgenossen ihre alten Karren mit Vollgas über den Abgrund entsorgen. Damals war das noch möglich. Jedenfalls lagen unten drei oder vier zerklumpte Autowracks. Ansonsten ist der 400-Meter-Kick unabgesperrt wie eh und je, man hat noch immer gefühlt einen Blick bis nach Spanien und das Herz bleibt für einen kleinen Moment andächtig stehen.

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Erhabene Aussichten

Ich sag ja – das muss festgehalten werden. Meine beiden Töchter kennen die Klippe schon, der charmante Mann mit dem besseren Telefon beginnt schweigend, sich in neuen Panoramen zu drehen. Ich kann das verstehen. Das halbe Land liegt unter uns, was für ein Ausblick! Ich merke, dass mit den Jahren weder mein Mut noch mein Leichtsinn noch mein Gleichgewichtssinn nennenswert besser geworden sind. Im Gegenteil. Bin ich 1991 noch entspannt an den Rand getreten, um a) die zermatschten Autowracks da unten zu bewundern und b) posierende coole Fotos von mir zu machen (ja, damals schon) krabbel ich heute auf allen Vieren über den selben Felsvorsprung und fühle irgendwie, dass die Tiefe an mir zieht. Sie zieht mich regelrecht körperlich da runter. Das ist gruselig. Ich krabbel wieder zurück und mache Fotos von lieben Menschen, die Fotos von sich machen.

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Selfie mit Tiefgang

I am just a dreamer,
but you are just a dream,
You could have been
anyone to me.
Before that moment
you touched my lips
That perfect feeling
when time just slips
Away between us
on our foggy trip.

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nicht nur Papa kann posen

Das Cap Canaille verströmt einen ähnlichen Zauber wie die Calanques. Irgendwie ist es ein unwirklicher Ort, irgendwie ist alles überwältigend und auch hier sind nicht viele Menschen, die einen bei der Verarbeitung der Eindrücke nerven. Damals haben wir hier ziemlich viel Bier getrunken, und als es anfing zu regnen habe ich im Taunus 12 Personen mit nach unten auf den Campingplatz genommen. Eigentlich müsste ich die Bilder auch mal in eine Geschichte verpacken :-) Wollen Sie das sehen und lesen? More Shit of the Past? Was das Cap außer der Höhe über Normal Null von den Calanques unterscheidet ist die Stimmung des Lichts. Ich war hier immer nur Abends. Wenn unten in der Bucht von Cassis schon lange die Gaslaternen angegangen sind, erstrahlt die Klippe noch immer im warmen Abendsonnenlicht. Das sieht auch von unten wunderschön aus, vor allem wenn später bei Dunkelheit das Massiv von großen Scheinwerfern angestrahlt wird. Von oben allerdings ist das Gefühl einer großen Erhabenheit irgendwie erlösend.
Wir stehen quasi über den Dingen und gleichzeitig am Abgrund.
Zwei Schritte von der Lebensgefahr entfernt in warmes Abendrot getaucht.
Krass.

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Zwei aus der Top 5 der schönsten Menschen der Welt

Möge es immer ein friedlicher, schöner Ort bleiben, der auch in 20 Jahren noch seinen Zauber bewahrt. Wenn Sie hier einmal vorbeikommen sollten – senden Sie mir bitte ein Bild. Die Menschen fliegen von Deutschland aus in Richtung Australien, Thailand, Südafrika und Island. Wir sind mit dem Auto über Land einfach nur in den Süden von Frankreich gefahren, und mehr Urlaub, mehr Eindrücke und mehr Panorama braucht kein Mensch. Es ist mir heute tatsächlich gelungen, für ein paar Stunden glücklich und unbeschwert zu sein. Das liegt wohl an den intensiven Farben der Calanques und dem weit entfernten Horizont, wenn man auf dem Cap steht. Das hier sind gute Orte. Sie geben mir Kraft und Zuversicht, und die Menschen, die mit mir hier sind und die Menschen, die Zuhause auf mich warten machen mein Leben lebenswert. Jetzt verstehe ich, warum hier keine Absperrungen sind. Niemand hier oben wird jemals den Wunsch verspüren, über diese Klippen zu gehen. Dafür gibt einem dieser Ort einfach einen zu guten Eindruck davon, wie schön diese Welt ist und dass es sich immer wieder lohnt, weiterzumachen statt aufzugeben. Dass man seinen Peugeot oder seien Renault hier runterkippt – na gut, dafür habe ich Verständnis.

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Der Sonne gute Nacht sagen

“I am getting blown away somewhere safer where the feeling stays…” Neil Young legte in sein Lied mehr Weisheit, als er sich wohl damals gedacht hatte und die hübsche Holländerin pflanzte mit meiner Gitarre und ihrer Stimme in den frühen 90ern, als das Leben noch jung war und Deutschland erst frisch vereint einen Ohrwurm, dessen Bedeutung sich mir erst nach und nach erschließt. Wenn ich Losing my Religion von R.E.M. höre sitze ich vor dem Zelt auf dem Campingplatz Les Cigales und bin unfassbar betrunken von französischem Rotwein. Wenn ich Like a Hurricane von Neil Young höre sitze ich in den Calanques oder auf dem Cap Canaille und bin nüchtern. Zwar berauscht von den Eindrücken der Umgebung, aber klar bei Verstand und offen im Herzen für all das, was da noch kommen mag. Ich wünsche meinen Töchtern genau diese Offenheit, und dass die vielleicht ein paar weniger Fehler machen mögen als ich. Aber wollen das nicht alle Väter? Ich finde das Leben irgendwie schrecklich durchschaubar, aber leider wird einem das immer erst klar, wenn die Kacke schon richtig am Dampfen ist.

Von oben betrachtet

sur la route….

Au revoir Cap Canaille. Wir haben noch ein paar kostenpflichtige Autobahnkilometer vor uns, bevor wir wieder in unsere quietschenden, aber bequemen Mobile Home Betten fallen dürfen. Die Sonne will und will nicht untergehen. Sie wird untergegangen sein, wenn wir auf dem Campingplatz in Agde angekommen sind. Mindestens für ein 14 Jahre altes Mädchen wird sie nie wieder untergehen. Das ist zu früh, das ist fucking zu früh und ich bete zu Gott und allen anderen, an die man meinetwegen in irgendeiner Form glauben kann, dass mir so etwas erspart bleibt.
Gute Nacht Sonne.
Auf dass dieser Tag auch in der Erinnerung meiner Kinder eine bedeutende Rolle spielt, vielleicht fahren sie in 20 Jahren ja mit ihren Kindern hier wieder einmal hin? Wir werden es lesen.

Sandmann

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Created Donnerstag, 09. Oktober 2014 Tags Agde | Calanques | Cap Canaille | Cassis | frankreich | Reise Reise | Route des Cretes | Südfrankreich Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
29 Sep 2014
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Glauben, Licht und Liebe

Männer vorm Himmel

Männer vorm Himmel

Montpellier, Südfrankreich. Auf den Karten ist das (europäisch gesehen) irgendwo links unten am azurblauen Mittelmeer, aus der Sicht eines gebeutelten Mittelstuflers im Französischunterricht der 80er ist das der Name einer Stadt in einer Geschichte mit den Lerocs. Einerseits ein Tagesausflug für drei der vier Anwesenden, andererseits ein Wendepunkt im Denken des vierten von vier Anwesenden. Jeder alte Stein hier, jedes Kirchenfenster und jeder einzelne Blick auf den weit entfernten Horizont will mir etwas mitteilen. Sind Sie bereit für eine kleine Reise mit schönen Bildern und einem mehr als verwirrenden Text? Haben Sie Ihre zweite Tasse Kaffee (morgens) oder Ihr zweites Glas Rotwein (abends) schon im Magen? Dann kommen Sie gern mit.

Glauben, Licht und Liebe

Ich brauche ein neues Navi. Oder weniger wirre Ziele.

Ich brauche ein neues Navi. Das ist nicht erst seit den zwischenmenschlichen Eskalationen im nicht kartografierten Niemandsland von Portugal klar, das zeichnet sich schon länger ab. Ich habe die Updates verpasst, ich habe die neuen Wege nicht beachtet und ich habe vor allem vor lauter Alt-Navi-Vertrautheit versäumt, mit meinen eigenen Augen auf die großen Schilder vor mir auf der Straße zu gucken. Die großen gelben Schilder, die mir sagen, wo es wirklich lang geht. Dann habe ich mich so oft verfahren, dass ich den Ausweg fast nicht mehr gefunden habe. Zum Glück gibt es da ein halbfinnisches Fräulein Altona mit einer viel attraktiveren Sprechstimme als der TomTom “Lisa” auf dem leblosen Chip im Plastikgehäuse des Frontscheiben-Navigators. Mit klaren, unmissverständlichen Ansagen hat sie meinem Dahintreiben eine Richtung gegeben, und ich habe mich störrisch, aber vertrauensvoll leiten lassen. Mal schmerzhaft, mal arbeitsreich, am Ende aber zielführend. Hier in der Innenstadt von Montpellier habe ich aber nur Lisa. Ich glaube, es ist am besten, ich verweile zunächst am Rand des Geschehens und atme tief durch, denn Lisa weiß einfach nichts mehr.

Glauben, Licht und Liebe

La Place de la Comedie

Wie so oft im Leben ist der Rand des Geschehens gleichzeitig das Zentrum und das Tagesziel. Mitten in Montpellier stehen wir auf dem Place de la Comedie, wie passend, und ich habe Hunger. Bin ich eigentlich manchmal witzig? Einige behaupten das. Andere machen sich Sorgen, weil ich in letzter Zeit nicht mehr witzig bin, oder irgendwie anders als sonst witzig. Vor allem sorgen sich Menschen, die mich nur virtuell kennen und die einen gewissen Grad der Leichtigkeit in den belanglosen Geschichten gewohnt sind.Eeinige von denen fragen öfter nach meinem Befinden als meine eigene Familie. Was sagt mir das? Es scheint bei einigen Lesern hier und auf Facebook eine Art tiefe digitale Verbundenheit zu geben, deren Ausmaß mir noch gar nicht richtig bewusst war. Aber die sich warm und richtig anfühlt. Und es sagt mir, dass man im Leben entgegen der Meinung anderer nicht immer witzig sein muss, warum denn? Mein Hunger meldet sich wieder, hier auf dem Witzig-Platz in einer alten Stadt in Südeuropa, in der wir weder M. Leroc noch seinen Sohn Daniel noch irgend einen Hinweis auf die beiden finden werden. Ich sehe vor meinem geistigen Auge mit knurrendem Magen die mediterranen Köstlichkeiten, die sich hier auf einem Markt oder in einer kleinen Brasserie vor uns ausbreiten könnten. Ich rieche gebackene Früchte, frisches Brot und knuspriges Fleisch mit Zwiebeln. Und betrete fremdgesteuert den nächstbesten McDonald’s :-(

Glauben, Licht und Liebe

Da weiß man was man hat

Es ist in jedem Land auf dieser Welt das gleiche. Wenn der Hunger mit dem Portemonnaie um die Wette kneift treibt es den sorgenden Vater und Versorger für vier hungrige Schnäbel in die Frittenbude mit den Golden Arches. Hier schwant einem so eine ungefähre Ahnung davon, was gleich serviert wird. Der lustige Koch mit dem geringelten Anzug, den roten Haaren und der dicken Nase brutzelt es einem frisch aufs Plastiktablett. Und man kann davon ausgehen, dass man wenigstens ein paar Stunden lang satt ist, bevor die undurchsichtigen Inhaltsstoffe vom BigMac und seinen kalorienreichen Freunden einem aus heiterem Himmel eine Unterzuckerung, einen Riesendurst und einen schier unstillbaren Appetit auf Muttis Rouladen mit Rotkohl und Klößen vorgaukeln. Voilà. Cheeseburger für alle, was kostet die Welt? :-D Äh… doppelt so viel wie in Deutschland. Mist.

Glauben, Licht und Liebe

Und sogar Netz haben die hier…

Globalisierung? Ich lache. Immer wenn ich im Europäischen Ausland unterwegs bin wird mir wieder und wieder klar, wie billig Nahrungsmittel in Allemagne sind. Da bekommen Sie einen vollwertigen Mittagstisch im Lokal um die Ecke für rund 5 Euro. Oder gleich ein ganzes chinesisches Mittagsbuffet für 6,95 plus Getränke (ich grüße an dieser Stelle meinen “das war günstig” Papa), und damit es sich “lohnt” kann man hier bei schrägtoniger Musik sogar ausschließlich Garnelen im Backteig futtern. Wenn die Zeit drückt passt auch gern mal das 1 mal 1 für einen Burger und ein Getränk. Reicht grob. Das ist doch ein Witz, für zwei Euro kann man in Kiel
- drei Stunden parken
- satt werden
- eine Kerze anzünden und was in den Opferstock schmeißen
Und hier? Reicht das nicht mal für eine einzige Rindfleischbulette im Weizenbrötchen mit süßen Gurken und Ketchup. Andere Länder, andere Sitten. Und andere Preise. Über Parkgebühren verliere ich weiter hinten noch einen kurzen Satz… Aber wie dem auch sei – heute Abend wird wieder gekocht! *burps* so! Als Verdauungsspaziergang tendieren wir in Richtung Botanischer Garten entlang einiger alter Mauern. Es ist echt warm. Das gehört sich so für Südfrankreich.

Das Streben nach Oben

Das Streben nach Oben

Der Botanischen Garten von Montpellier ist in der Nähe der Uni, fußläufig erreichbar vom Witzig-Platz. Der soll ziemlich schön sein. Aber auf dem Weg dahin findet sich noch das eine oder andere Eis und auch ein paar Häppchen Kunst und Geschichte :-) Die Kathedrale Saint Pierre de Montpellier steht hier vom Prinzip her schon so knapp 700 Jahre rum und hat im Turm echt große Glocken hängen. Unter anderem mit 4 Tonnen Gewicht die größte und schwerste der Region Languedoc-Roussillon. Nein, seien Sie unbesorgt, ich werde Ihnen hier nicht zusammengegoogelte Geschichtshappen kopieren, die Sie schon in 42 anderen Webseiten gelesen haben. Vielmehr will ich da mal rein. Selbst. In diese Kathedrale. Und wissen Sie, was abgefahren ist, abgesehen von der Tatsache, dass drei junge Menschen mit mir altem Sack im Auto in den Sommerurlaub fahren? — Dass genau diese drei Menschen mit zusammen auch in die große Kirche reinwollen. Freiwillig. Und der eine nimmt sogar seine Cap ab.

Glauben, Licht und Liebe

Immer wieder verzaubernd

Ich mag Kirchen. Sie strahlen Ruhe und Geborgenheit aus, das unterscheidet sie gravierend von Finanzämtern oder Banken. Manchmal sind sie hell, manchmal schummerig, aber niemals dunkel. Irgendwo brennen immer ein paar Kerzen, irgendwo sind immer ein paar mehr oder weniger bekannte Leute eingegruftet und es riecht immer gleich. Nach geöltem Holz, nach Steinen und nach…. Vergebung? Kann man die riechen? Vielleicht sind es auch nur alte Gesangbücher, in denen steht viel, womit man heute nichts mehr anfangen kann. Aber es sind auch kleine Schätze in diesen Gesangbüchern, schöne Lieder, die manchmal unerwartet eingängig in einem definitiv unfreiwilligen Gottesdienst an einem grauen Sonntag Morgen intoniert wurden.
Oder stellen Sie sich vor, Sie hören als kleines Kind Ihre Oma morgens in der Küche so ein Lied schmettern. Sie feuert den Ofen an, kocht Kaffee für Mama und Papa und singt. Und genau dieses Lied stimmt die Gemeinde dann an einem Heiligen Abend voller Kerzen und Tannengrün an. Einem Heiligen Abend, an dem die Kirche wie immer gerappelt voll von beurkundeten Christen mit schlechtem Gewissen ist. Einem Heiligen Abend, an dem die Oma schon seit vielen Jahren nicht mehr lebt und ihre Lieder in der Küche längst verklungen sind. Wenn Sie dieses Bild vor Augen haben und vielleicht eine kleine Träne des Vermissens wichtiger Menschen über die Wange kullert werden Sie den Zauber von Kirchen verstehen. Ja. Ich glaube. Und es ist ein Glaube, der mir Kraft gibt.

Weiter von hier an.

Weiter von hier an.

Ich sehe meine beiden hübschen Töchter barfuß andächtig durch das uralte Gemäuer stapfen und verstehe auf einmal, worauf es wirklich ankommt. Auf Liebe. Auf Geborgenheit, auf den Zusammenhalt einer kleinen Familie, in Hamburg und in Kiel. Es kommt nicht auf Grundbesitz an, nicht auf Altersvorsorge und nicht auf Statussymbole. Ein Zuhause ist da, wo mich die Menschen lieben. Dort kann ich ruhig schlafen, dort stehe ich jeden Morgen wieder fröhlich auf und bin für andere da. Lachend und singend. 331, die Nummer wabert durch meinen Kopf. Ich glaube, meine Oma hat manchmal morgens in der Küche das Lied Nummer 331 gesungen. Wir verlassen die Kathedrale wieder, nicht ohne dass ich einen kleinen Schein in den Spendentopf gestopft hätte.
Sie mögen das nicht nachvollziehen können – aber ich bin gerade erst aus der Kirche ausgetreten. Schräg? Ja, vielleicht. Doch was soll ich mein Geld unfreiwillig von einer undurchsichtigen Unternehmensstruktur abbuchen lassen, die ein mies bezahlender Arbeitgeber ist und am eigenen Verwaltungsapparat fast erstickt? Dann spende ich lieber gezielt in Kiel in “meiner” Kirche für die Kirchenmusik und die Obdachlosenhilfe. Glauben Sie mir, ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn einem das Dach über dem Kopf weggenommen wird. So. Gut jetzt. Hallo Botanischer Garten, wie präsentierst du dich uns an diesem hellen, lichten Montag im Juli?

Glauben, Licht und Liebe

Botanischer Garten – fermé

An diesem hellen, lichten Montag im Juli, an GENAU diesem Montag, hat der Botanische Garten von Montpellier leider gerade geschlossen. Hurra. Vermutlich ist jemand mal wieder investigativ auf den Spuren von Daniel Lerocund durchsucht dabei die hiesige Flora. Ist eigentlich überliefert, wo genau er sich aus dem camion in Montpellier befreien konnte? Nun, das hätte ungefähr die Relevanz der Ortsangabe, wo genau Harry Potter in Hogwarts das erste mal überlegt hat, wie es wohl sein würde, Hermine endlich mal zu küssen. Die drei jung gebliebenen und ich driften, noch immer unkontrolliert Kirchenlieder singend, einigermaßen planlos durch diese schöne Stadt und sind ein bisschen froh, nicht nach Marseille gefahren zu sein. Hier ist es ein wenig übersichtlicher, ein wenig grüner und wesentlich weniger touristisch überlaufen. In Montpellier werden zwei Fakten gespiegelt, die uns schon in Paris aufgefallen sind: Antike Architektur steht einfach so mitten in der Stadt rum und wird betreten, begriffen und benutzt und –  Baustellen sind überall. Offensichtlich nicht nur auf der A7 Richtung Norden zwischen Hamburg und dem Bordesholmer Dreieck, auch in Frankreich wird an jeder Ecke abgesperrt, umgeleitet und gebaut. Aber das halte ich mal von den Fotos fern. Die sind übrigens alle mit meinem alten iPhone gemacht, ich wundere mich, wie gut hier und da die HDR Bilder werden ;-)

Glauben, Licht und Liebe

Vielleicht mal den Horizont erweitern?

Die bronzene Reiterstatue strebt nach vorn (wer ist das bloß?), dahinter baut sich am Ende einer symmetrischen Parkanlage ein großer steinerner Pavillon auf. Von ihm aus spannt sich eine ebenfalls steinerne hohe Mauer in Bögen über das Land, die ehemalige Wasserversorgung von Montpellier. Für mich sieht die antike Wasserstraße aus wie ein Weg direkt in den Horizont hinein, ein Weg ohne erkennbares Ende. Er geht geradeaus, er ist stabil und er überwindet Täler und Flüsse. Ich könnte ihn gehen, aber davor ist noch ein schmiedeeisernes Gitter. Weil man das ja nicht einfach so darf, als Tourist auf einem Aquädukt rumklettern. Falls Sie davon genervt sein sollten, dass ich mich hier in Bildern und Metaphern verliere – kontaktieren Sie bitte meinen Arzt oder Apotheker :-) Leider kennt hier niemand mehr die Famille Leroc, und dieses ewige Herumgereite auf dem Trip von Daniel im camion nach Montpellier hat inzwischen bewirkt, dass bei der Eingabe dieser Suchbegriffe nicht mehr die schönen französischen Schulbücher der 80er Jahre zitiert werde – sondern mein Blog :-) Sachen gibt’s….

Horizonte

Horizonte

Südfranzösische Städtetrips kippen irgendwann von Aaaaaah und Ooooooh in Urks und Gähn. Zwangsläufig, denn die anfangs erkundenden Füße sind plattgelatscht, die Sonne drückt und die Müdigkeit zieht den freizeitgeplagten Körper zurück an den Pool auf dem Campingplatz in Agde. Montpellier macht es einem zwar leicht, sich mit teils antiker Architektur auf du und du zu bewegen, aber wir wollen die Geschichtsstunden des Lebens nicht übertreiben. Schließlich sind wir im Urlaub. Hier noch ein Wasserspeier, da noch ein Triumphbogen – vermutlich werde ich nach Jahren mal was drüber lesen und denken, dass man dem einen oder anderen alten Stein ein wenig mehr Ehrfurcht hätte entgegen bringen sollen. Das ist ein bisschen so wie mit den Leserautos, die ich durchfotografiere. Das sind immer ausnahmslos coole Karren, aber wenn ich später den Artikel drüber schreibe und im Netz über das Modell recherchiere finde ich so viele liebenswerte Kleinigkeiten, dass ich eigentlich am liebsten gleich nochmal fahren würde. Hm. Nun gut, Zeit, mal Tabula Rasa zu machen.

Glauben, Licht und Liebe

Das Tor nach Irgendwo

Ich fasse abschließend und endgültig zusammen, was ich über die Lerocs denke: Aus heutiger Sicht waren die superlangweilig.
Was mag aus ihnen geworden sein? Ich glaube, Daniel Leroc ist mit 19 Jahren dreifacher Tischtennis-Europameister geworden und mit 24 an einer Überdosis gestorben. Er hatte einfach zu viel nachzuholen, nachdem seine Kindheit ein wenig zu unspektakulär verlief. Monique hat sich mit 16 in einen viel zu alten gitarrespielenden Mann verliebt, der ein bisschen so aussah wie ihr Vater, aber nicht andauernd im Büro abgehangen hat. Sie leben heute mit ihren fast erwachsenen Kindern in der Banlieu von Paris, er ist 90 und sitzt seit 15 Jahren im Rollstuhl und sie überlegt, nochmal ganz neu anzufangen. M. und Mme Leroc sind noch immer ein Paar. Er ist pensioniert und weiß nicht, was er mit seiner Zeit anfangen soll und sie ist total genervt, dass er andauernd zu Hause ist und sich kein Hobby sucht. Vor ein paar Jahren hatte sie es mal mit einer Affäre versucht, aber der junge, belesene Claude aus dem Norden hat ihr nur gezeigt, dass sie langsam alt wird. Sie hat es beendet. Pädagogikleichen der 80er Jahre, mögen sie in Frieden ruhen. Amen.

Nicht Familie Leroc

Nicht Familie Leroc

Die erweiterte Patchwork-Familie Sandmann macht es anders als die Lerocs. Ganz anders. Ob das besser ist lasse ich mal im Raum stehen. Schließlich sollten die erdachten Figuren nur eine typische französische Familie darstellen und uns letztendlich an die Sprache heranführen. Und so ganz falsch können sie das nicht gemacht haben, ich spreche und höre gern Französisch, und auch wenn der damalige vorgehaltene Nationenspiegel weit entfernt ist von der heutigen Genialität der Simpsons – sie waren eine Familie. Da kann man eine Menge kaputt machen, ich bin immer wieder erschüttert, wie viel einige Menschen auf dieser Welt kaputt machen. Ich mag momentan gar keine Nachrichten mehr gucken, die Einschläge sind grausam, sie sind unkontrollierbar und sie sind nur eine Flugstunde von Deutschland entfernt. Können die Menschen sich nicht einfach mal darauf besinnen, ihre kleine eigene Welt in Ordnung zu halten? Ihren Kindern menschliche Werte mitzugeben und sie nicht zu Kriegern für den einen oder für den anderen Glauben auszubilden? Offensichtlich nicht. Man kann in einer Familie aber auch eine Menge richtig machen. Was und wie viel zeigt sich offensichtlich erst nach Jahren, manchmal auch erst nach Jahrzehnten.

Glauben, Licht und Liebe

Am Ende ist doch alles Liebe

Als wir wieder im Auto sitzen und ich den Kassenautomaten unter dem Witzig-Platz mit einer Geldsumme gleich dem Bruttoinlandsprodukt von Spanien zur Herausgabe des Tickets und zum Öffnen der Schranke bewegen kann weiß ich nicht so richtig, was ich denken soll. Ich bin hier her gekommen, um die Stadt kennen zu lernen. Stattdessen war ich mit meinen Gedanken überall und nirgends, was mir aber gut getan hat. Ich glaube, ich kann jetzt ein paar Sachen in meinem Leben loslassen. An anderen wiederum halte ich noch mehr fest als vorher. Es war wohl nicht nur die Kathedrale, die diese Erkenntnis kanalisiert hat, aber sie hat dazu beigetragen. Ich weiß jetzt, in welche Richtung ich gehen werde, wenn ich wieder zu Hause bin. Das wird eine Menge Arbeit sein und den Rückweg nicht einfach machen, aber noch bin ich ja hier. In Südfrankreich. Heute Abend kloppen wir wieder Rommée, bis uns die Augen zufallen und sogar die Zikaden draußen schlafen gehen. Und morgen ist ein neuer Tag. Immer wieder. Und er wird an der Seite dieser wundervollen Menschen definitiv wieder schön werden.

Sandmann

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Created Montag, 29. September 2014 Tags camion | Familie Leroc | famille Leroc | Gesangbuch | Glauben | Kiel 331 | Kirche | Montpellier | Reise Reise Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
23 Sep 2014
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Was liegt denn da?

Was liegt denn da?

Hals über Kopf

Ein neuer Tag am Mittelmeer, ein neuer Tag in Frankreich und wir vier gleiten im dunklen dicken Daimler dezent dahin. Ziel: Montpellier, wo in den 80ern der kleine Daniel Leroc aus den Schulbüchern im camion gelandet ist und von wo ihn sein Vater mit dem Auto abholen musste :-) Es ist nicht viel los auf der Nebenstraße, ein paar Autos kommen uns entgegen, eines davon liegt am Straßenrand im Maisfeld auf dem Dach so rum. Huch? Da halte ich doch schnell mal an und gucke, was da los war. Oder ist. Oder sein wird?

Was liegt denn da?

irgendwie ein bisschen schräg das alles

Die Szene ist tatsächlich ein bisschen bizarr. Bei allerschönstem Sommerwetter mit fusseligen Schönwetterwolken vor einem blauen französischen Himmel liegt ein Auto am Straßenrand. Irgend so ein Renault Kombi, Lennart weiß vermutlich genau, was das für einer ist ;-) Oder Touranus, kannst du helfen? Niemand wurde verletzt, keine Tiere sind zu Schaden gekommen, kein Blut und keine Knochensplitter. Nur dieses Maisfeld, die Wärme und das Auto, an dem alle anderen vorbei fahren. Ich lasse Sie mal mit den Bildern allein, was soll ich da auch groß zu schreiben…?

Was liegt denn da?

Scheiße geparkt…

Was liegt denn da?

Wie eine Posterwand

Was liegt denn da?

Der Autor ist stutzig

Was liegt denn da?

brauch ich da noch was von? Nö.

Was liegt denn da?

multiple Ausstiegsmöglichkeiten

Was liegt denn da?

Die Airbags haben wohl funktioniert…

Was liegt denn da?

Stand Up! Na los!

Was liegt denn da?

Ein bizarres Kunstwerk

Schräg, oder? Da stellt man sich doch nun einige Fragen, was da wohl passiert sein könnte. Glatt war es sicherlich nicht, auch nicht regenrutschig. Hier ist es seit Wochen furztrocken. Ob der Fahrer eingeschlafen ist? Ob vielleicht die Achse einfach so brach? ;-) Vielleicht war jemand abgelenkt von einer SMS auf dem Handy, und von links kam ein Krokodil oder so? Hm. Was meinen Sie? Ich steige jetzt erst einmal wieder in meinen Daimler zu meinen Töchtern und dem Typen mit der Mütze.

Was liegt denn da?

…und weiter gehts

Sensationstourismus ist ja so GAR nicht meine Welt, und wenn da grad jemand rausgekrabbelt wäre hätte ich bestimmt keine Bilder gemacht – sondern geholfen. Aber stellen Sie sich mal vor, Sie fahren so in Frankreich durch die Gegend, und am Straßenrand steht plötzlich Ihre Oma und winkt. So ähnlich fühlte sich das grad an. Die drei und ich dieseln jetzt weiter nach Montpellier, von da aus gibt es dann noch ein paar echte touristische Bilder. Eine schöne Stadt, aber das wissen wir jetzt ja noch gar nicht :-)

Sandmann

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Created Dienstag, 23. September 2014 Tags Absurdistan | Maisfeld | Montpellier | Reise Reise | renault | Sète | Südfrankreich | Unfall Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
18 Sep 2014
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G-Kräfte mit Pommes und Limo

G-Kräfte mit Pommes und Limo

Ich weiß auch nicht warum ich das mitmache!

Luna Park! Den Begriff kennen wohl die wenigsten von Ihnen, es sei denn sie treiben sich ab und an in Südeuropa rum. Früher nannte man die Kirmes so. Den Jahrmarkt. Also den Ort, wo man einen Haufen Geld dafür ausgibt, dass einem am Ende des Abends kotzelend ist. In Südfrankreich stehen diverse Luna Parks fest installiert an den Küsten rum und sind von März bis November quasi jeden Abend geöffnet und jeden Abend brechend voll. Warum? Ich weiß es nicht genau. Aber meine drei Mitreisenden wollen heute Abend im Kreis gedreht werden, und da wir mit dem Essensgeld gut gehaushaltet haben lasse ich mich breitschlagen. Es soll auch ein Feuerwerk geben. Aber ich will nicht mit in die Drehdinger rein. Nein nein nein.

G-Kräfte mit Pommes und Limo

Der Eintritt zum Anfang vom Ende

Denn ich verabscheue und meide alles, was mich festhält, während es sich dreht. Abgesehen von der Erde selbst. Das hat schon auf dem Kinderkarussell damals auf dem Spielplatz angefangen. Einmal hat es irgend ein blöder, Kekse kauender fetter älterer Junge übertrieben und mich da drin so schnell gedreht, dass mir gefühlt das Gehirn aus den Ohren gespritzt ist. Ich habe den halben Spielplatz vollgekotzt. Und am Abend zu Hause noch die Küche. Und in der Nacht noch das Bett. Später im Leben habe ich auf diesen drauf rumlaufbaren Drehscheiben gelernt, was Zentrifugalkräfte sind und was sie mit einem machen, wenn man nicht mehr läuft, sondern sich auf der schnell drehenden Platte niederlässt und nicht mehr genau in der Mitte sitzt. Man könnte es als meine erste Flugstunde bezeichnen. So vorbelastet musste ich einfach Physik studieren, und während des Studiums war man natürlich auch mal interaktiv und gemeinschaftsbildend im Heidepark Soltau. Ich konnte die auf mich wirkenden G-Kräfte und die Fallbeschleunigung (9,81 m/s²) nun zwar berechnen, das hat mich aber nicht davor bewahrt, schon um 10:00 Uhr vormittags blass auf einer Bank am Rand der Westernstadt dahinzuvegetieren, während meine Kommilitonen sich kreischend in Loopingbahn, PowerTower und BreakDancer verlustierten. Können Sie mir folgen? Ich will in nichts rein, was sich dreht.

Ein Abend voller Lichter

Ein Abend voller Lichter

Meinen beiden Töchtern und dem Typen mit der Cap und der Harry Potter Narbe auf der Stirn ist das alles total egal. Ich leide schon mal profilaktisch rum, trage gut ausformulierte Argumente vor und muss mir anschließend vorwerfen lassen, schon wieder “Geschichten aus dem Krieg” zu erzählen (werde ich etwa alt?) oder Geld sparen zu wollen :-( Diese unsensiblen Teenager. Aber wenn man die 20 erst knapp oder noch gar nicht überschritten hat ist der Gleichgewichtssinn auch wesentlich robuster als bei uns alten Männern. Da geht sowieso alles noch besser, man kann mehr trinken (und wenn nicht kann man sich wenigstens damit rühmen, alles vollgekotzt zu haben, dann war es eine GUTE Party – versuchen Sie diesen Ansatz mal mit 43), man kann sich minutenlang fünfdimensional durchschütteln lassen ohne einen Stromausfall im Herzschrittmacher zu provozieren und man hat nicht jeden Abend so ab 21:00 Uhr das dringende Bedürfnis, auf der Couch zu verenden und Serien zu gucken. Ach ja, die Jugend. Also stehen wir mitten im Luna Park Cap d’Agde, es dämmert und die Szenerie vor meinen Augen füllt sich mit gut aussehenden, gut gelaunten und durchaus solventen Menschen, die sich alle gegen Geld quälen lassen wollen.

Papas Bart?

Papas Bart?

Ach ja, a propos alt werden….. Ist Ihnen über die letzten Geschichten nicht aufgefallen, dass ich meinen Bart abrasiert habe? Am Tag vor unserem Aufbruch an die Côte d’Azur hab ich das erste mal seit 2008 keine Stoppeln mehr im Gesicht, ich wollte mal sehen, ob ich dann wieder so jung und frisch aussehe wie 1995… :-) Hm. Äh. Nein, aber egal. Es wächst schon wieder nach, schon wieder ein bisschen grauer als noch vor ein paar Monaten, aber irgendwas ist ja immer. Während die jugendliche Brut übermütig von Attraktion zu Attraktion hüpft und beratschlägt, womit man denn alles fahren wolle denke ich ein wenig über die bevorstehende Nahrungsmittelaufnahme nach. Zuckerwatte. Fanden Sie die als Kind auch immer total toll? Und dann haben Sie Ihre Eltern so lange genervt, bis Sie eine bekommen haben? Und mit der haben Sie sich dann die Hände, das Gesicht und den Acrylpullover verkleistert, irgendwie schmeckte die auch nach wenigen Minuten nicht mehr so richtig und niemand wollte den Rest an dem klebrigen Stil entsorgen? Ja genau die. Die gibt’s hier auch, sie heißt in Frankreich traditionell wie das, was ich vor ein paar Tagen abrasiert habe und ich widerstehe dem Wunsch, eine zu kaufen. Warum? Ich habe keine Ahnung.

G-Kräfte mit Pommes und Limo

Freude des Motorjournalisten

Aber auch für die groß gewordenen Kinder gibt es ne Menge zu sehen und zum sich drüber Freuen. Cadillacs mit zwei Lenkrädern? Na klar. Rosa Kutschen mit zwei nackten Einhörnern davor? Jede Menge. Kampfhubschrauber mit doppelläufigem Maschinengewehr? Auch. Ich frage später mal nach, ob ich mir den einen mal für ein paar Leute in Kiel ausleihen kann. Alles tingelt, bimmelt, rollt und fliegt, dreht sich, blinkt und duftet nach Trockeneisnebel, Gummiabrieb und gebrannten Mandeln. Ich liebe Jahrmärkte, habe ich das schon erwähnt? Ich finde es großartig, einfach nur rüberzubummeln, ein paar Würstchen oder ein Eis oder irgend etwas anderes wahnsinnig ungesundes zu futtern und den anderen bei der hochpreisigen Selbstverstümmelung zuzusehen. Der Vorteil in Frankreich gegenüber ähnlichen Veranstaltungen in Deutschland ist ein überdurchschnittlich hoher Intelligenzquotient der anderen Besucher. Während ich mich auf dem Hamburger Dom oder dem Kieler Umschlag immer frage, wo sich alle diese grenzdebilen Halbzombis eigentlich den ganzen Rest des Jahres verstecken flanieren hier männliche und weibliche Augenweiden mit Kommunikationspotenzial. Cool. Vielleicht verstehe ich auch nur die französischen Pendants zu Alder! Digger! und Ey weissu was isch mein? nicht und habe ein falsches Bild im Ohr? Blöd ist vor allem: die anderen drei nötigen mich intensiv, nun endlich mal mit in irgend eine dieser lebensverkürzenden Maschinen rein zu kommen. In irgendwas. Alt geworden ich bin. Die Macht schon lange nicht mehr in mir wohnt. Ich wähle STAR WARS!!!

Ich mutiger Typ, ich.

Ich mutiger Typ, ich.

Was für ein unfassbar überzogener Name für ein einfaches Kettenkarussell. Das dreht sich zwar, aber ich habe das subjektive Gefühl, dass ich das in dieser Form ertragen könnte. Kettenkarussells gab es ja 1920 oder so auch schon, also in der Zeit, die von meinen Kindern immer mit meinem persönlichen Begriff von “früher” verbunden wird. Das ist also genau das richtige für den analogen Sandmann. An den Blechgittern vorm Eingang stapft ein finster guckender Darth Vader schnaufend und knarzend hin und her und bedroht mich periodisch mit seinem Laserschwert. Das lenkt mich ein wenig vom Ticketerwerb und dem damit verbundenen überraschend tiefen Krater in meinem Portemonnaie ab. Was es alles für Ferienjobs gibt, ich habe damals Pizza ausgefahren. Na ja, die Zeiten ändern sich. Und auch die Kettenkarussells ändern sich, was damals noch ein lustiges Ding mit bequemen Sitzen war und sich einfach mehr oder weniger schnell im Kreis dreht ist heute in der Version 2.0 wesentlich ausgeklügelter. Meine Große und ihr Freund sitzen in dem Doppelsitz vor uns, ich halte ein wenig verunsichert die Hand meiner kleinen Tochter und bin nicht ganz sicher, ob ich alle möglichen Risiken in meiner Pro- und Contra Liste berücksichtigt habe. Die Bügel über den Sitzen sind dünn und klapperig. Und warum ist über dem ganzen Ding so eine dicke hohe Stange bis weit in den Himmel hinein? Ist da am anderen Ende der Todesstern?

Skepsis an Ketten

Skepsis an Ketten

Ah. Ich verstehe, dieses Verständnis macht es allerdings nicht besser. Dieses Kettenkarussell dreht sich nicht nur, es beginnt nach kurzer Zeit auch, diese Stange heraufzuklettern. Und die Stange ist dünn und hoch. Sie sieht von oben sogar noch viel höher aus als von unten. Das habe ich übersehen. Urks. Parallel tobt uns pompös der STAR WARS Soundtrack um die Ohren. Aber… hm… irgendwie ist es ganz schön hier oben, wenn man sich erstmal an die einsetzenden Fliehkräfte aufgrund der Trägheit des eigenen Körpers gewöhnt hat. Der beleuchtete Luna Park dreht sich unter uns in der Dämmerung, am Horizont leuchtet die Stadt und von fern brandet das Mittelmeer dunkelblau an den Strand *seufz* Vor uns schweben, irgendwie unwirklich beleuchtet, die beiden Turteltäubchen fast lautlos durch die warme Abendluft. Deshalb mag ich Kettenkarussells so gern, auch wenn sie rauf und runter fahren, sie drehen sich verhältnismäßig leise und sind irgendwie erhaben über dem ganzen Tumult da unten. Schön. Unter wahnsinnigen Verlustängsten mache ich ein paar Fotos mit meinem Telefon.

Die Liebenden

Die Liebenden

Und ja, ich entsteige dem Star Wars Spektakel ohne Kollateralschaden. Weder hat mich der Todesstern weggeschossen noch wurde mir von einem alternden Meister Yoda mit dem Lichtschwert ein Scheitel gezogen – und auch der asthmatische Darth Vader am Eingang hat mehr mit seiner Beatmungsmaschine zu kämpfen als mit der Aufmerksamkeit der Kirmesbesucher. Wir sind zurück auf dem Boden der Erde. Der Vorteil, wenn man sich (wegen des Gleichgewichtssinns einer Weinbergschnecke) von den wirklich, also WIRKLICH schlimmen Dingern fernhält: Der Hunger bleibt. Und der kann hier auf vielfältigste Art und Weise befriedigt werden, denn im Magen klebt noch keine Zuckerwatte. Ah. Da ist er ja, mein gesuchter Grund von vorhin :-) Zwei lustige Gesellen in Form einer fröhlichen Getränkeflasche und eines provokant grinsenden Pommes machen am Rand des Kinderlands darauf aufmerksam, dass sich hier jung und alt den Magen verderben können – und das machen wir auch gleich mal. Hier im Luna Park gibt es noch Limonade, die eine ordinäre Coca Cola zum herben Bio-Getränk degradiert und Fleischersatzprodukte, die mehr Fett enthalten, als Joseph Beuys jemals auf allen seinen Kunstwerken hätte verteilen können. Hhhhmmmmmmm.

G-Kräfte mit Pommes und Limo

Süß und salzig geht noch rein

Ja, es ist teuer. Öffentliche Feste, Jahrmärkte und Großveranstaltungen sind immer teuer. Das weiß man, aber es treibt einen an diesem einen Abend auch nicht in den Ruin. Mich nerven diese Permanent-Pöbler auf der Kieler Woche, die bei jedem Stand rumschimpfen, dass man die Zutaten bei Aldi für einen Bruchteil des Geldes bekommt, die zwischen Schalen von gebratenen Champignons oder panierten Calamares ihr selbst mitgebrachtes Mischbrot mit Käse mümmeln und jeden laut auslachen, der sein mühsam erspartes Vermögen in die überteuerten Nahrungsmittel vor Ort investiert. Was wollen die da? Warum bleiben die nicht zu Hause? Kauft euch doch bei Aldi für einen Bruchteil des Geldes die Zutaten, fresst die allein zu Hause und lasst diejenigen in Ruhe, die hier eine gute zeit haben wollen! Niemand wird gezwungen, den Konsum mitzumachen. Es ist einfach sagenhaft lecker und abwechslungsreich, und hier in Frankreich noch viel mehr, weil alles irgendwie noch ganz anders schmeckt. Das Geld muss man vorher eben einplanen, dann tut es auch nicht weh :-) So. Wir sind satt und ich bin pleite, einigermaßen, aber die drei planen noch, die Zentrifugalkräfte einmal komplett auszureizen und zu testen, was so ein gefüllter Magen alles mitmacht. Da bietet sich so ein Break Dancer an, aber einer von der neueren Generation. Die Gondeln drehen sich nicht nur um die eigene Achse, sie kippen auch noch nach vorn und hinten, während das ganze Konstrukt im Kreis schwirrt. Ohne mich. Ich mache Fotos.

G-Kräfte mit Pommes und Limo

Sie wollen da wirklich rein.

Und daran tu ich auch gut. Die Damen und der Herr grinsen im Kreis (Papa bezahlt), genießen noch mit ein bisschen Abstand die Schreie der anderen, den nach Erdbeeren riechenden Trockeneisnebel und die laut bumsenden Bässe der Musik. Hier unten am Boden dreht sich eine ganz andere Welt als eben noch da oben in dem Riesenrad. Ich liebe es, mich mit Ausreden vor diesem Karussell zu drücken. Ich bin gern ein bisschen älter, das macht mir gar nichts aus :-)

Sie haben es so gewollt

Sie haben es so gewollt

Na gut. Es scheint den beiden Damen und dem Herren tatsächlich zu gefallen 8-) Ich bin mir nach wie vor nicht wirklich darüber im Klaren, wie ein menschlicher Körper mit allen seinen inneren Organen diese unmenschlichen Bewegungen über vier Achsen gleichzeitig aushalten kann, ohne durchzudrehen oder zu sterben. Aber ich muss ja auch nicht alles wissen, dafür gibt es Fachärzte, Neurologen und Therapeuten. Egal. Es geht rund.

torkeln, torkeln....

torkeln, torkeln….

Und für einen kurzen intensiven Moment scheinen die drei tatsächlich ein bisschen außer Kontrolle zu sein, als sie wieder aussteigen, torkelnd aber glücklich. Lediglich der happige Fahrpreis verhindert, dass sie gleich nochmal einsteigen :-) Und soll ich Ihnen verraten, was ein weiterer Vorteil dieser Aufteilung “Ihr geht da rein und ich bleibe hier” ist? Ich schlage generös vor, jetzt doch endlich mal ein Eis zu essen, weil ich echt Bock auf ein Eis habe und es hier überall echt leckeres und vor allem buntes Eis gibt. Mit diesem Wunsch stehe ich aktuell allein da, die jüngere Generation gibt in geschlossener Dreieinigkeit zu verstehen, dass man zwar glücklich sei, Nahrungsmittelaufnahme aber in der kommenden halben Stunde nicht an vorderster Stelle stehe. Also suche ich mir ohne Rücksicht auf Farbe und Form ein ganz persönliches, besonders ekeliges Eis aus und kompensiere damit, dass ich mir weder eine Zuckerwatte gekauft noch mir in irgend einem überzogenen Drehdings magentechnisch den Abend versaut habe. Die Paste meiner Wahl in dem Bottich ist grünblau, schmeckt nach allem was man sich so vorsttellen kann und hat einen komischen Namen. Das will ich :-D

Wie bitte?

Wie bitte?

Nein, das ist kein Schreibfehler, ich glaube was in Deutschland als Schlumpfeis bekannt ist hat hier sein Pendant gefunden. Das Lied der Schtroumphe ♫ Alles ist meiner Meinung nach besser als die sogenannten Trend-Eissorten, die man unbedingt mal probiert haben muss. Sowas wie Schwarzbrot-Vanille oder Limone-Rhabarber. Aber darüber habe ich mich neulich schon mal aufgeregt, jeder wie er will ;-) Schtroumph! Eine leichte Erschöpfung legt sich wie ein warmer Nebel über die Reisenden aus dem Norden in Südfrankreich. Ein Feuerwerk soll es heute geben, und es wäre großartig, wenn das mal jemand zünden würde, denn bald verrammeln die nämlich 5 Kilometer weiter nördlich wieder die Schranke vom Campingplatz. Und der Weg vom äußeren Parkplatz bis zu unserem Mobile Home ist weit, wirklich sehr weit… Der verantwortliche Pyrotechniker der Kirmes ist definitiv auf unserer Seite, und wie aus dem Nichts zischen plötzlich die Raketen in den Himmel, knallen, leuchten, britzeln. Sie malen bunte Farben in das schwarz der Nacht, zaubern flackernde Bälle aus Feuer und knisternde Palmen aus Funken und lassen sogar die fröhliche Getränkeflasche und den provokant grinsenden Pommes mit offenen Mündern stehen und staunen. Wer noch nie einen staunenden Pommes gesehen hat – hier gibt es ihn. Schtroumph!

G-Kräfte mit Pommes und Limo

So schön kann Mitternacht sein.

Ich weiß nicht, wie lange das hier an einem ordinären Wochentag voller Arbeitnehmer und Urlauber noch weitergeht. Wir jedenfalls machen uns jetzt langsam mal auf den Weg zurück zur Hütte, denn die Tage sind müdemachend lang und warm. Vorbei an der Geisterbahn, wo man hinter einem offenen Fenster den geschminkten Statisten mit seiner lärmenden Motorsäge den schreienden Leuten in den Wagen nachstellen sieht. Die trotzdem enttäuscht sind, weil die Fahrt keine 30 Sekunden dauert. Vorbei an dem wunderschönen Riesenrad, in das ich meine Homies nicht reingekriegt habe, weil sie das zu langweilig finden. Vorbei an Dosenwerfen, Hau-den-Lukas und anderen klassischen Kirmesattraktionen, bei denen man sich heute fragt, ob sie in der iPhone und Playstation verwöhnten Welt noch Freunde finden. Aber auch vorbei an einer Kugel mit zwei Menschen drin, die an gespannten Bungee-Seilen nach —> oben! geschossen wird. Daneben das Riesengerüst wie eine Schaukel, an dem sich je zwei Wahnsinnige auf 80 Meter hochziehen und dann in die Tiefe schaukeln lassen können. Es geht noch schlimmer als im Break Dancer. Ich bin beruhigt. Vorbei an einer Freakshow, vor der auf Schildern mit buckeligen Wesen, doppelten Körpern und unfassbaren Abnormitäten geworben und gleichzeitig versichert wird, dass das Gesehene niemand anstößig finden wird. Irgendwie bin ich neugierig, wie man dieses mittelalterliche Dilemma wohl gelöst hat, irgendwie bin ich aber auch froh, dass sich während unserer vielen Runden kein einziger Mensch dort reingewagt hat. Gut so. Schtroumph!

Zum Teufel mit der Kohle

Zum Teufel mit der Kohle

Ui das war jetzt mal ein teurer Abend. Aber jede Minute hat sich gelohnt. Die drei sind aufgedreht, brabbeln durcheinander und lachen über alles mögliche, während Radio NRJ den Soundtrack des Rückweges liefert. Heute ist das mal okay und dem Ereignis angemessen :-)Sur ma Route. Auf ein paar Dinge im Leben ist einfach Verlass, das stroumpfe Repeat-Programm der privaten Radiosender gehört definitiv dazu. Himmel bin ich müüüde. Noch ein Schlückchen Rotwein und einen Zigarillo draußen auf der Veranda, das vertreibt auch die Mücken. Gehen Sie gern mal auf den Jahrmarkt? Oder fühlen Sie sich dort auch von den geballten Menschlichen Abgründen überfordert? Erzählen Sie doch mal. Morgen? Morgen fahren wir vielleicht mal nach Montpellier. Oder lieber gleich in die Calanques bei Cassis? Ach wissen Sie was? Urlaub ist, wenn man sowas einfach – morgen – entscheidet.

Sandmann

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Created Donnerstag, 18. September 2014 Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
12 Sep 2014
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Mobile Homes

Mobile Homes

Kleine Träume mit großer Sonne

Bin ich alt geworden? Spießig oder bequem? Womöglich VERNÜNFTIG?? :roll: Ein Mittelklasse-Kombi vor einem mobilen Ferienhäuschen. Beides meins, eins gekauft, eins gemietet. Was habe ich früher auf Kombis geschimpft, während ich selbstverliebt auf dem Kofferraumdeckel meines Audi V8 saß. Und was habe ich die Spießer belächelt, die sich auf den Campingplätzen in diese stickigen Plastikbuden eingemietet haben, während ich Ravioli vor meinem Zelt auf dem Gaskocher brutzelte – direkt unter den schnarzenden Zikaden. Nun ja. Wenn das Leben selbst einem Bärenfallen vor die Füße legt und parallel der Himmel mit Barrikaden versperrt wird freut man sich mit 43 über Platz im Auto, noch mehr freut man sich über ein Dach, einen Kühlschrank und ‘ne eigene Dusche. Ein ganz normaler Tag am Mittelmeer.

Mobile Homes

Weizenmehl, O-Saft und Kaffee

Frühstücken Sie eigentlich regelmäßig? Ich selbst bin in den 70ern bei Lehrern mit den Arbeitszeiten von Lehrern aufgewachsen, da war es üblich, dass morgens alle gemeinsam am Tisch saßen. Wir wären die klassische Werbefamilie gewesen – es gab Kelloggs Smacks oder frisch aufgeknusperten Golden Toast, drauf war gute Butter und Schwartau Extra Konfitüre, Nutella oder Grafschafter Goldsaft. In meiner Tasse schwappte Uelzena Schlauchmilch mit drei Löffeln Suchard Express (mit den Vitaminen A, B1, B2 und C) drin, und Sonntags kamen die Knack & Back Hörnchen direkt aus dem Ofen auf das Brettchen. Wenn der Tag so begann, konnte einem eigentlich nicht viel passieren, dachte ich damals. Später habe ich begriffen, dass auch ein gutes Frühstück mich nicht vor den Tiefschlägen menschlichen Zusammenlebens schützen kann, aber diese Erkenntnis hat das Frühstück nicht schlechter gemacht. Hier in Frankreich haben wir sogar NOCH mehr Zeit, denn niemand muss um 8:00 Uhr in der Schule sein, weder auf dieser noch auf der anderen Seite des Pultes. Um 8:00 bin ich sogar der einzige, der schon wach ist und genieße den ersten Kaffee in der aufgehenden Sonne…
Wenn sich irgendwann mal alles Jungvolk aus den Betten geschält, geduscht, rasiert, geschminkt und frisiert hat gibt es Frühstück im Jahre 2014. Frische Croissants und Baguettes, Schokopops mit Milch, Orangensaft, Käse, Wurst, Himbeermarmelade und Nutella. Welches in Frankreich weicher ist als in Deutschland, und nein, das liegt nicht an der Außentemperatur. Dazu trinkt Papi noch fünf weitere frisch gebrühte Kaffees. Zwischenmenschlich ist hier bei uns soweit auch alles im Reinen – dann kann der Tag ja losgehen.

Mobile Homes

brav abschließen

Ja – so ein Mobile Home ist spießig, Sie haben völlig Recht, vor allem aus der Sicht eines auch-bei-Schnee-Campers oder aus dem Kaminzimmer eines Dänischen Holzhauses betrachtet. Allerdings bin ich dann wohl ein Spießer geworden, denn ich finde es unerklärlich großartig, das Geschirr einfach in die Spüle zu stellen, Herd und Kaffeemaschine auszumachen, Milch und Wurst und Käse im Kühlschrank zu lagern und heute Abend alles frisch und ohne erobernde Ameisenkolonie wieder vorzufinden. Äh… und es dann natürlich noch abwaschen zu müssen :-( bin ich heute dran? Das kläre ich gleich mal. Auf stabilen Stühlen an einem richtigen Tisch sitzen. Super. Und das alles ist trotz Haute Saison (ganz Frankreich hat JETZT Sommerferien und ganz Frankreich ist JETZT am Mittelmeer) für vier erwachsene Personen einigermaßen bezahlbar. Und hey – die Hütte hat sogar Räder! Um uns rum brummt das Leben, wie es nur auf einem großen Campingplatz brummt. Rechts neben uns sitzen die fünf Belgier schon wieder biertrinkend auf ihrer Veranda, das werden sie regungslos bis heute Nacht tun. Und morgen und übermorgen auch. Gegenüber hüpft der lustige kleine französische Junge deformierend auf dem Dach von Mamas VW Sharan rum, springt dann runter und bemüht sich, Papas Motorrad umzuschmeißen. Links von uns turtelt das junge Pärchen aus der Schweiz, anscheinend frisch verliebt, wenn man der nächtlichen Geräuschkulisse Glauben schenken kann. Hinter uns noch mehr Belgier, die schlafen noch, die waren gestern Abend bestimmt beim Karaokesingen am Pool. Davon hören wir leider nicht viel, wir sind weit genug weg :-)

Mobile Homes

eine kleine eigene Welt

Französische Campingplätze sind ein Mikrokosmos mit einer ganz eigenen Art der Gelassenheit und des Miteinanders. Man lässt sich gepflegt in Ruhe. Gefühlt sind wir den ganzen Tag draußen und könnten in der Mittagshitze auf den Betten eine schattige Siesta machen. Machen wir aber nicht. Drin kochen, draußen essen. Nebenan wird gegrillt und der halbe Rasen in Brand gesteckt, na und? In keinem Hotelzimmer hat man diese Atmosphäre, und doch verbuchen wir mit dem Minimalkomfort eines Mobile Home prinzipiell alle Annehmlichkeiten einer kompletten Ferienwohnung. Duschen, spülen, waschen, kochen. Schlimm furniert, nicht groß, nicht schön – aber wer braucht das hier im Süden, wo die Sonne einen rauslockt? Wo es an der frischen Luft nach Pinienharz duftet und in einiger Entfernung das Lachen gut gelaunter Menschen am Pool zu hören ist? Nein danke, liebes Zelt, ich lasse dich auf unbestimmte Zeit trocken eingelagert in meinem Keller liegen. Der alte dicke Diesel hat heute Nacht genau wie wir gut geschlafen, und er soll und jetzt mal ins Zentrum von Agde tragen. Ein bisschen Nippes shoppen, einer von uns will sich noch eine neue Cap kaufen, die Mädels dürstet es nach schicken luftigen Kleidchen und Sonnenhüten und ich… hm… na ja vielleicht finde ich ja ein T-Shirt und ein bisschen leckeren Tabak für mein Pfeifchen heute Abend.

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Einkaufen Teil 1 – das was Spaß macht

Das “Zentrum” dieses Örtchens ist wiederum ein ganz anderes Universum als der 5 Kilometer entfernte Campingplatz. Raten Sie, welches Lied wir in den 10 Minuten auf dem Weg hier her auf Radio NRJ gehört haben…? Immerhin gibt es einen zentralen Parkplatz in der prallen Sonne, auf dem wir tatsächlich jedes mal eine Lücke für das ziemlich breite und ziemlich lange Rolling Home aus Stuttgart finden. Tagsüber schlendern Touristen durch die einzige breite Einkaufsmeile, es gibt bunte Gemüseläden, klingelnde und klöternde Andenkenboutiquen mit bedrucktem Schrott aus China, flatternde Klamottenläden voller wirklich schöner Teilchen (ebenfalls aus China, vielleicht auch aus Indien), frostige Eisbuden und unzählige duftende Restaurants, in die man wortgewaltig zum déjeuner reinkomplimentiert wird. Nein danke, wir haben ja sehr gut gefrühstückt ;-) Alles wird auf der einen Seite von einer großen Bühne flankiert, auf der jeden Tag eine andere Veranstaltung tobt und man sich schon für den Abend-Event vorbereitet. Auf der anderen Seite ist das Meer. Ich glaube, wir kommen heute Abend nochmal wieder und schnuppern mal in das Nachtleben von Agde. Vorher gilt es noch, im Super U (oder ist es ein Mega U? Gar ein Geant U oder Giga U?) draußen im Centre Comercial mit einem unfassbar großen Einkaufswagen den Zwei-Tages-Plan für uns vier abzuarbeiten. Frühstück, Mittags-Snack, Abendessen. Sie würden sich wundern, wie viel da zusammen kommt und wie knapp ein Budget von 50 Euro am Tag sein kann… Vor allem, wenn man nicht immer versteht, was auf den Verpackungen draufsteht. Außerdem erwerben wir noch einen Fußball :-D und meinen Tabak finde ich auch…

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Nahrung für die wilde Horde

Wer ist denn heute Abend mit schnibbeln und kochen dran? In der nicht immer leicht zu übersetzenden französischen Supermarktsprache haben wir uns ganz gut geeinigt auf: Fleisch (porc, boef oder dinde), Reis, Zwiebeln und… Cherry Cola. Ich kaufe nichts, von dem ich nicht weiß, was es eigentlich ist. Nachher hab ich da noch Pferd in der Pfanne oder so :-( Also ZACK alles rein in den Kühlschrank (jajaJAAAA!). Und über den Mittag? Nix Siesta, wir sind noch nicht lange genug hier, um müde zu werden (auch wenn das noch kommen soll….), also schält sich die kleine Familie nebst Freund mit den gut gebauten Alabasterkörpern in die Badeaccessoires und stapft in Richtung synthetisches Wasser. Pools, Rutschen, Wasserfälle und viele viele Liegen. Oh. Das ist hier ja wie in einem deutschen Freibad, es sind alle (nochmal: wirklich ALLE) Liegen mit Handtüchern reserviert, aber es ist kaum einer da. Auch nicht im Wasser. Die sind alle beim Mittagessen oder im Mittagsschläfchen. *grummel* In mir wächst der Wunsch, alle Handtücher bei so viel arrogantem Besitzanspruch runterzuziehen und ins Becken zu werfen. Aber nein :-) Ich bin ja weise und möchte hier noch ein paar Tage länger ungestört leben, also legen wir gut gelaunt unsere Badelaken einfach auf den Boden, stellen fest, dass das viel bequemer als die harten und engen Plastikliegen ist und springen ins lauwarme Nass. Einige tiefer, andere flacher.

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Draußen. Nicht im Hotel oder so

Baden. Plantschen. Schwimmen. Ich fühle mich wohl, solange ich das Ufer in meiner Nähe weiß. Ich war noch nie ein echter Fischkopp des Nordens, Kiel hin oder her, ich segel nicht, ich esse kaum Fisch und ich mag keine langen Reisen auf Schiffen. Aber ich mag Schwimmbecken und Freibäder und das bunte Treiben in ihnen. Die Sonne brät auf unsere noch ein wenig UV-unvorbereiteten Körper, und während die anderen drei gut eingeölten Mitreisenden mit Knopf im Ohr musikhörend in eine andere Sphäre driften (oha – einschlafen in der Mittagssonne, das gibt benommene Blicke) liege ich wach auf meinem Handtuch und lasse mich vom Leben berauschen. Spielende Kinder, lachende Menschen, gut gelaunte braungebrannte Einheimische und schneeweiße rotbäuchige Ausländer. Es riecht nach Chlor und Sonnenmilch, und ständig laufen sowohl höchst attraktive Schönheiten gemeinsam mit abstoßenden Halbnackt-Katastrophen durch mein Bild, Männlein wie Weiblein. Ein spannendes Theaterstück, die Regie führt das große Schicksal eines normalen Urlaubstages. Alle diese Menschen haben ein Leben zu Hause, mit Hoffnungen und Ängsten, Mit Liebe und Hass, mit Freude und Kummer. Und hier, an diesem Pool auf einem Campingplatz in Agde am Mittelmeer, treffen sie sich alle für einen kleinen Moment in ihrem Leben – um zu baden :-)

platsch

platsch

Das war anscheinend so eine Art Telepathie, Tochter 1 und Tochter 2 springen auf und ziehen mich mit zur Steilrutsche, wo man auf vier gleichen Bahnen nebeneinander den Schnellsten unter sich ausmachen kann 8-) Großartig. Unser sympathischer Freund mit der Cap ist gerade ein wenig out of Order. Ich möchte das gar nicht episch auswalzen, aber sagen wir mal so… Es gibt Gründe, warum man nicht vom Beckenrand springen soll. Und so ein echt Eindruck schindender mackeriger Steilköpper vom Beckenrand hoch in die Luft und tief ins Wasser ist nie eine gute Idee. Vor allem nicht mit den Händen auf dem Rücken. Hätte er mal die Cap aufgelassen. Seit sie ihn aus der Krankenstation rausgelassen haben liegt er ein wenig benommen im Schatten rum und sieht alles doppelt. Es wird wohl eine kleine Harry Potter Narbe auf der Stirn bleiben, cool, so kann man sich natürlich auch die Andenken aus dem Souvenirshop sparen. Und Tattoos sind viel zu teuer. Alles richtig gemacht.

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Familie Badefreud’

Genug Sonne. Irgend jemand hat mir mal gesagt, man soll das vor allem an den ersten Tagen nicht übertreiben, und da sind auch so ein paar doofe Wolken – also zieht es uns zu einer Alternativbeschäftigung ins “Wohnzimmer”. Vor einem Jahr in Finnland (erinnern Sie sich?) habe ich allen Anwesenden, die schon die Karten selbst halten können Rommée beigebracht. Dieses alte klassische Kartenspiel, bei dem man erst ablegen darf, wenn man 40 Augen zusammengesammelt hat. Meine Eltern (ja, die Lehrer damals) haben mir das schon im zartesten Kindesalter vermittelt und wir haben es bis kurz vor ihrer Scheidung abends am Wohnzimmertisch gekloppt. Später dann, in einem anderen Bundesland mit leicht geänderter Elternbesetzung ging’s weiter mit dem großen Kartenspiel, und auch in den Urlauben haben wir so manchen extrem verregneten Abend in irgendwelchen schwedischen Holzhäusern damit verbracht. Töchterchen klein kann es noch, Töchterchen groß und der Mann mit der Harry Potter Narbe wollen es lernen. Kein Problem. Ein paar Ründchen vorm Kochen schaden sicher nicht. Nebenan ballern die Belgier auf ihrer mitgebrachten Playstation aufeinander und prosten sich zu. Vielleicht habe ich nicht ALLES falsch gemacht :-)

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Rommée statt Counterstrike

Nahrungsbereitung. Essen. Das ist nicht nur notwendig, das kann auch kulturelles Highlight an einem Tag im Mobile Home sein. Während der gute Tag noch mit einem guten Frühstück beginnt endet er hier in Südfrankreich mit einem deftigen Abendessen. Die Ladies haben nicht nur Rommée für sich entdeckt – sie finden auch frische, in Olivenöl angebratene Zwiebeln richtig lecker. Das soll den beiden Männern nur recht sein, wenn noch ein Stückchen Fleisch dazu kommt ist der Abend gerettet. Bevor wir aber so weit sind und schon mal losretten bereiten die Youngster alles vor, schnibbeln und stellen Pött und Pann zurecht, während Vati den Abwasch von heute Morgen erledigt *grummel* Die karge Plastik-Behausung duftet nach Gewürzen und Gemüse, später dann nach britzelndem Fett und scharf angebratenem Rind. Dazu wird ein knackiger Salat serviert, und das alles für weniger als 50 Euro, inklusive dem Frühstück heute Morgen und einem Fläschchen Rotwein (was zugegebenermaßen nur einen Bruchteil der Kosten verursacht hat, weniger als der morgendliche Apfelsinensaft, den man inzwischen als obligatorisch einplant). Nur das mit der Sherry Cola, das dürfen Sie echt keinem erzählen. Ich bin wohl der einzige Mensch auf diesem Planeten, der die mag.

Mobile Homes

schnibbeln und manchmal auch weinen

Waah! Und schon ist so ein ganzer Tag fast vorbei. Manchmal rast die Zeit, als wenn sie auf der Flucht vor irgend jemandem ist. Vor wem bloß? Ich bekomme so eine Ahnung, dass es gar nicht sehr lange dauern wird, bis wir vier uns schon wieder ein bisschen traurig angucken und meine Große mit den Fingern einmal schnippt :-( Das ist dann das Zeichen, dass der Urlaub rückblickend in nur einem kleinen Augenblick vorüber gezogen ist. Dann werde ich immer traurig. Dann wird meine Kleine uns anstrahlen und sagen: “Hey, der nächste Urlaub kommt bestimmt!“. Und sie hat recht. Der gut aussehende Typ mit der Mütze steckt sich eine Kippe an. Außerdem ist es noch viel zu früh um melancholisch zu werden, also krabbeln wir ein weiteres mal in den Mercedes und fahren noch einmal nach Agde. Eigentlich nur, um die Stimmung am abendlichen Strand zu genießen und womöglich noch einmal im Meer zu baden. Aber wie sich heute Mittag schon architektonisch angedeutet hat tobt hier Abends der Bär noch viel gewaltiger als tagsüber, Beats und Bässe bumsen, Tänzer und Breakdancer performen auf der Promenade und viele viele Menschen lassen sich mitwippend begeistern. Ist das überall am Meer abends so voll? Krass. Das macht Spaß :-)

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Nochmal zurück auf die Meile….

Ein paar Meter weiter hinter den Dünen liegt der lange Sandstrand fast menschenleer da, klar, die sind alle oben auf der Meile. Am Horizont funkelt die Festung mit dem Leuchtturm, und die Wellen brechen sich träge und sanft in den aufgeschütteten Bunen. Wir bolzen mit dem neu gekauften Ball durch den Sand, toben rum, rauchen, machen ein paar schräge Fotos mit der Kamera und sitzen dann einfach ein bisschen da. Es wird schnell dunkel in Südfrankreich, im Gegensatz zu Finnland. Da ist es irgendwie überhaupt nicht dunkel geworden. Nach so einem wühligen Tag tut es gut, einmal nichts zu sagen, auf den Horizont zu gucken und die Dinge einfach laufen zu lassen. Das Meer rauscht wie eine endlose Melodie, immer wieder neu, ich werde niemals müde dem zuzuhören. Adios, lieber Tag. Du warst gut, auch wenn es leichten Kollateralschaden gab. Wir machen noch ein Bild von uns, irgendwie nennt man das jetzt ja Selfie und es ist voll hip, irgendwie hab ich mich aber schon immer selbst fotografiert und es ist ja auch eigentlich egal, was für Trends welche Namen haben. Ich schwimme die sowieso nicht mit. Dafür fühle ich mich hier viel zu wohl, mit dem Auto am Mittelmeer, umgeben von Menschen, die mir sehr viel bedeuten. Das genügt doch für einen wirklich glücklichen Moment, oder?

Mobile Homes

Auch hier wird es irgendwann mal dunkel

So, jetzt aber heim, ab 23:00 Uhr kommt man mit dem Auto nicht mehr durch die Schranke. Auf dem Weg zurück zum Campingplatz lassen wir Radio NRJ einvernehmlich mal aus. Was tagsüber Spaß macht, kann nach so einem nächtlichen Strandgang die mitgenommene Stimmung platzen lassen, und ich will diese Bilder noch ein bisschen weiter in mir tragen. Stattdessen lasse ich “The Barricades of Heaven” von Jackson Browne laufen. Nein, nicht James Brown, der rumkrakeelende Soulprediger, Jackson Browne ist jemand anderes. Inzwischen ist der auch nicht mehr der Jüngste, das Lied ist von 1996, da war ich knackige 25 Jahre alt. Und die Dame, die im Bild hier oben ihren Freund küsst gab es immerhin schon ein Jahr :-) Das Gute ist ja, dass ich inzwischen sicher bin, selbst einfach nicht älter zu werden. Pha. Niemals. Das passiert nur den Anderen, mir nicht. Dafür gibt es eine Menge Beweise, und auch wenn Jackson Browne inzwischen ziemlich alt aussieht… der sah bestimmt schon immer so aus. Und jetzt lassen Sie uns von was anderem sprechen…

Mobile Homes

Zimmer mit Aussicht

Zu Hause. Alle schon im Bett, nur ich noch nicht. Während die winzig kleinen Mücken wie Piranhas meine knusprig braunen Arme und Beine aufessen stopfe ich mir noch meine Pfeife und blicke in die Nacht. Durch die Tür des Mobile Homes fällt ein warmes Licht, lockt weitere Mücken nach drinnen (mit denen wir später noch Spaß haben) und verströmt in mir ein wohliges Gefühl. Vorhin habe ich noch ein bisschen nachdenklich auf Baumarkt-Seiten im Netz rumgeblättert und bin über Hellweggestolpert. Kannte ich gar nicht? Die läuten da schon den Herbst ein, Kaminöfen, Laubsauger, Feuerholz. Das hat mich schon wieder melancholisch gemacht, denn ich weiß momentan gar nicht, ob ich in diesem Herbst noch einen Kaminofen haben werde. Aber das ist eine andere Geschichte, eine von denen, die ich in Kiel lassen wollte. Das klappt leider nicht immer. Aus dem iPhone quaddelt noch einmal Jackson Brown und singt von Seiten, die er umblättert, Jahre bevor er angefangen hat zu lernen. Es gab mal eine Zeit, irgendwann, da hatte man alles noch vor sich. Da waren die wirklich dicken Fehler noch nicht in Gang gebracht und man hatte nicht die leiseste Ahnung, wie viel Scheiße auf einen niedergehen kann, wenn man erstmal “erwachsen” ist. Vielleicht werde ich deshalb nicht erwachsen. Und nicht älter. Vielleicht muss ich noch viel mehr lernen.

Mobile Homes

Notieren Sie, Watson

Aber wie dem auch sei, erst texte ich Sie mit dem unspannenden Tagesablauf einer Familie auf einem Campingplatz zu und fange jetzt auch noch das Rumleiden an, weil früher bestimmt nicht alles besser, aber vieles einfacher war. Früher ist vorbei, genau wie dieser Tag. Morgen ist ein neuer Tag, und er wird wieder viele schöne Sachen hervorbringen, vielleicht auch ein paar nicht so schöne. Wer weiß? Etwas habe ich in den letzten Wochen gelernt: Mein Zuhause ist da, wo die Menschen sind, die ich liebe. Dort komme ich zur Ruhe und kann durchatmen. Diese Erkenntnis ist für den kleinen Sandmann, der schon ein paar mal gegen seinen Willen aus seinem komfortablen Wurzeltopf rausgerissen wurde, existenziell wichtig. Vielleicht erlebe ich deshalb so ein Mobile Home wie eine bewohnbare Metapher für etwas nicht Statisches, etwas nicht Ortsgebundenes, was einem trotzdem Sicherheit und Ruhe spenden kann? Ich bin dankbar dafür und habe erstmals seit Jahren das Gefühl, den Herbst dieses Jahres überleben zu können, ohne mir die Flügel zu brechen.

Und Sie? Sie haben wieder still mitgelesen, vermutlich aus Trägheit nicht mal unten auf “Gefällt mir” geklickt und Sie werden sicher auch nichts kommentieren. Meine Reisegeschichten fangen sich irgendwie immer nicht so viele Kommentare ein, das war schon immer so :roll: Dabei habe ich doch jetzt echt mal was vorgelegt: Frühstücksfamilien, Nachbarn auf Campingplätzen, Shopping-Queens, reservierte Liegen, Kartenspiele, Pools und Verletzungen, Lebensmittelphilosophien und ein tiefer Blick in die Vergangenheit von mir und Jackson Browne. Sprechen Sie mit mir :-) Und wenn Sie mir nur erklären, wo es diese Hellweg Baumärkte gibt – und warum nicht in Schleswig-Holstein.

Sandmann

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Created Freitag, 12. September 2014 Tags Agde | frankreich | Frühstück | Mobile-Home | Pool | Reise Reise | Roadmovie | S210 | Sternstunden | strand | T-Modell | W210 Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
11 Sep 2014
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Sur ma Route

Sur ma Route

Un vie de Route

Reisen. Mein Leben lang war der Weg das Ziel, und in der zweiten Hälfte (des Lebens) wird sich das wohl auch nicht mehr ändern. Auch wenn die Wege steiniger werden. Strecke machen. Mit dem Auto, nicht mit dem Flugzeug, denn dann bekommt man ein Gefühl dafür, wie weit man von Zuhause weg ist. Und am Abend gemeinsam sprachlos vor einer Karte aus Papier sitzen und sich über den zurückgelegten Weg unterhalten. Wissen Sie was? Ich habe diese bei mir schräg verknüpften Synapsen an meine Töchter weitergegeben. Statt zu whatsappen, facebooken und twittern sprechen sie mit mir, mal vom Rücksitz, mal vom Fahrersitz. Sie singen die Lieder aus dem Radio mit. Und sie machen Fotos. Auf der Straße von Paris nach Agde, Südfrankreich, Mittelmeer.

Sur ma Route

Echte, also wirklich ECHTE Croissants

Ein guter Tag beginnt mit einem guten Frühstück. War das nicht mal eine Werbung in den 80ern? Egal wann – das stimmt auch 2014 noch, und nichts wäre in der Pariser Morgensonne leckerer als ein frisches französisches Croissant, ein Stück knuspriges Baguette und ein leckerer heißer Kaffee? *hach* Direkt an einer stark befahrenen Hauptverkehrsstraße, die man im Angesicht dieser kalorienreichen Leckereien aber wunderbar ausblenden kann. Nirgends schmecken Croissants oder auch nur ein Stück einfachen Weißenbrots besser als in Frankreich. Kaffee können sie nicht so gut wie die Italiener, aber man muss ja nicht alles können. Wir nehmen noch ein paar Pains Chocolat in einer fettigen Papiertüte mit, für unterwegs, der nächste kleine Hunger kommt bestimmt. Und das Mittelmeer ist noch weit, 750 Kilometer, um genau zu sein. Ich beginne mit dem Chauffieren der wertvollen Fracht, neben mir die sich auf’s Baden freuende Kleine, hinter mir die gute Musik liefernde Große und neben ihr ihre große Liebe, ausnahmsweise mal ohne Cap, aber mit der ADAC Tourset Straßenkarte auf dem Schoß. Denn keine App der Welt kann einem die Entfernungen so schön verdeutlichen wie eine große ausgefaltete Papierkarte. Ich bin begeistert, dass es die noch gibt, inklusive Sehenswürdigkeitenführer und Mauttabelle. Da macht die ADAC Mitgliedschaft ja mal wieder richtig Spaß :-)

Sur ma Route

Navigieren wie früher bei Opi noch

Denn die beiden auf dem Rücksitz verfolgen nicht nur den Straßenverlauf der überteuerten Autobahnen, sie lesen uns auch die Beschreibungen der Sehenswürdigkeiten vor, die auf uns zukommen könnten. Montpellier steht irgendwann auf dem Plan, Daniel Leroc besuchen. Die Große will mal schnell nach Barcelona (das… äh… ist in Spanien) rüber, da ging die Klassenfahrt hin, aber das ist mir zu weit, heute Abend werden wir sicherlich vom Autofahren erstmal genug haben ;-) In unserer Nähe liegt noch Narbonne, außerdem das als Brettspiel in den 90ern ziemlich bekannt gewordene Carcassonne. Und hey – na selbstverständlich wird es wieder einen wundervollen karibischen Tag in den Calanques bei Cassis geben! Das ist diesmal etwas weiter weg, aber der geduldige Daimler wird uns schon tragen. Und es ist eine andere Geschichte. Mein eingeplantes Maut-Budget ist noch absolut im grünen Bereich, der Briefumschlag mit dem Kleingeld in der linken Innentasche der Fahrertür ist prall gefüllt. Obwohl… er alle 40-80 Kilometer, je nach Streckenabschnitt, nach und nach schlanker wird. Immer wenn ich mal so richtig schön lethargisch dem Horizont entgegenträume schleicht sich eine Péage ein, eine Maustelle, wo meist sehr freundliche Menschen den lieben langen Tag sitzen und alle paar Sekunden den durchfahrenden anderen Menschen in ihren Autos Zahlen in die Ohren sagen. Dann das Geld kassieren, dann die Schranke öffnen und sich verabschieden. Ich glaube, ein Job an der Kasse bei Aldi ist dagegen ein echtes Abenteuer.

Sur ma Route

Schranke zu, Schranke auf.

Und da kommen sie, sie Worte, die ich nun zum ersten Mal in einem Urlaub höre: “Papa, wenn du willst fahr ich jetzt mal ein Stück…” Ha! Okay, Korrektur, zum ersten mal höre ich sie nicht. Meine Töchter fahren schon etwas länger mit meinen Autos rum, das fing schon mit dem V8 an, als ihr Lebensalter noch einstellig war. Ich bin da ja nicht so, ich mag das… Aber das weiß niemand, ist ja auch alles nicht erlaubt und außerdem ist das noch nie auf einer französischen Autobahn passiert. Deshalb erlebe ich hier doch so etwas wie das erste mal, und dann auch noch legal. Gniihihi :-D Die privatwirtschaftlichen Rennstrecken in Frankreich sind zwar teuer, dafür aber gut in Schuss und mit sehr aufgeräumten Rastplätzen ausgestattet. Irgendwo muss das Geld ja schließlich bleiben. Also soll ich mal das Steuer meiner inzwischen 19jährigen Erstgeborenen übergeben. Geübt hat sie genug, sowohl mit Automatik als auch mit geschalteten Autos. Mein Freund mit der Mütze (nein, sorry, es ist ja IHR Freund) hat sich selbstlos angeboten, das Musikprogramm vom Beifahrersitz aus zu managen. Okay, lassen wir mal die jungen Leute ran.

Sur ma Route

Fahrerwechsel. Cool, ich kann mal dösen.

Geht Ihnen das auch so, dass Sie immer ein bisschen seltsam aus der Wäsche gucken, wenn Sie in Ihrem eigenen Auto hinten sitzen? Es gibt ja auch nicht viele Gründe, warum man das tun sollte. Ich glaube das erste mal war das in meinem Taunus Coupé 1991, an dem Tag, als die Probezeit meines Führerscheins ablaufen sollte. Ich war beim Bund, wir waren in einer Pizzaria in Husum lecker essen und ich wollte wegen meines einen Bieres nicht am letzten Tag noch Ärger riskieren – also ließ ich einen Kameraden zurück fahren, der da schon seit Wochen mal heiß drauf war. Schön im Knudsen hinten rechts. Jessas kommt einem ein Auto von hinten rechts auf einmal groß vor! Ich habe es damals sehr genossen. Heute bin ich zwar entspannt, aber schon zu lange unterwegs als dass ich tatsächlich sogar ein kleines Nickerchen machen könnte. Außerdem sitze ich hinten LINKS. Die beiden vorn legen los, ich mache es mir neben meiner “Kleinen” bequem und bin wieder einmal fasziniert vom Platzangebot einer alten E-Klasse. Vor allem, wenn vor einem jemand sitzt, der nicht wie ich 1,90 groß ist :-) Der Verkehr rollt, die Bässe bummsen aus den vier Lautsprechern und ich lerne neue Musik kennen. Immer am Ball bleiben ♫

Sur ma Route

Vom Rücksitz betrachtet…

Außer der schon zuvor genannten Hymne von Herrn Forster mit dem Refrain, den einem die Péage-Wächter immer freundlich hinterherträllern scheint hier vor allem in den Radiosendern ein Lied gut zu gehen: “Sur ma Route” von Black M 8-) Ein feines Ding. Wir sollen es noch öfter in diesen Tagen zu hören bekommen. Während die Chauffeuse und ihr DJ vorn mit vorwärtsfahren und Mukke suchen beschäftigt sind und mein Zweier-Teamgegenüber rechts von mir auf ihrem Laptop mit Kopfhörern ein Filmchen inhaliert driften meine eigenen Gedanken über die Grenzen der Autobahn hinaus.

Sur ma Route

böse Katze?

Ich frag mich, was wohl meine anderen beiden Frauen, die halbfinnische und die viertelfinnische, gerade machen und in welchen schönen Gegenden sie sich wohl rumtreiben. Ob sie auch grad an mich denken? Puh, zwei Wochen sind echt ganz schön lang… Ich sehe in der Ferne Hochspannungsmasten, die aussehen wie böse guckende Katzen oder Füchse mit abstehenden Schnurrhaaren. Und ich frage mich dabei schmunzelnd, wie lange ich nicht mehr auf dem Rücken in einer Wiese gelegen habe, um in den Wolken über mir Figuren und kleine Geschichten zu entdecken? Wie alt war ich? 8? Vielleicht 9? Auf dem Seitenfenster des Daimlers funkelt die Prägung der Scheibe, ihre Schrift wirft einen Schatten auf das Kunstleder – die Sonne wird intensiver, je weiter wir nach Süden kommen. Ich habe schon einmal hinten links gesessen, ich muss ziemlich klein gewesen sein und fragte mich, was diese Zeichen auf dem Fenster im Audi 100 meines Papas wohl bedeuten mögen. Sie sahen für mich aus wie eine kleine, doppelte Eiswaffel. Die späte, sehr späte Erkenntnis über die tatsächliche Bedeutung einiger als Kind falsch interpretierter Zivilisationszeichen hat mich mal zu einer Geschichte getrieben, die können Sie hier nachlesen:-) Der Diesel schnurrt immer weiter in Richtung Urlaub, und vielleicht bin ich irgendwann doch ein bisschen weggedöst.

Sur ma Route

was man so unterwegs entdeckt…

Agde. Es ist später Nachmittag, als wir den Campingplatz am Mittelmeer erreichen. Ich habe nun einen guten Eindruck, wie angepisst M. Leroc gewesen sein muss, als er seinen im camion ausgebüchsten Daniel aus Montpellier abholen musste (wenn Sie nur Bahnhof verstehen lesen Sie die vorangegangene Geschichte). Das war ein ganz schöner Ritt hier runter, nicht auszudenken, wie lange das gedauert hätte, wenn ich nicht den halben Netto-Monatslohn eines Friseurs in Sachsen in die Hände der Autobahnkassierer gedrückt hätte. Überlandstraßen? Routes Nationales? Braucht man nicht. Genug Lebenszeit sur ma route verbracht, jetzt stehen wir (nach ein paar blöden Verfahrern wegen eines schon erwähnten veralteten Navis) vor unserem Mobile Home und sind tatsächlich… angekommen. In Agde. Keine Ahnung wie man das ausspricht. Akte? Ascht? Deshalb sagen wir auch allen wir waren in “Südfrankreich”, das klingt mondäner :-) Seit der Zelterei mit dem Audi V8 Anno 2011haben wir beschlossen, dass zwar ein Campingplatz super ist (und ehrlich gesagt in der Haute Saison in Gallien auch rein finanziell quasi ohne Alternativen punktet), das Schlafen auf dem Boden und das Essen aus Schüsseln voller Kiefernnadeln und Ameisen aber zu den weniger erquicklichen Gegebenheiten gehört. Seit dem wird eine Plastikhütte mit zwei Schlafzimmern, einer Küche und einem Bad gebucht. Mit Kühlschrank und allem, was man so braucht. Das ist nicht wirklich stilsicher, aber es ist auch nicht viel teurer als ein aufgestelltes Zelt – und der alte Reisende hat ein richtiges Bett, Strom und ein Dach über dem Kopf.

Sur ma Route

Hallo Zuhause für 10 Tage!

Über diesen Luxus des kleinen Mannes schreibe ich die Tage noch ein bisschen mehr, jetzt werfen wir erstmal unsere Taschen und Klamotten auf die quietschenden Betten, räumen alles grob ein, machen eine kurze Bestandsaufnahme des vorhandenen Inventars (was wahrlich nicht komplett ist, aber man nimmt das hier nicht so genau) und haben ein allererstes, erklärtes Ziel: Wasser. Der Pool, der irre Pool mit Rutschen, Palmen und Badelandschaft ist schon zu. In Agde macht man früh Feierabend, um die Gäste in die Restaurants zu treiben. Egal. Mission: Badeklamotten an, Handtücher geschultert und wieder rein in den staubigen Benz. Klimaanlage auf volle Pulle, das auf Dauer ein wenig Hirnbluten verursachende Radio NRJ einstellen und auf dem Weg zum Strand wieder mal “Sur ma Route” hören. ♫ Und inzwischen ein bisschen mitsingen können – was auch fast alle im Auto machen. Das Leben ist schön :-) Hallo Südfrankreich!!! Wir sind jetzt 10 Tage hier, wir haben ziemlich gute Laune und wir wollen braun werden. Lesen, kochen, baden und ein paar schöne Ecken sehen. Mehr nicht. Die erste schöne Ecke ist der Strand, der sanft ins warme Wasser geht.

Sur ma Route

Das Cap d’Agde, vom nassen Wasser aus betrachtet

Ich habe gelogen. Das Wasser ist ARSCHkalt heute Abend, aber es treibt uns trotzdem rein, quietschend, schreiend und plantschend. Dem langen Strand vorgelagert ist eine kleine Festung mit Leuchtturm zu sehen, weiße Yachten und Jetski grummeln am Horizont entlang und die ganze Atmosphäre ist irgendwie unwirklich schön und friedlich. Es ist wohl dieses sagenhafte Licht hier unten, was schon die Impressionisten vor 150 Jahren zu Meisterleistungen der Farben animiert hat. Aus der nahen kleinen Stadt, die erst jetzt zu ihrem eigentlichen Leben erwacht, wehen leckere Gerüche herüber. Gebratener Fisch, Pizza und Gewürze, ich merke erst jetzt hier mitten im Wasser, was für ein Hunger in mir wütet. Von fern klingt Musik, noch weiter hinten beginnt das beleuchtete Riesenrad eines Luna Parks sich langsam zu drehen. Den haben wir soeben auf unsere Agenda geschrieben, da müssen wir auch unbedingt mal ein paar Euros in Drehbewegungen investieren. Plitsch platsch. Baden im Sonnenuntergang im Mittelmeer. Das klingt doch gut, oder?

Sur ma Route

Der Erholung Anfang im Selfie

Und jetzt? Muss ich aufpassen, dass mein iPhone nicht absäuft. Nachdem ich schon mit Sonnenbrille getaucht bin. Ich sollte erstmal ein bisschen runterkommen, den Alltag ausblenden und das eine oder andere Thema, was ich mit hier her geschleppt habe verdauen. Aber dabei helfen mir meine drei jungen Mitreisenden, die weitestgehend ohne Cap im Wasser sind ;-) Urlaub. Nicht bloggen, nicht texten, nicht posten und nicht korrespondieren. Außer, ich will es. Leben, essen, trinken, schlafen. Nach Sur ma Route sind wir jetzt am Ziel, zumindest vorläufig. So richtig an kommt man ja im Leben nie, und das ist auch gut so. Später an diesem Abend wird es vor lauter Hunger und noch leerem Kühlschrank noch eine köstliche Pizza auf dem Campingplatz geben, dann ein Glas Rotwein für mich und noch einmal ein gemeinsamer Blick auf die ausgebreitete große Frankreichkarte vom ADAC. Einmal quer durch. Klasse. Jetzt whatsappen und facebooken sie auch wieder, meine Töchter und der Mann mit den coolen Klamotten. Dank sündhaft teurem W-LAN, was Vati bezahlt hat. Aber jetzt ist es auch okay :-) Noch viel später fange ich mein gebraucht gekauftes Buch an (Mit dem Kühlschrank durch Irland – ganz großes Kino) und werde danach so lange schlafen, bis ich von alleine aufwache. Und morgen ist ein neuer Tag.

Sandmann

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Created Donnerstag, 11. September 2014 Tags Avantgarde | paris | Reise Reise | Roadmovie | S210 | Sternstunden | Sur la route | T-Modell | un vie de route | W210 Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
05 Sep 2014
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Mit einem ♫ Ta-xi nach…

Mit einem ♫ Ta-xi nach…

Touristen, wie sie im Buche stehen

… Paris. Nur für einen Tag, auf den Spuren von Famille Leroc. Nein, nicht mit einem Taxi, aber fast. Das Taxi habe ich blutend in Wahlstedt bei Markus1975 eingelagert. Und statt des von Michi Reincke besungenen kleinen Reeendezvoouuus treibe ich mich mit drei mir am Herzen liegenden jungen Menschen in der Stadt der Liebe rum. Wie diese Menschen heißen? Sie müssen ja nicht alles wissen :-) Aber hübsch sind sie, cool und gut drauf. Und zu 2/3 mit mir verwandt. In dieser Geschichte geht’s mal nicht so sehr um Autos, sondern um eine Stadt voller Leben und voller Menschen, eine Familie aus den Französischbüchern der 80er und einen rostigen Turm aus Stahl. Lehnen Sie sich zurück, schenken Sie sich einen Vin de Pays de Herault ein und genießen Sie die Aussicht.

Mit einem ♫ Ta-xi nach…

Metro fahren. Alles andere wäre Unsinn

Warum so einen billigen Fusel, fragen Sie? Weil wir später am Tag noch in die Gegend rund um den Fluss Herault fahren (aber das ist eine andere Geschichte), weil dieser französische Landwein gar nicht so schlecht ist wie sein Ruf und weil es dann irgendwie authentischer ist. Oder? :-) In Frankreich zahlen Sie die verschiedenen Preise für den vergorenen Traubensaft vor allem nach der Anbauregion, weniger nach der Qualität. Kleines Gebiet mit großem Namen (wer denkt da nicht gleich an die Champagne) – teurer Saft. Oft direkt in der Flasche vergoren, das scheint toll zu sein. Großes Gebiet mit aus Traubensicht unbekanntem Namen (Herault, Aude, Gard oder Bouches du Rhône) – preiswerte Weine. Und nicht mal schlecht. Glauben Sie nicht, dass ein Rotwein nicht schmecken kann, wenn er nur 1,79 Euro kostet. Außer es steht vielleicht “Melange aus verschiedenen Weinen der Europäischen Union” drauf, aber das wird Ihnen in Frankreich nicht passieren. Äh… pardon, wir sind in Paris, und wir wollen zum Tour Eiffel. Den Rest kann Ihnen mein Weinspezialist Steffen G. erläutern.

Mit einem ♫ Ta-xi nach…

Alle wollen da hin, wo wir hin wollen

Ich spreche immer von Wir. Wir sind: Tochter klein (inzwischen auch schon 13 aaarggh), Tochter groß (die bald ein eigenes Auto haben wird) und Freund von Tochter groß (cooler Typ, umsichtig, hilfsbereit, aufmerksam und vermutlich der beste, der ihr passieren konnte). Und ich. Wir sind vier. Vielleicht haben Sie ja schon die erste Geschichte unserer kleinen Reise gelesen, dann sind Sie bereits ein bisschen vorbereitet. Und hier im Bild sehen wir schon die echte Alternative zum Auto in Paris: Die Métro. Mit dem Auto in die Innenstadt zu fahren, während die Franzosen Sommerferien haben gleicht dem Plan, sich mit vier Millionen Fliegen ein einzelnes Stück Aas in der Sonne teilen zu wollen. Keine Chance. Nicht mal mit dem besungenen Taxi. Von unserem Hotel zum Zentrum hätten wir eine volle nervenaufreibende Stunde gebraucht, dann wären wir drei Stunden auf der Suche nach einem Parkplatz (ohne einen zu finden) im Kreis gefahren, würden vielleicht irgendwo in zweiter Reihe genervt stehen bleiben und wären dann abgeschleppt worden. Nee nee. Also: Es steht an der Erwerb einer Tageskarte für die Métro, hier erkenne ich, dass man zu viert in einer großen europäischen Metropole echt ein bisschen mehr Geld in der Hosentasche haben muss als allein in Kiel…

Am Trocadéro raus

Am Trocadéro raus

Wer den Eiffelturm sehen will, der muss am Trocadéro raus. Paris bietet noch eine ganze Menge anderer menschengebauter Sehenswürdigkeiten, wir nehmen später noch ein paar davon optisch mit, aber der Turm muss einfach. Weil er doch eigentlich gar nicht so groß ist, aber dann über dem Betrachter, vor ihm stehend, eine magische Faszination wie einen warmen Mantel ausbreitet. Der Eiffelturm. DER Eiffelturm, auf jedem dritten Kitsch-Gemälde drauf, in jedem Französischbuch der Mittelstufe präsent und als Schlüsselanhänger oder Aschenbecher längst ein fester Bestandteil der hirnamputierten deutschen KIK-TEDI-1EUROSHOP Kultur. Hier über uns im Tunnel steht er wohl, wenn wir die Ströme von Touristen an uns vorbei richtig interpretieren. Als der Elektrozug davonrumpelt könnte es losgehen, doch ich habe die Sehenswürdigkeiten-Rechnung ohne meine Mitreisenden gemacht. Die wollen nämlich, genau wie beim letzten mal hier, erstmal in den Nippes-Shop und die eben erwähnten nicht ganz maßstabsgetreuen China/Thailand/Indien Eiffeltürme begutachten/anfassen/kaufen. Der arme Gustave, wenn der von seinem Ausverkauf wüsste. Ich brauche sowas nicht, aber so ne Baskenmütze…..? Hm….

Mais oui!

Mais oui!

Ich denke zurück an die Zeit irgendwann in den 80ern, als ich noch die fremden grammatikalischen Verdrehungen mit Hilfe von Monsieur und Madame Leroc auswendig lernen musste. Die beiden führten ein übersichtliches Leben mit ihren Kindern Monique und Daniel. Ich erinnere mich daran, dass M. Leroc eigentlich immer au bureau abgehangen hat, während Mme Leroc ergeben die Hausarbeit erledigte. Es gab auch einen Hund, dessen Namen ich mir nicht gemerkt habe. Le chien. Die beiden Blagen liebten jouer au ping-pong und ecouter de musique pop. Gibt es diese angenehm durchschnittlichen Menschen noch immer in der Mittelstufen-Folterliteratur? Damals waren Frankreich und seine pompösen Wahrzeichen mir so fern wie Montpellier, in das der umtriebige Daniel einmal aus Versehen mit einem camion gebracht wurde, in dem er sich frecherweise versteckt hatte. Der kleine Rebell. Nach Montpellier wird es uns in diesen Tagen auch noch treiben, allerdings freiwillig und nicht auf der Ladefläche eines Lastwagens. Und Popmusik hören wir auch, aktuell hat die Große “Au Revoir” von Mark Foster und Sido am Start, viele Wochen bevor das bei N-Joy Radio auch nur jemand zufällig mal in die Ohren bekommen hat :-) Sie spielt aber auch kein Tischtennis. Okay, ab jetzt ans Tageslicht. Kommt man aus der Métro raus, geht es noch um ein großes altes Gebäude rum und dann – eröffnet sich der große, mit Marmor geflieste Platz vor dem Palais de Chaillot.

Mit einem ♫ Ta-xi nach…

Wenn Sie da noch nie waren, sollten Sie mal hin…

Fragen Sie mich nicht warum, ich könnte jedes mal heulen, wenn ich diesen Weg gehe, an dessen Ende der Turm zu sehen ist. Und ich werde immer ganz still, genieße den Moment und blende für eine kurze Zeit alle anderen um mich herum aus. All die hunderte und tausende von Touristen, die Bilder machen, Selfies, lustige festgehaltene Fingerspielchen. Sie “tragen” auf den Fotos das Stahlgerüst, gleich dem witzigen und selten praktizierten Stützen des schiefen Turms von Pisa. Der Turm und ich. Mein captragender Mitreisender ist ähnlich still. Er ist das allererste mal hier. Wir befinden uns noch immer am absoluten Anfang des Urlaubs, was mich mit einer tiefen Ruhe und einer kribbelnden Vorfreude durchströmt. Hinter dem 324 Meter hohen Stahlgestell anlässlich der Weltausstellung 1889 bauschen sich Gewitterwolken auf, aber es ist wenigstens angenehm warm. Sonne und Strand erwarten uns tendenziell ja weiter unten im Land, am Mittelmeer. Südöstlich von Montpellier, wo der genervte M. Leroc den ausgebüchsten Daniel mit dem Auto wieder abholen musste, damals. Langsam dringen die Stimmen der anderen wieder an meine Ohren, langsam komme ich wieder in dieser Welt an. Wenn Sie dem Eiffelturm einmal live gegenüberstehen oder schon einmal gegenüberstanden werden Sie wissen, was ich meine.

Mit einem ♫ Ta-xi nach…

sowas gibt es in Hamburg nicht

Heute belassen wir es nicht bei diesem Blick – heute haben wir ein bisschen mehr Zeit als beim letzten mal. Leider sind die Brunnenanlagen mit langen bösen Bauzäunen umgeben, was ein ausgelassenes Treiben im Wasser und den Fontänen verhindert. Mist :-( Direkt an der Seine, diesem dicken trägen wundervollen Fluss, in dem noch immer die Asche der Jeanne d’Arc treibt kann man der Nahrungsaufnahme und des Toilettenganges frönen – muss man aber nicht. Notiz an mich selbst: Wenn ich den Preis von vier Tageskarten für die Métro schon als Erkenntnis verbuche, dann sind Toilettenbenutzung und Mittagessen für vier Personen direkt am Wasser unter dem Eiffelturm, da, wo die Schiffe ablegen, eine Art Offenbarung. Offenbar müssen wir in den kommenden Tagen mit dem Erwerb von Nahrung ein wenig kürzer treten, wenn wir den Schnitt von 50 Euro am Tag halten wollen. Ich bin nun pleite, gerade mal 8 Euro klimpern noch in meiner Hose. Vor dem Frühstück nachher muss ich wohl nochmal zum Auto, finanziellen Nachschub holen. Es ist ja alles bar in verschiedenen Umschlägen abgezirkelt…… So eine Art Haushaltskasse. Wir stapfen weiter entlang des Ufers, was offensichtlich zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört. Ach so. Daher die Preise.

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Seltsam? Stimmt. Das liegt an Photoshop…

Paris ist als Innenstadt vielleicht nicht ganz so groß wie man meint, aber Kiel ist kleiner. Kiel kann man locker fußläufig durchmessen. Paris sicherlich auch wenn man Rüdiger Nehberg ist, das ist alles eine Frage des Maßstabs und des Schuhwerks, und hier finden wir den Fehler. Mit FlipFlops lässt sich super (südöstlich von Montpellier) am Pool abhängen, aber dass die Dinger nicht als asphalterprobte Wanderstiefel taugen stellen einige der Anwesenden noch vor der Halbzeit fest. Also beschließen wir, so klassische Namen wie den Obelisk auf dem Place de la Concorde, die Tuileries, den Louvre und seine in ihm wohnende geheimnisvoll lächelnde Mona Lisa, den Triumphbogen und die Champs-Elysées nur zu streifen, sie alle wenigstens im Vorbeihumpeln zu sehen und sowohl die letzte Aufmerksamkeit als auch die allerletzten Euros für heute in vier (vier) gefrorene Wassereisgetränke der Geschmacksrichtungen Waldmeister, Pfirsich und Himbeere zu investieren. Herrlich süß und erfrischend und unfassbar kalt. Stattlicher Hirnfrost mit Blick auf Sacré Coer. Klasse. Schön, wenn der Schmerz nachlässt.

Mit einem ♫ Ta-xi nach…

Nicht die Pont d’Avignon, weder l’on noch danse.

Zwei ungleiche “Paare” in Paris auf dem Weg nach Südfrankreich. Vier Menschen, die fast drei Generationen überspannen. Vier Menschen, die das aber alle irgendwie ganz cool finden, miteinander ein paar Tage Urlaub zu machen. Ich sage mir immer wieder (und korrigieren Sie mich da bitte, wenn Sie anderer Meinung sind oder ich mich wiederhole), dass ich wohl nicht alles falsch gemacht habe, wenn die drei freiwillig mit mir im Auto auf einen Campingplatz in Frankreich fahren wollen und sich seit Wochen darauf freuen. Ich übrigens auch :-) Die Kinder von damals sind nun teils tatsächlich, teils fast erwachsen. Und es ist großartig, sich mit ihnen zu umgeben. Diesen jungen Leuten, die noch ihr ganzes Leben vor sich haben und die ganzen Fehler, die man selbst gemacht hat vielleicht nicht machen. Oder eben doch. Und vielleicht irgendwann mit ihren eigenen Kindern mal nach Paris fahren. Dann…. bin ich wohl Opa :roll:

Mit einem ♫ Ta-xi nach…

Wenn ich die beiden sehe fühle ich mich alt…

Meine große Erstgeborene mit ihrem Freund. Sie kenne ich schon ihr ganzes Leben lang, von ihm weiß ich bisher nur, dass er nicht alles mag, was ich koche, und dass er ab und an mal was sagt, was ich richtig witzig finde. Er hat einen Führerschein und trägt fast immer eine Cap. Viel mehr nicht. Aber ich war schon mit wesentlich schrägeren Menschen unterwegs, ich glaube, das könnte ganz gut klappen. Ich mag den Kerl extrem gern. Ich war ein bisschen in Sorge, weil wir uns vorher nicht oft gesehen haben, aber die Sorge war unbegründet. Schließlich kann ich mich wohl darauf verlassen, dass meine Tochter sich nicht einen Voll-Honk angelt und den dann mit in den Urlaub schleppt. Stimmt :-) Die beiden sind schwer verliebt, und das schon seit einiger Zeit *seufz* und irgendwie glaube ich, dass er der richtige für meine große Hübsche sein könnte. Und dann haben wir noch noch das Papa-Tochter-Team:

Mit einem ♫ Ta-xi nach…

Na, wir beide wissen ja dass wir Urlaub machen können

Meine Zweitgeborene und ich sind ein erprobtes Duo. Sei es Weihnachten mit dem KaSi nach Uelzen oder Weihnachten danach mit dem Audi 100 in die gleiche Stadt und die ganzen Tage dazwischen, wir verbringen eine Menge Zeit zusammen. Ich schiebe das momentan auch noch auf die Tatsache, dass kein Freund existiert, der mitgenommen werden möchte. Ob nun mit oder ohne Cap. Aber wenn ich mir die junge Dame so angucke kann das eigentlich nicht mehr lange dauern. Was dann? Lässt sie den Kollegen dann für Papa zu Hause, weil sie mit Papa einfach ne echt gute Zeit hat, während ihre Schwester und deren Freund das Zweierteam-Pendant bilden? Oder sind wir dann zu fünft unterwegs, und ich sitze abends allein Pfeife rauchend vor dem Wohnwagen während die anderen, inspiriert von der Stadt der Liebe, irgendwo am Rumknutschen sind…? Hm. Ich fürchte, Sie werden es eines Tages hier zu lesen bekommen. Jetzt schließe ich für heute erstmal mit dem Klassiker von Felix de Luxe, auch schon wieder 30 Jahre alt. Morgen fahren wir dann mal ans Meer, gucken, ob M. Leroc seinen Daniel da wirklich weggepflückt hat. Und schreiben Sie mir mal, was Sie über Paris denken….

Sandmann

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Created Freitag, 05. September 2014 Tags Avantgarde | daimler | Eiffelturm | la famille Leroc | M. Leroc | Mme. Leroc | paris | Reise Reise | S210 | Sternstunden | T-Modell | Vieraugengesicht | W210 Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
27 Aug 2014
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Vom Dunkel ins Licht

Vom Dunkel ins Licht

Auftakt zum Roadmovie

Mit dem Auto nach Südfrankreich. Abenteuer, Straßenromantik, Sonne und Rotwein :-) Bis auf “Abenteuer” stimmt das auch alles. Romantik, Sonne und Rotwein nehme ich gern mit, aber das Abenteuer bleibt schön zu Hause. Urlaub, Leute! Ich werde mit der freiwilligen Babysitterin meines viertelfinnischen Sandmädchens und ihrer großen Schwester unterwegs sein. Was beides meine Töchter sind. Obendrauf gesellt sich der Freund der großen Schwester der Babysitterin, der nicht komplett alles isst was man ihm vorsetzt und gern Caps trägt. Wir vier in einem alten Mercedes. Erst mitten in der Nacht nach Paris, dann nach Agde am Mittelmeer, irgendwo zwischen Montpellier und der spanischen Grenze. Zwei Wochen in einer kleinen Hütte aus Plastik auf einem Campingplatz. Hm. Okay, vielleicht nehme ich das Wort “Abenteuer” doch wieder mit auf die Liste.

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Einstimmung auf ein anderes Land

Vorfreude ist eine schöne Freude, wenn auch nicht die schönste, finden Sie nicht auch? Gerade war ich noch mit meinem halbfinnischen Fräulein Altona und dem Sandmädchen in Portugal, dann habe ich 10 Tage in Kiel und Hamburg meine Freiberuflichkeit mit Fleiß und Nachtschichten einmal mehr strapaziert – und jetzt ist der Abend vor der Nacht, in der es auf die Bahn geht. Ich freu mich. Ich stapfe durch die verregnete Kieler Innenstadt und kaufe ein, was man so braucht. Reisebrötchen-Kram, Eier, Cola, ungesunde Süßigkeiten. Waren Sie schon mal mit Teenagern und gerade eben flügge gewordenen Menschen im Urlaub? Die sind ganz schön anspruchsvoll. Nix hier Schnitzelbrötchen auf die Hand, man ernährt sich einigermaßen ausgewogen. In der Fußgängerzone vor Karstadt spielen ein paar Jungs lustige, französische Musik. Ist das ein Zeichen? Vielleicht. Ich weiß nicht wofür, aber lustige französische Musik gefällt mir. Notiz an mich selbst: Nachher bei iTunes nach lustiger französischer Musik für unterwegs suchen, schließlich sind es ein paar sehr sehr dunkle und einsame Kilometer bis nach Paris.

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Waschtag für den Daimler

Der dicke Daimler steht vor seiner ersten echten Bewährungsprobe. Wir kennen uns noch nicht richtig. Ursprünglich wollte ich uns mit dem Taxi in den Süden Europas bringen, allein schon wegen des Tages in Paris ♫ Nach den bisher abgespulten Kilometern mit dem treuen 220 CDI breitet sich allerdings in mir eine ziemliche Erleichterung aus, dass ich diesen alten Plan NICHT umsetzen muss. Zu klapperig war er, zu hart die hinteren kaputten Druckspeicher der Federung und zu defekt die Klimaanlage. Alles ist hingegen gesund an unserem aktuellen Beförderungsmittel, und aus purer Dankbarkeit für diesen Zustand bekommt der alte Herr eine “Alles-was-geht” Wäsche beim örtlichen Supermarkt spendiert. Der Tank ist voll, alle Flüssigkeiten sind befüllt und mit Ersatzdöschen hinten im Werkzeugfach ergänzt. Während die Mädels in der Küche die Reisebrötchen schmieren und der Mann mit der Cap vor der Haustür verträumt eine raucht und den Schafen beim Grasen zuguckt bekommt das alte Lisa-Navi ein paar frische Anweisungen. Es geht die A1 nach Westen, durch die Niederlande an Amsterdam vorbei, dann durch Belgien und über die Nordroute runter nach Paris. Wie ich gestern lesen konnte hat jemand bei TomTom mein Greinen erhört und ein neues Navi auf dem Weg zu mir geschickt. Das bedeutet aber, dass dies die letzte Reise sein wird, bei der die alte Lisa das Sagen hat :-( Na okay, in letzter Zeit war sie ein bisschen bockig. Jetzt kann sie nochmal alles geben. Warum zeigt mir das Teil die ganzen BurgerKing Filialen an??? Verwirrend.

Sur la route

Sur la route

1000 Kilometer. Und dieses mal wollen wir noch mehr von Paris sehen als damals, 2011. Oh mann. Geht das nur mir so, oder rennt die Zeit seit ein paar Jahren schneller als vorher? Oder werde ich einfach nur alt? :-) 1991, 1992, 1993 war ich in Südfrankreich, zweimal mit dem Taunus und ein mal mit dem Granada. 2011 mit dem Audi V8 und 2012 mit Rudolf, meinem metallicgrünen Passat. Heute ist es also das sechste mal, und meine große Tochter ist inzwischen nur unwesentlich jünger als ich damals auf der ersten Tour mit dem Taunus. Argh. Der Nachteil: Wenn das so weitergeht begreife ich vielleicht tatsächlich eines Tages, dass das Leben endlich ist. Wie blöd. Der Vorteil: Die genannte Dame hat einen Führerschein. Der Caps tragende Zitronen-Pasta-Verweigerer auch. Was wiederum bedeutet, dass Papa nicht die ganze Strecke alleine fahren muss, denn der wird wie gesagt nicht jünger *schrei* und freut sich vermutlich im Laufe des Tages über einen kleinen Nap auf dem Rücksitz, irgendwo im Süden dieses Kontinents. Vorher ist ein Nap im kuscheligen Bettchen angesagt. Der Wecker steht auf 2:00 Uhr morgens, wer nachts fährt a) hat keine LKW vor sich und b) steht in keinen Staus mit dumpfbackigen Berufspendlern und c) sollte nicht in seinem gewohnten Trott verweilen und erst gegen 23:00 ins Bett gehen. Ach du Scheiße. Ich muss ja in drei Stunden schon wieder raus! :-( Ich kaufe schnell noch die paar hippen französischen Alben auf iTunes und schiebe die auf mein steinaltes Musik-iPhone, was billiger als ein mp3-Player war. Das Jungvolk baut noch ein paar Häuser und Familien mit SIMS 3 und ich entschlummere derweil für eine viel zu kurze Zeit dem Geschehen…

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Nachts, wenn alles schläft

*klick* “Zwei Uhr. Die Nachichten.” Waah. Hat es Ihr Radiowecker auch schon geschafft, Sie aus einem wundervollen Traum zu reißen und Sie einsam und hilflos in einem stockdunklen Zimmer zurück zu lassen? Um eine Zeit, in der Sie eigentlich in diesem Traum bleiben sollten? Stattdessen wecke ich das Konglomerat aus Heranwachsenden um mich herum auf und geleite die müde Horde zum komplett fertig gepackten Mercedes. Kiel ist absolut still. Es ist die Nacht von Montag auf Dienstag, rechtschaffene Bürger schlafen friedlich, nicht mal die Vögel sind zu hören. Nur eine einzelne verwirrte Grille zirpt resignierend in der Hecke vor sich hin und stimmt mich ungewollt ein auf das Geschnarze der Zikaden in den Calanques bei Cassis. Da ist sie wieder, die Vorfreude. Und JETZT ist dieser Moment, auf den wir uns die vielen Monate und Wochen gefreut haben. So sehr, wie nur Teenager und junge Erwachsene und deren Papa sich freuen können. Wir haben den ganzen Urlaub noch vor uns, und er beginnt – jetzt. Und auch ohne einen Hauch von Pessimismus wird uns in genau diesem Moment klar, dass es einen weiteren Moment geben wird, an dem wir ins Auto steigen und uns auf den Rückweg machen. Dann ist der Urlaub *schnipps* wie ein Fingerschnippen verdampft. Wieder wird er kommen, dieser Moment. Aber noch nicht jetzt, hier und heute.

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Man sieht nix. Ist vielleicht besser so

Ich mag die Stimmung in der Nacht. Da ich kein Schichtarbeiter bin und lieber früh aufstehe als Nachts zu schuften wirkt die Dunkelheit auf mich immer wie eine große, fremde Unterwasserwelt. Alles ist gedämpft, langsamer, anders. Die Ladies schleppen müde schlurfend ihre Bettdecken auf den Rücksitz, best Boyfriend (mit Cap) raucht eine Zigarette und ich gucke in den Sternenhimmel. Das habe ich hier viel zu selten gemacht. Wie wunderschön er ist, wenn nicht der Lichterschein der großen Stadt ihn komplett verwässert. Tochter klein plappert aufgekratzt vor sich hin, während Tochter groß sich auf dem Rücksitz an ihren Liebsten kuschelt. Noch fragt niemand nach Reisebrötchen. Ich schütte mir einen letzten großen Kaffee in den Kopf und starte den Diesel. Selbst jetzt, um zehn vor drei, sind auf dem Thermometer noch knapp 18 Grad. Sommer de Luxe im Jahr 2014, möge er uns auch in Südfrankreich erhalten bleiben. Wählhebel auf D und los gehts.

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Dann kann es wohl losgehen

Der erste von 1000 Kilometern bis Paris führt durch das schlafende Kieler Vorörtchen. Kein Mensch ist in keinem Auto irgendwo zu sehen. Na klar, niemand ist so bekloppt und fährt um diese Zeit unter der Woche irgendwo hin. Alle Fenster sind dunkel. Was mag wohl in den Leuten gerade vorgehen, die dahinter schlafen? Träumen sie? Haben sie Hoffnungen und Wünsche? Haben sie Ängste? Bauen sie das Nageln des Common Rail Diesels in ihren Schlaf mit ein? Vor uns liegt die A7. Die scheiß A7. Was habe ich sie mir schon schön geredet, habe über Sonnenaufgänge philosophiert und mich pathetisch in Musik verloren, aber bei allem ist und bleibt sie eine scheiß Autobahn mit scheiß Staus, und das jeden Tag. Jeden einzelnen zwischen Hamburg und Kiel. Der jetzt beschlossene Ausbau zur Dreispurigkeit in den kommenden 10 Jahren wird das nicht besser machen. Entschuldigen Sie diesen Ausbruch. Es ist nicht Tag. Es ist Nacht. Eine Verkehrsdichte wie vor 50 Jahren, hinten schlafen die beiden Großen schon wieder seltsam ineinander verwoben und mein munteres 13jähriges Töchterchen neben mir textet mich fröhlich mit relativistischen Theorien und Ansichten über Freundschaft und Tod zu. Dazu singt uns ZAZ was von Emotionen, dem Richtigen und einem Wiedersehen in Port Coton. Französisch. Wie ich diese Sprache liebe, ihren Singsang und ihre Betonung. Fahr, mein Mercedes, fahr uns vier jetzt nach Frankreich.

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One thru the night

Wie seltsam, durch den Autobahnabschnitt in Hamburg zu rollen und nicht in Stellingen rauszufahren. Die erste Cola ist inzwischen in mir drin, ich bin glockenwach und bekomme eine gewisse Sehnsucht nach der großen und der ganz kleinen Frau, die nicht weit von hier schlafen. Alle anderen in meiner direkten Nähe schlafen inzwischen ebenfalls. Die beiden hinten sowieso und das kleine Wortwunder neben mir ist vor 15 Minuten mitten im Satz einfach weggeratzt. Das alles erfüllt mein Herz mit einer klebrigen Mischung aus Sehnsucht und Liebe. Um mich rum sind so viele liebe Menschen, dass ich manchmal gar nicht weiß, mit wem ich wann wie viel Zeit verbringen möchte. Am liebsten immer mit allen. Doch die Würfel sind gefallen, der Preis für zwei gemeinsame Wochen mit den hier anwesenden schlafenden wundervollen Menschen ist die Entbehrung. Die Distanz zur finnischen Fraktion. Zu der kleinen (bestimmt Papa auch vermissenden) Gurke und ihrer hübschen Mutter. Mann – kann nicht alles haben. Also schicke ich gute Gedanken von hier aus ein paar wenige Kilometer nach Osten und verspreche flüsternd, bald wieder da zu sein. Hinter dem Elbtunnel strahlen die Hafenanlagen wie eine eigene Stadt, und ich bin allein mit den schlafenden jungen Menschen und der Musik. Genug Französisch für den Moment, ich brauche emotional härteren Stoff. Kettcar ist jetzt gut. Die bringen mich zum Weinen und sicher auf die A1 und damit weg von der A7.

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Aus grau wird langsam blau

Die Mädels und der Mann mit dem großen Kippenvorrat schlafen über Stunden tief und selig. Ab und an räkelt sich mal was im Rückspiegel, und wenn ich mich umdrehe sehe ich Menschen, ineinander verknotet, aber glücklich. Ich lasse den Diesel fliegen und spule Kilometer für Kilometer ab, solange der Berufsverkehr noch in seinem Bett liegt und dieser einen verirrten Grille zuhört. Kennen Sie diese Stimmung, wenn am Horizont langsam der erste Lichterstreif erkennbar wird? Wenn aus der Dunkelheit fast unmerklich erst ein dunkles grau, dann ein blau und dann der neue Tag entsteht?

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Komische Zeiten. Und ich meine komisch nicht im Sinne von witzig, vielleicht ist Ihnen das schon aufgefallen. Einen Teil dieser komischen Zeiten kann ich in Kiel zurück lassen. Einen guten, festen, beruhigenden Teil habe ich traurig in Hamburg zurück gelassen. Und einen ebenfalls guten, konstanten Teil habe ich hier bei mir im Auto. Solange die Sicherungen im Kopf noch den Strom halten geht es immer weiter, in unserem Fall erstmal immer weiter in Richtung Süden. Aus grau wird blau wird hell. Wo sind wir hier eigentlich? Egal, der Kaffee und die Cola wollen zurück ins Meer, der Hunger fordert verbalisierte Gedanken über Reisebrötchen und meine Gliedmaßen bedeuten mir, dass sie sich gern einmal strecken möchten. Parkplatz. Jetzt.

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Verschleißerscheinungen

Olala. Die rund vier Stunden seit unserem dunklen Abflug in Kiel stecken dem alten Mann doch mehr in den Knochen, als er es zugeben möchte. Gut, dass die durchgeknallten Mitreisenden im Gesamtalter von 53 Jahren jetzt wach sind und den Fahrer unterhalten können. Während ich mich recke und strecke wandern die müden Augen über den in der Morgensonne liegenden Parkplatz. Auch diese Atmosphäre mag ich, der erwachende Tag, Trucker, die Kaffee holen und vorbeiziehende Karawanen von Blech. Der Verkehr wird auf der Autobahn langsam dichter und es wird merklich wärmer. Aus dem Auto dringt lustige französische Musik, ich glaube das ist jetzt Gregoire. Na ja, nicht wirklich lustig, im Gegensatz zum jüngst ausgetretenen Volk. Giggelnd und brabbelnd kommen die drei aus den Büschen zurück und fragen nach den Brötchen, die irgendwo im Kofferraum in einer Papiertüte liegen. 13 Jahre und 18 Jahre. Und die beiden fahren freiwillig mit ihrem Papa mit dem Auto auf einen Campingplatz nach Frankreich, statt mit ihren Homies irgendwo auf den Ballermann. Okay, ein Homie ist einfach mitgekommen :-)

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Der Raumgleiter und die Crew

Aber wieder einmal denke ich so bei mir, dass ich vielleicht in der Vergangenheit nicht restlos alles falsch gemacht habe, wenn das bei meinen Kindern die Definition für einen guten Urlaub ist. Ich selbst bin ja auch lange mit meinen Eltern unterwegs gewesen, aber mit 15 wollte ich irgendwie auch mal alleine los. Mit dem Fahrrad nach Uelzen und so. Das ist eine andere Geschichte :-) Die drei fühlen sich anscheinend wohl in Erwartung von Palmen und Sonne, und wenn sie als Preis dafür den einen oder anderen abgegriffenen 90er Jahre Witz von mir und die ab und an mal aufpoppenden Geschichten von “früher” ertragen müssen (mein halbfinnisches Fräulein sagt immer “Vati erzählt aus dem Krieg”. Die doofe…) scheint das für sie ein guter Tausch zu sein. Auch der immer gut gekleidete, gut gebaute junge Mann mit der Mütze findet langsam seine Silben wieder. Das könnte ne echt gute Zeit werden, denke ich gerade…

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Endlich kann man mal was sehen

Ich fühle mich darüber hinaus perfekt durchorganisiert. Und wer mich kennt weiß, dass ich dieses Gefühl und diesen Zustand eher selten erlebe. Ich habe einen Umschlag mit rund 120 Euro für die Autobahnmaut in Frankreich dabei. In dem steckt auch bar das Geld für das Mobile Home in Agde und das Hotel in Paris. In einem anderen sind 500 Euro für Diesel drin. Genau so viel Geld steckt in einem weiteren Umschlag, das sind pro Tag auf dem Campingplatz 50 Euro Essensgeld für 4 Personen. Ob das reicht? Wenn nicht müssen wir mit der Gitarre rumziehen, singen und Geld sammeln. Na und? Das hat 1992 auch schon mal ganz hervorragend funktioniert ♫ Darauf ein Brötchen mit Jagdwurst. Auch wenn inzwischen die Sonne hinter den Wolken aufgeht – für die gekochten Eier finde ich es noch ein bisschen zu früh.

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Reisebrötchen. Ich liebe es ♫

Dieser erste Stop mit der just erwachten Brut war ein kurzer, knapper Halt, wir wollen Strecke machen, solange wir Strecke machen können. Paris lockt mit dem Eiffelturm und ein paar anderen baulichen Schönheiten links und rechts von der Seine, da kann man ja gar nicht früh genug aufschlagen. Inzwischen ist die goldene Dämmerung einem grauen Wolkenhimmel in den Niederlanden gewichen. Dass hier die Straße schnurgeradeaus geht ist schön, dass die Autos irgendwie nicht mehr werden auch aber dass wir keine Zeit für Amsterdam haben nicht :-( Schade. Ist lange her, dass ich da war. 1997 glaube ich. Irgendwo muss noch eine sehr schräge Jacke rumhängen, die ich mir da gekauft habe, die muss ich mal suchen. Weiß mit schwarzen Rändern und ganz vielen Schriftzeichen drauf. Hm. Nee, vergessen Sie den letzten Satz ;-) Die Führerscheininhaber sind zwar wach, aber zu träge zum Autofahren. Also lassen wir erstmal die Sitzverteilung so wie sie ist. Wach genug bin ich auch, vielleicht wollen die beiden ja morgen auf der zweiten Etappe mal vorn hinterm Stern sitzen. Wir lassen uns von weniger melancholischer Musik beglücken, seit das Handy von hinten ans Radio angestöpselt wurde und fette Bässe sich mit groovigen Beats abwechseln. Warum nicht? Ein bisschen gute Laune auf dem Weg in den Süden kommt jetzt gut. Sobald wir den Sendebereich der durchgeknallten Holländer verlassen könnte man auch mal nach einem guten Radiosender suchen.

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Durch echt viele Länder heute

Was folgt sind Anekdoten von Navis, die so alt sind, dass die mal wieder die Ausbaustraßen nicht kennen und einen deshalb auf ausladenden Umwegen über Strecken lotsen, die man nicht genommen hätte, wenn man den gut lesbaren Schildern gefolgt wäre. Außerdem Geschichten von Mautstellen, von Schranken, die einen nur durchlassen wenn man mittlere Geldbeträge in ihnen versenkt und von freundlichen Menschen in Kassenhäuschen, die einem bon voyage wünschen. Ah. Wir sind also endlich in Frankreich. Diese Geschichten in ihrer gesamten Breite erspare ich Ihnen, denn die haben Sie schon in verschiedenen Farben mannigfaltig in vergangenen Blogs zum Thema gelesen. Nicht? Dann suchen Sie mal, da finden Sie so einiges :-)

Fast da

Fast da

Auf den Zubringerstraßen von Paris beginne ich erneut, mich intensiv auf mein neues Navi zu freuen. Die alte Lisa ist total überfordert, die Straßenführung ist verwirrend und das lustige Umschalten auf die französische Sprechstimme “Kathérine” hat uns a) keine Besserung der Verwirrung und b) einen weiteren kleinen Umweg beschert, weil ich in den entscheidenden Momenten nicht verstanden habe, was die zu mir gesagt hat. Also wechsel ich wieder zurück zur Custom Voice, was die Stimmen der beiden anwesenden Töchter von anno 2009 oder so in der Schweiz beinhaltet, die mir aus Langeweile Fahranweisungen aufs Navi pöbelten, als ich mir ein paar Autos anguckte. Hallo Hauptstadt der Franzosen. Stadt der Liebe. Stadt der Touristen. Stadt, wo wir ein erstaunlich preiswertes Hotel mit zwei Doppelbetten in einem Zimmer gefunden haben. Im Netz. In der realen Welt müssen wir es nun noch einmal finden. Um 2:45 Uhr heute Nacht haben wir in Kiel abgelegt, und um 13:00 Uhr sind wir in Paris. Aus Norddeutschland kommend, wohlgemerkt. Ich finde das erstaunlich schnell und denke darüber nach, ab und an mal statt auf einen HotDog mit Blick auf die Nordsee nach Dänemark vielleicht lieber auf ein paar Crepes mit Blick auf Sacre Coer nach Paris zu fahren :-)

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Namen, die ich lesen will

Ein gutes Hotel in Paris zeichnet sich dadurch aus, dass eine Tiefgarage vorhanden ist. Dass die in unserem Fall pro Nacht fast ein Viertel des Zimmerpreises kostet liegt vor allem an dem günstigen Zimmerpreis. Andererseits ist mitten in Paris ein Parkplatz eigentlich nicht mit Geld aufzuwiegen, vor diesem Hintergrund ist das schon wieder preiswert. Also soll es so sein. Ich ziehe Bilanz. Keine Panne, nicht mal eine leuchtende Warnlampe bis hier. Kein nennenswerter Ölverbrauch. Durchschnittsverbrauch beim ersten Tankstop: 6,8 Liter Diesel auf 100 Kilometern. Und das voll beladen mit vier Personen und Gepäck und mit seit 8:00 Uhr permanent mitlaufendem Klimakompressor, weil die Sonne von außen rein wollte und der Muff von Menschen und Lebensmitteln raus. Drei Reisebrötchen sind noch übrig. Ich freu mich schon wieder. Das ist nun keine Vorfreude mehr, das ist Freude. Ich bin in Paris. In DEM Paris, hey, an einem ordinären Dienstag Nachmittag :-D

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Wo parken, wenn nicht hier?

Tickend und knackend kühlt der Daimler nach diesem Marathon für Kolben und Radlager ab. Die vier Reisenden checken ein und bringen das Gepäck aufs Zimmer, was nicht groß, aber gemütlich und sauber ist. Wir wollen hier nur schlafen, mehr nicht. Und das werden wir nach einer Tour durch die City (nach einer Tour durch halb Europa) sicherlich gut. Aber jetzt noch nicht. Die Stadt der Liebe wartet auf uns. Und schon vermisse ich den kleinen Plauderfrosch und seine Mama…. Argh. Zwei Wochen sind ganz schön lang. Aber ich bin mir sicher, dass meine drei Mitreisenden mir die Zeit schon verzaubern werden :-) “Abenteuer” war das nicht, aber: Heute haben wir die Sonne über der Autobahn aufgehen sehen und vier Länder durchquert. Vorhin waren wir noch in Kiel, jetzt sind wir in Paris. In Frankreich. Auf dem Weg ans Mittelmeer. Ich könnte noch ewig so weiterphilosophieren.

Sandmann

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Created Donnerstag, 28. August 2014 Tags mercedes | paris | Reise Reise | Reisebrötchen | Roadmovie | S210 | Sternstunden | Südfrankreich | T-Modell | Urlaub Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
25 Aug 2014
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Donnerschlag!

Donnerschlag!

Anfang und Ende aller Rennwagen

Rumpel Röhr. Zehn Stunden, sieben Minuten und 48 Sekunden. 1955 war das die Zeit, die Stirling Moss für die Strecke Brescia – Rom – Brescia benötigte und damit der Mille Miglia einen neuen Rekord bescherte. Seine Durchschnittsgeschwindigkeit von 157 km/h war auf den kurvigen eintausend Meilen unmöglich. Aber die 300-SLR-Silberlinge aus Stuttgart-Untertürkheim waren nicht zum Spielen hergekommen, und Moss sagte später über den aus zwei Vierzylindern hintereinander gegossenen Reihenachtzylinder: “Kein anderer Motor klingt so böse wie der des 300 SLR…” Das silberne Moss-Auto mit der Nummer 722 – wegen seiner Startzeit morgens um 7:22 Uhr – steht heute im Mercedes-Benz Museum und ist unbezahlbar. Aber es gibt ja noch Alternativen. Einsteigen. Jetzt. Anschnallen geht nicht, also halten Sie sich bitte irgendwo fest.

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Original oder Fälschung?

Dass der SLR unbezahlbar ist stellt in den 80er Jahren auch schon der Schweizer Willy Kaiser fest, der diesen Rennwagen haben will. Koste es, was es wolle. Er bekam ihn aber nicht. Der gelernte Sanitär-Installateur und selbständige Automatenkaufmann war durch und durch Oldtimer-Enthusiast – und sowohl mit Geld als auch mit Zeit gesegnet. Kaiser verstand sich auf die Marke mit dem Stern und hatte genug Fachwissen angesammelt. Er wollte unbedingt so ein Auto, und er war bereit, dafür auch andere Wege zu gehen als den üblichen des Originals.

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Selbst die Replik ist schon eine Legende

Ihm wurde in den USA ein SL Roadster mit modifiziertem, aber nicht funktionierenden Motor und langer Hinterachse günstig angeboten. Kaiser schlug zu. Und verwirklichte sich seinen Traum: Sein Grund-SL, heute allein zwischen 400.000 und 600.000 Euro wert, wurde damals ausgeschlachtet. Kaiser besorgte sich die originalen Baupläne der Rennlegende und ließ in einer italienischen Fachwerkstatt eine Kunststoff-Modellkarosserie sowie ein Holzgerüst anfertigen, über das ein Karosseriebauer die Teile dengelte. 750 Stunden verbrachte der Spezialist mit filigraner Blecharbeit und replikierte in drei Jahren die Aluminiumhaut des Rennwagens in handwerklicher Perfektion, bevor sie wieder auf den originalen Gitterrohr-Rahmen gesetzt wurde. Das gute Stück erhielt 15-Zoll-Borrani-Speichenräder mit Zentralverschlüssen, einen außen liegenden Auspuff und, und, und. Ergebnis: eine Eins-zu-eins-Kopie des Moss-Rekordwagens, aber mit 245 statt der serienmäßigen 215 PS, was in Verbindung mit der lang übersetzten Hinterachse für rund 260 km/h gut sein sollte. Und was den korrekten und wohlhabenden Mitgliedern der SL-Clubs auf dieser Welt heute die Originalitäts-Tränen in das Antlitz treibt. Und mich zum Auto. Den die Karre gibt es immer noch.

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Herr Engel selbst mit allerhand Unterlagen

Sportwagen Engel am Rhein in der Nähe von Koblenz lockt immer mit automobilen Schätzen, die eine skurrile Geschichte haben. Herr Engel holt für mich diesen begehrenswerten Mix aus Metall, Passion und Kraft mit der Nummer 723 (!) aus der Garage. Nein, nicht einfach nur Garage – allein der Raum, in dem die Rennmaschine von Willy Kaiser steht, gleicht einem wunderbaren Museum voller zeitgenössischer Reliquien. Es sind filigrane Kacheln, die in diesem Teil der Burgschmiede Namedy in Andernach den Fußboden zieren. An den Wänden hängen Lenkräder, blasse Fotos und alte Reklametafeln. Im Fenster steht ein 50 Jahre alter Champagner. Und inmitten von all diesem steht diese Replik, die für sich genommen schon eine Legende ist. Ich habe Gänsehaut und fast schon ehrfürchtigen Schiss davor, mitzufahren.

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Allein die Garage ist ein kleines Museum

Herbert Engel ist da ein wenig kühler. Er hat Respekt vor seinen Autos, aber nicht diese Ehrfurcht, die mir in den Augen zu stehen scheint. Nebenan steht ein Hummer randvoll mit AMG Technik, den mal Tina Turner gefahren hat. Um die Ecke linst ein Koenigsegg. Vorhin hat ein Kunde einen Ferrari abgeholt und bar bezahlt. Hand drauf. Krass. Er ignoriert die einzige kleine Tür des Mercedes und erobert mehr oder weniger elegant etwas, was in einem normalen Auto “Fahrersitz” heißt. Klettern beschreibt den Vorgang wohl am besten: Die knappe Karosserie verschluckt seinen Körper nahezu gänzlich, und der Betrachter fragt sich Stirn runzelnd, wie er da jemals wieder rauskommen will. Ich bin zwar eine Handvoll Jahre jünger als er, mache mir aber selbst ein wenig Sorgen.

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Nichts für nordische Jungs?

Reinkommen, rauskommen – das alles wird Nebensache, als Engel den Motor startet. Das eigene Herz scheint einen Schlag auszusetzen, als der Anlasser die SLR-Replika zum Leben erweckt. Aus zwei dicken, geraden Rohren an der rechten Fahrzeugseite ballern nahezu ungedämpft verbrannte Abgase in den Raum und haben hier einen ähnlich unpassenden Auftritt wie laute, pöbelnde Grabräuber im Petersdom. Langsam grummelt der silberne Leichtbau rückwärts in die kalte, sonnige Frühlingsluft. Was vorhin noch eine Gänsehaut auf meinen Armen war, ist inzwischen zu einem meinen kompletten Körper bedeckenden Reibeisen geworden. Nackenhaare stellen sich auf, mir fröstelt. Himmle, wie geil das ballert, wir gut das riecht….

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Erstmal drin, kommt man schlecht wieder raus

Herbert Engel lacht, möchte den Wagen aber erstmal warm fahren, bevor wir so richtig Gas geben werden: “Ziehen Sie Ihre Jacke an und setzen Sie sich eine Mütze auf!” Ähm. Jacke na klar, eine Mütze habe ich gar nicht dabei. In meinem Auto war es eigentlich angenehm warm… Und es ist gar nicht so einfach, die Gliedmaßen in diesen Maßanzug zu falten. Wie hat Engel das gemacht??? Der Sitz ist ein hartes, winkeliges Brett ohne nennenswerten Seitenhalt, auf das jemand eine karierte Liegestuhlauflage gelegt hat. Silbrige Armaturen mit schwarzen Zifferblättern versprühen spontan Retro-Charme – sie sind aber echt. Der einzige Schmuck scheinen ein paar Hebel, ein paar Schalter und ein dreispeichiges Holzlenkrad zu sein. Alles andere ist blankes, unlackiertes Metall und umgibt die Passagiere kalt und pur. Im kleinen Handschuhfach liegt eine Mütze. Ich sträube mich ein bisschen, aber der schmunzelnde Blick des Fahrers lässt sie mich aufsetzen. Ich gucke ein bisschen schüchtern über das schmale Scheibchen aus Plexiglas, und wir rollen tatsächlich los.

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Pur, purer geht autofahren nicht

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Beherzt dran reißen, das kann er ab

Das langsame Steigen der Motortemperatur während der ersten Kilometer durch verwinkelte Gässchen und holperige Wohngebiete gleicht dem ersten Berg, den die Achterbahn im Vergnügungspark hochgezogen wird. Es gibt kein Zurück mehr, die Bügel haben sich geschlossen und das Geräusch, wenn die Gondeln zum freien Fall entriegelt werden, klingelt schon mahnend in den Ohren. Hier und heute ist dieses Geräusch der kurze Hebel des Schaltgetriebes, der von Engel in den zweiten Gang gerissen wird. Der Mann kennt den Wagen, er weiß, wozu er in der Lage ist und er vertraut der alten Technik blind. Mir als Beifahrer bleibt eigentlich keine andere Wahl als mich tief hinter die kleine Scheibe zu ducken, mich irgendwo festzuhalten und die Mütze tief ins Gesicht zu ziehen.

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Racing am Rhein

Seitlich brüllen die heißen Rohre ihr Stakkato in die unschuldige Nachbarschaft, der Vortrieb ist sagenhaft. Engel kurbelt am Volant und knüppelt souverän mit Schaltern und Hebeln herum, als wäre er eins mit dem Silberpfeil. Neben uns fließt majestätisch der Rhein, aber für touristische Momente hat mein Hirn momentan keine Kapazität. Ich sitze in einem echten Rennwagen. Und es ist mir scheißegal, ob das ein Nachbau ist oder ein Original, denn das Original hat die gleichen Komponenten wie dieses Geschoss hier. Schmeißt eure Subaru Imprezas und eure Audi S3s weg, Leute. Die liegen vielleicht sicherer auf der Straße, aber das hier ist die brutale Realität. Mir wird ein bisschen mulmig, so müssen Astronauten sich fühlen, wenn sie in Zentrifugen auf den Raketenstart vorbereitet werden. Und wie LAUT der ist. Sagenhaft. Werde ich das Grinsen jemals wieder aus dem Gesicht bekommen?

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Kaum da, schon wieder vorbei

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Den Donner wird mal kilometerweit vernehmen

Was macht dieses Auto mit einem? Es vermittelt tatsächlich Macht, es vermittelt Kontrolle über eine rohe, ungezügelte Kraft. Kaum ein anderes erdgebundenes Gefährt war vor 60 Jahren zu diesen Fahrleistungen in der Lage, und wo heute ein moderner Mercedes-Benz elektronisch abregelt, legt der hier noch 50 Sachen oben drauf. Ein unvorbereiteter Körper hat damit Probleme, weil die Physik an der Wirbelsäule zerrt und der leistungsgesteigerte Drei-Liter-Direkteinspritzer seine kraftvollen Vibrationen direkt an die Nerven weitergibt. Dieses hier ist ein Auto, wie es vor 125 Jahren einmal von Carl Benz erdacht wurde -  alle anderen sind in diesem Moment nur noch bessere Transportmittel.

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Er saugt die Straße vor sich auf

Tickend und knackend steht der SLR in der Nachmittagssonne an einer Uferpromenade, wo wir eigentlich gar nicht hinfahren dürfen. Kaum eine Chance, ihn ohne fragende Passanten zu fotografieren. Aber wem will ich das auch übel nehmen, dass er neugierig angeschlurft kommt, die Rundungen der Karosserie streichelt und den Duft von verbranntem, unkatalysiertem Benzin schnuppert? Während ich mir die ersten Frühlingsfliegen aus den noch immer grinsenden Zähnen pule fühle ich mich regelrecht privilegiert, in diesem Ding eben noch mitgefahren zu sein. Und KALT ist mir, Leute…. Ich trete ein paar Schritte zur Seite, während weitere Passanten mit großen Augen gucken und Bilder machen. Kein Wunder – der Motor allein, auch wenn es sich nicht um den Reihenachtzylinder der Mille-Miglia-Rennwagen handelt, ist schon ein Kunstwerk. Herbert Engel besitzt diesen Wagen seit mehr als sechs Jahren. Der Benz ist tatsächlich ständig zugelassen und wird regelmäßig bewegt.

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Ein Kunstwerk für sich

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Auch ein Rücken kann entzücken

An schönen Sommertagen donnert Engel mit seiner Frau Inka gern einige Runden über die Nordschleife am Nürburgring, da, wo es möglich ist und man nicht allzuviele Menschen belästigt :-) Er erlebt dabei immer wieder die Technik, die Natur, die mechanischen Geräusche und den Wind. Die Zaungäste jubeln, das alles macht den SLR für ihn zum “geilsten Auto der Welt“. Ich kann ein bisschen nachvollziehen, was er meinen könnte. Trotzdem: Altersbedingt wird er sich bald von seinem Traumwagen trennen müssen. Die 723 ist inklusive Wertgutachten und kompletter Historie zu haben. Wie noch viele weitere Exoten in den Hallen dieses charmanten Enthusiasten.

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Kein Raum für saubere Luft

Engel zirkelt das blubbernde und fauchende Auto wieder zurück in seinen Raum. Das war ein Blick in die Urgewalt des Autofahrens. Das war viel zu kurz. Es wäre immer zu kurz gewesen, egal wie lange wir den Rhein rauf und runter gedonnert wären, und mein Herzschlag wird sich heute nicht mehr so recht beruhigen. Ich bin ziemlich dankbar für die ausgeliehene Mütze und beschließe, irgendwann mal wieder her zu kommen. Aber das muss ich jetzt erst einmal alles verarbeiten. Die Legende ist greifbar. Wohl denen, die so etwas einmal im Leben erfahren dürfen.

Donnerschlag!

Ich und der SLR

Sandmann

 

Mercedes-Benz 300 SLR (Replica)
Grundmodell: Mercedes-Benz 300 SL Roadster
Baujahr: 1957, Umbau ca. 1987
Motor: M-198 Reihensechszylinder-Direkteinspritzer
Hubraum: 2.996 cm³
Leistung: 245 PS
Drehmoment: 275 Nm bei 4600/min
Höchstgeschwindigkeit: 260 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h: 9 s
Der Artikel auf TRÄUME WAGEN gibt es hier: KLICK

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Created Montag, 25. August 2014 Tags 300 SLR | Engel | Namedy | rennwagen | Silberpfeil | Sportwagen Engel | Sternstunden | stirling moss | TRÄUME WAGEN | Willy Kaiser Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
22 Aug 2014
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Kleinanzeigen

Kleinanzeigen

Kein Anschluss unter dieser Nummer

Hallo digitales Deutschland. Du verkaufst billige gebrauchte Digitalkameras und Kleinwagen, die man seiner Tochter vor die Tür stellen kann. Das trifft sich gut, denn ich suche dieser Tage eine billige gebrauchte Digitalkamera und ein Auto, was ich meiner Tochter vor die Tür stellen kann. Früher habe ich mir da eine Annoncen AVIS gekauft und drin geblättert. Und wurde immer fündig. Heute mache ich das in Kleinanzeigen im Netz, wie üblich. Und nach einigen Tagen verliere ich den Glauben daran, dass die Menschen in diesem Land den Mist, den sie inserieren auch ernsthaft verkaufen wollen…

Kleinanzeigen

Da sagt man doch nicht nein

Fangen wir klein an. Vorweg: Das Bild ist leicht nachbearbeitet, es ist nicht genau die Kamera die ich wollte und die hat auch keine drei, sondern sechs Euro gekostet. Cool. Ich will nämlich so eine für meinen Trip nach Frankreich mit den beiden Mädels, weil meine Spiegelreflex grad die Grätsche gemacht hat und in Reparatur ist. Und eine Sony DSC war jahrelang meine Blog Cam, für diesen Preis, noch dazu in Hamburg…. Ich rufe an.
Nee, mache ich nicht, denn es ist keine Nummer angegeben. Also schreibe ich eine Nachricht über das Formular. Abends kommt dann eine freundliche Antwort mit Telefonnummer, ich solle mich morgen mal melden. Okay. Das mache ich auch und – erreiche niemanden. Hm. Nach mehreren Versuchen über einige Stunden schreibe ich eine SMS und frage freundlich, ob ich das Gerät so wie es ist heute vielleicht auf dem Heimweg abholen könnte. Es kommt eine SMS zurück, dass es nicht vor 17:00 Uhr gehe. Das sei kein Problem, schreibe ich, dann gern 17:30 und wo ich denn genau hinkommen müsse? Es kommt lange nichts. Ich fahre nach Hause. Am kommenden Tag kommt eine SMS, dass es alles ein bisschen kompliziert sei, man würde sich nochmal melden. Also rufe ich bei Kamera zwei an, die kostet schon 15 Euro. Hier ist man irgendwie pampig, jaaa, die is noch da, aber er wisse nicht so recht wann er mal daheim sei um mir die zu geben. Ich schlage vor, dass er darüber ja noch ein wenig meditieren könne und er versichert, mich zu benachrichtigen, wenn er die Erleuchtung erlangt habe. Das beides war vor drei Wochen. Von beiden habe ich nichts mehr gehört. Ich habe am kommenden Tag meine alte Sony im Keller wiedergefunden, sie macht seit dem einen hervorragenden Job.

Treiben wir das Thema ein bisschen größer weiter, am Beispiel von *tataaaa* Kleinwagen. In den 90ern habe ich alle meine Autos über die AVIS gekauft. Und wenn ich Bock auf Amis hatte holte ich mir die DAZ Auto Mobiles, die jetzt TRÄUME WAGEN heißt und einer meiner Arbeitgeber ist :-) Auch hier bietet nun das Netz Abhilfe.

Meine große Tochter sucht einen Polo. Einen ab 2002, mit den schicken runden Augen, Zweitürer, Diesel, TÜV und bis 2000 Euro. Das ist machbar. Ich schreibe insgesamt 8 Inserenten im Umkreis von 200 Kilometern freundlich an und bitte jeweils noch um Auskunft über Scheckheft und das erfolgte Zahnriemeninterwall.

Kleinanzeigen

Der hätte es werden… KÖNNEN

Krass. Der oben auf dem Bild war the most sexy. Ich schreibe auch ihn an, bei privaten Inserenten ist ja oft noch Spielraum im Preis und die sind in aller Regel kooperativer als Händler. Es kommt keine Antwort. Drei Tage lang nicht von EINEM der angeschriebenen Menschen, die ihre Autos verkaufen wollen. Meine Tochter ist enttäuscht. Nach drei Tagen kommen zwei Zeilen in gebrochenem Deutsch zu einem anderen Polo, einem blauen, von einem Händler in Norddeutschland. Die Beule im Schweller ist kein Problem, einige Warnlampen leuchten aber der Motor läuft. Kein TÜV mehr. Ist ein Bastlerfahrzeug. Na vielen Dank, und das für 2000 Euro? Ich schreibe dem roten Polo Mann mutig eine freundliche SMS an die Mobilnummer und bitte um eine Probefahrt. Nichts kommt zurück. Ich schreibe weitere drei neue Inserenten an. Nichts. Keine Mails, keine Anrufe, kein Kommentar. Ich rufe die Telefonnummer des roten Polo Mannes an. Es kommt eine Mailbox, der ich fröhlich und charmant meine Absichten mitteile und um Rückruf bitte. Nichts. Nada. Das war vor vier Tagen.

Sind die alle bekloppt? Wollen die ihre Autos nicht verkaufen? Oder sind die inzwischen so abgebrüht, dass jede Kommunikation bezahlt werden muss und nicht im Zeitplan mit drin ist, weil die Karre sowieso vom Hof gekauft wird? Ich verstehe das nicht :-(
Zwei Theorien poppen mir auf.
Entweder: sind genau diese Sony Digitalkameras und VW Polos der Baujahre 2002-2005 von einer geheimen Kraft im Universum dazu auserkoren worden, aufwändig inseriert zu werden, ohne dass eine Verkaufsabsicht dahinter steht. Wer für einstellige Eurobeträge mehrere Bilder und Text zusammenbastelt muss ohnehin ein interessantes Zeitmanagement haben, da versteht man schon mal, dass diese Leute die Teile eigentlich lieber behalten wollen. Und Polos will ja sowieso niemand verkaufen, das sieht nur so aus.
Oder: Die Leute sind gerade alle im Sommerurlaub und checken schlicht ihre Mails nicht. Oder haben vergessen, die Inserate nach Verkauf zu löschen. Alle zusammen.

Und wissen Sie, was mich traurig macht? Ich halte die erste Theorie für die wahrscheinlichere…

Sandmann

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Created Freitag, 22. August 2014 Tags Absurdistan | autos | gewerblich | händler | Inserat | Inserenten | Kleinanzeige | Kleinanzeigen | privat | Sony DSC | vw polo Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
13 Aug 2014
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Strandmanns Welt

Strandmanns Welt

Mehr Schlaf und mehr Geschichten

Ich, sie und sie in Portugal, Teil 4.
Sand. Das wird nochmal ein happy peppi Familienblog hier, wenn das so weitergeht :-) Aber Sie sehen schön, mein Leben dreht sich nicht ausschließlich um Autos. Es gibt auch noch Sand. Sand ist gröber als Schluff und feiner als Kies. Schön, wenn der zudem noch am Atlantik rumliegt und bei angenehmen 25 Grad bebuddelt werden kann. Die letzten Tage in Portugal sind angebrochen, das bedeutet das nahe Ende von Urlaub eins, die Aussicht auf eine wühlige Woche in Kiel und Hamburg und den Anfang von Urlaub zwei (kompliziert). Erfolgreicher Familien-Patchwork verhindert den einen einzelnen großen Sommerurlaub, Papa teilt sich auf. Aber vorher gedenken wir noch ein wenig der Sonne, die auf das Land im Südwesten scheint. Angesichts der langsam fallenden Temperaturen hier in Deutschland ist das zumindest für mich eine schön melancholische Retrospektive. Was Sie draus machen – sehen wir dann. Erstmal lesen. Und dann streu ich Ihnen den Sand auch noch am Ende in die Augen…

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BÄM. Das schmerzt, wenn beim Lesen schlechtes Wetter ist.

Wettergott Petrus™ hat seinen wolkigen Terminkalender nicht so richtig mit uns drei rastlosen Reisenden im Yaris-Wagen abgestimmt, sonst hätte er zu unserem ersten Hotel, dem Boutique-Hotel in den Bergen, von Anfang an besseres Wetter geschickt. Wahrscheinlich ist wieder mal Zoff mit Frau Holle, das kennt man ja. Es war zwar die ganze Zeit irgendwie warm hier im westlichsten Westen Europas, aber nicht gerade sonnig (wie man den Bildern der vorangegangenen Geschichten entnehmen kann) und wir haben uns das immer nett zurecht gelegt. “Stell dir mal vor, die Sonne hätte die ganze Zeit geschienen, dann wäre die Kleine ja komplett verbrannt!” oder “Gut dass es nicht so wahnsinnig sonnig ist, hier in der Stadt wäre das dann ja unerträglich!” waren nur zwei Sätze, die verdeutlichen, dass sich der Mensch gern selbst bescheißt und sich die Lage irgendwie zurecht lügt ;-) Und heute, wo es auf die zweite Halbzeit zurück in den Süden Portugals geht ballert der wärmespendende Gasriese von einem blauen Himmel, als gäb’s kein Morgen mehr. Das gibt’s aber noch, also das Morgen, ich sitze am Pool, schaue ein letztes mal über die irgendwie lieb gewonnenen Berge und tröste mich damit, dass wir in Estoril ganz nah am Meer wohnen werden. Raus aus dem inhabergeführten Boutique Hotel mit dem freundlichen Niederländer und dem Pool, der uns sozusagen ganz allein gehört hat und rein in das Treiben an der Küste nahe Lissabon. Aber mit Sand (als was man einen nicht bindigen Boden mit einer Korngröße zwischen 0,063mm und 2mm bezeichnet). Na gut.

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Die Mauren wachen von oben.

Unterwegs nach da unten gibt es viele schöne Sachen anzugucken, was wir vor allem machen, um uns vom Hunger ablenken zu lassen. Nicht schon wieder trockenes Hühnchen, geschweige denn eine wie auch immer geartete Nahrungsaufnahme an einer Raststätte entlang der Autobahn. Ich habe in der Nähe von Mira (einem kleinen Städtchen an der Westküste, und nicht nur das) schon einen Koffer, die Gitarre, drei Bücher von Stephen King, mein iPhone Ladekabel und die Laptoptasche einem fliegenden Händler verkauft, um mir überhaupt die Autobahn-Maut leisten zu können. In Estoril wird die Fahrerei auch erstmal ein Ende haben, von da aus ruft in erster Linie der Strand. Strand mit Sand. Reine Sandböden bestehen in Mitteleuropa zum allergrößten Teil aus Quarzkörnern. Die durch Sandböden gekennzeichneten Tiefländer Nordmitteleuropas werden auch als Geest bezeichnet. Sie sind das Resultat pleistozäner Sandablagerungen (chchch :-D ). Und was weiß ich von Estoril? Da soll es ein großes Spielcasino geben, was mich persönlich nicht sonderlich reizt. Außerdem wohnt da anscheinend eine meiner beiden Stief-Halbschwestern, das habe ich aber erst hinterher erfahren. Schade. Unter jedem Dach ein Ach. Sachen gibt’s… Jedenfalls bekommt inzwischen mindestens das sandmann’sche Gesicht eine leicht bräunliche Sommertönung, und endlich kann man mal gesunde Facebook-Selfies machen, ohne darauf wie ein blutleerer Zombie auszusehen :-) Gleichwohl SeineKleineSchwester total auf Zombies abfährt. Also… nicht die Stief-Halb, auch nicht eine andere, die heißt so weil…. ach, das ist eine andere Geschichte.

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Profilbilder für Facebook findet man überall

Irgendwann wird der Hunger aber doch so groß, dass wir eine Pause in dem kleinen Städtchen Sintra wagen und uns einen Eiskaffee und ein bisschen Kuchen bestellen. Bollo. Nein, nicht billige Nudeln mit Hackfleischsauce, Bollos sind kleine Kuchen. Natas. Viel zu süß, aber wundervoll glücklich machend. Sie versetzen mein halbfinnisches Fräulein Altona in einen ähnlichen Zuckerschock wie mich der spanische Sherry aus der Vorgeschichte, und ich bin froh, dass mir gleich mein eiskalter Eiskaffee gebracht wird. Die sind ja erfahrungsgemäß eher herb. Parallel hat sich das Touristenbüro in Sintra auf die Agenda geschrieben, die gesamte Altstadt mit Musik zu beschallen. Aus kleinen Lautsprechern auf hohen Pfählen quaddelt portugiesische Musik, die ein bisschen an eine kleine Party und ein bisschen an die Wehlaute ertrinkender Seeleute erinnert, und das Leben geht ganz normal so weiter. Die Müllmänner leeren ihre Tonnen zur Musik. Die Bäcker verkaufen ihr Weißbrot zur Musik. Die Verkehrsplaner stecken ihren Kopf in den Sand zur Musik. Die Kunsthandwerker feilbieten ihre Handarbeiten zur Musik und ich bekomme meinen Eiskaffee zur Musik. Einiges ist anders als wir es kennen in diesem gastfreundlichen Land. Das Essen. Die Akustik. Und… auch die Eiskaffeebecher.

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Äh…. okay. Ich…

Während ich versuche, mit Hilfe einer Leiter die obersten Schichten des gefrorenen Vanille-Koffeeins zu erreichen verteilt mein viertelfinnisches Sandfräulein süßen Kuchen an die Tauben. Reisen mit kleinen Kindern bedeutet vor allem zwei Sachen: Erstens eine gewisse Selbstaufgabe zwischen 7:00 Uhr und 21:00 Uhr zugunsten des sich formenden Willens eines kleinen Menschen (was allerdings regelmäßig mit herzergreifendem Knuddeln belohnt wird) und zweitens ein ganz neues Verhältnis zum Essen. Es fällt eine Menge runter, es bleibt hier und da spontan etwas übrig und nicht alles findet Anklang bei einem 17 Monate alten Gaumen, ist aber auch nicht immer mit den eigenen Plänen der Nahrungsaufnahme vereinbar. Man wird kreativ. Aber auch das ist eine andere Geschichte. Länglicher Eiskaffee und süße Kuchen machen zwar nicht satt, aber besser als Hühnchen ist das allemal. Als uns die Ohren gar zu doll klingeln von der allgegenwärtigen Musikbeschallung trägt uns der kleine Miet-Toyota ohne Sand im Getriebe noch weiter hinauf auf den Hügel über Estoril, kurz vor unserem Ziel. Hier soll es eine Kapelle geben, die einem Kraft spendet, wenn man sie betritt. Göttliche Kraft, universale Kraft, Karma, nennen Sie es wie Sie wollen. Jedenfalls ist sie nicht auf Sand gebaut. Ich geh da mal rein. Derweil klettert der Nachwuchs draußen die vielen Steintreppen ganz allein herunter und bekommt dafür tosenden Applaus von einem kleinen Reisegrüppchen, was unter einer Palme Schatten gesucht hat. Sie sind leicht zu begeistern, die Touristen hier. Vermutlich haben sie noch kein Mittag gegessen.

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Vor der Kapelle der heiligen Madonna

Estoril. Da sind wir also. Estoril hat eine lange Promenade mit (für mein Portemonnaie) viel zu vielen Eisbuden und einen langen Strand mit Sand. Quarzsand. Quarzsandböden gehören zu den am wenigsten fruchtbaren Bodenarten, da Minerale, die bei ihrer Verwitterung Nährstoffe freisetzen bzw. speichern können, in solchen Böden kaum zur Verfügung stehen. Auch versickert Wasser relativ schnell in dem relativ grobporigen Substrat und Nährstoffe werden rasch ausgewaschen. Als Boden entwickeln sich bevorzugt Podsole oder podsolige Braunerden. Die Sandbodenlandschaften Mitteleuropas sind jedoch nicht vergleichbar mit den relativ kahlen und vermeintlich toten Wüsten Afrikas oder Australiens. Nerve ich Sie? Na hören Sie mal, schließlich bin ich der SANDmann, also sagen Sie nicht, Sie hätten in diesem Blog nichts gelernt! Da Sand ein verhältnismäßig großes Porenvolumen hat, sind unterirdische Sand- und Sandsteinvorkommen wichtig als Speichermedium für Trinkwasser, Erdöl und Erdgas! Gniiihihi :-) Aber bevor ich final die Plastikschaufel in die podsoligen Braunerden steche kommen wir noch am Casino vorbei. Sie kennen das irgendwie? Vielleicht aus dem James Bond Film “Im Geheimdienst seiner Majestät” von 1969?

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Ian Fleming was here

Der klotzige Kasten aus den 30er Jahren hat Herrn Fleming anscheinend seinerzeit inspiriert, und man munkelt, dass auch er hier nennenswerte Beträge verzockt hat. Was für ein Glück, mit kurzer Hose, T-Shirt und Kinderkarre lassen die einen hier gar nicht rein :-) Aber ich mag Palmen. Palmen hier und Palmen da, sie sind hier einfach so dabei. Nein, keine Angst, ich werde jetzt nicht auch noch über Palmen referieren. Ich erfreue mich nur ihrer. Am Ende des Tages sind wir hier ja auch wegen des Sandes. In der Vergangenheit (17. oder 18. Jahrhundert) wurde Sand als Schreibsand (auch Streusand genannt) zum Trocknen der schreibnassen Tinte verwendet, später aber durch Löschpapier ersetzt. Kennen Sie noch Löschpapier? In Sanduhren rieselt trockener Sand durch eine kleine Öffnung und zeigt an, dass es immer weiter geht und nichts jemals anhalten wird. Und dass wir alle vergänglich sind. Vogelsand wird als Einstreu in Vogelkäfigen verwendet. Er dient unter anderem den Vögeln als Verdauungshilfe. Nasser Sand wird an Stränden zum Bau von Sandburgen verwendet. Und da sind wir wieder. Nicht zu fassen, was bei Wikipedia und seinen Freunden alles über Sand zu lesen ist, und es beunruhigt mich ein bisschen, dass der Bedarf der Bauindustrie an Quarzsand durchaus zu Weltkriegen führen könnte. Hier und heute führt der Bedarf an Quarzsand maximal zu gefüllten Plastikeimerchen und dem krokettenhaften Aussehen eines vormals mit Sonnenmilch eingeschmierten kleinen Mädchens.

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Da sind wir ja endlich…

Es ist schön am Strand von Estoril. Friedlich und fast windstill. Das viertelfinnische Sandmädchen ist unermüdlich dabei, kubikmeterweise wertvollen Quarzsand von einer Seite ihrer Beine auf die andere zu buddeln. Unser grünpflanzenbefreites Design-Hotel verwöhnt uns des Abends mit einem Balkon zum Wasser hin, der mehr Grundfläche als mein ganzes Häuschen in Kiel hat, aber irgendwie kommt der familiäre Charme des Boutique-Hotels in den Bergen nicht rüber. Das Bett ist bequem, alles ist sauber und nett und Pedro gibt sein Allerbestes, um uns als einzigen Halbpensions-Gästen jeden Abend das trockene Hühnchen mit einer anderen Sauce zuzubereiten. Nachts blinkt das Casino mit mehr Lampen als alle portugiesischen Leuchtfeuer zusammen, Elvis tanzt als Lichtgestalt durch die Nacht und das Meer rauscht gemeinsam mit dem Gebimmel der Slotmachines wie ein naturbelassener Fado der nicht zu ändernden Abläufe. Ach Südeuropa, ich mag dich, doch ich muss bald wieder heim nach Kiel, ein paar Sachen regeln, bevor sie mir wie Sand durch die Finger rinnen. Schon sind 10 Tage wieder vorbei. 10 Tage Dreisamkeit in einem entspannten Land westlich von Spanien, das ist weit weg von Norddeutschland.

Strandmanns Welt

Von Oben sieht es alles immer so friedlich aus

Sand in die Augen streuen ist ja irgendwie unangenehm, genau genommen. Dieses Bild wird als rhetorische Figur eingesetzt für die Täuschung von jemandem, den man so “blind” macht. Meine Augen sind offen. Augen auf und durch :-) Und der Sandmann streut seinen Sand ja auch aus ganz anderen Gründen. Es ist nicht dieser klassische Ursand. Der erste Sand der Erdgeschichte entstand aus magmatischen und metamorphen Gesteinen (z. B. Granit oder Gneisen), die durch physikalische Verwitterung in kleinere Blöcke oder, bedingt durch chemische Verwitterung entsprechend anfälliger Gesteinsbestandteile, direkt in einzelne Mineralkörner zerfielen. Nein, der ist es nicht. Ich streue Ihnen den klassischen Schlafsand in die Augen, immer nach einer Geschichte,damit Sie diese schließen und drüber nachdenken können. Mal mehr, mal weniger. Und damit Sie danach gut schlafen. Erzählen Sie mir mal, wie sich das anfühlt. Bis dahin erinnere ich mich an die Bilder von Sonne, an das Gefühl von Wärme und die unbedingte Sicherheit, die einem nur Familie und Freundschaft bieten kann.

Sandmann

DAS HIER war der vorangegangene Fado…

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Created Mittwoch, 13. August 2014 Tags Aldeia das Dez | Boutique-Hotel | Casino | Estoril | Porto | Portugal | promenade | Reise Reise | reisen | Reißen | sand | Sintra | strand Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
07 Aug 2014
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Sing den Fado!

Sing den Fado!

Im Land der traurigen Seemannslieder

Ich, sie und sie in Portugal, Teil 3
Ich stehe zum zweiten mal auf dem Fußboden dieses Landes, was schon immer unter der Überheblichkeit des großen Nachbarn gelitten hat, was mit Vollgas in den nächsten EU Rettungsschirm schleudert und was langsam unter der Arbeitslosigkeit und dem Verfall auseinanderbricht wie demnächst die Insel Sylt in der Nordsee. Es ist trotzdem oder gerade deshalb rau und schön auf diesem kleinen Zipfel westlich von Spanien. Die einst stolze Seefahrernation singt seit Jahrhunderten ihre traurigen Lieder, und es liegt eine immerwährende, unaufdringliche Melancholie über diesem Teil der Erde. Eigentlich kann man das gar nicht so recht beschreiben. Ich suche mal nach Worten, während ich vom Balkon aus auf eine Reihe abendlich beleuchteter geschlossener Geschäfte blicke, die zu mieten oder zu kaufen sind. Es riecht nach Holzfeuern und gebratenem Hühnchen, und spielende Kinder singen irgend einen Reim immer und immer wieder in den Abendhimmel. Natürlich beginne ich die Geschichte mit einem Flugzeug. Von TAP. Klar.

Sing den Fado!

Tap tap an der Scheibe und auch dahinter

Ich esse im Ausland nicht bei McDonald’s (äh… meistens jedenfalls nicht), weil die kulinarischen Ergüsse der Einheimischen vor Ort fast immer kostenswert sind. So ähnlich verhält sich das auch mit der Fluggesellschaft, es gibt da ja eine Menge Billigflieger ab Hamburg in die ganze Welt, sie, sie und ich haben uns aber für TAP entschieden. Die klassische Transportes Aéros Portugueses mit ihren rot-grünen Schwänzchen hat einen sympathischen Ruf, stürzt nicht übermäßig häufig ab und ist darüber hinaus die einzige Linie, die Direktflüge von Hamburg nach Lissabon anbietet :-) Das macht die Entscheidung noch leichter, denn glauben Sie mir, mit dem ganzen Gepäck einer sehr gut organisierten halbfinnischen Mutter Altona und den gesammelten materiellen Bedürfnissen des kleinen viertelfinnischen Sandmädchens (plus meiner Zahnbürste) möchten Sie nicht irgendwo zwischendrin in einen anderen Flieger steigen. Ich auch nicht. Zumal die Koffer und die Kinderkarre bei wechselnden Fliegern dann nicht da ankommen, wo man es geplant hat. Es genügt schon, mit diesem ganzen perfekt geschnürten Koffergeraffel später noch den Mietwagen zu suchen, aber die Geschichte kennen Sie ja bereits. “Da. Hugzeug. Da.” Sie lernt dazu, wir geben die klitzekleine Kinderkarre noch beim Oversized Luggage ab und steigen ein :-)

Sing den Fado!

Noch auf dem Boden der Tatsachen

Es ist so einem kleinen Menschen, der zwischen der 1 und der 5 noch ein Komma bei der Altersangabe hat, nicht leicht verständlich zu machen, dass man sich mit diesen Sitzen und diesen ganzen vielen Menschen gleich nach ganz oben über die Wolken begeben wird, um gut drei Stunden später inklusive Zeitverschiebung in einem ganz anderen Land zu sein, wo man die Sprache nicht versteht. Schon gar nicht, wenn man so kompliziert verschachtelte Sätze wie den eben gerade anwendet. Sie hat schon einmal einen Flug nach Wales bravourös hinter sich gebracht und beschließt im komplett ausgebuchten Airbus, nach erfolgreicher Nahrungsaufnahme einfach in Mamas Armen einzuschlafen. Das verhindert erfolgreich den ursprünglich geplanten Weiterbildungsschub genannter Dame mit der aktuellen “Gala”, erhöht aber gleichzeitig die Chance, dass alle Anwesenden ungenervt in Portugal ankommen. Denn die Pöbeleien eines gelangweilten Kleinkindes sind nirgendwo so laut wie in einem überfüllten Flugzeug. “Da. Hugzeug. Da”. *schnarch* Derartige Prioritäten lenken die eigene Aufmerksamkeit auf die ersten portugiesischen Ausläufer nationaler Massenkochkunst, und es fällt mir schwer, zu glauben, dass dieses… Hühnchen?… in der Plastikwanne vor mir genug Nährwert hat, um mich durch den Tag zu bringen. Anschließend gibt es von den freundlichen Stewardessen noch einen interessanten Nachtisch auf das Tablett portioniert, der ein wenig an diesen grünen Schleim erinnert, den wir in den 70ern immer zwischen unseren Händen haben durchglibbern lassen. Nur in ist der hier gelb. Gut, dass die Kleine schläft. Ich trinke eine leckere kalte Cola und bereite mich mental auf 10 Tage ohne Internet und ohne Telefon mit meinen beiden Hamburger Frauen vor :-)

Sing den Fado!

so klein ist das Land irgendwie gar nicht…

Merken Sie sich bitte: Wenn Sie in Hamburg eine Kinderkarre beim Check In abgeben und in Lissabon am Gate gefragt werden, ob Sie eine Kinderkarre mit im Flieger hatten antworten Sie auf jeden Fall immer mit JA. Das verhindert bestenfalls, dass jemand mit dieser Karre am Gate auf Sie wartet, während Sie selbst unten am Gepäckband rumlungern und nicht verstehen, warum die Kinderkarre nicht kommt. Auf diese Weise lassen sich die ersten zwei Stunden auf portugiesischem Boden recht monoton im Beisein von im Kreis fahrenden fremden Koffern verbringen. Zwischendurch wird noch ein trockenes Sandwich ohne Butter und ohne Saucen mit Hühnchenfleisch (glaube ich) erworben, und irgendwie sitzen wir drei dann irgendwann in unserem Mietwagen.

Portugal.
Wie lässt sich Portugal jemandem erklären, der noch nicht hier war? Man isst hier entweder leckeren Fisch oder nicht so leckeres Hühnchen. Da sind geografisch unten im Süden die Goldküste und der Tourismus. Die Hauptstadt Lissabon erstrahlt mit seinen Fußgängerzonen entweder im restaurierten Glanz der guten alten Zeiten – oder verfällt, gleich nebenan, zu baumbewachsenen Ruinen. Dazwischen ist nicht viel, es gibt keine Graustufen. Entweder schön und heile oder komplett kaputt und verlassen. Die berühmte Straßenbahnlinie 28E fährt einen für 2,80€ fast wie ein Touristenbus einmal quer durch die Gassen der Altstadt und hinterlässt einen grübelnd ob der Informationen, wie das alles hier eigentlich weitergehen wird, wenn sogar auf den hellen großen Paradeplätzen aus den Dachrinnen der pleite gegangenen Luxushotels kleine Grünpflanzen wachsen. Sieht man über die allgegenwärtigen Ruinen hinweg, weil man es einfach hier und jetzt nicht ändern kann diffundiert langsam der Charme vergangener Jahrhunderte in den Vordergrund. Die große Stadt ist so entspannt wie ihre Bewohner auch. Hier werden Baudenkmäler nicht eingezäunt und mit Eintritt belegt – hier leben die Menschen damit und darin. Der gekachelte Bahnhof ist einfach nur so ein Bahnhof.

Sing den Fado!

Kein Museum, nein. Eine Bahnhofshalle.

Und plötzlich führen die zunächst zusammenhanglos geglaubten Fäden der vorangegangenen Geschichten wieder zusammen. Nagelneuer Mietwagen und steinaltes Navi :-) Wenn man es erstmal geschafft hat, die Banlieu zu verlassen (und womöglich noch zumindest in der richtigen Himmelsrichtung unterwegs zu sein) eröffnen sich ganz neue Reisemöglichkeiten auf den wundervollen, neuen Autobahnen, auf denen wir fast ganz allein unterwegs sind. Was, wie wir später erfahren sollen, an den Mautpreisen in der Höhe von portugiesischen Monatseinkommen liegt und damit ein Schuss in beide Kniescheiben der hiesigen Verkehrsplanung ist, aber das Thema hatten wir ja schon. Viel interessanter für den blauäugig Reisenden ist ja die ungewöhnliche Kombination aus nicht ganz korrekten Ortsangaben seitens des Buchungsportals zum Standort des Hotels in den Bergen weit östlich von Porto und einigen wirklich gut ausgebauten, aber in meinem alten Navi nicht vorhandenen Überlandstraßen auf dem Weg dahin. Ich möchte die Gespräche im vorderen Teil des Autos hier nicht wiedergeben. Lesen Sie den betreffenden Blog. Im Fond wird glücklicherweise nach dem Genuss einer ganzen Banane friedlich im teuer gemieteten Kindersitz geschlafen.

Sing den Fado!

Einfach mal was finden. Super.

Nach drei verzweifelten Telefonaten mit dem freundlichen, Englisch sprechenden Boutique-Hotelbesitzer aus den Niederlanden und einigen, insgesamt mehr als zwei Stunden dauernden landschaftlich schönen Umwegen über Brücken und serpentinenreiche Bergstraßen stehen wir direkt vor unserer schönen Bleibe. Wikipedia bezeichnet “Boutique-Hotels” (ich habe diesen Begriff vorher noch nie gehört) sinngemäß als kleine, inhabergeführte Oasen der Ruhe, und das klingt wie eine leise Musik in den Ohren der an dieser Odyssee teilhabenden Personen. Von Lissabon nach Aldeia das Dez in den Bergen sind es über drei Stunden Fahrtzeit, dann addieren Sie bitte die kleinen aber feinen Navigationsprobleme oben drauf – das Angebot des alten, charmanten Hoteliers, uns noch etwas zu essen zu kochen beantworten wir mit einem glücklichen Nicken und werden endlich mal wieder mit der portugiesischen Küche konfrontiert, die hier eindeutig einen kleinen wirtschaftlich gerechneten Einschlag hat. Aber satt macht. Und diesmal besteht sogar die Möglichkeit, das Hühnchen abzulehnen und etwas anderes zu bestellen. Kaninchen können kleine, gesplitterte Knochen haben, wussten Sie das? Je nachdem wie sie erlegt und zubereitet wurden. Sehr, sehr viele kleine Knochen. Dieses hier ist vermutlich einer Landmine aus dem letzten Weltkrieg zum Opfer gefallen und wurde anschließend fein püriert und lecker gewürzt. Habe ich mal erwähnt, dass ich Fisch wegen seiner Gräten meide? Aber hey – nach einer köstlichen Cola höre ich die Betten des ersten Abends meines Urlaubs rufen. Ein paar Bimmelglocken um die Hälse glücklicher Ziegen dengeln romantisch in der Abenddämmerung, ein lauer Wind treibt interessante Wolkenformationen bis in den Hotelgarten und die Anstrengung einer kleinen Odyssee weicht langsam einer Müdigkeit, die von einem flauschigen Bett mit Blick über die Berge aufgefangen wird.

Sing den Fado!

Der Pförtner ist ausgezogen

Oben im Norden, westlich von uns, liegt Porto, ein Highlight nicht nur wegen des Portweines. Hier sitzen sie alle, die heiligen Weinhändler, die den süßen, schweren Stoff in die ganze Welt verschiffen. Links und rechts an den Ufern des großen Douro stapeln sich steil wie ein Haufen Legosteine Wohn- und Geschäftsviertel die Berge herauf, die mit hohen, mit wirklich wahnsinnig hohen Brücken verbunden sind. Diese erreicht man aber erst, wenn man die entsprechenden Fahrstühle gefunden hat oder wenn man sich mit einer Kinderkarre (die man am liebsten nie wieder weggeben möchte) und dem entsprechenden Zubehör auf anderen, wesentlich ausufernderen Wegen den Stahlkonstruktionen nähert. Es geht sportlich vorbei an bunten, wühligen Häuserzeilen, an denen Fahnen an den schmiedeeisernen Balkongittern hängen und aus dessen Fenstern leiser, trauriger Gesang klingt. Und immer wieder wird dieser Spaziergang gebremst von einem kleinen, mitteilsamen Mädchen mit Sonnenhut, das lieber laufen als geschoben werden will und das halbminütlich einen anderen Plan von der einzuschlagenden Richtung entwickelt. Das Ergebnis dieses Plans unterscheidet sich grundsätzlich von der tatsächlich einzuschlagenden Richtung, geht man davon aus, dass wir theoretisch ein Ziel vor Augen haben :-) Auf diese Weise bekommen wir einen abwechslungsreichen Eindruck von der Stadt und sehen Nebenstraßen, in denen wir sonst nicht gelandet wären und die auch in keinem Reiseführer genannt werden.

Sing den Fado!

Fast schon wie bei Hundertwasser, aber nicht weniger natürlich bunt

Was anfangs nur “irgendwie seltsam” anmutet, was aber nach und nach immer präsenter wird: Die Geschäfte sind fast alle anscheinend grundlos geschlossen, obwohl es früher Nachmittag ist. Und es befinden sich nicht viele Menschen an diesem eigentlich recht schönen Wochentag hier mitten in einer der größten Metropolen des Landes. Jedenfalls findet man sie nicht auf der Straße. Hier und da dringt ein trauriges Lied aus einem höher gelegenen Fenster, manchmal begleitet von einer Gitarre, aber sonst…? Wo sind die alle? Und warum? Ein blasser, sich auffallend langsam bewegender junger Kellner mit blutunterlaufenen Augen klärt uns auf, nachdem es ein wenig gedauert hatte, seine Aufmerksamkeit zu erhaschen. Gestern war doch das Fest des Heligen São João, des Schutzpatrones. Da sei die ganze Stadt auf den Beinen, da feiern alle lange und trinken ziemlich viel. Ah. Und auch das beschreibt die Mentalität der gelassenen Portugiesen, die machen dann am nächsten Tag einfach komplett ihre Geschäfte erst am frühen Abend wieder auf. Wenn der Kater erträglich geworden ist. Dieser Mann hier hatte einen anscheinend nicht optimalen Deal mit seinem Arbeitgeber und wäre sicherlich auch gern ein bisschen länger liegen geblieben. Jetzt bringt er mir dafür ein Clubsandwich mit Hühnchen. Und eine Cola.

Sing den Fado!

Zu Lande, zu Wasser und zu Fuß

Die Stadt erwacht langsam zum Leben, gegen 16:00 Uhr räkeln sich die ersten Ladenbesitzer in einer Wolke aus Vinho Verde und Chicken Piri Piri. Ich will abschließend noch auf diese riesengroße Stahlkonstruktion, die sich wie ein umgekippter Eiffelturm über den Fluss legt und sowohl Fußgängern als auch Straßenbahnen ermöglicht, ihn zu überqueren, ohne dabei sonderlich nass zu werden. Sie kennen doch diese dünnen Stahlgitter, die manchmal wie Fußmatten über den rechteckigen Löchern vor den Eingangstüren von Schulen liegen. Darunter fand man immer verschiedenen Kram, Zopfgummis, Ringe, Kämme, Geld. Und jetzt schieben Sie diese Gitter mal 60 Meter oder so hoch in die Luft, hängen ein paar aneinander und lassen dazu noch Straßenbahnen drüberdonnern. Argh. Ein solch vertrauenerweckendes Gefühl verströmt diese Brücke. Alles wackelt leicht, und wenn man runterschaut sieht man keine Zopfgummis, Ringe, Kämme oder Geld. Da sieht man den Douro. Irgendwo da unten, da ganz weit unten, und mit seiner Fließgeschwindigkeit scheint die Stahlkonstruktion langsam zur Seite zu kippen. Mein halbfinnisches Fräulein Altona ist ein bisschen grün, obwohl sie gestern Abend gar nicht wie alle anderen mit dem Heiligen São João gefeiert hat und schlägt vor, dass wir doch vielleicht schnell ein paar Fotos machen und dann mal wieder festen Boden aufsuchen könnten. Dieser Wunsch wird von der nächsten, direkt an uns vorbei donnernden Straßenbahn unterstrichen.

Sing den Fado!

Über den Dächern von Porto

Natürlich. Einen kleinen Moment noch. Ich pendel zwischen Faszination und Höhenangst und beschließe, zu Hause in Deutschland mal zu schauen, ob es für meinen Microsoft Flugsimulator ein Portugal Add On gibt, denn ich will unbedingt mal unter diesen Brücken durchfliegen :-) Der Blick von hier oben ist wirklich sagenhaft, er geht über Plätze mit großen Public Viewing Leinwänden (die WM läuft noch, und bisher hat niemand eine Anspielung auf das 5:1 von Deutschland gegen Portugal gemacht), Werbetafeln von Sandemann und Graham’s Portwein über das Häusermeer bis zu den Bergen am Horizont, hinter denen unser kleines Boutique Hotel liegt. Dort ganz weit hinten, rund 100 Kilometer entfernt über die Autobahn für Gutverdiener und dann noch einmal 20 Kilometer über gedärmartige Bergstraßen, die auf Beifahrerinnen einen ähnlichen Effekt haben wie Heiligenparties. Das viertelfinnische Sandmädchen ist in ihrer Karre kapitulierend eingeschlafen. Ich bekomme schon wieder Hunger und mache schnell noch einen Selfie, bevor wir auch langsam den Yaris-Wagen aufsuchen, um dem Abend im entspannten Hotel eine Chance zu geben. Sightseeing ist toll, aber irgendwann soll man ja auch bei gutem Essen mal die Füße hochlegen.

Sing den Fado!

Von hier oben kann ich auch nicht in die Zukunft blicken…

Wenn ich in Portugal Fritten bestelle bekomme ich Kartoffelchips, wenn das erstmal bekannt ist und ich es mir gemerkt habe bestelle ich eben keine Fritten mehr. Raststätten entlang der unbefahrenen Oberschicht-Maut-Highways locken den spontan hungrigen Touristen auf seinem Weg zurück ins Hotel mit großen Auslagen voller liebevoll angerichteter Gemüse- und Fleischvariationen, an denen wir uns nur allzu gern laben möchten. Hier tut man gut daran, sich lediglich ein klebriges, süßes Stück Kuchen zu kaufen. Außer, es steht einem der Sinn nach antiken Fleischstücken und Gemüsesorten, die in Europa seit Jahren nicht mehr angebaut werden. Essen. Das müssen wir alle mal irgendwann. Genau wie Kaffee trinken, in Italien ist das eine allgegenwärtige Geschmackswonne, in Frankreich eher nicht so. Hm. Man nimmt es den Portugiesen aber irgendwie nicht übel. Irgendwie nicht. Was können sie denn auch dafür, dass hier auf der Autobahnraste wegen dieser utopischen Mautgeschichten nur alle zwei Monate überhaupt mal jemand vorbeifährt und nur alle vier Monate mal jemand anhält? Und der will dann meist noch nicht mal was essen, denn preiswert sind die Gerichte zu allem Überfluss auch nicht. In den Städten jenseits der Autobahnen wiederum sprechen sie deine Sprache nicht, und egal, was du bestellst, es ist irgendwie immer Hühnchen mit Kartoffelchips. Generell kann ich zusammenfassen: Eine kalte Coca Cola aus der Dose schmeckt immer.

Sing den Fado!

Kaninchen mit Nachtisch

Was sie können, die Portugiesen, ist Wein und Dessertwein. Der extra tief aus dem Keller hervorgezauberte, uralte Cream Sherry aus Spanien (verdammt) entwickelt seine ganz besonderen Eigenarten. Unser niederländischer Gastgeber präsentiert ihn stolz, während das viertelfinnische Sandfräulein einen Klangteppich aus “mehr! mehr! mehr!” über ihrem leergefutterten Teller ausbreitet, auf dem eben noch Hühnchen lag. Ja. Sherry. Man bekommt eine kleine Ahnung, warum Portugiesen und Spanier sich nicht sonderlich mögen, dieses Getränk hier in meinem Glas scheint einen Teil der späten spanischen Rache zu verkörpern. Ich zerschneide der Kleinen noch etwas von diesem Geheimrezept des Hauses und versuche mich nach diesem langen Tag voller Eindrücke zu konzentrieren. Dabei gleitet das eben verköstigte Getränk zähflüssig meinen Hals hinunter und verwandelt mich innerhalb von Sekunden in einen betrunkenen Diabetiker. Vielleicht a) kümmert sich heute mein halbfinnisches Fräulein Altona mal lieber um die nächtliche Betreuung unserer Tochter und b) trinken wir morgen Abend lieber wieder einen klaren, frischen portugiesischen Vinho Verde. *hicks* Ich feier den Ausklang dieses Tages auf dem Balkon mit einem fast kitschigen Blick auf die Berge. Das Dorf da vorn, mit den vielen geschlossenen Geschäften, erwacht zum Leben. Kinder spielen, es wird gegrillt und gesungen. Ich mag Südeuropa…

Sing den Fado!

Abends beginnt das Leben

Während meine Pfeife langsam vor sich hinglimmt und kleine, nach Kirschen duftende Wölkchen in den klaren Abendhimmel entlässt fällt eine schwere, schon viel zu lange drückende Last des Alltags langsam von meinen Schultern. Was für ein unbezahlbares Glück, mit meiner geliebten Freundin und unserem gesunden, quirligen Töchterchen diese Tage hier zu verbringen, früh am Abend zu schlafen und um 7:00 Uhr spätestens von neuen Wortkreationen aus den Tiefen des Reisebettchens wachgeplaudert zu werden. Wer sich anmaßt, so etwas anstrengend zu finden hat noch nicht erlebt, was wirklich anstrengend ist. Was an den Nerven zerrt und über Jahre die Existenz von allem in Frage stellt. Der Anfang dieses kleinen Urlaubs markiert gleichzeitig das Ende einer großen Reise, die aber nicht in Portugal stattfindet. Nicht hier, bei diesen gelassenen Menschen, die alle João heißen und garantiert nicht alle heilig sind. Nicht zusammen mit diesen beiden wundervollen Menschen, mit denen ich mein Leben teile. Hier atmen wir jetzt durch und tanken Kraft für den Endspurt zu Hause. Aber das ist eine andere Geschichte. Morgen fahren wir erst einmal ans Meer…

Sandmann

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Created Donnerstag, 07. August 2014 Tags Aldeia das Dez | Boutique-Hotel | Chips | lissabon | Piri-Piri | Pommes | Porto | Portugal | Portwein | Reise Reise | reisen | Reißen | Sherry Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
22 Jul 2014
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Navi, alt

Navi, alt

Jenseits von allen Routen

Ich, sie und sie in Portugal, Teil 2
In 300 Metern, biegen Sie im Kreisverkehr rechts ab. Zweite Ausfahrt. Dann, Sie haben Ihren Bestimmungsort erreicht.” Ach Lisa, meine große Liebe. Lisa ist die Sprechstimme meines TomTom GO 720 von anno 2007, und Lisa ist in die Jahre gekommen. Dabei war ich ihr ein so kreativer Freund. Ich habe ihr Kathrin zur Seite gestellt, ihre synthetische Computerstimmenfreundin. Und ich habe meine großen Töchter im Custom Modus dieses Navigationssystem selbst besprechen lassen. Das ist auch 6 Jahre später noch verhältnismäßig unterhaltsam. Aber Lisa ist jetzt alt. Sie ist verwirrt. Das bringt mich und unbeteiligte, nachvollziehbar genervte Mitreisende erstmals an Orte auf diesem Planeten, die noch nie zuvor ein moderner Mensch sehen wollte.

Navi, alt

erneut unterwegs mit dem Miet-Yaris

Es hätte so schön sein können. Immerhin haben wir beim Autovermieter 110 Euro Leihgebühr gespart, weil wir mein altes Navi mit in den Urlaub genommen haben. Dass diese Ersparnis nicht mal für eine einzige Paartherapiestunde reicht war mir bis dato nicht ganz klar. Ich vertraue meinem alten TomTom. Es hat mich 7 Jahre lang da hin gebracht, wo ich hin wollte. Immer! Okayyyy….. in den vergangenen Jahren vielleicht nicht immer auf dem bestmöglichen oder schnellsten Weg, denn das Teil stammt noch aus einer Zeit, in der es keine lebenslangen Kartenupdates gab. Das gute alte “Nav Share”, also von einer emsigen Online-Community bereitgestellte, selbst erlebte kleine Korrekturen der Verkehrswege waren damals zwar eine prinzipiell gute Idee, diese Korrekturen betreffen aber auch nur sowas wie Einbahnstraßen in falscher Richtung, Kreisverkehre wo keine sind oder neue Rechtsabbieger. Ganz neue Straßen berücksichtigt dieses Karten-Crowdfunding nicht, und glauben Sie mir, ganz neue Straßen sind seit 2007 eine ganze Menge gebaut worden. Aber nicht im Urlaubsland Portugal, denke ich mir, das wird schon alles so okay sein, bis hier sind die Fördergelder der EU noch nicht geflossen. Ich schalte das Navi an, starte den Kleinwagen und fahre los. Wir wollen ins Nachbardörfchen, da soll es einen Supermarkt geben. Wein und Windeln sind alle.

Navi, alt

Neben der Spur

Da vorn links, von da sind wir gestern gekommen…” sagt nicht das Navi, sondern die eine Frau an meiner Seite. Die, auf deren Aussagen ich eigentlich hören sollte. Ich biege rechts ab. Der Akku von Lisa ist nach all den Jahren so tot, dass sie permanent am Zigarettenanzünder hängen muss wie ein Junkie am Methadontropf. Nicht schlimm. Schlimm ist, dass sie senil wird und immer länger braucht, um ihre Satelliten zu finden. Meistens genau so lange, bis ich exakt in die falsche Richtung gefahren bin und sie mir zart ihr laszives “Drehen Sie wenn möglich um…” ins Ohr säuselt. Wenn ich meine beiden Töchter als Stimme aktiviert habe, dröhnt mir in so einem Fall schmähende Häme entgegen, den Wortlaut möchte ich Ihnen an dieser Stelle ersparen. Meinem halbfinnischen Fräulein Altona auch, deshalb textet Lisa ihre unkreativen Phrasen jetzt quasi vorhergesehen (denn ich bin ja nicht links abgebogen). Die nicht Lisa heißende Dame neben mir ist schon genervt genug von der Tatsache, dass wir uns anscheinend gerade auf einer Straße befinden, die es gar nicht gibt. Ein Projekt aus EU Fördermitteln. Lisa ist entsprechend nervös und orakelt sekundenweise neue Abkürzungen, die derart nerven, dass ich ihr mit zwei Fingertipps den Mund verbiete. Durch frisch betonierte Serpentinen geht es den Berg rauf. Meine Beifahrerin wird langsam grün, die kleine Frau im Fond ist in ihrem Kindersitz resignierend eingeschlafen.

Navi, alt

schön hier, über der Baumgrenze

Das Navi gibt alles, um uns vorausschauend landschaftlich hinreißende Orte in diesem Land zu zeigen, was heute gar nicht das erklärte Ziel mindestens einer in diesem Auto anwesenden Person war. Als wir nach 20 Minuten auf der EU-Betonpiste oberhalb der Baumgrenze mitten in schlechtes Wetter geraten wagt meine attraktive Reisebegleitung erstmals, mich zu fragen, ob ich vielleicht in letzter Zeit mal an den Erwerb eines neuen Navis oder zumindest an ein Kartenupdate gedacht habe…? Ja. Habe ich. Aber die neuen Karten kosten für dieses alte Gerät pro Jahr 70 Euro, das lohnt sich ja nicht. Und warum sollte ich ein neues kaufen, das alte tut’s doch noch ganz gut? Das geht doch noch? Sie ist da irgendwie anderer Meinung und guckt böse aus dem Fenster. Irgendwo hier wird das Dörfchen mit dem Supermarkt schon sein, ich kann schließlich nichts dafür dass die in Portugal absurde Kilometerangaben auf ihre Schilder drucken, wenn sie überhaupt Schilder aufstellen. Und andauernd neue Straßen bauen. Kann denn nicht mal etwas so bleiben, wie es war? Schlüssel rum, Motor aus. Ich halte an und steige aus, es ist doch schön hier oder nicht? Oder? Oder was?

Navi, alt

Endlich wieder Pathos-Selfies

Ja, sagt sie, es sei schön hier, aber das sei es im Niendorfer Gehölz bei Hamburg auch, und auch da wolle sie jetzt nicht hin. Ob ich mich an den Supermarkt erinnern könne, bei dem wir laut meinen epischen Versprechen seit 15 Minuten sein müssten? Zu dem wir nur kurz aufgebrochen seien, um ein paar Kleinigkeiten zu besorgen? Ach ja, stimmt. Ich bitte meine gut organisierte Lebenshälfte um eine weitere Minute ihrer Geduld, während ich noch ein paar obligatorische Pathosbilder mache, mit Auto am Rand des Abgrunds, Blick auf den Horizont und weitem Land unter mir. Leider ist dieses Auto, ich kann es drehen und wenden wie ich will, nicht für solche Bilder geschaffen. Es sieht einfach unglaublich scheiße aus, verzeiht mir ihr Designer bei Toyota, ich wünsche euch von ganzem Herzen viele viele Kunden – aber ich bleibe bei kantigen Stufenhecklimousinen und vieräugigen Alt-Daimlern. Selbstauslöser. piep piep piep *klick* Gleich noch eins :-) Aus dem Inneren des Wagens höre ich Gebrummel über die typischen männlichen Zeitangaben. Ich liebe diese Frau. Sie ist sehr geduldig mit mir, sie ist trotz der vergangenen fast sechs Jahre immer noch an meiner Seite und ohne sie würde ich vermutlich wie ein Schiff ohne Segel steuerlos über einen großen Ozean aus Planlosigkeit treiben. Ich mach noch mal ein Selfie vor dem Schild mit der Schneefallwarnung.

Navi, alt

FAST … auf dem richtigen Weg.

Man muss dazu kurz rekapitulieren, dass es Sommer ist und wir in Portugal sind. Dann ist es lustig, ich poste es gleich mal bei Facebook. Nein. Hier ist nicht mal ein Handynetz. Und wir sollten jetzt tatsächlich mal zu diesem Supermarkt, weit kann er ja nicht mehr sein, so lange wie wir schon hier auf diesem Bergkamm umherkurven. Oder Lisa, was sagst du? Sie sagt nichts mehr, denn sie hat sich komplett stromlos resettet, als ich den Motor und die Zündung ausgemacht habe. Der Neustart der antiken Software dauert jetzt ein bisschen, ich fahre schon mal vorsichtig weiter, weil ich noch einen Funken Resthoffnung in den schönen Augen meiner erwachsenen Mitreisenden auf dem Beifahrersitz erkenne. Links unten im Tal entdecke ich Häuser. Das Navi ist schon fast wieder da, immerhin erscheint schon wieder mein Zuhause in Kiel auf dem Bildschirm, jetzt müssen im Orbit nur noch ein paar versprengte Satelliten gefunden werden. “Mein Gefühl sagt mir, dass wir hier jetzt rechts abbiegen sollten…” murmelt meine große Liebe mit leicht resigniertem Unterton. Solange sie noch mit mir spricht ist weder Hopfen noch Malz verloren. Oder ist es nur ihr ungebrochener Überlebenswille? Ich habe allerdings links die Häuser gesehen und argumentiere beharrlich, dass das die bessere Richtung sei. Sie guckt aus dem Fenster. Ich biege links ab und vernehme nach ein paar 100 Metern von der aus ihrem Dornröschenschlaf erwachten Lisa “Drehen Sie wenn möglich um.” Ups. Auf einmal, na toll. Das geht hier aber gerade nicht. Bestimmt kommt bald eine weitere Kreuzung, oder Lisa berechnet den Weg in diese Richtung neu.

Navi, alt

Stonehenge?

Wenigstens scheinen wir in Gegenden vorzudringen, in denen zumindest die Ureinwohner irgendwann mal heidnische Kultstätten errichtet haben. Auf den Grundmauern dieser Opferaltäre sind im 19. Jahrhundert oft Supermärkte gebaut worden. Leider kann Lisa uns momentan nicht sagen, wo genau wir sind, die nach unten ins Tal dichter werdende Vegetation aus Bäumen hat sich vor die Satelliten geschlichen. Das mag sie nicht. Inzwischen sind wir meiner Meinung nach auch schon zu weit in Richtung der gesichteten Häuser gefahren, um jetzt noch umzukehren. Unser Benzin reicht noch für mindestens 50 Kilometer, wir sind mitten in Portugal – herrjeh das KANN doch nicht so schwer sein, diesen Supermarkt zu finden? Ich denke an die hippen kostenlosen Verkehrshotlines deutscher Privatsender (“auch vom Handy aus!”), bei denen ständig vom Leben gelangweilte selbsternannte Überland-Sherriffs anrufen und im perfekten Ordnungshüter-Sprech dienstbeflissen die Verkehrslage vor ihrem Dauercampingplatz durchgeben. TomToms “Nav-Share” hätte funktionieren können, genug Melde-Lemminge sind in diesem Land vorhanden. Mein halbfinnisches Fräulein Altona hat sich aus meinen Monologen ausgeklinkt und ist damit beschäftigt, das auf dem Rücksitz erwachte und hungrige viertelfinnische Sandmädchen mit einer Banane bei guter Laune zu halten. Reise Reise. Ich muss mal. Aber alles wird gut, hinter einer engen Kurve um einen beeindruckenden Felsen herum erscheinen die ersten Anzeichen menschlicher Zivilisation!

Navi, alt

Ein Dorf im eigentlichen Sinne ist das nicht.

Äh. Ja. Das ist nun nicht genau das, was ich mir erhofft hatte. Kleinlaut blicke ich in Richtung des Beifahrersitzes. Von dort kommt weder ein “siehste” noch ein “hab ich doch gesagt”, von da kommt momentan gar nix. Ich fürchte, sie macht intern wieder einen Haken auf der langen Liste der Sandmann-Idiotien, die definitiv zu verhindern gewesen wären. Warum habe ich vor dem Urlaub eigentlich als zufriedenes ADAC Mitglied nicht diese superpraktische Urlaubsbox geholt, mit Touristeninformationen, Sehenswürdigkeiten und vor allem großen Karten über das Land, in dem man sich gerade befindet? Die gute alte Straßenkarte. Wie wünsche ich sie mir jetzt. Lisa hat sich inzwischen wieder zurechtgefunden, der Bildschirm dreht sich ein paar mal um sich selbst und zeigt uns mit unserem Toyota als kleinen Pfeil inmitten einer öden Gegend, in der die Straßen keinen Namen haben. Ach, das meinte Bono also damals. Vom Rücksitz kommt fröhliches Gegluckse, gefolgt von ein paar ersten Zweiwortsätzen. Die süße kleine Gurke. Es ist ein erhabenes Gefühl, sie aufwachsen zu sehen. Ihre Mutter wird ihr später beibringen, nicht so starrköpfig wie ihr Vater zu sein. Hoffe ich. Ich bringe den japanischen Kleinwagen noch einmal zum Stehen, weil ich meine Blase entleeren möchte, bevor ich weitere Pläne schmiede.

Navi, alt

Ach, kommen Sie doch rein.

Auch meine allerletzten Hoffnungen schwinden, hier noch etwas zu finden, was ich meinem halbfinnischen Fräulein Altona als den gesuchten Supermarkt verkaufen kann. Ich gebe mich geschlagen. Wahrscheinlich wird es das beste sein, den Weg einfach wieder komplett zurück zu fahren und nochmal bei der ersten Kreuzung tief in die Augen der Dame mit dem zumeist richtigen Bauchgefühl zu gucken, sie zu fragen, was sie glaubt in welche Richtung wir wohl fahren sollten, diese Aussage dann auch ohne Rücksicht auf die eigene Meinung zu befolgen und die Aktion noch mit dem Versprechen zu würzen, nach diesem Urlaub ein neues, ein nagelneues Navigationsgerät zu kaufen. Das klingt nach einem guten Plan. Ich fahre los. Zurück. Raus aus diesem Tal. Wo immer wir hier auch gerade gelandet sind, nach gruseligen Lost Places steht mir heute der Sinn gar nicht. Mit jedem Kilometer in die richtige Richtung hellt der Blick meiner Freundin auf. Lisa, das verwirrte TomTom, findet sich auf der EU-Betonpiste wieder nicht aber behauptet nun, dass wir prinzipiell auf dem richtigen Weg seien. Lisa, das ist mir egal, das rettet dich jetzt auch nicht mehr und deine Meinung ist nicht gefragt. Nicht mehr.

Navi, alt

Angekommen!

Alors, da sind wir ja. “Nach 100 Metern, Sie haben Ihren Bestimmungsort erreicht.” Gefahren nach Schildern und dem Bauchgefühl meiner halbfinnischen humanoiden Navigationshilfe. Vertrauen Sie immer auf das Bauchgefühl der Frau, die Sie lieben. Immer! Und widersprechen Sie ihr nicht ständig, wenn Ihre Erfahrung aus der Vergangenheit Sie schon gelehrt hat, dass ihre Vorschläge meist gut sind. Mein erster Weg nach unserem Urlaub wird mich in einen Elektronikfachmarkt in der Innenstadt führen. Es soll definitiv wieder ein TomTom werden, allein schon damit ich die Stimmen meiner Töchter mit “rüberretten” kann. Außerdem mag ich TomTom irgendwie. Gleichwohl ich in prähistorischen Zeiten mal Sorgen mit der Befestigung hatte, man erinnert sich vielleicht? :-) Aber da wurde mir im Anschluss tatsächlich unbürokratisch geholfen, und hey, das Navi von damals habe ich schließlich noch immer Navi, alt Mal sehen, was da heute so angeboten wird, ab 150 Euro bekommt man schon lebenslange Kartenupdates aus Amsterdam. Mehr will ich ja gar nicht. Und hören Sie mir auf mit gratis-Navis auf dem Handy oder meinetwegen auch Kaufversionen (ich als Telekom Kunde habe Navigon für 10 Euro komplett drauf) – mein Handy ist ein Telefon. Damit will ich einfach nicht navigieren, denn IMMER wenn ich das doch mal mache ruft jemand an und ich verfahre mich, während die Sprechstimme dem Anrufer ständig reinquatscht. Neee. Ich will TomTom. Und ich will diese tolle Frau an meiner Seite. Und jetzt kaufen wir endlich Wein und Windeln und machen noch was au