Timeline

Alle Motorkultur Artikel.

Gesamt: 486 BeiträgeAnzeigen: 1 - 100 Beiträge
Unterkategorien : Stories , Themen
31 May 2015
Zu den Favoriten hinzufügen   Jens Tanz  

Plakettengeschichten

Plakettengeschichten

Alle zwei Jahre wieder

Aaaaaa_lle Jaaahre wiiiiie_deeeer … koommt da_haaas Prüferkind
Untern Daimler nie_hiiie_der wo die_hie Mängel sind ♫
Es ist soweit. Der treue S210, das ach so verschriene “Rostmodell”, muss zur Hauptuntersuchung. Hatte ich den nicht grad erst gekauft, mit fast frischem TÜV? Ist das schon wieder so lange her? Verdammt. Er fährt ja sehr souverän und fluffig, zuverlässig und sparsam, ging während all dieser Kilometer niemals kaputt (im Gegensatz zum Taxi) und rostet, soweit ich das sehen kann auch nur unter den Dichtungen der hinteren Türen. Also denke ich mir – fahr ich doch einfach mal hin zu den freundlichen plakettenklebenden Jungs und nehme, wie beim Audi, gleich einen frischen runden duftigen Aufkleber in rosa mit nach Hause. Äh…. nein. Das war falsch gedacht :-( Und es ist der Anfang einer Bestell- und Schrauberodyssee, die so nicht eingeplant war.

Eine Mängelliste, länger als ein Weihnachtslied.

Plakettengeschichten

Mehr Text als ein Weihnachtslied

Es ist mehr als eine Mängelliste – es ist eine kleine Katastrophe. Nicht in den Augen von jemandem, der professionell Autos restauriert und auch nicht in den Augen von jemandem, der ne Menge Zeit zum Schrauben an seinen Autos hat. Aber in meinen schon, denn der Benz wird täglich gebraucht, ich habe sowieso im Sommer chronisch kein Geld übrig und überhaupt war das jetzt so echt nicht eingeplant. Dreck. Nebelleuchten sind Pipifax, ein “undichtes” Diffi auch (das ist einfach seit 2 Jahren niemals sauber gemacht worden) – aber gebrochene Federn vorn? Verdammt. Ein Klassiker beim W210 und S210. Und der damit zusammenhängende Reifenverschleiß, na gut, selbst Schuld, wenn sich die Karre korrodierend selbst tiefer legt laufen auch die Reifen unrund ab. Der Rost hält sich in Grenzen, nur zwei Stellen, was um alles in der Welt ist denn der “Hilfsrahmen”? Ist das die hintere Achsaufhängung? Na super. Und die Bremsschläuche und die Bremsen gehören offensichtlich zu den bedrohten Arten, wenn auch nicht akut. Und der Auspuff. Ach? Hört man gar nicht. Genaugenommen eine gute Bilanz für ein 14 Jahre altes Auto, das bisher nicht viel Liebe von mir bekommen hat. Ich habe nicht ein einziges mal drunter gelegen. Das sollte, nein das MUSS ich wohl jetzt mal nachholen. Erstmal zu Markus1975 nach Wahlstedt, da steht noch mein Taxi. Schauen wir doch einmal, was wir von dem noch so retten können.

Plakettengeschichten

Er schwindet dahin, der weit Gereiste

Da ist er wieder. Der alte Herr mit den 650.000 Kilometern auf dem Tacho. Er liegt da rum, als hätte ich ihn grad erst geholt. In schweren Zeiten hat er meistens funktioniert. Ja, es gibt ihn noch, aber auch nur weil ihn niemand, ich betone NIEMAND nicht mal mit TÜV und einem Haufen neuer Teile (Servolenkgetriebe, Bremsen, Scheinwerfer, Saugrohr, Dieselleitungen und und und) für magere 900€ haben wollte. Tz. Egal, zu spät, das Schlachtfest hat begonnen. Schlösser, Türverkleidungen und Fensterheber sind schon raus, die hinteren Leuchten auch, da könnte ich die Nebelschlussleuchte abzweigen. Aber der Rest… Hm. Für meinen Daimler ist da quasi nix dabei, jedenfalls nicht, wenn man es ernst meint mit seinem Leben. Gebrauchte Bremsen baue ich nicht ein, da kommen nur neue Teile an die Achse. Die alten Federn kann ich auch nicht nehmen, weil ich jetzt ja die Ausstattung “Avantgarde” fahre, der ist ab Werk ein bisschen tiefer als der “Classic” und hat andere – kürzere – Federn. Na super.

Plakettengeschichten

Brauch ich alles nicht – also ab zu ebay

Dann schleppe ich eben den ganzen Kram in der Pappkiste mit und beginne, den beigen Truppentransporter bei ebay rauszukloppen. Irgendwann mal. Wenn ich dazu Zeit habe, meine Uhr tickt jetzt erstmal die Tage bis zur 5 Euro teuren Nachprüfung runter. Warum hat mir in der Werkstatt eigentlich niemand gesagt, dass da der TÜV selbst prüft? Also der “TÜV” TÜV? Mit der DEKRA oder der GTÜ habe ich zeitlebens wesentlich entspanntere Erfahrungen gemacht. Okay, gebrochene Federn müssen bemängelt werden. Aber der Auspuff und der Hilfsrahmen… Nächstes mal stehe ich wieder mit dem Prüfer gemeinsam unter dem Auto. Markus, lass uns den Dicken mal auf die Bühne nehmen bitte. Ich will das mit eigenen Augen sehen.

Plakettengeschichten

Oh. Ach DAS meinte der Prüfer.

Ups. Ja nun. Der fette quer eingebaute Endtopf hängt nur noch an einer einzigen Aufhängung, die sich bei genauerem Hingucken als bereits schon mal nachgeflickte winkelig gedengelte und stümperhaft angeschweißte Gewindestange entpuppt. Die Außenhaut ist quasi nicht mehr dran. Das sind Fluch und Segen des Turbodiesels mit Kat. Segen: Der ist hinter dem Kat so leise, dass ich auch komplett ohne Endtopf fahren könnte. Es… äh… es ist ja nicht so, dass ich das nicht auch schon mal über ein Jahr lang mit meinem Rudolf gemacht hättePlakettengeschichten *flööt* Fluch: Es scheint noch der allererste Topf unter der Heckklappe zu hängen (Hut ab Mercedes-Benz), und niemand bekommt es mit, dass der sich nun endgültig aufgelöst hat. Weil man es nicht hört. Ach doch, einer hat es mitbekommen – der Prüfer. Vielleicht hätte ich mich vorher wenigstens einmal drunter legen sollen, mit so einer porösen Altblechatrappe ist es ja schon fast peinlich, auf eine Plakette zu hoffen. Wie unangenehm. Schauen wir mal, was das Rostmodell an Rost zu bieten hat:

Plakettengeschichten

Der Klassiker unter den Rostlöchern

Die Reserveradwanne. Ein Klassiker. Die tiefste Stelle im hinteren Fahrzeugbereich, wo sich alles sammelt, was so in einem Autoleben auf der Ladefläche ausläuft. Wasser, Brause, Bier, Wein, Farben und Lacke, Lösungsmittel, Urin von diversen Haustieren und was weiß ich was man alles in einem T-Modell durch die Gegend kutschiert. Das ätzt von oben. Von unten wirft in diesem Bereich das linke Hinterrad fleißig Wasser, Dreck und Salz dagegen. Da kapituliert irgendwann jedes Blech, das ist nicht nur bei Mercedes so. Also. Die ist nun durch. Die Wanne. Aber das sollte kein Problem sein, der Bereich ist nach Demontage des inneren Plastik-Radkastens (drei Schrauben) gut zugänglich. Vorher muss natürlich das Reserverad raus Plakettengeschichten Bei modernen Autos kennt man dieses Problem nicht, die haben ja keine Reserveräder mehr. Da steckt nur noch eine Dose Reifenpilot in der Seitenablage, na wenn das bei einem Platten mal wirklich reicht? Ich habe gern noch ein altes, schweres Reserverad und das gute Gefühl, definitiv nicht wegen einer kalten Lötstelle in irgendeinem bekloppten Steuergerät liegenzubleiben. Aber ich schweife ab.
Hallo Hilfsrahmen.

Plakettengeschichten

Das ist ja fast schon albern.

Spiegelverkehrt zur durchgerosteten Reserveradwanne ist im Spritzwasser des rechten Hinterrades ein Winkelblech, an dem der rechte innere Radkasten angeschraubt wird. Mehr nicht. Keine tragenden Teile und eigentlich auch keine weitere Funktion. Hier verzeichnen wir den aus Funk und Fernsehen bekannten Lochfraß, der sonst nur an den Heizstäben von nicht-Kalgon-gepflegte Waschmaschinen auftritt und von einem Herrn Bürgi demonstriert wurde. Genaugenommen kein Grund zur Bemängelung, aber ich denke der Prüfer zeigte sich von dem rotten Auspuff und den gebrochenen Federn derart provoziert, dass er sich gleich das ganze Paket aufgeschrieben hat. Wenn schon denn schon. Okay, es ist wie es ist, ich habe ab jetzt noch drei Wochen Zeit und eigentlich keine Zeit.
Auf ins Netz, zum Start der Aktion die benötigten Ersatzteile ranschaffen. Die Zeit läuft. Mein Schwerpunkt: NICHT den billigsten Schrott, den man gern mal bei ebay in zweifelhaften Shops bekommt. Ich will BOSCH, ATE oder andere Erstausrüster. Zumindest, was das Fahrwerk betrifft, beim Auspuff lasse ich noch mit mir handeln, da kostet so einer gern mal halb so viel wie der ganze Daimler. Was sind die bekannten Plattformen? kfzteile24.de? departo.de? autoteile-guenstig.de? Ich finde was ganz anderes. www.motointegrator.de:-) Schon mal gehört? Ich noch nicht. Liest sich aber gut, was dort geschrieben steht.

Plakettengeschichten

Ab ins Netz, Teile kaufen.

Bau ich das doch mal in meine Geschichte ein: Motointegrator gehört zur Inter Cars SA, die seit 25 Jahren weltweit Ersatzteile vertreibt. Die bieten auch Teile für ältere, auch für SEHR viel ältere Autos an (auch für meinen 38 Jahre alten Audi, aber das ist eine andere Geschichte) und es gibt die Möglichkeit, zwischen Premiumanbietern und Budgetanbietern mit guten Kundenbewertungen zu wählen. Für europäische, amerikanische und asiatische Autos. Klingt wie ein Pressetext? Plakettengeschichten Nicht ganz, ich habe mich da ein bisschen reingelesen und dann meine Bestellung aufgegeben. Federn vorn von Lesjöfors, Bremsscheiben und Klötze von BOSCH hinten und vorn, dann gleich noch neue Traggelenke und Koppelstangen vorn. Bremsschläuche, einen Auspuff (da hab ich einen billigen genommen :roll: ) und wenn ich schon mal dabei bin neue Radlager hinten und vorn. Weil ich immer Lust habe, aus meinem Alltag eine Geschichte zu machen und weil ich ein kommunikativer Knopf bin rufe ich da einfach mal an:

Plakettengeschichten

Investigativ Telefonate

Drrriinggg hallo. Ich erfahre nicht nur, wie schnell die Teile da sein können (zwei Tage) sondern auch die weiter oben zitierten Firmeninformationen. Und ich bekomme noch ein kleines Schnäppchen: Einen Gutscheincode für Sie und euch hier im Blog. YES. Denn ich gehe mal davon aus, dass ihr die Website genau so wenig kennt wie ich, und wenn ich dermaßen freundlich behandelt werde gebe ich den Support gern weiter. Ab heute bis zum 01.06.2016 (also ein Jahr lang!) bekommt ihr auf alle eure Bestellungen bei Motointegrator.de einen Rabatt von 10% auf den Gesamtbetrag. Immer wieder. Und was müsst ihr dafür tun? Nix. Kein Gewinnspiel, kein Online-Seelenstrip, schaut einfach mal da rein und wenn ihr für euer Auto was findet – bestellt es mit dem Code und schönen Grüßen :-) Code? Code. Der hier:
SANDMANNSWE
Der gilt für Ersatzteile (und bitte NUR für Ersatzteile) und wird im Warenkorb eingegeben. Und dann gibt es 10%. Die Differenz nehme ich gern persönlich als Rotweinspende entgegen :-) Ich schick meine Liste jetzt mal ab und harre dem Postmann, dass er zweimal klingelt. 4. Stock. Na der wird sich freuen.

Plakettengeschichten

Augen auf bei der Berufswahl

Wer einmal drei Kartons mit Bremsscheiben und Klötzen, Radlagern, Traggelenken und ähnlichen Artikeln, die definitiv nicht aus leichtem Material hergestellt wurden, bis in den 4. Stock getragen hat der überlegt sich danach, ob er wirklich bei DHL oder GLS oder HERMES hauptberuflich Paketbote werden möchte. Der gute Mann, der das hier hochgebuckelt hat ist es schon, überlegt aber nun, den Job zu wechseln. Ich für meinen Teil finde seinen Einsatz super, fluche aber in mich rein weil ich die Pakete alle wieder RUNTER tragen muss. Ich kann die Arbeiten ja nicht hier oben in der Wohnung ausführen :-( Na toll. Aber beeindruckend ist, dass tatsächlich nach zwei Tagen alles da war. Sauber. Ich telefoniere derart euphorisch bestückt noch mit Markus und Alex. Beide haben Hebebühnen. Bei Markus wollen wir die Vorderachse angehen, bei Alex die Schweißarbeiten. With a little Help from my Friends, sangen die Beatles damals. Ich bin so dankbar über meine Kumpels aus der schraubenden Fraktion. Alleine würde ich das diesmal nicht stemmen….

Plakettengeschichten

Kombi? Braucht man nicht.

Sie erinnern sich an das Bild ganz oben? Da habe ich den Kram gerade ins Auto gebuckelt. Kombi – braucht man nicht? Hm. Vielleicht doch, es kommen nachher noch der Auspuff und die Federn dazu. Morgen schrauben und schweißen wir los. Und Sie werden gefühlt live dabei sein. Geschichten von Schweiß, Funken und Unterbodenschutz. Von Auspuffen und Blechtafeln. Von Fett, mitdrehenden Muttern und Rost. Und von der Erkenntnis, dass man bei dem W210 regelmäßig die Traggelenke wechseln sollte, sonst… aber bleiben Sie neugierig :-) Es geht bald weiter. Bis dahin mal alle ab auf  www.motointegrator.de, fein mit dem Code arbeiten, und berichtet mal ob ihr da für euer Auto fündig geworden seid. Bei mir hat alles wunderbar geklappt!
Und schimpft nicht auf das Vierauge. Andere Autos rosten und verschleißen auch. Wir lesen uns dann von unter der Hebebühne…

Sandmann

Read more

Created Sonntag, 31. Mai 2015 Tags Alltag im W210 | erhebliche Mängel | HU | Mängelbericht | mercedes | Mercedes S210 | T-Modell | TÜV | W210 Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
18 May 2015
Zu den Favoriten hinzufügen   Jens Tanz  

Wo ist mein Auto?

Wo ist mein Auto?

Vergessen? Nicht… GANZ.

Jugendlieben. Jugendsünden.
Die Karre, die in meinem Leben beides vereint existiert noch immer. Granada Coupé, Baujahr 1975. Gefahren von 1993 bis 1995 und dann so wie er war weggestellt, weil ich ihn damals eigentlich verschrotten oder verschenken wollte. Das habe ich nie getan. Nun stolpert ein Fernsehteam des NDR über meinen Blog und fragt, was denn aus dem Auto geworden sei? Und ob man mit mir eine kleine Reportage über das Thema “Unsere Geschichte – mein erstes Auto” drehen könnte? :-)Ja aber sehr gern!, sage ich der freundlichen Dame am Telefon. Wir machen einen Drehtermin. Und nur wenige Minuten später stehe ich total bedröppelt da. Wo hatte ich die Karre den rostigen Saurier eigentlich eingelagert? Ich habe weder einen Namen noch eine Adresse, und es ist fast 5 Jahre her dass ich mal da war. Verdammt. Wo ist mein Auto???

Total bescheuert, oder? Stimmt.

Wo ist mein Auto?

Ersatzteile rein und ab in die Garage

Jeden Monat überweise ich einen kleinen Betrag Garagenmiete für dieses alte V6 Schiff aus meiner Sturm-und-Drang-Zeit. Aber ich habe vergessen, wo der Örg und ich den damals hingeschleppt hatten. Ich war der Meinung, dass es ein Bekannter von ihm war und rufe ihn an. “Wa? Neee, ich hab keine Ahnung wer das war, der Kontakt kam von dir. Ich kenn den gar nicht!” Oh. Das hilft mir nicht wirklich weiter. Wer hatte mir denn diesen Stellplatz vermittelt??? Himmel! Das war irgendwo bei Rendsburg, ich erinnere mich noch daran, dass wir den Granada damals mit allen Ersatzteilen vollgeladen haben und von Örgs Werkstatt mit dem V8 und einem Trailer da hin zogen. Wann? Keine Ahnung, 2010 oder so. Ein Resthof, Wiesen und ein paar Garagen. Ein netter Kerl, der das alles gekauft hatte und da auch Konzerte veranstaltet. Ich frage auf Facebook rum und ernte vor allem Schmäh :-( Wie bescheuert man sein kann, dass man nicht mehr weiß, wo man sein Auto abgestellt hat. Ja nun. Ich hatte halt ein paar Jahre lang andere Sorgen, was soll ich denn machen? Keiner kann sich erinnern, woher der Kontakt zu dem Bauernhof herkam oder wo der überhaupt ist. Niemand. Außer Steffi, “Seinekleineschwester“, die mir einen Namen nennt, der sich mit dem Namen auf meinen Kontoauszügen deckt. Ah. Nun habe ich noch immer keine Nummer, aber einen Namen.

Wo ist mein Auto?

Ein Prosit auf den Stellplatz. Aber WO?

Obwohl….
Doch, eine Nummer habe ich schon. Nur eben keine Telefonnummer. Sondern eine Kontonummer. Der Drehtermin rückt näher, und ich komme mir täglich ein bisschen bekloppter vor, dass ich dem Redaktionsteam am Telefon regelmäßig sagen muss, ich wisse noch nicht genau, wo der Wagen eigentlich stehen würde, aber ich arbeite daran. Gut organisierten Menschen passiert sowas nicht, die wissen im Allgemeinen, wo ihre Autos stehen. Ich bin nicht gut organisiert. Und der Granada… steht da ja sogar schon recht lange…
Ich überweise dem Garagenbesitzer einen Euro, schreibe in den Betreff der Überweisung meine Handynummer und die Bitte, mich doch dringend einmal anzurufen :-) Ha. Ich Fuchs. Was Ole drei Tage später dann auch macht. Und ich falle aus allen Wolken. Ja klar. Ole!! Den habe ich auch als Ole im Telefon gespeichert, das ist der Typ wo mein Auto steht??? Und sein Resthof ist der Resthof, auf dem ich erst vor drei Wochen bei einem Konzert meinem Freund Danny zugehört und zwei Bier getrunken habe???? Ohne den Ort wiederzuerkennen, wo mein Coupé steht????? Ohgottogott es wird ja immer peinlicher. Ole ist umfassend amüsiert, ich frage ob er zu Hause ist und mache mich auf den Weg. Ich war ja grad erst da :roll:

Wo ist mein Auto?

Erkenntnisse…

Ja klar. Unter diesen Vorzeichen erkenne ich den Ort jetzt auch wieder. Ich denke, es ist ein deutliches Zeichen, sein Leben dringend zu entschleunigen, wenn man auf einem Konzert ist und noch denkt: Mensch das wär hier doch super, um alte Autos unterzustellen! – ohne das mit dem Platz übereinanderzubringen, an dem genau das eigene alte Auto bereits seit Jahren steht! Ole lacht und lacht, als ich ihm das erzähle. Ja na klar, Ole. Jetzt erkenne ich auch den Typen wieder, der uns damals in Empfang genommen und den Wagen eingelagert hat. Es ist der gleiche, der mir auf dem Konzert vor drei Wochen zwei Bier verkauft hat. Ich muss entschleunigen, noch mehr, echt dringend.
Ein Garagentor. Ich rufe das Filmteam an und gebe Entwarnung. Ja, sie können kommen. Ich habe mein Auto vermutlich wiedergefunden.

Wo ist mein Auto?

Ali Babas Schatzkammer

Da steht er. So, wie er 1995 abgemeldet wurde. Die Aufkleber sind noch drauf, die Bonbons im Handschuhfach und der Pizzazettel und ein Parkschein liegen im Fußraum. Es hat sich nichts verändert. Warum auch? Ich wollte ihn ja damals nicht verkaufen und habe ihn weder aufgeräumt noch sauber gemacht. Das Jahr 1995 ist direkt in ihm eingefroren worden.
Die Geschichte verdient eigentlich noch ein bisschen mehr Aufmerksamkeit und noch mehr Bilder, und glauben Sie mir – die kommen auch noch. Aber jetzt steht das Kamerateam neben mir und filmt mich, wie ich zum ersten mal seit all diesen Jahren das Tor öffne. Und was so in mir vorgeht, als ich mich wieder in meinen alten Granada setze. Nicht ganz mein erstes Auto, aber fast. Und dieser Film kommt am Mittwoch Abend um 21:00 Uhr im NDR Fernsehen: Unsere Geschichte – Mein erstes Auto.
Vorher bin ich noch ab 16:10 Uhr live zu sehen auf dem Sofa in: Mein Nachmittag.

So, und nun kommt ihr :-) Habt ihr auch schon mal euer Auto nicht gefunden? Und dann? Ich bin gespannt auf das Interview (ich habe KEINE Ahnung wie das laufen wird) und ich bin gespannt auf die kleine Reportage (ich habe KEINE Ahnung was da von dem gefilmten Material gesendet wird). Und ich hoffe, Sie und ihr seid dabei?

Sandmann

Read more

Created Montag, 18. Mai 2015 Tags Absurdistan | Coupé | finden | Ford Granada | Granada Coupe | Granada MK 1 | Heimwärts Highways | Scheune | vergessen Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
13 May 2015
Zu den Favoriten hinzufügen   Jens Tanz  

Brot und Spiele

Brot und Spiele

Groß, rund, unfassbar

Von zweien, die drei Tage in der Antike waren
Liebes Tagebuch.
Drei Tage sind viel zu kurz, um alle gegessenen Pizzen hier zu zeigen. Ich bin ja kein Food-Blogger, ich finde es schon anstrengend genug, auf Facebook ständig sehen zu müssen, was andere gerade essen, wie sie es kochen oder in welchem Etablissement sie gerade sitzen :-) Heute kommen zu unserem städtischen Etablissement noch ein paar kleine Katastrophen dazu, ähnlich wie auf dem Hinweg, viele alte Steine und jede Menge ganz alte Geschichte zum Anfassen unter einem blauen, italienischen Himmel. Ein paar der geschichtsträchtigsten Plätze Roms und Bestandteil der meisten Asterix Hefte – der große Zirkus und die klassische Tempel- und Shoppingmeile. Beides rund 2000 Jahre alt, beides nicht mehr ganz so gut erhalten und beides natürlich mit sagenhaft langen Schlangen von blöden Touristen belagert. Endspurt, los, ich will heute mal was altes sehen! Und ne Pizza.

Man –könnte– wie zu all den anderen Plätzen in den vergangenen Tagen zum Kolosseum von hier aus zu Fuß gehen, aber heute sind wir faul.

Brot und Spiele

unter der Erde

U-Bahn fahren in Rom klingt vielleicht auf den ersten Blick abenteuerlich, auf den zweiten ist es das auch. Nicht etwa, weil das Schienennetz so verwirrend ist, nein, daran liegt es nicht. Ich hatte mich schon gewundert, warum die freundliche Dame in der unter Tage befindlichen Information zwischen Pennern und Selfie Stick Verkäufern lachend zusammengebrochen ist, als ich sie nach einem Linienplan für das U-Bahn Netz fragte. Sie hätte mir auch fast einen verkauft, aber ich wollte keine drei Euro zahlen. Später wusste ich dann, warum wir ihr Lachen noch zwei Stationen weiter hören konnten: Es gibt unter Rom nur zwei U-Bahn Linien, die in einem Kreuz unter der Stadt laufen. Zwei. Es ist quasi unmöglich, in die falsche einzusteigen. Ah. Was diese Art der Fortbewegung aber trotzdem abenteuerlich macht ist die schiere Menge an Menschen, die an besonders bekannten Haltestellen gleichzeitig in die Züge ein- oder aussteigen will. Aber irgendwas ist ja immer. Wir sind da.

Brot und Spiele

Ich hatte mir das größer vorgestellt

Das Kolosseum. Endlich! Während wir noch überlegen, ob wir uns hinten an die Schlange anstellen oder wieder die zeitraffende Touristenfalle “Skip the Line” kaufen lese ich mich ein bisschen in die Geschichte dieses gigantischen Theaters. Denn hier war ich damals nicht drin. Ungefähr ein Menschenleben nach Christi Geburt ist das Kolosseum fertig geworden und bot damals 50.000, ja FÜNFZIGTAUSEND Menschen Platz. Die saßen auf mehreren Rängen auf Marmorklötzen, der Eintritt war frei, es fanden den ganzen Tag Veranstaltungen statt. Das Volk wollte bei Laune gehalten werden, denn wenn es genug zu Essen und gute Unterhaltung hatte fing es nicht an, die Regierungsform zu hinterfragen. Der Zirkus muss beeindruckend gewesen sein, wilde Tiere, aus den fernen römischen Kolonien auf der ganzen Welt mit Schiffen rangeschafft wurden über den Sand der Arena in der Mitte getrieben. Für die Giraffen gab es sogar extra hohe Tore. Und natürlich sahen sich Kinder wie Erwachsene nicht nur die lustigen Tiere an, sondern auch die nicht ganz so lustigen Menschen, die auch da unten waren. Und dann wurde es krass. Aber Moment, da wanzt sich ein britischer Einpeitscher an uns ran und will uns geführte Kombitickets für den Zirkus und das Forum Romanum verkaufen. Jep. Nehmen wir. Und jetzt bin ich erstmal pleite, aber drin.

Brot und Spiele

Echt und groß. Skip the Line.

Die diesmal nicht ganz so attraktive, aber trotzdem sehr belesene Führerin kniet sich professionell rein und erzählt uns allerhand von der Architektur und den Dingen, die zwischen den Mauern passiert sind. Damals. Zwischendurch betont sie ein paar mal, dass wir alle zunächst bei der Gruppe bleiben sollen, weil wir keine einzelnen Tickets haben und nur im Verbund mit dieser Gruppe nachher raus und auch ins angrenzende Forum Romanum und den Palatin wieder REIN kommen. Check. Und dann blende ich sie langsam aus und versinke in Vorstellungen, Geräuschen und haptischem Begreifen.
Es gibt nur noch eine kleine Ecke, in der die Bänke aus Marmor so sind wie sie mal waren. Alle anderen Steine hat man nach und nach als Baumaterial für andere Gebäude verwendet, Petersdom und so. Aber trotzdem vibrieren die Steine vor lauter Geschichte. Was muss hier für ein Wuseln, für eine Stimmung gewesen sein, als die tausende von Zuschauern in den Morgenstunden aus den Vomitorien auf die Ränge gekotzt wurden? Die Arena in der Mitte war mit Holzplanken belegt, auf denen frischer weißer Sand lag. Darunter schlängelten sich im Dunkeln, spärlich und stinkend beleuchtet von Fackeln, die Gänge und Räume für die Kämpfer, die Gladiatoren, und die wilden Tiere. Es waren verurteilte Verbrecher und Sklaven, die hier ihrem fast sicheren Tod entgegen sahen.

Brot und Spiele

Die Sprengung von allem Fassbaren

Zur Belustigung des Volkes kämpften Menschen gegen Menschen oder gegen Tiere. Sie hatten verschiedene Waffen, vom Netz bis zum Schwert, und wurden sogar in eigens dafür eingerichteten Schulen für diese Kämpfe ausgebildet. Ihre einzige Überlebenschance war, den Kampf zu gewinnen oder eine so gute Nummer hinzulegen, dass der oft anwesende Imperator, der Caesar, seinen Daumen hob und damit dem Gladiator die Freiheit schenkte. Ihm zumindest seinen Tod ersparte. Oft stimmte auch das Publikum ab. Nach einer bestimmten Anzahl von überlebten Kämpfen konnten einige der Statisten sich auch freikaufen. Soweit die historische Theorie. In der Praxis erstachen und zerfleischten sich täglich Menschen und Tiere, und jeden Abend war der weiße Sand rot von Blut und Leichenteilen und muss besonders an warmen Tagen erbärmlich gestunken haben. Und wer nicht oben in der Arena gestorben ist verreckte später elendig an seinen infizierten Wunden. Die Zuschauer aßen dabei Knabberkram und amüsierten sich köstlich.
Und wissen Sie, was mich an all dem jetzt so fasziniert? Es ist HIER gewesen. Das ist kein Museum oder ein Film, es war genau HIER. Ich fasse die Mauern an, die schon vor 2000 Jahren todgeweihte Menschen berührt haben. GENAU diese Mauern. Sie sind genau diesen Wen über genau diese Steine gegangen. Das plättet mich immer wieder.

Brot und Spiele

Alle da? Dann kann es ja losgehen.

Wie muss die Luft gekocht haben unter den riesigen Sonnensegeln, die an hölzernen Masten über der Arena gespannt waren? Und was für ein krasser Kontrast zum Geruch von Schweiß, Blut und Tod unter dem Sandboden in den Gängen, wo man die Tiere schon fauchen und scharren hören konnte. Ich streiche über die Brüstungen, fasse alles an, versuche es zu begreifen und stelle mir die Szenen vor. Unsere Führern ist inzwischen zum Ende gekommen und ermahnt uns, um 16:30 Uhr an dem Bücherladen am Ausgang zu sein, von wo man uns geschlossen rüber zum Forum führen wolle. Meine große Tochter und ich stromern noch die Ränge rauf und runter, lachen über die Selfie Stick Fraktion und genießen ganz nebenbei auch die echt bräunende Sonne Italiens, während Norddeutschland im Regen ersäuft. Ach ja, einen Selfie machen wir natürlich auch noch, nein, SIE macht ihn. Ganz ohne Stick. Wie sich das gehört für eine angehende Fotografin Brot und Spiele Hübsch ist sie. Und ich kann herrlich blöd gucken. So haben wir eben alle unsere Gaben…

Brot und Spiele

Selfie ohne Stick

Um 16:25 Uhr stehen wir am Bücherladen.
Um 16:35 merken wir, dass es zwei gibt, und der hier ist nicht der am Ausgang.
Um 16:38 ist niemand mehr da, mit dem wir mitgehen könnten.
Na klasse. Rausgehen bedeutet endgültig raus, ich habe aber sehr viel Geld für das Kolosseum UND das Forum bezahlt und ärgere mich grün und blau.
Greg, ein smarter Brite mit vielen neugierigen Menschen im Schlepptau fragt mich, wie denn unsere Führerin geheißen habe. Das weiß ich doch nicht! Klein, 50, schwarze Haare, wenig Humor. Er telefoniert. Er erklärt ein paar Leuten die Situation. Verrücktes Business, die kennen sich alle. Und er schickt uns raus aus dem Kolosseum, raus auf den Vorplatz. Denn da steht die nächste Gruppe mit einer neuen smarten Führerin, die uns zwei kostenlose Tickets in die Hand drückt, die eigentlich die Guides bekommen. Bei einer Kontrolle müssten wir wohl draußen bleiben, wir seien ja schließlich keine Guides, aber man könne es ja mal versuchen, sagt sie. Das finde ich cool. Sehr cool.

Brot und Spiele

Menschlichkeit. Überraschend.

Ein Stück Restglauben an die Menschlichkeit zurück gewinnend sitzen wir zwei noch ein bisschen vor dem Forum und dem Palatin, dem ersten besiedelten der sieben Hügel Roms rum und mampfen ein Sandwich mit luftgetrocknetem Schinken und Mozzarella. Pizza gibt es hier nicht. Wir üben den unbeteiligten Blick, den die Guides beim Passieren der Schranken immer aufsetzen und glauben fest an unseren Erfolg. Bisher hat doch alles einwandfrei geklappt, wenn auch mit Stolperfallen. Und 15 Minuten später stehen wir zwischen alten Mauern und erfahren auf Englisch wissenswertes über die Paläste auf dem Palatin, die Geschichte der ersten Besiedlung Roms und die Zeit um Christi Geburt. Nun weiß ich auch, warm es nur zwei U-Bahnen gibt. Es ist fast unmöglich, Tunnel unter der ewigen Stadt zu graben, ohne nennenswerte Mengen an historischem Material zu zerstören. In den Jahrtausenden ist der Sand und Matsch um etwa sechs Meter nach oben gewandert, man vermutet dass rund 2/3 der antiken Mauern noch immer unter dem Erdboden darauf warte, ausgegraben zu werden. Nicht jeden hat freilich das antike Welterbe beeindrucken können. Mussolini ließ ohne Rücksicht auf Verluste eine breite Prachtstraße quer durch die Ruinen und Ausgrabungen ziehen, um seinen Kollegen Hitler mit einer Fahrt in Richtung Kolosseum zu beeindrucken. Seltsame Prioritäten. Wir stehen derweil unter einem Triumphbogen, der von Kaiser Titus, auf dem ein Gespann mit vier Pferden zu sehen ist. Hinten drauf steht die griechische Siegesgöttin Nike, und ich mag dieses Motiv so gern, weil ihr geschwungener Flügel ganz rechts im Bild das Logo einer ähnlich klingenden Bekleidungsmarke geworden ist Brot und Spiele

Brot und Spiele

Nike? Ja, Nike.b

Vom Palatin aus, auf den Ruinen der gigantischen Villa von Augustus stehend, hat man einen grandiosen Blick auf den Circus Maximus, die vermutlich größte Arena der Antike und der Neuzeit. Der Welt. Des Universums. Es hat nie wieder einen größeren Veranstaltunsort gegeben. Und wissen Sie was? Der Anblick ist relativ unspektakulär, man ahnt das Oval der Rennbahn für die Wagenrennen und die Anhöhe der Tribünen, alles mit Gras bewachsen. Keine Steine. Na klar – die liegen ja auch alle ein paar Meter unter Dreck und Schlamm, und weil es da recht sumpfig ist hat man noch nicht mit den Ausgrabungen angefangen.
Es gibt fesselnde Bücher, welche die Plätze dieses Zentrums des kulturellen und politischen Lebens der Stadt mit durchsichtigen Folien im Heute und Damals darstellen. Es muss hier wunderschön und beeindruckend urban gewesen sein. Es gab Brunnen, Basiliken und Kirchen, der Senat tagte hier und mittendurch geht die Via Sacra, die berühmte alte Straße vom Kapitolhügel zum Kolosseum, auf der schon so mancher Imperator in seinen Sandalen stapfte. Und da ist es wieder. HIER war es. Ich laufe den gleichen Weg, das ist kein Museum. Noch um 1800 guckten hier nur ein paar vereinzelte Säulen aus dem Rasen raus, mit den Ausgrabungen im hochgelevelten Boden hat man erst vor rund 200 Jahren begonnen.

Brot und Spiele

Wandeln wie der Imperator

Schwer, die Sicherungen drin zu behalten. Die anderen Touristen verteilen sich angenehm auf die Fläche und die schmeißfliegigen Selfie Stick Verkäufer dürfen nicht rein. Ich streichel hier einen Stein, fasse da eine Mauer an und lege meine Arme dort um eine Säule. Wenn diese Mauern doch erzählen könnten. Was mögen die bloß alles schon gesehen haben! Vielleicht will ich das auch gar nicht so genau wissen. Meuchelmorde, Ehrungen, Paraden. Geschäftiges Treiben und profane Einkaufstouren in die Basiliken, eben um die Dinge des täglichen Lebens zu besorgen. Meine attraktive Begleiterin philosophiert vor sich hin, wie es wohl wäre, wenn man ein paar Tage im Damals leben könnte. Der klassische Zeitmaschinen Gedanke, und das in dem Jahr, in dem Marty McFly in der Zukunft gelandet ist. Ich habe mich das aber auch schon oft gefragt, wie es wohl wäre, mal im Damals zu sein. Die Luft zu riechen. Die Menschen reden zu hören. Zu essen und zu trinken, was sie gegessen und getrunken haben. und schon fühle ich mich wieder sehr vergänglich, denn ich habe definitiv nichts erschaffen, was 2000 Jahre später noch von Menschen angefasst wird. Aber okay, ich bin auch kein Kaiser oder Caesar, und das ist ja auch ganz gut so. Guck mal. Säulen, die stehen hier schon sehr lange, die sind auch auf vielen ganz alten Bildern und Zeichnungen drauf.

Brot und Spiele

Ich und 2000 Jahre alter Kram

Mann war das alles groß und prachtvoll.
Wenn ich mir vorstelle, wie lange ich allein an einem einzigen Bauteil so einer Säule mit Hammer und Meißel rumkloppen würde, bis sie diese perfekt symmetrische Form hat – man bekommt tatsächlich einen Eindruck von der Ewigkeit. Und nun rufen die Schuhe von unten, dass sie schon echt weit gelaufen sind. Der Schrittzähler im Samsung Handy meiner Großen behauptet, dass wir jeden Tag mehr als 15 Kilometer gestapft sind, und heute wird das bestimmt nicht anders sein. Also gönnen wir uns einen Platz in der U-Bahn für den Rückweg und überlegen, was wir noch nicht gesehen haben.Eigentlich war ziemlich viel dabei, auch Orte, die ich hier jetzt mal stumpf weggelassen habe. Die Engelsburg, die Piazza Navona, die Piazza Popolo, das Patheon und was weiß ich nicht noch alles. Man kommt ja ständig an irgendwelchen berühmten Gebäuden vorbei, mit den Bildern die wir gemacht haben könnte ich 10 Geschichten füllen. Aber das will ja keiner Brot und Spiele Außerdem haben wir Hunger. Also ab nach “Hause” in Richtung Vatikan.

Brot und Spiele

Liebe unter Tage in der ewigen Stadt

Karierte Decken, fast nur Einheimische (so weit ich das beurteilen kann, jedenfalls reden alle sehr schnell und sehr Italienisch), lustige Musik und ein mürrischer, aber aufmerksamer Kellner. So stelle ich mir eine gute Pizzeria vor, und so ist genau diese hier mal wieder. Die Pizza Quattro Stagioni hat es mir hier echt angetan. Nicht, weil da alte Audi-Gefühle hochkommen und nicht, weil die auch nur IRGEND etwas mit diesen überfrachteten, käsetriefenden Teigwürsten in Deutschland zu tun haben könnte. Nein. Sondern weil sie eine Offenbarung ist. Noch während Sie die frischen Champignons auf dem Gaumen zerdrücken steigt Ihnen der Duft der Oliven in die Nase (ich mag keine Oliven, aber auf Pizza mag ich sie). Der luftgetrocknete Parmaschinken rundet alles ab, der Rand knuspert leicht, der Boden ist dünn und heiß und schmeckt nach Holzofen. Dazu einen offenen Hauswein aus der Karaffe. Das Leben kann so verdammt einfach, so köstlich und so schön sein. Unsere letzte Pizza in Rom. Irgendwie traurig, dass gute Zeiten immer so schnell vorbei gehen.

Brot und Spiele

Da weiß man was man hat

Aber wissen Sie was? Ich habe endlich, nach Jahren, ein Versprechen eingelöst. Das hat nun ein paar hart ersparte Kröten gekostet, aber ich glaube es hat jemanden an meiner Seite, der bald 20 wird und eine Ausbildung in einem Fotoatelier anfängt sehr glücklich gemacht. Daheim in Kiel dreht sich die Welt leider auch weiter, und nicht alles läuft so rund wie sich das manche der Anwesenden wünschen würden (und da stehe ich ausnahmsweise mal nicht alleine da) aber erstens ist das weit weg in Kiel und zweitens haben wir jetzt Papst Franziskus dabei. Der wird das schon richten :-) Auf dem kleinen Bild erzählt er mehrsprachig und goldglänzend irgend etwas vom Frieden und wie wichtig der ist. Ich mag das. Also, den Frieden sowieso, aber auch so kleine Superkitsch-Teile. Den hänge ich mir zu Hause gleich mal neben den Badezimmerspiegel, und ins Regal stelle ich den Petersdom und das Kolosseum als kleine Spreckstein-Miniaturen für je einen Euro. Wer kann denn da schon nein sagen? War günstig. Nech, Papa Kalle?

Brot und Spiele

Wir sind Papst. Jetzt in meinem Badezimmer.

Ciao Roma.
Zwei Tage länger wären auch okay gewesen. So sehr ich mich schon nach einer einzigen Nacht fern von Hamburg nach meinem Zuhause sehne – so ein paar Tage ohne Plan, ohne Verpflichtungen und ohne Termine (aber mit viel Pizza und Hauswein) sind schon etwas sehr Besonderes. Etwas besonders Erholsames! Ich habe ganz neue Einblicke in die erwachsene, reife Denke meiner Tochter bekommen, ich weiß jetzt, dass Grafikkarten von Laptops kaputt gehen können. Ich habe nach Jahren mal wieder zwei Folgen Lost geguckt und der alte FIAT 500 ist im Straßenbild von Rom noch durchaus präsent. Klein und rostig. Aber das sind alles andere Geschichten. Ich bin so dankbar für diese drei wunderbaren Kinder, die ich habe, und nach so einer kleinen Reise stelle ich wieder einmal fest, was das wichtigste im Leben ist. Familie und Freunde. Und den Rest wird man schon irgendwie hinbekommen. In diesem Sinne, schlafen Sie gut.

Sandmann

Davor war der Selfie Stick Wahn…

Read more

Created Mittwoch, 13. Mai 2015 Tags Colosseo | Foro Romano | Forum Romanum | Kolosseum | Palatin | pizza | Reise | Reise Reise | rom | Skip the line | Ticket Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
12 May 2015
Zu den Favoriten hinzufügen   Jens Tanz  

Selfie-Stick Wahn

Selfie-Stick Wahn

Sie sind im Bild. Definitiv.

Von zweien, die drei Tage in der Antike waren
Liebes Tagebuch.
Ich hätte niemals gedacht, dass ich diesen Artikel einmal schreiben werde. Jedenfalls hätte ich das vor… sagen wir mal 10 Jahren noch nicht gedacht. Ich, der gern mal selbst ins Bild springt, der sich ständig pathetisch auf den Horizont blickend neben Autos stellt und der sich andauernd beim Autofahren knipst. Mit ausgestrecktem Arm. Oder – der Typ mit dem abgegriffenen Selbstauslöser. Ausgerechnet ich bekomme in Rom eine mittlere Krise. Erst wegen der distanzlosen Menschen, die mir den ganze Tag Selfie Sticks für mein Handy verkaufen wollen (is gutt praiss, make cheap) und dann wegen der Menschen, die diese Selfie Sticks exzessiv einsetzen. Das sind unfassbar viele. Was macht man dagegen oder damit? Ein paar kleine Ideen hatte ich dann ja doch…

Wissen Sie denn überhaupt, was ein Selfie Stick ist?

Selfie-Stick Wahn

Wir alle vorm Sankt Peter

Das ist so eine kleine ausziehbare Teleskopstange, auf die man ans eine Ende sein Smartphone klemmen kann und die einem den Arm verlängert. Um einen Selfie von sich und seinen Lieben zu machen, und wenn dank des Teleskops die Kamera dann weiter weg ist kommt natürlich auch noch die ganze schöne Landschaft mit drauf. Denn so ein Arm ist ja relativ kurz. Sagen alle. Finde ich eigentlich gar nicht. Die Dinger haben einen Auslöser am Griff, einige können auch als selbst stehendes Stativ ausgeklappt werden. Wolle Selfie Stick? Want? YOU want? Cheap! Die Theorie zur Benutzerfreundlichkeit tut keinem weh, die Dinger kosten im Netz rund 15 Euro, ich weiß nicht was sie bei unseren redseligen Freunden in Rom kosten. Die Jungs sollte man ja lieber einfach stehen lassen, sonst wird man die nie mehr los. Wenn Sie nur einmal nach dem Preis fragen sitzt der Typ eine Woche später noch bei Ihnen zu Hause auf dem Sofa und handelt. Also bleibt der Selfie-Stick-Preis im Zentrum von Rom ein gut gehütetes Geheimnis, zumindest vor meiner großen Tochter und mir. Hey you. Come here, good stuff. Cheap. Etliche andere könnten darüber in epischer Breite philosophieren und Zahlen nennen, denn es ist schier unglaublich, wie viele Touristen durch die Stadt rennen, so eine bekloppte Antenne vor sich hertragen und sich entweder permanent filmen oder endlose Fotos machen. Ich vor dem Pantheon, ich vor dem Kolosseum, ich vor ihr. Das geht ja sogar mir auf den Sack! Das ist narzistischer Hardcore. Ich muss gegensteuern, fotografiere mit der richtigen Seite des Telefons (was für sich genommen schon ein ziemlich lustiger Satz ist, den vor 20 Jahren niemand verstanden hätte) und genieße mal wieder, dass ich nicht andauernd mit drauf bin. Sondern diesmal ein lustiger Römer, der mit seiner Kamera telefoniert. Ist doch toll sowas, und ganz ohne Stick.

Selfie-Stick Wahn

Römer mit Selfie-Cam

Der lustige Römer ist hinterher gar nicht mehr so lustig, denn er verlangt eigentlich Geld dafür, dass man sich selbst mit ihm fotografiert. Dass man also einen Selfie mit diesem liebevoll verkleideten Feingeist macht, vielleicht mit einem Stick? Ah you! Deutsch? Bratwurst? Gut, wir gehen dann mal weiter. Notiz an mich selbst: Römer, die wie Römer aussehen nur mit Geld in der Hand und als Selfie fotografieren. Neben uns labern zwei Amerikaner Texte ins teleskopisch weit weg gehaltene Handy, während sie mit starrem Blick über den Platz laufen. Ein Perma-Selfie-Video. Das sechste von insgesamt 42 Stück heute vermutlich. Selfie Stick? Selfie Stick? Wanna look?.NEIN MANN!!! Ich raunze den klettigen und leicht überraschten Verkäufer mit den bunten Stangen und der irgendwie leberwurstfarbenen Haut an. “Look here! I have ARMS. Long Arms. You wanna touch? Come here, touch it. Enough to make Selfies. Come on TOUCH it!” Der Mann scheint mit dieser Reaktion nicht gerechnet zu haben und wechselt die Himmelsrichtung, in der seine Füße laufen. Anfassen wollte er meinen Arm nicht. Komisch. Ein weiterer junger Amerikaner läuft sich selbst mit Stick filmend rückwärts und rennt meine Tochter fast über den Haufen. Sorry. Ob sie einen Selfie mit ihm vor der Säule da machen möchte? Nein, möchte sie nicht.
Der nächste fliegende Händler bietet seine Billigware feil und wanzt sich an mich ran. “Selfie? Wanna Selfie?” Ha. Na klar. Mit einem strahlenden YES!!! zücke ich mein Telefon und mache einen Selfie von mir und dem Selfie Stick Verkäufer :-) Er versucht gar nicht erst, mir zu erklären, dass er was anderes gemeint hat. Ich glaube, er hat es verstanden. An diesem Tag unternimmt zumindest dieser jetzt leicht verwirrte Mann nicht mehr den Versuch, mir so einen Scheiß zu verkaufen.

Selfie-Stick Wahn

Selfie mit dem Selfie Stick Verkäufer

Himmel ist das alles albern und lästig.
Früher, in den Zeiten wo Menschen noch miteinander gesprochen haben frug man einen vorbeikommenden Passanten, ob der mal ein Bild von einem machen kann. Bitte. Oder (und da bin ich ein großer Freund von) man suchte sich einen Mülleimer oder eine Mauer, stellte die Kamera drauf und benutzte den Selbstauslöser. Meine schönsten Bilder halten genau die Momente fest, in denen während der 10 Sekunden alles schief ging, was auf dem Weg von der Kamera zum vorgesehenen Motiv schief gehen konnte. Ich möchte das auch heute nicht missen Selfie-Stick Wahn Zumindest das iPhone kann das doch auch, finden die Leute sich denn nicht furchtbar albern mit diesen Antennen in der Hand, an deren Ende das Telefon klemmt? Und achten Sie mal drauf – es gibt einen süffisanten Selfie-Blick. Der ist neu. Der ist total panne. Da wiederum profitiere ich von meiner jahrealten Macke, mich schon immer gern mal selbst fotografiert zu haben. Ist ja irgendwie auch ne Kunstform… Gniiihihi. Komm, Töchterchen, ich mach nochmal einen Selfie von uns, während du grad einen Selfie von dir vor dem Forum Romanum machst. Das ist dann doppelter Unsinn, genau wie der Selfie mit dem Stick-Verkäufer, ich glaube wenn man sowas richtig angeht öffnet sich ein Wurmloch und setzt nie gekannte Energien frei. *klick*

Selfie-Stick Wahn

Selfie mit Selfie machender Tochter

Oder wie stehen Sie dazu?
Plötzlich (na ja, seit ein paar Jahren) fotografieren sich die Leute auf einmal alle selbst, im Bad, auf Parties, im Urlaub. Finde ich cool, aber warum ist das denn auf einmal so hip? Und was genau ist so geil daran, mit der Frontkamera (die meist nicht mehr als nur normale HD Auflösung macht) mit sich selbst ständig im Bild durch eine so schöne Stadt wie Rom zu laufen? Man verpasst ja die ganze wundervolle Realität, weil man ständig nur damit beschäftigt ist, die Stange vor sich gerade zu halten. Was für ein Schwachsinn. Wenden wir uns wieder den schönen Bauwerken und der köstlichen Pizza zu. Morgen gibt’s mehr davon. Garantiert ohne Teleskopstange.

Sandmann

Was davor war…

Und weiter zum Brot. Und den Spielen.

Read more

Created Dienstag, 12. Mai 2015 Tags Absurdistan | albern | fail | Italien | Petersdom | Reise Reise | rom | Selfie | Selfie Stick | Selfiestick | Verkäufer Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
05 May 2015
Zu den Favoriten hinzufügen   Jens Tanz  

Skip the line

Skip the line

Menschen. Viele Menschen.

Von zweien, die drei Tage in der Antike waren
Liebes Tagebuch.
Rom ist ganz schön voll. Randvoll mit Menschen. Aber dazu später. Gestern Abend saßen mein Töchterchen und ich noch in einer Pizzaria in der eher einsamen Ecke des Vatikans, heute ist eine große Kirche dran. Ohne Holzofen und ohne Hauswein. Eine wirklich ganz doll große. Eine, die so groß ist, dass ich 1997, als ich das erste mal da reingegangen bin weinen musste. Ja, liebes Tagebuch, beim Betreten einer Kirche. Weinen. Hausweinen. Viele andere weinen heute auch, vor allem, weil sie wertvolle Zeit mit schlangestehen verbrennen, statt wie wir in eine clevere Touristenfalle zu tappen, die uns mit Lichtgeschwindigkeit in eben diese Kirche beschleunigt. Cool. Stellen Sie sich mit uns hinten an? Nein? Okay, wir auch nicht.

Skip the line

Mercado in der Basilika

Der erste ganze Tag in Rom beginnt fruchtig. Nein, eigentlich beginnt er süß. Damit meine ich nicht mein großes Töchterchen, das sich im Morgenlicht neben mir knurrend und schnurzelnd nochmal zur Seite dreht. Das ist zwar auch irgendwie süß, aber ich spreche von dem typisch italienischen Frühstück, was uns in dem kleinen B&B in die noch viel kleinere Küche gestellt wurde :-) Schokocroissants, süße Croissants, zuckersüße Marmelade, Orangensaft (süß), keine Butter aber guter italienischer Kaffee. Wir nehmen noch vor 9:00 Uhr mehr Zucker zu uns als man in einer ganzen Woche sollte und haben schon jetzt echt Bock auf eine Wildschweinhälfte oder was man sonst noch so in Deutschland zum Frühstück gewohnt ist. Die paar Meter zu den Säulen, die vor dieser großen Kirche rumstehen beginnen wir erstmal mit einem kleinen Rundgang in einer großen Markthalle, wo jeden Tag Markt ist. Einfach so. Jeden Tag. Gemüse, Obst, Fleisch und Brot so weit das Auge reicht. Warum gibt es sowas nicht in Kiel?
Bevor wir bereit sind für die Konfrontation mit der kompletten Heiligkeit drückt der Durst. Vielleicht drückt bei 50% der Anwesenden auch der Wunsch, eine nicht völlig echte aber fast originale Michael Kors Tasche zu kaufen, aber erstmal drückt der Durst. In Rom gibt es, wie in Zürich von mir so geliebt, vielleicht keine Mona Lisa aber öffentliche Brunnen, die frisches klares Wasser ausspucken.

Skip the line

italienisches Wasser trinken Teil 1

Skip the line

italienisches Wasser trinken Teil 2

Wir vergleichen je ein Bild von iPhone 5 und Galaxy 6. Das finden Sie banal? Haben Sie mitten in einer großen Stadt schon mal so richtig doll Durst bekommen? Sie glauben gar nicht, wie köstlich da so schlichtes kaltes Trinkwasser sein kann, und wenn man sich vorstellt, dass es vielleicht sogar durch mehrere sagenhafte Gesteinsschichten und geschichtsträchtige Gebeine geflossen ist (statt eine grob von menschlichen Fäkalien befreite geklärte Brühe zu sein) dann schmeckt es wahrhaft phantastisch. Wasser in Rom. Wie einfach Glück sein kann. Nicht ganz so einfach ist Glück, wenn man plötzlich umringt ist von sehr dunkelhäutigen Menschen, die mit gehetzten Blicken die Umgebung scannen und einem eine fast echte Ledertaschen verkaufen wollen. Die Freude auf der anderen Seite ist riesengroß, wenn unsereiner oder ihrereiner tatsächlich Interesse bekundet und fachmännisch das Kunstleder streichelt und die Reißverschlüsse prüft. Die Jungs sind schnell. Noch bevor wir die Cops überhaupt gesehen haben sind die plötzlich alle komplett wegvaporisiert, quasi in Lichtgeschwindigkeit. Na gut. Wir sind ja auch wegen etwas anderem hier. Richten wir also den Blick auf diese Kirche.

Skip the line

Da sind wir endlich

San Pietro in Vaticano, landläufig der Petersdom genannt, ist die größte Kirche der Welt und das erklärte Zentrum der Heiligkeit des Westens, denn hier haust der Papst, also laut dem katholischen Glauben der Vertreter Gottes auf Erden. Da sind nun viele anzweifelbare Informationen drin, ich teile Ihnen jetzt und hier schlicht mal meine Meinung mit, wenn Sie eine andere haben ist das völlig okay: Ich bin gläubig, wenn auch nur sporadisch und vor allem nicht katholisch. Den aktuellen Papst finde ich verglichen mit seinen Vorgängern so dermaßen revolutionär, dass ich mir noch ein kleines Bildchen von ihm kaufen werde. Ich mag Franziskus. Glauben, jeglicher Glauben ist etwas Gutes, wenn er nicht übertrieben wird und die Gläubigen in realitätsfremde Menschen oder Fanatiker umwandelt. Kriege im Namen des Glaubens lehne ich ab. Für mich ist Religion eine Bereicherung, und jeder der Götter, an die wir glauben ist ein gütiger Gott. Was schlimm ist sind die Menschen, nicht die Religionen. So denke ich. So ähnlich dachte ich schon immer, aber heute noch ein bisschen deutlicher. Und jetzt klicken Sie mal auf das nächste Bild und machen Sie es größer. Schauen Sie sich einmal diese Dimensionen an!

Skip the line

Säulen und Menschen

Ich erzähle Ihnen heute nichts von der Geschichte des Petersplatzes, auch nicht von der des Petersdoms selbst oder seinen vielen Baumeistern über die Jahrzehnte. Das können Sie alles super ausformuliert im Netz nachlesen. Aber lassen Sie uns von Größe sprechen. Kirchen sind ja nicht nur weit nach oben gebaut worden, um die Antenne möglichst nah an den göttlichen Sender zu bringen. Das ging ja vor allem in Babylon nachweislich in die Hose. Kirchen sind vor allem in bestimmten Epochen auch groß gebaut worden, um die kleinen Gläubigen in Ehrfurcht erstarren zu lassen. Um Macht zu demonstrieren. Dieses Thema lag auch über vielen wirklich ziemlich blöden und grausamen Taten, die im Namen der einen oder anderen Kirche erfolgten, aber was geblieben ist sind die Gebäude. Und die hier wirken auf norddeutsche Flachländler wie ein Auszug aus Disneyland, nur noch getoppt von den Zuckerbäcker-Marmorfassaden in Pisa oder Florenz. Es ist der pure Wahnsinn, was hier rumsteht, es ist wirklich nur zu glauben wenn man es selbst gesehen hat. Ich sah es 1997. Da steckte ich mitten im Kunststudium und war mit wirklich netten Menschen für zwei Wochen in Italien. Viel weiß ich nicht mehr, das liegt am exzessiven Rotweingenuss während dieser Tage, aber Rom ist hängen geblieben. Erst hielt ich nägelkauend ein Referat über die Fassade des Doms vor versammelter Mannschaft (in Frauke war ich ein bisschen verknallt), dann gingen wir rein und ich fing an zu flennen. Ich philosophiere schon wieder ausschweifend vor mich hin. Ich war kurz abgelenkt. Meine Tochter hat plötzlich eine echte Michael Kors Tasche. So schnell kann’s gehen.

Skip the line

Sie und eine Tasche von Michael

Ich habe ihr schon vor vier oder fünf Jahren diese Heul-Geschichte und die Dimensionen des Petersdoms verklickert und ihr versprochen, mit ihr einmal hier hin zu reisen und das alles anzugucken. Es kam so einiges dazwischen, was ich heute mal als “Leben” verbuche, aber ein Sandmann-Papa hält sein Wort. Früher oder später. Und nun sind wir endlich hier, wollen da rein und stoßen kleine säuerliche Wölkchen aus Puderzucker und Erdbeermarmelade auf. Ein wahrhaft nachhaltiges Frühstück. Aktuelles Problem: Schauen Sie sich noch einmal das breite Bild weiter oben an. Das mit den Säulen. Lassen Sie eine mehrreihige Menschenschlange links vom Dom beginnen, führen Sie diese nach links hinter dem Fotografen entlang weiter und rechts wieder an den Dom ran. Die Meute steht tatsächlich einmal komplett um den ganzen Petersplatz rum, um ein Ticket für 12 Euro in den Dom zu bekommen. Und glauben Sie mir, der Petersplatz ist wirklich rund und groß! Da habe ich keinen Bock drauf. Ich schiebe die distanzlosen privaten Touristenführer beiseite, die mir Skip-the-Line-Tickets inklusive Führung in den Petersdom verkaufen wollen und kaufe dann an einem offiziellen römischen Touristeninformationszentrum ein Skip-the-Line-Tickets inklusive Führung in den Petersdom. Nein, zwei. Das bedeutet, dass mein Töchterchen und ich für nur 8 Euro mehr wieder in Lichtgeschwindigkeit an allen anderen vorbei gehen und sogar eine Führung mit Knopf im Ohr im Dom erwarten können. Wissen Sie was? Das finde ich richtig gut. Schnell mal einen Selfie vor all den Wartenden. Ganz hinten sehen Sie noch nicht mal das Ende der Schlange, die Menschen hier vorn sind teilweise schon mumifiziert.

Skip the line

Ich will nicht den ganzen Tag in Rom rumstehen

Und man mag über das korrupte Italien denken was man will, das mit dem Treffpunkt am Brunnen und der Führung klappt schon mal. Unsere aus welchem Grund auch immer ziemlich gut gelaunte blonde langhaarige Führerin plaudert lustig auf Englisch, geht auf Fragen ein und erweckt den Anschein, als ob sie ihren Job echt gerne machen würde. Der kleine rote Aufkleber an unseren Shirts lässt uns tatsächlich an allen Leuten und auch an der Security vorbei, und plötzlich verschwimmt ihr fuchtelndes kleines Fähnchen vor meinen Augen und ich stehe wieder in dieser Vorhalle des Doms. Die für sich genommen ist schon sagenhaft, allein da passen vermutlich alle Kirchen von Kiel rein. Aber es ist nur die Vorhalle. Das schöne an sehr sehr alten Gebäuden ist, dass sie immer gleich aussehen, egal wie viele Jahre zwischen zwei Besuchen liegen. Ich erinnere mich, wie ich damals völlig verstrahlt durch die schweren Türen in die eigentliche Basilika gegangen bin. Es öffnete sich mir ein von Menschen geschaffener, kunstvoll verzierter Raum, der in seiner Größe meine Vorstellungskraft sprengte. Dieser Raum öffnet sich mir heute genau so. Vielleicht sprengt er nicht mehr meine Vorstellungskraft, aber für einen kleinen Moment halte ich wieder inne, nehme den Knopf aus meinem Ohr und stehe einfach nur da. Blicke um mich. Und auch wenn ich dieses mal nicht in Tränen ausbreche bin ich ihnen zumindest nahe.

Skip the line

Keine Tränen diesmal. Aber fast.

Himmel, dieser Haufen aus vergoldeten Marmorplatten ist so unglaublich groß!
Ja, mein Töchterchen kann es nachempfinden. Es entfleuchen ihr boahs und ooohhhhs und sie guckt nicht so oft auf ihr Handy wie sonst. Unsere Führerin zeigt uns warm beleuchtete aufgebahrte Päpste im original Mumienoutfit (die sind alle echt, da liegen echt jede Menge echte tote Päpste in Särgen aus Glas) und ich habe zu viel Respekt, um die zu fotografieren. Auch wenn sie echt klein sind und irgendwie komisch aussehen. Immer, wenn ich nach oben gucke kann ich nicht fassen, was hier alles gebaut, bemalt und vor allem geklebt wurde. Da stehst du vor meterhohen Bildern und denkst, dass du sowas in 10 Jahren nicht malen könntest und dann sagt dir diese blonde Italienerin in ihrem irgendwie süßen Englisch, dass das gar kein Bild ist. Im gesamten Petersdom sind nur drei gemalte Bilder. Alles andere sind Mosaike, also aus kleinen farbigen Marmorsplittern zusammengesetzte Puzzle. Was? Wahnsinn. Die Pixel, die Bits und Bytes der Renaissance, so kunstvoll komponiert dass jeder Maler in Depressionen versinken könnte. Wir lauschen. Wir sehen die ersten Definitionen von HD und 4K. Und wir stehen und staunen.

Skip the line

kuck – dir – das – an

Ich könnte mich noch stundenlang in meinen Ansichten über den Katholischen Glauben, diese Bauwerke und ihre Bedeutung, nicht gemalte Bilder oder die Rolle eines Papstes verlieren, aber eigentlich ist das hier ja ein Autoblog :-) Und ich habe schon lange keine Autobilder mehr gebracht. Vermissen Sie die? Die kommen wieder, keine Sorge. Das ist ja Sandmanns WELT, und da gehören solche Touren nun mal dazu. Der Petersdom ist eines der wohl faszinierendsten Gebäude, die ich jemals betreten habe. Später kommen noch das Colosseum, das Pantheon und na klar das Forum Romanum. Später. Ich nehme Sie jetzt ohne weitere Erklärungen noch mit in ein paar Impressionen dieses Doms, dieses sagenhaften Bauwerks, was man eigentlich nur unter Alkohleinfluss ertragen und begreifen kann. Haben Sie schon einen Rotwein im Glas? Oder noch? Wenn nicht, holen Sie sich einen und genießen Sie diese Weite des Raumes dann noch einmal. Und gucken Sie mal, wie klein die Menschen sind…

Skip the lineSkip the lineSkip the line

Eigentlich ist es schade, dass ich irgendwann aufgehört habe zu malen. Nicht, dass ich diese Fresken hier (moment, nein, es sind MOSAIKE!) in irgend einer Weise nachmalen könnte. Aber wir haben damals in Italien ziemlich abgefahrene Bilder produziert, wenn auch teils zu Lasten der individuellen Gesundheit. Was mag aus den anderen Kunstnasen geworden sein? “Nasen” ist so ein 90er Wort oder? Ich glaube, ich nehme mal wieder Kontakt auf. Unsere Führung ist jedenfalls jetzt zu Ende, wir dürfen aber noch im Dom bleiben, so lange wir wollen. Auf Klassenfahrten nannte man das “Zeit zur freien Verfügung” :-) Ein bisschen nutzen wir das auch noch. Irgendwann beginnt dann allerdings der weltliche Hunger sein Revier abzustecken, kein Wunder, nach dem eher kuchenartigen Frühstück. Pizza? Och ja, warum eigentlich nicht? Wenn wir schon mal hier sind. Aber bevor die kleine Tanz und der große Tanz aus dem mächtigen Portal wieder heraustanzen verneigen wir uns vor dem Altar. Hier auf dem Berg soll damals der Apostel Petrus mit dem Kopf nach unten gekreuzigt worden sein. Was auch immer damals geschehen ist – es waren grausame Zeiten. Jetzt sind sie besser, definitiv. Und es fällt schwer, sich solche Gräuel vorzustellen, aber hier drin geht es ein bisschen besser als da draußen. Menschen, die solche Bauwerke errichten sind wohl zu allem anderen ebenfalls fähig.

Skip the line

Ich habe den Himmel gesehen

Ciao Petersdom.
Mein Michael Kors betaschtes Töchterchen und ich pilgern zurück an der Schlange entlang, die während der ganzen Zeit vielleicht sechs Meter kürzer geworden ist. Skip the Line. Klasse. Gern wieder. Ich frage mich, warum diese unfassbaren Touristenmassen (waren das in den 90ern auch schon so viele?) nicht diese handvoll Euro mehr investieren und sich eine Führung kaufen, die sie direkt reinbringt? Die nun gesparten Sunden, wenn nicht gar gesparten Tage setzen wir mit der Suche nach einer schönen Pizzaria um, die nicht ganz so touristisch belagert ist. Das wiederum ist in einem Umkreis von rund zwei Kiloemtern um den Dom schlicht nicht möglich. Der Schrittzähler im Handy der fast 20jährigen Audi A3 Fahrerin berichtet schon jetzt von einem Erreichen des Tagesdurchschnitts, also setzen wir uns alsbald in die mit den schönsten Blumen Skip the line Und wie das in Rom so ist (wir können uns daran nicht gewöhnen) – die Pizza ist köstlich. Klar ist der Schuppen touristisch, aber Pizza ist hier überall preiswert und sie scheint überall einfach nur unglaublich gut zu schmecken. Na dann rein damit, sie soll unser Mittagessen sein, die Sache mit dem Abendmahl und so haben wir drin im Dom gelassen.

Skip the line

Endlich wieder Pizza

Ach, Sie wollten lieber ein Bild von den Pizzen sehen? Das holen wir heute Abend nach. Da gibt es dann die nächste. Bis dahin muss ich erstmal ein paar Eindrücke sacken lassen und ein bisschen die Seele auswringen, wie ich das immer nach einem Kirchenbesuch mache. Was für eine wundervolle Stadt, was für eine sagenhafte Zeitreise. Nicht Retro diesmal, sondern zurück zu den Wurzeln Europas, auch wenn die nicht immer ganz fleckenfrei waren. Mission erfüllt. Ich habe sie in den Petersdom gebracht. Und heute Nachmittag und morgen geht es weiter, denn wir haben Zeit. Was für ein Luxus. Waren Sie schon einmal in Rom? In Italien? Ich bin gespannt, was Sie zu erzählen haben. Na los. Bald gibt es schon wieder Pizza!

Sandmann

Read more

Created Dienstag, 05. Mai 2015 Tags Führung | Guide | Italien | Petersdom | Peterskirche | pizza | Reise Reise | rom | Schlange | Skip the line | St. Peter | Ticket Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
Anzeige
Webhosting by Speicherzentrum.de
 
24 Apr 2015
Zu den Favoriten hinzufügen   Jens Tanz  

Zur Pizza fliegen

Zur Pizza fliegen

Nehmen Sie Drogen? Ja, aber nur in Rom.

Von zweien, die drei Tage in der Antike waren
Liebes Tagebuch.
Rom ist sehr schön, glaube ich. Es ist fast 20 Jahre her, dass ich als Kunststudent durch die Straßen der ewigen Stadt schlurfte und mich mit Fassadenbeschreibungen, Säulenkapitellen und Imperatorengehabe befassen musste. Antikes und zeitgenössisches. Ende des vergangenen Jahrzehnts trieb es mich an meinem Geburtstag erneut für eine kurze Nacht hier hin, aber das jetzt wird anders. Seit viel zu vielen Jahren verspreche ich meiner grooooooßen Tochter eine Reise in die Stadt am Tiber, allein schon damit sie den Petersdom mal von innen sehen kann. Nun ist sie bald 20 Jahre alt, und ich habe endlich mal ein bisschen im Netz rumgeklickt, preiswerte Flüge gebucht und ein Bed&Breakfast ganz in der Nähe von Gottes direktem Vertreter auf Erden gebucht. Nägel mit Köppen. Auch wenn andere dort vor 2000 Jahren keine so guten Erfahrungen mit Nägeln gemacht haben, aber dazu später. Wie erwartet geht natürlich nicht alles reibungslos, aber Perfektion verlangsamt Emotion. Wir… äh… wir sind dann mal am Flughafen, kommen Sie mit?

Ganz billig will ich ja gar nicht.

Zur Pizza fliegen

Warten. Immer nur warten.

Der Kompromiss heißt also: Nicht so einen Dumping-Seelenverkäufer wie Ryanair, dafür aber zur Not keine ganz direkte Verbindung von Hamburg nach Rom. Passt. Eine blaue KLM nach Amsterdam-Schiphol, da bleiben uns 45 Minuten Zeit und dann eine blaue KLM nach Rom. Landung in Rom-Fiumicino: So gegen 17:30 Uhr. Perfekt, Starts und Landungen kribbeln im Bauch und die Atmosphäre auf den Flughäfen ist toll. Und die Ankunftszeit erlaubt sogar noch einen lockeren Bus-Shuttle zum Hotel vor 19:00 Uhr (danach ist keiner mehr an der Rezeption) und eine erste leckere Pizza in der milden Abendsonne. Soweit die Theorie.
In der Praxis ist auch die niederländische blaue KLM am Ende des Tages nur eine Fluglinie, die von Menschen geleitet wird und die Menschen befördert. Und was auch immer heute Morgen zwischen einigen beteiligten Menschen passiert ist, es hat dafür gesorgt dass unser Flieger nach Amsterdam 40 Minuten später abfliegt, weil er schlicht noch gar nicht hier angekommen ist. Na geil, das geht ja super los. Die leicht pampige Dame am Tresen vor dem vollen Gate schreibt mir mit einem blauen Kugelschreiber lachs “Information KLM” auf mein Ticket, da soll ich mich dann in Amsterdam hin wenden, um meine Weiterreise umzubuchen. Dieses Schicksal würde ich mit den Reisenden nach Frankreich teilen. Toll. KLM, ich hasse dich. Das bedeutet also, dass wir heute wohl noch irgendwie nach Rom kommen, aber sehr spät am Abend. Na gut, gucken wir uns also am Abend stattdessen den Amsterdamer Flughafen an, irgendwas ist ja immer.

Alles blau

Alles blau

Argh. Irgendwann sitzen meine hübsche Begleitung und ich unruhig auf unseren Plätzen Mittig auf Höhe der Tragflächen. Wir haben nur Handgepäck dabei, reicht ja bei drei Tagen getrent vom eigenen Bett und verringert bei insgesamt vier Flügen die Wahrscheinlichkeit, dass die Koffer woanders landen als man selbst. So ein bisschen Freude ist trotz der bevorstehenden Verzögerung da, andere Flugreisende haben in der Vergangenheit ganz andere Sorgen zu bewältigen gehabt. Wir kommen, so wie es momentan aussieht nur ein bisschen später nach Rom, und alles wird ein bisschen teurer. Ich telefoniere vor dem Start noch mit der freundlichen Inhaberin des “Vatican Holiday“, unser klitzekleines 5-Zimmer B&B. Ich hoffe, der Name ist Programm. Die fröhliche Stefania am anderen Ende der Leitung (nee… wie sagt man heute? Der Verbindung? Des Netzes?) spricht nur ein gebrochenes Englisch, aber ich kann ihr unsere Verspätungs-Problematik unter Einsatz von Händen und Füßen erklären. No Problemo sagt sie, sie würde aber nach 19:00 Uhr einen Aufschlag von 15 Euro berechnen, weil jemand uns die Schlüssel bringen müsste. Na klar. Das kann dann ja KLM zahlen :-) Nun muss ich aber mein Handy ausmachen, es soll nach oben gehen. Ist eigentlich weltweit auch nur ein Fall bekannt, bei dem die Benutzung eines Mobiltelefons das Flugzeug in ernsthafte Schwierigkeiten gebracht hat? Ich glaube nicht. Egal. Auf geht’s. Oder?

Zur Pizza fliegen

… muss die Freiheit wohl grenzenlos sein

Ja, auf geht’s. Über Hamburg ist es schön, aber kalt. Rom lockt mit wärmeren Temperaturen, wunderschönen antiken Bauwerken und der besten Pizza, die man sich vorstellen kann. Wir philosophieren ein bisschen über die Plätze, die wir zu besuchen gedenken und vertiefen uns dann für ein paar Minuten in die nebenan bei den Zeitungsständern der Lufthansa ausgeliehenen Magazine. Und schon geht es wieder runter, Amsterdam ist ja irgendwie nicht wirklich sehr weit von Hamburg weg. Hm. Wir werden (so die Ansage) um 14:20 Uhr am Gate andocken. Der zweite Flieger, den wir definitiv verpassen werden startet um 14:25 Uhr. Startet. Also – hebt ab. Wie groß ist Schiphol? Nicht so groß glaube ich, aber groß genug als dass ich mir sicher bin, dass wir da garantiert nicht mehr mitkommen. Mist.
Um 14:15 Uhr stehen mein großes Töchterchen und ich mit unseren Koffern in der Hand im Gang, und die Türen zum Gate werden geöffnet. Sie guckt mich an. “Rennen…?” Ich weiß nicht. Aber irgendwas in ihrem Blick überzeugt mich. “Rennen!” sage ich. Und wir rennen.
Sie werden Verständnis dafür haben, dass dieser Teil der Reise nicht fotografisch dokumentiert wurde. Ich habe zwar ein Déja Vu, denn ich bin schon mal sehr schnell gerannt, auf einem noch viel größeren Flughafen (und habe da sogar gefilmt…), aber ich setze heute klare Prioritäten. Während wir in Richtung Gate D60 rennen bekomme ich zwei SMS von KLM, dass unser Weiterflug erfolgreich umgebucht wurde und wir nun um 17:40 Uhr starten. Neeee Kollegen, das sehen wir noch nicht so. Neeeee! Rennen!
Um 14:23 stehen wir keuchend an Gate 60. Schiphol ist klein. Da ist niemand mehr, na klar, da ist allerdings auch kein Flugzeug und kein “Boarding Completed” Monitor. Da ist eigentlich überhaupt niemand, und es erweckt auch nicht den Anschein, als wenn hier heute schon mal jemand gewesen wäre. Verdammt. Hätten wir mal auf die Anzeigetafeln gucken sollen? Die haben doch jetzt nicht tatsächlich das Gate geändert???
Äh. Doch. Die erste der beiden SMS vorhin sagt, wir starten an Gate D62 statt an Gate D60. Na geil, jetzt verpassen wir deshalb den Flieger? Tochter? Rennen! Jetzt. Zwei Gates weiter, es ist 14:25 Uhr, sitzt eine blau gekleidete Dame am Schalter und schüttelt freundlich mit dem Kopf, als wir ankommen. Nein! Aber das Flugzeug steht da doch? Dieses Rolldings ist doch noch angeschlossen? Ich rede freundlich und flehend auf Englisch auf sie ein und bedeute ihr, dass bei einem umgebuchten Abflug um 17:40 Uhr unser Bus Shuttle weg ist und wir nicht mehr in das Hotel einchecken können. Dabei hätten wir uns doch sooooo auf die kleine Reise gefreut. Well. Sie guckt aus dem Fenster auf das blaue Flugzeug, klackert dann ein paar Zeilen in ihren Computer und telefoniert. Dann kommen aus ihrem Drucker zwei Tickets, die sie mir in die Hand drückt. “Go on” sagt sie lächelnd. Ich hauche ihr ein ernst gemeintes “I love you” entgegen, und wir rollern mit unseren Koffern in das Flugzeug und setzen uns auf unsere beiden Sitze :-) Geil.

Zur Pizza fliegen

Man sieht uns nicht an, was warjbs

KLM, ich hasse dich nicht, ich find dich toll!
Das war unkompliziert und unbürokratisch, da verschmerze ich es auch, dass unser zweiter Flieger erst 15 Minuten später abhebt. Das war wohl auch der Grund, warum wir das überhaupt noch geschafft haben Zur Pizza fliegen Es ist Zeit für einen Snack und einen Rotwein, denn wir sind wieder da, wir sind zurück. Zurück im Zeitplan. Das bedeutet, wir landen in Rom, noch bevor unser umgebuchter Flieger Amsterdam überhaupt verlassen würde. Ein paar Stunden gerettete Lebenszeit, die man nicht auf dem Flughafen in überteuerten Boutiken verbrennt, sondern hoffentlich in einer gemütlichen Pizzaria in der Stadt auf sieben Hügeln. Momentan sieht das durchaus danach aus. Unter uns, wirklich sehr weit unter uns ziehen die schneebedeckten Alpen dahin. Ich muss an den Piloten denken, der nach momentanen Erkenntnissen irgendwo nicht weit von hier einen Airbus in die Gipfel gejagt und 150 Menschenleben mit allen großen und kleinen Geschichten und Emotionen ausradiert hat. Pulverisiert. Einfach ausgelöscht. Traurig, gruselig und durchaus geeignet, mich an meine eigene Sterblichkeit zu erinnern. Das wird vermutlich in den kommenden drei Tagen, in denen wir die Geschichtsbücher direkt anfassen können, noch öfter passieren.

Zur Pizza fliegen

Sehr hoch und sehr kalt

Wissen Sie was? Das mag jetzt echt bescheuert klingen, aber auf diesem rund 2 Stunden dauernden Flug haben die Damen in Blau mir das vielleicht beste Hähnchen-Sandwich serviert, was ich jemals gegessen habe. Nix Business Class, das ist so ein eingeblistertes Teil in einem kleinen Pappkarton, auf dem steht, wie bio die Hühner gelebt haben, wie liebevoll das Brot gebacken wurde und wie erlesen die drei Salatblätter sind. Und irgendwas von Remoulade. Vielleicht ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass ich mich durchaus an kleinen Dingen erfreuen kann, und ich hoffe Sie lachen mich nicht aus, wenn ich von dem fluffigen Brot, dem saftigen Fleisch und der köstlichen Saucen berichte Zur Pizza fliegen Nein, ich habe keine Kooperation mit KLM, ich bin schlicht überrascht von diesem Sandwich, und die mit glänzenden Augen kauende junge Frau neben mir, die noch niemals im Petersdom war scheint das ähnlich zu sehen. Lecker. Von dem südafrikanischen Shiraz gar nicht zu sprechen, der kann auch was. Später gibt es noch einen Karamel-Keks und guten Kaffee. Ein Traum. Wo sind wir eigentlich gerade?

Zur Pizza fliegen

Schnell. Und kalt…

Liebes Tagebuch. Man macht sich selten klar, was da draußen eigentlich abgeht während man drin ein leckeres Sandwich mümmelt und an Rotwein nippt. Wir sind echt schnell, wir sind echt hoch und da draußen ist es echt kalt. Wie klein die Welt ist, wenn man fliegt. Und wie nah plötzlich die Staaten und Länder sind, in denen Krieg tobt, in denen Menschen sterben und auf der Flucht sind. Und wie kleinkariert einem dann fette, rotbackige, gelangweilte Deutsche vorkommen, die sich über todesängstliche Kriegsflüchtlinge echauffieren, die ihre Heimat verlassen und auf der Flucht ihre Kinder und Freunde sterben sehen. Diese Flüchtlinge könnten ihnen ja den Wohlstand wegnehmen. Und dann rotten sie sich in inhaltslosen parolenbrüllenden Mitläufergruppen zusammen oder zünden leerstehende Wohnungen an, statt denen zu helfen, die es wirklich brauchen. Viele Menschen in diesem Land sind so scheißkrank in ihrem Denken, so intolerant und engstirnig, dass ich erneut über ein kleines Häuschen irgendwo am anderen Ende der Welt nachdenke, wo man freundlich und offen ist. Aber jetzt erstmal:
Hallo Rom.
Nächste kleine Aufgabe: Ich habe ein Ticket für den S.I.T. Bus Shuttle gebucht, ein privates Unternehmen, das einen (in unserem Fall) vom Flughafen in 40 Minuten bis fast vor die Hoteltür bringt. Für 6 Euro pro Person, ein Taxi kostet im Vergleich rund einen Fuffi. Die Differenz will gern in Pizza und Rotwein umgesetzt werden. Aber wo fahren die los? Wir haben noch 10 Minuten, um “Terminal 3 Plattform 1″ zu finden, bevor der losfährt. Und der nächste kommt erst in einer Stunde :-( …. Aber auch das gelingt wie ferngesteuert, am Ende einer langen Reihe von Bussen und mürrischen Fahrern ohne jegliche Englischkenntnisse sehen wir einen großen Bus mit den bunten Aufklebern drauf gerade einparken. Und der entpuppt sich direkt als unser. Ohne dem katholischen Glauben wirklich zugetan zu sein – aber die Nähe des Papstes macht das alles vielleicht noch ein bisschen einfacher hier Zur Pizza fliegen

Zur Pizza fliegen

Noch n Selfie. Diesmal im Bus.

Roll roll roll roll. Am Ende des Tages klappt heute alles, wie es scheint. Als wir aus dem Bus aussteigen ist es warm und sonnig, und der Blick auf meine analoge Nicht-von-Apple Armbanduhr zeigt mir eine Zeit, zu der unser eigentlich umgebuchter Flieger in Amsterdam noch nicht mal mit dem Boarding begonnen hat. Traumhaft. Ich rufe unsere Gastgeberin Stefania noch einmal an, die mit fröhlichen Quietschlauten zur Kenntnis nimmt, dass wir nun doch noch vor 19:00 Uhr bei ihr ankommen würden. Ich glaube, ich mag diese Frau. Roll roll roll. Ich mag ebenfalls den Klang von Rollkoffern auf dem Asphalt, das klingt nach Reise, nach unterwegs, nach woanders. An der Piazza Cavour, mit Blick auf die Engelsburg, sind wir aus dem Bus rausgepurzelt und schreddern jetzt die Via Crescenzio hoch in Richtung Vatikan. Es riecht nach Blüten, nach Pizza und nach warmem Asphalt. Hier und da lungern Handtaschenverkäufer rum (good price, Prada, Gucci, look good price), noch mehr ins Auge fallen die Selfie-Stick Verkäufer. Aber das ist eine andere Geschichte Zur Pizza fliegen Wir sind tatsächlich in Rom. Rom!! Waren wir nicht gerade noch in Hamburg?
Einmal um die hohen Mauern des Vatikans rum sind wir auf einer belebten Nebenstraße, und da ist auch schon unser kleines B&B. Quer durch den Hinterhof, und wir sind endlich da.

Zur Pizza fliegen

Auf den ersten Blick schon wie nach Hause kommens

Chillig. Supergemütlich, extrem klein (nur 5 Zimmer) und weit weg vom Lärm der Stadt und den Touristen. Stefania ist so, wie ich sie mir nach den Telefonaten vorgestellt habe und erklärt uns auf einem kleinen Faltplan mit einem Kugelschreiber und fuchtelnden Händen die Sehenswürdigkeiten Roms. Das ist toll, aber eigentlich wollen wir heute Abend nur noch eine gute, eine wirklich gute Pizza essen. Und dann schlafen, Sehenswürdigkeiten kommen dann morgen :-) Ah. Pizza. Ob wir lieber die flauschige dicke im Napoli Stil oder die mit dem klassisch dünnen Boden bevorzugen würden? Zweiteres! Definitiv. Ich verabscheue Pizza, die aus einem drei Zentimeter dicken Teig besteht, dann mit allerhand Separatorenfleisch, Wurstresten und Glutamat belegt ist und am Ende in einer noch dickeren Schicht Käse ertrinkt. Deutsche Kühltruhen sind voll von sowas, weil niemand den Leuten die echte italienische Pizza zeigt. Die, die man nur in Italien bekommt. Es ist leider so. Also schlägt Stefania nach einem kurzen, emotionalen Telefonat mit ihrem Gemahl Carlo die kleine Pizzaria “Il Bersagliere” gleich um die Ecke vor. Die wäre was für uns. Beim epischen Verabschieden frage ich mich kurz, ob Stefania vielleicht denkt, meine Tochter könnte meine junge Freundin sein und nehme mir vor, das an einem der kommenden Tage mal aufzuklären. Okay, lass uns Pizza essen.

Zur Pizza fliegen

So möchte ich es. SO und nicht anders.

Liebes Tagebuch. Lass uns über Pizza sprechen.
Der beschriebene Laden hat alles, was ihn für uns sympathisch machen kann. Er liegt direkt an einer stark befahrenen Straße, draußen sind Tische mit karierten Decken und Plastikmöbeln, drinnen ist echt viel los und alle sprechen italienisch. Kein einziger Tourist, das Essen kann gar nicht schlecht sein. Aus irgend einem Grund ist es noch immer warm draußen (vielleicht liegt das an der geografischen Lage), ein milder warmer Wind weht und das bunte Treiben auf der gerade zum Leben erwachten Stadt ist einfach phantastisch. Mein Töchterchen und ich setzen uns natürlich draußen an einen Tisch und lassen den Abend auf uns wirken. Motorroller knattern vorbei, aus offenen Autofenstern düdelt fröhliche Musik. Menschen sehen sich und begrüßen sich, Kussi links, Kussi rechts. Alle sind laut und fröhlich, reden, telefonieren, sind so wie sie vermutlich hier immer sind. Der Kellner stellt uns frisches, knuspriges Brot in einem Korb auf den Tisch und bringt uns kurz danach eine Karaffe Hauswein und eine große Flasche eiskaltes Tafelwasser. Die Auswahl an Pizzen ist nicht riesig, und sowas wie Döner-Pizza, Gyros-Pizza oder Spargel-Pizza mit Schinken und Sauce Hollandaise gibt es dankenswerterweise gar nicht. Wenn ich Bock auf Döner habe esse ich Döner. Wenn ich Bock auf Gyros habe esse ich Gyros beim Griechen. Und wenn ich Bock auf Spargel habe dann mach ich mir welchen, aber was hat das alles auf deutschen Pizzen zu suchen? Wenn ich Pizza bestelle will ich Pizza. In meinem Fall eine Diavola mit scharfer Salami und Mozzarella, in ihrem Fall eine Vier Jahreszeiten mit je einem Viertel Schinken, Oliven, Artischocken, Champignons. Dünner knuspriger Boden, wenig Belag, ein Traum.

Zur Pizza fliegen

Glück hat zwei Namen: Diavola und Quattro Stagioni

Ich soll in den kommenden Tagen noch öfter feststellen, dass das Handy meiner Tochter, die weniger als halb so alt ist wie ich und noch nicht viel eigenes Geld verdient viel bessere Bilder macht als meins. Samsung Galaxy S6 kontra iPhone 5s. Mist. Also müssen wir uns wohl zusammentun, sie wird ja sowieso in den kommenden drei Jahren eine gefragte Fotografin werden :-) Aber das nur am Rande. Die Pizzen sind wie erwartet unfassbar lecker, der preiswerte Hauswein auch (ist Ihnen mal aufgefallen, dass der einfache Wein im Urlaub klasse schmeckt, aber wenn man davon was mit nach Hause nimmt ist der irgendwie nicht mehr so toll?) und hinterher runden ein Eis mit frischen Erdbeeren und ein Espresso das einfache kulinarische Erlebnis inmitten von lauten Autos und Menschen ab. Das mit dem Bus Shuttle ersparte Geld ist hier gut angelegt. Roma. Ay Roma. Die Ecke von dir hier ist toll, preiswert und genau so wie der Ausgangspunkt für ein paar kleine Reisen in die Antike ab morgen früh sein soll. Wir stapfen zurück zu unserem B&B, sind froh dass die Schlüssel passen (nach so einem Tag hätte mich nichts mehr überraschen können) und nehmen erstmalig das Zimmer wahr.

Zur Pizza fliegen

Finale. Gute Nacht.

Es ist klein, es ist gemütlich und es ist vor allem ruhig. Klasse. Klimaanlage aus, Fenster auf. Tochter und Vater müssen sich zwar eine einzige Decke teilen, die ist aber drei Meter oder so breit, das bekommen wir schon hin :-)Reisen können wir ja. Morgen, wenn die Pizza verdaut ist schauen wir mal in den Petersdom, das Pantheon und was noch so seit ein paar 1000 Jahren da rumsteht. Wir sprechen über Selfie-Stick-Verkäufer. Und wir begreifen Geschichten.
Heute baden wir erstmal in erreichten Anschlussflügen trotz Verspätung, gefundenen Bus Shuttles trotz unzureichender Beschreibung, gemütlichen Unterkünften trotz kleinem Preis und großartigen Pizzen trotz… ja trotz? Kein trotz. “Alles, was schief laufen kann läuft schief” war 2014. Jetzt ist 2015, und wir sind in Rom. Noch zwei Tage. Und vielleicht sind Sie ja bei uns.

Sandmann

Read more

Created Freitag, 24. April 2015 Tags amsterdam | Antike | Bus-Shuttle | ewige Stadt | KLM | pizza | Reise Reise | rom | Rotwein | S.I.T. | Schiphol | Vatica Holiday | Vatikan | Verspätung Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
10 Apr 2015
Zu den Favoriten hinzufügen   Jens Tanz  

Für immer Musik

Für immer Musik

Drittes Lied, erste Seite

Was für eine Macht dieser Aneinanderreihung von Tönen.
Mit Musik verbinde ich ganze Blockbuster-Episoden des Lebens. Musik lief im Auto meines Papas, in der Stereoanlage im Wohnzimmer und im Radio meiner großen Schwester. Musik war tanzbares für die Schulfeten und der Soundtrack für den ersten richtig schlimmen Liebeskummer. Musik untermalte Kinofilme und ließ die Momente unsterblich werden, wenn ich sie später wieder hörte. Ich kann mir ein Leben ohne Musik nicht vorstellen. Heute kamen zwei Pakete von ebay, und die haben mich zu meinen allerersten musikalischen Momenten zurückgeworfen. Die lassen mich über ihre Bedeutung in meinen ganz frühen Jahren nachdenken, als Musik mehr war als ein überall vorhandener Dauerbeschaller. Sie war wertvoll.

Platten. Kassetten.
Ich sitze im Wohnzimmer meiner Eltern in Uelzen vor der schicken Telefunken Anlage aus Holz und Chrom und dem DUAL Plattenspieler. Mein Papa hat mir kapitulierend eine seiner LPs geschenkt, weil ich die immer und immer wieder hören wollte. David Dundas. Den kennt heute keine Sau mehr, aber sein One-Hit-Werbe-Wonder “Jeans On” kennen zumindest die etwas Älteren noch. Das fand ich gar nicht so super. Vielleicht weil ich’s nicht richtig verstanden habe, ich dachte immer, er singt: “I put maggel Jeans on, I put my aggel Jeans on“. Hm. “Tsch Tsch“. Was maggel und aggel Jeans sind wollte sich mir damals nicht erschließen, also widmete ich mich lieber dem dritten Lied auf der ersten Seite. Ja, erste Seite, liebe Kinder. So eine Platte konnte (musste) man nach der Hälfte einigermaßen aufwändig umdrehen :-) Der gute Mann sang da über “Another funny Honeymoon“, was das war wusste ich auch nicht aber das alte Wurlitzer Klavier und der Synthi klangen irgendwie toll. Immer und immer wieder. Ich setzte die Nadel alle drei Minuten an den Anfang des Liedes zurück, während ich auf dem großen Wohnzimmertisch verträumt ein 500-Teile Puzzle vom Hamburger Hafen zusammenlegte.
Keine Ahnung wo diese Platte geblieben ist, aber im ersten ebay Paket ist so eine drin und die höre ich jetzt gerade. *schluck* Alles wieder da. Ohjeohje…

Für immer Musik

Manchmal muss ich die Zeit zurückdrehen

Meine erste richtige, eigene, selbstgewünschte Platte war Truck Stop – Nicht zu bremsen. Von den Jungs aus dem Raum Hamburg hört man heute vor allem, dass sie einer nach dem anderen sterben. Damals hörte man “Die Frau mit dem Gurt” oder “Der Wilde Wilde Westen:-) Peinlich? Na ja, deutsche Country Musik ist schon sehr speziell, vor allem, wenn sie viele Jahrzehnte alt ist. Ich fand es damals super. Die Platte hab ich noch immer, vorn drauf ist ein fetter US Truck. Ich glaube ich wollte das Vinylstück damals haben, weil ich gerade den Film Convoy gesehen hatte. Amerikanische Trucks waren bei mir in den frühen 80ern ganz hoch im Kurs, und die Jungs haben das auf dem Kamm der Welle ihres Erfolgs werbewirksam umgesetzt. Truck Stop lösten Herrn Dundas auf dem DUAL Plattenspieler ab, und diese neue LP hörte ich sogar regelmäßig ganz durch, während ich verträumt Plastikmodellbausätze von Autos, Flugzeugen und Kriegsschiffen zusammenklebte.
Heute hab ich ein paar mp3s rausgelöscht, die ich schon damals doof fand und höre das Album manchmal im Audi. Und ich singe jedes einzelne Lied mit.

Für immer Musik

Wer kennt die Frau die nichts an hat als den Gurt?

Tiffy war meine erste große Liebe. Sie hieß nicht wirklich Tiffy, aber ich hieß damals Samson (was man so in der Grundschule eben spielt) und da bot sich das an, rote Haare hatte sie jedenfalls. Auf ihren legendären Geburtstagsparties im vertäfelten Partykeller mit gedimmtem Licht und allerhand süßem Kram zum Essen und Trinken lief auf dem Plattenspieler das Album Rom von Dschinghis Khan. Immer und immer wieder :-) Ich war fasziniert von den historischen Geschichten, welche die bunten Damen und Herren, von Ralph Siegel produziert, in ihren Kostümen so dahinschlagerten. “Rom” selbst ist noch immer ein musikalischer Epos, Madagaskar rührte mich damals zu Tränen und Die Fremden versprüht zeitlose esotherische Weisheit. Die Platte war mir zu teuer. Aber mein Freund Klaus hatte einen Kasettenrecorder mit einem Mikrofon, also lieh ich mir das Album von Tiffy aus, kaufte im Kaufhaus Klappenbach eine Kassette und nahm die Lieder mit dem Mikrofon von den Lautsprecherboxen im Wohnzimmer auf, während ich ganz leise, damit keine Störgeräusche kamen, ein paar farbige Liebesgedichte für Tiffy zusammenklebte.
Heute habe ich das Album im Schrank, ich fand es für einen Euro auf dem Flohmarkt. Tiffy ist inzwischen verheiratetund meine großen Töchter tanzen auf den Abtanzbällen noch immer ausgelassen im Kreis zu Moskau.

Für immer Musik

Rom. Wo die Liebe auf der Straße liegt.

Und ich wollte unbedingt ein eigenes Radio mit Kassettenteil haben, so was wie Klaus. Vor allem weil ich aus dem Radio kostenlos meine Lieblingslieder aufnehmen wollte. Die Neue Deutsche Welle tobte gerade los, und der kleine Jens baute seine allgemeine Begeisterung für etwas seltsame Musik aus. Immerhin hatte ich schon zwei Platten (nein, drei, Micky Maus Starparade war auch noch dabei, aber da spreche ich nicht gern drüber ;-) ). Meine große Schwester Anita war gerade – warum auch immer – zu unerwartetem Reichtum gekommen und vertickte mir ihren alten Kassettenrecorder. So ein Stereoding, links ne Box, rechts ne Box, in der Mitte das Tape und oben die Skala für das Radio und ne Menge Knöpfe. Von ISP. Und dann ging’s los. Jedes Wochenende saß ich Abends vor NDR2 und dem Club Wunschkonzert, bei jeder Moderation von Günter Fink einen Finger auf REC und einen auf PLAY. Endlich hatte ich Major Tom eingefangen, nebenbei noch Perlen wie “Aloa He” von der Neuen Heimat oder “John Wayne is big leggy” von Haysi Fantayzee. Geil. Und alles mit Wortfetzen am Anfang und am Ende, zurückspulen und beschneiden war nicht, da konnte man ja das nächste Lied verpassen ♫ Es waren aufregende Abende, aber es war später unter der sicheren Bettdecke liegend ein super Gefühl, diese Musik konserviert zu haben, ohne jeweils 6 Mark für die Single ausgeben zu müssen.
Ich habe diese Kassetten noch. Und im zweiten ebay Paket steckte eben so ein Recorder der Firma ISP. Genau der gleiche, STR-793. Vor dem sitze ich jetzt…

Für immer Musik

Das Leben ist kein Wunschkonzert

David Dundas ist fertig, mein Plattenspieler hat sich mit einem leisen *schnarrklack* ausgeschaltet. Der lebt in Südfrankreich und ist zwischendurch mal ein Lord gewesen oder noch immer, ich weiß es nicht. Ob er noch singt? Die Überlebenden von Truck Stop sind so alt wie meine Eltern und machen weiter Musik. Was aus Dschinghis Khan geworden ist weiß ich nicht so richtig, einige sind ebenfalls verstorben und Ralph Siegel produziert ja noch immer dies und das.
Die Platten drehen sich nicht mehr. Macht aber nichts, ich habe jetzt Radio an. Als Kind verkroch ich mich bei dieser Musik gedankenverloren in einer Menge Basteleien, während sich gar nicht so heimlich, still und leise meine Mama und mein Papa auseinandergerissen haben. Diese Jahre brannten sich gemeinsam mit der Musik in meine Seele, und ich glaube inzwischen, dass ich das nicht mehr aufarbeiten kann. Obwohl ich meine old Bluejeans an habe. Das ist dann wohl so. Ich sitze mit einem Glas Wein in der Hand vor diesem ISP Kasettenrecorder, das rote “Stereo” Lämpchen leuchtet und es ist dunkel draußen. Das Plastik von dem Ding RIECHT sogar so vertraut wie damals, können Sie sich das vorstellen? Auf dem Oldiesender läuft Maffays Es war Sommer. In den 90ern habe ich mit meiner Gitarre im Irish Pub in Kiel damit 150 besoffene Iren begeistert. Heute Abend macht es mich traurig. Sachen sind vorbei. Sachen sind kaputt. Aber die Musik wird immer da sein. Sie wird uns immer begleiten, und sie wird auch in Zukunft Momente in unserem Leben konservieren. Für später. Manchmal für die Ewigkeit. Ich ziehe den Stecker vom Recorder und trinke mein Glas aus. Und dann weine ich ein bisschen.

Sandmann

[Im Feed kann dieses Video nicht angezeigt werden.Klicke zum Blogeintrag um das Video anzusehen.]

Read more

05 Apr 2015
Zu den Favoriten hinzufügen   Jens Tanz  

Baggaaaaa Papa!

Baggaaaaa Papa!

Entertainment entlang der Autobahn

Sturm, Regen, eine zweijährige Mitreisende und keine Kinderlieder.
Eine Pendelei von Hamburg nach Kiel dauert normalerweise eine Stunde, mit dem alten Audi 100 eher 1,5 Stunden, bei Regen noch ein wenig länger und seit ein paar Wochen (seit der Ausbau der A7 zur dreispurigen Pendelachse nach Dänemark begonnen hat) unabschätzbar lange. 60km/h bis 80km/h. Parken auf 100 Kilometern. Das viertelfinnische Sandmädchen, jäh der Kita entrissen, sitzt leicht pampig auf dem Kindersitz neben mir – und Kiel ist noch weit weg. So um Ostern rum sind eine Menge bunte Bagger entlang der A7 versteckt, vielleicht…..? Stationen einer Autofahrt, während Sturmtief Niklas unbefestigte Gegenstände quer durch das Sichtfeld treibt.

16:10 Uhr.
Dieses Wetter macht mich fertig.

Baggaaaaa Papa!

Ein sagenhaft eintöniges Stück Norddeutschland

Und nicht nur das Wetter. Und nicht nur mich :-( Die Bundesautobahn 7 zwischen Hamburg und Kiel war schon mehrfach Thema meiner verworrendsten Albträume, meistens hatte das aber mit hohem Verkehrsaufkommen und den entsprechenden Folgen in Richtung Süden zu tun. Heute fahren wir in Richtung Norden. Neben mir sitzt ein kleines viertelfinnisches Mädchen mit einem großen vollfinnischen Willen und blickt finster aus ihren blauen Augen. Der Gurt des Kindersitzes schränkt ihre Bewegungsfreiheit leicht ein, da ist es auch nach wenigen Minuten nicht mehr supercool, vorn neben Papa im Audi zu sitzen. Im Mercedes muss sie immer hinten sitzen, der Audi hat da aber keine Gurte. An diesen blauen Augen zieht jetzt die A7 vorbei, die auf diesem Teilstück noch nie sagenhaft unterhaltsam war. Abgeschaltete Windgeneratoren vor einem tiefgrauen Himmel, aus dem eine Menge Regen fällt. Kaum Häuser. Selten Büsche, noch ohne Blätter. Ein Szenario, wie geschaffen um einen zwei Jahre alten Menschen bei der Stange zu halten. Nicht.
Der Wind reißt am Audi. Mein Kind beginnt zu nörgeln.

16:23 Uhr
Wo gebaut wird, stehen Bagger. Kinder finden Bagger toll, allein schon wegen der leuchtenden Farben. Okay, hallo Ostern, es geht los. Ich zeige meiner kleinsten Tochter den ersten Bagger und jauchze euphorisch in der Hoffnung, so etwas wie Begeisterung säen zu können.

Baggaaaaa Papa!

Endlich. Lasst die Spiele beginnen!

Es funktioniert. Nun ist das mit Baggern so eine Sache. Die sind sicherlich toll, wenn sie da sind. Aber wenn die Lunte erstmal brennt, brennt sie schnell. Das Kind will jetzt Bagger sehen und ist in ihrer noch recht kleinen Welt der Meinung, Papa kann machen, dass welche kommen. Das kann Papa aber nicht. Papa kann den Radiosender verändern, und er kann es im Auto wärmer machen. Das war es dann auch schon. Er kann nicht mal das Tempo bestimmen, denn das machen die anderen Autos vor ihm, und die haben heute beschlossen, sich Zeit zu lassen. Die meisten norddeutschen Autofahrer reagieren auf Regen, Schnee oder Wind mit dem Absenken der eigenen Geschwindigkeit auf Schritttempo und dem angestrengten Lauschen der Verkehrsmeldungen, die sie mit ihrem Verhalten gerade selbst produzieren. Lobpreiset das Bundesverkehrsministerium, denn es hat gemacht, dass noch mehr Bagger kommen :-) Da. Guck.

Baggaaaaa Papa!

Bagger. Sie ist glücklich.

Wenn Sie bei diesen Bildern mutmaßen, dass wir auf einem kleinen Bundesstraßen-Teilstück irgendwo bei Quickborn dahindödeln – nein nein. Quickborn ist zwar nicht ganz falsch, aber was man hier sieht ist die Hauptverkehrsader quer von oben nach unten durch Schleswig-Holstein, die in den nächsten Jahren (JA-HREN!) eine Dauerbaustelle ist. Hurra. Wenigstens gibt es Bagger für die Dame, und das nicht zu knapp. Mein viertelfinnisches Sandmädchen giekst vor Wonne und zeigt emsig mit ihrem kleinen Fingerchen auf die gelben, orangen und türkisen sandbewegenden Kolosse. Einige blinken, andere fahren, die meisten stehen einfach nur rum.

Baggaaaaa Papa!

Ganz aufregend. Gut so.

16:35 Uhr.
Zeigefinger wohin das Auge blickt. Die Straßenplaner haben alles gegeben. Wenn mal für ein paar Meter kein Bagger zu sehen ist taucht das kleine Köpfchen mit fragendem Blick hinter den Sitzwangen auf: “Baggaaaa, Papa?” Ich versuche ihr zu erklären, dass ich nicht machen kann, dass noch mehr Bagger kommen, aber dass bestimmt gleich noch einer am Rand der Autobahn stehen wird. Wir werden schneller. Der Verkehr läuft inzwischen so gut, dass ich es wagen kann, 60 zu fahren. Cool. Vielleicht sind wir ja doch noch vor Einbruch der Dunkelheit in Kiel? Flott fließender Individualverkehr wiederum hat in unserem Falll als Hintergrund das streckenweise Nicht-Vorhandensein von Fahrbahnverengungen. Hier ist die A7 noch die gute alte A7, zweispurig und ohne Baustelle. Allerdings deshalb auch ohne Bagger. Ich ahne nichts gutes.

Baggaaaaa Papa!

Läuft. Aber nun ohne Baggaaa

16:39 Uhr
Seit 4 Minuten keine Bagger am Straßenrand. Nicht einmal die großen Werbetafeln von Dodenhof, die man hier nur aufgestellt hat, damit Berufspendler nicht vor Eintönigkeit sterben können den immer böser werdenden Blick der kleinen Dame erhellen. “Baggaaaa?” Sie wird ungeduldig. “BAGGAAAAAA???? PAPAAAA???” Es sind aber keine da. Wo ist eine Baustelle, wenn man sie mal braucht? Verdammt. Ich greife zum vorletzten Mittel der allgemeinen Kindesberuhigung auf eintönigen Überlandstrecken: Lebensmittel. In meiner Jackentasche ist noch ein Zwieback. Den habe ich da vor ein paar Tagen mal drin vergessen. Das trockene, komplett nährwertbefreite Stück verbranntes Weizenmehl zaubert ein Lächeln ins Gesicht meiner Beifahrerin und scheint prädestiniert dafür zu sein, einige Kilometer für glückliches Schweigen zu sorgen.

Baggaaaaa Papa!

Nährstoffbefreite Pausenfüller

16:42 Uhr
Rechts von mir schnurpst es leise vor sich hin, während der Regen weiter gegen die Scheiben geweht wird. Doof: Am Straßenrand stehen schon wieder extrem viele Bagger, die aber ungesehen verdampfen, weil die kleine Genießerin gedankenverloren auf dem trockenen Knusperteil rumkaut. Was für eine Verschwendung von optischem Entertainment, ich muss mir mal merken, bei welchen Kilometermarken es sich lohnt, Nahrungsmittel aus der Tasche zu zaubern. Hier nicht. Der blöde Nebeneffekt des uneigennützig angebotenen Zwieback ist, dass ich ebenfalls Hunger bekomme :-( Meine grundsätzlich teilungsbereite Tochter scheint meinen knurrenden Magen gehört zu haben, beugt sich leicht vor und hält mir den Zwieback hin. Die Süße. Ich verbuche das wohlwollend für meine küntfigen Reaktionen auf die kleinen, aber lautstarken Willensdurchsetzer, die da noch kommen werden. Heute, morgen, übermorgen. Man nennt dieses Alter auch “Terrible Two”.

Baggaaaaa Papa!

Jetzt will Papa auch.kf

Jetzt knurpsen wir beide. Aber ich lasse ihr selbstlos den Rest und bin neugierig, wie lange der Motz-Stopper aus dem Hause Brandt seinen Dienst verrichten wird. Knurps. Lecker irgendwie, ich bin im Kopf immer sofort im Freibad oder am Strand, wenn ich Zwieback oder Butterkekse esse :-) Kennen Sie das? Man sollte viel öfter Zwieback schnurpsen.
Für die nächsten Minuten bin ich mit mir, meinen Gedanken, ein paar Krümeln auf dem Hemd und der Musik allein auf der träge dahinfließenden A7. Weil ich persönlich die tobende Begeisterung für im Regen stehende Baustellenfahrzeuge nicht teilen kann fällt mein Blick auf das Display vom Radio, und zum ersten mal seit ich es eingebaut habe fällt mir auf, dass die Sendefrequenzen irgendwie nicht stimmen. Nanu? NDR1 sendet hier doch auf 89.5 und nicht auf 89.3?

Baggaaaaa Papa!

Off Topic. Sendefrequenzen.

Ich tippe auf dem Suchlauf rum. Hamburg II ist eigentlich auf 95.0, heute bei mir aber auf 94.8 :roll: Am auffälligsten ist die Verschiebung beim lokalen Rentnersender NDR Neunzig Komma Drei, den ich trotz seines eindeutigen Namens auf 90.1 finde. Was ist denn mit meinem Radio los? Frequenzen ohne Grenzen? Kann auch eine elektronische Skala sowas wie einen Versatz haben? Ist es wetterfühlig? Langweilt es sich? Schräg. Bisher war mir das nie aufgefallen, denn die Sender waren eingespeichert und zeigen dank fehlendem RDS ihre Namen sowieso nicht. Na gut, da habe ich wieder was dazu gelernt. Ich habe anscheinend eine Art behindertes Radio, aber solange da Musik rauskommt ist ja alles okay.
16:55 Uhr
Lustig wie die Zeit vergeht wenn man Spaß hat. Der Zwieback auf dem Beifahrersitz neigt sich gefährlich dem Ende entgegen…

Baggaaaaa Papa!

bald ist das Pulver verschossen

Dabei bietet dieser Autobahnabschnitt doch so viel Schönes!
Die Dauerbaustelle hat sich inzwischen auf die Fahrbahnmitte verlagert und ich erkläre meiner kleinen Zwieback-Schnurpserin, dass sie meistens dann mit frischen Baggern rechnen kann, wenn plötzlich überall diese kleinen Schildchen mit den roten und weißen Streifen rumstehen. Sie klatscht fröhlich verstehend in die Hände und spendiert mit dieser Aktion generös ein weiteres Stück Knuspergebäck dem blauen Teppich im Fußraum. Das klaut mir Zeit. Mist.

17:00 Uhr
Hey – für Papa ist da draußen auch mal etwas zum Gucken unterwegs. Ein schönes T-Modell vom W124, was einen Trailer mit einem wundervollen alten Auto zieht. Leider fahren die beiden viel langsamer als wir, und schwupps sind wir dran vorbei. Da kommt vor der Brücke der nächste Bagger, und trotz letzten Zwiebackfragmenten in Hand und Mund skandiert mein viertelfinnisches Sandfräulein ihre Entdeckung: “DA! PAPAAA! BAGGAAAAAAAAA!!!” Nun befindet sich auch Zwieback auf der Windschutzscheibe und dem Armaturenbrett.

Baggaaaaa Papa!

Nicht nur Baggaaaaa. Auch Oldiesg

17:20 Uhr
Kiel ist nicht mehr weit, aber wir haben bereits die baggerintensive A7 verlassen. Nicht, dass es hier irgendwie spannender vor den Fenstern wäre, und für das Wort “gleich” ist mein kleines Töchterchen noch zu klein. Die Synapsen einer Zweijährigen sind vorhersehbar geschaltet, nach über einer Stunde perfekter Passgenauigkeit beginnt nun plötzlich der bequem geschnallte Gurt zu drücken und zu eng zu sein. Ah ja. Sie jammert theatralisch ein wenig vor sich hin. Dann beugt sie sich leicht nach vorn, guckt mich mit diesen riesengroßen blauen Augen an und fragt: “Papa? BAGGAAAAAAA???” Und nun ist auch noch der Zwieback alle.

Baggaaaaa Papa!

Alle. Und nun?

Der Haken an so einem Automobil auf einer Autobahn ist, dass man nicht rauskommt, wenn es brennt. Und das Feuer wird genährt von fehlenden Baggern, aufgegessenem Zwieback und der voranschreitenden Zeit. In diesem Alter können Kinder unangenehm werden. Sehr unangenehm. Das erfordert Kreativität – aber es ist nicht viel in meiner direkten Erreichbarkeit, womit ich noch in den letzten Minuten um ihre Gunst werben könnte. Die Wasserflasche will sie nicht. Der neue Mitfahrer im Audi, “Fragen-Sie-den-Frosch”, ist auch schon im Fußraum gelandet. Ah. Fußraum. Moment, das könnte klappen.
17:23 Uhr
Sie lacht. Ich auch.

Baggaaaaa Papa!

Was man nicht alles macht.

Es gibt zahllose Bücher über Zeitgestaltung mit kleinen Kindern auf Reisen. Es gibt mindestens genau so viele Kassetten oder CDs mit Kinderliedern drauf. Ich besitze sowas alles nicht. Vielleicht sollte ich mal losziehen und ein paar doofmopsige klitsch-klatsch-in-die-Händeeee ♫ Tonbanalitäten erwerben, vielleicht zieht das ja. Wissen Sie was? Ich glaube nicht. Dieses Kind ist schon in Mamas Bauch mit Rammstein, den Ramones und Depeche Mode beschallt worden, die Zuckowskis dieser Welt könnten sie eher verstören. Sie liebt Wiederholungen und Routine. Bagger können gar nicht oft genug kommen. Ach ja, und Brücken. Brücken tun es auch.

17:30 Uhr
Die Brücken von Kiel. Wir haben es geschafft.

Baggaaaaa Papa!

Wenn der Bogen kommt, sind wir da.

Ich habe die rosa Mütze aus verschiedenen Gründen inzwischen wieder abgenommen. Sie war ein bisschen zu klein, sie roch und schmeckte in der Mundgegend überraschend nach längst vergangenen Lebensmitteln und einige überholende Menschen haben etwas verstört rübergeguckt. Ich will die Osterreisenden nicht unnötig verängstigen, heute wird man derartig vermummt ja leicht in eine Schublade gesteckt und hat schnell das LKA im Nacken. “BRÜCKEEEEE!!! DA! Huiiiiii!” Kurz vor Kiel kommen ungefähr 10 Brücken hintereinander, und wissen Sie was? Die nächsten Jahre können wir auf der A7 zu jeder Jahreszeit noch Bagger zählen. Das wird ein Spaß :-) Und bis dahin lassen Sie es sich gut gehen. Wir tun das jetzt auch. Ei Ei Ei.

Sandmann

Read more

Created Sonntag, 05. April 2015 Tags A7 | Absurdistan | Audi 100 LS 1977 | Autobahn 7 | Bagger | Baustelle | Dauerbaustelle | Stau Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
26 Mar 2015
Zu den Favoriten hinzufügen   Jens Tanz  

Abschied und Lebewohl?

Abschied und Lebewohl?

Das Eckige muss ins Eckige.

Zehn Jahre sind eine lange Zeit. Egal, wie alt man ist.
Zehn Jahre an der Seite ein und desselben Partners sind heute eine Seltenheit. Ein Schatz, der gehütet werden sollte, wenn er noch immer funkelt und beide Partner sich Zeit für einander nehmen. Die Generation unserer Eltern hat das Leben ausgehalten. In guten wie in schlechten Zeiten, das haben sie sich irgendwann einmal vor Gott geschworen, das mussten sie dann auch durchziehen. Heute ist man ein bisschen liberaler. Wenn es nicht mehr passt, wird darüber geredet. Wird versucht, eine Lösung zu finden. Und wenn die nicht gefunden wird, dann trennt man sich. Nach 10 Jahren fand ich keine Lösung mehr für mich und meinen Audi V8. Jedenfalls keine, die mir UND ihm gut getan hätte und bei der wir zusammen bleiben konnten.
Ein später Nachruf zwischen Garagentoren.

Das Rad der Zeit dreht sich weiter.

Abschied und Lebewohl?

Weg, weit weg von Kiel

Neulich hatte ich noch relativ viel Zeit, arbeitete in Kiel und war immer rechtzeitig zu Hause. Da stand dann der Audi, konnte bei Bedarf beschraubt werden und bekam alle Unterstützung, die ihn bis zu seinen 520.000 Kilometern auf dem Tacho brachte. Und wollte er einmal nicht, dann nahm ich das Fahrrad zur Arbeit, ging früher nach Hause und reparierte dann abends die zumeist kleinen Defekte. Neulich.
Neulich war 2011. Jetzt ist alles anders. Ich arbeite meistens in Hamburg und manchmal in Kiel, und seit zwei Jahren gibt es zudem ein süßes kleines Sandmädchen, was meine beiden wundervollen großen Mädels im Tochter sein ordentlich unterstützt. Auch sie lebt weitestgehend in Hamburg. Ich bin also jeden Morgen und jeden Abend auf ein Auto angewiesen, das auch wirklich fährt. Mit dem Fahrrad ist Hamburg nämlich von aus Kiel ein bisschen weit.

Nacht und Nebel

Nacht und Nebel

Sie sollte also nicht mehr sein, die 10 Jahre währende Beziehung mit dem 1993er Audi V8 4.2 Quattro, mit BOSE Soundsystem, Klimatronic, beheizten Sportledersitzen mit Memory, elektrischem Heckrollo und LPG Gasanlage. Wer stöbern möchte – rechts am Rand von Sandmanns Welt hat das Auto eine eigene Rubrik. Ich habe es schon gefahren, als das Internet noch in den Kinderschuhen steckte und ich gerade erst mein Staatsexamen in der Tasche hatte. Ja, wirklich. Ich wäre fast Lehrer geworden, da sehen Sie mal, wie lange das her ist. Heute stecken noch ganz andere Dinge in den Kinderschuhen, kleine tappsige Kinderfüße zum Beispiel. Dem V8 folgte mit einem beruflichen Neuanfang mein erster Mercedes nach, auch nicht gerade eine super Entscheidung, aber super Entscheidungen sind die berühmten “Sprungbretter” direkt nach langen Beziehungen ja nie. Wir haben das treue Auto in einer Nacht-und-Nebel Aktion nach Wahlstedt zu Markus1975 gebracht, der hier auch regelmäßig seinen geschätzten Senf dazu gibt und sich dem sehr besonderen Audi, der aber trotz aller Besonderheit sehr Liebebedürftig war, annehmen wollte.

Abschied und Lebewohl?

Markus – und Audi V8 Nummer 2

Warum komme ich denn erst jetzt mit dem Kram raus, vier Jahre später?
Keine Ahnung, wirklich nicht. Ein Entwurf der Geschichte lag seit damals im Speicher meines Blogs rum, ich habe ihn niemals beendet. Seit 2011 ist wiederum so viel passiert, dass der alte Textentwurf mir heute wie eine Komödie vorkommt, also habe ich ihn gelöscht. Die superschlechten, viel zu dunklen Bilder habe ich nochmal neu bearbeitet. Und jetzt hacke ich endlos sentimental in die beleuchteten Tasten, trinke Rotwein und drehe komische Gedanken in meinem Kopf. Kann mich da mal ganz schnell jemand wieder rausholen, bitte? Hm, tja. Wir haben den Kahn damals erst in Markus’ Garage gebracht, dann zog er um in die erste Schrauberhalle (deren Adresse noch immer in meinem Navi gespeichert ist) und heute steht er neben seiner aktuellen Schrauberwerkstatt. Draußen. Glaube ich.

Abschied und Lebewohl?

runter kommen sie immer.

Die Diva und die Lady. Das sind sie, die beiden Audis von Markus, einer davon ist “meiner” und inzwischen hat der Mann sich eine ganze Menge Ahnung angeschraubt. Aber den V8 hat er nie fertiggestellt. Immer kam was dazwischen, die Alltagsautos mussten am Laufen gehalten werden, sein eigenes V8-Baby wollte ebenfalls Zuneigung und am Ende des Tages hat auch Markus eine Frau und eine Tochter, die ihn ab und an mal sehen wollen. Ich glaube, dass mir während meiner Ausformulierungen jetzt und hier ein Grund dämmert, warum ich das ausgerechnet JETZT online bringe. Wo doch schon so viele Autos danach kamen, der W124, Rudolf Diesel, dann das Taxiund bis heute der dunkelblaue Avantgarde. Der V8 steht nämlich noch immer so da, ein Stück meiner eigenen Vergangenheit, ein Stück Blech gewordene Unvernunft und ein wirklich teures Stück Automobil. Wer die Ersatzteilpolitik von Audi kennt weiß, was ich meine.

Abschied und Lebewohl?

links, rechts, rückwärts rein

Ich hasse diese Sentimentalität!
Mir schwirren grad total bescheuerte Gedanken im Kopf rum. Schwachsinnige Gedanken. Teure Gedanken. Gedanken, die mit meinem aktuellen Leben gar nicht vereinbar sind, von meinem Portemonnaie und der Geduld meines halbfinnischen Fräulein Altonas will ich gar nicht reden. Ich glaube, das liegt daran, dass ich in den letzten Jahren sehr viel losgelassen habe. Da waren Dinge bei, die wirklich entbehrlich waren, da waren aber auch Dinge bei, die ich unter normalen Umständen niemals freiwillig losgelassen hätte. Und doch habe ich es getan. Und es tat sehr oft sehr weh. Und jetzt stellen Sie sich vor, Sie stehen plötzlich vor Ihrem Lieblingsauto, was Sie vor vielen Jahren mal jemand anderem gegeben haben. Vor Ihrer großen Liebe. Vor einem Pool voller Geschichten, vor der Karre, in der Ihre Kinder autofahren gelernt haben, in die sie reingekotzt haben. Und es gibt da noch so eine klitzekleine Restmöglichkeit….. nnngghhhhhh…..
Moment, ich schreib Markus mal ne SMS…

Abschied und Lebewohl?

Steht. Wie lange…..?

GNARGH. Er hat mit der Zerlegung begonnen. Es müsste zu viel Geld in den Wagen fließen, mehr als 3000 Euro, bevor der wieder ne HU bekommt. Eigentlich weiß ich das ja. Ich hab ihm grad geschrieben, dass er zügig damit weitermachen soll, die Kiste auseinanderzureißen. Sonst komme ich noch auf GANZ blöde Gedanken. Und während ich hier sitze schreiben wir uns hin und her. “Der Wagen ist nicht mehr existent. Er ist aus deinem Blickfeld verschwunden“…. so viel Poesie hätte ich ihm gar nicht zugetraut ;-) Aber er hat ja Recht. Ich kann mit so einem Zeit- und Geldfresser nichts mehr anfangen, und er kann das Geld für die Einzelteile sehr gut gebrauchen. So wie es aussieht schließe ich also heute offiziell ein weiteres Kapitel meiner Vergangenheit ab. Darauf ein Astra, Markus, alter Kumpel.

Abschied und Lebewohl?

Prost. Endgültig.

Es ist schon…. komisch. So viel habe ich über das Leben mit diesem Auto geschrieben, von Anfang an im V8-Forum, noch ohne Bilder. Ob es diese Beiträge noch gibt? Was waren da für verrückte Geschichten dabei. Und das jetzt hier… das ist Sandmanns letzter Audi V8 Blog. Ever. Vermutlich. Was im Forum begann, was im AutoBild Blog weiterging und was in Sandmanns Welt mündete hat nun ein Ende. Aber es gibt über 100 Geschichten, und die wird es immer geben. Kennen Sie die mit dem Zahn? Egal. Lebewohl, mein Audi V8. Du hast einen bewegten Abschnitt in meinem Leben begleitet. Du warst Hochzeitskutsche, Urlaubsauto, du warst Kombi-braucht-man-nicht, Fahrschulwagen meiner Kinder, Kummermobil nach der Trennung, hast mich zur Scheidung getragen und durch viele Urlaube begleitet. Du warst immer dabei. Und jetzt bist du Geschichte. Du hast deine Aufgabe gut gemacht. Ich kalibriere mich jetzt darauf, dass du am Ende – nur ein Auto bist. Der Rest ist in meinem Kopf.

Sandmann

Read more

Created Donnerstag, 26. März 2015 Tags 2 Quattro | Abschied | audi v8 | Audi V8 4 | d11 | Quattro | teuer | Unterhaltskosten Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
23 Mar 2015
Zu den Favoriten hinzufügen   Jens Tanz  

Salima und Laura

Salima und Laura

Weder Thelma – noch Louise. Egal.

Thelma und Louise, aber ohne Klippe am Ende.
Das wäre auch eine sagenhafte Verschwendung von Mensch und Material, würden ich diese Geschichte so enden lassen wie den Film von 1991. Dabei sind die beiden Ladies in dem Mustang Convertible nicht weniger sweet und quirlig als Geena Davis und Susan Sarandon. Heute wurde allerdings niemand erschossen, und niemand ist auf der Flucht. Aber dazu später. Salima strahlt trotz oder gerade wegen ihrer dunklen Hautfarbe noch heller als die heute schon recht heftig scheinende Sonne, und ihre Freundin Laura setzt noch einen oben drauf. Weiße Klamotten, helle Hüte und ein silberner Mustang mit dem Namen “Jonny”. Ich alter Mann mit Hut und Kamera auf dem blauen Rücksitz. Es verspricht, ein wundervoller Tag zu werden :-)

Salima und Laura

sowas wie Patriotismus.

Ich fang mal vorn an. Ganz vorn. Ein typisches Mädchen ist die kleine Salima mit den großen Augen nämlich nicht, auch damals schon (ist diese Zeitform grammatikalisch okay?). Sie spielt nicht mit goldmähnigen großäugigen Plastikpferdchen oder dämlich lächelnden rosa Frisierköpfen, sondern begeistert sich für das Auto ihres Vaters. In Papas silbergrauem 1971er E-Type Coupé mit der roten Innenausstattung lässt sie während ausgedehnter Wochenendtouren den Wind in ihren Haaren wühlen, wäscht und pflegt den damals etwas über 20 Jahre alten Klassiker mit Inbrunst und wünscht sich brummelig, auch endlich!!! autofahren zu dürfen. Wie wir alle. Die für ein Kind nahezu ewige Zeit bis dahin überbrückt sie mit Modellautos. Das erste in einer langen Reihe ist ein 65er Mustang Convertible, ausgelöst durch den James Bond Film “Goldfinger“. Shirley Eaton bewegt in dem Streifen ein weißes Cabrio, und mit Erlaubnis ihrer Mutter bestellt sich Salima so eins im Internet. Es folgen Corvette C1 und C3, Camaro Trans Am, KITT und KARR und ergänzend diverse Oldtimerzeitschriften im Abo, die sich in ihrem Kinderzimmer stapeln. Als 2001 Anne Hathaway als Mia in “Plötzlich Prinzessin” in einem etwas abgerockten 65er Mustang Convertible durch die Gegend schrabbelt ist Salima endgültig verknallt. Nicht wie alle ihre Freundinnen in Michael, den Freund von Mia. Nein nein, in das Auto.

Salima und Laura

Endlich erwachsen…

Papa wird weiter fleißig jeden Sonntag um Touren mit dem Jaguar angebettelt, und irgendwann ist Mia, nein sorry: Salima, endlich nicht plötzlich Prinzessin, sondern 17,5 Jahre alt und kann mit dem eigenen Führerschein loslegen! Endlich!!! :roll: Papas Heiligtum darf sie allerdings nur in seinem Beisein bewegen und kann daher an vielen Ausfahrten der “Wormser Oldtimerfreunde” nicht teilnehmen. Papa hat auch noch etwas anderes zu tun als mit dem Auto durch die Gegend zu fahren. Der Wunsch nach einem eigenen Auto wird also täglich größer, und ein spontan angebotenes Mustang Coupé bei einem Händler in der Nähe bringt sie erneut zurück auf ihre all-time Autoliebe. Aber kein Coupé, ein Convertible muss es sein! Nach oben wird Luft gewünscht. Oma, Opa und die Eltern sind sich aber irgendwie nicht ganz einig, wer denn gern das erste Auto der quirligen Lady bezahlen wird. Einigkeit besteht allerdings in der Verwunderung darüber, dass nicht wie vorherbestimmt ein zuverlässiger Mercedes werden soll. Ein Amerikaner? Will man so etwas unterstützen?

Salima und Laura

Unter der Haube. Zumindest der Motor.

Die Beharrlichkeit der jungen Dame lässt die Verwandtschaft einlenken (oder kapitulieren), und kurz darauf bekommt ein weiterer Händler in Baden-Baden den Suchauftrag nach einem Pony ohne Dach, am liebsten Schwarz oder Nightmist-Blue und auf jeden Fall aus den Jahren 1967 oder 1968. In diesen Jahren war der Mustang seiner allerersten Serie entwachsen und wurde von Ford zwar optisch an den Vorgänger angelehnt, aber etwas massiger proportioniert, um Platz für die großvolumigen Motoren zu schaffen. Die Ära der Muscle Cars, also der viel zu kleinen Autos mit viel zu großen Motoren hatte begonnen. Die Heckblende mit dem mittigen Tankstutzen wurde konkav gestaltet und gilt unter Fans heute als der Pony-Po mit dem meisten Sexappeal. Die geniale und massive Werbekampagne für die erste Serie ließ den Mustang in den Verkaufszahlen-Olymp der USA explodieren und löste bei Ford intern den Thunderbird (Thelma? Louise??) als Verkaufsschlager ab. Die Möglichkeit, den Wagen auf Wunsch quasi nackt für sehr kleines Geld oder vollausgestattet für nicht wesentlich mehr Geld (mit allen Varianten dazwischen) zu ordern schmeckte den freiheitsliebenden Amerikanern.

Salima und Laura

Ein frühes Pony mit V8. Geil.

Und Salima stellt es vor die Frage, welches der angebotenen Fahrzeuge sie denn nun nehmen soll. Die Motorenpalette reicht beim Mustang aus den Baujahren vom 3,3 Liter Reihensechser bis hin zum 7,0 Liter Big Block V8. Und die Popularität des (damals) preiswerten Sportlers ist ungebrochen, trotz der hohen Stückzahlen. Allein in den Jahren 1967-1968 verkaufte der Konzern 789.000 Mustangs, davon 113.000 Fastbacks und 70.000 Convertibles.
Betrachtet man den Kleider- oder Schuhschrank einer Frau, weiß man, wie schwer sie sich mit Entscheidungen tut. Oha. Aber wie wir ja wissen, ist Salima anders als die anderen. Außerdem kommt ihr ein wenig entgegen, dass der Händler aktuell nur zwei Convertibles im Importprogramm hat: Einen roten 1967er mit dem dicken 390cui V8 und einen 1967er mit der klassischen 289er Maschine in “Silver Frost” mit blauem Interieur.  Nee, also Silber? Niemals. Hm… Es ist ausgerechnet Papa, der die Dame mit eher weiblichen Argumenten zur Vernunft bringt: Auf silbernem Lack sähe man den Dreck nicht so. Vielleicht ist Salima doch nicht so anders als die anderen Frauen. Der Mustang wird ihr erstes Auto.

Salima und Laura

Erstaunlich viel Platz da drin.

Auf dem Hof des Händlers traut sich Salima erst gar nicht, das sehr erhaben wirkende Fahrzeug anzufassen. Silver Frost. Yo. Passt ja zur Jahreszeit, irgendwie :-) Vielleicht ist die Farbe ja doch gar nicht so übel? Der Zustand des Ponies ist super, und irgendwie harmoniert das blaue Interieur super mit dem silbernen Lack. Und nach einer kleinen Gewöhnungsphase fährt sie auf trockenen Januarstraßen mit ihrer eigentlich für Mercedes plädierenden Oma neben sich und einem geschlossenen Verdeck über sich zurück nach Worms. Die Automatik legt die Gänge sauber ein, alles funktioniert und fühlt sich richtig gut an.

Salima und LauraSalima und LauraSalima und Laura

Sie nennt ihn Jonny.
Jonny bekommt noch einen Bremskraftverstärker (das Auto wurde ursprünglich zum vorwärts Fahren gebaut, eher nicht zu Bremsen…), einen Ölwechsel und frischen deutschen TÜV. Derweil recherchiert Salima ein bisschen über die Wurzeln des Autos, viel erfährt sie allerdings anfangs nicht über die Geschichte ihres Ponys. Ein einziger Name im Title, ausgeliefert am 06. Juni 1967 in Texas an einen Händler zusammen mit einem identischen Zwilling in eben diesem Sonderlack. Die Fahrzeuge sollten als Showroom-Kundenfänger dienen, und das scheint ihnen gelungen zu sein, denn schon am 30. Juni 1967 wurde Salimas Exemplar von einem jungen Schüler aus der High School gekauft. Der soll ihn lange, sehr lange gefahren haben, um das Pony dann eines Tages an seinen Sohn weiterzugeben. Der fuhr damit ebenfalls zur High School und beschloss 2009 eine Komplettrestauration in den Auslieferungszustand, mit Bildern und Belegen. Es gibt vermutlich nur ganz wenige Mustangs auf der Welt, die nicht irgendwann schon einmal restauriert wurden. Und es gibt vermutlich überhaupt keine Restaurationen, die sich finanziell gelohnt haben. Schwupps kam die Wirtschaftskrise – und der Wagen wurde verkauft.

Salima und Laura

eines der attraktivsten Cockpits der 60er

Das war’s auch schon an Details zu Jonnys Historie, aber Salima ist ja noch jung und hat sich vorgenommen, weitere Details über den Oldtimer mit dem guten Herzen und der robusten Technik herauszufinden.
Jonny ist ein Junge. Definitiv. Allein schon, weil er wenig rumzickt oder Probleme macht. Einen einzigen Liegenbleiber kann sie verbuchen: Eine defekte Zündspule, die den Convertible auf den Standstreifen zwingt. Da Salima an dem Tag auf dem Weg zu einem Oldtimertreffen ist finden sich umgehend sechs hilfsbereite Herren, die ihre Köpfe in den Motorraum stecken, aber trotz richtiger Diagnose nicht helfen können. Defekte Zündspulen heilt die Zeit, zumindest kurzfristig, als der Wagen wieder kalt ist kommt die Lady weiter. Immerhin bis vor den Wormser Puff, da bleibt Jonny wieder stehen. Ein wenig verlegen und lieber das Verdeck schließend kontaktiert die Dame ihren Papa, und kurz darauf wird der Mustang abgeschleppt und der Defekt in einer Werkstatt behoben. Jonny legt den Heimweg auf eigener Achse zurück. Er macht süchtig nach Ausfahrten in die Pfalz, allein oder mit ihrer Freundin Laura, die sie auf einer Party kennen gelernt hat und die von den endlosen Benzingesprächen nicht genug bekommen konnte.

Salima und Laura

Achte Sie bitte auf das Auto!

Alle drei zusammen verdrehen der Herrenwelt gehörig den Kopf und rocken den First Mustang Club of Germany, wenn auch mit diesem klischeebehafteten “Küken”-Status! Und wieder ist es dieser Film, an den mich die Fotos erinnern. Ausgerechnet in Salimas Geburtsjahr kommt “Thelma und Louise” in die Kinos. In dem Film flüchten die von ihrem despotischen Ehemann genervte Hausfrau Thelma und ihre überdrehte Freundin Louise in einem Ford Thunderbird Convertible (na gut) raus in die Freiheit. Das geht aus verschiedenen Gründen ganz schön schief und endet ganz hinten bei dieser Klippe auch nicht happy, aber wenn die Mädels auf den vorderen Sitzen jetzt noch Kopftücher umbinden würden wäre die Illusion fast perfekt. Ein bisschen vorsichtig sind sie schon, als sie sich an und auf dem polierten Mustang posieren. Und die permanente Pflege zahlt sich schon jetzt aus. Auf dem Treffen in Sinsheim erreicht Jonny  in der Kategorie “Originalgetreuester Bestzustand” den 3. Platz.

Salima und Laura

da lässt Mann sich gern mal chauffieren

Was man so erlebt auf US-Car-Treffen. Eigentlich ist mir nur die hübsche junge Frau in dem tollen Auto aufgefallen. Kurz darauf springt ihre nicht weniger hübsche Freundin dazu, und nicht viel später cruisen wir zusammen durch die Stadt und sabbeln und lachen und haben den Wind in den Haaren ;-) Ich bin ein bisschen beseelt und habe ein bisschen dazugelernt über eine heute unübliche Definition von Liebe. Eine Liebe zwischen Salima und Jonny. Ab und an klemmt mal eine Visitenkarte hinter einem Scheibenwischer, zumeist sind es zurückhaltende Herren mittleren Alters, die den Wagen kaufen wollen. Und sie bieten wirklich eine Menge Geld. Auch wenn das stolz macht – Salima gibt ihren Jonny nicht mehr her. Er hat zwar “nur” den kleinen 289cui V8, aber auch hier zeigt sich wieder, dass sie vielleicht doch anders als die anderen Frauen ist: Sie will nichts verändern. Sie liebt ihn so, wie er ist…

Sandmann

Salima und Laura

Vollgas zum Horizont

Ford Mustang Convertible
Baujahr: 1967
Motor: 289 V8
Hubraum: 4736 ccm (289 cui)
Leistung: 148 KW (200 PS) bei 4400 u/min
Max. Drehmoment: 407 NM bei 2800 u/min
Getriebe: 3 Gang Automatik
Antrieb: Hinterrad
Länge/Breite/Höhe: 4663/1801/1311 mm
Leergewicht: 1800 kg
Beschleunigung: 0-100 in 13 Sek.
Top Speed: ca 190 km/h
Preis / Wert: ca. 38.000€

Originalartikel auf TRÄUME WAGEN

Read more

Created Montag, 23. März 2015 Tags 1967 | 1967 Convertible | cabrio | ford mustang | Laura | Salima | TRÄUME WAGEN Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
 
15 Mar 2015
Zu den Favoriten hinzufügen   Jens Tanz  

Lecker Kabelsalat

Lecker Kabelsalat

Viele viele Brandbeschleuniger

Salat ist nicht so mein Fall.
Manchmal lasse ich mich zu einem Caesar’s (Cesars? Cäsar’s??) Salad hinreißen, mein halbfinnisches Fräulein Altona zaubert darüber hinaus ein ganz hervorragendes Senfdressing für Feldsalat und ähnliche Knusperblättchen – aber zu oft, das macht mich nicht glücklich. Salat im Auto macht mich sogar UNglücklich, vor allem wenn es sich dabei um einen farbenfrohen Kabeldschungel (Jungel? Djungle?) hinter dem Armaturenbrett handelt. Willkommen beim Tatort “Nicht-Ersthand-Auto”. Eigentlich möchte ich nur einen alten Zusatzverstärker aus den 80ern hinter das Radio schleifen. Am Ende habe ich wenigstens die Frontscheibe an ihren Rändern von der 38 Jahre alten Klebefolie befreit *grummel*

Samstag, Wetter kalt aber gut, Kinder versorgt.

Lecker Kabelsalat

Fragmente der 80er Jahre

Aus den Tiefen meines Kellers habe ich heißen Scheiß geborgen, jedenfalls in meiner Welt sind das coole Sachen: Den alten Interconti Equalizer Booster 8-) den ich schon 1990 im lila Taunus drin hatte und der zwar hektisch und albern rumblinkt, aber den Klang der zu kleinen Lautsprecher tatsächlich dramatisch verbessert. Als etwas dezentere Alternative liegt da noch ne kleine Blaupunkt Endstufe für zwei Euro vom Flohmarkt, wenn ich gaaaanz schnell bin und viel Zeit übrig habe (hahahaaaaa) warten auch noch zwei Lautsprecher auf ihren Einbau in die Heckablage.
Aufgabe 1: Die unlängst entdeckten bunten Kabelhinter dem Kombiinstrument in die Tiefen des Armaturenbretts verfolgen und ergründen, was die eigentlich treiben. Mysteriös.
Aufgabe 2: Klären, ob die weißen Lautsprecherkabel, die im Fahrerfußraum zwischen meinen Füßen rumpendeln noch irgendwo anfangen und gar irgendwo enden. Sie kommen weder beim Radio noch bei den Lautsprechern an. Mysteriös.
Aufgabe 3: Die Interconti Endstufe hinter das alte Blaupunkt hängen und Bass abfeiern.

Lecker Kabelsalat

Ansatzweise nachgebastelt. Wo gehen die hin?

Ich schätze Ordnung in der Bordelektrik. Sehr. Nun ist der Kabelbaum eines 1977er Audi 100 LS zwar schon ab Werk einigermaßen überschaubar, aber spätere Besitzer haben bei so alten Autos gern mal das eine oder andere Teilchen aus dem Zubehör nachgerüstet. Und das nicht immer mit ausgeprägtem Sinn für stromführende Verbindungen, die in der Geborgenheit eines Armaturenbretts schnell mal ein kleines Feuerchen in der Dämmwolle oder dem Teppich entfachen können. Drehzahlmesser mit Lüsterklemmen angeschraubt? Super! Radio und CD Wechsler reingestopft, mit dem Küchenmesser freigelegte Kupferlitzen zusammengedreht und mit Malerkrepp isoliert? Klasse! Rote Dauerpluskabel mit grün oder gelb verlängert und offen rumliegen lassen? Großartig! Einen ersten Eindruck von den tätig gewordenen Spezialisten konnte ich mir schon vor rund zwei Jahren verschaffen, als ich nur das Radio einbauen wollte…
Ich fang’ mit meinen Forschungen heute oben an, Deckel ab, Kombiinstrument raus und abtauchen unter die Lenksäule, mal schauen wo rot/gelb/blau/weiß, sauber über Gewindeschrauben mit der Leiterfolie hinten am Tacho verschraubt, am Ende hinführen.

Ah. Sackgasse.

Ah. Sackgasse.

Urks. Werde ich langsam alt? Oder dick? Oder ist in einem Audi 100 Fußraum einfach nicht so viel Platz? Hinter der Presspappe und dem blauen Kunststoff ist es jedenfalls, über Kopf betrachtet, tugendhaft 70er-deutsch aufgeräumt. Da sind ein sauber verlegter Kabelbaum, etwas Dämmung und die Luftkanäle zu den in diesem Modell reichlich vorhandenen Lüftungsdüsen. Die gehen von links nach rechts einmal quer rüber, das hat mich schon als kleines Kind begeistert ;-) Und weil das so ordentlich hier ist findet sich auch gleich der vierfarbige Kabelkandidat, beendet durch eine Lüsterklemme. Ah. Also wird hier nicht wie zuerst befürchtet der Armaturenträger wegen Kontaktproblemen mit neu verlegter Fremdspannung versorgt – es wurden vielmehr an seiner Rückseite in die andere Richtung Signalleitungen und Spannungsversorgung abgegriffen. Handwerklich gut gemacht, auch wenn ich selbst das jetzt vielleicht woanders abgezweigt hätte, aber egal. Wofür wohl? Was immer es war, es ist nicht mehr da. Also raus mit den vier Litzen. Aufgabe 1 erledigt. Enorm schrauberentgegenkommend finde ich (nebenbei bemerkt) den gerade entdeckten Massepol hier unten, direkt an der Karosserie angeschraubt. Mehrere blanke gut zugängliche Steckplätze im Kreis, auf die sich super massebedürftige Kabelschuhe stecken lassen. Audi hat seinerzeit mitgedacht.

Na immerhin.

Na immerhin.

Auch das weiße, lange Lautsprecherkabel lässt sich nach dem Entwirren von zwei gelben Kabelbindern komplett aus dem Fußraum rausziehen. Nach hinten auf die Hutablage führte das nicht, die ist noch jungfräulich. Na gut, Aufgabe 2 ist auch erledigt, dann kann ich jetzt ja noch mit dem vorhandenen Material die kleine Endstufe aus den 80ern einbauen *freu*
Das wiederum…. äh… gestaltet sich schwieriger, als ich dachte. Die weiter hinten liegenden Kabel, die hinter dem Radio zum Vorschein kommen stecken noch immer in klapperigen Lüsterklemmen. Die stromführenden Leitungen sind unzureichend mit Gaffer isoliert und die Anschlüsse an dem Interconti Booster habe ich damals zwar sauber verlötet – heute, 20 Jahre später, sind sie aber ausgehärtet und brechen wie Kekse ab. Toll.
Dabei war der Plan einfach: Stromversorgung der Endstufe über den Automatik-Antennen-Ausgang des Radios, Masse vom eben entdeckten Massepol. Stecker krimpen, Leitungen legen. Hm. Immer noch zu viele Lüsterklemmen, das gefällt mir nicht. Die zwei langen Leitungen der Endstufe zum Lautsprecherausgang des Radios hinter der Mittelkonsole durchwursteln. *rups* ein weiterer Stecker abgefallen. Aber jetzt will ich es wissen, den Lötkolben kann ich später noch immer anwerfen. Frontlautsprecher in die Endstufe stöpseln, Strom drauf und los. Wow. Klingt fett. Leider nur links :-(

Lecker Kabelsalat

Nee, so wird das nix

Alle Leitungen sind fest verdrahtet, aber rechts kommt nix. Gar nix. Hurra. Ich tausche die Stecker durch und nehme die anderen beiden der vier Ausgänge des Boosters – das gleiche Problem. Laut, leise, mal drauf klopfen und wackeln. Nichts. Der “Graphic Equalizer” meiner automobilen Sturm und Drang Zeit ist anscheinend halbseitig gelähmt. Angesichts der inzwischen ziemlich wüsten Verkabelung ist das nun nicht so schlimm, so hätte ich das eh nicht einbauen können ;-) Die optionale, aber optisch ansprechendere Variante mit der Blaupunkt Endstufe vom Flohmarkt macht es mir noch einfacher, die funktioniert gleich überhaupt nicht. Yay. Ein voller Erfolg. Aufgabe 3 ist heute nicht lösbar. Immerhin habe ich mir mit diesem wild verlegten 12-Volt-Kabelsalat nicht den Sicherungskasten hochgejagt. Notiz an mich selbst: Neue Endstufe oder gleich ein dickeres Radio besorgen und dann sämtliche Anschlussleitungen neu verlöten und mit Schrumpfschlauch isolieren. Ich bastel das ganze Geraffel sauber wieder zurück.
Und als die Sonne zärtlich durch die Wolken bricht, sehen meine trüben Augen diese mistige Folie an den Rändern der Frontscheibe. Einst vor 38 Jahren beim Einkleben eben dieser verwendet und als schmaler schwarzer Rand drumrumlaufend, jetzt von der Sonne zerbröselt, abbröckelnd, extrem doof aussehend. Das stört den ungetrübten Blick auf die Straße vor mir schon seit jenem Tag im März 2013. Ha! Zusatzaufgabe 4: endlich, endlich mal wegkratzen, da Shit!

Lecker Kabelsalat

was lange bröselt verschwindet endlich

Ich liebe Off-Topics und bekloppte thematische Wendungen.
Die fröhlich blauen A-Säulen-Verkleidungen lassen sich bei einem Audi 100 mit einer einzigen Schraube lösen und abklippsen. Und die Folie, so hartnäckig, statisch aufgeladen und klebend sie ist, weicht kapitulierend dem liebevollen Zuleiberücken mit einem flachen Schraubendreher. Nein, liebe Wattestäbchenfanatiker und Politurpuristen, keine Sorge, die Scheibe leidet darunter nicht. Das ist ein bisschen so wie mit dem Ceranfeldkratzer, der macht seinen Job ja auch ganz sorgenfrei. Und Viss KANN nicht kratzen.
Kennen Sie diesen Effekt, wenn irgend etwas über Jahre ein Dorn im Auge war, aber aus Faulheit oder Vergesslichkeit (oder Zeitmangel) hatte man gelernt, damit zu leben? Bestimmt. Ich meine heute mal nicht Ihre Lebensgefährtin. So banal die Entfernung dieser Folienreste auch ist, plötzlich sehen die Ränder der Windschutzscheibe nicht mehr geborsten und abgerockt aus. Plötzlich habe ich wieder einen unausgefransten Blick auf die Straße :-) Ein Traum. Zusatzaufgabe 4 ist erledigt. Dafür sind jetzt das Armaturenbrett, meine Hose, meine Hände und der Teppich voller klitzekleiner schwarzer klebender Folienfrisselchen. Aber irgendwas ist ja immer.

Lecker Kabelsalat

vorher – nachher

Ich ziehe Bilanz eines zwei-Stunden-Einsatzes an einem Samstag Mittag im März.
Es dümpeln ein paar nutzlose Leitungen weniger hinter dem Armaturenträger des Dottore rum. Das ist gut. Die beiden alten Endstufen aus meinem Keller sind anscheinend kaputt. Das ist doof, aber halb so wild. Ich hab ja das Radio, und es funktioniert einwandfrei. Ich schau die Tage mal bei ebay Kleinanzeigen, was so in der Gegend angeboten wird. Und dann werden die vorhandenen Leitungen gleich sauber durchgelötet. Die Bröselfolie rund um die Frontscheibe ist weitestgehend weg. Das ist toll :-D Es sind noch Reste unter der Dichtkante oben beim Wagenhimmel, da wollte ich heute nicht ran. Die Heckscheibe, das nur am Rand, leidet unter dem gleichen Problem. Das mache ich dann auch noch irgendwann. Nach zwei Stunden merke ich, dass wir erst Anfang März haben und die Kälte meinen Rücken hochkrabbelt.
Also nehme ich aus diesem Tag vorwiegend Erkenntnisse mit, leider keine satt bassige Musik. Ich werde jetzt mal heiß und laaaange duschen und fahr dann Frustshoppen :-( So ein Vergaserreiniger-Additiv für den Tank macht ja glücklich. Und vielleicht kaufe ich mir gleich noch einen neuen Staubsauger, dem alten geht’s nicht so gut. Aber das ist eine andere Geschichte. Ich habe mit dem Dottore noch eine Menge vor, musikalisch akustisch gesehen ♫ Oder funktioniert bei IHNEN das Radio aus den 80ern etwa einwandfrei??

Sandmann

Read more

08 Mar 2015
Zu den Favoriten hinzufügen   Jens Tanz  

*Click* passt. Äh… fast.

*Click* passt. Äh… fast.

Drehn drehn und endlich sehn

Der Dottore. Ja, der Dottore. Der gute alte Nullausstatter Baujahr 1977, ich schätze es prinzipiell sehr, dass dem alten Neckarsulmer quasi sämtliche elektronischen Helferchen fehlen. Wo nix ist kann auch nix kaputt gehen. Nicht mal getönte Scheiben hat er, was einzig die obenrum bröselnden Stoffsitze kapitulierend bemängeln, ich wiederum find’s schön hell drinnen :-) Nun entdeckte ich beim Schrotti ein sehr seltenes und begehrenswertes Kombiinstrument, passend für meinen VorFacelift. Mit einem Drehzahlmesser trotz Vierzylinder. Eigentlich war der den geil röhrigen 5-Bangern vorbehalten, aber ein paar Ausstattungsvarianten hatten den auch “weiter unten”. Mein LS nicht. Und irgendwie wollte ich schon immer wissen, was da so wie doll dreht, also rein damit. Original? Nö. Egal ;-)

Die Kellerordnung geht ja ihre ganz eigenen Wege.

*Click* passt. Äh… fast.

Ich habe es tatsächlich gefunden…

Wobei ich da nicht weiß, wie es Ihnen geht. Ob Sie sich auch in den vergangenen Jahrzehnten genau so zugemüllt haben wie ich, zu Weihnachten immer den Osterkram finden und zu Ostern dann den Weihnachtsschmuck? Es fehlt eigentlich immer an 13er Schlüsseln, 10er Nüssen, Wasserpumpenzangen und Hammern. Immer. Also kauft man das immer alles neu. Seit ich im Herbst nicht nur mein Leben, sondern auch meinen Keller aufgeräumt und umgelagert habe weiß ich wo Weihnachten und Ostern versteckt sind. Ich bin Besitzer von sieben 13er Schlüsseln, sechs 10er Stecknüssen, drei Wasserpumpenzangen und acht Hammern. Tendenz steigend. Das ist toll, und vor allem finde ich die paar Auditeile, die ich fein gebündelt in einem Regal gelagert habe sofort wieder. Werkzeug? Brauche ich nicht viel. Kreuzschlitz, Schlitz, Kombizange. Mehr ist nicht nötig.

*Click* passt. Äh… fast.

man muss nur wissen wo…..

Ich spreche selten von Liebe. Heute liebe ich das Wetter, wir haben den ersten richtigen Frühlingstag und die sonntägliche Sonne strahlt auf ein sich langsam erwärmendes Kiel. Ich mag diese Stadt. Sie mag mich nicht, jedenfalls nicht immer, aber da kann die Sonne nichts für. In diesem Fall heute liebe ich aber auch die Einfachheit der Technik in einem 38 Jahre alten Auto, was damals als Technologieträger abging und noch immer irgendwie zeitlos ist. Irgendwo in den Tiefen des Kofferraums klappert ein kleiner Werkzeugkasten rum, von dem ich heute nur sehr wenige Inhalte benutzen werde. Ich habe schon unzählige male am Kombiinstrument irgend eines Typ 43 zwischen 1976 und 1979 geschraubt (den Facelift ab 1980 mag ich nicht), der Dottore ist mein dritter in 20 Jahren, da sollten keine unvorhergesehenen Vorkommnisse die Bastelei bremsen. Links die unechte Holzleiste ab, darunter ist eine Schraube vom Armaturendeckel. Am unteren Rand sind nochmal zwei, alles normale Kreuzschlitz, dann kann man das blaue Ding auch schon runternehmen. Versuchen Sie sowas mal bei einem aktuellen Auto. Nein. Vergessen Sie’s.

*Click* passt. Äh… fast.

fast schon raus der Lump

Danach noch zwei Kreuzschlitz, die das Kombiinstrument halten – und das war’s dann schon. Jetzt hängt es nur noch an der mechanischen Tachowelle, zwei breiten flachen Steckern vom Kabelbaum und dem Blinkrelais. Jawoll, ein Relais. Hier wird kein elektronisches *klick* *klack* akustisch simuliert, was die ansonsten geräuschfreie Arbeitsweise einer elektronischen Kippstufe vertont. Hier ziehen noch Spulen und Elektromagneten Kontakte auf und zu, die dann Glühlampen blinken lassen. Und das macht dann *klick* *klack* :-) Äh… ja. Die Hoffnung, das ordinäre LS Cockpit (mit links Tank und Temperatur, Mitte Tacho und rechts der Uhr) einfach so gegen den neuen besser bestückten Mitbewohner (links Drehzahlmesser mit Temperatur, Mitte Tacho und rechts Uhr mit Tank) zu tauschen gestaltet sich nicht ganz so sorgenfrei wie ich gehofft hatte. Audi hat in diesem Fall alles richtig gemacht, die Stecker im Kabelbaum sind komplett durchkontaktiert und passen 1 zu 1 auf das neue Kombiinstrument. Allerdings… sind da hinten dran ein paar Kabel, die da nicht hingehören. Angeschraubt an Stellen, an denen nichts angeschraubt wird.

was ist DAS denn nun?

was ist DAS denn nun?

Zwei Möglichkeiten….
Hier hat irgend ein Vorbesitzer Teile des vielleicht völlig maroden und irgendwo innen gebrochenen Kabelbaums überbrückt und das originale Cockpit mit selbst gezogenen Strippen angeschlossen, damit es überhaupt funktioniert. Diese Annahme ist nicht ganz aus der Luft gegriffen, weil die Funktion der Rückfahrscheinwerfer des Dottore auf genau so einem selbst gezogenen Kabel basiert. Sagte mir der Vorbesitzer. Hm.
Oder aber hier wurde irgend ein zusätzliches Gerät angeschlossen, was mal am anderen Ende dieser bunten Leitungen war und irgendwas gemacht hat. Was weiß ich, eine Endstufe, ein Navi, ich weiß ja nicht woran genau diese rot/gelb/blauen Litzen angeschraubt worden sind. Um das zu prüfen müsste ich hinter dem Armaturenbrett verfolgen, wohin diese drei Leiter gehen. Da hab ich jetzt keine Lust drauf. Also….. schraube ich sie einfach genau an die gleichen Anschlüsse am neuen Cockpit wieder an. Wird schon funktionieren :-) Glaube ich.

*Click* passt. Äh… fast.

Altes raus, neues rein

Mein liebes treues Kombiinstrument. Du warst mir zwei Jahre lang ein warm beleuchteter Freund, der mich mit den wesentlichen Informationen über dieses alte Auto versorgt hat. Ich hebe dich natürlich auf, falls ich es mal über den Kopp bekomme und den Dottore wieder in den Auslieferungszustand zurückversetzen will. Man weiß ja nie. Der Kilometerstand wird fotografisch festgehalten (der “neue” Tacho hat ein paar weniger drauf, ich glaube ich tausche die Tage einfach noch mal das einzeln ausbaubare Instrument damit das wieder stimmt) und jetzt ist es richtig ein bisschen spannend. Geht alles? Die Erfahrung hat mich gelehrt, einmal die wichtigsten Funktionen eines Umbaus auszuprobieren, bevor man alles wieder zusammenschraubt. Zündung an – drei rote Lampen leuchten. Motor springt an. Drehzahlmesser dreht hoch :-D YES! Blinker blinkt, Licht geht, Fernlicht auch. Tank klettert hoch, Temperatur auch. Da kann ich ja gleich eine kleine Probefahrt in den Sonnenuntergang das Westufer hoch machen, da wird ein Radiowecker aus den 80ern verkauft. Den will ich haben.

*Click* passt. Äh… fast.

Ohne 80er geht es nicht

Der steht nun, wie Sie sehen, auf meinem Nachttisch und wird mich hoffentlich morgen zur neuen Arbeitswoche pünktlich mit einem von sechs speicherbaren Sendern wecken ;-) Aber das ist eine andere Geschichte. Was mir während des Tiefflugs über die Holtenauer Hochbrücke und den Nord-Ostsee-Kanal dämmerig in den Augen brennt: Die Cockpitbeleuchtung geht nicht :-( Natürlich geht die nicht! Die geht nach Jahrzehnten des Drehens an den immer defekten kleinen Potentiometern in irgend einer Ecke der Tachoeinheit NIE. *grummel* Und ich habe echt keine Lust mehr, mit der Zunge zwischen den Zähnen feinfühlig und konzentriert so lange an diesem kleinen runden Plastiknuppel mikrometerweise zu popeln, bis der Schleifer irgendwann mal einen Rest Kupfer erwischt und für ein paar Minuten wieder Licht auf die Instrumente scheint – bis zur nächsten Bodenwelle. So ein Unsinn. Also ziehe ich auf die ESSO Tanke beim Holtenauer Flughafen und hol das Werkzeug wieder raus. Blauer Deckel ab. Schrauben weg, Tachowelle ab und umgedreht das Ding. Ach guck. Na klar. Das kleine Plastikteil, in dem der Schleifer für die Dimmung der Cockpitbeleuchtung sitzt quillt schon auf vor Oxid und zerbröseltem Metall. Wie immer.
Kurzer Prozess: Aus den Tiefen des Armaturenbretts ziehe ich ein Ex-Lautsprecherkabel (was liegt denn da NOCH alles so rum?), knippse 5cm ab, mache die Enden blank und lege es mit zusammengedrehten Litzen unter die beiden Schrauben, die den Dimmer halten. Und überbrücke den damit. So wie ich das schon beim Taunus, beim Granada, beim KaSi und bei den anderen beiden Audi 100 gemacht habe. Jetzt kann man das Licht zwar nicht mehr dimmen – aber das habe ich sowieso nie gemacht :-) Leucht leucht. Hell. Alles fein.

*Click* passt. Äh… fast.

es werde Licht! Jahaaaa!!!

Das Leben ist schön. Bei gutem Wetter durfte ich mal wieder ein ganz klein bisschen schrauben, und das auch noch mit Erfolg. Ein paar Mysterien bleiben. Wo gehen diese drei Leiter hin, die hinten angeschraubt sind? Ist es normal, dass der 2-Liter Vierzylinder bei 100 km/h “nur” 3000 Umdrehungen macht? Der klingt eigentlich eher nach 4500…
Na ja, und die üblichen Verdächtigen. Wie bekomme ich den Verbrauch des neu abgedichteten Motors unter 10 Liter? Wann komme ich dazu, die linke Antriebswellenmanschette zu ersetzen? Wo packe ich den blinkenden 90er-Jahre Interconti Booster Equalizer hin, den ich aus meinem Taunus gerettet habe? :-) Für mehr BUMMS im Dottore. Und wo kriege ich die kleinen Ausstellfensterchen für die vorderen Türen her?
… Aber das hat alles nichts mit dieser weitestgehend Plug and Play getauschten Tachoeinheit zu tun. Die geht nu. Und wenn wieder Blätter an den Bäumen sind sehen wir weiter.
Oder… juckt es Ihnen etwa NICHT in Ihren Schrauberfingern?

Sandmann

Read more

Created Sonntag, 08. März 2015 Tags Audi 100 | Audi 100 LS 1977 | Audi 100 Typ 43 | ausbauen | Beleuchtung | C2 | Dimmer | Drehzahlmesser | Kombiinstrument | LS | tacho | tauschen | wechseln Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
07 Mar 2015
Zu den Favoriten hinzufügen   Jens Tanz  

Zu spät geboren

Zu spät geboren

Ende und (Neu)Anfang zweier Marken

Von Sven Bortlisch
Kleinwagen…   1.4 Liter…   Oder sowas wie “87 PS” – dürften bisher nicht zu den Suchbegriffen gezählt haben, die Leser auf diese Seite geführt haben. Eigentlich habe ich sogar ein schlechtes Gewissen, falls sich das nach diesem Beitrag ändern sollte. Ein Lobgesang auf umweltfreundliche, platzsparende Autos soll das hier gar nicht werden, da bin ich hier auch falsch. Als jemand der hofft, irgendwann in seinem Leben einen gebrauchten Jaguar F-Type oder Aston Martin neben den Adam (und den Tesla) stellen zu dürfen, möchte ich einfach ein paar Sätze über die besondere Beziehung zu meinem ersten eigenen Auto beitragen. Ich bin Sven. Und ja – mein erstes Auto ist ein Opel Adam.

In den 90ern geboren beneide ich frühere Generationen, die sich in den 70er/80er Jahren als Student gebrauchte Opel oder Ford Coupés gekauft haben und damit zur Uni gefahren sind. Heute landet man irgendwie zwangsläufig beim Corsa oder anderen vergleichbaren Kleinwagen. Mag vielleicht auch daran liegen, dass die 90er und frühen 2000er Jahre nicht unbedingt die Glanzzeit des guten Designs bei bezahlbaren Autos darstellten und es deshalb an Modellen mit Charakter fehlt. Ein Kadett C Coupé hat für mich eindeutig mehr Charme als ein Tigra. Aber man liest ja eh immer öfter, dass der heutigen Jugend das neueste iPhone wichtiger als das eigene Auto ist. Im Prinzip reichen Bus und Bahn im Ruhrgebiet vollkommen – so lange man nicht nach 23:00 Uhr von Dortmund nach Mülheim muss und der Bahnhof auf der anderen Seite der Ruhr liegt.

Zu spät geboren

Farben der Vernunft

Wäre meine Familiengeschichte eine andere, würde mich das Thema Auto wahrscheinlich überhaupt nicht interessieren und wie den anderen der ÖPNV reichen. Allerdings ist mein Vater KfZ-Meister und hat – wie man Großvater und mein Großonkel – im Opel Werk in Bochum gearbeitet. Die ersten Autos, in denen ich unterwegs war, waren ein Kadett GSi 16v und ein Corsa A GSi. Manta A und GT kenne ich auch nicht nur von Fotos, Vati hatte sie alle und ich war dabei. Später wurde es praktischer und der Kindersitz landete im Omega A Caravan mit sechs Zylindern. Mittlerweile stehen zwar keine OPC-Modelle vorm Haus, aber es gibt sicher vernünftigeres, als einen Corsa D mit dem 130 PS Turbodiesel zu bestellen. Mein Clan ist schon immer Opel verBlitzt gewesen.

Es war also niemand da, der Ende 2013 glaubhaft dagegen argumentieren konnte, sämtliche Ersparnisse für einen nagelneuen Opel Adam zu opfern und die Kreuze bei den Farbkombinationen zu setzen, die einen schnellen Wiederverkauf unmöglich machen (zu dem es aber hoffentlich nie kommen wird). Gelb/Schwarz wäre vielleicht nicht gerade meine erste Wahl gewesen, aber was will man dagegen machen, wenn die weibliche Hälfte des Haushalts ein Auto haben möchte, dass sich aus der Masse abhebt (was im Prinzip nichts schlechtes ist)? Die selbst gewählte, eigenwillige Zusammenstellung sorgt natürlich dafür, dass mir der Kleine noch ein bisschen mehr ans Herz wächst und irgendwie ein bisschen besonderer wird.

Zu spät geboren

Ein bisschen Sandmann steckt in uns allen

Und als wäre das noch nicht genug, wurde mir im Dezember letzten Jahres zusätzlich bewusst: Der Adam besitzt auch in anderer Hinsicht eine Eigenschaft, die ihn von den anderen Autos in meinem Leben abhebt und abheben wird. Viele Stunden meiner Kindheit habe ich damit verbracht, am Werk in Bochum mit meinen Eltern und Großeltern neue Autos zu bestellen und abzuholen. Als Mitarbeiter hat man die Möglichkeit, zu besonderen Konditionen jedes Jahr einen neuen Wagen zu leasen beziehungsweise zu kaufen. Mit der Schließung des Werkes war klar, dass unser Auto das letzte sein würde, welches dort ausgeliefert wurde. Es ist zwar nur ein kurzes Kapitel im Leben, aber es ist zu Ende und es kommt so nicht mehr wieder. Im Nachhinein bin ich sehr froh darüber, dass mein Großvater, der quasi von Anfang an in Bochum dabei war, die Schließung nicht mehr miterleben musste.

Der Adam mag zwar nur ein Kleinwagen sein, aber auch ohne Vorgeschichte mit anderen Besitzern konnte er schnell etwas besonderes werden. Oder vielleicht gerade deshalb. Die Geschichten – erleben wir zusammen, er und ich. Wenn mich Jens lässt (und ich hier nicht vom Hof gejagt werde), ließe sich nach diesem Einstieg in Zukunft vielleicht noch das ein oder andere Thema anfangen und fortsetzen. Manche Geschichten beinhalten zwar die Worte „E-Carsharing“ und „BMW i3“, aber warum nicht die Suchanfragen gleich vollkommen in eine falsche Richtung lenken?

Sven

Read more

Created Samstag, 07. März 2015 Tags bochum | erstes auto | Fremde Federungen | gelb | Kleinwagen | opel | opel adam | Opelwerk | Selbstlose Schreiber Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
02 Mar 2015
Zu den Favoriten hinzufügen [1 Benutzer]   Jens Tanz  

Das Lichtschwert deines Vaters

Luke. Ich bin's!

Luke. Ich bin’s!

Die Beleuchteten. Teil 3: LED
Luke! *pchchchch* *zschschsch* Was habe ich seit der Tour im Reyrol von 1909 gelernt? In über 100 Jahren ist nicht viel passiert in der Entwicklung des Mythos Automobil. Es hat noch immer meistens vier Räder, einen Motor, ein Getriebe. Alles wurde nur emsig immer weiter verbessert, das Grundprinzip ist geblieben. Aber nicht – beim Licht (Reim!). Man mag es mögen oder man mag es hassen (aus welchen persönlichen Gründen auch immer), aber im neuen Jahrtausend hat der olle Glühfaden ausgedient. Weg. Britz! *knack* Heute schimmern Halbleiter heller als die Sonne und verbrauchen dabei weniger Strom als der Vibrator der Nachbarin. Das macht die Nacht über Barcelona am Ende der Reise zum Tag.

Die Generation der Hipster

Die Generation der Hipster

Nach Bilux kam ja noch was. Mit Bilux ist das Leucht-Latein ja noch nicht am Ende. Schon in den frühen 60er Jahren gab es H1 und H3 Glaskörper mit Halogenfüllung, 1966 präsentiert Philips die Zweifaden Halogenlampe für Fern- und Abblendlicht. Ja ja, die Niederländer. Seit 1971 (ein wirklich gutes Jahr) kennen Sie diese Zweifadenlampe  in diversen Fahrzeugen als H4 Lampe. Die ist auch heute noch in vielen jung gebliebenen Karren drin und an jeder Tanke zu haben. Jahaaa so alt ist das Teil schon. So alt wie ich. Ich muss unbedingt noch Wein nachkippen, Moment….

Wo war ich?
Fabra leuchtet hell. Vor dem alten Observatorium leuchten neue Autos, eigentlich nicht wirklich im Fokus meiner Begierde, aber einige tragen immerhin einen Stern auf der Nase, und sie alle gemeinsam erhellen die Straße vor ihnen wesentlich besser als all die anderen heute schon gefahrenen Karossen. So schön sie waren – für angemessenes Licht haben sie nicht gesorgt. Gut geschult erklären mir die Jungs an den Lenkrädern der neuen Limousinen, die ausnahmslos meine Kinder sein könnten, die Funktionsweise und die Lichtausbeute dessen, was da vorne strahlt. Luke! Luuuuke!!

Am Observatorium

Am Observatorium

Schon um 1876 erzählte Ferdinand Braun (der mit der Röhre) seiner lauschenden Gefolgschaft etwas über den Stromfluss durch Kristalle. Das war ungefähr zur gleichen Zeit, wie der Jahrmarkt oben auf dem Tibidabo eröffnet wurde. Um 1907, als der Reyrol das Licht der Welt erblickte beobachtete ein Herr Round, dass einige anorganische Stoffe anfangen zu leuchten, wenn man Strom durch sie durchschickt. Es ist nicht überliefert, warum er damals auf gut Glück Strom durch anorganische Stoffe geschickt hat, aber na gut. Das klingt ein bisschen so, als ob ich morgen mal eine … hm … sagen wir mal eine Mango mit einem Zahlencode füttere und schau, was passiert. Oder nicht? Na ja, es hat schon Gründe, warum ich kein Erfinder bin und nicht in den Geschichtsbüchern stehen werde. Es sollte noch bis nach dem Zweiten Weltkrieg dauern, dann wurde der Transistor erfunden und mit ihm die Erklärung für das Rumgeleuchte von bestimmten Halbleitermaterialien. Nebenbei war das auch der Startschuss für den Computer, wie wir ihn heute kennen. Schlafen Sie schon? Eigentlich ist das voll spannend! 1962 wurde die erste echte Leuchtdiode erwähnt :-) 1977 kam Star Wars in die Kinos. Damals ahnte man noch nicht, dass die Autos bald aussehen werden wie einige der Protagonisten der Weltraum-Oper… Und das mit den Lichtschwertern… nun…

ziemlich hell

ziemlich hell

Das Licht aus modernen Autoscheinwerfern ist nicht zu vergleichen mit dem Gefunzel von Bilux- oder Halogenlampen, so ungern ich das auch zugebe. Das ist schlicht … besser! VIEL besser. Xenon-Brenner der neuesten Generation und LED Scheinwerfer zieren schon längst nicht mehr nur die Gesichter von Oberklasselimousinen. Die Brenner bedienen sich dabei eines Lichtbogens zwischen zwei Wolfram Elektroden, sie sind wesentlich heller und halten vier mal so lange wie Halogenlampen. Vor allem ist ihr Farbspektrum ermüdungsfreier und näher am Tageslicht als das der anderen Leuchtmittel. Und wenn Sie mal derbe geblendet werden – das geht auch mit ollen Bilux Lampen, wenn die Scheinwerfer nicht richtig eingestellt sind. Da kann Xenon nichts dafür :-) In meinem alten Daimler sind auch Xenons der ersten Generation drin, und ich möchte die nicht mehr missen. In den hier umherflitzenden Daimlern sind entweder die allerneuesten Xenons drin oder – LED. Beeindruckend, wie die S-Klasse die nächtliche Straße vor ihr gestochen scharf in einen fröhlichen Tag verwandelt.

LED der ersten GenerationDas Lichtschwert deines Vatersvon hinten erkennnbar...

Ich habe wahrlich genug gesehen, um von einem völlig anderen, mir bisher nicht bekannten Lichtsystem überzeugt zu sein. LEDs waren in meiner Welt bis dato nur in Lichterketten am Weihnachtsbaum, in Schaltern oder maximal in Kombiinstrumenten. Das sind sie noch immer, und ich will eigentlich nie wieder aus dieser S-Klasse aussteigen (Sie sehen das Interieur im Aufmacherbild, das ist schon… ziemlich geil). Die Jungs bei Philips haben tatsächlich über die Jahrzehnte nicht geschlafen und eine Menge auf den Weg beleuchtetes gebracht. Dass man Mittel und Wege finden wird, so viel Strom durch einen geschickt kombinierten Halbleiter zu schicken, dass er reinweiß und hell leuchtet, hätte ich mir während meiner Ausbildung zum Kommunikationselektroniker Anfang der 90er nicht träumen lassen. Okay, damals hatten Computer auch noch 4MB RAM und Festplatten waren 70MB groß. Das Internet stand noch vor der Tür und überhaupt ist das alles schon ziemlich lange her. Mehr Wein! Luuuuuuke!!!! *chchchch* *tschschsch*

Das Lichtschwert deines Vaters

Wein können sie, die Spanier

Wein. Daran mangelt es hier in Südspanien nicht. Ich muss heute nicht mehr fahren, also was soll’s. Bevor es mit den 2015er Limousinen runter in eine Cocktailbar nach Downtown Barcelona geht lerne ich noch ein wenig über die Lasertechnologie, die schon vereinzelt zum Einsatz kommt. Laser. Als Lichtquelle. Luke? Aber davon werden mir meine Kinder vermutlich dann irgendwann mehr erzählen können, wenn das Serie geworden ist :roll: Krass was da geht, und beeindruckend, wie Philips alles ins Licht gesetzt hat. Das war definitiv mal eine Veranstaltung, die ein bisschen… anders als die anderen war. Vielleicht ist es der Wein, vielleicht die Masse an Eindrücken… aber ich werde schon wieder ein bisschen pathetisch. Vielleicht ist es auch einfach dieser sagenhafte Blick aus den Bergen runter auf diese spanische Stadt, die niemals schläft.

Das Lichtschwert deines Vaters

Am Ende ist wohl alles Licht

*phschschsch* *hhhhhhchchchchch* Luke! Luke!!! So, ausgereizt der Gag, ja, Lasertechnologie wird es bald auch in IHREM Auto geben und das Lichtschwert gehört nicht meinem Vater. Der hat noch H4 Lampen in seinem Space Star. Glaube ich. Ich lege mal den Mantel des Schweigens über den Rest der Nacht, aber ich kann versichern, dass ich ordnungsgemäß mir dem letzten Shuttle wieder hoch zum Hotel gefahren bin. Das haben bei weitem nicht alle geschafft, wie ich am nächsten Morgen erfahre :-)
Ich bin in diesen Tagen eine Menge sehr abgefahrener und besonderer Autos gefahren. Das muss ich erstmal verdauen. Was haben Sie denn so an Licht vorn in Ihrem Auto? Na? Gar was von Philips? Würde mich nicht wundern. In diesem Sinne – Prost.
Luke!!!

Sandmann

Read more

Created Montag, 02. März 2015 Tags Barcelona | Bilux | Fremde Federungen | H4 | Laser | Philips | S-Klasse | xenon Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
14 Feb 2015
Zu den Favoriten hinzufügen   Jens Tanz  

Kirmes mit Capone

Kirmes mit Capone

Immer eine Hand an der Waffe

Die Beleuchteten. Teil 2: BiLux.
Fette Karossen aus den 20ern und den 30ern. Dampfmusik aus einer Orgel, Karussells und Riesenräder. Glücksspiel, Prostitution, Handel mit illegalem Alkohol und Schutzgelderpressung…. sucht man hier vergebens, aber ein böse guckender Alfonso Capone, der für all das Pate steht, stromert zwischen geparkten Autos rum. Ich stehe verträumt mit einem heißen, keuschen Kakao in der einen und einem Churro in der anderen Hand zwischen den Blech gewordenen Sehnsüchten mehrerer Generationen, und der Typ kommt an und fragt mich in geknödeltem Englisch mit spanischem Akzent, ob ich Waffen dabei hätte. Coole Sau. Nein, habe ich nicht. Aber ich freu mich schon auf den illegalen Alkohol, später.

Wir kamen, um das Licht zu sehen.

Kirmes mit Capone

Droben auf dem Berge

Ganz oben, über Barcelona, erhebt sich der Tibidabo. Ein lustiger Name für einen Berg, der klingt eher nach einer kleinen Dampflok mit Kulleraugen. Oben drauf stehen die Sagrat Cor und ein sehr alter Vergnügungspark, hinter dessen Toren eine Zeit zwischen Carbid und Halogen aufgereiht steht. Und die Jungs und Mädels aus Presse, Rundfunk und Fernsehen, die hier angereist sind, mittendrin. Der Reyrol von 1909, der mich hier her holperte steht zischend und dampfend vor einem wunderschönen hell beleuchteten Karussell, quasi unbeachtet von den Massen. Denn die drängeln sich inzwischen um den Packard und den Mercedes 170 und die anderen Schätze weiter vorn. Ich sage nochmal hanseatisch “tschüss” zu dieser einmaligen automobilen Erfahrung und lasse mich von dem Spektakel auf der Kirmes weitertreiben, von Gauklern, mutierten Kreaturen und der Sehnsucht nach Schönheit und Form.

Kirmes mit Capone

Ciao Reyrol, ich ziehe weiter.

Eigentlich bin ich allein mit dem alten Auto von eben schon im Geiste den ganzen Abend beschäftigt, was jetzt hier steht übersteigt gelinde gesagt das Fassungsvermögen des Gehirns eines einfachen Bloggers mit einem Hang zu altem Blech. Autos. Autos von 1920 bis 1980. Einige rauben mir den Atem, einige habe ich noch nie gesehen und andere bringen mich zum Lachen. Aber alle sind schön, bunt und vor allem – beleuchtet. Licht an. Als die Kutschen zu schnell wurden, um sich mit einer Carbid Lampe den nächtlichen Weg bescheinen zu lassen kamen handelsübliche Glühbirnen wie die Halbwattlampe von Philips, zu sehen im Ford Modell T. Ab 1925 gab es die Lampe mit zwei Glühfäden, einen für Abblendlicht und einen für Fernlicht, falls man des Nachts mal ein bisschen weiter gucken wollte. Bilux. Vielleicht hatten oder haben Sie ein Auto mit so einer Funzel vorne drin? Hier stehen ein paar davon rum. Gratis dazu gibt es den Geist dieses alten Vergnügungsparks, in dem schon vor 1900 Menschen Spaß hatten, Hau den Lukas spielten und in quietschenden Schiffschaukeln gen Himmel strebten. Klasse.

Kirmes mit Capone

Eine illustre Runde, alle Lampen an.

Genau so, wie die Verantwortlichen von Philips oben beim Hotel zum Start der ersten Etappe einen zeitgenössischen Kutscher aus dem Fluxkompensator gezogen haben springen einem auch hier zwei Figuren ins Bild, die zeitgeschichtlich zu den Autos passen. Einer davon ist der Typ, der uns eingangs nach den Waffen gefragt hat :-) Ein schräger Vogel, gut gekleidet und durch und durch Bilux. Erst später ist man auf die grandiose Idee mit dem Halogen im Glaskörper gekommen, ich erspare Ihnen die technischen Hintergründe, gleichwohl die nicht uninteressant sind. Aber da gibt’s in der nächsten Geschichte noch ein paar Beispiele. Jedenfalls ist Bilux wie in dem Packard von Capone schonmal um einiges besser als Carbid, da geht regelrecht die Sonne auf. Wenn man also im nächtlichen Chicago nicht immer ganz mit dem Gesetz konform unterwegs war sah man zumindest einigermaßen, wohin die Reise geht. Wenn man denn den Weg kannte.

Kirmes mit Capone

Al und sein Dienstwagen

Herr Capone wurde übrigens vor allem deshalb zum gern zitierten Symbol für die organisierte Kriminalität, weil er sich sehr gut selbst in Szene setzen konnte. Sein spanisches Pendant kann das auch ganz gut, und ich mache irgendwie fasziniert ein Bild ums andere von ihm. Er dreht sich, er posiert und er mackert rum wie auf einem Unterhosen-Model-Contest. Geile Schuhe. Aber zurück zu den Autos, ein paar von denen sind schon emsig unterwegs zur nächsten Station. Ich habe das nicht ganz so eilig, die Stimmung hier ist mystisch-rustikal und ich will noch ein bisschen diese Kirmes und die verschiedenen Fahrzeuge anfassen und genießen. Hinter dem Packard und dem 170er Mercedes stehen zwei Kleinwagen rum, die ich besonders knuffig finde. Was denn nun? Die haben auch noch Bilux? Hanna ist grad nicht da, die ärmste muss sich hier um alles gleichzeitig kümmern, aber die würde es wissen…

Kirmes mit Capone

You can call me Al

Prinzipiell ist es uns freigestellt, mit allen Autos, die uns interessieren eine Fahrt zu machen und einmal die Unterschiede der einzelnen Leuchtmittel in der freien, dunklen Natur auf diesem Berg zu erleben. Capone spricht kein Deutsch und nur ein seeeehr gebrochenes Englisch, also lasse ich den lieber seine Posen weitermachen und wende mich direkt an den Besitzer dieses… äh… dieses kleinen roten Autos. Er sieht ein bisschen aus wie eine Mischung aus meinem Opa und einer liebenswerten spanischen Mama, die jederzeit in die Küche stromern und eine deftige Wurstplatte anrichten könnte :-) Aber er hat im Gegensatz zu mir die richtige Pelzjacke an, was irgendwie nicht für die Heizung in seinem Kraftwagen spricht. Ja – ich möchte eine Runde fahren. Auf jeden Fall, deshalb bin ich ja hier!

Gniiihihihi

Gniiihihihi

Wenn Sie sich wieder gesammelt haben – erraten Sie, was das für ein knubbeliges kleines Auto ist? Na? Naaaa? Ich sag’s noch nicht, ich schreibe noch einen großen Artikel für die TRÄUME WAGEN 3/2015 und werde da alles preisgeben :-) Aber ich bin offen für Mutmaßungen, also los, keine Scheu. Die anderen wollen quotenrelevante Daten wie Höchstgeschwindigkeit und Benzinverbrauch wissen, ich will vor allem mal den Motor bewundern und schrecke entsetzt zurück, als das Motorhäubchen geöffnet wird. Jemand hat ihn gestohlen!!! Diese hinterhältigen Diebe, er ist nicht mehr da, nur noch ein paar Schläuche und ein Kühler… obwohl… vielleicht….
Nein, entschuldigen Sie, die ganze Aufregung war umsonst. Der Motor ist noch da, er ist nur ein bisschen kleiner als erwartet. Quer eingebaut, und fast noch winziger als die Starterbattterie :shock: Irgendwie mag ich solchen Purismus. Ich träume ja auch schon seit Jahren von einem Fiat Panda erste Serie (mit der Metallnase vorn), einfach um sich mal wieder auf das Wesentliche beim Autofahren zu besinnen. Und sowas hier ist dafür ein gutes Beispiel.

Kirmes mit Capone

On, jemand hat den Motor gestohlen! – nein, doch nicht!

Das RömmPömm im guten, benutzten Zustand bietet Platz für vier Personen, gleichwohl ich mich auf dem Beifahrersitz neben dem Maestro im Pelz kaum bewegen kann. Aber die Runde soll nicht ausufernd werden, sagt Hanna von Philips, die inzwischen wieder aufgetaucht ist. Wir sollen ja vor allem die Entwicklung der Beleuchtung nachvollziehen, und das geht auf einer kleinen holperigen Runde durch die dunklen Bergstraßen des Tibidabo sehr lehhreich, je nachdem was einem da den Weg leuchtet und was nicht. Der Mann am Steuer mit dem undefinierbare Alter spricht nicht nur ein schlechtes Englisch, er spricht überhaupt kein Englisch. Und ich kein Spanisch. Na gut, dann konzentriere ich mich eben voll auf das Erlebnis als solches und denke mir meinen Teil. Auf dem Rücksitz nehmen zwei ins Gespräch vertiefte Journalisten aus dem bayerischen Raum platz, ich glaube den einen kenne ich aus der Ramp und der andere kommt mir auch irgendwie bekannt vor.

Kirmes mit Capone

sehr spartanisch – aber braucht es mehr?

Auch wenn der Motor fast so klein ist wie die Starterbatterie (oder andersrum die Starterbatterie fast so groß wie der Motor) scheint der Energieblock mit dem angeschlossenen dicken roten Kabel und dem dicken schwarzen Kabel noch der von der Erstauslieferung zu sein. Verdammt. Der Anlasser dreht sich träge, sehr träge und zieht die Bordspannung so tief in den Keller, dass die Lichter ausgehen. Klick. Nochmal. UuaUuaUua Klick. Nach zwei, drei Versuchen startet das Motörchen, und ich lehne mich entspannt zurück. Nein. Lüge. Ich sitze aufrecht eingeklemmt zwischen dem Schaltknüppel und der roh aus dem lackierten Metall geformten Beifahrertür, meine Knie stoßen vorn an das raue Armaturenbrett und mein Kopf liegt leicht geneigt am Wagenhimmel. Hihi. Den Hut habe ich vorsorglich schon mal abgenommen, der hat hier drin keine Daseinsberechtigung. Deshalb fährt Al Capone ja auch den Packard und nicht das Ding hier. Hm. Vielleicht lieber doch keinen Fiat Panda?

Kirmes mit Capone

Vom Licht ins Dunkel

Der Rest dieses Ausritts liegt im Dunkeln.
Vor allem, weil es tatsächlich zu finster ist, um überhaupt auch nur ein einziges vernünftiges Foto zu machen. Von den Straßenverhältnissen, die keine Aufnahme bei diesen Lichtverhöltnissen unverwackelt zulassen ganz zu schweigen. Die Straße direkt vor uns zeigt sich besser beleuchtet als mit den Carbidlampen, das ist klar, ansonsten weiß ich wieder einmal mehr, warum ich nicht mit Freundin und drei Töchtern einen Kleinwagen fahren KANN. Irgendwie ist es allen Beteiligten gelungen, mehr oder weniger am Leben zu bleiben. Mein linkes Knie ist stark in Mitleidenschaft gezogen worden, weil es bei jedem energischen Schaltvorgang des pelzjackenbekleideten Ur-Spaniers im Weg war. Und er hat wirklich oft geschaltet, so voll beladen…
Zurück auf der Kirmes hole ich mir noch einen Kakao und stiefel damit rüber zu jemandem, den ich nicht ganz einordnen kann, der aber auch zu den ausgestellten Autos passt wie das ganze Umfeld hier :-)

Kirmes mit Capone

Stan Laurels Bruder

Ob der gleich einen Steptanz hinlegen wird? Wie Fred Astaire? Dann bleibe ich gern noch ein bisschen und hoffe auf das Eintreffen der jugendlichen Ginger Rogers:-) Nein, leider nicht, ich frage mich allerdings warum der gute Mann noch nicht einen qualvollen Kältetod in seinem Outfit gestorben ist. Mir ist inzwischen etwas wärmer, ich habe aber auch eine Jeans und eine Jacke an, außerdem steckt mir noch die Todesangst der Tour eben gerade in den Knochen und der zweite heiße Kakao schwappt im Magen. Hm. Diese Kälteresistenz wird ein Mysterium bleiben, aber die Welt hat sicherlich größere Fragen zu klären als diese. Der nächste Ausritt steht an, etwas weiter den Berg entlang erwartet uns das Fabra Observatorium. Gentlemen, start your engines.
Caballeros, enciendan sus motores. Das verstehen sie :-D

Kirmes mit Capone

Nochmal in Reihe aufgestellt, bitte

Drei Männer mit drei Hüten hier oben auf der Kirmes zwischen Karussell und Riesenrad. Zwei davon aus einem sehr weit zurückliegenden Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts, einer zwar ein bisschen retro drauf aber durchaus offen für Neues. Deshalb bin ich auch sehr neugierig auf die Technologie in den Autos, die am Observatorium stehen werden. Die beiden behüteten Männer bleiben hier, tief in ihrer automobilen Epoche und vermutlich in nicht mal einer Stunde daheim am warmen Kaminofen. Wer empfängt uns denn gleich in der Neuzeit? Ein Zuckerberg Clon? Oder Bill Gates? Man darf gespannt sein, aber erst will ich noch einen Selfie mit den Jungs machen. Moment.

Kirmes mit Capone

Familienfoto? Nein, nicht ganz.

Gniiihihi :lol:
Was mir noch fehlt ist ein adäquates Taxi zum Fabra Observatorium, von dem man sagt, es habe einen erhabenen Platz über der Stadt. Noch besser als die Kirmes? Ich würde mich nicht wundern, wenn mir heute Abend noch irgend eine Sicherung rausfliegt, bei so viel Beleuchtung hier. Ich giere schon seit meiner Reyrol-Ankunft hier auf den alten Mercedes 170 SV und wage es nun, mich ihm mal ein bisschen zu nähern. Wenn wir mit dem weiterfahren könnten meine Gliedmaßen auch morgen noch funktionieren, nochmal in einem Kleinwagen stehe ich nicht durch. Der Sternenträger wurde in (aus deutscher Sicht) schwierigen Zeiten geboren. 1938. Aber er trägt sein Erbe mit einer sehr erhabenen Fassung und steht wie eine wunderschöne Trutzburg wartend vor dem Dampfkarussell. Was genau sind das denn jetzt für Lampen in den Scheinwerfern? Bilux? Wo steckt Hanna? Die Ärmste ist heute überall gleichzeitig, ich frage sie das später noch mal :-)

Erhabenheit

Erhabenheit

Die geräumige Limousine mit den Selbstmördertüren und den Weißwandreifen funkelt unter den Gaslaternen, während im Hintergrund eine Vieltausend-Watt Beleuchtung die Sagrat Cor vor dem schwarzen Himmel in eine Art gelbliches Tageslicht taucht. Erste verwirrte Insekten als Frühlingsboten schwirren durch die Nacht und verdampfen zischend an den hellen Flutlichtern. Romantisch, irgendwie. Die Lampen des Benz sind nicht ganz so hell, aber leuchten auch nicht mehr mit Carbid und Flamme :-) Gut so. Das Ding springt auch spontan aus eigener Kraft an (der Reyrol und der kleine Rote hatten da ja so ihre Manschetten), eben ein Mercedes. Da dieser Markenname auch unter anderem auf meinem kleinen Schildchen am Kragen steht, öffnet man mir galant die Tür. So muss man sich als Würdenträger aus Stuttgart fühlen, der Gentleman schweigt und genießt.

Kirmes mit Capone

Licht an und wieder ab in die Dunkelheit

Und schon wieder springt mich dieses Gefühl an, dass man eigentlich nicht mehr Auto braucht als sowas hier. Es ist warm drin, die Sitze sind plüschig aufgepolstert und quietschen fröhlich in ihren Federkernen wie eine durchgerittene IKEA Matratze. Und die Tür fällt satt und mit einem vertrauenerweckenden, metallischen *KLONK* ins Schloss. Die beiden hinteren auch, die Fuhre ist voll beladen auf dem Weg nach unten. *KLONK* *KLONK* All in. Ach nein, das Glücksspiel lassen wir hier bei Al zurück. Ich weiß nicht, wie der nette Fahrer heißt, bekomme aber den Eindruck, dass er nicht nur erneut überhaupt kein Englisch versteht, sondern auch einen leichten Hörschaden hat und sich in der Gegend nicht auskennt. Das macht mir alles ein bisschen Sorgen angesichts der Dunkelheit, der Kälte und der nach wie vor spärlichen Beleuchtung vorn auch an diesem Auto. Egal. Er reagiert auf Fragen jedes mal mit einem freundlichen Lächeln und einem “Si, si!” und macht ansonsten, was er heute Vormittag von irgend jemandem gesagt bekommen hat. Cool. Ich bin gespannt wie es weitergeht. Und vor allem wo.

Kirmes mit Capone

Mehr Platz als in dem kleinen Roten von eben…

Was den spanischen Herrn Si/Si auszeichnet ist seine fast komplette Herrschaft über das uralte deutsche Auto. In diesem guten Zustand wird die Limousine ein paar mehr Euro wert sein, und er fährt sie vermutlich nicht täglich. Die kurvenreiche Strecke runter zum Observatorium teile ich mir mit einem polnischen, einem finnischen und einem französischen Journalisten, die alle im gegenseitigen Unverständnis der anderen Sprachen nacheinander versuchen, das gleiche Gespräch mit dem Fahrer anzufangen, an dem ich bereits gescheitert bin. Den französischen Satzfragmenten entnehme ich Begeisterung über den Blick auf das erleuchtete Barcelona und die Frage nach dem Baujahr und dem Benzinverbrauch. “Si si!:-)
Ich bin mir nicht ganz sicher was ich am unterhaltsamsten finde. Den Englisch sprechenden Franzosen (wer das schon mal erlebt hat weiß, was ich meine), den Finnen und den Polen, die beide wortgewaltig auf die im Dunkeln rechts an uns vorbeigleitende Ausfahrt zum Fabra Observatory zeigen oder den spanischen Fahrer, der irgendwie in seiner ganz eigenen Welt zu leben scheint und dicht hinter der Windschutzscheibe stoisch alles ignorierend weiter den Berg runterfährt. “Aren’t we supposed to turn right here….?” “Si si!” Und weiter geradeaus auf der dunklen Straße den Berg runter. Na gut, so lernt man mal das Land kennen, und es ist ja recht gemütlich in dem alten Mercedes. Handyempfang ist auch da, was kann also schon passieren?

Kirmes mit Capone

Weg von der Kirmes, runter zum Observatorium

Einige Kilometer weiter, das multinationale Trio auf dem Rücksitz hat geschlossen vor der Situation kapituliert und guckt beseelt, aber uninformiert aus den verschiedenen Fenstern, murmelt unser Chauffeur etwas anderes als “Si” und erweckt mit seinen Bewegungen und seiner Mimik den Anschein, als sei ihm dann doch endlich sein Navigationsfehler aufgefallen. Das beruhigt. Uns sind schon lange keine Autos mehr entgegen gekommen, und beim nächsten Kreisverkehr wendet er die vor der Zeit gerettete German Ingenieurskunst und lässt den schnurrenden Vierzylinder wieder bergauf rollen. Auf dem Rücksitz bricht eine Art Partystimmung aus, man scheint mit der Agenda schon abgeschlossen zu haben. Links ab in die neue Dunkelheit auf dem holperigen, wurzelunterwanderten Weg zur über 100 Jahre alten Sternenwarte werden die fünf Nationen noch einmal kräftig durchgeschaukelt, und dann leuchten sie wieder, die vertrauten Lichter der Veranstalter in weiß und blau. Vorletzter Haltepunkt vor der großen Stadt. Bitte aussteigen.

Kirmes mit Capone

Aber das ist eine andere Geschichte…

Hier geht es jetzt um H4 bis H7 oder wieviel auch immer Lampen, LED und Matrix LED Scheinwerfer. Wir sind in der Neuzeit angekommen. Auch wenn der knuffige FIAT Großraumkombi vor dem alten Gebäude eine andere Sprache spricht, aber der macht sich gleich wieder auf den Weg hoch zur Kirmes, zu Capone und dem Steptänzer. Das war jetzt also Bilux. Kennen Sie das denn noch? Es kann nur heller werden. Ich stehe, inzwischen auf die eine oder andere Art angenehm durchgewärmt, auf diesem Bergvorsprung vor Fabra, um mich rum ein paar alte und einige nagelneue Autos und direkt vor mir der angedeutete sagenhafte Blick auf Barcelona. Wahnsinn. Aber davon nächstes mal mehr.

Sandmann

Read more

Created Samstag, 14. Februar 2015 Tags 1938 | Barcelona | Bilux | Fremde Federungen | Kirmes | Mercedes 170 | Philips | Tibidabo Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz

04 Feb 2015
Zu den Favoriten hinzufügen   Jens Tanz  

Wächter des Lichts

Wächter des Lichts

Unter den Blinden ist der Einäugige….. König.

Die Beleuchteten. Teil 1: Carbid
Was sind wir verwöhnt! Keyless entry, rein in die gute Stube, die Webasto hat das Fauteuil schon schön vorgeheizt. *klick* Soundsystem an, *bling* Verkehrsmeldungen aufs Handy. Schlüssel drehen, Xenon Brenner anwerfen und ab in die Dunkelheit, ab auf die Piste, so als würde man seinen Sessel vorm Kamin gar nicht verlassen müssen. Normal? Ja. Und das ist auch gut so. Aaaaber im Jahr 1909 musste eine Fahrt in einem Automobil ein bisschen… äh, sagen wir mal… vorbereitet werden. Der Benchmark der Fortbewegung war die Pferdekutsche ohne Dach und ohne Licht, Treibstoff war Heu und Abgas waren Pferdeäppel. Heute lernen Sie und ich mal was über Carbidlampen, Anlasserkurbeln, körperliche Arbeit und Kälte während eines Ritts auf einem 105 Jahre alten Auto.

Stilvoll. Sehr stilvoll.

Wächter des Lichts

Der Kutscher erklärt die Kutschen

Südspanien, Januar 2015. Vielleicht erinnern Sie sich noch an gestern Abend, ich nicht mehr so, heute wird wohl lieber kein Gin getrunken. Heute wird gearbeitet. Philips feiert den Event “100 Years of Automotive Lighting” und stellt eindrucksvoll Verlauf und Entwicklung von Fahrzeugscheinwerfern zwischen 1914 und 2014 vor. Geladen sind Medienvertreter aus allen Ecken Europas, Finnen, Polen, Italiener, Franzosen. Und ich mitten drin. Nach einem sehr gut unterhaltenden und klasse bebilderten technisch-historischen Vortrag von Peter Stolk, dem Chef-Ingenieur von Philips’ Automotive Bereich ahne ich, was gleich auf uns zukommen mag. Ich bin neugierig auf die ersten Lampen, auf das was dazwischen ist und auf moderne LED- und Lasertechnik. Das Lichtschwert meines Vaters? *ssssssssss* Geil geil.
Draußen vor den Türen des La FLorida stehen zwei Kutschen und ein Kutscher. Ach nein :-) Moment, … keine Pferde. Sind das womöglich Autos? Ja. Sind es. Ein La Ponette und ein ebenfalls französischer Reyrol von 1909. Allein das Anfassen und mal Reinsetzen würde mir schon den kompletten Abend versüßen, ich kann mich nicht erinnern, jemals so alte Autos in freier Wildbahn gesehen zu haben!

Wächter des Lichts

Warum nicht mal wieder freuen wie ein Kind?

Ich freu mich ich freu mich :-) Wenn das nur nicht so kalt wäre! Hab ich nicht gerade noch ohne Jacke in der Sonne gesessen? Die Nacht ist sternenklar, und offensichtlich kann speziell oberhalb Barcelonas die Temperatur auf weniger als 5 Grad fallen. *brrrrr* Der freundliche Kutscher, der für sein Erscheinen im Jahr 2015 irgendein Zeitloch genutzt hat, erklärt uns aus beleuchtender Sicht die Besonderheit dieser beiden Kutschen ohne Pferde und warum gerade sie hier stehen: Carbid Lampen. HA! Das habe ich schon mal gehört. Als ich 8 oder 9 Jahre alt war hat mein Freund Klaus ein Stück Carbid mit zur Schule gebracht, es in der Pause auf einen Papierkorb gelegt und draufgespuckt. Der coole, der. Und wir mussten alle nachsitzen, weil der halbe Mülleimer abgebrannt ist. Carbid also. Finde ich spannend. Wir stehen vor den allerersten ernst zu nehmenden Lampen vorne dran an Autos überhaupt.

Wächter des Lichts

Gut Ding will Weile haben

Carbid fühlt sich an wie ein weicher Stein, riecht wie eine klassische Stinkbombe (gibt es die eigentlich noch?) und hat die chemische Bezeichnung CaC2. Also, Oberstüfler aufgepasst, ein Teil Kalzium und zwei Teile Kohlenstoff. Es kommt in der Natur nicht vor und muss genau wie Aluminium (blöder Vergleich) unter einem erheblichen Energieaufwand hergestellt werden. Aber: wenn man Carbid mit Wasser in Kontakt bringt, entwickelt es das Gas Azetylen. Und das brennt. Ich werde Zeuge, wie jemand ein kleines Gefäß auf dem Trittbrett an der Seite des alten Autos aufschraubt und einen dieser grauen Klumpen da reinwirft. In ein bisschen Wasser. So wie Klaus damals mit der Spucke und dem Mülleimer. Der spanische Mann heißt Fernando und schraubt den Deckel wieder drauf. Er zeigt auf einen dünnen Schlauch, der nach vorn zu den beiden Lampen führt. Nachdem er das Glasdeckelchen der Lampen aufgeklappt hat (heute nennt man das Streuscheibe – ach nee, die gibt es ja seit LED auch schon nicht mehr), hält er ein Feuerzeug über den kleinen Austritt vor dem Reflektor. Es floppt ganz leise, und irgendwie bin ich total beseelt von diesem Akt des eigentlich total banalen “Licht anmachens”.

Wächter des Lichts

Licht will gut vorbereitet sein.

Und dann brennt da ein zärtlich Flämmchen. Wie eine Kerze, hinter der man einen Spiegel aufgestellt hat. Das ist Abblendlicht 1909, abgefahren. Die Flamme wird langsam heller, nach rund 10 Minuten sei erst die volle Leuchtkraft hergestellt. Ein nächtlicher Trip zum Imbiss um die Ecke, um den Fresskick nach zwei Flaschen Wein zu besänftigen muss demnach gut vorausgeplant werden. Also, damals. Bis der Reyrol mit seinen beiden Laternen so weit ist ergreife ich die Gelegenheit beim Schopf beziehungsweise beim Volant und fläze mich noch einmal in den La Ponette. Erst am Tag drauf begreife ich, in (oder auf) was für einem unfassbar seltenen Auto ich gesessen habe. Im Netz findet man nichts über dieses sehr sehr frühe Exemplar französischer Automobilbaukunst. Es sitzt sich super. Das Leder knarzt. Der potenzielle Fahrer ist Wind und Wetter ausgesetzt, ich in diesem Fall nicht dem Wind (denn ich fahre nicht), wohl aber dem Wetter. Die Kälte zieht aufdringlich unter meiner dünnen Jacke den Rücken hoch. Hätte ich doch bloß einen Pullover (noch so ein französisches Wort) mitgenommen. Aber wer denkt denn, dass es in Südspanien kalt sein könnte? Luxussorgen Teil 1. Also – egal.

Wächter des Lichts

Ein Licht muss reichen

Der La Ponette hat nur ein kleines Lämpchen vorn, was schon ein paar Minuten in Betrieb ist und entsprechend heller leuchtet als die beiden vom Reyrol, die noch aufwärmen. Fernando philosophiert mit den Umstehenden über die Autos und das Licht. Ein Funzel-Flämmchen, aus heutiger Sicht mehr als beeindruckend und absolut simpel. Anfang des letzten Jahrhunderts hat das gereicht. Automobile fuhren maximal 30 km/h, und es gab recht wenige von ihnen auf den meist schlechten Straßen. Sehen und gesehen werden war also mit so einem kleinen Carbid-Lämpchen ausreichend gegeben. Die Entwicklung und vor allem die Geschwindigkeiten der Autos nahm seinen Lauf, und Anfang der 20er kippten Henry Ford und Anton Philips ein oder zwei Gläschen Gin miteinander und tauschten Meinungen aus – das Ergebnis war eine Ausstattung des legendären Ford T-Modells mit Philips Halbwattlampen. Heute stehen der Sehwinkel und die Geschwindigkeit in einem ganz anderen Verhältnis, aber das ist eine andere Geschichte. Darüber lernen wir noch, wenn es um das Lichtschwert seines Vaters geht und die Halbleiter die Nacht zum Tag machen. In der übernächsten Geschichte. Heute bleibe ich beim Carbid, und so langsam frieren alle Umstehenden, auch die mit den schicken dunkelblauen Philips Multifunktionsjacken. Meine war mir zu klein. Größe L, leider nach indischen oder chinesischen Maßstäben. Schade, meine Camel-Jacke ist ECHT zu dünn :roll:

Wächter des Lichts

Leuchten? Check. Und weiter gehts.

Action!
Wenn Sie in der Oberstufe keinen Physik Leistungskurs hatten oder das gar als Studienfach genießen durften blieb Ihnen vermutlich verborgen, welche Kräfte tief unten im Motorraum freigesetzt werden, welche Drehmomente angreifen und welche sagenhaften Ampèrezahlen sich da in Form von freien Ladungsträgern durch ein dickes Kabel pressen – wenn Sie drinnen ganz entspannt das kleine Zündschlüsselchen drehen. Nur mal am Rand: So ein Anlasser hat je nach Modell gut und gern 3-4 PS, wenn er den Motor starten soll fließen um die 150 Ampère Gleichstrom. Auch wenn es 1909 schon elektrische Starter für Verbrennungsmotoren gab… man verbaute sie noch nicht so gern. Cadillac war der erste Hersteller, der die Helferchen serienmäßig in seine Autos einpflanzte. Und das erst ab 1911. Schade für Fernando, denn er muss also die Aufgabe des kleinen Elektromotors selbst übernehmen. Der Wagen soll nicht nur leuchten, er soll auch fahren und starten. Mit einer Kurbel vorn am Reyrol. Und das ist sowohl spektakulär als auch nicht ganz ungefährlich als auch anstrengend.

Wächter des Lichts

Action. Anlasser gab es noch nicht.

Der betagte Vierzylinder will noch nicht so ganz. Vermutlich ist ihm auch so kalt wie mir. Fernando wiederum kann sich über mangelnde Bewegung nicht beklagen. Die Kurbel schlägt zurück (das macht es so gefährlich, wenn man darauf nicht vorbereitet ist), wird wieder angesetzt und erneut kraftvoll gedreht. Hinter der geöffneten Motorklappe justiert ein Kumpel von ihm am Vergaser rum und guckt, ob überhaupt Sprit ankommt. Nix Startautomatik. Nix Benzineinspritzung, nicht mal Kugelfischer, gaaanix. Hier will je nach Außentemperatur fein von Hand gemischt werden, 1909 kannte man sein Auto entweder zwangsläufig in- und auswendig – oder man hatte keins. Immerhin fährt in diesem Jahr erstmals die junge Alice Ramsey zusammen mit drei Freundinnen in einem Maxwell-Briscoe quer durch die Vereinigten Staaten von New York nach San Francisco. Ein kombinierter Roadmovie und Mädelsabend. Geil. Also irgendwie muss das ja alles machbar gewesen sein, mein ganzes Vertrauen liegt in den starken Oberarmen von Fernando und den feinfühlig mischenden Fingern seines Kumpels.
KRAWUPP!! ropp ropp ropp PUFF. … zisch … KRAWUPP!! ropp ropp ropp *PAFF* blapp blapp BROMM!!! gackelgackelgackel……

Wächter des Lichts

Ein Haufen Arbeit, bis es losgeht

Man hört, dass er will, der Reyrol, aber nicht so richtig kann. Mit ein bisschen Carbid-Rumgeleuchte will man sich hier aber nicht zufrieden geben. Also spucken alle Umstehenden in die kalten Hände und machen genau das, was man auch 2015 noch bei einem Auto macht, wenn es nicht anspringen will: Anschieben! 10 Mann drücken das kutschenähnliche Ding mit den Holzspeichenrädern über den Vorhof des Hotels, ich auch, deshalb kann ich leider keine Fotos machen :-) Mist. Und plötzlich läuft der alte französische Vierzylinder rund und pöppelig und dampft heiße stinkende Wölkchen in den kalten Abendhimmel. Geil. Vorn funzeln die Carbid-Lampen gelblich historisch auf das Pflaster, neben uns strahlt die Eventbeleuchtung bläulich modern in die grünen Bäume und das alte, das uralte Auto schüttelt sich im Standgas. Fernando drückt die Hupe :-D Das Ding trötet und jauchzt herrlich, und ich fühl mich plötzlich wie in einem Film mit Laurel und Hardy. Oder wie bei den Waltons. Jemand sagt auf Spanisch, dass ein paar mit Fernando hoch zur Kirche fahren könnten, und noch während sich die letzten Silben mit dem Motorengeräusch vermischen sitze ich im Auto. Ich kann eigentlich gar kein Spanisch, aber das habe ich verstanden.

Wächter des Lichts

Ferrari kann ja jeder. Sowas hier aber nicht.

Wir fahren den gleichen Weg, den ich heute Mittag hoch zur Sagrad Cor gelaufen bin. Den mit den vielen Rennradlern. Und wir fahren durch eine andere Welt. Es ist schwarze Nacht, die Gaslaternen leuchten gelb und über allem thront die angestrahlte Kirche. Der Reyrol zieht kraftvoll die Gänge durch und fährt erstaunlich kommod über das Pflaster. Fernando sagt uns, dass der durchaus 60 km/h schafft – das ist Anfang des vergangenen Jahrhunderts eine sagenhafte Geschwindigkeit! Ganz so schnell werden wir hier aber nicht. Neben mir friert Christoph, der auch freier Journalist ist. Das Auto ist komplett offen, und der Wind pfeift uns um die Nase. Was hat man denn damals gemacht, wenn es geregnet hat? Luxussorgen Teil 2. Wie lange war damals denn so die Halbwertszeit eines Automobils? Und wie gern würde ich das Gesicht des TÜV Prüfers sehen, wenn ich mit einem abgerockten Resttüv-Reyrol vorfahre und HU und AU haben will :-D Gniiihihi albern. Wirre Gedanken als Übersprungshandlung.
Ich kann gar nicht beschreiben, was in mir vorgeht. Ich bin ja nun beruflich echt schon viele sehr sehr coole Autos gefahren und habe jedes einzelne genossen (da stumpft man einfach nicht ab), aber in so einem erhabenen alten Gefährt ist das irgendwie nochmal was anderes. In mir wohnt so etwas wie Ehrfurcht. Und Kälte, aber da kann das Auto nichts dafür.

Wächter des Lichts

Reise zum Dach der Welt

Ein Reyrol ist nicht ganz so selten wie ein La Ponette, aber die meisten von uns werden so ein altes Auto vermutlich nicht mal in einem Museum zu sehen bekommen. Und ich darf mitfahren *hach* Der hier ist aus einer spanischen Privatsammlung, und wenn man den Worten der Jungs von Philips glauben darf ist es eine große Ehre, dass der sogar gefahren wird. Glaube ich gern. Aber auch nach über 100 Jahren gebe ich zu Protokoll, dass der sich irgendwie schon wie ein ganz normales Auto fährt. Okay, Fernando hatte ein paar Schwierigkeiten beim Anlassen, und auch die Illumination der Frontscheinwerfer war ein bisschen aufwändiger… Aber sobald man unterwegs ist heißt es: Gas geben, Kuppeln, Schalten, Lenken und Bremsen. Man traut diesem Auto, wenn man sein Baujahr liest, gar nicht so ein zügiges Vorankommen, so einen Anzug und so einen… ich nenne es mal vorsichtig… Fahrkomfort zu. Und man fragt sich zwangsläufig, ob vor diesem Hintergrund der Fortschritt in den über 100 Jahren danach nicht ein wenig schneller hätte verlaufen können? Egal. Auto ist Auto, es gibt superschöne, coole, nützliche und andere. Irgend eine unbeaufsichtigte Entwicklungslinie hat aus diesem mechanischen Kunstwerk hier unter meinem Hintern viele Jahrzehnte später so etwas wie einen Ford KA werden lassen. Irgendwas ist da also heftig schief gelaufen.

Wächter des Lichts

Gut gemacht, Reyrol

Aber heute geht es nicht um Design, heute geht es um Licht. Das in den Carbidlampen brennt noch immer mehr oder weniger hell, als Fernando den wundervollen Wagen parkt. Die Taxifahrt in die Vergangenheit ist zu Ende. Die anderen kommen zu Fuß hinterher.
Im Schatten der Kirche öffnet sich uns eine altertümliche Kirmes. Wir sind auf dem Tibidabo, und den Vergnügungspark gibt es hier schon seit 1889. Also schon 20 Jahre länger als das Auto, mit dem wir hier hoch gefahren sind. Und er sieht noch immer so aus wie damals, wenn man mal davon absieht, dass am Eingang Al Capone selbst die Journalisten auf Waffen durchsucht ;-) Ihn und die Autos um ihn rum lernen Sie in der nächsten Geschichte kennen. Ich lasse mir erstmal ein schokoladiges Heißgetränk und Churros kredenzen. Der heiße, dickflüssige, zuckersüße Kakao und die gepuderten Teigwürste gehören hier überall einfach dazu und schmecken jetzt, nach diesen Stunden in der Kälte, wie eine Offenbarung mit Blick auf Barcelona. Danke compañero, danke für diese Erfahrung im wörtlichen Sinn. Angucken kann man ja alles Mögliche. Ich will den Motor hören, das Leder anfassen und die Vibration eines jeden Radlagers spüren. So muss sich ein Paläontologe fühlen, wenn er die Gelegenheit bekommt, mit einem T-Rex ein Schwätzchen über seinen Ernährungsplan zu halten.

Wächter des Lichts

Lassen wir es leuchten

Danke Philips bis hier her. Es liegen zwischen 1909 und heute noch ein paar Jahrzehnte der Lampenentwicklung vor mir, aber der Abend ist ja noch jung. Und langsam wird mir auch ein bisschen wärmer. Um uns rum ist alles beleuchtet, und unter uns erstreckt sich schimmernd und funkelnd bis zur Küste Barcelona. Ich blicke über das Lichtermeer und erhebe mein Glas Rotwein auf… meine Oma. Die ist erst drei Jahre nach diesem Auto geboren worden. Und sie ist schon lange nicht mehr da. Im Angesicht des technischen Fortschritts, wenn er so geballt über einem niedergeht wie in so einer technischen, rollenden Ahnengalerie, fühle ich mich plötzlich sehr vergänglich. Als das Auto, in dem ich gerade gefahren bin gekauft wurde gab es Menschen, die einfach ihr Leben lebten. Von denen ist niemand mehr da. Hier stehe ich nun, inzwischen neben einem Mercedes-Benz CLS mit LED Licht und lebe auch einfach so mein Leben. Und bin irgendwann nicht mehr da. Hm. Vielleicht doch lieber einen Gin nachher? Prost liebe Oma. Ich bin mit einem Auto gefahren, was gebaut wurde, bevor die Titanic gesunken ist. Was kann mir heute Abend schon noch passieren?

Sandmann

[Im Feed kann dieses Video nicht angezeigt werden.Klicke zum Blogeintrag um das Video anzusehen.]

Read more

Created Mittwoch, 04. Februar 2015 Tags 100 jahre | Automotive Lighting | Azetylen | Barcelona | Carbid | Ethin | event | Fremde Federungen | La Ponette | LED | Philips | Reyrol Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
26 Jan 2015
Zu den Favoriten hinzufügen   Jens Tanz  

Über den Dingen

Über den Dingen

Zimmer mit Aussicht

Der Tag ist noch jung, die Nacht ist noch fern. Mein Arbeitsplatz liegt heute ein paar 100 Meter oberhalb von Barcelona, mein Laptop liegt auf einem viel zu großen Bett vor einer offenen Tür zu einem Balkon mit Blick auf ein Lichtermeer. Hinter den Augen drückt es noch ein bisschen, das liegt wohl an gestern Abend. Nein. Ich kann fast noch “vorhin” sagen. Kommen Sie mit? Der Job mit den Autos geht heute erst um 17:00 Uhr los, vorher habe ich noch ein bisschen Zeit. Zeit für zu viel Gin, Zeit für einen Blick von oben nach unten, Zeit für Tina Dickow und einen Ausblick. Zeit für Ehrfurcht, Zeit für warme Sonne und Zeit für eine Badewanne.

Jede Reise, uns sei sie noch so kurz, beginnt mit einer ANreise.

Über den Dingen

Allein unter Hamburg

Wenn Sie, warum auch immer, mit einem Flieger in Hamburg Fuhlsbüttel starten wollen, sollten Sie nicht direkt am Airport parken. Jedenfalls nicht, wenn Sie planen, den Wagen da länger als 10 Minuten stehen zu lassen, so ein Tag kann schnell teuer werden. Und bei drei Tagen auf der Piste übertreffen die Parkgebühren ratz fatz den Preis des Billigfliegers :-) Eine einzige S-Bahn Station entfernt sind ein Haufen kostenfreie Parkflächen ins Grün asphaltiert worden, direkt neben dem Ohlsdorfer Friedhof. Hier ist es schön ruhig. Hier ist der Regen irgendwie ein bisschen wärmer und in nur drei Minuten wähnt sich der Reisende mit seinem von der Sonne (welche Sonne?) ausgeblichenen Rollköfferchen unter dem Flughafen. Ich Fuchs. Auf ein Taxi hatte ich heute keine Lust, und 1,50€ für die S-Bahn gegenüber 20€ für ein Taxi ab Altona lassen mir einen kleinen Spielraum für kontrollierte Nahrungsaufnahme an Bord. Sandmann soll mit Vueling fliegen. Nie gehört. Wühling? Fjuling? Vueling ist eine noch recht junge Airline und quasi die iberische AirBerlin. Ich ahne, dass ich also in meiner engen Sitzreihe mit Fensterplatz nichts reguläres zu essen bekommen werde, jedenfalls nichts für umsonst, und ich habe schon jetzt einen nennenswerten Hunger.

Über den Dingen

Ghost Tunnel Town

Gespenstisch leer hier. Was ist los? Was ist passiert? Sollte ich mal Nachrichten hören? Hm. Ich komme viel zu früh im Terminal an, bei Wühling haben die Check In Schalter noch nicht mal geöffnet. Spanier nehmen ihre Siesta weltweit sehr ernst. Später erfahre ich, dass ich mit dem flatterigen Farbausdruck in meiner Tasche schon eine Bordkarte besitze und dank Handgepäck einfach hätte zum Gate stapfen können :-( Aber egal, ich treibe mich gern auf Flughäfen rum. Dieses geschäftige Hin und Her der vielen bunten Menschen rührt mich an. Fröhliche Tränen der Wiedersehensfreude fließen direkt neben traurigen Tränen des Abschieds, zwischendrin wimmeln gut gekleidete Geschäftsmänner und -Frauen mit wichtigem Blick auf dem Weg in die Business Lounges. Ah. Billigflieger. Nix Lounge. Ich lunger nach dem Security Check auf den ordinären Kunstledersesseln am Gate rum und lese die Boulevardblätter, die ich nebenan bei Lufthansa gemopst habe. Über das Gratis W-LAN von Turkish Airlines erzähle ich der Welt und allen anderen, die es gar nicht wissen wollen, dass ich jetzt in Richtung dieser 1,6 Millionen Einwohner Stadt im Süd-Osten von Spanien aufbrechen werde. Viel Arbeit, viel zu schreiben und zu fotografieren – aber trotz allem eine kleine Auszeit von dem grauen, kalten Regen in Hamburg und Kiel, der seit 10 Tagen niedergeht, als solle die Welt absaufen. Hinter mir lachen Menschen. Neben mir weinen Menschen. Klasse.

Über den Dingen

Ciao Hamburg. Raus aus der Kälte.

Der hanseatische Niederschlag klatscht respektlos an die Scheiben des Airbus, in den man irgendwie noch 10 Sitzreihen zusätzlich eingebaut hat. Jedenfalls bekomme ich meine Beine nicht vernünftig hinter den Sitz des Vordermannes. Eigentlich passen die da GAR nicht hinter. Super. Gegenüber steht ein Flugzeug von Cunni Lingus Airways (ich muss diesen flachen Kalauer einfach bringen, sorry) und färbt das Grau des Tages mit ein wenig Grün. In Barcelona wartet Philips auf mich. Oder zumindest irgend jemand von Philips. Die Damen und Herren aus Holland stellen seit nunmehr 100 Jahren Leuchtmittel für Kraftfahrzeuge her und wollen einmal demonstrieren, wie sich das nächtliche Spektrum des sichtbaren Bereichs vor einem Auto zwischen 1914 und 2014 verändert hat. Von der Carbid-Lampe zum Matrix LED Scheinwerfer. Ich bin aufrichtig gespannt, was da kommt und blättere eingeklemmt und voller Vorfreude in der Speisekarte. Eine Pizza und ein Fläschchen Rotwein für zusammen 13 Euro? Hey. Ein unerwartetes kulinarisches Schnäppchen. Irgendwo 10.000 Meter über Nordfrankreich wird mir später eine 8cm breite mikrowellenerwärmte Teigpfütze zusammen mit einem 0,2 Faustino serviert. Meine Sitznachbarin sieht meinen Blick und fängt hysterisch an zu lachen. Gut, dass ich mit der S-Bahn und nicht mit dem Taxi zum Flughafen gefahren bin, jetzt tut das finanziell nicht ganz so weh. Der Hunger bleibt.

Über den Dingen

Spanien. Tatsächlich Spanien.

Spanien entschädigt für alles. Auch für das typische Aussteigen irgendwo mitten auf dem Rollfeld und das Zusammenpferchen in einem Bus zum Terminal. Es ist warm, es ist keine Jacke nötig. Und hey – es regnet NICHT. Wie lange habe ich dieses Gefühl denn schon nicht mehr gehabt? :-) Schön. Eventuelle Havarien am Lost & Found vor Ort entfallen, da ich nur leichtes Handgepäck dabei habe. Ein paar Socken, ein paar Höschen, Zahnbürste, Bargeld, Kamera und Laptop. Mehr braucht es doch nicht, wenn man eingeladen wird, oder?
Hach und guck. Ich sehe am Ausgang nicht nur ein Schild mit meinem Namen drauf, ich sehe auch einen Mann im besten Alter, etwas verlebt, langsam ausgehende Haare und irgendwie seltsam grinsend. Helge Thomsen, der alte Petrolhead von Motoraver und GRIP ist auch aus Hamburg angereist. Wir kennen uns noch von einer Grillerei auf Sankt Pauli, lesen gegenseitig sporadisch unseren Kram im Netz und haben ansonsten nicht die gleichen Freunde. Helge polarisiert ein wenig. Mir hat er nichts getan, und es ist gut, auf unbekanntem Terrain jemanden in der Nähe zu haben, der noch ein bisschen autobekloppter ist als man selbst.
Nach etlichen Serpentinen in einem schwarzen Vito durch die Dunkelheit kommen wir im Hotel La Florida in den Bergen über Barcelona an. Wow. Zimmer Nummer 409. Fahrstuhl mit mechanischem Stockwerkzeiger und einem BING ♫. Ein Bad mit Wanne und Marmor, ein Bett und…. argh….. ein Balkon. Und was für ein Balkon. Das raubt mir ein bisschen die Sinne:

Über den Dingen

Zimmer mit Horizont

Ich bin wieder einmal froh, dass ich hier nicht als objektiver Journalist auflaufe, sondern als der Typ von der TRÄUME WAGEN und von MERCEDES BENZ, dem es gut gehen soll und der was gezeigt bekommen soll, was ihn interessiert. Primär alte Autos, gern mit Stern. Schon damals, als Blogger in San Diego, wurde ich mit so viel Luxus umschmeichelt, dass objektive Berichterstattung gar nicht möglich war :-) Aber deshalb waren wir damals auch nicht da, und heute ist das nicht anders. Ich will coole Fotos in schönen Gegenden von gut beleuchteten alten und neuen Autos. Und ich will mit den Autos fahren! Und wenn das morgen auch nur ansatzweise mit so guten Horizonten weitergeht wie mit dem von meinem Balkon hier oben – dann nehme ich ein paar feine Geschichten mit zurück nach Deutschland.
Ich könnte einfach nur so hier rumstehen und gucken. Die Minibar leertrinken und gucken. Die Erdnüsse wegfuttern und gucken. Einfach nur gucken. Himmel, ist das ein schöner Anblick von hier oben, und laut meinem großen Töchterchen (die während ihrer Studienfahrt hier war) ist das da unten im Gewühl nicht weniger schön. Aber da soll es erst morgen Abend hingehen, nach der Arbeit. Heute ist Anreisetag. Heute ruft nur noch die Bar unten im Erdgeschoss. Und wohl irgendwann das Bett.

Über den Dingen

Tanqueray No 10, sagt man. Und Rosmarin.

An der Bar, an der Bar, ja ♫ was machen die da?
Einfache Antwort: Gin Tonic verköstigen. Mir wurde in klaren Worten mitgeteilt, dass meine Annahme, Bombay Sapphire Gin sei die qualitative Spitze des Eisberges, eine Fehleinschätzung der Tatsachen sei. Also lasse ich mich bewirten, ich glaube der Stoff hieß am Anfang Tanqueray No 10 und es waren ein paar Strapsel Rosmarin drin. Später gab es noch eine Variante mit irgendwelche Beeren. Interessant, was man alles in seinen Gin werfen kann, und jedes mal wird er noch leckerer. Interessant auch, wer sich im Laufe des Abends alles noch dazu gesellt. Offiziell geht der Event ja erst morgen los, aber wir Germans und ein paar andere sind schon heute da. Also aus jetziger Sicht gestern. Die meisten internationalen Pressevertreter kommen morgen, also entgeht denen der Gin. Die anfängliche Runde startet (in order of appearance) mit Tim, Kai, Helge und mir. Später stößt Andreas dazu, von dem wir hoffen, dass er später am Abend die Rechnung übernehmen wird. Charmant wird der Abend, als Hanna von Philips platznimmt und heute noch nicht weiß, was wir morgen noch alles für löchernde Fragen an sie haben werden :-) Eine Runde später sitzt Matthias, Senior Global Marketing Communications Manager von Philips, an unserer Seite und noch eine Runde weiter auch noch Thorsten, Marketing Manager Automotive DACH. Diese DACH Abkürzung kenne ich noch von meinem Navi :-) Er ist auch von Philips. Ich habe den Verlauf der Gin Runden mal in eine kleine Galerie gepackt… Mit Uhrzeit…

Über den DingenÜber den DingenÜber den DingenÜber den DingenÜber den DingenÜber den Dingen

Die Sofas sind bequem und ich lerne eine Menge über die Möglichkeiten, die Gin einem so bietet. Unser Blick ruht auf einem Wasserfall draußen in der Lobby. In Hamburg wäre das jetzt einfach nur Regen, hier ist es eine künstliche Sintflut, der wie ein großes Loch im Dach in einer Art Innenhof an der Wand herunterfließt. Hoffentlich ist das so gewollt und nicht ein Rohrbruch im 5. Stock, weil jemand es nicht abwarten konnte, die Badewanne vollaufen zu lassen. Mit fortschreitender Uhrzeit erweitert sich das Bewusstsein der Anwesenden auf das Wahrnehmen derartiger Designexzesse. Irgend jemandem fällt auf, dass die Nüsse in Ölsardinendosen serviert werden. Und die Baujahre der Autos, über die wir sprechen sinken mit dem Ansteigen des Hubraums der Motoren. Irgendwann ist mal Schluss. Morgen wartet ein langer Nachmittag, immerhin erst ein Nachmittag, und deshalb nehmen die übrig Gebliebenen einigermaßen gelassen den Fahrstuhl nach oben. Tim hat schon vor langer Zeit einen französischen Abgang gemacht. Schlau. Vielleicht kommt das Badewasser in der Lobby aus seinem Zimmer? Ich mache erst auf der Herrentoilette und dann noch im Fahrstuhl nach oben ein paar nur am Rande erwähnenswerte Bilder :-) Gute Nacht.

Feierabend

Feierabend

Das Bett ist kuschelig und riesengroß. Viel zu groß, um allein drin zu liegen. Meine Ladies, die große wie die kleinen, fehlen mir. Jede einzelne :-(
Ein permanentes, leichtes Tuten erweist sich nach ein wenig investigativem Umherirren als die Außenluft, welche von der nicht abschaltbaren Klimaanlage (ich hasse das) durch die Balkontür nach drinnen gesaugt wird. Na gut – schlafe ich eben bei offener Balkontür, und es tutet nicht mehr.

Mit Gänsehaut zitiere ich meine große musikalische Liebe Tina Dickow aus Dänemark, die da singt:
The dark is falling and the city fills with lights
Cars like shining pearls on strings
moving through the emptiness of night
The wine is running to my head
I’m spellbound by the moment
can’t get up, can’t find the strength to go to bed
Without you
Thank God for this beautiful view

Ein Zimmer mit Aussicht. Oh ja. Draußen sind nur 5 Grad, ja, auch in Südspanien kann es kalt sein, aber meine Bettdecke wärmt angenehm. Die Wasserflasche am Bett entpuppt sich als kleiner Lebensretter in den Morgenstunden, und als es irgendwann hell wird muss ich mich erstmal sammeln. Lange schlafen konnte ich noch nie. Hinter den Augen drückt ein kleines bisschen der Gin. Aber ich gehe trotzdem (oder gerade deshalb) raus auf den Balkon uns sage dem neuen Tag hallo.
Hallo neuer Tag.
Was für ein sagenhafter Anblick, auch jetzt, wo die Lichter der Stadt nicht mehr leuchten. Lichter werden wir heute Abend ja noch genug zu sehen bekommen. Am Horizont schimmert das Mittelmeer, die aufgehende Sonne bescheint Türmchen, Kathedralen, Schornsteine und Schwerindustrie gleichermaßen und taucht alles in ein zauberhafte Farben, wie es nur in Südeuropa möglich ist.

Über den Dingen

Hallo neuer Tag!

Ich werde das Lied von Tina Dickow nicht los.

I need a room with a view
An armchair by the window
A cup of coffee and a cigarette or two
Watch the sky turn from hazy gray to black
Watch my neighbours go to work
and look exhausted and burned out when they get back
Thinking about you
Thank God for this beautiful view

Danke. Trotz eines leichten Hangovers finde ich das hier alles so wundervoll, dass der Tag eigentlich nur super werden kann! Bevor ich mich mit zwei nicht zu kapierenden Marmorhebeln in der Dusche streite atme ich noch einmal tief ein und versuche, das alles zu begreifen.

Über den Dingen

Über den Dingen, über den Bergen, über Allem.

Die Sache mit den Marmorhebeln in der Dusche hat den Vorteil, das große Mengen kaltes Wasser auf mich niedergehen, bevor ich das Prinzip verstanden habe und Temperaturen über 35 Grad herstellen kann. Ich bin wach. Sozusagen glockenwach. Was bimmelt denn da? Da muss ich nachher noch mal schauen, steht hier oben etwa auch eine Kirche? Beim Frühstück lasse ich ein paar Liter guten, starken Kaffee in mich reinlaufen und halte mich primär an den Iberico Schinken. Der Spanier frühstückt gern auch mal süß, hier liegt eine Menge Kuchen und Naschkram zwischen allerlei frischem Obst rum. Damit ist mir um diese Zeit allerdings nicht geholfen :-) Ich will da raus. Ich sehe eine schnell steigende Sonne, die mich im Monat Januar mit totaler Begeisterung erfüllt. Und ich blicke noch immer von diesen Bergen runter auf Barcelona und das Meer. Sie dürfen mich heute mal beim selbstverliebten Sonnenbaden begleiten, ich nehme mir diese Überheblichkeit einfach raus, denn in den letzten Jahren gab es nicht so viele sonnige Momente. Loungige Couch draußen am Pool mit Blick über die Stadt? Check:

Über den Dingen

Sonne. Einfach nur Sonne.

Ich hab ein bisschen verlernt, einfach mal nur so rumzuliegen.
Mir kreisen zu viele Gedanken im Kopf rum, zum Glück heute nicht die schlechtesten. Habe ich den zweiten Akku der Kamera am Netz? Ich glaube ja. Sollte ich noch ein paar mehr Szenen von schönem Wetter festhalten, womöglich gemeinsam mit mir, wie ich pathetisch auf den Horizont gucke? Auch. Wer weiß wann wir so einen blauen Himmel und so eine helle warme Sonne wieder zu sehen bekommen? Das Hotel scheint schon sehr alt zu sein, überall hängen alte Fotos an den Wänden, und die Architektur ist einfach traumhaft. Vermutlich wäre es möglich gewesen, sich ein wenig über das Gemäuer anzulesen, aber ich hatte nur Augen für die Autos…. Ich schlender rastlos eine Ebene tiefer vor den Außenpool, fläze auf den Stühlen rum und gucke dem munteren Treiben der grün gekleideten Gärtner zu, die hier wuseln wie die Ameisen. Anscheinend haben sie Anweisungen, nicht mit Gästen zu sprechen, ich bin quasi gar nicht da. Okay. Und es springt mich wieder diese Unruhe an, die ich während solcher beruflicher Reisen einfach nicht abschütteln kann. Egal wo ich bin, ob das Düsseldorf oder Barcelona ist, ob mein Blick über München oder Maranello schweift – ich bin ganz hibbelig. Sowas nerviges. Da bist du hier mitten im Paradies, hast noch genug Zeit und kannst nicht mal durchatmen. Bah. Aber ich kann ja auf den Bildern zumindest so tun als ob *schnarch*

Über den Dingen

Blauer Himmel. Einfach nur blauer Himmel.

Eine weitere Ebene tiefer, vorbei an den wuselnden Landschaftsdesignern, ist ein schmaler Zaun und ein Geländer. Es trennt die Promenade vorm Hotel von dem, was dann kommt, und das ist vor allem eine Menge freier Fall. Hinter mir plätschert der Pool, vor und unter mir liegt diese riesige Stadt, die gerade zum Leben erwacht und dahinter funkelt das Meer.

I recall you took me swimming
the sea was dark and cold
You’d been there many times before
with many different girls, I’d been told
But what’s a man without a past
We love him for his lies
and then we try to break him down to make it last
’til they come true
Thank God for this beautiful view

Einmal aus den verregneten Häuserfluchten der Großstadt auszubrechen, ein erstes mal in diesem langen grauen Winter auf einen weit entfernten Horizont gucken und sich angenehm klein fühlen. Während die frühen Sonnenstrahlen wärmen. Ich freu mich auf das Jahr, was kommt. Auf viele Geschichten, auf toben und knuddeln und reisen mit meinen vielen Frauen und auf viele Autos. Das alles liegt noch vor mir. Es ist noch nicht mal Frühling, jedenfalls in Norddeutschland noch nicht.

Über den Dingen

Horizonte. Einfach nur Horizonte.

♫ Bim Bam Bum. Da sind die Glocken wieder. Wenn ich sowieso keinen Schlaf nachholen oder sonstwie chillen kann, dann geh’ ich eben spazieren. Wenn ich den serpentinenreichen Weg hier hoch richtig rekonstruiere gibt es sowieso nicht viele Möglichkeiten, und der Blick kann sicher noch besser werden 8-) Vor dem Hotelportal bauen die Jungs von Philips schon die ersten Eventbühnen auf, ich bin ziemlich neugierig…. Aber das ist ja erst heute Abend dran. Ein Stück die Straße rauf ist die Straße auch schon zu Ende. Jeder Fußgänger, der bis hier nicht von unzähligen behelmten verbissen guckenden Rennradfahrern über den Haufen gewalzt wurde hat hier noch einmal die Chance auf einen krass schönen Blick über die Berge hinter Barcelona. Ich erspare den Ihnen jetzt mal, zum einen, weil ich ziemlich erschöpft bin vom zur-Seite-Springen wegen dieser ganzen wahnsinnigen Zyklisten (was MACHEN die alle hier oben???) und zum anderen, weil der Blick übers Land langsam abgreift. Gnihi. Ich stiefel lieber an einem alten Vergnügungspark vorbei weiter den Berg rauf zum Ursprung der Glockenklänge. Ah ja.
Ich lese, dass ich auf dem Tibidabao stehe und sich vor mir ein goldener Jesus mit ausgebreiteten Armen auf dem Dach der Sagrad Cor befindet. Zu normalen Zeiten scheinen hier Unmengen von Touristen zu wimmeln, der Vorplatz mit dem Blick über die Stadt und das Meer ist geflankt von bunten Andenkenbuden und billigen Nippes-Läden. Aber außer den grenzwahnsinnigen Fahrradfahrern in ihren Ganzkörperkondomen ist fast niemand hier. Und die sind allesamt nach der Tour hier hoch nicht zum Plaudern aufgelegt. So ein Januarmorgen scheint perfekt gemacht zu sein für so einen Spaziergang.

Über den Dingen

Klein vor diesen Steinen

Über ein paar Treppenstufen setze ich mich auch von den Rennradlern ab und höre… Orgelklänge <3 Da muss ich hin. Ich schleich mich ab und an in Kiel in die große Nikolaikirche am alten Markt und höre einfach nur den Menschen zu, die dort selbstlos in die Tasten hauen. Das gleicht einem Gebet. Die Atmosphäre einer Kirche, in der Orgelmusik gespielt wird ist wundervoll, egal woran Sie nun glauben oder nicht. Dieses katholische Gebäude hier ist noch gar nicht so alt und eine kleine Kopie der Sacre Coer in Paris, und es ist menschenleer. Irgendwo tief drin sitzt ein Organist und probt wahrscheinlich die Lieder der Messe irgendwann heute Abend. Wahnsinn. Das Gemäuer erhebt sich hell und schlicht über mir in den blauen Himmel, die Sonne fällt verspielt durch die kunterbunten Scheiben herein und die Orgelmusik schwillt an und ab, ohne dass irgend ein Räuspern, irgend ein rumfotografierender Tourist oder ein verirrter Biker den einzigartigen Moment stören würde. Mir kommen die Tränen. Memme, ich.

Über den Dingen

aufstrebende Architektur

Also ich schon wieder draußen bin und aus immerhin 500 Metern Höhe beseelt gucke und gucke und gucke klingt aus den heiligen Hallen noch immer die Musik. Ungetrübt, irgendwie schlicht und wunderschön und perfekt passend zu dieser Stimmung hier ganz oben auf dem Berg mit dem lustigen Namen. Langsam schlender ist zurück zum Hotel, noch immer den nicht enden wollenden Horizont vor Augen. Ich habe 2014 noch nicht ganz verdaut, aber dieser erste Tag in Barcelona lässt mich an ein gutes 2015 glauben. So kann es weitergehen.

I’ve been blind too blind to tell false from true
I’ve been so busy running
never stopped to think where I was running to
But I’ve learned my lesson from the tears I’ve had to cry
Sometimes it helps to take your time

to sit alone and watch the world go by
Cause every day it’s new
Thank God for this beautiful view

Und nun hab ich auch genug durchgeatmet und auf den Horizont geguckt. So langsam merkt der Gin von gestern Abend, dass meine Adern sich mit Kaffee gefüllt haben, das ist gut. Das scheint ihn zu vertreiben. Bevor ich mich nachher in die Pressekonferenz setze und anschließend meinen Kopf und mein Herz den hier oben aufgereihten Autos widme mache ich noch das, was man in Hotelzimmern viel zu selten macht. In den billigen macht man es nicht, weil es nicht vorgesehen ist und in den teuren hat man dazu meistens keine Zeit. Doch. Heute ja. Ich bade! :-) Ich bade um 15:00 Uhr. Das ist der Luxus, der mir viel mehr bedeutet als goldene Wasserhähne und Mischhebel aus Marmor.

Über den Dingen

Nun kann der Abend kommen…

Der Tag ist noch jung, die Nacht ist noch fern.

Uff. Und nachmittags baden macht… äh… müde ;-)
Draußen rollen rappelnd und pöppelnd die ersten Autos vor das Tor, Baujahre zwischen 1907 und 2014. Geil. Es dämmert schon leicht, und ich werde gleich mal den Fahrstuhl nach unten in den großen Saal nehmen. Den Fahrstuhl mit dem mechanischen Zeiger. Warum muss ich an “Shining” denken? Tz. Das wird ein wahrhaft beleuchteter Abend, diesmal ohne Gin und andere alkoholische Substanzen, diesmal mit Benzin, Carbid und Matrix LED. Ich hab Bock drauf. Bis später, und danke für diesen wunderschönen Ausblick.

Sandmann

[Im Feed kann dieses Video nicht angezeigt werden.Klicke zum Blogeintrag um das Video anzusehen.]

Read more

Created Montag, 26. Januar 2015 Tags Airport | Automotive Lighting | Barcelona | event | Fuhlsbüttel | La Florida | Ohlsdorf | parken | Philips | Reise Reise Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
22 Jan 2015
Zu den Favoriten hinzufügen [1 Benutzer]   Jens Tanz  

Iso Grifo. Ein Sandkastentraum.

Sagenhaft. Sa - gen - haft.

Sagenhaft. Sa – gen – haft.

In der Mitte des Lebens treibt das Verhalten eines Mannes seltsame Früchte. Die einen kaufen sich einen Sportwagen und brennen mit einem jungen Huhn durch. Die anderen kaufen sich ein junges Huhn und brennen mit einem Sportwagen durch. Die dritten finden aufgrund der klarer werdenden eigenen Sterblichkeit ihren Weg in die Religion. Und ich? Ich gehöre zur vierten Kategorie. Ich beginne, mein Leben und meinen Keller aufzuräumen. Und da findet sich neben allerhand nützlichem und überflüssigem Zeugs ein kleines, blaues Auto der Marke Matchbox. Bespielt, benutzt. Meine absolute Traumkarre damals. In der Mitte des Lebens bin ich in der Lage, verrückte Sachen zu machen. Also ziehe ich los, um dieses Matchboxauto mal im Original zu fahren.

Ich will mal wieder spielen.

Ich will mal wieder spielen.

Dieses kleine, blaue, abgewetzte Spielzeug war damals der schärfste Zahn in der Sandkiste neben dem Mack Kipplaster und dem gelben Pickup, auf dem ein weißer Löwe lethargisch im Kreis wanderte, wenn man damit fuhr. Es hat endlose Highways durch Rhabarberbeete bis zum Komposthaufen gemeistert, auf den Opa immer seinen Eimer ausleerte, wenn er mal wieder einen halben Tag lang in seinem Werkzeugkeller vor sich hin gebastelt hat. Dann hat es da immer ziemlich doll gestunken, und ich bin andere Highways gefahren. Türen wurden geöffnet und geschlossen, das BROOAAARR BROMM habe ich in Ermangelung eingebauter batteriebetriebener Soundmodule selbst geknödelt. Aber nie fiel der Blick auf die informative Unterseite des Autos, denn ich konnte noch nicht so gut lesen. Da steht ja immer, was für ein gutes Stück hier im Maßstab 1:64 aus Zinkguss nachgebaut wurde.

Steigen Sie doch ein.

Steigen Sie doch ein.

Jetzt, rund 35 Jahre später, drehe ich das kleine Auto um. “No 14 ISO GRIFO”, darunter die Zeile “Made in England” und ganz unten “by Lesney”. Das war’s. Lesney. Den Laden gibt es seit 1982 nicht mehr. Und das Wörtchen “Superfast” auf der leicht verbogenen Hinterachse besagt, dass sich diese Spielzeugserie von den anderen durch besonders leicht laufende Räder unterschied. Weil die Autos von Hot Wheels auf jedem Teppich schneller waren, die britischen Ingenieure mussten also nachlegen :-) Soweit zum in Metall gegossenen Text. Aber was ist das bitte für ein sagenhaftes Auto, so formvollendet, so elegant und so verboten sexy? Ein Batmobil? Eine Erfindung der Spielzeugindustrie? Iso Grifo, das klingt wie ein Kunstname. MB präsentiert: ISO GRIFO. *bong*

Iso Grifo. Ein Sandkastentraum.

Ach, steigen Sie doch bitte WIRKLICH mal ein.

Die italienische Firma Iso Rivolta tauchte im Weltbild des noch vom Krieg gebeutelten Deutschland zunächst nur inkognito auf. Jeder von Ihnen wird das zweisitzige Rollermobil kennen, was bei BMW entstanden ist: die Isetta. Der kleine Knubbel war ein Design-Meisterstück der Italiener und wurde unter diversen Lizenzen in verschiedenen Ländern gefertigt. Als Erfüllung des Nachkriegstraums der Mobilität in Deutschland von 1954 bis 1962 allein 130.000 Mal. Aber noch lange nicht alles, was dort in der Nähe von Mailand bei Iso Rivolta entstand, hatte Kleinwagencharakter. Unter Mitwirkung des ehemaligen Ferrari-Mitarbeiters Giotto Bizzarrini, der Karosserieschmiede Bertone und dessen neuem, jungen Designchef Giorgetto Giugiaro entstanden verschiedene Coupés und Limousinen im Werk von Renzo Rivolta. Nein, sie entstanden nicht, sie wurden erschaffen. Weil selbst die genialsten Konstrukteure und Designer nicht mal eben ein neues Auto auf die Räder stellen können, wurde sich – wie so oft – in den Regalen diverser anderer Hersteller bedient. Und der dann wohl bekannteste Gran Turismo aus diesem Designerkonglomerat war – der Iso Grifo.

Iso Grifo. Ein Sandkastentraum.

Böser Blick ganz ohne Kamei Leiste

Ja, es gab den Iso Grifo wirklich. Das ursprüngliche Herz der italienischen Sünde war ein 5,4-Liter-V8 aus der Corvette, die Lenkung lieferte Burman, die manuellen und automatischen Getriebe kamen von Borg-Warner und ZF Friedrichshafen. Stationen der automobilen Legendenbildung, die mit dem kleinen Jungen in der Sandkiste so ungefähr ab dem Jahr 1971 diesen Planeten teilten, die mir aber ob meiner unbedingten Jugend nicht wirklich Interesse abrangen. Zwischen 1965 und 1974, also rund um meine eigene Geburt, wurden auch nur 412 Fahrzeuge gefertigt. Das schmälert die Wahrscheinlichkeit, dass ich im ländlichen Uelzen mal einen “in Echt” gesehen haben könnte, wenn auch nur aus Versehen, manchmal brennen sich ja auch zufällige Bilder im Kopf ein und kommen in den Träumen wieder hervor. Aber nee. Der war einfach zu selten. Also kommen andere Sachen in den Träumen vor, leider nicht immer so schöne wie dieses Auto, und der blaue Flitzer wich irgendwann dem Funktionsspielzeug und anderem Teenagerkram. Mädchen und so.

Iso Grifo. Ein Sandkastentraum.

Ich finde nur wenig Worte für dieses Auto

Ich will ihn sehen, fühlen, fahren!
Also tu ich so, wie man tut, wenn man beruflich über alte Autos schreibt und durchforste das Internet. Treffer! YAY! Im Ruhrgebiet findet sich tatsächlich ein leibhaftiger Besitzer eines Iso Grifo, der nach einem Telefonat vor allem auch bereit ist, ihn in meine vertrauensvollen Hände und vor mein Kameraauge zu legen. Dem guten Mann gehört eine der verschwenderisch kräftigen 7-Liter-Versionen der ersten Serie. Davon wurden nur 50 Stück gebaut. Sieben Liter Hubraum! Das Triebwerk ist so gewaltig, dass die Motorhaube nach oben heraus erhöht werden musste. Diese kantige Hutze wird unter den Fans liebevoll das “Penthouse” genannt.
Ich habe jetzt lange genug gewartet und bin ungeduldig, ein Termin ist schnell gemacht – ich will nicht nur träumen und mit meinem wieder aufgetauchten blauen Sandkistenauto durch das Wohnzimmer fahren, sondern ich will TRÄUME WAGEN. Ich tanke den dicken Diesel voll und rolle ins Ruhrgebiet. Vier Stunden Fahrt für ein Auto, was mich plötzlich so nervös macht wie ein Wiedersehen mit einer Exfreundin, die man 30 Jahre nicht gesehen hat.

Iso Grifo. Ein Sandkastentraum.

Gegensätze ziehen sich an.

Mein Herz klopft bis zum Hals, als der charmante Besitzer das breite Garagentor unter seinem Haus aufgleiten lässt und den Blick freigibt auf einen echten und (un)fassbaren Iso Grifo 7 Litri. Daneben steht auch noch ein Bizzarrini, aber das ist eine andere Geschichte. Draußen, vor den Toren des Grundstücks in gebührendem Abstand, steht meine Alltagskarre. Nein, sie ist mir nicht peinlich, denn die hat eine Berechtigung und ist eine treue Seele. Aber eine Seele von einem anderen Planeten als dem, auf dem ich gerade stehe. Was in einer anderen Zeit in meiner Sandkiste mittelblau, rechtsgelenkt und absurderweise mit einer kleinen knubbeligen Anhängerkupplung versehen war steht hier als dunkelrote, links gelenkte, rostfreie Schönheit mit schwarzem Leder. Ohne Anhängerkupplung. Es ist wirklich dieses Auto, was in meinen Kinderhänden wie selbstverständlich neben all den anderen SIKU und MATCHBOX Karren geparkt wurde. Ich fühle mich wie beim ersten Date und stammel unprofessionellen Mist vor mich hin.

Lass es raus, V8!

Lass es raus, V8!

Das Herausrangieren des Viertelmillionen-Euro-Schatzes überlasse ich dem Besitzer, umso genussvoller lässt sich von hier aus der bassige Sound aus den beiden Auspuffrohren genießen, durch die das verbrannte Super in einem herrlichen Stakkato die Symphonie aus sieben Litern für acht Töpfe ballert. So klingt also ein Iso Grifo. Gar nicht so sehr anders als mein BROAARR BROAM von damals im Gemüsebeet. In guten Zeiten trinkt das versammelte Orchester made in USA gern mal 25 Liter, belohnt sein Publikum aber mit mindestens 630 Nm Drehmoment und ungefähr 400 SAE-PS. Das genügte in den späten 60er Jahren, um in der Liga von Ferrari und Lamborghini vergnüglich mitzuspielen. Und diese Kraft wurde für den unvorbereiteten Bürger dieser Zeit in einen Body verpackt, der die makellose Schönheit der Venus von Urbinio mit Mona Lisas Lächeln zu einer Durchschnitts-Landpomeranze degradiert. Der Wagen hat (im Gegensatz zum Matchbox Pendant) sogar eine Kofferraumklappe, die sich öffnen lässt. Dieses Heck. Dieser Hintern. Ich glaube ich bin verliebt :-)

Iso Grifo. Ein Sandkastentraum.

Raum für ein kleines Täschchen

An diesem Auto stimmt fast alles. Ein kleiner Haken (nein, nicht für Anhänger): Es erfordert ein wenig körperliche Verwindung, am Steuer Platz zu nehmen, als 1,90m großer norddeutscher Jung muss ich mich ziemlich unelegant verbiegen. Aber wenn man erstmal sitzt, passt es wieder. Hallo Cockpit. Genau so viele analoge Rundinstrumente wie Zylinder in V-Form geben mir sachlich Auskunft über das allgemeine und momentane Befinden des Autos. Kleine Schalter und Hebelchen verteilen sich großzügig über den breiten, hölzernen Armaturenträger, ich werde ihre Funktion heute nicht vollständig ergründen. Aber ich berühre sie alle, streichel andächtig über die Rundungen der Instrumente und fühle respektvoll das Holz. Es riecht so gut inmitten dieser Materialien. Mein Herz hört einfach nicht auf mit dem schneller Schlagen. Verdammt, ist dieses Auto schön!

Iso Grifo. Ein Sandkastentraum.

In keinem Wohnzimmer ist es angenehmer als hier

Gang rein, Kupplung kommen lassen und los. Wir fahren den Iso durch die adretten Straßen mit den Schatten spendenden Bäumen bis zu einem hellen Schotterplatz. Das Getriebe schaltet sich hart und präzise, während für das dünne, kleine Holzlenkrad durchaus Männerarme notwendig sind. Hier wird man nicht von ungezählten Servomotoren umschmeichelt, hier muss man noch ein bisschen selbst arbeiten. Aber das macht man gern. Italienische Autos haben nie so richtig mein Herz erobern können, vielleicht vor allem, weil ich sie mir nie leisten konnte. Auch der Iso Grifo ist finanziell jenseits von allem Machbaren, was mir in den kommenden 20 Jahren so passieren wird, aber er ist anders. Es ist nicht seine Seltenheit. Es ist seine Form. Und wohl die Tatsache, dass diese Form eine der ersten ist, an die ich mich in der Sandkiste erinnern kann. Fahrer und Beifahrer sitzen gefühlt direkt auf der Straße, hart aber trotzdem komfortabel – wie es sich für einen klassischen GT gehört. Schulterblick – hinter den Sitzen kauert eine knappe Notsitz-Bank, gerade einmal geeignet für einen Maxi Cosy und eine Kiste Bier. Aber er ist immerhin ist es kein reiner Zweisitzer, das könnte als Argument für den jungen Familienvater von Bedeutung sein.

Iso Grifo. Ein Sandkastentraum.

Zur Not ist auch hier noch Platz

Trotz der dominierenden Heckscheibe, die formvollendet in der Kofferraumklappe zwischen den Rücklichtern ausläuft, wirkt das Auto unübersichtlich. Die Karosserieüberhänge sind zu elegant, die Seitenscheiben zu schmal und die Art, wie der Wagen seinen Fahrer umschließt, einfach zu passgenau. Über uns der Himmel, fischgrätenähnlich gelocht und makellos. Meine Augen haben Mühe, den Blick nach oben scharf zu stellen, kennen Sie das auch? Wenn man nach oben guckt ist in diesen gelochten Himmeln alles irgendwie leicht psychedelisch unscharf. Aber die Aussicht über die lüsterne Motorhaube und die “Penthouse”-Hutze ist sowieso wesentlich attraktiver 8-) Der Blick sollte also nach vorn gehen, so oder so. Und die Ohren auch.

Iso Grifo. Ein Sandkastentraum.

Auf die Hutze, darunter ist der Himmel

Ich kann lediglich ahnen, dass dieses Kraftpaket made in Italy mit dem Herzen made in U.S.A. weniger als sechs Sekunden für den Sprint auf 100 km/h benötigt und der Vortrieb irgendwo erst weit hinter echten 270 km/h aufhört. Wir können das hier nicht ausfahren, aber der Grifo flüstert es mir, grummelt es mir über den Nacken, bollert es mir durch den Rücken. Ich lasse den V8 noch einmal aufbrausen, bevor ich den Schlüssel drehe und zur Besichtigung nach vorn gehe. ROOAAARRRRR bullerbullerbuller. Ja, der kann das, daran besteht kein Zweifel.

Iso Grifo. Ein Sandkastentraum.

8 Töpfe für ein Halleluja

Ich schäle mich aus dem Sitz und gehe noch einmal um den Hybriden herum, der raubkatzengleich auf dem Schotterplatz kauert. Meine rechte Hand umgreift unbemerkt das kleine, blaue Spielzeug in meiner Hosentasche. Ich habe den Auslöser dieses Treffens dabei. Schauen Sie sich diese Doppelscheinwerfer in dem gitterähnlichen Grill an. Die Lufteinlässe an den Flanken, die perfekten Proportionen von Reifengröße und Gürtellinie. Die Art, wie diese unglaubliche Dachform nach hinten ausläuft und in einer konkaven Heckblende endet, als hätte ein verliebter Maler mit präzisem Daumen seinem Gesamtwerk noch einen letzten Schliff gegeben… Das Heck ist für mich eins der schönsten in der Geschichte des Automobils. Konkav mag ich ja ohnehin. Mein Granada Coupé hat auch ein konkaves Heck. Er fehlt mir plötzlich. Ich fühle mich, als würde ich fremdgehen. Und es fühlt sich geil an.

Iso Grifo. Ein Sandkastentraum.

Dieser ARSCH. Ich liebe ihn.

Am Himmel über Dortmund brauen sich kontrastreiche Regenwolken zusammen. Das ist toll für die Fotos, aber doof für dieses Auto. Regen soll es nach Möglichkeit nicht auf den Lack bekommen – ich muss schweren Herzens wieder Abschied nehmen. Und ich hab ja auch noch den ganzen Rückweg vor mir. Ciao, Iso. Ab in die Garage zu dem Bizzarrini.
Als auf der Autobahn zurück in den Norden die ersten, dicken Tropfen auf die Scheibe meines Kombis klatschen, kommt mir der eben gefahrene Italiener irgendwie schon wie eine Fata Morgana vor. Bin ich gerade wirklich in einem Iso Grifo gefahren? Krass. Ich ziehe auf den nächsten Rastplatz, kaufe mir irgendwas sehr ungesundes zu Essen und gucke auf dem Kameradisplay die Bilder durch. Tatsächlich. Ich hab’s getan. Und ich bin mir sicher: Es hat nach dem Aus für Iso Rivolta 1974 nie wieder so ein Auto gegeben. All seine zeitlosen, wegweisenden Details hatten schon als Matchbox-Auto Spuren in meinem Kopf hinterlassen, haben sich eingebrannt. Kinder und Betrunkene sagen die Wahrheit. Und ich bin stocknüchtern.

Iso Grifo. Ein Sandkastentraum.

Ich sitze drin. Ich sitze drin!!!

Hallo Alltag. Hallo Kiel. Ich schreib dann mal meinen Artikel, während vor den Fenstern draußen graue Kleinwagen vorbeifahren. In der Mitte des Lebens habe ich ein kleines Geheimnis aus der Sandkiste gelüftet. Man sollte sich viel öfter vornehmen, endlich mal die Karren selbst zu fahren, mit denen man schon in den 70ern durch Omas Gemüsebeete geballert ist.
Es kann nicht nur an den vermeintlich sorglosen Jahren der Kindheit liegen, dass ich das Gefühl habe, heute dem mit Abstand schönsten Auto der Welt begegnet zu sein.

Sandmann

ISO GRIFO 7 LITRI SERIE 1, 1969
Motor: V8, GM Corvette Big Block
Hubraum: 6.998 ccm
Leistung: 400 SAE-PS bei 5.200/min
Drehmoment: 630 Nm bei 3.600/min
Höchstgeschwindigkeit: mehr als 270 km/h
Beschleunigung von 0 auf 100: weniger als 6 s
Getriebe: Fünfgangschaltung von ZF
Antrieb: Hinterrad auf DeDion-Achse
Länge: 4.430 mm
Breite: 1.770 mm
Höhe: 1.220 mm
Gewicht: 1.400 kg
Bereifung: 225×15
Stückzahl: 412 (7-l-Version ca. 50)

Fotos: Jens Tanz
Originalartikel auf TRÄUME WAGEN
www.IsoRegistry.com

Read more

Created Donnerstag, 22. Januar 2015 Tags 7 Litri | bertone | Giugiaro | Iso Grifo | Iso Rivolta | Penthouse | TRÄUME WAGEN Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
20 Jan 2015
Zu den Favoriten hinzufügen   Jens Tanz  

Scheibenkleister

Scheibenkleister

Auf Kaperfahrt

Papaaaaaaa die haben mir heute Nacht den Audi aufgebrochen!:-(Scheibe kaputt, alles voller Glas, Radio weg WAS MACH ICH DENN JETZT???” Oh jemineh. Ein Stich ins Herz meines großen Töchterchens. Das erste eigene Auto, kaputt, geschändet, entweiht. Die Cops waren schon da, aber das ändert nichts am Ergebnis. Keine Teilkasko und ein offenes, kaputtes Fenster bei Regen und Frost mitten in Kiel. Fahranfängerins Horror. Eine neue Mission für Superpapa. Er fährt zum Autoverwerter Kiesow in Norderstedt und versucht bei 2 Grad und Nieselregen, einen Endgelagerten A3 erstmal zu finden und ihm dann seine Seitenscheibe zu entlocken. Und hey, was da noch so alles rumliegt!

Finden ist gar nicht so leicht.

Scheibenkleister

zwischen all diesen Audis…

Wir erinnern uns noch an die Galileo XXL Dokumentation über Deutschlands größte Autoverwerter. Da erfuhr man über mich, dass ich zusammen mit meinen Freunden fast jedes Wochenende hier im Norden Hamburgs am Schrauben und Teile scheffeln bin. Mir selbst war das auch neu, aber gut. Ich lerne gern was über mich. Meine Freunde und ich waren seit der Sendung, also seit rund zwei Jahren nicht mehr hier ;-) Das hatte allerdings zeitliche Gründe, und ich brauchte irgendwie nichts, was ich hier finden könnte. Man muss dazu aber sagen, dass ein Besuch bei Kiesow sogar lohnt, wenn man nichts braucht. Einfach weil es total geil ist, zwischen den aufgestapelten Autos rumzulaufen und auf “Schatzsuche” zu gehen. Das ist allerdings im Sommer ein wenig erquicklicher. Das Jahr ist noch jung, heute ist es grau und ungemütlich. Blöd. Seitenscheiben haben die Jungs nicht am warmen überdachten Tresen, dafür ist anscheinend der Aufwand beim Ausbauen zu groß und der Preis zu gering (25-30€). Die muss man selbst ausbauen. Das hab ich bei einem 1997er A3 noch nie gemacht, aber am Ende ist das auch nur ein Auto. Einige hab ich aus dem Augenwinkel auch schon gesehen, allerdings allesamt ohne Seitenscheiben. Verrückt, was hier sonst noch so rumliegt!

Scheibenkleister

Ein Audi 100 Typ 43!

Da stapfst du zwischen all diesen vollverzinkten fast rostfreien Wohlstands-Wracks umher und denkst wieder einmal darüber nach, wie bekloppt es ist, ein intaktes Auto wegzuschmeißen, weil irgend ein Steuergerät die Lötpunktgrätsche gemacht hat und seine Reparatur den Fahrzeugwert übersteigt. Das macht mich traurig. Hier liegen Autos rum, die sehen so aus, als könnte man einsteigen und noch 10 Jahre damit rumfahren! Und ganz oben drauf, ich fasse es nicht: Schon wieder ein alter Audi 100. Typ 43, so einer wie der Dottore, allerdings ein von mir nicht so begehrter Nachfacelift mit den weißen Blinkern und den großen Rücklichtern. Anfang der 80er. Genau so selten, wie der im Straßenbild geworden ist ist er auf dem Hof eines Autoverwerters zu entdecken. Krass, dass ich jetzt schon den zweiten im Raum Hamburg vor sich hinschimmeln sehe. Aber na klar – ich bin meinen vor einem Jahr auch nicht losgeworden. Nicht mal für 800 Euro, fahrbereit, guter Zustand, Vinyldach. Und an dem Punkt, wo ich “Jetzt erst recht!” gerufen und ihn behalten und instandgesetzt habe, geben andere auf und werfen den weg. Und dann steht er hier. Dunkelblau. Rostig… aber der darf auch noch rosten :-)

Scheibenkleister

Plüschig und verlassen.

Inzwischen bin ich in einem Alter, in dem die Vernunft über den Wunsch siegt, alle Autos dieser Welt retten zu wollen. Bei dem alten Herren hier gibt es noch eine gute, kaum verschimmelte Inneneinrichtung und ein komplettes Cockpit, an beidem bin ich nicht interessiert. Vielleicht könnte man noch Achs- und Bremsteile retten, die Scheinwerfer und Rücklichter und diversen Kleinkrams. Aber da beißt sich die Schlange in den Schwanz. Die Teile sind auch im Netz noch immer so billig, dass ich die erst dann besorge, wenn ich sie brauche. Auf Halde lege ich nichts mehr. Und da das viele so machen landen gute Teile eben auf dem Schrott. Das war schon immer so, das wird auch immer so bleiben und in spätestens 10 Jahren werden wir wieder sagen: “Hätte man den doch bloß komplett gerettet!” Aber heute sage ich das nicht. Kennen Sie dieses erhabene Gefühl, was mich immer auf solchen Schrottplätzen anspringt? Das ist ähnlich dem, das ich als Kind immer hatte, wenn in der Gegend die Sperrmüllhaufen aufgetürmt wurden. “Das kann alles dir gehören….!:-) Auch wenn man wenig von dem Kram brauchte, man konnte theoretisch all das mitnehmen. Hier ist das genau so. Auch wenn es Geld kostet. Ich suche eine Seitenscheibe für einen A3 8L. Also weiter.

Scheibenkleister

Typ 44 in guten Zustand, etwas Dachlastig

Die goldenen Zeiten für den Nachfolger des Typ 43 sind in diesem speziellen Fall vorbei. Geile Farbe, mit beigen Stoffsitzen. Das Blech ist rundrum gesund, es fehlen nur ein paar Anbauteile und die Räder. Na okay, und ein paar Autos liegen auf seinem Dach, das könnte für eine Restauration eventuell von Relevanz sein. Aber niemand will heute schon so ein Auto restaurieren. Es gibt einfach noch zu viele, und obwohl die ab 1984 gebaut wurden sind sie so genial zeitlos gestaltet, dass sie über 30 Jahre später nicht wie Oldtimer, sondern nur wie alte Autos aussehen. Ich hatte ja auch mal kurz einen in rot, eine unaufdringliche Limousine, zuverlässig, groß, sicher. Und irgendwie ein bisschen langweilig, aber das könnte man auch als schlichte Schönheit deuten. Mein Fünfzylinder Nullausstatter wich damals einem Citroen XM, ein guter Tausch. Ich konnte mich nie in das CW-Weltwunder-Modell verlieben. Hier stirbt jetzt einer. Stellen sich meine Nackenhaare leicht auf? Ja, ein ganz klein bisschen. Aber ich suche eine Seitenscheibe für einen Audi A3. Gnarf.

Scheibenkleister

Gewagte Hipster-Farben

A3 der ersten Serie liegen hier heute genau fünf Stück rum. Die haben die schrägsten Farben sowohl innen als auch außen, haben Sie schonmal einen schlumpfblauen Audi mit roten Sitzen gesehen? Irgendwie… lustig. Es gibt alle Arten von Lenkrädern, Cockpits, Sitzen und Türverkleidungen – aber es gibt keine Seitenscheiben! :-( Das scheint beim Zweitürer ein begehrtes Ersatzteil zu sein, warum, das steht in den Sternen. Ich öffne Türen und lerne dazu. Wenn die Scheibe nicht mehr da ist, ist (logisch) auch die Verkleidung schon abgebaut, auf diese Weise finde ich erforschend die drei zu lösenden Schrauben, die erfahrungsgemäß immer unter irgendwelchen Plastikdeckeln rund um den inneren Türgriff versteckt sind. So auch hier. Ich lerne noch etwas: Wenn die Scheibe nicht mehr da ist, ist auch irgendwie der ganze Rahmen der Scheibe weg. Urks. Sind die etwa mit dem ganzen Fensterhebermotorgeraffel in einen eigenen Rahmen eingebaut, der demontiert werden muss? Ich setze mich auf die Kante einer Motorhaube, frage das Internet, und das Internet sagt: Ja. Na super. In dem Moment fängt es leicht an zu regnen…

Scheibenkleister

Straße des Verderbens

Ich breche dann mal die Reise in die Vergangenheit ab und suche etwas konkreter nach einer Seitenscheibe, Beifahrerseite, irgendwo muss doch noch eine sein??? Ja. Eine gibt es noch, gut versteckt weil elektrisch runtergelassen (als noch Strom da war) in einem A3 in der oberen Reihe. Farblich passt der sogar zu dem meines Töchterchens, aber ausgerechnet bei Fenstern ist das ja ziemlich egal :-) Der alte Mann wuchtet sein mitgebrachtes Werkzeug in den Fußraum des aufgebahrten Ingolstädters und klettert mutig hinterher. Ein kalter Wind weht zwischen den Autos hier oben durch. Schrauben in luftigen Höhen, zwischen alten Autos, bei Kälte und Regen. Ich weiß allerdings, dass meine “Große” mir später einen derart dankbaren Blick schenken wird, dass sich das hier alles doppelt und dreifach lohnen wird. Als Papa kann man mit so wenig glücklich sein… Aber noch bin ich nicht am Ziel. Wie die Türpappe runter geht weiß ich ja inzwischen durch die Selbststudien an den anderen ausgeweideten Audis. Jetzt muss dieser Rahmen raus. Oh. Dicke fette Torx. Nennt man diese Größe überhaupt noch Torx? Immerhin sitze ich hier drin im Trockenen, und wie durch ein Wunder gehen meine mitgebrachten Torx genau bis zur benötigten Größe. 40 oder sowas. Vati schraubt.

Scheibenkleister

Klettern und Schrauben

Nur vier von diesen dicken Schrauben müssen gelöst werden, und der Rahmen fällt runter auf den Boden und zerschmettert die einzige Scheibe in 1000 Stücke. Eigentlich müsste hier jetzt so ein Satz kommen :-) Aber nein, im Alter wird wohl auch jemand wie ich vorsichtig, gar WEITsichtig – und ich halte den Scheibenrahmen natürlich fest, bevor er downhill schliddert. Was ich nicht bedacht habe: Die Stecker für den Fensterheber und die Verriegelung der Tür sind jetzt echt im Weg, verhindern ein Abstellen des Stahlgerüsts und sind gar nicht so leicht zu lösen. Halb schräg im 2. Stock in der geöffneten Tür eines alten Autos hängend frickel ich mich fluchend durch den Regen, mache davon aus nachvollziehbaren Gründen mal keine Fotos und löse auch dieses kleine Problemchen. Wenn man weiß wie, ist es ganz einfach. Cool. Ich fühle die Erkenntnis ein bisschen wie beim Audi V8, da musste man auch nur wissen, was man erstmal alles abbauen muss, um an die maladen Teile ranzukommen. Dieser Scheibenrahmen ist eine geniale Konstruktion, alles ist an ihm festgeschraubt, der Motor, die Führungsseile, die Schienen. Wenn er raus ist kommt man prima an alles ran.

Schatzsuche

Schatzsuche

Ich brauche zum Glück nur die Scheibe selbst und ihre Aufhängung, das bedeutet einfach nur noch zwei weitere kleine Schrauben in zwei Plastikschienen lösen. Als kleiner Worst-Caseler will ich aber auch genau diese Plastikschienen ebenfalls mitnehmen, falls wir die beim Auto meines Töchterchens bei dieser Kälte zerbrechen sollten. Haben Sie schon mal mit Kunststoffteilen im oder am Auto bei Minusgraden gewerkelt? Was im Sommer noch geschmeidig und biegsam war, knackt im Winter trocken weg wie ein Riegel Lindt Schkolade aus dem Kühlschrank. Und das wäre ja ziemlich doof. Der konstruktiv bedingte Haken an den Schienen ist, dass sie an eben jenem Führungsseil haken, was über Rollen und Haken um den Rahmen rumläuft. Da müssen die rausgehakt werden. Meine Finger sind inzwischen quasi abgefroren und völlig gefühllos, ich bin nass und unbeweglich und will langsam mal nach Hause…

AUAAAA!!

AUAAAA!!

In diesem Zustand ist ein Kollateralschaden fast unvermeidlich. Doof nur, dass die Schraubendreher immer so scharfkantig sind. Die Wunden an den Händen sind meist echt tief und immer genau da, wo sie über Wochen nicht verheilen, weil man immer und immer wieder dran stößt. Aua. Mist. Zusätzlich noch einen satten Abrutscher mit ordentlich Kraft in den Ballen des Daumens, allerdings an der dicken Ader vorbei. Trotzdem tropfe ich ein bisschen aus Daumenkuppe und Ballen vor mich hin, habe die Schienen dann aber mit sanfter Gewalt rausgehebelt und bereite mich auf die anerkennenden Blicke meiner Tochter und die strafenden Blicke meines halbfinnischen Fräulein Altonas vor. Sie sagt, ich muss mehr auf mich aufpassen und meinen Körper mehr achten. Ich versuche das ja, aber nicht jetzt und hier, es ist zu kalt und zu nass. Der Regen fällt auf die einzelnen Blutstropfen auf dem Asphalt zwischen den Wracks, lässt sie zerlaufen und mischt sich schillernd mit bunten Ölflecken zu einem Farbenmeer.

Scheibenkleister

Die Trophäe des Jägers

Die Seitenscheibe eines zweitürigen A3 ist ganz schön groß und ganz schön schwer. Diese einzige und letzte auf dem ganzen Platz hat schon eine ganz kleine Schmarre auf der unteren Ecke, aber das ist egal, der Teil bleibt in der Tür verborgen. Ich bin ein bisschen stolz. Das war nun zwar überhaupt kein handwerklich herausfordernder Akt, ich hab’s einigermaßen gut hinbekommen. Ich habe nichts anderes kaputt gemacht (mir geht diese “Scheißegal-Mentalität” vieler hier auf den Keks, die einfach alles rausreißen und einen Haufen kaputten Krams zurücklassen) und den nicht benötigten Fensterhebermotor fein auf den Beifahrersitz gelegt. Der nächste Schrauber freut sich. Der Regen wird auch wieder ein bisschen weniger und ich schlender an den Leichen aus Wolfsburg, aus Rüsselsheim und Köln vorbei zum Tresen, um meine Beute zu bezahlen. Der Mann da hat Mitleid. Vermutlich liegt es nicht daran, dass ich mit meinen Freunden jedes Wochenende hier bin sondern eher daran, dass ich ihm die Kasse vollblute und die Scheibe diese kleine Schmarre hat – ich bekomme sie für 20 Euro. Fairer Kurs.

Scheibenkleister

Das war ein guter Tag

Schlepp schlepp zurück zu meinem eigenen Audi, der hier einen aufgebahrten Bruder hätte. Die ganze Aktion hat zwei Stunden gedauert (ich denke nicht über einen theoretischen Stundenlohn nach), und jetzt fühle ich mich wunderbar vorbereitet auf den Einbau. Zum Glück in einer hellen, trockenen Tiefgarage. Morgen. Irgendwie bin ich froh, dass mein Töchterchen ein Auto fährt, an dem man noch schrauben KANN. Da sind schon eine Menge Sensoren und Steuergeräte verbaut, aber ich glaube da kann man noch einigermaßen den Überblick behalten. Und statt des gemopsten Kirmes-Kenwood-Blinkradios bauen wir einfach das originale Gamma ein. Mit einem Adapter für das Smartphone, auf dem die ganze Musik drauf ist. Der Vorteil: Das klaut dann bestimmt niemand mehr, und es sieht auch noch rot beleuchtet ziemlich gut aus.
Mal sehen, wie lange sich noch Glassplitter in irgend welchen Ritzen zwischen den Sitzen finden ;-) Scheibenaktion erfolgreich. Superpapi ist glücklich. Das Töchterchen auch. Jetzt müssen wir nur noch dem 1.8 Liter Motor seine Durstigkeit abgewöhnen. Aber das ist eine andere Geschichte…

Sandmann

Read more

Created Dienstag, 20. Januar 2015 Tags 8L | audi a3 | ausbau | Autoverwertung | Fensterheber | Fremde Federungen | Kiesow | Norderstedt | Schrottplatz | Seitenscheibe | Türrahmen Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
11 Jan 2015
Zu den Favoriten hinzufügen   Jens Tanz  

Vier Uhr Morgens

Vier Uhr Morgens

Auf dem Rücksitz die üblichen Utensilien

Am Anfang war das Bild. Und am Ende eine Zahl. Die Vier war allerdings noch nie eine besondere Zahl in meinem Leben, das wird sich heute auch nicht nennenswert ändern. Eher die Drei. Oder die Zweiundvierzig. Was sich heute aber wohl ändert ist mein Kenntnisstand bezüglich der letzten 20 Jahre im Leben meines alten Freundes Lutz, den ich seit der Oberstufe nicht mehr gesehen habe. Wir waren Gitarren-Homies in den 80ern und wir haben 1986 zusammen in SilkesGarten gezeltet. So schließt sich der Kreis. Aus zwei Teenagern mit Gitarren sind zwei alte Männer mit Gitarren geworden. Ich habe den Audi vollgetankt und mache mich auf in Richtung Fehmarn Sund Brücke, in eine Ferienwohnung an der Ostsee, um mit Lutz ein paar Jahre Freundschaft nachzuholen.

Ein Bild. Über Peinlichkeiten sprechen wir später :-)

Vier Uhr Morgens

lustige Barden 1986

Es gibt so viele Momente, in denen die Vergangenheit aufpoppt. Ein Foto, ein Gedanke beim Durchfahren einer besonderen Gegend, eine Erinnerung beim Hören eines Liedes oder Blumen im Kopf beim Erschnuppern eines bestimmten Parfums. Lutz und ich haben uns vor einiger Zeit auf Facebook wiedergefunden. Eher zufällig. Es ist (das habe ich ja schon an anderer Stelle vermutet) in unserem Alter völlig normal, sich an alte Freunde zu erinnern und die wieder auszugraben. Bei einigen weiß man noch, warum man über Dekaden nicht mehr befreundet war. Spätestens wenn man sich wieder mal trifft, zufällig oder geplant, fällt es einem wieder ein. Bei anderen scheint das im Dunkeln zu liegen. Und manchmal gibt es auch einfach keinen Grund, manchmal hat sich die Welt einfach weiter gedreht während alle Beteiligten ihre eigenen Wege gegangen sind. Mein Weg heute führt mich an die Kante, wo der Ozean das Land trifft. Das ist in Deutschland ganz oben rechts, da geht eine Brücke rüber, aber Lutz schreibt mir ich soll kurz vorher rechts abbiegen. Irgendwie bin ich richtig ein bisschen aufgeregt…

Vier Uhr Morgens

Götterdämmerung? Nein. Nur Abend.

And she walks along the edge of where the ocean meets the land
Just like she’s walking on a wire in a circus
Auf dem Rücksitz des alten Audis liegt mein inzwischen in diesem Thema erprobtes Zubehör. Kopfkissen und Schlafsack, meine Gitarre, ein bisschen Wein… Mein Fotoapparat und – ein Haufen Noten sowie eine Fototasche von 1986 :-) Die Bilder waren schon Silke im August peinlich, und hey – sie kommt auf denen noch ganz gut weg. Im Gegensatz zu uns beiden. Lutz und Jens waren damals zwei Teenager, beide um die Wette verknallt in die Gastgeberin und redlich bemüht, ihre Gunst singend zu erobern. Also haben wir die schöne Frau mit Balladenstoff von Simon and Garfunkel, Bob Dylan und den Beatles umworben und waren damit mehr oder weniger erfolgreich. Eher weniger. Balladenstoff soll es heute Abend auch geben, und ich bin ehrlich gesagt gespannt, was… nein WER mich da nachher erwartet. Die musikalischen Helden der 60er haben wir inzwischen zu den Akten gelegt, ich gehe mal davon aus, dass wir heute Abend Lieder von dem singen werden, was unser eigenes Leben uns angetan hat. Da gibt es eine Menge zu erzählen und zu singen. 1986 ist inzwischen 29 Jahre her.

Vier Uhr Morgens

Neugier und Skepsis

Wir haben uns vorher ein bisschen hin und her getextet und befürchten, die Nacht könnte verdammt lang werden (oder verdammt kurz, je nachdem aus welcher Perspektive man guckt). Das wäre ein bisschen doof, denn ich muss mich spätestens um 8:00 Uhr in Richtung Hamburg aufmachen. Aber 8:00 Uhr ist noch lange hin. Ob ich ein paar Karteikarten mitnehme, um so eine Art Mindmap auf dem Tisch auszubreiten? Um nichts zu vergessen und um strukturiert erzählen zu können? :-) Hab ich die richtigen Lieder dabei? Hab ich mich sehr verändert…? So ein Unsinn. Ich mach mir Gedanken, als führe ich zu meinem ersten Date und versuche, möglichst cool rüberzukommen. Überflüssig. Lutz und ich waren mal sowas wie beste Freunde, und auch wenn das echt lange her ist – damals haben wir ein Zelt geteilt, und gegenseitig vollgepupst, gemeinsam Kakao gegluggert und uns nachts gegenseitig erzählt, wie verknallt wir in Silke waren. Das schweißt zusammen, und das wird alles verzeihen, was heute aus uns geworden ist. Glaube ich. Und wenn nicht dann eben nicht…

Vier Uhr Morgens

Unscharf aus Kiel raus

Der Weg von Kiel nach Fehmarn dauert ein bisschen länger als eine Stunde, und ich nehme natürlich meine alte geduldige rollende Zeitmaschine anstatt des Daimlers. Auf der Kassette schrabbeln die Goo Goo Dolls, nicht gerade was von damals, aber ich hab da jetzt Bock drauf. Die Autofahrer um mich rum sind die gleichen wie immer, sie fahren neben mir, winken, heben den Daumen oder machen Fotos mit dem Handy. Ich bin immer wieder fasziniert davon, wie dieser damals als so bieder beschimpfte Audi heute die Herzen öffnet und Freude verbreitet. :-) Schön, das. Meine Fotos werden allerdings reichlich unscharf, sehen Sie das mal als eine Kunstform an bitte. Ich mag Aufnahmen mit Blitz einfach nicht, und es ist langsam recht dunkel. Ich kann meine Hand einfach beim Fahren nicht so ruhig halten, dass nichts verwackelt. Nicht bei diesen langen Verschlusszeiten :-D

Vier Uhr Morgens

Verschwommen wie die Vergangenheit

Sag ich doch. Hihi :-D Erschwerend hinzu kommt, dass es ab dem Verlassen der B76 in Richtung Selent und Lütjenburg dunkel wird. Sehr dunkel. Und wenn ich mal irgendwann was von einem dunklen Niedersachsen oder anderen lichtlosen Abschnitten im Norden erzählt haben sollte – vergessen Sie das. Hier ist es WIRKLICH dunkel, und je weiter ich in Richtung Küste fahre desto geringer ist die Straßenlaternendichte. Ich brauch was Fröhliches im Kassettendeck. Meine erste selbst gewünschte Platte. Truck Stop – Nicht zu bremsen:-) Sehr entspannte Countrymusik, nur ein wenig gedämpft von der Nachricht, dass so langsam einer nach dem anderen von den Jungs das Zeitliche segnet. Vor ein paar Tagen ist Cisco gestorben. Lucius vor zwei Jahren. Die Einschläge kommen näher, ich tröste mich damit dass die Jungs schon recht alt waren, als ich die damals gehört habe und singe einigermaßen gut gelaunt mit…

Vier Uhr Morgens

Es wird immer kälter

Step out the front door like a ghost into the fog
Where no one notices the contrast of white on white
Letzter Rastplatz vor der absoluten Dunkelheit. Angeblich mit Ostseeblick, was um diese Jahreszeit einigermaßen absurd ist, denn ich kann nicht mal 20 Meter weit gucken. Dunkelheit ist ja physikalisch gesehen nur das Fehlen von Licht, aber hier oben in der Nähe von Heiligenhafen ist die Dunkelheit irgendwie auch das Fehlen von Zeit und Raum. Ich mach den Motor lieber nicht aus. Wenn ich hier liegen bleiben sollte wird man mich nie wieder finden. Hier ist ja niemand. Warum dann Lutz? Er schreibt, es ist eine dauergemietete Ferienwohnung direkt am Wasser, wo er sich eine Woche Auszeit zum Lernen und zum Durchatmen genommen hat. Okay. Wenn die Einsamkeit sich weiter nach jeden Kilometer so potenziert ist das hier tatsächlich ein feiner Ort, um mal durchzuatmen. Um sich selbst zu finden. Und um ungestört auf die Gitarren einzuschlagen und dabei zu viel Wein zu trinken. Man könnte hier auch die ganzen Leichen entsorgen, die man noch im Keller hat. Die findet niemals jemand wieder. Aber die hätte ich nicht alle in den Kofferraum bekommen, und auf dem Rücksitz liegen ja die Gitarre, mein Schlafkrams und die Noten… Und der Wein. Und die Bilder :-)

Vier Uhr Morgens

Irgendwo hier.

Letztes Unscharfes Bild vorm Ziel. Versprochen. Aber ich will das doch alles trotzdem dokumentieren :-) Ich glaube, ich bin gleich da.
I can’t see nothing, nothing round here.
Mein Navi auf dem Handy (die treue Lisa liegt ja im Mercedes) hat mich schon drei mal gefragt, wo es hier bitte zum nächsten geostationären Satelliten geht. Gibt es Gegenden, die so einsam sind, dass ein Navi Depressionen bekommt und sich schmollend in sich zurückzieht? Die Antwort lautet: Ja. Aber egal, es ist noch angenehm früh, ich habe einen guten Hunger auf ungesundes Essen in mir drin und so richtig Bock, mal wieder ne halbe Nacht durchzusingen ♫ Außerdem habe ich Lutz’ Telefonnummer, und die wähle ich jetzt mal, um ihn zu fragen, wo ich hin muss. Ah. Er ist dran, er ist da und ich parke ferngesteuert den alten Audi auf einer Art Schotterplatz hinter einer kleinen Gruppe von Häuschen. Links von mir reihen sich in der Dunkelheit Lichterperlen am Himmel auf. Sie bewegen sich. Ich habe noch gar keinen Wein getrunken? Geografisch vermute ich, wenig unterstützt von meinem eingeschnappten Navi, dass das Autos auf der Brücke über den Fehmarn Sund sein könnten. Ah. Die Tür geht auf. Und nach ich-weiß-nicht-wie-vielen Jahren öffnet mir: Klaus Lage. Nein. Lutz. Hallo, alter Freund!

Er ist es!

Er ist es!

Okay, da ist sie, die Zeit. An dem grinsenden Typen mit Bart wäre ich in der Fußgängerzone direkt und ohne mit der Wimper zu zucken vorbei gelaufen. Das liegt vor allem am Bart. Aber die Stimme….. die ist noch die gleiche :-) Ich geh rein, packe meinen Kram aus, klapp schon mal das Sofa zurecht (ich habe so eine Ahnung, dass ich das nachher vielleicht nicht mehr hinbekommen könnte) und gucke dann Lutz ein bisschen intensiver an. Krass. 29 Jahre seit wir die Fotos gemacht haben. Jetzt ich:

Vier Uhr Morgens

Auch nicht viel besser

Was machen zwei alte Freunde, die nicht so richtig wissen, warum sie zwischendurch keine Freunde mehr waren und die emotional wichtigsten teile ihres Lebens mit anderen Menschen verbrachten? Sie reden. Sie reden vor allem über diese anderen Menschen, mit denen sie die emotional wichtigsten Teile ihres Lebens verbracht haben. Das waren gute Menschen, das waren nicht so gute Menschen, das waren Vollpfosten und das waren totale Psychopathen. In fast 30 Jahren sammelt sich eine Menge von dem an, was man allgemein als “Leben” bezeichnet. Wenn das damals alles im Prospekt gestanden hätte, ich weiß nicht, ob meine Unterschrift unter dem allen vielleicht gefälscht worden wäre. Die erste Flasche Wein ist leer, bevor wir es uns eigentlich so richtig auf den Sesseln bequem gemacht haben. Lutz hat einen australischen Yellow Tail gekauft, ich möchte den als einen meiner fünf Lieblingsweine bezeichnen. Cool. Damals haben wir Kakao getrunken und Rumkugeln gemampft. Viele Rumkugeln. Bei Café Ebeling in Uelzen gab es die für 10 Pfennig, da haben wir immer gleich 50 Stück gekauft ;-) Fünfzig. Wir reden. Wir trinken. Wir reden noch mehr und wir trinken noch mehr. Und irgendwann wird es einfacher, das, was man sagen will in Melodien zu verpacken. Schade, dass Silke nicht dabei ist.

Vier Uhr Morgens

das Repertoire hat sich erweitert

Step out the front door like a ghost into the fog
Where no one notices the contrast of white on white
And in between the moon and you, angels get a better view
Of the crumbling difference between wrong and right

Well, I walk in the air between the rain
Through myself and back again
Where? I don’t know
Maria says she’s dying
Through the door, I hear her crying
Why? I don’t know

Round here we always stand up straight
Round here something radiates

Maria came from Nashville with a suitcase in her hand
She said she’d like to meet a boy who looks like Elvis
And she walks along the edge of where the ocean meets the land
Just like she’s walking on a wire in a circus

She parks her car outside of my house and
Takes her clothes off, says she’s close to understanding Jesus
And she knows she’s more than just a little misunderstood
She has trouble acting normal when she’s nervous

Round here we’re carving out our names
Round here we all look the same
Round here we talk just like lions but we sacrifice like lambs
Round here she’s slipping through my hands

Woah
Sleeping children better run like the wind
Out of the lightning dream
Mama’s little baby better get herself in
Out of the lightning

She says, “It’s only in my head”
She says, “Shh, I know it’s only in my head”

But the girl on the car in the parking lot
Says, “Man, you should try to take a shot
Can’t you see my walls are crumbling?”

Then she looks up at the building
And says she’s thinking of jumping
She says she’s tired of life
She must be tired of something

Round here she’s always on my mind
Round here, hey man, got lots of time
Round here we’re never sent to bed early and nobody makes us wait
Round here we stay up very, very, very, very late

I, I can’t see nothing, nothing round here
You catch me if I’m falling, you catch me if I’m falling
Will you catch me? ‘Cause I’m falling down on you

I said I’m under the gun round here
Oh man, I said I’m under the gun round here
Well I can’t see nothing, nothing round here

Counting Crows, 1994

Vier Uhr Morgens

definitiv die bessere Gitarre

Wir singen tatsächlich nicht den alten Stoff, den ganzen Kram, mit dem man in den 80ern Gitarre spielen lernt und den mal schon in den 90ern nicht mehr hören konnte. Wir singen Lieder, die das Leben schrieb und formte. Laut. Leise. Vorsichtig und aggressiv. Hier draußen gehen wir niemandem auf den Sack, stören wir keinen Nachbarn, rauben wir keinem kinderlosen Pärchen den verdienten Nachtschlaf. Hier draußen ist ja niemand außer uns. Der zweite Wein ist schon längst alle, in meinem leichten Gepäck sind noch zwei weitere Flaschen, die haben allerdings traubenmäßig mit den beiden guten Überseetropfen von Lutz nix zu tun. Nun. Die Überseetropfen sind alle. Meine beiden Flaschen wiederum bedeuten mir historisch gesehen sehr viel. Ohne Rücksicht darauf, ob es guter Wein ist oder nicht. Da ist einmal ein Rotwein aus der Schweiz, nicht nennenswert, denn es ist der einzige den ich im Supermarkt gefunden habe und er war nicht außergewöhnlich lecker. Aber während ich Lutz von der Mona Lisa und dem Jahr in der Schweiz erzähle und davon singe… trinken wir schweizer Wein. Na klar. Und dann gibt es da noch den ersten Wein. Meinen ersten Wein. Also – den Wein, den ich mit meiner allerersten Freundin Simone getrunken habe. Das war ein 1986er Château de Mornag aus Tunesien. Lieblich, süffig, aber der erste. Ich habe einen 2013er Château de Mornag dabei, immer noch lieblich, immer noch süffig, aber wen stört das jetzt noch?
Round here we’re never sent to bed early and nobody makes us wait
Round here we stay up very, very, very, very late

Well...

Well…

Vier. Vier Flaschen.
Es ist nicht die Qualität des Weines, es sind die Geschichten, auf die es ankommt. Einige haben wir gemeinsam erlebt, viele nicht. Und die erzählen wir uns zwischen den Liedern und den einzelnen Schlücken aus viel zu kleinen Gläsern. Irgendwann zwischendurch gab es ein Baguette mit Käse und Salami, Remoulade und geriebenem Ingwer zu futtern. Mjam. Und dann irgendwann später noch eins. *burps* Nicht ganz ohne Neid sehe und höre ich die Gitarre von Lutz, eine Fender, ich wollte schon immer eine Fender haben… Meine kleine “Jim Dandy” tut trotzdem gute Dienste. Ganz ohne die unter Gitarren übliche Eifersucht wird sie ein bisschen mehr beansprucht als sie gewohnt ist und bringt die untermalenden Töne raus, die zusammen mit den beiden angekratzten Stimmen einen manchmal leisen, oft lauten Klangteppich über der Bucht von Fehmarn weben. Die beleuchtete Perlenschnur zieht sich noch immer durch die Nacht. Wie gut, dass hier so wenig Menschen wohnen. Lutz murmelt irgendwas vom Hafenmeister, und dass wir besser das Fenster zumachen sollten. Vermutlich hat er Recht.

Vier Uhr Morgens

29 Jahre dazwischen

Vier. Vier Uhr Morgens.
Eine wahrlich beschissene Zeit, wenn man in der Nacht wach wird. Kennen Sie das? Noch nicht genug Schlaf, um ausgeschlafen zu sein und vor allem – nicht mehr genug Zeit, um noch einmal tief einzuschlafen, bevor einen der Wecker rausreißt und den neuen Arbeitstag einläutet. Das Gewicht dieser Zahl wiegt noch viel schwerer, wenn der erste Teil des Satzes, also die nicht ausreichende Menge Schlaf, noch gar nicht stattgefunden hat. Ich weiß nicht, wann ich zuletzt so lange wach war, auf jeden Fall war ich da noch viel viel jünger und es war bestimmt nicht unter der Woche. Oha.

Vier Uhr Morgens

Okay is gut jetzt.

Das schon vorgeklappte Klappsofa (ich lobe mich selbst dafür) ist wahrscheinlich wesentlich gemütlicher als die Ladefläche des Mercedes, Januar ist definitiv nicht der Monat, in dem man noch im Auto schlafen sollte. Bei aller Liebe zu diesem Schlafplatz als solchem, die Tatsache dass ich nicht wie im August in Ripdorf bei Uelzen mit dem Kombi, sondern mit dem ladeflächenlosen Audi hier bin spricht ebenfalls für das Schlafsofa. Also Schlafsofa. Macht das überhaupt noch Sinn, wenn der Wecker sowieso gleich bimmelt? Ich gucke den alten Mann im Spiegel mit roten Augen an und mache keine Fotos mehr. Ich träume irgendwas von schnell fahrenden Zügen, kurz darauf dämmert es und ich finde mich nur kurze Zeit später in meinem Auto wieder, irgendwo auf der A1 zwischen Fehmarn und Hamburg. Neben mir meine Gitarre, die mich anguckt, als hätte ich sie nach einem schönen Erlebnis in die Realität zurück entführt.

Vier Uhr Morgens

Jim Dandy ist nun Beifahrer

Vier. Vier Stunden Schlaf.
Sie merken langsam, warum diese Zahl und ich nicht die besten Freunde werden? Der Typ mit dem grauen Bart und der Fender Gitarre hat mir noch einen Kaffee in den Hals gekippt und sich hoffentlich wieder in sein Bett gelegt, als ich vom Hof gefahren bin. :-) Hihi irgendwie ist es tatsächlich ein bisschen so wie bei einem Date gewesen, die Aufregung in der Erwartung der Person, das viele Erzählen – und jetzt stehle ich mich in der Morgendämmerung aus dem Haus. Was sollen die Nachbarn denken? Ach nee – die gibt es ja im Umkreis von 10 Kilometern quasi nicht. Und Fische petzen nicht. Mir ist kalt, das Radio bekommt hier am Rand dieser Scheibe, die sich Erde nennt keine vernünftigen Sender rein und alle Kassetten leiern heute Morgen. Das Handy-Navi schmollt noch immer. Weiber. Ich glaube, wenn mich jetzt jemand anhält werde ich an Ort und Stelle verhaftet, aus verschiedenen Gründen, mindestens aber weil ich wohl so aussehe als hätte ich grad jemanden umgebracht. Puh. Vielleicht hab ich das sogar. Das Phantom der Virtualität. Ich hab mich mal wieder mit einem alten Freund getroffen. Nicht nur ne SMS oder ne Whatsapp geschickt oder ne Mail mit kopierten Inhalten… nein… ich bin hingefahren. Das tut gut. Das ist besser als 500 Facebook-Freunde, aber das muss ich Ihnen vermutlich nicht sagen.

Vier Uhr Morgens

reden wir nicht drüber

Ich schaffe es tatsächlich ohne nennenswerte Vorfälle bis in den Verlag nach Hamburg (wie langweilig), und nur wenige meiner Kollegen bemerken meine sehr tiefe Stimme… Die Texte fließen gut aus den Fingern, warum auch nicht, so ein Treffen inspiriert, und meine Finger greifen im Geiste noch schnell ein paar weinselige Akkorde. Nur Silke war gestern (vorhin) leider nicht dabei, weder in Echt noch sonstwie fernmündlich virtuell. Sie hatte ihr Handy irgendwo im Universum einer Damenhandtasche vergraben und erst einen Tag später unsere flehenden Nachrichten, die plakative Notwendigkeit einer Live Konferenz und die provozierenden Fotos bekommen. Da war ich schon wieder nüchtern. Trotzdem war sie des öfteren Thema dort oben in der Nähe der Fehmarn Sund Brücke, aber what happens in Großenbroderfähre stays in Großenbroderfähre ;-) Mehr von sowas. Das tut gut.
Am Anfang war das Bild. Aber am Ende auch, die Zahl hat das echt nicht verdient.

Sandmann

Vier Uhr Morgens

Am Ende war auch das Bild

[Im Feed kann dieses Video nicht angezeigt werden.Klicke zum Blogeintrag um das Video anzusehen.]

Read more

Created Sonntag, 11. Januar 2015 Tags alte Freunde | Audi 100 LS 1977 | Gitarre | Kiel | Plön | Silke | Simon and Garfunkel | Uelzen | Vergangene Verse | vergangenheit Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
09 Jan 2015
Zu den Favoriten hinzufügen [1 Benutzer]   Jens Tanz  

Sündige Beichte

Sündige Beichte

Die Sünde vor der Kirche

Es ist still im österreichischen Dornbirn. Sehr still. Eingeklemmt zwischen Bodensee und Allgäuer Hochalpen gehen freundliche Menschen ihrem Tagwerk nach, begrüßen sich, kennen sich. Einige der streng katholischen Alten auf dem Dorfplatz heben ihr Haupt in die warme Märzsonne und lassen ihren Blick über die nahe Bergkette gleiten, als sie ein dumpfes Donnern vernehmen. Die Versuchung ist förmlich spürbar. Der heilige Boden vor der blütenweißen Kirche am höchsten Punk der kleinen Ansammlung von Häusern vibriert leicht. Vögel verstummen. Leise, fast ängstlich läuten im benachbarten Tal ein paar Glocken. Armageddon ist nicht mehr fern.

Sündige Beichte

Robert – nein, er ist kein Teufel

Robert Willinger weiß, was er tut. Und woran er glauben kann. Als der Österreicher das Inserat eines 1965er Dodge Coronet 500 sieht, beißt er an. Der Coronet, die “Krone”, stellt so ungefähr das dar, was in den 80ern ein VW Passat in Deutschland war. Groß, robust, zuverlässig, nicht ganz billig und irgendwie ein bisschen langweilig. Dieses bestimmte Exemplar aus Reno, Nevada macht da eine kleine Ausnahme. Als Veranstalter der alle zwei Jahre stattfindenden US Car & Bike Show Dornbirn kennt er sich mit Amis bestens aus und ist begeistert von dem Umfang und der akribischen Protokollierung der Arbeiten, die der amerikanische Vorbesitzer an dem Fahrzeug durchgeführt hat. Die komplette Technik wurde erneuert und der Motor neu aufgebaut. Ein 440er V8, und falls Ihnen das nichts sagt – 440 Kubik-Zoll. Das entspricht mit 7,2 Litern knapp acht handelsüblichen Milchtüten. Ein Hubraum wie eine kleine Kathedrale, für die Analogie stellen Sie sich nun einmal einen VW Passat mit einem LKW-Motor vor. Seit der Überholung hat das Triebwerk erst 5000 Meilen abgespult. Damit aber kurz vor der Messe die Sünden sichtbar und hörbar werden sind weitere Modifikationen an dem unschuldig weißen Sedan-Klotz vorgenommen worden. Performer Intake, ein Demon Vergaser (das ist ein dämonischer Druckvergaser für den Kompressorlader), eine MSD Zündanlage und Fächerkrümmer bringen es inzwischen in dieser Kombination auf stattliche 350 Höllenpferde, die von einem Alukühler mit zusätzlichem Elektrolüfter leidlich beruhigt und mit Scheibenbremsen vorn und hinten fachgerecht im Zaum gehalten werden.

Sündige BeichteSündige BeichteSündige Beichte

Mit der Heimsuchung hatte Willinger Pech. Während der Verschiffung aus den USA drang eine Menge Feuchtigkeit in den Container ein, und der Innenraum des Dodge war vollständig durchnässt. Also musste er die gesamte Innenausstattung ausbauen, durchlüften, reinigen und aufbereiten. Der Teppich wurde vollständig ersetzt. Das ganze Geraffel sieht jetzt aus wie neu und riecht sogar so :-) Und alles andere…?

Sündige Beichte

leicht….. äh… modifiziert

Als die Gebrüder Dodge 1901 ihre Dodge Fahrrad- und Maschinenteile Fabrik in Detroit, Michigan, etablierten war noch nicht abzusehen, dass die Firma eines Tages zu den ganz großen Playern im US-amerikanischen Automobilzirkus gehören würde. In den 60ern bediente man das gut gehende Mittelpreis-Segment und stellte dem Normalbürger geräumige, sportlich angehauchte Fullsize-Limousinen vor die Tür. Ich persönlich mag ja die amerikanischen 60er. Die überheblichen Flossen der Rock’n Roll Zeit sind von den Sauriern wegdesigned worden, und der hemdsärmelige Auftritt der asphaltsaugenden Muscle Cars ist noch ein paar Jahre entfernt. Ich denke an Stewardessen, die vor einer Superconstellation stehen. An rauchende Hutträger am Rockefeller Plaza. An sexy Kurven in knappen Kleidchen. Ups? Die filigranen 60er Jahre Details des angenehm schlichten Interieurs fallen beim sündigen Blick in den Innenraum erst in zweiter Instanz auf.

Sündige BeichteSündige BeichteSündige Beichte

Dominiert wird das Cockpit von einigen Zusatzinstrumenten, die analog Auskunft über das gesundheitliche Befinden der Teufelsmaschine unter der Haube geben. Auf dem Beichtstuhl selbst wird der Pilot von einem breiten, roten Geschirr gleich einem LKW-Spanngurt gehalten. Der Rest ist ein Konglomerat aus Raumgefühl, Lifestyle und unheiliger Kraft, die sich visuell von außen nur aufgrund der breiten Chromfelgen und der Hutze in der Haube erahnen lässt. Jeder kann mit seinem Auto machen was er möchte. Und wenn es Robert gefällt – dann ist es gut. Originalitätsfanatiker haben an diesem fast schon religiös angehauchten Bekenntnis an die Kraft keine Freude. Und die Pferdchen im Stall (denn es war sonst kein Raum in der Herberge) scharren grad geduldig mit den Hufen. Doch wehe, wenn sie losgelassen!

Sündige Beichte

Akustischer Höllenritt, ganz ehrlich

Die Metapher vom Wolf im Schafspelz ist unfassbar abgegriffen, also nehmen wir an dieser Stelle einmal die Geschichte von Martin Luther und dem aufziehenden Gewitter. Und landen wieder vor der Dornbirner Dorfkirche, wo noch immer der Boden bebt. Ich komme mir fast ein bisschen blöd vor. Da hinten sitzen die ALten noch auf der Bank, und ich hüpfe mit meiner Kamera hier rum, als wenn ich gleich ein Wahnsinns-Promi-Ereignis ablichten will. Na ja. Ein bisschen ist das auch so. Promis mit Bodenhaftung. Der jetzt um die Ecke biegende Donner-Dodge erweist sich aufgrund der neu aufgebauten Technik als sorgenfreies Alltagsfahrzeug und wird jeden Tag von Willinger und seinem Sohn gefahren. Gleich dem Passat fährt sich das 50 Jahre alte Auto problemlos, ist zuverlässig und gottseidank anders als sein europäisches Pendant heute nicht mehr mit dem Leichentuch der Langeweile bedeckt. Im Gegenteil. Das fast 5,5 Meter lange kantige Chromgefährt bleibt blubbernd stehen, der Fahrer lässt den Motor laufen und entsteigt in die Morgensonne. Gefährliches Terrain hier. Heiliger Boden.

Sündige BeichteSündige BeichteSündige Beichte

Anstatt seine Thesen an die Kirchentür zu nageln stellt der gute Hirte mit den erfahrenen Händen und Ohren den gierigen V8 ein bisschen nach, ein paar der Pferdchen waren wie das Schaf auf Abwegen. Sauber. Die weiße Tür fällt wieder ins Schloss, der Gurt klickt – dann donnert er weiter an den Alten vorbei in Richtung seines Ziels, in Richtung seines nächsten US Car Treffens (wo man sich ein Bildnis machen kann) und in Richtung der anderen spektakulären US-Klassiker in seiner Sammlung. Das Fegefeuer der beiden Auspuffrohre ist noch lange in den Straßen zu riechen. Und auch wenn Martin Luther nach dem Gewitter ein Mönch wurde, wird man in Dornbirn Robert Willinger vergeben. Er fährt doch am Ende des Tages nur ein Auto, wenn auch ein sehr böses. Ablasszettel wird er demnach nicht erwerben müssen. Seine einzigen Sünden bestehen aus übermäßigen Karosseriedimensionen und regelrecht blasphemischer Kraftentfaltung, wenn wir ein letztes mal die alberne Parallele zum Passat ziehen.

Sündige Beichte

Ab dafür und tschüss

Und erst, wenn der letzte dumpfe Zündvorgang von den Alpen zurückhallt, wird man auch in anderen Teilen Österreichs feststellen, dass moderne Kleinwagen tief im Inneren der Seele nicht glücklich machen. So sei es.

Sandmann

Dodge Coronet 500 Serie 1
Baujahr: 1965
Motor: 440 cui V8
Vergaser: Demon Druckvergaser
Zündung: MSD
Hubraum: 7.200 ccm
Leistung: 350 PS
Getriebe: 727 Automatic
Beschleunigung: Brutal
Höchstgeschwindigkeit: Egal
Länge: 5.480 mm
Breite: 2.020 mm
Gewicht: 1.680 kg
Bilder: Jens Tanz
Originalartikel auf TRÄUME WAGEN

Read more

Created Freitag, 09. Januar 2015 Tags 1965 | Demon Vergaser | Dodge Coronet | österreich | Robert Willinger | TRÄUME WAGEN Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
05 Jan 2015
Zu den Favoriten hinzufügen [1 Benutzer]   Jens Tanz  

BÄUME WAGEN

BÄUME WAGEN

Kombi? Ach – egal

Das Jahr ist jung, das Jahr ist frisch und das Jahr ist voller Poesie. Haben Sie 2015 schon mal über Äpfel nachgedacht? Nein? Ich schon, denn ich hab da noch so einen natürlichen Apfelproduzenten in einem bestimmten Garten stehen, wo er nicht hingehört. Lösung? In den sauren Apfel beißen, ausgraben, aufs Dach binden und in einem anderen Garten (wo er hingehört) wieder eingraben. Problem: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, und der ist dick. Der Kandidat ist schon 12 Jahre alt und ziemlich groß und schwer. Und mir kommen den ganzen Tag schon Apfelgedichte und Redensarten in den Sinn, was ziemlich nervig ist. Außerdem habe ich Angst davor, das hölzerne Ding auf mein Autodach zu binden. Doch verbotene Äpfel sind süß:-) Sie sehen schon – alles wie immer. Begleiten Sie mich dachlastig durch Kiel…?

ARGH.

BÄUME WAGEN

Timber. Er liegt flach.

Ein Apfel am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen. Das mag ja sein, aber haben Sie schon einmal einen mittelalten Apfelbaum bei Bodenfrost und Minusgraden ausgegraben? Nein? Ich bis heute auch noch nicht. Auch wenn ein Tag zum Bäume ausreißen ist – man bekommt so eine Ahnung, dass nicht alles gut durchgeplant ist. Während ich mit dem treuen finnischen Fiskars Spaten tief steche und weit schmeiße summe ich den Klassiker von Wencke Myrhe aus den späten 60ern: Beiß nicht gleich in jeden A_ha_pfel, er könnte sauer sein, denn auf rote Apfelbä_hä_ckchen fällt man leicht herein. Küß nicht jedes schöne Mä_hä_dchen, das kann gefährlich sein, denn auf rote Apfelbä_hä_ckchen fällt man leicht herein ♫ Die hübsche Norwegerin, die inzwischen ebenfalls in den späten 60ern ist, hat uns noch mit anderen Smash Hits wie “Er hat ein knallrotes Gummiboot” oder “Lass mein Knie Joe” glücklich gemacht. Nun. Wenn der Apfel reif ist, fällt er ab. In meinem Fall fällt er um. Also, der Baum. Timber! Es ist nicht überliefert, wie viel Wurzelwerk exakt nötig ist, um so einen floralen Kaventsmann in neuem Boden überleben zu lassen, aber ich habe reichlich retten können. Außerdem sind wir noch lange nicht beim neuen Boden. Ich habe nicht den geringsten Schimmer, wie schwer genau dieser Baum ist, aber ich kann ihn nicht tragen. Und ich bin ganz schön stark. Maximal an einer Seite kann ich ihn anheben und schleifen. Bis zum Auto. Und das dauert schon ganz schön lange.

BÄUME WAGEN

Irgendwie habe ich den da raufbekommen

Ja, ja, ja, ja es ist nicht alles Gold was glänzt. Nein, nein, nein, nein, es trügt oft nur der Schein. Ach Wencke. Ich habe heute Morgen weder vor, schöne Mädchen zu küssen noch auf rote Apfelbä_hä_ckchen reinzufallen. Ich will einfach nur diese Holz gewordene Metapher meiner eigenen Unzerstörbarkeit dort haben, wo ich lebe. In einem kleinen Garten, den ich von meinem Balkon aus sehen kann. Ohne den Ast abzusägen, auf dem ich sitze gelingt es mir tatsächlich, den Baum aufs Dach meines alten Daimlers zu wuchten. Lehmig ist er, und er verteilt sein Erdreich großzügig. Als das Dach sich bedenklich einbeult beschließe ich, dass die Idee noch nicht ausgereift ist und sprinte in die Garage, um ein wenig Unterfütterungsmaterial zu holen. Ein Bettlaken, ein altes Gummiboot (wenn auch kein knallrotes) und eine Spanplatte reichen für’s erste. Alles für diesen Baum. Aber Apfelbäume scheinen es wert zu sein, sogar Lessing hat darüber lüstern referiert: Johann und Hanne konnten kaum vor Liebesglut die Dämmerung erwarten und schlichen sich in ebendiesen Garten von ungefähr an ebendiesen Apfelbaum. Hans Steffen, der im Winkel oben saß und fleißig brach und aß, ward mäuschenstill vor Wartung böser Dinge, daß seine Näscherei ihm diesmal schlecht gelinge.Was lerne ich daraus, während ich die Spanngurte suche? Johann und Hanne suchen einen schattigen Platz zum Poppen, und Hans Steffen will lieber Äpfel klauen und futtern und scheint gar nicht so recht zu wissen, was er da unten eigentlich gerade beobachtet, der alte Spanner. Ah. Ja. Spanner. Spanngurte. Rot wie Äpfel.

BÄUME WAGEN

Dann hoffen wir mal auf KEINE Ordnungshüter

Ein Apfel am Tag, mit dem Doktor kein Plag. Super. Münzen wir diese Redensart um auf den Baum selbst, und ich kann es nicht bestätigen. Mein rechtes Handgelenk fühlt sich irgendwie ausgehakt an, mein rechter Arm scheint 10cm länger als vorher. Ich glaube, ich habe mich überhoben. Es ist schlicht nicht zu fassen, wie schwer das kleine Bäumchen ist. Der Lump. Auf dem Dach ist er nun, auch einigermaßen fachgerecht festgezurrt habe ich ihn. Mit zwei apfelroten Gurten. Alte Bäume biegt man nicht, aber der hier ist so stabil, da bin ich unbesorgt. Außerdem – krumme Bäume tragen auch Früchte. Ich bin jetzt nur ein ganz kleines bisschen nervös, weil ich noch nicht weiß, wie ich auf den vor mir liegenden 5 Kilometern einer eventuellen Polizeikontrolle das dramatische und fahnenlose Überhängen der Äste am Heck des dunkelblauen Daimlers erklären soll. Wie goldene Äpfel auf silbernen Schalen, ist ein Wort, gesprochen zur rechten Zeit (2. Salom. Spruchsammlung 25.11) Aber statistisch gesehen ist die Chance, auf diesem kurzen Stück angehalten zu werden sehr gering. Ich wage es. Theodor Fontane bringt es auf den Punkt. O schüttle ab den schweren Traum und die lange Winterruh: Es wagt es der alte Apfelbaum, Herze, wag’s auch du.

BÄUME WAGEN

Highway to Hell

Zweimal halte ich am Straßenrand an, um zu gucken, ob auch alles okay ist :roll: Obwohl ich im Rückspiegel ziemlich gut die Krone sehen kann und eigentlich auch alles sicher ist, vor allem, seit sich einer der Hauptäste hinter dem Heckscheibenwischer verkantet hat. Oha. Jetzt fürchte ich um einen Ast, fast bricht er zusammen unter der Last.  Geschieht´s, werden lange Gesichter sie machen, manchmal muß leider erst etwas krachen. Da fallen mir mindestens drei Sünden meiner Sturm- und Drangzeit ein. Wo ich Autos nicht immer fachgerecht beladen habe. Erinnern Sie sich? Kombi – braucht man nicht wäre der Anfang von allem, und bei meinem Aldi 80habe ich es vielleicht wirklich übertrieben. Schlimm waren die 1.5 Tonnen Feldsteine im Audi V8… ach, heute bin ich doch gar nicht so schlecht davor. Und das MIT einem Kombi, werde ich etwa alt und spießig? :-) Nein. Vielleicht etwas vernünftiger. Auf der B404 skandiere ich aus gegebenem Anlass ein Kinderlied von Robert Reinick: Und wer kam nun gegangen? Es war der Wind, den kenn ich schon, der küßt nicht und der singt nicht, der pfeift aus einem andern Ton. Stimmt. Und zwar laut. Auch bei Robert ging es um einen Apfelbaum, allerdings stand der in einem Garten und lag nicht auf dem Dach eines Mercedes-Benz. Hui wie das pfeift. Und nun? Ich bin da. Heißa Kathreinerle.

BÄUME WAGEN

Ankunft ist ein bisschen wie sterben

Nun muss der Früchte tragende dicke Stock nur noch wieder runter vom Dach und durch den Flur nach hinten in den Garten, wo ich ein nennenswert großes Loch ausheben werde. Wissen Sie was? Ich bin kaputt. Ich kann nicht mehr. Mein rechtes Handgelenk pocht schmerzend, mein Auto guckt mich an als ob ich nicht mehr alle Tassen im Schrank hätte und die Nachbarn hinter den Fenstern lachen sich einen Ast. Ich entwickel wirre Gedanken. Also – noch mehr als sonst. Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland hatte einen Birnbaum, der war bestimmt nicht so schwer und der stand da einfach in seinem Garten rum. Bäume sind ja nicht erfunden worden, damit man sie auf Autodächern durch Städte fährt. Außer zu Weihnachten. Aber das ist eine andere Geschichte.
Ich grabe. Und ich singe weiter vor mich hin, mal von roten Apfelbä_hä_ckchen und mal mit den Worten von Reinhard Mey, der sich so herrlich über die “Gartennazis” in seiner Nachbarschaft aufgeregt hat: Wenn alle Hoffnungen verdorr‘n, mit dir beginn‘ ich ganz von vorn. Und Unerreichbares erreichen, ja ich kann‘s! Du bist das Apfelbäumchen, das ich pflanz‘! Auch wenn der Großmeister des gelegentlichen Wind-nordost-startbahn-null-drei was anderes meinte – er spricht mir aus der Seele. Unerreichbares erreichen. Ja. Das ist ein paar mal gelungen im vergangenen Jahr.

BÄUME WAGEN

Steht. Wie ne Eins.

Das Loch ist wieder zu, der Baum steht und ist liebevoll angegossen. Mein rechtes Handgelenk ist vermutlich für immer zerstört, mein Fiskars Spaten um Jahre gealtert und meine dicken Gartenschuhe dem Ruhestand nahe. Kalter Januar 2015. Warum mache ich so einen Scheiß? Weil ich es will, und weil ich nicht ohne Apfelbaum sein möchte. Warum kaufe ich im Baumarkt nicht für 20 Euro einen anderen, kleinen Baum, der definitiv anwachsen wird? Weil es dieser Apfelbaum sein muss. Ein Apfel FAQ? Nein. Ich lasse einfach keine alten Freunde mehr im Stich. Und was wird das für ein Triumph, wenn die ersten Knospen an den Ästen aufblühen werden. Dann kann ich es mit den Worten von James Krüss beschreiben: Der Apfelbaum ist aufgeblüht. Der Winter ist vorbei. Mit Blütenduft und Meisenlied erscheint der junge Mai.

Sandmann

Read more

Created Montag, 05. Januar 2015 Tags Absurdistan | Alltag im W210 | Apfelbaum | baum | Dachlast | Mercedes S210 | T-Modell | transport Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
22 Dec 2014
Zu den Favoriten hinzufügen   Jens Tanz  

Nur ein Garagentor

Nur ein Garagentor

Und wieder eine Zeitmaschine

Ein trüber Sonntag. Nicht ausgeschlafen, aber nach Kneipp Badesalzen duftend blinzel ich leicht melancholisch in genau diesen trüben Sonntag. Aus genau dem Fenster, in dem sitzend ich gestern Abend noch über leere Städte sinnierte. Heute geht es wirklich schon wieder zurück in die Gegenwart? Ja. Offensichtlich, aber es geht in Richtung Weihnachten. Und heute sollen wir noch ein paar Tiere sehen. Eine Ente, einen Löwen, ein Krokodil, eine Eule, ein Nashorn und eine Möwe. Und einen Hund. Leider keine Giraffe und keinen Marienkäfer. Nein, ich bin weder verwirrt noch betrunken noch ein metaphorisch textender Künstler. Wenn Sie wollen nehme ich Sie mit in den dritten und letzten Tag der kleinen Weihnachtsreise 2014 und erkläre Ihnen das mal :-)

Ein guter Tag….. beginnt… mit….. ich merke beim Schreiben, dass ich diesen Satz schon 42 mal benutzt habe :-) Aber wir frühstücken trotzdem gut.

Nur ein Garagentor

Die wichtigste Mahlzeit des Tages

Es fühlt sich komisch an, jetzt hier und heute zu frühstücken. Die Information, dass wir so ziemlich die wirklich allerletzten Gäste des Hotels Stadt Hamburg sind (bevor sich die Tore schließen) gibt dem Essen einen schalen Beigeschmack. Dabei ist doch alles so lecker. Der Kaffee ist heiß und duftig, die Brötchen frisch und knackig und die Eier innen noch ein gaaaanz kleines bisschen weich. Die Kühltruhen brummen zufrieden vor sich hin, hinter den kleinen Fenstern heben sich die Dächer von Uelzen vor dem grauen Himmel ab. Es ist alles so wie es sein soll, aber eben zum letzten Mal. Na gut. Darüber haben Sie ja schon in den Kommentaren der letzten Geschichte ausführlich philosophiert, das Leben geht weiter, und es wird Gründe geben, warum dieses Hotel schließt. Ich kann sie nicht erahnen. Ich finde es einfach nur sehr schade und werde andere Übernachtungsmöglichkeiten an den Schauplätzen meiner Kindheit ausloten müssen. Es ist noch recht früh, und mein gar nicht mehr so kleines Töchterchen und ich werden gleich noch mal eine kleine Runde durch die kleine Stadt stapfen. Frische Luft, wach werden, und Papa kann noch ein paar alte Geschichten rauskramen.

Nur ein Garagentor

Eine Stadt unter Wasser

Zwei Sachen sind für mich noch offen, bevor ich den alten Audi heute Mittag wieder in Richtung Norden lenken werde. Einmal über die “Nagelbrücke” beim Stadtpark laufen… und irgendwie… geht mir das Garagentor meines alten Mathelehrers nicht mehr aus dem Kopf. Na schauen wir mal. Der Audi steht dankenswerterweise immer noch direkt vor der Hoteltür in der wieder komplett entvölkerten Innenstadt von Uelzen. Und ich glaube nicht, dass die Leute alle nur demütig in irgendwelchen Kirchen verschwunden sind ;-)
Spazieren gehen. Ein schöner Begriff. Spazieren gehen bedeutet, einen Weg zurück zu legen. Nicht mit dem Ziel, möglichst schnell irgendwo anzukommen, sondern des Gehens wegen. Die frische Luft einatmen, Zeit haben und sich auf Ereignisse freuen, die danach kommen. Spazieren gehen. Großartig. Wir sind früher viel spazieren gegangen, und mindestens der Sonntagsspaziergang wurde immer sehr ausgedehnt. Opa hat eine Handelsgold Zigarre geraucht, ich habe wie ein Wasserfall die zuletzt gelesenen Micky Maus Geschichten meinen vermutlich gar nicht zuhörenden Eltern erzählt. Die waren nämlich grad damit beschäftigt, ihre Ehe aufzulösen. Im Dezember führten die spazieren gegangenen Runden gern mal in die Stadt, Schaufenster gucken. Der Weg ging über eben jene flache Fußgängerbrücke, die den Stadtpark überspannt. Ihre Bohlen waren mit rundköpfigen Nägeln oder Bolzen im Stahlgerüst verankert, und als ich alt genug war wollte ich die alle zählen. Alle Nägel auf meiner Nagelbrücke. Und ich habe mich auf den Abend gefreut, gemeinsam am Tisch sitzen, vielleicht noch Rommée spielen.

Nur ein Garagentor

Die Nagelbrücke.

Ich glaube, dass die Brücke eigentlich anders heißt. Und die dicken Rundkopfbolzen sind durch Torxschrauben ersetzt worden. Ich atme tief durch und bilde mir ein, dass es genau so riecht wie 1980. Und dass es nur hier in Uelzen so riecht. Mein Töchterchen philosophiert derweil über Häuser und Wohnungen, warum man in einer Kleinstadt gut leben könne und warum nicht auf dem Land. Was es wohl koste und wo sie später mal studieren möchte. All dies sind Gedanken einer 14jährigen, die mich ein bisschen beeindrucken. Mit 14 habe ich selbst mich damals gefragt, was ich wohl zu Weihnachten bekommen werde, wie ich an diese coolen Schmutzfänger für Fahrräder rankomme, was im nächste YPS drin sein wird und was wohl aus Iris Tanz geworden ist. Wegen Immobilien und Zukunftsaussichten bemühte ich keine einzige Synapse. Vielleicht war das ganz gut so, vielleicht hatte ich als Kind in diesen Zeiten schon genug Gewichte auf den Schultern. Ich weiß es nicht. Ich weiß auch 30 Jahre später nicht, was aus Iris Tanz geworden ist. Den Rest konnte ich klären.
Papa und Tochter gehen spazieren und biegen ab in Richtung Ratsteich. Hier auf dem kleinen Stück Asphalt habe ich damals meinen ferngesteuerten Mazda RX7 mit Klappscheinwerfern zum ersten mal ausgepackt und gefahren, weil ich nicht bis zu Hause warten konnte. Dinge, auf die ich mich gefreut habe. Am Ratsteich selbst habe ich mit Opa am Wochenende Enten gefüttert. Mit hartem, trockenem Mischbrot, was ich auch selbst eigentlich ziemlich lecker fand. Wenn man das heute macht hat man sofort eine Klage vom Tierschutzverband am Hals.

Nur ein Garagentor

Hallo und tschüß. Bis zum nächsten Jahr.

Irgendwie mag ich es ja hier. Ich bin ganz froh, nicht mehr in Niedersachsen zu wohnen, aber ich komme immer wieder gern hier her. Uelzen hat gerade so eine Größe, dass man den Überblick behalten kann. Überblick bekommt einen ziemlich großen Stellenwert für den jungen Mann ab 40. Wer schon mal in Berlin gelebt hat weiß, dass eine Stadt einen auch fressen kann. Das wird hier vermutlich nicht passieren. Im Frühling komme ich noch mal wieder, ich habe noch ein paar Ecken offen, die ich gerne anschauen möchte. Das mache ich dann am besten mal alleine, zu viel “Geschichten aus dem Krieg” will ich meinem sehr geduldigen Töchterchen auch nicht zumuten. Die klagt inzwischen über kalte Füße, weil sie ihre Socken so tief in den Koffer im Kofferraum gepackt hat, dass sie jetzt nicht mehr rangekommen und barfuß in ihren Stiefeln losgelaufen ist. Ach Kind. Ich kann ja grundsätzlich nur mit Ringelsocken dienen, aber selbst die nimmt sie dankend an. Okay. Dann sind wir heute wohl mal Socken-Homies :-) Während sie sich die frischen Ringels hinterm Kofferraum wie bei einem Drogengeschäft auf einem windigen Parkplatz aneignet atme ich noch einmal tief durch. Der Wind weht den Rauch aus dem Schornstein der Zuckerfabrik direkt hier her. Das -> ist meine Droge. Dieser Geruch tritt so viele Bilder los, dass ich hier ganz schnell weg muss.

Nur ein Garagentor

Der legendäre Sockentausch von 2014

Hatten wir nicht beschlossen, so wenig Dates wie möglich auf dieser kleinen Reise wahrzunehmen, um endlich mal zur Ruhe zu kommen? Ach komm, einer geht noch. Als ich gerade den Türgriff in der Hand habe ruft Markus an und lädt uns noch zu einem schnellen Kaffee in sein Häuschen ein, an dem seit einem Jahr gebaut wird. Neugierig, wie wir sind wollen wir uns das noch mal angucken, es liegt außerdem auf dem Weg rüber nach Oldenstadt (wo vielleicht noch dieses Garagentor mit den Tieren zu finden ist) und bei Kaffee kann ich ja nie nein sagen. Also hin da, zu meinem Patenkind, zu dem alten Freund aus Kindertagen und zu seiner lieben Frau Gemahlin. Der erste, der uns begrüßt ist im Gesicht ähnlich zugewachsen wir ich, am Rest des Körpers noch mehr und ziemlich quirlig drauf. Uiiiiiiiiii :-) ein kleiner Cocker Spaniel. Die Familie hat Nachwuchs bekommen! Und die Socken-Homies einen Fußwärmer vorm Kamin. Ich hasse Katzenbilder auf Facebook, aber generell bin ich ja dem maunzenden und bellenden Fellzeug gegenüber sehr offen.

Nur ein Garagentor

Nachwuchs bei Markus

Viel Bewegung. Das ging nicht besser, sorry. Aber es war eine gute Idee, nach dem Spaziergang hier noch ein bisschen Wärme und Kaffee zu tanken. Ich gucke mir immer so gern an, wie andere Leute wohnen. Ich finde das total spannend. Dabei geht es mir gar nicht um Vergleiche, ob was besser oder schlechter ist. Ich fühle mich nur so gern in die Lebensgeschichten der mich umgebenden Menschen ein, und ein Wohnzimmer ist ja mindestens ein Ausdruck für irgendwas. Wo für auch immer, ich bin ja kein Psychologe. Aber das Markus’sche und Tina’sche Wohnzimmer ist gemütlich, warm und sehr geschmackvoll eingerichtet. Doof, dass wir weiter müssen. Hier könnte ich das noch ein bisschen aushalten. Der Kaffee ist lecker, im Ofen brutzelt das Kasseler und verbreitet einen typisch leckeren Sonntagsgeruch (definitiv auch aus objektiver Sicht besser als die Abgase der Zuckerfabrik) und der quirlige kleine Hund zerlegt gewissenhaft das gesamte Interieur. Gniiihihi. Okay, aber eine kleine Aufgabe haben wir noch. Ein Garagentor finden. Hund versucht, das durch Fußraumbesetzung zu verhindern.

Nur ein Garagentor

Ob es hier einfach besser riecht als im Bora?

Und wieder ein Argument für ein altes Auto. Markus fährt Bora. Da scheint sich Wauwi nicht so wohl drin zu fühlen wie in dem alten Dottore. Vielleicht liegt das an den ganzen vielen verschiedenen Gerüchen in meiner alten Kiste? Hunde sind da ja noch viel sensibler als ein kleiner Sandmann. Hm. Mit Liebe oder sanfter Gewalt ist er da nicht rauszubekommen, wohl aber mit einem Leckerli. Sehr berechenbar, der Kleine. Ich mag ihn :-) Markus und ich, genau wie gestern Olaf und ich beschließen wieder einmal mehr, dass wir uns öfter sehen müssen. Weil es immer wieder so gut tut. Und zum ersten mal seit Jahren habe ich Hoffnung, dass es vielleicht sogar klappen könnte. Wir arbeiten daran.
*klick*
Sie erinnern sich? Irgendwo mitten drin im ersten Teilwollte ich noch ein bemaltes Garagentor angucken, habe mich aber zugunsten eines Gitarrenerwerbs dagegen entschieden, obwohl ich schon ganz in der Nähe war…  Schon wieder rollt das 37 Jahre alte Auto durch die noch viel älteren Straßen von Oldenstadt bei Uelzen. Hier hat er irgendwo gewohnt, Norbert, mein damaliger Mathelehrer. Mein Papa hat noch viele Jahre später zusammen mit ihm Volleyball gespielt. Ich erinnere mich an Spaziergänge in den Wald nebenan, auf deren Rückwegen wir immer an den beiden Garagentoren vorbei gelaufen sind. Weil da bunte Tiere drauf gemalt waren. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir eine Giraffe, die zu groß für das Tor war. Er hat sie trotzdem raufgemalt und den Kopf oben aus Pappmache aus dem Garagendach herausragen lassen. Großartig. Dann war da noch ein Krokodil, das fand ich immer komisch weil das auf dem Kopf stand. Und ein klitzekleiner Marienkäfer. Winzig klein, wie Marienkäfer nun mal so sind. Ich bin immer zum Tor hingelaufen und habe mir so lange die Nase dran plattgedrückt, bis ich den gefunden hatte. Ich will dieses Tor sehen. Gleichwohl ich mir nicht vorstellen kann, dass so etwas 30 oder 40 Jahre Bestand haben soll….
Doch. Hat es. Zumindest teilweise.

Nur ein Garagentor

Anders. Aber noch da.

Der Mann war googelbar, und auch wenn ich das alles hier völlig anders in Erinnerung hatte – ein Teil des Tores ist noch immer da :-) Nicht mehr das mit der Giraffe, das war wohl rechts. Und den Marienkäfer finde ich auch nicht mehr, ich will mir allerdings heute auch nicht so doll die Nase plattdrücken, wie ich das Ende der 70er gemacht habe. Die Nachbarn könnten nervös werden. *hach* Und fehlt inzwischen leider die Zeit, mal zu klingeln und zu fragen. Außerdem weiß ich auch gar nicht, ob man mir hier wohlgesonnen ist? Schließlich ist das alles schon über 30 Jahre her, und inzwischen ist eine Menge Wasser die Ilmenau runtergeflossen. Aber ich habe Norbert, meinen Mathelehrer und damaligen Freund meiner Eltern als lustigen, wortgewandten Mann in Erinnerung. Hm. Ich werde ihn heute Abend mal anrufen, unbedingt.
Ich verneige mich in Gedanken vor dem Krokodil, das noch immer oben am Garagendach hängt und noch immer irgendwie ein bisschen seltsam aussieht. Schon wieder springt mich ein komisches Gefühl an. Da spielt Dankbarkeit mit rein, Dankbarkeit dafür, dass ein paar Konstanten aus der Vergangenheit noch immer Bestand haben, während das Leben unaufhaltsam und hektisch weitergeht. Und dann ist da noch die Erkenntnis, unvermeidbar älter zu werden. Bisher sind doch immer nur die anderen älter geworden, und ich nicht? Na ja, vielleicht ein ganz kleines bisschen. Aber wenn nur ich als einziger nicht älter werde, warum verschwinden dann nach und nach die letzten Zeugen meiner Kindheit? Darüber muss ich mal nachdenken. Dieses Garagentor steht für mich symbolisch für eine ganze Reihe von Erkenntnissen. Es ist noch da, aber anders. Es geht immer weiter. Und jetzt ruft die Autobahn, der Roadmovie geht in die letzte Runde.

Nur ein Garagentor

Heimwärts Highways

So ein altes Auto kann ja auch eine Konstante sein. Und haben Sie keine Sorge – das geht jetzt hier im neuen Jahr nicht permanent melancholisch weiter ;-) Es ist diese Zeit um Weihnachten rum, es ist diese Stadt und meine Kindheit – und es sind die vergangenen drei Jahre, die mir viele viele Gedanken durch den Kopf treiben. An einigen lasse ich Sie teilhaben und glaube, hier und da verstanden zu werden. Die anderen behalte ich für mich. Manchmal verpacke ich sie in Lieder. Aber wer bekommt die denn schon zu hören…
Wir schmurgeln mit dem frisch überholten 2-Liter-Vierzylinder über die Autobahn zwischen Lüneburg und Hamburg. Keine Neuwagentester, keine wohlhabenden Lifestyle-Reisenden auf einer gesponserten Fototour zu den It-Places der Republik und keine gut bezahlten Journalisten, die hochpreisige Design-Ikonen in Richtung Werbeagentur chauffieren. Nur ein Papa und seine Tochter in einem alten Audi 100, der keine 1000 Euro mehr wert ist. Innen blau und braun, außen silber mit schwarzem Vinyldach. Niemand bezahlt uns Geld für unsere kleine Reise, vielleicht macht das es gerade für mich einfacher, meine Gedanken runterzuschreiben. Weil ich niemandem Rechenschaft schuldig bin und kein adleräugiges Lektorat die Wörter kürzt. Krass, womit ich Sie und euch hier zutexte, als mir das klar wird bekommt mein Blick so einen leicht irres, aber zufriedenes Leuchten…

Nur ein Garagentor

Badezeit vorbei, ab in Richtung Weihnachten

Socken-Homies auf dem Heimweg nach Weihnachten. Ein jeder in seine Stadt. Meine beiden hübschen großen Töchter fahren in diesem Jahr mit ihrer Mutter und dem Hund nach Dänemark und strecken die Füße hoffentlich vor einem gemütlichen Kaminfeuer aus. Also wird es auf der deutschen Seite der Grenze ein klassisches kleines Weihnachtsfest mit meinem halbfinnischen Fräulein Altona und dem viertelfinnischen Sandmädchen in Kiel. Der kleine Frosch wird in diesem Jahr zum ersten mal verstehen, dass irgendwas besonderes stattfindet. Mit einem Baum und Lichtern drauf, mit einem Krippenspiel in der Kirche und kleinen, bespielbaren Geschenken am Abend. Ihre Augen werden leuchten, und sie wird Mama und Papa mit Urvertrauen angucken und später glücklich einschlafen. Genau das… werden wir als ihre Eltern nicht verkacken. Und wenn sie selbst eines Tages vielleicht zu den Plätzen ihrer Kindheit zurück fahren wird, dann hoffentlich weil sie sich gern an die Zeit zurück erinnert und die Gedanken sie mit einem wohligen Gefühl der Geborgenheit erfüllen. Und nicht, weil sie versucht, durch solche Reisen etwas wiederzufinden. Etwas, was man nirgends mehr entdecken wird, weil es schon vor Jahrzehnten für immer verloren gegangen ist.

Sandmann

Read more

17 Dec 2014
Zu den Favoriten hinzufügen   Jens Tanz  

Abgesang an ein Licht

Nie wieder so hell

Nie wieder so hell

Haben Sie schon einmal nach oben geguckt und in dem Moment gefühlt, dass alles gut wird? Weil es da oben immer weiter geht, angeblich endlos? Oder weil da oben Engel sind? Oder einfach nur, weil da oben nicht viel ist, über das man traurig sein könnte? Die Dunkelheit über Uelzen, dieser alten, für die meisten Menschen auf diesem Planeten relativ bedeutungslosen Stadt im Schatten der Zuckerfabrik wird im Dezember erhellt durch lange Lichterketten. Seit ich denken kann. Der Abend mitten in meiner Kindheit, an der Seite meines großen Töchterchens, beginnt genau so. Ich gucke nach oben und fühle, dass alles gut werden wird. Weil es weiter geht, weil wir Engel sehen werden und weil Traurigkeit vielleicht auch einfach dazu gehört. Der Audi 100 ist geparkt. Wir suchen das Licht, die Engel, Freunde und noch ein paar andere Sachen. Vieles davon finden wir. Einiges zum allerletzten Mal.

Ich mag ja gelb. Und ganz besonders gelbes Licht.

Abgesang an ein Licht

das könnte ich heute noch oft knipsen…

Der Dottore LS hat französisches gelbes Abblendlicht. Besonders scharfe Konturen im Nebel, weniger Ermüdung der Augen bei Nacht. Leider auch ein bisschen funzeliger im Dunkeln, was auf dem Hinweg bei strömendem Regen (Sie erinnern sich?) nicht immer für Klarheit darüber gesorgt hat, ob man sich denn überhaupt noch auf der Straße befindet oder schon den Acker umpflügt. Aber irgendwas ist ja immer. Ich mag es trotzdem. Es harmoniert wundervoll mit den gelb/orange schimmernden Gaslaternen in der Uelzener Innenstadt und dem warmen, gelb/weißen Licht der Weihnachtsbeleuchtung. Da haben die Städteplaner einmal Herz und Geschmack bewiesen, vor allem bei der Entscheidung, die uralten stromfressenden Weihnachtslämpchen nicht durch kalte, seelenlose LEDs zu ersetzen. Auch unser Hotel ist weihnachtlich-warm erleuchtet, aus dem Restaurant unten drin duftet es nach Pizza und Gebratenem, und fröhliche Stimmen und Geschirrgeklapper dringen auf die Straße. 200 Meter weiter links, auf der Kreuzung, hören wir laute Aaaaaahs und Ooooohs. Hier sind erstaunlich viele Menschen versammelt, um dem Öffnen eines weiteren Türchens am Uelzener Adventskalender beizuwohnen.

Abgesang an ein Licht

plötzlich sind alle da!

Es ist für uns eine Zeit angekommen ♫ Jedes Fenster am frisch renovierten Rathaus ist ein Kalendertürchen, hinter jedem verbirgt sich ein kleines Kunstwerk und ein Märchen, das dann vorgelesen wird. Traditionell spielt vorher ein Horst Schulz auf seiner Trompete drei Weihnachtslieder in den stillen dunklen Abendhimmel. Verdammt. Ich komme nicht drumrum, das echt schön zu finden, und mich springt eine wundervolle Weihnachtsmelancholie an. Die vielen Menschen, der Duft von Glühwein und Burgunderschinkenbrötchen und die klassischen Lieder, die heute fast niemand mehr singt. Die aber Weihnachten zu genau dem machen, was Weihnachten bedeutete, als man noch ein Kind war. Wie machen das die Digital Natives von 2014 später mit ihren Kindern, geben die denen eine App mit Tannenzweigen und Touch-Screen Kerzen, die den Kleinen dann ab Level 24 einen youtube-Link auf “Last Christmas” von Wham einblendet? Genug gegrantelt. Ich sehe drei Engel, die in langen Gewändern mit nichts drunter zwei Leitern erklimmen. Ganz kurz fällt mir ein, wie ich in einem Sommer vor vielen Jahren nachts eine Leiter an das Fenster von Silke gestellt und dort vergessen habe – und am kommenden Morgen von ihrem Vater mit fünf Salven aus seiner Schrotflinte in den Kirschbaum über meinem Zelt geweckt wurde. Aber das ist eine andere Geschichte. Psssst. Ruhe jetzt.

Abgesang an ein Licht

So werden Heideköniginnen geboren

Es ist ein Ros’ entsprungen aus einer Wurzel zart. Die drei schönen Engel enthüllen das Märchen Hänsel und Gretel, symbolisiert durch ein Bild der Künstlerin Brigitte Jerosch-Dürfeldt. Das habe ich googeln müssen, denn die Ansprache und mögliche Notizen zum Geschehen gehen in unserem akuten Glühweinbedarf unter. In Tassen und Gläsern erwerbe ich mehr warme Substanzen als ich tragen kann, teils echt deftig eiweißhaltig und sahnig, teils auch für Anwesende unter 16 Jahren geeignet. Es ist wirklich voll auf dieser Kreuzung, das finde ich jedes Jahr wieder erstaunlich. Nicht, weil der Anlass es nicht wert gewesen wäre, sondern weil ich keinen Schimmer habe, wo alle diese Menschen den ganzen Tag über waren? Bis 16:00 Uhr war das hier noch eine Geisterstadt, trockene Büsche wehten durch die leeren Straßen und irgendwo spielte jemand auf einer Mundharmonika. Und jetzt stehen hier ein paar 100 große und kleine Menschen und hören zu, wie zwei kleine Kinder von einer unsympathischen weiblichen Person gegessen werden sollen. Prost.

Abgesang an ein Licht

Punschige Weihnacht mit und ohne

Die üblichen Verdächtigen. Später soll auch noch Markus mit Familie dazustoßen, dann sind wir wieder vollzählig. Und obwohl es so wundervolle Geschichten zu hören gibt, von den beiden Kindern, die sich im Wald verlaufen haben und an einem Pfefferkuchenhaus rumknabbern durften will neben dem Glühwein kein so richtiger Hunger auf Wurst oder Burgunderschinken aufkommen. Vielleicht hängt das auch mit den lange anhaltenden Nachwirkungen des niedersächsischen Pomm Döners aus dem ersten Teil zusammen. Ich persönlich bin in diesem Moment sehr glücklich darüber, dass mein bequemes Bett keine 200 Meter von hier steht und dass ich (glaube ich) auch noch vier Tüten duftende Badezusätze eingepackt habe. Meine Füße frieren ein wenig, wie in jedem Jahr stehen die warmen Winterstiefel frisch geputzt im Schuhschrank in Kiel. *burps* genug Glühwein, so langsam. Aber so ein kleiner Spieß mit Schoko-Erdbeeren geht eigentlich immer…

Abgesang an ein Licht

Abendessen kann auch mal anders ausfallen

Haben Sie damals in der Schulband Musik gemacht? Oder gar in einer Band außerhalb der Schule, mit der Sie dann manchmal im Jugendzentrum oder auf Schulfesten supercool aufgetreten sind? Ich wünsche jedem einzelnen, diese Erfahrungen gemacht zu haben. Zwischen Anerkennung mit singenden und applaudierenden Hundertschaften und Ignoranz mit leeren Säälen liegen nur wenige Schritte, und beides prägt irgendwie. Ich muss an meine Bandzeiten Ende der 80er denken. Gitarre und Gesang, dazu hatte wir einen Leadgitarristen (Freddy), einen Bassisten (Olaf, aber ein anderer Olaf), einen Keyboarder (Holmer) und einen Drummer (Sören). Ich glaube so richtig gut klang das nicht, aber es hat heftig Spaß gemacht und ab und an haben wirklich viele Menschen vor teils echt großen Bühnen mit uns gefeiert. Ich habe noch ein paar Tapes von den Konzerten. Vielleicht traue ich mich irgendwann, die mal wieder zu hören :-) Die Band neben der Eisbahn geht gut ab, die Damen und Herren sind noch alle minderjährig und haben einen ziemlich guten Groove. Einzig die Stimmen der Sängerinnen sind ein bisschen dünn, Dieter Bohlen hätte Grund zur Lästerei, aber wer ist Dieter Bohlen? Irgendwie bin ich beruhigt, dass es noch immer Teenager gibt, die Musik machen.

Abgesang an ein Licht

Ich erkenne mich wieder…

Das Offizium neigt sich dem Ende entgegen. Meine kalten Füße auch. Am Rand des diesmal recht kleinen Weihnachtsmarktes stehen seit den 60er Jahren der bronzene Kaufmann und der Uhlenköper und erzählen immer und immer wieder die Geschichte des nuschelnden Bauern, der in seinem Sack “Baarftgaans” (Barfußgänger) hatte und sie an einen klugen Kaufmann verschacherte, der nicht richtig hinhörte und glaubte, er würde teure “Barkhahns” (Birkhähne) erwerben. Die sich dann später als ungelogen barfuß gehende Eulen erwiesen, was der herbeigerufene Richter ziemlich lustig fand und den Bauern freisprach. Daraus ergaben sich einige Kollateralschäden. Den Uelzenern wird seit dem nachgesagt, sie würden gern Eulen kaufen, was ich bei dem reichhaltigen Angebot an allerlei Utensilien für vorwiegend ältere Menschen in den zumeist geschlossenen Geschäften heute nicht mehr nachvollziehen kann. Aber überall findet sich Eulengetier in Bild und Form, das wiederum ist süß, ich mag Eulen an sich ja lieber als Birkhähne. Und – die Münze.

Abgesang an ein Licht

Drei Wünsche frei? Einer reicht.

Mein Töchterchen und ich tun es tausenden von anderen Menschen gleich und reiben daran. Was ich erst eben gerade, als ich das Jahr der Errichtung des Denkmals im Netz nachschlug erfahren habe: Man muss mit der einen Hand die Münze reiben und mit der anderen ein wenig Kleingeld in der Tasche klimpern lassen. Das bedeutet immerwährenden Reichtum. Verdammt :roll: Warum erfahre ich das erst jetzt? Wir haben immer dran gerieben und uns dabei leise etwas gewünscht. War das falsch…? Äh… jedenfalls erklärt es, warum die Kohle in den letzten Jahren nie gereicht hat. Eine falsche Bedienung des Uhlenköperdenkmals war Schuld daran! Alles klar. Somit wäre dieses Rätsel auch gelöst, wenn ich das nächste mal in der Nähe bin habe ich klimperndes Kleingeld in der Tasche.

Abgesang an ein Licht

Da ist schon so viel gewünscht worden

All diese Bräuche, all diese Hoffnungen, all diese Sehnsüchte. Was die Menschen in den letzten 50 Jahren wohl alles beschäftigt hat, als sie an dieser Münze rieben? Sie war schon da und schon blank, als ich noch gar nicht geboren war. Sie war da, als meine eigene kleine Geschichte in dieser Stadt stattfand, ein kleines Leben mit Fröhlichkeit und Kummer, an das sich in ein paar Jahren niemand mehr erinnern wird. Sie war da, als ich wegzog und als ich erwachsen wurde. Tag und Nacht standen die beiden Männer vor der Kirche und tätigten dieses Geschäft mit den Eulen. Die Münze war da, als die Kaufhäuser schlossen, als die traditionsreichen Spielwarenläden vor der Macht des Internets kapitulierten und die Inhaber von Bekleidungsgeschäften keinen so gutes kaufmännisches Gespür bewiesen wie dieser schlaue Bauer. Und ihre Läden schlossen. Ein Licht nach dem anderen ging aus in dieser Stadt, und die blanke Kupfermünze war bei jedem dabei. Olaf erzählt, dass die hängende, warm-gelbe weihnachtliche Beleuchtung nun auch in die Jahre gekommen sei und zum letzten mal erstrahle. Sie werde ersetzt durch preiswertere, pflegeleichte LED-Sterne, die auf einer der drei kreuzenden Straßen schon zum Einsatz kommen. :shock: Was??

Abgesang an ein Licht

Ein letztes mal unter den Lichtern?

Eine weitere, schöne Erinnerung aus meiner Kindheit verschwindet also. Selbst mein Töchterchen, die ansonsten eigentlich auf alles Helle und Neue mit Glitzi und Blinki und LED steht sagt, dass doch aber genau DIESE Beleuchtung das Weihnachtsfest hier ausmache, denn nur hier sei die so. In keiner anderen Stadt haben wir jemals diese hängenden Tore aus Lichtern gesehen. Aber wer fragt uns schon? Die Stadt muss sparen, die Kosten für die Instandhaltung der antiken Lampen und ihre aufwändige Anbringung an den Fassaden verschlinge zu viel Geld, deshalb habe man eine Tombola ins Leben gerufen, mit deren Hilfe die neuen, hellen LED-Lichterketten finanziert werden sollen. Mannmannmann :-( Aus florierendem Einzelhandel werden Backshops und 1-Euro-Bazare, Kaufhäuser verfallen zu dunklen Ruinen und aus warmen, Trost spendenden Lichtermeeren wird ein kaltweißer Sternenkrampf. Die Münze des Uhlenköpers ist noch immer dabei. Tag und Nacht, Sommer wie Winter. Vielleicht sollten ein paar der Einheimischen öfter mal an ihr reiben und das nicht nur den Touristen überlassen.

Abgesang an ein Licht

Gute Nacht Freunde

In the Mood ♫ Heute Abend versacken die Freunde mal nicht weintrinkend auf den Ledersesseln im Hotelflur, heute fahren Olaf und Markus mit ihren Ladies brav nach Hause. Dieser Abend gehört meinem Töchterchen und mir, wir haben uns in den vergangenen Monaten aus verschiedenen Gründen zu wenig einander gewidmet. Die Aussicht auf ein großes Hotelzimmer, eine Badewanne, eine neue Gitarre und ein Laptop voller guter Filme schürt die Erwartung an einen entspannten Papa-Tochter Abend. Gleichwohl ich schon wieder denke, dass es schade ist, wenn wir alten Freunde uns immer nur vor Weihnachten sehen. Es gibt so viel zu erzählen, es gibt so viele verschiedene Lebensmodelle anzugucken und anzufühlen und es gibt so viele Erfahrungen und Geschichten auszutauschen – wenn ich es geschafft habe, die ungebetenen Dämonen endgültig aus meinem Leben zu vertreiben bleibt bestimmt auch wieder Zeit dafür, Freundschaften zu pflegen. Denn es tut sooooo gut….
Bevor Tochter & Papa auf dem Hotelzimmer versacken will ich noch eine weitere Nachricht, die im Zusammenhang mit dem Lichtwechsel am Uelzener Weihnachtshimmel an mich rangetragen wurde, bestätigt sehen. Tatsächlich. Chocolata ist nicht mehr. Noch ein alteingesessenes Geschäft weniger, und dazu noch eins, wie es schöner nicht sein konnte. Randvoll mit Süßigkeiten, Schokolade und Naschkrams.

Abgesang an ein Licht

Wieder eins weniger

Die gute Nachricht hinter der schlechten Nachricht: Doch, die sind noch da, gleich um die Ecke sogar, nur ein bisschen kleiner :-) Gottseidank. Trotzdem ist für mich eine weitere immer dagewesene Konstante weggebrochen. Hier habe ich schon als Teenager heftig schäumendes Brausepulver und Schokoladenautos in rauen Mengen gekauft. Hm. Was kommt heute noch? Auf dem Bild habe ich das alte, hell beleuchtete Schaufenster schemenhaft in die dunkle, abgeklebte Realität reingeschummelt. Wie bunt und schön es mal aussah sehen Sie als Aufmacherbild HIER in einer vergangenen Uelzengeschichte. Okay. Ich finde es reicht. Genug schließende Dinge für heute, genug neu gestaltete Beleuchtungen, ich will jetzt endlich in die Badewanne. Im Hier und Jetzt, mit Badesalzen von 2014 und einem Glas Rotwein, das nicht älter als ein oder zwei Jahre ist. Ab in den ersten Stock, Zimmer zur Straße.

Abgesang an ein Licht

Erhabene Stufen in den ersten Stock

Es wurde nicht ganz ohne Erfolg renoviert, das Hotel Stadt Hamburg. Es heißt nun auch COMFORT Hotel Stadt Hamburg. Die Bewertungen im Internet bemängeln vor allem die alten Badezimmer und loben vor allem die kostenlose Mineralwasser-Flatrate. Ich bin extrem anspruchslos, was Hotelzimmer betrifft. Wenn sie sauber sind und das Bett bequem ist bin ich zufrieden. Umso mehr überrascht es mich, wenn ein Zimmer wie hier nicht nur geräumig ist und hohe Decken hat, sondern auch durchaus geschmackvoll farblich kombiniert und eingerichtet ist. Warme, gedeckte Farben, endlich mal keine Wände in Abricot Wischtechnik und Sessel in blauem Post-90er DDR-Wiederaufbau-Muster. Braun, grau, weiß und ein einzelnes Bild mit einer Rose. Mag ich. Töchterchens Gitarre liegt auf dem Bett, als wenn sich Justin Currie hier grad vor einem Auftritt entspannt hätte. Ach nee, der spielt glaube ich Bass…. egal.

Abgesang an ein Licht

Erstaunlich geschmackvoll

Die bewertenden Gäste hatten Recht – das Badezimmer ist alt. Na und? Es hat eine große Badewanne und einen Wasserhahn, aus dem rauschende Mengen an wirklich sehr heißem Wasser rauskommen. Ich bade für mein Leben gern. Eine Badewanne ist für mich der kleine Luxus am Ende eines langen Tages, der Beginn eines langen Wochenendes oder der Triumph über die ersten 12 Jahre meines Lebens, in denen es keine Badewanne gab. Ich badete als Kind in der Duschwanne mit Stöpsel drin, das war okay und auch schön warm und schaumig, aber irgendwann einfach zu klein und zu flach. Ich kippe Lavendel und andere Kneipp Salze in den Bottich mit langsam steigendem Pegel und bin ein bisschen belustigt über die erstaunliche Schaumbildung des Gebräus. Super :-D Das Wasser ist SO heiß, dass ich noch reichlich kaltes nachlassen muss, und als ich mich seufzend und quiekend reinlege steigt der Wasserspiegel fast bis zum Rand. Was für ein einfacher, aber sehr wirksamer Wohlstand. Ich beginne, die alten Römer zu verstehen und nippe an einem viele 1000 Jahre alten Getränk, aus Ermangelung eines Glases nur in einem Zahnputzbecher dekantiert. Aber alles ist besser, als Wein aus der Flasche zu trinken.

Abgesang an ein Licht

Die Wanne ist voll!

Haben Sie schon einmal…… Nein, haben Sie nicht. Immer diese Fragen. Selbstverständlich haben Sie noch nie in einer kochend heißen Badewanne mit viel Schaum in einem alten Hotel in Uelzen gelegen und Wein getrunken, während Ihre Tochter nebenan auf ihrer neuen Gitarre “Glycerine” von Bush gespielt und gesungen hat, oder? Es sind diese kleinen Momente, bei denen man sich wünscht, sie mögen niemals vorbei sein.
Der Tag war schön. Der Abend war schön, die Musik, der Film, jede einzelne Minute war die kleine Reise wert. Mein Töchterchen schläft inzwischen auf ihrer Seite des riesigen Doppelbetts zufrieden und voller Urvertrauen in die Menschen, die für sie da sind. Bis sie irgendwann selbst für sich verantwortlich ist und das Leben nach und nach seine Stolpersteine wirft und seine Fallen aufstellt. Und alles, ALLES lässt sich irgendwie ertragen. Ich sitze in dem offenen Doppelfenster zur Straße und lasse die kalte Dezemberluft ins Zimmer. Die Stadt ist ebenfalls schlafen gegangen. Es ist kein einziger Mensch mehr draußen, nur der Uhlenköper und der Bauer tauschen neben der Kirche ihre ewige Münze. An der man so schön reiben kann. Die Glocken der Marienkirche bimmeln jede Viertelstunde leise und jede volle Stunde etwas lauter, so wie sie das schon immer gemacht haben.

Abgesang an ein Licht

Zimmer mit Aussicht

Heute Abend bin ich mit mir und der Welt da draußen im Reinen.
Was schon irgendwie erstaunt, denn die freundliche Dame an der Rezeption sagte vorhin ein paar Sätze, die zwar nahtlos in den Gang der Dinge passen, die aber eigentlich wieder einmal traurig stimmen müssten. Das altehrwürdige Hotel Stadt Hamburg mit seinen schönen modernisierten Zimmern, seiner Mineralwasserflatrate und seinen großen Badewannen schließt überraschend in ein paar Tagen. Endgültig. Wir sind quasi die letzten Gäste. Ich könnte jetzt erneut voller Pathos anfangen, die alte “alles ist vorbei” Platte aufzulegen und episch meine Traurigkeit darüber ausdrücken, dass gute alte Institutionen “von damals” verblassen und verschwinden. Weil sie unwirtschaftlich geworden sind, weil sie zu viel Strom verbrauchen oder was auch immer. Aber ich bin müde. Müde von einem schönen, realen Tag mit tatsächlich existierenden Freunden. Aber auch müde von der Oberflächlichkeit dieser Tage, von Geiz-ist-geil und von der Virtualisierung des Miteinander. Vorhin habe ich nach oben geguckt und gefühlt, dass alles gut wird. Der malzige Duft der Zuckerfabrik weht rüber.

Abgesang an ein Licht

Gute Nacht Uelzen.

Die Lichterstäbe der alten Weihnachtsbeleuchtung tauchen die Straße in ein warmes, beruhigendes Licht. Gott bin ich froh, dass ich kein Los bei dieser Tombola gekauft habe! Gegenüber blinzelt tot und dunkel der verglaste Dreigiebel der Kaufhalle, ehemals ein brummender und heller Konsumtempel. Krass, hier geht so viel den Bach runter. Aber es kommt immer etwas Neues, manchmal ist das billig und erneut zum Scheitern verurteilt, manchmal ist das auch eine Chance. Meine Tochter fragte sich (und mich) kurz vorm Einschlafen, wie wohl in 20 Jahren die Innenstädte aussehen werden. Ob es da noch Geschäfte gebe, oder ob dann alles anders sei. Wissen Sie was? Ich habe keine Ahnung. Aber ich habe ein kleines Stück meiner eigenen Vergangenheit noch einmal erleben dürfen, bevor es für immer zu den Akten gelegt und vergessen wird. Ich habe Engel gesehen und an einer Münze gerieben. Ich habe Freunde getroffen und gute, handgemachte Musik gehört. Ich habe gebadet und wertvolle Zeit mit meiner Tochter verbracht.
Und morgen ist ein neuer Tag!

Sandmann

[Im Feed kann dieses Video nicht angezeigt werden.Klicke zum Blogeintrag um das Video anzusehen.]

Read more

15 Dec 2014
Zu den Favoriten hinzufügen [1 Benutzer]   Jens Tanz  

Gitarren und Eulen

Gitarren und Eulen

Nicht schön – aber Heimat

Was wollen wir eigentlich in diesem Nest?
Wenige Geschichten und Legenden ranken sich um die Stadt Uelzen in der Lüneburger Heide. Schlagwörter wie Barftgaans oder Hundertwasser ziehen durch die Tageszeitungen und überpinseln bunt die graue Wahrheit einer überalterten Stadt, an der die Zeit vorbeigezogen ist. Die City entvölkert sich, kleine Geschäfte singen den Blues der schönen Nachbarin Lüneburg und sterben einsam mit dunklen, leeren Schaufenstern. Ich bin hier aufgewachsen. Der malzige Geruch der potthässlichen Zuckerfabrik hat die ersten 12 Jahre meines Lebens geprägt. Heute fahren mein Töchterchen und ich zurück in die strukturschwache Flächenregion, denn es ist bald Weihnachten. Und man mag von Uelzen halten was man will – es hat für mich den Zauber der Kindheit, und hier wohnen ein paar Menschen mit sehr großen Herzen. Außerdem gibt’s im Dezember abends um 18:00 Uhr immer leicht bekleidete junge Engel zu sehen. Und ein Hotelzimmer mit Badewanne. Kommen Sie mit?

So eine Reise will akustisch gut vorbereitet sein ♫

Gitarren und Eulen

Start und Aufnahme gleichzeitig drücken.

Vorbereiten bedeutet in diesem Jahr, bei Saturn den armen TECH-NICK total zu überfordern und nach seinem Zusammenbruch zwei Maxell Kassetten zu kaufen. Analoge Audiotapes. Ja, die gibt es noch immer, ich hab mich auch gewundert, und Nick als vollbärtiger Digital Native hat in seiner Welt wieder was dazu gelernt. Am Vorabend des Wochenendes sitze ich auf dem Fußboden in meinem Wohnzimmer und nehme mal wieder Tapes auf. Wie lange ist das her? Wann haben SIE ihre letzte Kassette aufgenommen? 1995? Großartig. Und es geht natürlich noch immer so wie früher, das Band ein bisschen vordrehen, die Lautstärke auspegeln und dann REC und PLAY gleichzeitig drücken. Dann hat man 45 Minuten Freizeit, bis die andere Seite dran ist. So viel Zeit muss sein. Wenn Sie mich nun für bescheuert halten, liegen Sie vermutlich richtig, aber im alten silbernen Audi steckt noch ein Blaupunkt Freiburg SQM 26. Mit einem Kassettenteil und einem Radio ohne RDS. Was soll’s, da bietet es sich doch an, ein paar Tapes zu hören, wer will sich denn freiwillig länger als 10 Minuten NDR 1 Niedersachsen ausgesetzt wissen? Zufällig hat mein Töchterchen neulich beim Tanzen “Moskau Moskau” in die Ohren geblasen bekommen und fand das echt lustig. Okay. Ich nehme also das “ROM” Album von Dschinghis Khan auf. Und auf die Rückseite TRUCK STOP - Nicht zu bremsen. Auf Tape Nummer zwei kommen meine amerikanischen Lieblingsweihnachtslieder und ein Album von Francis Cabrel. Jetzt kann es glaube ich losgehen.

Gitarren und Eulen

Vollmachen, Heizung an und ab vom Hof

Das Wetter war noch bei keiner unserer Dezembertouren so schlecht!
Es regnet junge Hunde und Hamster (zu den jungen Hunden kehren wir thematisch in Teil 3 nochmal zurück, erinnern Sie mich bitte dran) und ich möchte gern mal dem Petrus die Meinung geigen. Vielleicht finden wir ihn ja wieder lattenstramm auf dem Weihnachtsmarkt, sollten wir da heute jemals ankommen. Eigentlich stehen die Zeichen gut, der alte Audi ist durchrepariert, hat eine neue Starterbatterie und – Fanfare bitte – nagelneue Bridgestone Winterreifen drunter. So gut ausgestattet waren wir auf dieser traditionellen Reise noch nie :-) Wenn Sie mal nachlesen wollen,
2012 war’s recht schneereich und
2013 ziemlich emotional, aber ohne Schnee. Dafür mit Poesiealben :-)
2014 habe ich für die erste Nacht um Asyl bei meinem Freund Olaf und seiner Familie gebeten und für die zweite Nacht wieder ein Zimmer im alten Hotel Stadt Hamburg gebucht, weil die da Badewannen haben. Doch von Wasser sprechen wir lieber ein andermal, allein beim Tanken am späten Freitag Nachmittag werde ich nass bis auf die Knochen, was zwar nervt, aber die gute Laune nicht trübt. Dafür sorgen die aktuellen Benzinpreise.

Gitarren und Eulen

Preise wie damals noch

Sprit ist immer noch viel VIEL teurer als in meinen automobilen Anfangstagen (da hat Super ‘ne Mark gekostet, und das ist noch gar nicht soooo lange her), aber er war schon lange nicht mehr so preiswert wie heute. Um 1,30€ der Liter Super? Geil. Ich pumpe den Tank vom Dottore randvoll, puschel dann noch unsere Bettdecken auf den Rücksitz (das ist so eine Marotte von uns, wir nehmen immer unsere eigenen Bettdecken mit, wenn wir bei Freunden übernachten) und lade das schöne, junge Fräulein ein, was sich meine Tochter nennt. Die Mittlere. Sie kennen diese Verwandtschaftsverhältnisse ja inzwischen fast besser als ich. Ursprünglich hatte ich noch ein bisschen Platz im Kofferraum gelassen, weil ich der Dame eine eigene Gitarre in Uelzen kaufen wollte. Das hat sich leider erledigt, der zuvor gegoogelte Gitarrenladen ist einer von den Sterbenden mit dem dunklen Schaufenster. Der befindet sich jetzt in Lüneburg. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass wir auch ohne Musikinstrument klarkommen, es wäre das erste mal, dass Langeweile aufkäme.

Gitarren und Eulen

Freitags sind die beiden immer ein bisschen…. crazy

Der Weg ist am Ziel, oder so ähnlich, Sie kennen das ja… Allerdings habe ich diesmal aus mehreren Gründen unterwegs die Kamera schweigen lassen. Das Wetter ist einfach zu schlecht, da will man den angenehm warmen neckarsulmer Technologieträger nicht öfter verlassen als unbedingt nötig. Außerdem läuft der große Vierzylinder dermaßen sauber und rund, dass ich gar nicht aufhören kann, den Moment zu genießen. Auch wenn er über zwei Stunden andauert, dieser Moment. Seit ich gelesen habe, dass der Orgasmus von Schweinen bis zu einer halben Stunde dauern kann habe ich kein schlechtes Gewissen, wenn ich mal zwei Stunden am Stück beseelt lächel, weil mein altes Auto so gut fährt :-)
Und dann ist da ja auch noch mein Teenager-Töchterchen, was ich eine Woche lang nicht gesehen habe. Eine Woche bei Familie Sandmann ist eine halbe Ewigkeit, Sie können sich gar nicht vorstellen, was in einer Woche zwischen Hamburg und Kiel alles passiert. Und das will mitgeteilt werden! Trotz noch nicht ganz abgeklungener Heiserkeit erzählt sie und erzählt und erzählt, sie erzählt so viel dass die Scheiben beschlagen. Im Hintergrund singen Dschinghis Khan ihre von Ralph Siegel produzierten Disco-Schlager der frühen 80er und ich höre zu. Meiner Tochter, nicht den verkleideten Quartett mit Schnurrbart und Engelslocken. Denen zolle ich auf diesem Weg heimlich mein Tribut, weil nämlich Tiffy heute Geburtstag hat. Tiffy? Ja, Tiffy. Wenn Sie damit nichts anfangen können schauen Sie mal auf ihrer Hochzeit rein *klick* - das Bild mitten drin…… Der alte Partykeller….. genau da haben wir an ihrem Geburtstag genau dieses Album gehört. Heute vor… äh… vor 32 Jahren :-( Ohgottogott. Ist das lange her. Ich höre weiter meiner Tochter zu und stelle fest, dass die Sorgen und Gedanken einer 14jährigen heute ein wenig erwachsener strukturiert sind als meine eigene kleine Welt 1982. Zeiten ändern sich. Aber sie hat wenigstens einen Papa, der ihr zuhört, meiner war damals irgendwie immer woanders.

Gitarren und Eulen

Männer mit ihren Kindern

Da sind wir wieder, Westerweyhe bei Uelzen, unter dem Fernsehturm.
Olaf – mit Tochter.
Markus – mit Sohn.
Sandmann – mit Tochter.
Fällt Ihnen was auf? Jahaaa ich hab ein bisschen früher angefangen als meine beiden besten Freunde aus Kindertagen :-) Und ich seh ein kleines bisschen fertiger aus als die beiden. Auch sonst eint uns drei Freunde nach außen eigentlich wenig, ich arbeite nicht in der Sparkasse und ich wohne auch nicht mehr in Uelzen. Ich bin auch nicht mehr verheiratet, wohne nicht in einem Haus… ach egal. Es ist eine gemeinsame Vergangenheit (die unter anderem in Tiffys Partykeller stattgefunden hat), die uns dreien einen guten Abend/einen guten Morgen mit vielen Erzählungen und Fotos beschert. Es gibt da außerdem noch so eine Geschichte mit einem warmen, im Auto gut durchgeschüttelten roten alkoholfreien Sekt und einem Wohnzimmer mit einer weißen Decke und zimtfarbenen Wänden, aber die lasse ich jetzt lieber weg. Tandaradei ♫
Olaf erklärt uns noch auf einer Karte (liebe Kinder, das ist so ein gefaltetes Blatt Papier, auf dem ganz viele Straßen und Wohngebiete eingezeichnet sind), wie wir gleich wieder aus dem Neubaugebiet rauskommen, obwohl der neue Abschnitt der Umgehungsstraße noch nirgendwo kartographiert wurde. Das macht Sinn. Mein Töchterchen und mich ruft ein kleiner Schnippsel Vergangenheit und eine Einkaufsrunde durch das menschenleere Uelzen. Oh ja!

Gitarren und Eulen

Navigation im Neubaugebiet

Ich komm’ immer viel rum hier. Heute liegt das vor allem daran, dass ich Olafs Ausführungen mit dem Stadtplan überhaupt nicht zugehört habe, weil ich fest davon überzeugt war, als Eingeborener den Weg auch so finden zu können. Schade. Wir haben eine Menge Benzin in mir völlig unbekannten Gegenden verfahren, ich habe interessante Neubaugebiete entdeckt, die ich nicht mal von der Himmelsrichtung her dem Landkreis zuordnen kann und bin durch Wälder gefahren, die noch nie zuvor ein Mensch betreten hat. Irgendwann, es ist schon später Nachmittag und ich habe ziellos umherirrend bereits drei mal vollgetankt, kommen wir an einer Sparkasse raus, an der wir nach Olafs Worten rechts abbiegen sollen. Ich mache das. Und erkenne endlich die Straßen wieder, in denen ich als kleiner Junge schon meine Runden mit dem Fahrrad gedreht habe. Ich erinnere mich an futuristische, kugelförmige Straßenlaternen zwischen alten Fachwerkhäusern und eingeschossigen Plattenbauten. Oldenstadt heißt dieser Teil von Uelzen, und der Elbe-Seitenkanal trennt diese Häuseransammlung seit 1976 in Oldenstadt und Oldenstadt West. Ich bin im Westen aufgewachsen, Olaf und Markus im Osten, auf der anderen Seite des Kanals.

Gitarren und Eulen

Auch da kennt man leider Bewohner.

Auf der anderen Seite des Kanals war auch der flache kleine Kaufmannsladen, in dem ich wöchentlich meine Micky Maus und später mein Yps kaufte. Da gab’s auch Plastikmodellbausätze von Airfix, Süßigkeiten und Gardinen. Mein langer Weg zu Heers glich jede Woche einer kleinen Pilgerreise, denn manchmal war das YPS Heft noch nicht ausgeliefert worden und ich musste ohne Beute wieder nach Hause radeln. Ich kann mein Töchterchen dazu bewegen, diese eine Geschichte noch einmal nachzuerleben. Ich will sie nicht mit zu vielen Kleinteilen aus meiner verschütteten Kindheit beballern… “Vati erzählt wieder Geschichten aus dem Krieg” sagt mein halbfinnisches Fräulein Altona dann immer ;-) Aber ohne eine klitzekleine Dosis Vergangenheit geht es nicht in Uelzen, und mit Aussicht auf shoppen in der Stadt und die abendliche Badewanne ist sie natürlich gern dabei. Geht auch schnell. Die futuristischen Kugellampen gibt es immer noch vereinzelt. Den Kiosk Heers aber nicht, das Gebäude ist abgerissen und durch einen modernen Backsteinbau ersetzt worden, in dem nun die Sparkasse ist. Markus arbeitet hier.
Oder halt – doch. Es gibt Heers doch noch! Kleiner als vorher und einen Schritt weiter rechts, aber immer noch da. Leider zu. Na klar, Samstag nachmittag, das Schild in Richtung Friedhof wäre gar nicht nötig gewesen. Hier ist weit und breit kein einziger Mensch auf der Straße, hier ist es überall gleich tot.

Gitarren und Eulen

Hallo? Jemand da? Nein.

Ironie der Namensgebung, wie ich später von Olaf erfahre: Die alte Familie Heers hatte den Laden schon vor vielen Jahren an einen anderen Betreiber abgegeben, der wiederum hat das kleine Geschäft seinerseits an den nächsten weitergegeben -> eine Frau Heers. Nicht verwandt mit den ursprünglichen Ladenbesitzern :-) Also ist Heers wieder Heers, das begeistert einen allerdings nur, wenn man hier in den 70ern selbst im Wochenrhythmus wichtige Zeitschriften erworben hat. Ich kann mir heute trotzdem kein YPS kaufen, und das liegt nicht etwa daran, dass es YPS nicht mehr gibt ;-) Heers und Heers. Hihi.
Die Bilder sind angestoßen, und jetzt kommen sie eins nach dem anderen. Als ich wieder in den alten Audi einsteige und mich auf den Sitz plumpsen lasse fällt mir mein kleiner großer Schwarm Iris Tanz aus der 6. Klasse ein. Ich war wirklich ganz schlimm verliebt, ich glaube das wusste sie damals gar nicht. Sie hieß genau so wie ich, allein das war für den 11jährigen ein Grund zum Schwärmen, und wir waren nicht mal verwandt. Das hätte die Entscheidung, welchen Namen man später bei einer Hochzeit annehmen würde erheblich vereinfacht, leider kam 1983 dann der Umzug nach Plön dazwischen. Raus aus Uelzen. Aus heutiger Sicht sage ich: gut. Aber damals fand ich das ziemlich doof, weg von Silke, weg von Olaf, weg von Markus und letztendlich auch weg von Iris Tanz. Ob es die noch irgendwo gibt? Im Netz habe ich nur eine einzige finden können, wahrscheinlich hat sie sich später bei der Namensfindung nicht durchsetzen können :-( und heißt jetzt anders. Hallo? Iris Tanz aus Hanstedt II? Wo steckst du? Bist du die, die ich vorhin im Internet gefunden habe? Die jetzt in L.A. wohnt? Wenn ja…. na dann… mein lieber Schieber :-)

Gitarren und Eulen

Autofahren mit Papa

Nervös kaue ich auf meinen Fingernägeln rum. Wenn ich erstmal angefangen habe, auf den Pfaden meiner Vergangenheit zu wandeln kann ich nur ganz schwer wieder aufhören. Mir fällt noch das Garagentor meines damaligen Mathelehrers ein, bunt bemalt mit Tieren des Dschungels und einer Giraffe, deren aus Gips modellierter Kopf oben rausguckt. Und einem klitzekleinen Marienkäfer, den ich auf den Spaziergängen immer auf dem großen Tor suchen wollte… das ist hier… äh… ganz in der Nähe… ich…
Okay. Ich gucke mein Töchterchen an und beschließe, mein Versprechen einzuhalten und mit ihr in die City zu fahren. Meine Retro-Ego-Show kann ich auch noch ein andermal abziehen… Wir schnarzen mit dem Audi durch die schmalen Straßen der Zuckerrübenstadt im Zeichen der Eule, und ich parke den silbergrauen Dottore mit dem schwarzen Vinyldach am Rand eines kleinen Platzes, gleich hinter dem Hotel. Grinsend zeigt mein Töchterchen auf den Laden direkt vor uns, der blinkt und blitzt und mit warmem Licht nicht nur geöffnet zu sein scheint (an diesem Tag um diese Zeit in dieser Stadt?), sondern sich auch noch auf dem größer werdenden Kreis der absurden Zufälle dreht. Eine Musikalienhandlung, randvoll bis unters Dach mit Gitarren aller Art. Wa? Hä? War der nicht nach Lüneburg… äh…? Ringding ♫ wir gehen rein und erfahren von dem gut gelaunten Inhaber, dass er schon seit 25 Jahren in Uelzen ist, aber nicht schon immer hier in dieser Ecke. Cool. Mein Töchterchen hat sich derweil schon das erste, katzendarmbespannte Klangbrett geschnappt und damit zielsicher einen klassischen, hochwertigen Vertreter der Firma mit den gekreuzten Stimmgabeln erwischt. In schwarz.

Gitarren und Eulen

Ups? Aus Versehen eine Gitarre gekauft

Jetzt steckt Papa natürlich ein bisschen in der Klemme. Das Ding klingt wirklich sehr gut, es sieht gut aus, es spielt sich super und ich trau mich nicht so richtig, dem Mann an der Kasse zu sagen, dass ich ursprünglich nur rund die Hälfte der Zahl auf dem Preisschild ausgeben wollte und mit dem Gitarrenerwerb für heute eigentlich schon komplett abgeschlossen hatte *grummel* Was mach ich denn nun? Momentan steht bei meiner Tochter zu Hause nur meine eigene alte abgerockte Gitarre, zwar auch schwarz, aber von chinesischen Häftlingen gebaut und schon mal ungenügend vertäut vom Dach meines Rudolf-Passats auf eine finnische Autobahn gefallen. Hm. Verkäufer nett, Laden cool und hell und voller akustischer Schätze, Tochter begeistert, noch kein anderes Weihnachtsgeschenk in Sicht und Papa in Kauflaune? Okay. Ich handel noch ein rotes Sharkfin Plektrum raus, drücke den Endpreis um sagenhafte 90 Cent und schleppe 15 Minuten später einen großen Pappkarton raus ins Auto :-) Mein Töchterchen kreiselt um mich rum wie der Mond um die Erde, hüpft und tanzt vor Freude und singt heisere Lieder. Teenager, die singen, sind strukturell glücklich. Behaupt ich. Jetzt müssen wir in dieser weltoffenen Stadt nur noch was zu Essen und ein Abtanzballkleid für sie finden. Pha. Kein Problem, jetzt sind wir ja warmgekauft. Doch zunächst werfe ich Ihren Blick mal auf einen guten Satz, den ein guter Mann leider nicht selbst auf einen Stein mitten in der Stadt geschrieben hat.

Gitarren und Eulen

Herr Hesse dichtet

Da können Sie jetzt ziemlich lange drüber nachdenken. Sie können es auch mit dicken Lettern auf einen bunten Hintergrund schreiben und als tollen, nicht selbst ausgedachten Sinnspruch auf Facebook posten. Ich für meinen Teil arbeite noch an der Definition des Wortes “Paradies” und bin schon recht weit gekommen. In meinem Paradies gibt es keine Schlangen oder einen Apfel, der Erkenntnis verspricht, wenn man ihn isst. In meinem Paradies geht es den Menschen, die ich liebe gut, sie sind gesund und ich verbringe Zeit mit ihnen. In meinem Paradies schlafe ich ruhig ohne Angst vor Morgen. In meinem Paradies habe ich meine Familie, bestenfalls ja sogar mehrere davon :-) und einige gute Freunde. Das finden Sie alles normal? Ha. Dann sind Sie anscheinend noch niemals aus Ihrem Paradies vertrieben worden, dann denken Sie bitte noch ein wenig über die Zeilen auf dem Stein nach.
Wir für unseren Teil bekommen langsam einen ernstzunehmenden Hunger. Mission Nahrungsaufnahme ist gestartet.

Gitarren und Eulen

Mit Vati unterwegs – dann gibt es Salat.

Was isst man denn so in Uelzen? Eulen? Nein, die armen Dinger. Die müssen ja noch für die immer wieder gern zitierte Uhlenköpersage herhalten, die kommen nur in den Sack und nicht auf den Tisch. Heidehonig? Nö. Ein traditionelles niedersächsisches Gericht, was man weit über die Grenzen der Lüneburger Heide kennt ist Pomm Döner. Mit frischem Lammfleisch, guten Kartoffeln und knackigem Salat aus der Region. Da weiß man, was man hat. *burps* Fragen? Keine? Gut. Gesättigt und gestärkt folgt Mission Ballkleid, erfahrungsgemäß etwas schwieriger als Mission Nahrungsaufnahme. Gar nicht so sehr, weil ich mir kein Urteil über guten Sitz und Taille erlauben kann, nein nein, das geht schon :-) Das Problem ist viel mehr, dass der durchschnittliche Uelzener ungefähr 78 Jahre alt ist und die Innenstadt aus Apotheken, Sanitätshäusern und Vertriebspunkten für Rollatoren und Stützstrümpfe besteht. Alle davon losgekoppelten Bekleidungsgeschäfte haben entweder geschlossen, sind endgültig geschlossen worden oder verkaufen Stickjacken und Stoffhosen, die schon in den 80ern meiner Oma peinlich gewesen wären. Puh. Nach einer freudlosen Odyssee durch ein paar Trendshops, die den marktforscherisch ermittelten Klamottengeschmack in der Lüneburger Heide mit den Füßen der 90er treten landen wir kurz vor Ladenschluss in einem alteingesessenen Geschäft, an das ich sogar noch dunkle Erinnerungen habe. Ramelow. Die gibt es also noch immer. Ist das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? Es sind Eulen an den Türen. Dann kann man ja mal reingehen.

Gitarren und Eulen

Eulen. Überall Eulen.

Verrückt. Hier hängen extrem coole Klamotten rum, mein Töchterchen schnappt sich zielstrebig eine junge und quirlige Verkäuferin und verschwindet drei Minuten später mit gleich drei Kleidern in der nächsten Umkleidekabine. Derweil drifte ich ein wenig durch das überraschend junge und schicke Geschäft, habe alles irgendwie ganz anders in Erinnerung und fühle mich plötzlich wieder ein bisschen alt. Ist mit Anfang 40 nicht mehr drin, mal eben zu New Yorker oder Tally Weijl gehen und ne Hose kaufen. Der Herr ist jetzt besser bei Ansons oder P&C aufgehoben. Na gut, dann ist das eben so. Und eines Tages werde ich auch zur Rollator-Klientel gehören. Aber meiner ist dann orange und von Ford oder Audi.
Mein Töchterchen macht diverse Fotos von sich in den drei Kleidern und schickt sie an ihre beste Freundin und ihre große Schwester, damit die ein Urteil abgeben. Ich sitz und lauf weiter rum und fühl mich weiter alt, aber mal davon abgesehen bin ich unfassbar stolz auf dieses Mädchen, weil alle drei Kleider ihr sagenhaft gut stehen. *hach* Oh. Hallo.

Hm.

Hm.

Gehen Sie eigentlich gern shoppen? Viele Männer sind ja reichlich genervt von den Touren mit ihren Frauen oder ihren Töchtern und würden lieber drei Bierchen im Pub nebenan kippen und Fußball gucken. Ich mag nun Bier nicht sonderlich gern und finde Fußball langweilig. Aber auch sonst treibe ich mich durchaus freiwillig mit den mich umgebenden Frauen in den Klamottengeschäften dieser Welt rum, wenn es mal wieder an der Zeit ist. Mir macht das Spaß. Schließlich sind die Ladies hübsch anzusehen, und jeder Blick in die großen Spiegel macht mich noch ein bisschen stolzer. Paradies, und so. Sie erinnern sich? Ich glaube, ich bin oft nun genug vertrieben worden um zu sehen was ich habe, was mir genügt und wer ich bin.

Gitarren und Eulen

Sie wird die Schönste auf dem ganzen Ball sein…

Ich schreibe und schreibe und schreibe. Das sollte eigentlich nur ein kleiner Einleitungsblog für die Weihnachtsmarktgeschichte werden. Mist. Schon fast alle Wörter verschossen, dann muss ich wohl teilen. Unser Tag ist jedenfalls noch lange nicht zu Ende, das niedersächsische Einkaufserlebnis aber schon. Nein, ich habe mein Portemonnaie nicht zücken müssen, so gern ich auch die heimische Textilindustrie unterstützt hätte. Alle beteiligten weiblichen Personen, anwesend oder virtuell zugeschaltet, waren sich darüber einig, dass die Kleider gut aussähen, man aber gern noch ein Live-Urteil fällen würde und der Abtanzball schließlich erst im Februar sei. Damit bin ich sehr einverstanden. Aber Respekt, Kaufhaus Ramelow, so wie du dich entwickelt hast gibt es vielleicht doch noch Hoffnung für den Einzelhandel in Uelzen…?
Auf dem kurzen Weg zurück zum Hotel, wo wir kurz einchecken wollen, tobt schon der diesmal extrem reduzierte Weihnachtsmarkt. Nix Märchenbuden mit gruseligen Szenen drin wie 2012 (Mist!), nix Buden in der ganzen Stadt und nix Petrus und Frau Holle. Alle weg. Um die Kirche rum haben sich ein paar Holzhütten versammelt, und am neu aufgebauten Rathaus werden nachher ein paar Engel das neue Türchen/Fenster des Adventskalenders öffnen. Wir sind fast dafür bereit. Was isst man so an einem kalten Dezemberabend, wenn der Pomm Döner längst verdaut ist? Genau. Ein Eis.

Eis geht immer

Eis geht immer

Tatsächlich ergreift mich jetzt ein weihnachtliches Gefühl. Da müssen Sie jetzt durch.
Das gleiche Auto, was mein Papa fuhr, als er Weihnachten 1980 unsere kleine Familie verlassen hat steht direkt vor dem Eingang des altehrwürdigen Hotels Stadt Hamburg. Alles ist festlich beleuchtet, und es duftet nach gebrannten Mandeln, Punsch und Bratwürsten. Unser Zimmer ist diesmal zur Hauptstraße gelegen, was ich toll finde, weil dann die Abendstimmung dieser alten Stadt in Licht und Ton präsent ist. Im Bild die beiden Fenster oben rechts, da ist es :-) Das Hotel war schon immer da, schon immer mitten in der Stadt, schon immer direkt an der Straße. Was 2014 nicht schlimm ist, denn Uelzens Innenstadt ist verkehrsberuhigt, es wohnt hier sowieso keiner mehr und es kommen wegen der Parkgebühren auch keine Touristen, nicht mal wegen der schnellen Rollatoren und schicken Stützstrümpfe. Ein Zimmer zur Straße bedeutet ein Zimmer mit einem Blick auf meine Kindheit in einer Stadt, in der ich noch immer fast jeden Stein kenne (mal abgesehen vom Heers/Sparkassen Neubau in Oldenstadt) und die mich irgendwie beruhigt. Mich runterbringt. Mich aufwühlt und mich traurig macht.

Gitarren und Eulen

Parken wie der Herzog

In der Mitte meines eigenen Lebens höre ich meine Tochter, die nun ein bisschen älter ist als ich damals, im Badezimmer Lieder singen. Ihre Eltern haben sich ebenfalls getrennt und auf eigenen Wegen weitergemacht. Die sind damit aber offen und meistens nach vorn blickend umgegangen, und die waren in guten wie in schlechten Zeiten für ihre beiden Kinder da. Mal zusammen, mal alleine, aber immer bedingungslos Papa und Mama.
Ich stehe am Fenster, blicke auf die Straße runter und erinnere mich an meine nachts weinende Mama, obwohl doch angeblich alles in Ordnung war. Und ich erinnere mich an meinen Papa, der in einem weihnachtlich dekorierten Wohnzimmer Teller und Tassen in Kartons packt und plötzlich weg ist. Ganz weg. An Weihnachten.
Komm, mein Töchterchen, lass uns mal runter zu den Engeln gehen. Zu Olaf, Melli und Jette. Zu Markus, Tina und Jakob. Zu unseren Freunden.

Sandmann

Read more

12 Dec 2014
Zu den Favoriten hinzufügen [1 Benutzer]   Jens Tanz  

Der Zauber-Schrauber, Teil 2

Wehe wenn sie losgelassen

Wehe wenn sie losgelassen

Ich finde es lustig, wenn man weder beim Titel der Geschichte noch vom ersten Bild her drauf schließen kann, worum es geht :-) Das ist aus Social Media Sicht eine Katastrophe, das bringt keine Klicks und keine Reichweite und macht den Blog weniger erfolgreich :roll: Gniihihi. Total egal. Ich möchte euch und Ihnen eine Geschichte erzählen, und wie erfolgreich die ist kratzt mich nicht. Aber vielleicht fühlen Sie ein bisschen mit, wenn wir schräge Filmaufnahmen machen, wenn der Kühlwasserschlauch unvermittelt platzt – und wenn am Ende dank des Einsatzes eines erneut spontan zaubernden Werkstattmeisters alles gut ist. Oh verdammt. Jetzt hab ich auch noch die ganze Spannung rausgenommen. Also so wird das nie was.

Vielleicht fange ich mal damit an, warum oben auf dem Bild zwei sehr junge Typen auf der Motorhaube eines Ford Granada Coupés sitzen.

Der Zauber-Schrauber, Teil 2

Ich und der Audi kommen ins Fernsehen

Einer davon, der rechts, ist der hier mit der Nickelbrille. Das Fernsehen hat ja schon mal bei mir angeklopft, draus geworden ist ein Oscar Clip mit vielen Pressestimmen und Auszeichnungen. Den Artikel dazu gibt es hier KLICK.;-) Äh… Moment, jetzt hab ich giggelnd den Faden verloren. Ach ja. Fernsehen. Heute gibt’s erneut Filmaufnahmen, der Hauptakteur ist mein immer noch vorhandenes altes Granada Coupé und der Mensch links, mit dem ich damals auf der Motorhaube des großen Kölners ein Frühstück eingenommen habe. Der Svenni. In der Doku soll es um “das erste Auto” gehen, und feinerweise habe ich das ja noch. Also filmt man da ein wenig dran herum, mehr verrate ich aber nicht, wenn das gesendet wird sage ich rechtzeitig bescheid. Der Audi, rechtzeitig frisch gemenzelt, trägt mich zu den Orten des Geschehens und läuft noch immer nicht so rund wie er soll. Das macht schon ein bisschen traurig, weil mir langsam die Ideen ausgehen, woran es liegen könnte. Aber wenigstens die Zylinderkopfdichtung ist dicht.

Der Zauber-Schrauber, Teil 2

Der Beginn der Inkontinenz

Diese vorher-nachher-Bilder, zwischen denen 20 Jahre oder mehr liegen sind meine große Leidenschaft. Verdammt, ich werde älter, und auf den Bildern sieht man das auch noch besonders deutlich! :-( Was mich allerdings noch nicht beutelt, im Gegensatz zu meinem in Ehren ergrauten Dottore: Inkontinenz. Nanu? Wir fahren vor, wir fahren zurück, wir fahren den Fördewanderweg rauf und runter und wir posieren auf eben jenem Parkplatz, mit laufendem Motor. PFFFFFSCHSCHSCH Er zischt leicht, der alte Herr, und er kleckert nennenswerte Mengen Kühlwasser auf den Asphalt, während das Kamerateam die richtige Position für die Bilder sucht. Oh nein. Jetzt ist endlich alles Elementare in Ordnung und alles heile, aber jetzt scheint der Druck im neu abgedichteten Kühlsystem anscheinend wieder so hoch, dass andere Sollbruchstellen der voranschreitenden Zeit sichtbar werden. Ich bekomme schlechte Laune. Die bekomme ich immer, wenn mein Auto nicht so läuft wie das geplant war, außerdem muss ich heute noch nach Hamburg. Aber erstmal die Aufnahmen fertig machen, so viel Zeit muss sein.

20 Jahre

20 Jahre

Schlecht gefotoshoppt :-) Aber lustig. Die Damen vom Kamerateam wollen noch Aufnahmen in Sandmanns natürlichem Lebensraum machen, dazu müssen wir vom Falckensteiner Strand wieder zurück in die Stadt. Ich rufe Meister Menzels Dauerhotline an und berichte ihm von dem kleinen, aber bedeutenden Stück Kühlwasserschlauch, was anscheinend keine Lust mehr auf eine Zusammenarbeit mit mir und/oder dem Auto hat und komplett durchgerissen ist. Was einen Weg mit diesem Auto von Kiel nach Hamburg heute in den Bereich des Unmöglichen treibt. “Komm mal erstmal her, wir schauen dann mal was wir machen“. Das ist ein Wort. Gleichwohl auch schon der Weg vom Strand bis in die Stadt mit einem offenen Kühlwassersystem nicht so ganz ohne ist. Wir kippen alles oben rein, was wir noch an Flüssigkeiten da haben. Wasser, Orangensaft, laktosefreie Milch und den Rest aus dem Wischwaschbehälter für die Windschutzscheibe. Ein wahrhaft leckerer Cocktail. Das muss bis in die City reichen.

Der Lump, der

Der Lump, der

Meister Menzel grinst, als er mich sieht. Ich weiß nicht, ob er sich wirklich freut, ob das die professionelle Freundlichkeit eines kundenfreundlichen Unternehmens ist oder ob er einfach gern hilft. Vielleicht werde ich das auch nie erfahren. Er macht quietschend die Motorhaube auf, guckt lange und nachdenklich auf das Malheur und sagt nur norddeutsch trocken: “Oha“. In diesem Wort stecken, das weiß man als Kieler, eine Menge Informationen. Dieses “Oha” besagt: Das ist ein Spezialteil, das haben wir nicht da und die Bestellung kann mehrere Tage dauern. Es besagt auch: So kannst du auf keinen Fall weiterfahren, dann ist die neue Kopfdichtung gleich wieder hin, weil der Motor überhitzt. Es besagt außerdem: Aus einem Universalschlauch können wir das nicht basteln, der Knick ist zu eng. Eine Menge Neins in diesem Oha. Ich höre mich in den kalten Abendhimmel sagen: “Aber können wir bitte, BITTE irgend etwas machen, damit ich heute Abend nach Hamburg komme?” Meister Menzel wird sehr still. Dann sieht er mich an und sagt: “Eine einzige Möglichkeit haben wir.” Und er verschwindet hinter der Halle. In diesen zwei Minuten gehe ich im Kopf schon mal vorsorglich die aktuellen Verbindungen der Deutschen Bahn durch und bereite mich drauf vor, Alex noch ein weiteres mal um seinen BMW 325e zu bitten… Nach zwei Minuten kommt er wieder und hat ein kleines, schwarzes Stück Schlauch in der Hand. “Das ist von einem A6, frag nicht, das regel ich morgen. Wenn wir das draufbekommen kannst du heute weiterfahren” – sprichts und schraubt los.

runter und drauf?irgendwie festDer Zauber-Schrauber, Teil 2

Er flucht. Immer wieder kommen seine Mitarbeiter an, stellen Fragen, brauchen Anweisungen und neue Aufgaben. Und Menzel dirigiert und wrangelt und walgt parallel an dem kleinen Wasserschläuchlein rum. Um uns rum sieht es inzwischen aus wie in einem Schlachthaus mit blauem Blut, er selbst ist auch nicht ganz verschont geblieben, aber irgendwann grunzt er zufrieden und taucht aus den Tiefen des Motorraums wieder auf. Der Schlauch ist nicht nur drauf, er sitzt auch fest. Wahnsinn. Wo er grad dabei ist tauscht er noch den völlig runtergebrannten Unterbrecherkontakt aus und schaut mich nach ein paar Schraubereien am Vergaserfuß fragend an:
Wusstest du, dass die Bimetallfeder deiner Startautomatik komplett ausgehakt ist? Der ist anscheinend immer viel zu fett gelaufen und niemals aus dem Kaltlauf rausgekommen…” Ups? Das… äh… Er hakt sie wieder ein, schraubt alles wieder zu und füllt frisches Kühlwasser auf. Überall liegt Werkzeug auf dem Auto und dem Boden rum, die Zeit tickt unaufhaltsam weiter – aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass in diesem Moment was entscheidendes passiert ist. Startautomatik? Da war noch keiner dran, um mal zu gucken, ob der schlechte Rundlauf daran liegen könnte. Schwimmernadelventile, Drosselklappen, Benzinzufuhr, Zündung, alles ist geprüft worden. Aber die mechanische Startautomatik, die bei steigender Kühlwassertemperatur mit einem Bimetall das fette Gemisch wieder abmagert ist übersehen worden. Bis heute.

Der Zauber-Schrauber, Teil 2

Spontan werden Sie geholfen

Ich drehe den Schlüssel, und nach einer halben Anlasserumdrehung springt der Motor willig an und dreht ruhig und gleichmäßig im Standgas. Wa? Das gibt’s doch gar nicht! Nicht nur, dass der Menzel mir ohne Termin und ohne Ersatzteile aus einer echten Notsituation spontan und unbürokratisch-kreativ raushilft, nein, er macht auch noch ganz nebenbei mein Auto wieder heile. Also, komplett heile.
Der Dottore läuft wieder, rund, gesund und ohne Aussetzer :-D
♫ Mit einem Lied auf den Lippen fahre ich nach rund einer Stunde zurück zum Filmteam, und wir beenden die angefangenen Aufnahmen. Danach rollen der Audi und ich über die A7 zurück zum halbfinnischen Fräulein Altona nach Hamburg. Der Wagen läuft ruhig, beschleunigt sauber, dreht entspannt und ohne zu Ruckeln im Halbgas und verbraucht ungefähr halb so viel wie vorher. Das Leben ist schön. Und Menzel ein Zauberer. Ich fahre jetzt immer noch mit diesem A6-Ersatzteil rum, es hält und hält, aber inzwischen hab ich einen Tipp bekommen. Bei Porsche scheint man diesen Formschlauch noch für 25 Euro zu bekommen. Da werde ich mich beizeiten mal drum bemühen.

Nervös? Ja. Aber egal

Nervös? Ja. Aber egal

Das hat sich doch gelohnt, oder? :-)
Ich breche hier und jetzt eine weitere Lanze für Meister Menzel in Kiel. Die Werkstatt nimmt auch Altautofahrer sehr ernst, und man ist ehrlich bemüht darum, dass der Wagen schnell wieder auf die Straße kommt. Es geht vermutlich nicht immer mit solchen unkonventionellen Methoden wie bei mir, aber in diesem Fall waren wir erfolgreich – und darauf kommt es an. Ich konnte weiterfahren. Was hat das gekostet? Eine gute Flasche Weißwein, aber nicht aus Deutschland. Direkt auf seinen Schreibtisch gestellt und mit einem Handschlag versehen. Ich fahre den Audi seit dem jeden Tag, weil er so unfassbar Spaß macht. Wer hätte das gedacht? Jetzt bekommt er noch neue Sitze…. und neue Winterreifen….. aber das sind andere Geschichten. Jetzt ist der Grundspaß wieder da, von dem ich Anfangs geschrieben habe. Alles was jetzt kommt ist Kosmetik. Auf in die Vorweihnachtszeit!

Sandmann

Kontakt:
Menzel Auto-Dienst GmbH
Saarbrückenstraße 143
24114 Kiel
Telefon: 0431-641757

http://www.autodienst-menzel.de/

Read more

Created Freitag, 12. Dezember 2014 Tags 1A Autoservice | Audi 100 | Audi 100 LS 1977 | Filmteam | Kühlwasser | Menzel Kiel | Schlauch | Typ 43 | Vergaser | Zauberer Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
11 Dec 2014
Zu den Favoriten hinzufügen [1 Benutzer]   Jens Tanz  

Der Zauber-Schrauber, Teil 1

Der Zauber-Schrauber, Teil 1

Tiefer Blick mitten ins Herz

Wenn einem alten Auto mehr liebevolle Aufmerksamkeit zuteil wird, als ihm aus rein kalkulatorischer Sicht zusteht ist das etwas besonderes. Das ist dann entweder fehlendes kaufmännisches Geschick, automobiler Wahnsinn oder blinde Liebe. Im Fall meines Dottore ist es von allem ein bisschen, als Sahnehäubchen kommt obendrauf noch der profane Zwang, die Verkehrstüchtigkeit wiederherzustellen. Ein 1977er Audi 100 steht in einer Fachwerkstatt, und sein Motor wird von einem gut ausgebildeten Menschen zum regulären Stundensatz neu aufgebaut. Ein seltenes Bild. Ich halte es mal fest, bevor ich mein Portemonnaie aus der Tasche ziehe…. Und bevor ich nachher den BMW 325e wieder abgeben muss, weil der Audi wieder fährt :-(

Gut aufgehoben hier

Gut aufgehoben hier

Wie war doch gleich die Diagnose?

  • Kopfdichtung durch
  • Ventilschaftdichtungen völlig verhärtet
  • Zahnriemen älter als Adenauer und poröser als Heesters
  • Keilriemen und Servoriemen antik
  • und überhaupt läuft er ja bekanntermaßen ein bisschen scheiße.

Seit fast zwei Jahren die Note “ungenügend”. Dieser Audi 100 LS mit seinem von Porsche mitentwickelten 2-Liter-Vierzylinder, der inzwischen echt selten geworden ist, weil alle den 5-Bänger wollen ;-) Die aufgezählten Arbeiten kann ein durchschnittlicher Sandmann unten vor der Tür seiner Wohnung prinzipiell selbst machen – aber es fehlt hinten und vorn an Zeit. Also lasse ich mal wieder Herrn Menzelran, und diesmal wird er zusätzlich unterstützt durch seinen Herrn Papa. Der hat sich schon damals bei der Reparatur meines KaSis (erinnern Sie sich?) als unbezahlbare Fachkraft erwiesen, der hat noch Benzin im Blut und stellt einen Doppelvergaser nach Gefühl und Gehör sauber ein.

Mach auf das Ding

Mach auf das Ding

Da man mich beim 1A Autoservice in Kiel inzwischen wiedererkennt (ich komme mir in diesen Tagen vor wie ein Stalker, mit dem Audi meines Töchterchens waren wir jetzt auch schon zwei mal da) halten die Jungs auch gleich hier und da mal die Kamera auf das Elend drauf :-) Gut. Während ich also meinem brötchengebenden Tagwerk nachgehe und es irgendwie ziemlich schade finde, den lieb gewonnenen ETA vom Alex heute Abend nach über einer Woche wieder abgeben zu müssen wird am Audi Kopfarbeit geleistet. Die gute Nachricht: Ja, es ist tatsächlich “nur” die Zylinderkopfdichtung nicht mehr ganz dicht, es ist kein Riss im Kopf. Sowas soll’s ja auch geben. Und das lange Zeit mit verbrannte Kühlwasser hat zwar seine Spuren auf den Kolben und den Zylinderlaufbuchsen hinterlassen, aber die Auswirkungen sind nicht schlimmer als die Lachfalten rund um die Augen in meinem eigenen Gesicht.

Operation am Herzen

Operation am Herzen

Was eigentlich viel mehr wiegt: Das lohnt sich alles hier aus wirtschaftlicher Sicht -> nicht! Vor einem halben Jahr hatte ich die Schnauze voll, da wollte ich den Dottore verkaufen, und niemand wollte ihn. NIEMAND. Nicht mal für weniger als 1000 Euro, nicht mal die Jungs von der wassisletztePrrrais-Fraktion. Der treue, aber mager ausgestattete Vierzylinder ist weder gut für den Export noch in der Szene sonderlich begehrt. Alle wollen immer nur rostfreie Plüsch-GLS oder wenigstens den 5S oder den CD 5E. Was ich auch verstehen kann, die sind ja auch ein bisschen geiler als der silberne Nullausstatter. Aber er ist mir mit seinem kleinen, kranken Herz, seinen nicht getönten Scheiben und seinem Vinyldach an mein eigenes, gesundes Herz gewachsen. Irgendwie. Also habe ich ihn trotzig behalten, aus Versehen mit einer frischen HU versorgt und besitze nun einen Oldtimer (ja, es ist ein Oldtimer, kein Youngtimer mehr…), der weniger wert ist als das, was ich vermutlich nachher bezahlen muss. Glaube ich. Bin ich total bescheuert? Ja. Und das ist gut so.

Gut Ding will Weile haben

Gut Ding will Weile haben

Wissen Sie was? Ob meine Rechnung wirtschaftlich ist oder nicht ist mir total egal. Die Jungs mit ihrem Werkzeug werden dafür sorgen, dass der alte Wagen wieder gesund ist und fährt. Wegschmeißen ist nach so vielen Geschichten keine Option. War es noch nie gewesen. Familie Menzel zerlegt das prinzipiell als unzerstörbar geltende, klotzige längs und gekippt eingebaute Triebwerk in seine Einzelteile, Nockenwelle runter, Schaftdichtungen raus, Zahnriemen runter, Ansaugkrümmer runter, Kopf ab und so weiter. So viele Streicheleinheiten hat dieser Wagen vermutlich das letzte mal vor 20 Jahren bekommen, und da war er schon ein altes Auto. Krass. Während der OP sitze ich zu Hause und kaue an meinen Fingernägeln. Unruhig versuche ich, ein paar Texte auf die Tastatur zu legen. Kennen Sie das auch? Dass man sich fragt, wie es dem Baby wohl gehen mag? Dass man nervös im Flur auf und ab läuft? Dass man sich fragt, wann endlich der Anruf kommt: Alles okay, hol ihn ab?
Und nicht wie letztes mal der Anruf: Äh… wir müssen reden…

Das sind 8 Zylinder...

Das sind 8 Zylinder…

Ein altes Auto kostet Geld. Eine Restauration ist in aller Regel wesentlich teurer als die Kohle, die man bei einem Verkauf für die Karre bekommen würde. Außer, wir sprechen hier von einem 300 SL oder einem 911er aus den 60ern, aber wer kann denn sowas bezahlen? Der Dottore ist eine Alltagskarre, eine seltene mit traditionell schlechter Teileversorgung seitens des Herstellers, aber da ist wenigstens alles einigermaßen bezahlbar. Noch. Und hier und heute sprechen wir immerhin von einer fast kompletten Motorrevision… Was ich inzwischen bei Menzel gelernt habe: Wenn er morgens sagt, dass er den Wagen heute schon irgendwie zum Laufen kriegen wird, dann ist das auch so. Er macht, dass es fährt. Es ist die erste und einzige Werkstatt bisher in Kiel, auf die ich mich wirklich verlassen konnte. Jetzt muss ich mir nur noch überlegen, welchen Supermarkt ich nachher auf dem Weg dahin überfalle, um das Geld zusammen zu kriegen. Denn gute Arbeit kostet gutes Geld, egal ob man sich nun schon länger kennt oder nicht. Von Freundschaftsdiensten kann ein Unternehmen nicht leben. Klar. Und aus diesem schwachsinnigen Geiz-ist-geil Alter der 1-Euro-Läden bin ich raus. Kein kauf-bei-KICK, kein Billig-Backshop und kein eingeblistertes Separatorenfleisch. Ich kaufe beim echten Bäcker und beim echten Fleischer. Und ich bringe mein Auto in eine richtige Werkstatt, denn ich weiß, dass es hinterher nicht wieder liegenbleiben wird.

Der Zauber-Schrauber, Teil 1

pflück pflück. Und wieder alles zusammen

Und da kommt er dann auch, der Anruf. Kurz nach 17:00 Uhr, es ist schon dunkel. “Er ist fertig. Alles eingestellt, läuft rund. Aber irgendwas ist noch immer mit deinem Vergaser, da musst du nochmal wiederkommen.” Na gut, Hauptsache der Motor im Kern ist erst einmal wieder gesund, abgedichtet und vollgasfest. Alles andere kenne ich ja nun, und das lässt sich bestimmt auch noch regeln. Ich habe da ein ziemlich dickes Sitzfleisch, wenn der Wagen prinzipiell zuverlässig ist und sauber läuft mache ich den ganzen Kleinkram drumrum gut gelaunt nach und nach. Aber wenn er nicht gut anspringt, bockig ist, wie ein Loch säuft und oft ausgeht dann macht auch alles andere keinen Spaß. Oder? Genau.
Ich setze mich in den erschreckend gewohnten BMW und schnurre aufgeregt durch die Dunkelheit zur Werkstatt, wo der alte Audi schon auf mich wartet.

Der Zauber-Schrauber, Teil 1

Hallo, da bist du ja wieder

Es ist so ein bisschen wie ein neues Wiedersehen. Wie das neue Entdecken der Partnerin nach einer Trennung, nachdem da jemand anderes dran war, und man sich jetzt wieder zusammenraufen will. Zärtlich streichel ich ihm über den rechten Kotflügel, stapfe nach vorn in den warmen und hellen Empfang und futter die halbe Haribo-Schale leer, die da auffordernd steht *burps* Menzel erklärt mir, was alles gemacht wurde, welche Teile verbaut wurden, welche Schrauben neu gekommen sind und welche Gewinde nachgeschnitten werden mussten (ohjeohje). Hauptproblem war die Dichtung der Ansaugbrücke, die hat ziemlich lange auf sich warten lassen. Die Teile werden selten. Vielleicht sollte ich mich bei einem 37 Jahre alten Auto langsam mal damit abfinden. Nun ist alles dicht, mit frischem Öl und Kühlwasser in nun getrennten Kreisläufen befüllt und fertig für weitere hunderttausende von Kilometern :-) Und die Rechnung? Alles zusammen kostet mich ungefähr so viel wie ein Zahnriemensatz mit Anbauteilen für einen Audi V8. Oder die Monatsmiete einer 2 1/2 Zimmer Wohnung in Kiel. Oder ne Woche Malle pauschal. Danke, alte Technik und danke, dass offensichtlich alles ohne Probleme lief und die Neuteile relativ preiswert waren. Ich habe mit dieser Reparatur den Restwert des Wagens doch nicht überschritten :roll: und bin nun ein bisschen ärmer, aber wesentlich glücklicher als vorher.

Der Zauber-Schrauber, Teil 1

Hallo mein Audi. Dann wollen wir mal.

Neu beschnuppern. Neu erfahren. Bevor ich den BMW gleich nach Hause bringe und mit meinem Fahrrad wieder zurück komme, um den Dottore erneut zurück in die Familie zu lassen setze ich mich einmal rein. Cool. Hallo, du 70er Jahre Welt aus blauem und braunem Plastik. Es riecht nach altem Stoff und einem Schluck Kühlwasser. Das Raumgefühl ist sogar bei Dunkelheit einfach sagenhaft, die großen Fensterflächen und die Sitzposition tief drin machen aus dem Fahrersitz den Beichtstuhl in einer vergessenen Kathedrale aus Erinnerungen. Ach – er ist ja irgendwie doch ein Guter, der alte silberne Herr. Ich bin froh, den ganzen Kram da vorn drin nun neu zu haben, und das auch noch zu einem echt guten Preis. Möge er nun endlich, ENDLICH vernünftig fahren. Vielleicht war die kaputte Kopfdichtung ja der Schlüssel zum Oldtimer-Glück? Oder sind Sie etwa stutzig, weil in der Überschrift “Teil 1″ steht und ich erwähnt habe, dass der Meister erwähnt hat, dass immer noch etwas mit dem Vergaser nicht stimme? Womöglich stutzen Sie zurecht.

Wieder auf der StraÃ&#159;e

Wieder auf der Straße

Müde vom Tag trenne ich mich von dem BMW (schade schade) und bin um eine Erfahrung reicher. Auf meiner Radtour zum Audi durch die Dunkelheit treffe ich noch auf einen Tankstellenpächter, der sich als ein alter Bundesbruder meines halben, freudlosen Studentenverbindungsjahres von 1994 entpuppt, aber das ist eine andere Geschichte. Der Audi springt an und läuft im Stand rund. Er beschleunigt schlecht und ist noch immer bockig :-( Aber darum kümmern wir uns nächste Woche, morgen sind er und ich bei Filmaufnahmen zum Thema “Mein erstes Auto” unterwegs. Es gibt ein Wiedersehen mit meinem Granada Coupé, meinem alten Freund Svenni und mittendrin auch zwangsläufig mit Herrn Menzel. Denn der kann und muss zaubern. Gottseidank. Aber dazu bald mehr.

Sandmann

Read more

Created Donnerstag, 11. Dezember 2014 Tags 1A Autoservice | Audi 100 | Audi 100 LS 1977 | Menzel Kiel | Typ 43 | Vergaser | Zahnriemen | Zylinderkopfdichtung Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
10 Dec 2014
Zu den Favoriten hinzufügen   Jens Tanz  

Haarige Zeiten

Haarige Zeiten

Weg. Ab. Runter mit der Wolle.

Schatz, du kratzt.
Die Firma BRAUN fand anscheinend nach dem spontanen Genuss einiger meiner Blogs, dass ich verwahrlost aussehe, hatte Mitleid und stellte mir einen nagelneuen Rasierer hin. Das Topmodell. Den Mercedes unter den Haare Abreißern. Der kann laut Pressemitteilung alles besser und will sich in meinen Tagesablauf einschleichen. Ohne zu weit auszuholen – aber Männer und Frauen sind jeweils auf ihre Art bestraft worden. Frauen müssen die Kinder gebären und plagen sich mit monatlichen Beschwerden rum, Männer müssen dafür Spinnen aus der Dusche entfernen und sich im Gesicht rasieren. Die meisten zumindest. Es ist unerheblich, dass ich einer der wenigen deutschen Männer bin, die auch gern Kaffee kochen – rasieren finde ich prinzipiell trotzdem doof. Doch es muss sein. Manchmal. Sonst sieht Mann irgendwie verwahrlost aus, mag sein, dass das einige sexy finden, ich nicht. Erleben Sie tiefe Einblicke in mein intimes Badezimmerdasein :-)

Haarige Zeiten

Es stoppelt gar umfangreich

Heute mal kein Auto. So ein paar andere Sachen treiben mich ja auch noch täglich um, dazu gehören Musik, Kaffee und die Haare in meinem Gesicht ;-) In der Tat passt es ganz gut, mal was Neues auszuprobieren und ganz unverhohlen darüber zu schreiben, denn von meinem alten Philips finde ich das Netzkabel nicht mehr wieder und die Klingen zum nass Rasieren sind alle oder stumpf oder verrostet. Ich sag ja, ich mach das nicht so oft. Krass für mich als analogen Retro 70er ist jetzt, dass ich in dem Karton viele viele Sachen finde, die mich mehr an Computerequipment oder Technikspielzeug erinnern als an einen Rasierapparat. BRAUN Series 9 Modell 9090cc. Unverbindliche Preisempfehlung: mehr als 400 Euro. Alter Barbarossa. Was gibt’s dafür?

  • Ein angenehm schweres Ding in einem wirklich sexy Design
  • Akkulaufzeiten bis ins kommende Jahrzehnt
  • einen Rasierkopf mit 40.000 Schneidbewegungen in der Minute (das macht mir Angst)
  • Barttrimmer
  • eine Nass- und Trockenladestation
  • wasserdicht bis 5 Meter (ich kann damit also tauchen gehen)
  • LED Display
  • Tasche und Zubehör

Und was Sebastian Vettel bewirbt kann nicht schlecht sein, oder? Sehe ich am Ende so aus wie er? Kann ich dann auch so gut fahren? Ich bin ganz aufgeregt :-) und packe den ganzen Kram mal aus.

Haarige Zeiten

ein bisschen wie Weihnachten

Was ich cool finde (ich achte irgendwie auf andere Sachen als der normale Rasierapparat-Käufer): Das Ding ist komplett in Deutschland entwickelt und hergestellt worden. So was mag ich in Zeiten eines aussterbenden “Made in Germany” :-) Die stylische schwarze Ladestation ist ein bisschen zu breit für meinen Spiegelunterschrank, die muss noch einen gemütlichen Platz in einer anderen Ecke finden. Und ob ich so der Freund von Nassreinigung mit den mitgelieferten Kartuschen bin muss ich selbst noch ergründen, man sagt, sie reinigen besser und gründlicher als Wasser, dabei wird das Gerät außerdem aufgeladen und anschließend auch noch getrocknet. Was der alles kann. Jedenfalls liegt er gut und schwer (ich mag diese wertige Schwere von Dingen, das finde ich auch bei Smartphones gut) in der Hand, leuchtet mich blau illuminiert an und begeistert mich mit dem Vorhandensein eines Barttrimmers. Den brauche ich vor allem. Jetzt.

Haarige Zeiten

Lasst die Spiele beginnen

Sie sind sehr tapfer, dass Sie sich bis hier hin lesend vorgearbeitet haben, ohne dass es diesmal um Autos oder nicht verarbeitete Kindheitserinnerungen aus den 70ern geht. Oder Sie haben einfach nur genug Kaffee getrunken. Oder genug Rotwein. Oder Sie müssen sich täglich rasieren oder haben einen Schatz, der sich täglich rasieren muss. Wissen Sie was? Weihnachten 2014 gibt es mal keine Socken sondern einen haptisch glücklich machenden Rasierapparat! Vor fünf Tagen habe ich mir die Haare einmal, ein einziges (zweites) mal seit vielen Jahren komplett aus dem Gesicht vibriert, um mal so auszusehen wie der Sebastian. Da hatte ich aber meine Kamera in Hamburg vergessen und nur mein iPhone dabei, wir vergleichen gleich mal :-) Heute ist die Barttrimmung dran. Der Hals wächst schon wieder zu. Klack. Rausgeschoben und Kanten geschnitten. Srrrrrrrrrrr

Haarige Zeiten

Bartkante: Check

Was soll ich sagen… geht gut :-) Als die langen Fusseln weg sind pendel ich noch mit dem Scherkopf drüber und werde niemals verstehen, wie so ein Ding die Haare überhaupt abschneidet. Es sind da zu wenig Ventile, Kipphebel oder Nockenwellen drin. Obwohl… wenn ich mir das offizielle Werbebild mal anschaue könnte man das (nach dem Genuss von zu viel Kaffee oder Rotwein, da sind wir wieder) auch für einen guten alten V8 Motor mit vier Nockenwellen halten, oder? 32 Ventile… “Nee nee die Wartungskosten, die Wartungskosten” diffundiert es durch mein noch nicht ganz auf touren gekommenes, vom Badezimmerradio abgelenktes Gehirn. Aber nochmal nee nee. Genau so wie ein Zahnriemen nur alle 100.000 Kilometer gewechselt werden muss schlägt der Hersteller vor, den Scherkopf alle 18 Monate zu tauschen. Und das betrifft Menschen, die sich damit jeden Morgen rasieren. Bei mir hält der sensende Aufsatz also theoretisch bis ins Jahr 2025, bevor ich ihn tauschen muss ;-) So lange tut es auch gefühlt der Akku… 50 Minuten Dauerbetrieb und aufladen ohne Memory Effekt. Das sind ja schon fast Smartphone Werte.

Haarige Zeiten

Technik, die begeistert

Ich hoffe, die Jungs von BRAUN wissen, was sie sich da für einen Kasper eingekauft haben, als sie mir den Series 9 schickten. Denn wenn ich was geil finde dann texte ich auch fröhlich einen Artikel darüber, solchen Quatsch wie versteckte Werbung oder stumpf gekaufte Links zu Onlinecasinos überlasse ich einigen von den Bloggern da draußen, die alles, aber auch wirklich ALLES verlinken. Jeder wie er meint, ich tausche Glasperlen gegen Wörter :-) Hihi. Okay, andererseits lässt sich tatsächlich nicht episch über den Vorgang einer Rasur berichten, die meisten von Ihnen werden wissen was da passiert. Mein Bart sieht heute wieder gut getrimmt und dreitägig aus, auch damit wirbt die Serie 9… “An 3-Tage-Bärten getestet” Schauen Sie mal, hier steht alles genau drin: KLICK Demnächst steht da bestimmt auch noch der Zusatz “Sandmann Approved”, und die Verkäufe gehen durch die Decke :-D So was jetzt, sehe ich nun aus wie der Vettel? Ich stecke den Rasierer in seine Lade-Wasch-Halte-Station, verpasse ihm damit eine gründliche Felgenreinigung und werde heute Abend mal mein halbfinnisches Fräulein Altona fragen, ob ihr was auffällt. Ich seh’ ja auch immer nicht, wenn sie beim Friseur war, jetzt kann ich mir mal einen einzelnen Punkt zurück holen.

Haarige Zeiten

Nicht mehr ganz so verwahrlost

Fasse ich mal zusammen: Sie haben noch kein Weihnachtsgeschenk? Dann wird es Zeit, und dann machen Sie zumindest den Mann an Ihrer Seite (oder sich selbst, Mann kann sich ja auch mal selbst beschenken) mit diesem kleinen elektrischen Freund glücklich. Die Preise variieren im Netz erheblich, es gibt anscheinend auch noch Geräte mit geringerer Ausstattung. Aber den hier finde ich gut, und dass er wasserdicht ist begeistert mich von Minute zu Minute mehr :-) Und wenn Sie den tatsächlich kaufen gibt es momentan auch noch eine 50-Euro-Geld-zurück Aktion, und *schwupps* rutscht High Tech sogar in bezahlbare Dimensionen. Die Teilnahmekarte dazu hab ich mal HIER hinterlegt, ich Guter, ich. Und nun bin ich doch ein bisschen fasziniert wie viel man über Barthaare schreiben kann. Ich hole das demnächst mal mit dem Thema Kaffee durch, darüber könnte ich NOCH mehr schreiben. Fragen wir mal Herrn Vettel, der sich so glatt rasiert wie nie zuvor gibt:

Haarige Zeiten

Sebastian Vettel

Anzug sitzt perfekt, und das Kinn scheint auch nicht mehr zu pieksen. Dagegen habe ich glaube ich wenige Chancen. Allerdings bin ich auch kein erfolgreicher Rennfahrer und dreifacher (oder vierfacher?) Formel 1 Weltmeister, schon ein bisschen älter als der Waschtl und irgendwie… hm… vielleicht WILL ich ja auch gar nicht wie er aussehen. Moment…

Sandmann

Sandmann

Joar passt schon. Und jetzt lasse ich die Stoppeln wieder wachsen und trimme fein die Kanten. Und sorge ab sofort dafür, dass ich zumindest auf den Fotos nicht mehr so abgerockt und verwahrlost aussehe, dass die Hersteller von Rasierapparaten mir freundliche Carepakete schicken :roll: So oder so danke! an BRAUN! Aber auch wenn es jetzt mal nicht der klassische Themenbereich war – erzählen Sie mir doch mal, womit Sie sich rasieren. Wie oft. Und wann. Ich lerne gern dazu, und es wäre ja nicht das erste mal, dass wir hier in thematisch ausufernde Dimensionen abgleiten :-)

Sandmann

Read more

Created Mittwoch, 10. Dezember 2014 Tags 9090cc | braun | BRAUN Series 9 | Fremde Federungen | rasierapparat | Rasierer | Test Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
01 Dec 2014
Zu den Favoriten hinzufügen   Jens Tanz  

Be M Wirkungsgrad

Be M Wirkungsgrad

Broccoli für das Kind der 80er

Der Tach beginnt trüb. Mein vinylbedachter Dottore steht bei ZauberSchrauber Menzel in Kiel, in freudiger Erwartung neuer Ventilschaftdichtungen und einer endlich mal vernünftigen Grundeinfummelung des störrischen Zenith Doppelvergasers. Damit der ENDLICH, nach zwei Jahren, mal sauber läuft und kein Öl mehr frisst. Der vieräugige Benz, normalerweise zuverlässig rettender Alltagswagen, ist gemeinsam mit meinem halbfinnischen Fräulein Altona über Land in Richtung Lüneburg auf und davon. Ich bin also heute mal in Kiel mit meinem Fahrrad unterwegs, was sportlich aber nicht wirklich cool ist. Lichtblick: Ein heißer Kaffee bei Lieblingsoptiker Alex in der City, ein paar Benzingespräche und…. dann klingelt mein Telefon. Auf dem Display steht 1A Autoservice Menzel. Das ist nicht gut, das ist um diese Uhrzeit gar nicht gut.

In der Tat, das ist nicht gut.

Ich hab kurz Druckluft angesetzt, um die alten Schaftdichtungen rauszudrücken, und dann ist mir der komplette Ausgleichsbehälter von deinem Kühlwasser um die Ohren geflogen. Die Werkstatt ist geflutet. Ist dir klar, dass deine Zylinderkopfdichtung komplett durch ist? So durch, dass die Kolben vom Kühlwasser schon blank gewaschen sind?” Nein. Das war mir nicht klar :-( Ich setze mich auf mein Fahrrad, um mir das anzugucken…..

Be M Wirkungsgrad

Neiiiiiiiiiiin…

GNAH :-(:-(:-( Und jetzt? Mal schnell hinstellen, die Schaftdichtungen bis heute um 15:00 Uhr neu machen und den Vergaser sauber einstellen… äh… scheint jetzt nicht mehr so ganz in den ursprünglich abgesteckten Zeitplan zu passen. Verdammt. Die Kopfdichtung des 2-Liter Vierzylinders ist an mindestens zwei Stellen durch. Ob ich das denn nicht bemerkt hätte, der Wagen würde nennenswert Kühlwasser mit verbrannt haben, so wie die Kolben und die Laufbuchsen aussehen…. :-( Und noch ein trauriges Gesicht :-( und gleich noch eins :-( Ich habe zwar hier und da mal einen Schluck Kühlwasser nachgekippt, aber DAS war mir in diesem Umfang nicht klar. Scheiße. Und jetzt? Joar. Klare Ansage. Neue Kopfdichtung und Kopfschrauben bestellen. “Und sag mal, dein Zahnriemen… wie alt ist der? Da sind überhaupt keine Zähne mehr drauf, sowas hab ich noch nie gesehen… dass der überhaupt noch gelaufen ist…” Äh. Zahnriemen? Ich dachte immer der hat eine Steuerkette? Ich habe mich deshalb da nie drum gekümmert… “Nein, das hier, … also dieser poröse abgefledderte Zottel…. das ist definitiv ein Zahnriemen!” Ogottogott. Ich habe mich tatsächlich lange nicht um dieses Auto gekümmert, geschweige denn mich mal mit den Grundlagen seiner Technik befasst. Okay, den Zahnriemen und die Umlenkrolle auch noch neu. Und dann gleich auch noch die Riemen für die Servopumpe und die Lichtmaschine, die sehen genau so schlimm aus.
Bis die Teile da sind und alles wieder zusammengebaut ist wird es eine Woche dauern, das hat niemand lagerhaltig… Keine Chance, den Wagen heute fertig zu machen. Keine.

Be M Wirkungsgrad

Sportlich, aber zum falschen Zeitpunkt

Ich fahre wieder Fahrrad. Wieder und noch immer. Und ich stehe vor einem Berg an Problemen. Einem weiteren. Mittelfristig gibt es keinen schlechteren Zeitpunkt für diesen Umfang der Audi-Havarie hier in Kiel, denn der Benz ist wie beschrieben noch für zwei Wochen mit meinem halbfinnischen Fräulein Altona im täglichen Pendelverkehr zwischen Hamburg und Lüneburg – den kann ich nicht nehmen. Kurzfristig erwartet mein kleines, viertelfinnisches Sandmädchen mich heute Nachmittag pünktlich in der KiTa. Das bekomme ich wohl mit der Deutschen Bahn irgendwie hin, aber was mache ich morgen? Und übermorgen? Ich kehre resignierend zu Alex ins warme Geschäft zurück, trinke noch einen Kaffee mit ihm und schimpfe vor mich hin. Über das Schicksal als solches, schlechte Zeitpunkte im Allgemeinen und zu wenig Geld für zu viele Reparaturen im Besonderen. “Du, mein Eta steht im Moment eh nur rum, der ist vollgetankt. Nimm den doch...” Ups? Einfach so? Das Heiligtum mit der Feinrost-Motorhaube? “Ja sicher. Ist aber drinnen nicht aufgeräumt. Ich fahr dann halt ein paar Tage mit der Vespa.” Ui. Das ist krass. Zum einen, weil der Alex und ich uns zwar schon ein bisschen länger kennen, aber eigentlich gar nicht so richtig gut. Zum anderen, weil ich mit den bayerischen Stufenheckschleudern aus den 80ern bisher nix am Hut hatte und gar nicht weiß, worauf ich mich da einlasse… “Meine Liebste gibt dir den Schlüssel. Räum den Kram der da überall rumliegt einfach nach hinten. Im Cockpit ist der Akku alle, der Verbrauchsmesser spinnt ein bisschen. Ignorier den einfach. Ansonsten fährt er sich fein.
Und ich radel aus Kiel raus, meiner ersten 3er BMW Erfahrung entgegen.

Be M Wirkungsgrad

irgendwie… besonders

Ich gebe zu, ich fand den immer doof. In den 80ern war der irgendwie langweilig, in den 90ern peinlich (er erfüllte in jedem zeitgenössischen Sketch das “Alda – Dreier BMW weissu?” Klischee junger Türken, die den Wagen gern ein wenig… nun… aufgewertet hatten) und danach habe ich ihn aus den Augen verloren. Es gibt so unfassbar viele Autos. Jetzt stehe ich vor einer klassischen Stufenhecklimousine mit vier Türen, einer langen Motorhaube und einem echten Kofferraum. Das allein schon lässt mich diesen Millionenseller ein ganz klein wenig ins Herz schließen. Außerdem rettet er mir gerade den Arsch, das macht ihn mir sympathisch und dafür schenke ich ihm einen Strauß Broccoli. Dieser Be Em We ist nicht nur irgendein Reihensechser, der mir an die Hand gegeben wurde – es ist ein 325e. Hinten mit e. Das steht für eta. Eta ist nicht etwa die Tankansage, dass hier nur ETAnol reingekippt werden darf. Es ist auch keine bayerisch-überhebliche Tröterei wie “l’eta c’est moi” oder so. Und Kalauer werden auch nicht besser, wenn man sie völlig falsch schreibt. Klugscheiß-Modus an: Der griechische Buchstabe eta (η) steht in der Physik für den Wirkungsgrad, also das Verhältnis aus dem, was ich an Energie -> reinstecke und dem, was ich am Ende wieder <- rausbekomme. Ein eta von 1 (Energiemenge -> rein geteilt durch gleiche Energiemenge <- raus) wäre also perfekt. Wir alle wissen, dass das nicht geht. Aber trotzdem heißt die Karre so.

Be M Wirkungsgrad

Er sagt, der Akku ist alle

Hier geht noch ein bisschen mehr nicht als nur ein Wirkungsgrad von 1. Das 80er Jahre Cockpit beherbergt einen kleinen Akku, der inzwischen nicht nur mausetot, sondern auch ausgelaufen ist. Ih gitt. Sein Ableben hat die Funktionalität der Verbrauchsanzeige lahmgelegt und den bunten Pacman-Inspektionsbalken fast komplett beleuchtet. Das zusammen mit einer gebrochenen Lötstelle (welche die Bremsverschleißanzeige immer mal sporadisch in Linkskurven aufleuchten lässt) sind aber laut Alex die einzigen Fehler in dem ansonsten technisch kerngesunden Auto.
Er hat den Wagen für lächerlich wenig Geld gekauft, ein paar Rostlöcher zugeschweißt, dem Motor neue Lager spendiert und den bordeauxroten alten Herren (extrem schöne Farbe) direkt über die HU gebracht. Wenig Aufwand, großer Wirkungsgrad. Das sagte man auch damals dem Motor nach, der aus seinen fetten 2.7 Litern Hubraum nur niedrig verdichtete 122 PS schöpft. Das bedeutet viel Druck von unten bei geringem Verbrauch, und das mit dem Komfort einer sechszylindrigen Reiselimousine. Geht durchaus mit acht Litern durch die 100 Kilometer, sagt Alex. Ich bin gespannt. Deshalb also eta. Alles ist schön rot beleuchtet hier drin, fast wie in meinem Audi V8 damals. Cool. Und er hat ein Panel oben im Dach, über das der Bordcomputer alle lebenswichtigen Organe einmal checken kann. *hach* die 80er. Wenn es nach Roboter und Enterprise aussah, war es sofort cool und teuer :-)

Be M Wirkungsgrad

Captain an Brücke, alles okay?

Ein BMW ist ein BMW ist ein BMW. Ich hatte wie gesagt nie einen, nur einmal bin ich für zwei Wochen mit dem neuen 7er Flagschiff durch das Land gefahren – aber das hat mir die Marke nicht wirklich und endgültig ins Herz tätowiert, zumal der Kasten mehr gekostet hatte als ein Einfamilienhaus am Stadtrand von Kiel. Die Bayern hatten mir allerdings nie was getan. Es hat sich schlicht nie ergeben, das ist bei mir wie mit der Marke Opel. Alles fein, alles okay, ich hatte aber noch nie einen. Gründe gibt es dafür keine. Jetzt sitze ich in der angekündigt unaufgeräumten Karre, habe ein paar Bierdosen, Kleingeld und Kontoauszüge in die hinteren Fußräume gebaggert und überlege kurz, ob es total peinlich ist, wenn ich jetzt los will und nicht weiß, wie der Rückwärtsgang reingeht. Uff. Das Cockpit ist bmw-mäßig um mich rum gebaut, ich sitze bequem und tief drin in einer sportlichen Welt aus Plastik und bunten Lampen und vor mir ist eine echte Motorhaube. Eine sehr verrostete, aber das ist gewollt, das ist noch von Örg’s Feinrost Partyim Sommer… Alex hat die originale noch in seiner Halle stehen. Sagt er. Die analoge Uhr tickt, das neuere Radio blinkt und bummst und alles strahlt eine stoische Zuverlässigkeit aus. Schräg. So gut können sich die 80er anfühlen.

Be M Wirkungsgrad

tatsächlich heute wieder sexy

Ein Dreh am Schlüssel, und der Sechszylinder erwacht zum Leben. Erst ein bisschen störrisch, er stand lange, aber nach ein paar Sekunden sauber und rund. Reihensechser eben. Glück gehabt, das mit dem Rückwärtsgang hat sich nicht als Problem erwiesen, ich habe ihn intuitiv gefunden :-) Und los geht’s. Mein Fahrrad lasse ich bei Alex in der Einfahrt stehen, bis ich den Wagen wieder abgebe. Irgendwann. Jetzt will ich erstmal schnell nach Hamburg, das kleine Sandmädchen wie verabredet aus ihren Bauklötzen zerren. Erster Gang, zweiter, dritter. Er fährt sich so, wie sich ein Auto fahren sollte. Quer durch Kiel, kurz vor der Autobahn ist er auch schon warm und schnurrt wie ein Uhrwerk. Nein. Er sirrt eher wie eine Turbine! Haben Sie mal diesen sagenhaften Motor mit seinen sechs Töpfen sirren gehört? Heulend knurren? Dieses Geräusch macht sonst keine andere Maschine. Geil. Da leuchtet auch schon die Bremswarnlampe auf. Moin. Ab auf die Bahn, vielleicht wird dieser Tag ja doch noch mein Freund.

Be M Wirkungsgrad

uiuiui das macht ja richtig SPASS!

Yayyyyy ist das ein cooles Fahren! Der Wagen liegt deftig straff auf der Straße, was an den Koni Gelb liegt, wie Alex auf Nachfrage per sms erzählt… Die hatte der Vorbesitzer sich wohl noch gegönnt. Schon wieder seltsam, denn mit dem BMW 325 haben die typischen Herrenfahrer damals eigentlich ihre Lederhandschuhe abgelegt und sind gleich ab Werk ins sportliche Image eingetaucht. Es war ihm wohl noch nicht sportlich genug, dem Herrn Vorbesitzer. Ich fühl mich fast wie in einem GoKart :-) Und da ist er dann auch endlich, der eta. Der Grund für das e in der Typenbezeichnung. Im Standgas fährt das Auto gefühlt schon 80, und auch bei höheren Geschwindigkeiten bemüht sich der Drehzahlmesser nur träge in Richtung der 3000. Bei 4500 beginnt sogar schon der rote Bereich. Daher also der recht geringe Verbrauch, wer nicht viel drehen muss der muss auch nicht viel zünden. Okay. Geht auf. Bei 140 zuckt dann auch plötzlich die Verbrauchsanzeige runter auf Null, und die Inspektionsanzeige geht wieder ganz aus. Lustig. Glaube keinem hier. Doofer kaputter Akku im Instrument, der.

Be M Wirkungsgrad

Drehzahlen wie beim Diesel

Es braucht keine 10 Kilometer, und ich habe mich komplett an den BMW gewöhnt. Nach weiteren 10 fühle ich mich wie zu Hause, und auf der A7 kurz hinter Neumünster beschleicht mich dieses unangenehme Gefühl, ich wolle vielleicht auch mal so ein Auto haben. Kennen Sie das? Das passiert mir immer wieder, aber es ist auch nicht schwer, mein automobiles Herz zu erobern. Mist. Nein nein ich nehme den jetzt erstmal dankbar als Leihwagen, bis der Dottore wieder fahrtauglich ist, und dann volltanken und etwas aufgeräumter wieder zurück zum Alex. Jetzt kommt auch noch gute Musik im Radio. Argh. Auch das ist ein Phänomen, was ich irgendwann mal ergründen möchte. Mit der richtigen Musik ist eine Autobahnfahrt wie ein kleiner Roadmovie, und das betreffende Auto wächst ein wenig fester ans Herz als geplant. Das geht auch bei einem absoluten Un-Auto, wenn die Musik stimmt. Und dieser eta ist alles ander als ein Un-Auto… Verdammt verdammt. BROOOOOOO siiirrr

Be M Wirkungsgrad

schnell dran gewöhnt

Puh. Wer hätte heute Morgen gedacht, dass der Tag am Steuer eines BMW 325e endet? Ich nicht. Ein Rest schlechte Laune ist noch immer da, denn ich habe heute bei weitem nicht alles geschafft, was ich schaffen wollte und zu viel Zeit auf dem Sattel meines Fahrrades verbracht. Außerdem habe ich so eine Ahnung, dass ne neue Kopfdichtung, neue Ventilschaftdichtungen, ein neuer Zahnriemen mit Umlenkrolle und neue Treibriemen für LiMa und WaPu bei einem 38 Jahre alten Auto (sorry, einem AUDI) nicht für den Preis einer Kinokarte zu bekommen sind. Zumal der Einbau von Menzels Fachwerkstatt gemacht wird, fein auf Rechnung, also zum ganz normalen Kurs. Aber das ist eine andere Geschichte. Ich komme heute pünktlich zur KiTa, musste nicht mit der Bahn fahren und bin um eine erste Erfahrung reicher: Den Dreier BMW. Nix weissu? Der Kahn ist cool. Ich spritze noch mal bei entspannten 120 Sachen Wischwaschwasser auf die Scheibe und wunder mich darüber, dass kein Wischwaschwasser kommt? Hm? Nochmal. Suuurrrrrrr. Nix. Huch? Rechts ran und mal nachschauen. Oh. Okay, eine Sache hatte der Alex wohl noch vergessen zu erwähnen :-) Das Schlauchgewirr ist wegen der Feinrost-Haube abgeklemmt, ich hab jetzt eine schöne Motorwäsche gemacht. Als ich ihn anrufe fällt es ihm auch spontan wieder ein ;-) Egal. Peanuts.

Be M Wirkungsgrad

Blumen für den eta

Er hat sich diesen Broccoli wirklich verdient. Wann haben Sie Ihrem Auto zuletzt einen Broccoli spendiert? Na? Sehen Sie. Ich ordne nun auf den verbleibenden Kilometern noch ein paar Gedanken im Kopf. Wie ich dem Alex meinen Dank für seine Selbstlosigkeit aussprechen kann, was wohl mein halbfinnisches Fräulein Altona zum temporären Neuzugang sagt, wie mein kleines Sandmädchen den Wagen findet und welche Bank ich morgen überfalle, um die unplanmäßige Ausgabe für den alten Audi 100, die seinen Gesamtwert wohl übersteigen wird, zu bezahlen. Aber ich habe ja noch ein paar Tage Zeit. Zeit mit einem Auto, das ich noch vor 10 Jahren nicht mit dem Arsch angeguckt habe. So ändern sich die Zeiten. Oder werde ich etwa altersmilde? Coole Kiste. Und weiter geht es im Karussell des Alltags.

Sandmann

Read more

Created Montag, 01. Dezember 2014 Tags 525e | 80er | BMW 325e | bmw e30 | e28 | eta | Fremde Federungen | Heimwärts Highways | Reihensechser | Sechszylinder | Wirkungsgrad Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
28 Nov 2014
Zu den Favoriten hinzufügen [1 Benutzer]   Jens Tanz  

Pausen-ROT zum Abi

Pausen-ROT zum Abi

Damals Internat – heute Fielmann Akademie

Das flache rote Auto ist ein Fremdling in der beschaulichen Kulisse von Plön, Schleswig-Holstein. Der Herbst hat sich über den Schlossberg gelegt und bedeckt mit trockenen Blättern die Kleinstadtidylle. Man fährt hier VW Passat, 5er-BMW oder E-Klasse in gedeckten Farben. Die Welt ist einigermaßen in Ordnung, solange das Abendbrot rechtzeitig auf dem Tisch steht. Enno und ich haben uns seit dem Abi nicht mehr gesehen, also seit 1990. Heute treffen wir uns für eine Fotostory über seinen Chrysler 300 2-Door Convertible, aber nicht irgendwo. Sondern in eben diesem Plön, wo wir die Schulbank gedrückt haben, wo er Internatler war und wo das Leben als Erwachsener losging, bevor wir hart und schmerzhaft da landeten, wo wir heute sind.

Pausen-ROT zum Abi

Fremdkörper, Rebell

Der langsam den Berg hoch kriechende “Three Hundred” wirkt wegen eben dieser Beschaulichkeit der Gegend hier ein wenig deplatziert. Er ist riesengroß, laut, bunt und in jeder Hinsicht unvernünftig. Kurz: Er passt zu Enno. Der Projektentwickler baut eigentlich schöne Häuser in der Innenstadt von Hamburg und ist schon längst dem Backsteinklinker der Holsteinischen Schweiz entwachsen. Aber heute fahren wir beide zurück an den Ort, wo seine Sozialisierung begann, lange bevor er richtig erwachsen wurde: ins Plöner Internat. Internatsleben bedeutete, das damalige Internat Schloss Plön mit 160 mehr oder weniger wilden Menschen Tag und Nacht zu teilen, sich anzupassen oder die richtigen Lücken zu finden. Gewohnt wurde im Schloss, unterrichtet im fußläufig erreichbaren, altehrwürdigen Gymnasium unten am See. Da bin ich dann auch selbst als “Stadtschüler” immer gewesen. Im Schloss herrschte ein fest vorgegebener beaufsichtigter Tagesablauf, streng getrennt von den Mädchen drüben im zierlichen Prinzenhaus (zumindest theoretisch), und immer mit dem Leistungsdruck des zu erreichenden Abiturs 1990 im Nacken. Nicht alle haben das gepackt.

Pausen-ROT zum Abi

Vorfahren wie die Vorfahren. IN einer offenen Kutsche

Vielleicht waren es diese engen Schubladen, die Enno schon immer zu Fahrzeugen greifen ließen, die eine Seele haben. Sein erstes Auto noch während der Schulzeit war ein BMW 1602, der wohl die Liebe zu langen Motorhauben verursachte. Es folgte ein Mercedes W123, danach nur noch Firmenwagen wie Golf IV und 3er BMW (er nennt es “Neuwagengekröse”). Fünf Jahre nacheinander trieb er sich auf den Street Nats in Hamburg herum und war begeistert von der Kraft, der Größe und der Lautstärke der alten Dinosaurier – irgendwie musste es nun endlich mal ein Ami sein. Diese Gedanken sind mir sehr vertraut, bei mir wurde es erst ein Ford LTD und dann ein Cadillac Eldorado. Aber heute geht es um Enno.
Die bei norddeutschen Querdenkern begehrten Klassiker Dodge Challenger und Charger Baujahr 1968/69 rangierten preislich schon an der Oberkante des Machbaren und schossen über den Orbit hinaus, als der Wunsch seiner lieben Ehefrau auf den Plan kam, es möge doch – wenn überhaupt – bitte ein Cabrio werden. Enno rückte also den Focus auf ein Mopar-Fullsize-Car und verliebte sich immer mehr in den seltenen 300. Mit dem C-300 warf Chrysler 1955 sein leistungsstärkstes Modell mit dem schweren “New Yorker” als Basis auf den Markt. Der Hemi-V8 entwickelte die namensgebenden 300 PS und war das stärkste amerikanische Serienfahrzeug der damaligen Zeit. Seitdem verwendeten die Jungs aus Michigan jedes Jahr einen anderen, aufsteigenden Buchstaben als Modellbezeichnung, was der Serie den Beinamen “Letter Cars” gab. Ab 1962 baute man parallel ein preiswerteres Einstiegsmodell mit anderen Motoren und weniger Ausstattung auf Basis des leichteren Chrysler Windsor. Diese Fahrzeuge erkannte man daran, dass sie diese Buchstaben nicht in ihren Modellbezeichnungen trugen und nannte sie bis 1971 die “Non letter series. Nur im Modelljahr 1968 hatte der Three Hundred die markante spitze Nase und die “hidden head lamps – so einer sollte es für Enno werden.

Pausen-ROT zum Abi

Plätzchen mit guter Aussicht

Gesucht – gefunden, ein beauftragter Importeur ließ vor Ort in den USA ein (leider sehr oberflächliches) Gutachten erstellen und kaufte den Wagen von einem namenlosen Hobbyhändler. Der Chrysler 300 2-Door fand im November 2011 seinen Weg über Lille nach Deutschland, die historischen Papiere leider nicht. Sie flattern noch immer irgendwo zwischen den USA und Frankreich herum – schade. Trotzdem konnte die riesige rote Wanne schnell auf den deutschen Straßenverkehr umgerüstet und zugelassen werden und schrieb schon bei ihrer ersten Ausfahrt Geschichte: Die Verabredung mit einem Freund aus der Mopar-Szene zur gemeinsamen Fahrt an die Oldtimer-Tankstelle in Hamburg endete während eines unachtsamen Moments mit einem heftigen Auffahrunfall, bei dem der Chrysler den Wagen des Freundes am Heck brutal kaltverformte – was für ein ungewöhnlicher Saisonauftakt. Aber der Three Hundred passt eben genau wie sein Besitzer in keine Lücke…

Pausen-ROT zum Abi

Heute – alles anders

Lücken finden ist heute genau so schwer wie damals. Das den Schlossberg erklimmende amerikanische Automobil ist mit seinen 5,6 Metern Länge hier oben genau so wenig anpassungsfähig wie damals sein Fahrer. Und der ehemals recht liberal geführte Internatsbetrieb mit permanentem Partypotenzial auf dem Innenhof ist den strengen Hausregeln der Fielmann-Akademie gewichen – ja genau, die mit den Brillen. Als der hämmernde Chrysler vor dem gewaltigen schmiedeeisernen Tor zum Stehen kommt, werden wir sofort von zwei Kameras focussiert und rufen zwei freundliche, aber entschlossen guckende Herren der Security auf den Plan. Sie bedeuten mit wenigen Worten, dass es wohl eher unwahrscheinlich sei, dass wir hier eine Fotogenehmigung bekämen. Wie? Fotogenehmigung? Der Typ neben mir hat hier mal GEWOHNT! Ups… Aber: Das auffällige Auto, eine gewisse charmante Wortgewandtheit und die Tatsache, dass TRÄUME WAGEN hier oben im vergangenen Sommer im Rahmen der Aircooled Classics eine viel beachtete Rallyeetappe eingerichtet hatte, öffnen überraschend dem Ex-Internatler Enno und seinem 300 Convertible das Tor. Sowie auch die normalerweise abgeschlossene grobgliedrige Kette, hinter der ein Ehrenparadeplatz liegt.

Pausen-ROT zum Abi

Da darf man sonst nicht mehr hin…

Der Big Block ballert tief, sein Bass hallt von den reinweißen Schlosswänden wider. Zwischen diesen ehrwürdigen Mauern brennt das rote Auto fast schon in den Augen. In den beiden Wintern nach dem Kauf hat Enno diverse Umbauten und Verbesserungen in Auftrag gegeben: Der Unterboden wird eisgestrahlt, einige kleine Durchrostungen geschweißt und das fertige Werk korrosionshemmend beschichtet. Das gesamte Fahrzeug, alle Falzkanten und sämtliche Hohlräume sind mit dem Timemaxx-Fett-Verfahren großzügig versiegelt worden – hier und da kleckert die zähe, dauerelastische Masse sogar ein bisschen raus. Ein altes Auto muss in seinen Augen nicht hundertprozentig schön aussehen und verträgt gut ein bisschen ehrliche Patina – aber es muss zu 100 Prozent funktionieren.

Pausen-ROT zum Abi

Kein Motor. Eher ein Triebwerk.

Der Motor wird auf kontaktlose Zündung von Mallory umgerüstet und erhält komplett neue Schalldämpfer, ein Hochleistungskühlernetz und einen Ölkühler. Die Blattfedern werden ausgetauscht und die Sitze neu aufgepolstert. Jeder, der schon einmal ein amerikanisches Auto restauriert hat, wird ein Lied von den schwer zu reparierenden und so gut wie nicht zu bekommenden Instrumenten singen können. Allein um den Tageskilometerzähler wieder in Betrieb nehmen zu können, muss Enno sieben (!) komplette Kombiinstrumente kaufen. Die analoge Uhr tickt wieder, das Licht wird in diesem Zuge gleich auf Relaissteuerung umgebaut. Ein paar Zusatzinstrumente, die Auskunft über die Motorbefindlichkeit geben, finden den Weg auf die Mittelkonsole.

Pausen-ROT zum Abi

Eine Menge Lebensraum

Das originale Acht-Track-Radio hinterlässt momentan ein großes Loch im Holzfurnier, es befindet sich noch auf dem OP-Tisch. Überhaupt macht die Elektrik manchmal, was sie will, das wird im nächsten Winter mit einem komplett neuen Kabelbaum beseitigt. Der Oldtimer-Spezialist Nils Rademacher und sein Team von “United Cars” in Henstedt-Ulzburg bei Hamburg helfen Enno bei allen Arbeiten, denn es fehlt dem Familienvater knapp 25 Jahre nach seinem Abitur in Plön ganz klassisch an Zeit und Platz, die Dinge selbst zu richten.

Pausen-ROT zum AbiPausen-ROT zum AbiPausen-ROT zum Abi

Diese Zeit verbringt er lieber so viel wie möglich fahrend mit dem Chrysler, auch bei schlechtem Wetter. Nur Schnee und Salz bekommt das Full Size Car nicht unter die Puschen. Bei herrlichem Wetter macht dafür auch gern mal die ganze Familie einen schönen Ausflug mit offenem Dach. Und die Kaffeepausen werden dann so getaktet, dass der Motor nicht heiß gestartet werden muss. Das mag er nicht, da spielt er manchmal nicht mit… Also lassen wir ihn lieber laufen, während wir auf diesem für uns persönlich sehr geschichtsträchtigen Hof stehen und er mir all diese Geschichten erzählt. Schloss Plön. Krass, was aus dir geworden ist. Damals hab ich meinen verrosteten Taunus hier oben direkt neben den anderen Karren geparkt, bin hoch aufs Zimmer zu Heiko, und wir haben Gitarre gespielt und Baileys getrunken. Dem Gebäude selbst tut der neue Besitzer sicherlich sehr gut. Aber dieser Schleier der unantastbaren Erhabenheit ist irgendwie ungewohnt…

Pausen-ROT zum Abi

Noch mal eine da rauchen, wo er es immer gemacht hat

Enno zeigt vom Hof des Internats auf das Zimmer, in dem er seine Jahre verbracht hat, und raucht noch eine Zigarette auf der Mauer. Dort, wo er es damals auch immer gemacht hat. Hier und da gab es Ecken, in denen das geduldet wurde. Da sind sie wieder, die Lücken. Der Chrysler läuft weiter im Standgas, lieber jetzt nicht ausmachen, die Security guckt schon ein bisschen nervös und wir sollten langsam trotz aller entgegengebrachter Toleranz wieder verschwinden. Unser zweites Ziel ist eine Non-Letter-Hommage. Wenn dem Chrysler selbst schon der Letter fehlt, dann fahren wir jetzt dorthin, wo uns früher die fehlenden Buchstaben gelehrt wurden: ins Gymnasium Schloss Plön.

Pausen-ROT zum Abi

Wenn die Klingel schellte war die Freizeit vorbei

BÄM. Flashback. Hinter diesen Mauern habe ich gelernt, geträumt und geflennt. Ich habe Klopapier geraucht und bin erwischt worden, ich habe Matheklausuren verkackt und verärgert den Mülleimer durch den Flur geschossen. Ich war verknallt, mal unglücklich, mal glücklich, wie Teenager das eben so sind. Enno scheint seine ganz eigenen Gedanken zu haben und ist recht schweigsam. Draußen auf dem Schulhof ist alles anders als früher. Während das Triebwerk im Stand weiter Superbenzin verbrennt und von den Backsteinwänden des Altbaus und dem Sichtbeton des Neubaus widerhallt, läuft er über den Kies bis runter an den See. Unser hölzerner Marterpfahl mit der Inschrift “ABI 90″ ist weg – wo er mal war, steht nun eine Art Wellblechbude: die neue Turnhalle. Das traditionsreiche, symbolträchtige Stück Holz soll noch jahrelang ausgebuddelt im angrenzenden Wald gelegen haben, inzwischen dürfte es dem Wurmfraß zum Opfer gefallen sein. Enno krabbelt zurück in den 300 und lässt das elektrische Dach hochsurren. Inzwischen finde ich hier ALLES symbolhaft, auch das.

Pausen-ROT zum AbiPausen-ROT zum AbiPausen-ROT zum Abi

Enno fährt seinen Chrysler auf das schwarze Pflaster in die “Oberstufenecke”, wo immer die Großen standen und geraucht haben. Und raucht seufzend gleich noch eine weitere Zigarette. Vielleicht auch zwei. Die große runde Uhr über dem Haupteingang tickt gnadenlos und unmissverständlich. Sie kündigt auch heute noch den Beginn des Unterrichts an, das Ende der Pause und irgendwann für jeden auch das Ende der Schulzeit. Danach beginnt der Ernst des Lebens. Damals wussten wir noch nicht, was alles auf uns zukommen wird. Wäre es so gewesen – hätten wir etwas geändert? Ich weiß es nicht. Gut, dass sowas nicht möglich ist. Das ist alles ganz schön lange her hier, und irgendwie zerrt das an uns. Egal, Posingbilder gehen immer.

Pausen-ROT zum Abi

Einmal noch die Schulbank drücken? Ach, nö lieber nicht.

Der Mann, mit dem ich zur Schule gegangen bin blickt, von Pathos ergriffen, auf sein Auto. Das steht jetzt hier vor einer sich ständig verändernden Kulisse, die er mit der schönsten Zeit seines Lebens in Verbindung bringt. Tatsächlich erinnert hier nur noch wenig an unser damaliges Dasein. Neue Generationen haben den Platz erobert und neue Bedürfnisse haben bauliche Veränderungen bewirkt. Und das ist auch alles gut so, wer sind wir denn, dass wir immer nur der Vergangenheit nachhängen würden? Es tut gut, den eigenen Erinnerungs-Schauer mal direkt auf jemand anderen und sein dickes Auto transponieren zu können. Denn es geht immer weiter – und mit einem solchen Traumwagen vielleicht sogar ein wenig gelassener.

Sandmann

Technische Daten
Chrysler 300 2-Door Convertible
Baujahr: 1968
Motor: V8 Big Block
Hubraum: 7.200 ccm (440 cui)
Leistung: 261 kW (355 PS) bei 4.400/min
Max. Drehmoment: 650 Nm bei 2.800/min
Getriebe: Dreigang-Automatik
Antrieb: Hinterräder
Länge/Breite/Höhe: 5.631/1.990/1.420 mm
Gewicht: 1.935 kg
Beschleunigung 0-100 km/h: 8,1 Sek.
Top-Speed: 190 km/h
Preis/Wert: ca. 25.000,- Euro

Original Artikel auf TRÄUME WAGEN

Read more

26 Nov 2014
Zu den Favoriten hinzufügen [1 Benutzer]   Jens Tanz  

Der Morgen danach

Der Morgen danach

Das zugewachsene Paradies

Was macht Mann an einem grauen Morgen, bei dem man nicht so richtig definieren kann, wie der gestrige Abend eigentlich so war? Definieren sowohl vom Endlich-mal-wieder-gesehen-Faktor als auch von der Menge an gemeinsam getrunkenem Rotwein? Und der Lautstärke der in die Nacht geschmetterten Lieder. Und der in Kerzenflammen aufgedampften Mücken. Eine ganze Menge undefinierbare Thematiken, ich werde mal langsam wach und komme dem Wunsch nach, meinen gebeutelten Körper in die Badestelle meiner Kindheit zu tunken. Den Oldenstädter See. Wenn es den überhaupt noch gibt.

Der Morgen danach

Ich habe schon besser geschlafen

Falls Sie erst jetzt dazuschalten, ich habe gestern Abend meine Sandkastenfreundin Silke besucht und bin nach vielen, nach sehr sehr vielen Wörtern und Noten und maximal einem halben Glas Wein :roll: irgendwann in meinen Autowagen gekrochen, um der Nacht und dem Schlafe zu huldigen. Mir wurde seitens der Mutter ein komfortables Gästezimmer mit einem richtigen Bett und richtigen Bettdecken angeboten, und es war gar nicht so leicht, ihr zu erklären, dass ich im Auto schlafen möchte. Ohne, dass es unhöflich wirkt. Aber ich schlaf nunmal gern im Auto, und das ist in diesem Jahr vermutlich die letzte Möglichkeit gewesen, das Ein-Stern-Hotel Sindelfingen ohne Heizlüfter zu bewohnen. Man gestattete es mir kopfschüttelnd und verständnislos lächelnd :-)
Die Nacht war dunkel, die Nacht war kurz und sie war vor allem – kalt! Ich habe schon wieder Patty Smyth im Ohr, die vom Sommer singt, der vergangen ist. Sie mag Recht haben. Immer noch mit dem dicken Pulli bekleidet krabbel ich kurz aus dem Daimler raus in die trübe Helligkeit, muss mich ein bisschen kalibrieren, laufe dann einigermaßen geradeaus in die Küche. Da steht ein opulent gedeckter Frühstückstisch, um den viele viele ausschließlich weibliche Menschen aller Altersgruppen sitzen, denen ich mitteile, dass ich noch ein bisschen Zeit erbitte. Ich wolle baden gehen.

Der Morgen danach

Hirn freiblasen. So oder so gut.

Wind im Gesicht. Morgenluft.
Das tut sehr gut. In Ripdorf lasse ich besagte Damenwelt, bestehend aus drei direkt miteinander verwandten Generationen, ähnlich kopfschüttelnd zurück wie nach der Ankündigung, den harten Mercedes Kofferraum einem weichen warmen Bett vorzuziehen. Im Kreis Uelzen scheint man im August pauschal nicht gern baden gehen zu wollen, wir Kieler sind da ein wenig anders gestrickt. Wir sind Wind, Regen und Kälte gewohnt. Wir finden das genausowenig toll wie andere, aber wir jammern nicht über das, was wir nicht ändern können ;-) Und ich sehe aktuell keine andere Möglichkeit, mich ins Hier und Jetzt zurück zu holen. Ändern kann ich hoffentlich den leichten, unangenehmen Druck in meinem Kopf, direkt hinter meinen Augen. Kennen Sie das, wenn es sich so anfühlt, als gingen Sie in Watte gepackt durch die Welt, während jemand versucht, mit einem Angelhaken und viel Kraft Ihr Gehirn vorn aus der Stirn rauszuziehen? Ich glaube ich darf noch gar nicht autofahren……
Hab ich gestern Nacht noch sinnentleerte SMS an die falschen Menschen geschrieben? Uff – nein, anscheinend nicht. Meine linke Hand ist müde und tut weh von viel zu vielen Gitarrenakkorden. Meine Stimme ist heiser. Und trotzdem bin ich irgendwie beseelt.

Der Morgen danach

keiner guckt zu. Also los.

Klappe auf. Strippen am Oldenstädter See. Dieses bewässerte Loch in der Erde ist die einzige mir bekannte Wasserpfütze weit und breit. Als in den 70ern der Elbe-Seitenkanal quer durch das Land gebuddelt wurde war das hier die Kiesquelle für die hohen Böschungen der Wasserstraße. Ein komplett künstlicher Baggersee mit einer kleinen Insel in der Mitte und unfassbar weißen Sandstränden, die damals viel zu tot und nährstoffarm waren, um der Natur Lebensraum zu bieten. Und das war auch gut so. Jeden Sommer drängten sich jung und alt hier und badeten, plantschten, bauten Sandburgen und ernährten sich angenehm ungesund mit all dem, was der kleine Kiosk so angeboten hatte. Ein kleines Cuxhaven in der Lüneburger Heide, ich habe es geliebt.
Schnitt.
Die gute Nachricht: Der See ist noch da. Die schlechte Nachricht: Nur mit meiner Badehose bekleidet wird mir nicht wirklich wärmer, und das hier vor mir sieht mehr wie ein naturgeschütztes Sumpfgebiet als wie der wimmelige Baggersee der 70er aus. Bis auf einen schmalen Pfad ist der komplette Strand rundrum zugewachsen mit Gräsern, Schilf und ziemlich hohen Bäumen, die verschwundene Insel schimmert nur noch trübe unter der grauen Oberfläche und der Kiosk ist zwar noch da, aber heute zu. Na klar. Ist ja auch kein Mensch weit und breit zu sehen. Egal. Ich will da jetzt rein in der Hoffnung, den Tag einigermaßen erfrischt beginnen zu können und nicht wie ein verwahrloster, nach Sprit stinkender Penner in Ripdorf am Frühstückstisch zu sitzen. Banzaiiiii!

Der Morgen danach

YAAAAAYYYYYYYYY

ARGH. Großartig! Ich bin drin.
Und ein längst verschütteter Gedanke zappt in meinen restalkoholisierten Kopf: Hier, genau an dieser Stelle habe ich Ende der 70er meinen ersten Toten gesehen. Ein junger Mann, der im Hochsommer nach ein paar Stunden Sonnenbaden reingelaufen ist und mit einem Herzinfarkt ertrank. Wir saßen quasi daneben, als sie ihn nach einer Stunde, viel zu spät, mit Tauchern rausgefischt und vergeblich reanimiert hatten. Diese tödlichen Temperaturunterschiede erfährt mein Körper heute nicht, das sehr frostige Wasser nimmt sich nix mit der ebenso frostigen Morgenluft. Aber drin sein ist super. Und rauskommen auch, denn es kann nun eigentlich nur wärmer werden ;-) Da bin ich wieder. Wenn ich vorhin diesen See mit einem kleinen Cuxhaven verglichen habe wird mir jetzt schlagartig klar, dass auch Cuxhaven vielleicht im Jahr 2014 nicht mehr zu den Top-Badeadressen der Republik gehört. Aus gutem Grund. Aber hier… wo wenn nicht hier badet man denn bitte schön, wenn man in Uelzen wohnt??? Abtrocknen, nochmal durchdeklinieren was ich damals am Kiosk alles gekauft hätte (Schnuller, Salzdiamanten, süße Frösche, Schleckmuscheln, Lakritzschnecken und das neue YPS Heft) und dann zurück an den Frühstückstisch, bevor auch der letzte Schluck Kaffee in der riesengroßen Familienthermoskanne kalt geworden ist.

Der Morgen danach

Hihi geil. 20 Jahre jünger

Ja. Besser jetzt :-) Ich kann auch nach dieser sehr angenehmen Schocktherapie keine Momente am vergangenen Abend rekonstruieren, die man peinlich berührt aufarbeiten müsste. Schade, dass alle Fotos entweder unscharf sind oder sehr stark verdeutlichen, dass wir ein paar Gläschen Wein zu viel getrunken haben. Ich musste Silke versprechen, die unveröffentlicht zu lassen, was ich gern mache, da ich selbst auch nicht sonderlich gut auf denen abschneide. Puh. Aber das Kopfweh ist noch immer da, ich gehöre zu der Kategorie Mensch, die oft erst am folgenden Abend einen richtigen Kater bekommen. Na das kann ja heiter werden.
Am Frühstückstisch, der jedem guten Hotelbuffet dramatische Konkurrenz machen kann, sitzt noch immer die Familie und plaudert, lacht und frotzelt. Seit meiner Anwesenheit dann auch gern über mich. Es ist, als wären nicht fast 30 Jahre vergangen, seit ich hier regelmäßig als Teenager aus und ein ging. Damals mochte ich allerdings noch keinen Kaffee, und da habe ich echt was verpasst. Kann ich bitte noch einen haben? Was für liebe Menschen. Ich bereue langsam ein bisschen, das Angebot mit dem Bett ausgeschlagen zu haben. Mein Rücken tut weh und meine rechte Schulter hängt irgendwie ein bisschen anders am Hals als gestern noch. Verdammt. Ich werde echt nicht jünger, warum hat mir das damals niemand gesagt?

Der Morgen danach

Die Dame schmunzelt ob des nassen Sandmanns

Silke wurde gestern Abend ein bisschen schneller betrunken als ich – heute ist sie allerdings auch ein bisschen schneller wieder nüchtern. Ich fühle mich noch immer nicht endgültig fahrtauglich (irgend jemand muss für die Statistiken mal die Anzahl der Rotweinflaschen rekonstruieren… Silke?), obwohl ich rund drei Liter guten schwarzen Kaffee in mir drin habe und mir gleich an einer Tanke hinter Uelzen für den Rückweg sicherlich noch einen weiteren holen werde. Tja. Hm. Schräger Abend, schräger Morgen. Gerade waren wir noch Teenager und hatten alles noch vor uns, und plötzlich sind wir erwachsen. Sie hat (wie sich das gehört) damals einen Jens geheiratet und lebt mit ihm und den beiden bezaubernden Töchtern im Lippischen. Ich habe keine Silke geheiratet, und es hat mich mit inzwischen drei bezaubernden Töchtern nach Kiel und Hamburg zerstäubt. In Uelzen sind wir alle nicht geblieben. Aber wir sind gern hier her zurück gekommen und werden es immer wieder tun. Wenn auch aus verschiedenen Gründen. Silke hat hier nach wie vor ihr Elternhaus und einen Teil ihrer Familie. Sie kann hier loslassen, sich mal von Mutti bekochen und die Seele baumeln lassen. Ich kann hier nur meinen Kindheitsakku aufladen. Der Rest ist weg, gehört unbekannten Menschen oder wurde eingeebnet. Aber trotzdem tut es gut, wieder einmal abgetaucht zu sein. Auch in das Wasser des O-Sees. Mit diesen Eindrücken kann ich nun wieder nach vorn gucken.

Der Morgen danach

Ciao Freundin. Bis bald mal.

Seit 1983 nicht mehr da. Und trotzdem irgendwie immer noch. Wenn ich Silke wiedersehe, auch wenn ich mich mal mit meinen guten Freunden Markus und Olaf in der Vorweihnachtszeit treffe ist alles wie immer. Wie früher. Woran liegt das? Was macht eine Freundschaft so besonders, wenn sie schon in der Grundschule begonnen hat und sich mit mehr oder weniger langen Pausen bis heute hält? Ist es das natürliche Vertrauen, was Kinder einander entgegen bringen und was sie später gegenseitig nicht so leicht brechen? Ist es die Einbildung, dass sie alle immer noch da sind, die einem vorgaukelt, dass sich gar nicht so viel verändert hat und man nicht so schnell altert wie alle behaupten? Oder ticke ich vielleicht nur allein so, denn die anderen drei leben ja hier immer noch, haben ihren Alltag und ihre Freuden und ihren Kummer und nicht diesen Zauber der für immer vergangenen Kindheit, der mir als “Vertriebenem” hier diesen sehr emotionalen Schleier über die Gegend legt? Ich weiß es wirklich nicht. Vielleicht werde ich es niemals ergründen. Aber es fühlt sich gut an.

Der Morgen danach

Kanal mit Aussicht

Gleicher Kanal, gleiche Brücke, anderes Auto. Wenn ich mir alte Fotos angucke kann ich anhand der Autos, die ich jeweils gefahren und in den Bildern geparkt habe rekonstruieren, wann das ungefähr war. Autos kommen und gehen. Gute Freunde nicht. Ich stelle meine Karre auf der Straße ab und steige aus, sollen die anderen doch drumrum fahren. Machen sie auch. Ohne zu hupen. Erstaunlich.
Da unten rechts ist die Siedlung, in der ich aufgewachsen bin. Der Acker nebenan. Und der Bauernhof. Es reißt mir fast das Herz raus. Es gibt Ereignisse, Verhaltensweisen und Verdrängungen, die können ein Kind echt kaputt machen. Ich glaube, manche Eltern sind sich darüber gar nicht im Klaren. Ich fahre zurück in meinen Alltag, zu den Menschen, die ich liebe und die heute an meiner Seite sind. Das ist so sagenhaft wichtig. Und wichtig sind auch die alten Freunde. Sie sind ein kleiner, konstanter Anker in einem aufgewühlten Meer voller Veränderungen.

Sandmann

[Im Feed kann dieses Video nicht angezeigt werden.Klicke zum Blogeintrag um das Video anzusehen.]

Read more

23 Nov 2014
Zu den Favoriten hinzufügen   Jens Tanz  

Silke

Silke

Ein Ausflug in die Vergangenheit. Ein echter.

Eine Reise in die Vergangenheit. Eine lange verschüttete Vergangenheit, hinter der jemand schon 1983 die Tür geschlossen hat. Hinter dieser Tür saß all die Jahre eine Spielkameradin aus der ersten Grundschule, eine Kinderfreundschaft, eine Jugendliebe. Und heute? Sie ist mit ihren Töchtern heute Abend in Ripdorf bei Uelzen. Wo wir endlose Sommer lang in den Feldern, zwischen Strohballen und in alten Autos gespielt haben. Wo ich als Teenager pathetische Liebeskummerballaden unter einem Kirschbaum gesungen habe, in dem 42 große Lebkuchenherzen hingen. Wo die Zeit stehen blieb. Ich habe den Daimler vollgetankt, die Gitarre und ein paar Reliquien der 90er eingepackt oder angezogen und sehe heute Abend…. Silke.

Silke

Verzeihen Sie mir – ich werde jetzt jemand anderes

Den Typen kennen Sie, oder? Ja. Ich auch. Von dem verabschieden Sie sich jetzt bitte mal für zwei Geschichten, denn der Sandmann wird heute wieder zu Jensi. Schlimm, hinten mit i. Total albern und peinlich für einen Mann über 40 im neuen Jahrtausend, das gebe ich gern und unter Zeugen zu, aber so um 1986 rum hieß ich nun mal so. Mit i. Das hatte sich so eingeschlichen, und eine handvoll Menschen nennt mich heute noch immer so, ohne dass es mir auffallen würde. Ich ziehe die fast schon angewachsenen Lloyd Halbschuhe aus und streife meine alten Chucks über. Mein schwarzes Hemd tausche ich nicht gegen ein T-Shirt aus den 80ern, auch meine Hose ist und bleibt eine graue Jeans, aber ich habe meine alte weiße Jacke aus Amsterdam wiedergefunden. Schlimme 90er. Die und einen rot-karierten Hoody gegen die Kälte werf ich auf den Rücksitz. Und noch ein paar andere Sachen wie meine Zahnbürste und ein Kuschelkissen, denn ich habe vor, mit Silke nennenswerte Mengen an Alkohol zu trinken, also werde ich am Zielort nächtigen. Keusch und brav in meinem Auto. Für ein Zelt und ein Fahrrad, das klassische Ensemble von 1986, fehlt im Frühherbst 2014 der Kirschbaum und die nächtliche Wärme des schwindenden Sommers.

Silke

was man so mitnimmt

Ich packe meinen Kombi, und ich nehme mit: Eine Gitarre. Ich packe meinen Kombi, und ich nehme mit: Eine Gitarre und zwei Flaschen französischen Rotwein. Ich packe meinen Kombi, und ich nehme mit: Eine Gitarre und zwei Flaschen französischen Rotwein und eine dicke Decke. Ich packe meinen Kombi, und ich nehme mit: Eine Gitarre und zwei Flaschen französischen Rotwein, eine dicke Decke und einen 8 Jahre alten Einweg-Grill. Das können Sie jetzt noch lange so weiterspielen, wichtig ist dabei nur, dass Sie alles mitnehmen, was sie hier auf der Ladefläche meines alten Mercedes sehen. Da sind noch ne Strandmuschel dabei (albern), Noten, Texte und Akkorde (hinter dem Wein liegend ahnt der Kenner die Noten von Simon & Garfunkel’s Greatest Hits), Würstchen, ein paar Tabakpfeifen, ne Lampe und ein Schlafsack. Ich fühle mich gut ausgestattet, ich weiß zwar wo ich hinfahre aber ich weiß absolut nicht wo ich ankommen werde. Was dieses Treffen nach Jahrzehnten für Geschichten bringen wird. Aber ich muss ja auch nicht alles vorher wissen. Probiere ich es einfach aus.

Silke

So, wir fangen mal an

Was weder Sie noch ich bisher in den Koffer gepackt haben ist die runde Nickelbrille aus den 20ern, die ich in den 80ern getragen habe. Urks. Ich habe sie noch, und ich nehme sie mit. Ich setze sie auf Silke Mal sehen ob die mich irgendwo hinter Lüneburg rauswinken, bei den Kasernen, in denen schon Joachim Witt seinen Wehrdienst leisten musste. Weil ich wie ein Sniper aussehe. Lustig ist auch, dass meine gute Kamera kaputt ist und die alte Sony Blog-Cam, die ich schon zu AutoBILD Zeiten nutzte, unerwartet das Datum ins Bild drückt Silke Was ich erst am nächsten Morgen bemerkt habe. Egal. Der frische Nordwind treibt mich in ein kleines Dörfchen namens Ripdorf, gleich neben Uelzen, direkt am Elbe-Seitenkanal. Mich trennen rund 180 Kilometer von diesem Ripdorf, das dauert ungefähr zwei Stunden. In zwei Stunden fährt mich dieser Mercedes aus dem Jahr 2014 zurück ins Jahr 1986. Das sind 85 Tage pro Minute. Also wenn die in Sindelfingen damals geahnt hätten, dass sie eine Zeitmaschine mit Common Rail Einspritzung bauen würden hätten sie den Wagen anders beworben.

Silke

Der Weg ist auch diesmal ein bisschen das Ziel

Heimat. Zu Hause. Wie definieren Sie das? Mein Zu Hause ist da, wo meine Familie ist, meine Freunde, Menschen, die mich lieben. Aber meine Heimat? Da bin ich aufgewachsen. Das wird immer und ewig Uelzen sein, die ziemlich unbedeutende Stadt in Niedersachsen mit einer Zuckerfabrik und einem Bahnhof, der nach Hundertwassers Tod so wie von Hundertwasser gestaltet umgebaut wurde. Auf dem Weg dahin kenne ich jeden einzelnen Meter, und das fühlt sich heute besonders schräg an. Die Leitpfosten entlang der Autobahn stehen im Abstand von 100 Metern, also fahre ich mit jedem Pfosten knapp 6 Tage weiter zurück in meine Vergangenheit. Wusch. 6 Tage jünger. Wusch. 12 Tage jünger. Das macht mir Angst. Ich tauche und tauche und höre dazu mit pathetischen Gedanken den Soundtrack meiner Jugend. Auf dem alten iPhone, was ich jetzt als mp3-Player benutze und mit dem Mercedes-Radio über einen schnöden Kassettenadapter verbunden habe läuft Patty Smyth. Die querdenkende Ex-Punk-Lady singt mir etwas vom schwindenden Sommer ins Ohr, dass sie es nicht glauben kann, und warum eigentlich nur die kalten und einsamen Zeiten immer so beständig sind? Und ist das da nicht Don Henley im Hintergrund? Ach ja, die 90er.

Silke

There are no mistakes in Love

Ja was, wie soll ich diese Gänsehaut denn jetzt wieder weg kriegen? Scheiße. Ich blicke auf ein ganz gutes Zeitpolster, ich bin früh losgefahren und heute ist nicht viel los auf den Bundesstraßen südlich Hamburg, rund um Lüneburg. Auf der B4 zwischen Lauenburg und Uelzen, dieser waldigen Überlandstraße im typischen Niedersachsen-Stil: Vereinzelte Birken links und rechts, und dahinter Kiefern und Felder. Was die Flächenland-Idylle stört sind die zahllosen Kreuze, ebenfalls links und rechts, und es sind gefühlt noch mehr da als Birken auf diesem langen Teilstück. Seit ich denken kann bullern im Herbst die langsamen Rübentrecker mit zwei Anhängern aus der ganzen Umgebung zur Zuckerfabrik und bringen die Zuckerrüben von den Feldern zur Verarbeitung. Und jeden Herbst überholen ungeduldige Autofahrer diese Rübentrecker, bei Nacht und Nebel, und immer einige den Gegenverkehr und die Robustheit der Bäume am Straßenrand. Während über der Lüneburger Heide der malzig-süße Geruch der Rübenkampagne liegt, wird auf der B4 gestorben. Einige Kreuze sind so alt, dass man sie kaum noch erkennen kann. Solche Gedanken sind nicht gerade gut dafür, die musikalisch verursachte Gänsehaut zu glätten. Also halte ich mal an und mach ein paar Bilder von dem Typen mit dieser irren Jacke.
Die Jacke habe ich in Amsterdam gekauft, und nein, ich war nicht im Drogenrausch. Sie ist älter als der Mercedes und hat im Gegensatz zu ihm definitiv keinen red dot Design Award gewonnen. Mit dem grob gewebten Ding und den bunten Aufdrucken bin ich in den 90ern tatsächlich rumgelaufen Silke Da waren die 80er schon lange vorbei. Im Postkasten steckten noch vor wenigen Jahren die handschriftlichen Briefe von Markus und Olaf, mit den neuesten Ereignissen aus dem Alltag und bunten, selbstgezeichteten Comics. Freundschaften haben sich neu geordnet, Kinder wurden groß und plötzlich ging so etwas wie das “Leben” los. In den 90ern kamen plötzlich Einladungen zu Hochzeiten, Geburtsanzeigen, safe the dates zu Kaffeekränzchen wegen Taufen und irgendwie auch die ersten Briefe mit wenigen Worten und einem schwarzen Rand. Fahrradfahrer wurden Autofahrer, Camper wurden Eigenheimbesitzer und Knutscher wurden Ringestecker. Ich habe sogar noch während meines Studiums, als sich die Wege der befreundeten Kinder verloren, den Kasperfaktor hoch gehalten und mich nicht nur schräg gekleidet. Ich habe mich geweigert, erwachsen zu werden. Und trotzdem ist es passiert, vielleicht genau deshalb viel verletzender als wenn ich mich freiwillig drauf eingelassen hätte.

Silke

Generationen treffen aufeinander

Aber was macht man in diesem Leben schon freiwillig? Ich habe gerade die schlimmsten drei Jahre hinter mir, die beschissendsten Nachrichten überhaupt bekommen und die klarste Erkenntnis, dass das Leben eines Erwachsenen es nicht immer gut mit dir meint erfahren. Und jetzt geht es weiter. Jetzt besinne ich mich auf die schönen Momente in dieser Zeit, die Lichtstrahlen durch die grauen Regenwolken und die Gegenwart von Freunden, die immer sein werden. Die einfach da sind, egal was passiert, die sich den ganzen Mist immer und immer wieder anhören und die am Ende noch immer da sind. Plötzlich bin ich erwachsen geworden. Hart und schmerzhaft. Innerhalb kürzester Zeit trennt sich Spreu vom Weizen, müssen Entscheidungen gefällt und muss losgelassen werden. Kryptisch? Ja, aber was soll’s, nicht mehr als sonst oder? Nehmen wir einfach das Leben so wie es ist und ändern wir die Dinge, die uns belasten. Das geht am besten, wenn man sich selbst nicht so ernst nimmt und eine bunte Jacke aus Amsterdam anzieht Silke Ich werf noch die Xenon-Brenner an, dann ist’s auch fein hell. Ich blicke nach vorn und heute gleichzeitig zurück. Das fühlt sich gut an. Sehr gut.

Silke

Licht? Ja. Auch.

Posing ging schon 1986. Damals war ich allerdings mit einem Fahrrad unterwegs, hatte viel längere Haare, Pickel und meinen Freund Lutz dabei. Im Jahr danach den Binz. Ripdorf bei Uelzen hatte eine magische Anziehungskraft für mich bekommen, ich war dort frei und fern meiner Eltern. Ich konnte dort mitten in der Nacht nochmal durch das Dorf laufen und über dies und das mit Lutz reden, ohne dass mich jemand fragt, wann ich wieder da bin. Selbstverständlich war Lutz ein bisschen in Silke verknallt. Binz im Jahr drauf auch. Und ich ja sowieso. Dieses leichte Kribbeln legte in jedem Sommer einen aufwühlenden Zauber des Verbotenen über die Abende und die Nächte. Wir waren Teenager, gebeutelt von Hormonen, getrieben von banalen Gedanken und gefangen in einem Jahrzehnt, in dem nicht ganz sicher war, ob vielleicht in ein paar Wochen alle im nuklearen Winter verrecken würden. Ich bin dieser Angst und diesen Gefühlen damals konkret mit zwei Aktionen begegnet: Gitarre spielen und Lebkuchenherzen in einem Kirschbaum aufhängen. Es gibt eine Menge Bilder von diesen Touren und diesen Tagen. Vielleicht tu’ ich Ihnen das beizeiten mal an Silke 2014 habe ich das Fahrrad gegen einen Mercedes-Benz S210 220 CDI Avantgarde getauscht, ne alte Karre, aber ich mag ihn. Der Weg ist der gleiche. Das Ziel auch. Die Gefühle sind inzwischen anders, aber noch immer interessant…

Silke

Damals war es ein Fahrrad

Merken Sie was? Ich zögere die Zeit raus. Ich habe echten Respekt vor diesem Abend, gut gelaunten Respekt, neugierigen Respekt, aufgeregten Respekt. Ich glaube, das ist ganz normal, wenn man eine alte Freundin, in die mal immer wieder mal ziemlich doll verknallt war und für die man damals ein paar echt verzweifelte Teenager-Balladen geschrieben hat, nach so vielen Jahren wiedersieht. Verkleidet als Jensi. Warum nochmal genau? Ach ja – um die Scheiße, die gerade am Abklingen ist ein bisschen bunter zu färben und der gesamten Szenerie eine lustige Absurdität zu geben. Das funktioniert. Allerdings passe ich in diese Jacke nicht mehr richtig rein, also weg damit auf den Rücksitz.

Okay Folks. Vorbei an der Siedlung, wo ich aufgewachsen bin und in der ersten Reihe dem Drama der Trennung meiner Eltern beiwohnen durfte. Vorbei an einem grauen Gewerbegebiet, was bis vor ein paar Jahren noch eine grüne Wiese am Rand des Waldes war, wo der Baum steht, in den ich alle meine Jugendlieben mit einem Messer eingeritzt habe. Vorbei an genau diesem Wald, den es noch immer gibt. Den Baum auch? Ich muss nochmal wiederkommen. Über die Kanalbrücke rüber, rechts ab – und ich bin da.

Silke

Statt Uelzen

Hier geht sie nicht erst los, meine Vergangenheit, ich bin schon mitten drin. Einmal links abbiegen, dann einmal rechts und die schmale Straße führt entlang der Mauer des Bauernhofes, wo ich all diese unbeschwerten Stunden verbracht habe. Der Name auf dem Schild ist noch immer der gleiche, aber so wie das hier aussieht gibt’s keine Schweine mehr. Früher gab es hier unfassbar viele Schweine in den Ställen, deshalb bekamen Silkes Eltern auch immer alles, was die irgendwie futtern konnten angeliefert. Und manchmal waren das die Überbleibsel eines Jahrmarktes und seiner Zuckerbäcker. Lebkuchen, Popcorn, was weiß ich noch alles. Und manchmal, wenn der Sommer fast vorbei war, haben die Schweine nicht alles davon bekommen. Manchmal hat ein nicht erwachsen werden wollender Teenager auch den ganzen Krams in den Kirschbaum gehängt.
Der Kirschbaum ist weg. Der Plattenweg dahin und die Hecke auch. Mist. Aber die Treppe zur Haustür ist die gleiche, der Klingelton kommt mir bekannt vor. Ich bin schrecklich aufgeregt. Silke macht die Tür auf und drückt mich. Als wären keine 15 Jahre oder so vergangen. Sie entkorkt den Wein, und ich werfe den alten Einweg-Grill an. Nicht unter dem nicht mehr anwesenden Kirschbaum, sondern unter einem Vordach mit Blick auf das, was vom damaligen Garten noch übrig ist. Gut so, denn es wird kalt und fängt leicht an zu regnen.

Silke

Würstchen auf dem Einweggrill

Reden. Unfassbar viel reden. Sabine ist anfangs auch dabei, Silkes große Schwester, die ich damals nur am Rande wahrgenommen hatte. Irgendwann ist man in einem Alter, da spielt es keine Rolle mehr, dass 8 oder 7 oder 9 Jahre zwischen den Anwesenden sind. Damals schon. Mit 16 war für mich jeder über 20 schon echt alt, und die Leute über 40 waren spießig, langweilig und scheintot. Krass. Ich bin inzwischen spießig, langweilig und scheintot, zumindest in den Augen des kleinen Jensi in den 80ern. Der sich damals gar nicht so klein fand. Wir bringen die Zeit seit der Jahrtausendwende auf den aktuellen Stand und trinken Rotwein. Ziemlich sicher viel zu viel davon, irgendwann (sehr bald) sind meine beiden Flaschen alle, aber in Ripdorf ist man vorbereitet. Was soll’s. Die Qualität der Fotos genügt anschließend nicht mal mehr dem Blog Silke Inzwischen ist es dunkel, der Regen hat wieder aufgehört, dafür kriecht die Kälte langsam an mir hoch. Mal schnell den Pulli anzuziehen. Ist noch Wein da?

Silke

Spät? Ja.

Zeit? Was ist das denn? Wir lachen und frotzeln, als wären höchstens ein paar Monate vergangen, seit wir uns zuletzt gesehen haben. Was ist in den ganzen Jahren passiert? Wir erzählen es uns. Und werden nicht müde, jedes noch so unwichtige Detail nachzufragen. Zwischendurch schweifen wir immer wieder ab in die 80er, zu den Kindergeburtstagen bei Michelle (inzwischen verheiratet, ich fuhr den Brautwagen, erinnern Sie sich?), zu Olaf (die sehr sehr emotionale Geschichte mit den Poesiealben) und zu Markus. Zu Menschen, die woanders sind und zu Menschen, die GANZ woanders sind, weil es sie nicht mehr gibt. Sie warten vermutlich jetzt auf die Antwort auf die Frage, wie ich die Beziehung zwischen Silke und mir im Jahr 2014 definiere? Ganz einfach: Wir sind Freunde. Und das waren wir doch schon immer. Wir singen die Lieder von damals und ein paar neue, die in den Folgejahren dazu gekommen sind. Die das Leben geschrieben hat. Ich habe ein paar Kerzen angezündet (es gibt so ein paar Lieder, da habe ich mir mal geschworen, dass ich die nur bei Kerzenlicht singen werde) und ich schwebe in einer zeitlosen Blase aus Vergangenheit und Gegenwart. All diese Geräusche um mich rum sind so vertraut. Es riecht wie damals, nach nassem Gras, nach Bauernhof und ein bisschen nach einem Sommer, der langsam vorbei ist. Komm Silke, lass uns eine Runde durch das Dorf gehen, bevor wir in unsere Betten krabbeln. So wie 1986.

Silke

Unterwegs durch Ripdorf

Der größte optische Unterschied zu 1986 ist, dass ich damals noch keinen Wein getrunken habe. Deshalb sind auch die meisten Bilder von damals echt super geworden. Heute ist das ein bisschen schwierig, die Melange aus antiker Digitalkamera, einer nicht näher bekannten Anzahl an Rotweinflaschen und einer Dunkelheit, mit der dieser Autofocus anscheinend nicht klarkommt legen einen Nebel des Vergessens über die Bilder. Silke friert. Also lege ich ihr meine schlimme Amsterdam-Jacke um, in die sie dankbar reinschlüpft. Ripdorf. Ich kann gar nicht sagen, ob mir diese abendliche Runde durch die Straßen noch in der Erinnerung hängt, weil es inzwischen so spät ist, dass alle Straßenlaternen ausgeknipst wurden. Und das bedeutet: Es ist dunkel. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie dunkel es in Niedersachsen sein kann, wenn das Licht aus ist. Aber das macht nichts, wir halten uns aneinander fest, schieben uns in die jeweils richtige Richtung und kommen irgendwann auch wieder heil und ohne gebrochene Knochen auf dem Bauernhof an. Silke geht schlafen. Ich auch. Sie nach oben in ihr altes Zimmer, ich bleibe hier in meinem Auto und krabbel so wie ich bin (nur ohne Schuhe) unter die Decke und den Schlafsack. Verdammt, ist das kalt. Der Sommer ist vorbei, ich kann es echt nicht glauben. Er war so schnell vorbei. Warum scheinen eigentlich nur die kalten und einsamen Zeiten immer da zu sein? Zitat Ende.

Silke

Kein Zelt. Viel besser als ein Zelt.

Gute Nacht ihr alle da draußen. Das war ein schräger Tag. Bevor ich in einen alkoholisierten, traumlosen Schlaf falle denke ich noch ein bisschen über Freundschaften nach. Warum sie so sind, wie sie sind. Und warum einige halten und andere nicht. Bevor ich mit diesen Gedanken zu einem Ergebnis komme schlafe ich auch schon ein. Durch das halb offene Fenster rauschen die Blätter im Nachtwind. Es riecht nach Zuckerrübensirup und Landluft, von fern höre ich die Autos auf der Umgehungsstraße fahren und irgendwo tutet ein Schiff auf dem Kanal.

Sandmann

[Im Feed kann dieses Video nicht angezeigt werden.Klicke zum Blogeintrag um das Video anzusehen.]

Read more

Created Sonntag, 23. November 2014 Tags Gitarre | Heimwärts Highways | Kanal | Kirschbaum | Lebkuchenherzen | Ripdorf | Silke | Sternstunden | Uelzen | Vergangene Verse Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
19 Nov 2014
Zu den Favoriten hinzufügen [1 Benutzer]   Jens Tanz  

Nu komm schon, Winter!

Nu komm schon, Winter!

Ganzer Körpereinsatz

Einmal vorbereitet sein!
Der Mercedes-Benz S210 rostet. Das wissen wir inzwischen alle. Meiner auch langsam, hier und da, außerdem ist er echt verdreckt :-( Und der nasse und kalte Winter klopft schon an die Türen mit dem Kantenrost, den Unterboden und alles andere. Ich muss was tun! Geilerweise habe ich ein NIGRIN Carepaket bekommen :-D Werbung Werbung! Jahaaa und das ist randvoll mit so ziemlich allem, was ich heute Abend brauche. Nein, was der Daimler braucht, um einigermaßen konserviert die ersten Frostnächte und den ersten Schnee gelassen zu packen. Ich tauch mal ab. Und ich spritze, pumpe und wische. Kommen Sie mit?

Nu komm schon, Winter!

von vorn über die Flanke nach hinten

Ich fang mal im Keller an. Aus Ermangelung einer Hebebühne schredder ich auf meiner holperigen Garageneinfahrt die alten Auffahrrampen hoch (lassen Sie uns das Thema “Avantgarde – oder wie ein tiefergelegtes T-Modell zwei Auffahrrampen durch die Gegend schiebt” mal auf einen anderen Tag verlegen) und sprühe alle Bremsleitungen und alle Falzkanten unterm Auto dick mit Hohlraumwachs ein. Ich wusste gar nicht, dass es das auch von NIGRIN gibt :-) Es ist schön schmierig und klebrig und bringt mich schon nach wenigen Minuten sprötzelnd unter dem Wagen zu der Erkenntnis, dass ich mir dafür eigentlich besser Schrauberklamotten angezogen hätte. Nun. Es zeugt ja irgendwie auch von Respekt dem Fahrzeug gegenüber, wenn man seine Lieblingshose, teure Schuhe, ein gutes Hemd und Ringelsocken trägt. Der alte Herr hat das verdient. Zeitaufwand: Rund 20 Minuten. Dann habe ich das Gefühl, von unten ist für ein paar Monate alles okay. Wenig Rost hier, by the way. Ich bin erstaunt, ein wenig erfreut und tauche wieder auf. Felgen, jetzt.

Nu komm schon, Winter!

Botschaften im Schmutz

Lassen Sie uns über Alufelgen sprechen. Die habe ich schon bei meinem Audi V8 so sträflich vernachlässigt, dass sie am Ende nicht mal mehr anständig aufgearbeitet werden konnten. Und die waren von BBS ;-) Die hier am Benz sind noch ein wenig besser im Futter, aber durchs andauernde Bremsen wegen irgendwelcher Pinneberger Vollpfosten, die auf der Autobahn ohne zu Blinken die Spur wechseln hat sich hier eine Menge Dreck gesammelt. Über… äh… über mehrere Monate, ich glaube die letzte Reinigung hat der Wagen vor meinem Sommerurlaub nach Frankreich bekommen :roll: Jetzt kann ich lustige Worte in den Dreck kratzen. In meinem Carepaket findet sich auch was, das vom Namen her eher ein Bauteil für hochgezüchtete Rennmotoren sein könnte: Performance Evo Tec Felgenreiniger. Geil. Klingt so, als wäre die Felge danach nicht nur sauber, sondern rein. Und der Wagen um 30% schneller als vorher. Ich spritz mal los:

spritz spritzwisch wischstaun staun

Was mich total fertig macht: Ich glaube, dass die Felgen nun tatsächlich erstmals in ihrer Geschichte tatsächlich sauber sind. Wow. Die sehen ja richtig gut aus. Hm. Bin ich eigentlich ein Auto-Messie, weil ich meinen Wagen so selten pflege? Ich sollte da mal drüber nachdenken. Nein, lieber nicht, diese Behauptung habe ich in der Vergangenheit schon viel zu oft kundgetan. Ich lasse lieber Taten folgen. Und mache drinnen weiter, denn ich will trotz sauberer Felgen und konserviertem Unterboden in der dunklen Jahreszeit im Inneren meines preisgekrönten Lifestyle-Kombis ;-) nicht im Schmutz dahin vegetieren. Von der letzten Fototour vorgestern ist der Beifahrersitz ziemlich dreckig… ich stand da drauf rum, während ich aus dem Schiebedach raus erst einen BMW 2000 CS, dann einen 190er SL und dann einen Volvo P1800 in schneller Fahrt fotografiert habe. Vorher stand ich auf einem matschigen Acker rum und fotografierte die VORBEIfahrt der genannten Kandidaten. Ups. Falsche Reihenfolge – Flecken im guten Gestühl mit dem spät90er Design. Im Wintervorbereitungspaket von NIGRIN steckt ein feiner Polsterreiniger, der auch diesen Performance-Zusatz im Namen trägt. Wenn der den Dreck genau so wegbrennt wie der Felgenreiniger habe ich nachher nagelneue Sitze :-D Oh. Da ist sogar eine Bürste dran. Cool, gleich mal ausprobieren…

Nu komm schon, Winter!

Für die zarte Haut ab 40

Kitzelt ein bisschen, riecht aber angenehm und schmiegt sich der Gesichtsform dank Hyper-Boost perfekt an. So, der Bart ist einigermaßen getrimmt. Das geht vermutlich mit anderen Geräten besser, aber das ist a) eine andere Geschichte und b) dann nicht mit so einem duftigen, schaumigen Geruch verbunden ;-) Gniiihihi. Okay, werden wir wieder ernst. Ich schau mir das Gebilde einmal genauer an und begreife es nach nur wenigen Minuten. Die Bürste kann drauf bleiben, weil ich hinten einen Plastiknippel eindrücken und dann direkt unter dem Schrubber durch sprühen kann. Leider habe ich das erst nach dem Foto kapiert… Später lernte ich dann, wie ich die Bürste wieder draufbekomme.

Nu komm schon, Winter!

Der erste Schnee!!!

Da kommt er also schon mal vorzeitig, der norddeutsche Winter. Und voll auf den Beifahrersitz. Es spruutzt, es schäumt und es britzelt regelrecht episch. Ich kann hören, wie die kleinen Performance-Schaumpartikel sich mit Kriegsgebrüll auf die Flecken stürzen und sie einen nach dem anderen wegfressen, als wären sie ihr Lebenselixier. Banzaiiiiii! Vielleicht sind das auch die heute zum zehnten mal von der Schaukel gefallenen Nachbarskinder, ich weiß es nicht, wittere aber schon jetzt weniger Schmutz. Mit der Bürste, an der noch Barthaare von mir hängen massiere ich die Winterwelt liebevoll in das Gestühl und nehme mir vor, das nachher noch wegzusaugen. Klasse. Ich liebe solche Schrubber-Kombinate, im Urlaub bin ich auch immer der erste an der Handwasch-Schüssel, wenn Rainer Tube und sein Bürstenaufsatz dem Kragenspeck der T-Shirts auf den Pelz rücken müssen. Aber ich schweife ab. Was mit den Felgen und den Sitzen ging wird ja wohl auch im Cockpit funktionieren? Jetzt bin ich richtig warm geputzt. Ich wische mit dem Finger, bin entsetzt und lasse den Kunststoff Tiefenpfleger sprechen. Da ist wirklich alles dabei, in diesem Karton für den eifrigen Blogger. Und das Ergebnis ist super, abgesehen von den beiden nicht mehr funktionierenden Displays in meinem KI, aber dafür kann NIGRIN nichts, die gingen schon vorher nicht ;-)

Nu komm schon, Winter!Nu komm schon, Winter!Nu komm schon, Winter!

Zeitaufwand: Rund 15 Minuten. Mein halbfinnisches Fräulein Altona wird erschüttert sein, wenn sie das nächste mal in den Daimler einsteigt. So sah er schon seit Monaten nicht mehr aus. Nun gut, wehe wenn sie losgelassen! Und jetzt kommt’s. Was ich RICHTIG geil finde und was ich seit 25 Jahren im Auto vermisse (wahrscheinlich gibt es das schon immer, ich hab’s bisher nur nie gefunden) ist der sagenhafte Beschlag-Weg-O-Matic-Hi-Performance-Booster, bei NIGRIN heißt er aus noch ungeklärten Gründen etwas weniger ausufern nur Anti-Beschlag Pumpzerstäuber. Was macht der? Er verhindert, dass ich in den Übergangsmonaten, wo sich das Wetter noch nicht so richtig entscheiden kann, ob es nur kalt oder richtig kalt und feucht oder nass ist, wie ein Kasper in der Puppenstube vor meiner Scheibe rumzucke und mit irgendwelchen schon benutzten Servietten aus der Türtasche den schmierigen, beschlagenen Siff innen von der Scheibe wische. Er verhindert angeblich das Beschlagen als solches. Ich bin begeistert.

Nu komm schon, Winter!

Adios beschlagene Scheiben

Und dann zucke ich ein letztes mal wie der Kasper in der Puppenstube vor der Scheibe rum, diesmal aber, weil ich für das Foto draufgehaucht habe. Ich beschließe, das Wundermittel auf meiner Seite mal sozusagen halbseitig im Mit- und Ohne-Test anzuwenden. Doof ist dabei nur, dass momentan das Wetter nicht mitspielt, es ist einfach zu warm und die Scheiben beschlagen sowieso nicht. Hm. Aber auf der Dose steht, dass ich mit mehreren Wochen Langzeitwirkung rechnen kann, also werde ich mich vielleicht in einer der kommenden frostigen Novembernächte daran erinnern? Doch moment – bei allen coolen Effekten, die eine nicht mehr beschlagende Scheibe mit sich bringt, muss ich vor allem eines loben: Der Pumpzerstäuber sieht cool aus und hat irgendwie den Appeal einer alten Ölkanne, diese goldenen Dinger mit diesem komplizierten Hebelpumpmechanismus. Industriedesign in Vollendung. Und es macht auch noch richtig Spaß, mit dem Ding ganz ohne Treibgas das Tuch vollzujauchen. Ich lass da mal den Sandmann ran.

Nu komm schon, Winter!

haptische Erlebnisse mit dem Sandmann

Sagenhaft. Nein, nicht der fehlende feuchte Nebel, sondern die Menge an Dreck, die ich mit diesem Mittelchen von der Innenseite meiner Scheibe runterhole. Dabei ist das dafür gar nicht gedacht gewesen? Wo kommt dieser Mulch her? Ich rauche nicht im Auto! Ih bäh. Na gut, ein netter Nebeneffekt. Das angetrocknete Nebel-Weg reibe ich mit meinem Fensterschwamm runter und blicke durch eine klare Scheibe nach draußen. Ob sie jemals wieder beschlagen wird werde ich in den kommenden Tagen sehen.
Ich fühle mich wundervoll vorbereitet. War gar nicht so schwer. Nächstes mal ziehe ich mir etwas andere Klamotten und vielleicht auch Handschuhe an. Hemd und Hose sind nun ein bisschen… öh… also ich sag mal, ich könnte die Schrubberbürste zur Polsterreinigung nochmal sprechen lassen. Und meine Hände sind ein bisschen ZU sauber. Vielleicht habe ich mich aber in die Aufgabe auch nur ein bisschen zu tief reingekniet?

Nun kann er kommen

Nun kann er kommen

Womit konserviert ihr denn so eure Autos? Womit macht ihr sie sauber? Innen wie außen? Habt ihr Tipps für mich, speziell zur Rostvorsorge? Irgendwie kocht da ja jeder sein eigenes mehr oder weniger erfolgreiches Süppchen. Ich breche hier und heute eine Lanze für NIGRIN. Das Paket, was die Damen und Herren mir zugeschickt haben hat noch mehr tolle Sachen drin gehabt, außerdem ein paar Anstecker und ein paar Bonbons ;-) Und ich verlinke nur allzu gern auf die Produktübersicht, wo alles mal gebündelt zu sehen ist:
NIGRIN Autopflege Produktpalette innen/außen
Und jetzt harre ich eurer und Ihrer Tipps, wie ich meinen rostenden Mercedes über den Winter bringe. Ein Anfang ist gemacht. Von unten ist er gewachst, von außen und von innen duftig und entnebelt. Ein guter Abend. Auf in einen neuen Tag :-)

Sandmann

Read more

Created Mittwoch, 19. November 2014 Tags Anti-Beschlag | Anwendung | Felgenreiniger | Fremde Federungen | Hohlraumkonservierung | NIGRIN | S210 | Scheibenreiniger | Sternstunden | W210 Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
16 Nov 2014
Zu den Favoriten hinzufügen   Jens Tanz  

Friedhof der Geschichten

Friedhof der Geschichten

Ich seh dir in die Augen, Kleines

Schrottplätze, Autofriedhöfe, heute heißen sie fast alle “Verwerter” – faszinieren mich seit meiner Kindheit. Damals bedeuteten sie für mich das Eldorado zum Verstecken spielen und zum Klauen von kleinen, glänzenden Dingen. Meist wurde ich am Ende des Tages von einem unfreundlichen Besitzer und einem lauf kläffenden Schäferhund verfolgt. Zwischendurch waren Schrottplätze meine einzige bezahlbare Quelle von Ersatzteilen für die Autos, die täglich meinen Alltag begleiteten. Und die mir Geschichten von längst vergessenen Vorbesitzern erzählten. Und heute? Hihi :-) heute sind Schrottplätze noch immer genau das, was sie für mich früher waren. Nur dass sie immer seltener werden. Ich habe einen in der Nähe von Hamburg entdeckt, der mehr als nur eine kleine Überraschung auf der grünen Wiese bereit hält.

Friedhof der Geschichten

Hier sind sie alle auf ewig vereint

Oststeinbek liegt im Osten von Steinbek Hamburg, genau da, wo täglich auf der A1 immer das Verkehrschaos in Richtung Lübeck stattfindet. Ich habe nicht gewusst, dass hier ein riesengroßer Schrotti ist, bis ich einem der Mitarbeiter dieses Unternehmens über ebay Kleinanzeigen ein paar angerostete Reparaturbleche für kleines Geld vertickte. Und weil’s fast am Weg liegt dachte ich mir so – bringe ich sie ihm doch mal persönlich vorbei. Das war eine gute Idee. Der Deal ist gelaufen, und jetzt stehe ich hier zwischen den üblichen Verdächtigen französischer, italienischer und asiatischer Herkunft, meist aus Zeiten nach der Abwrackprämie. Aus allen sind schon die Flüssigkeiten abgelassen, deshalb dürfen die hier inmitten einer wild wuchernden Graslandschaft ihrem Schlachtfest entgegen dämmern. Und das sieht wundervoll oldschool aus. Aber nicht nur fast rostfreie Kleinwagen liegen an diesem gut versteckten Ort wie Perlen an der Schnur aufgereiht rum, da verbergen sich hinter der einen oder anderen Dachkante doch glatt wahre Schätze!

Friedhof der Geschichten

Daimler. Nicht Rolls.Trotzdem mal richtig teuer gewesen

Argh. Das ehemals weiße Ding verdunkelt die Sonne. Was für ein Ungetüm von einem Auto. Ein Daimler DS420, wie ich auf Facebook gelernt habe, ich hatte zuerst an einen Rolls Royce gedacht (aber die liegen ja gar nicht so weit voneinander entfernt). So oder so ein unwürdiges Ende für ein mehr als würdevolles Auto. Was mag passiert sein? War er eine Staatskarosse, schon etwas marode und wurde nicht mehr gebraucht? Gegen einen mit Elektronik vollgestopften A8 ersetzt? Viel ist nicht mehr dran an dem Riesenschiff, im Inneren quellen Schläuche und Kabel aus der British-Elend-Zeit aus dem nicht mehr vorhandenen Armaturenbrett, Gras wächst durch die Handgroßen Rostlöcher von unten rein und wenn man nicht irgend eine wirklich absurde Wette verloren hat sollte man von diesem… äh… Auto wohl lieber die Finger lassen. Aber er ist glaube ich auch nicht zum Komplettverkauf hier geparkt.

Friedhof der Geschichten

Ach komm, ein bisschen Isolierband und dann geht das

Außerdem ist er ein Rechtslenker, den will zumindest ich persönlich sowieso nicht. Bäh. Hier drin stinkt’s :-( Und nicht mal Sessel im Angebot. Ich erfreue mich der puren Präsenz so eines automobilen Dinosauriers und wende mich inspiriert lächelnd um. Der Blick schweift über den großen, nicht gepflasterten Platz. Mittendrin stehen ein paar kleine Hallen, vor denen Autos undefinierbarer Herkunft filetiert werden. Der Zaun mitten drin ist recht hoch. Hier hängt ein Schild “Betreten verboten”. Oh. Aber ich hab ja vorn Bescheid gesagt, das wird schon okay sein. Nicht, dass ich nachher wieder von einem wütenden Besitzer und seinem Schäferhund verfolgt werde, ich kann nicht mehr so gut über Zäune klettern wie damals…
Gleich neben dem Daimler liegt noch ein anderer Zeitzeuge aus dem vergangenen Jahrtausend auf dem Boden rum, linksgelenkt und ein wenig plüschiger.

Friedhof der Geschichten

Zeitzeugen, noch vor 9/11

Ein Oldsmobile, eine frontgetriebene, äußerlich sagenhaft hässliche Designblase aus dem letzten Jahrzehnt des abgelaufenen Millenniums. Die Karre ist in einem Amerika gebaut worden, was noch nicht von 9/11 erschüttert war. Wo der Genuss des kommoden Wohnzimmer-Plüschs Vorrang hatte vor Multifunktionsdisplays und Bluetooth-Kommunikationseinrichtungen. Ein Auto mit vier Rädern und einem Motor vorn, gebaut, um bequem zu fahren. Mehr nicht. Nicht jedermanns Geschmack, vor allem nicht mit V6 und Reihe 4 Motoren, aber als Zweitürer definitiv oldschool und vom Cruisingfaktor Ur-Amerikanisch. Geil. Und jetzt tot. Hat der Ami, der seinerzeit in einem recht biederen wiedervereinten Deutschland auf seine ganz eigene Art ein Ausdruck provokanter Rebellion der oberen Mittelklasse war, mal einem Studienrat gehört? Einem, der sich von seinen Kollegen in ihren Nissans, BMWs und Audis abheben wollte? Mein damaliger Kunstlehrer könnte in dieses Schema passen, aber der hatte einen Chevy Caprice. Den fand ich tatsächlich cool :-) Aber zurück zum Stichwort “bieder”, zumindest aus damaliger Sicht.

Friedhof der Geschichten

Der Urvater der Livestyle Kombis

Jetzt kommt es Schlag auf Schlag. Im Hintergrund sehe ich einen Goggo auf einem Schuppendach stehen, aber da ist ein Zaun drumrum. Hinter mir hat ein 123er T-Modell seinen letzten Parkplatz gefunden, tatsächlich und endgültig, er hat nicht mal mehr seine Reifen und Felgen :-( Der einst teure und stolze (und biedere) Urvater aller Lifestyle-Kombis sieht nicht so aus, als hätte er mal einem Handwerker als Lastwagen gedient. Vielleicht war es eine kleine, wohlhabende Familie, die den Benz immer für Reisen in den Urlaub genutzt hat? Hinten drin das Gummiboot und anderer Kram der frühen 80er Jahre? Was mag damals im Kassettenradio gelaufen sein? Mr. Roboto von Styx? John Wayne is Big Leggy von Haysi Fantayzee? Oder nein, in so einem Fahrzeug der gehobenen Mittelklasse war vielleicht eher Klassik aus dem Radio zu Hause. Und als “Zu Hause” konnte man diese rollenden Wohnzimmer damals wie heute bezeichnen.

Friedhof der Geschichten

Ich seh den Sternenhimmel

Ups. Der alte Herr kommt aus Dänemark :-) Also war es vielleicht eher dänische Volksmusik, die dort gern mal belästigenderweise ins lokale Radioprogramm eingeflochten wird. Wir werden es nie erfahren. Auch warum die anderen Sterne hier gestrandet sind wird für immer im Dunkeln bleiben. Jedenfalls liegen sie hier schon länger rum, während wir inzwischen Sonden zu Kometen schicken, die 500.000.000 Kilometer weit weg sind. Und sie dort sauber einparken, leider im falschen Krater, deshalb bleibt das jetzt auch alles im Dunkeln. Aber das ist eine andere Geschichte. Weitere 123er. Ein 124er. Zustand? Weiß ich nicht, ich hab heute eigentlich gar nicht so viel Zeit mitgebracht, um das hier alles in Ruhe begutachten zu können. Ich wollte doch eigentlich nur diese Bleche abgeben…? Das habe ich inzwischen auch getan, aber ich kann einfach noch nicht weiterfahren. Eine letzte Runde noch, da hinten war ich noch nicht…

Friedhof der Geschichten

Stiefpapas Passat…..

Aaaah! Ein Passat B2 als Variant! Was man alles für lustige Namen für den Kombi gefunden hatte. T-Modell, Variant, Karavan, Turnier, … Der Mann, dem es in den frühen 80er Jahren gelungen war, das Herz meiner Mama ein zweites mal zu erobern rollte damals mit so einem Kombi in marsrot vor unsere Tür. Er war der Grund, warum wir 1983 aus meiner Heimatstadt weggezogen sind. Das hat er nicht böse gemeint, ich bin wohl am Ende auch ganz froh dass ich nicht im niedersächsischen Uelzen hängen geblieben bin, aber trotzdem war er Schuld… Der rote Laster hat mich durch meine Teenagerzeit begleitet und war eine Art Heiligtum, das ich nicht mal ausleihen durfte, als ich den Führerschein endlich hatte. Nur zum Einkaufen, das war erlaubt, auf eine Party zu Freunden nicht *grummel* Kein Wunder, dass ich mir sofort ein eigenes Auto zulegen wollte! Und jetzt verrottet hier einer. Damals fand ich den irgendwie öde. Heute ist er so selten geworden, dass ich ihm regelrecht ein wenig Attraktivität abgewinnen kann. Zumal mich das mit meinem halbfinnischen Fräulein Altona eint – ihre Eltern fuhren den auch. In metallic grün. Ich glaube, JEDER hatte damals einen Passat, oder?

Friedhof der Geschichten

Flora und Fauna gediuhen

Zwischen den vereinzelt gestreuten Highlights liegen die typischen Wegwerfautos rum, nach denen wir uns in 20 Jahren vermutlich die Finger lecken werden – weil niemand, aber auch wirklich NIEMAND die heute und gestern aufgehoben und gepflegt hat. Irgendwelche Peugeots, Opel Corsas oder Polos. Werden das jemals Klassiker? Ich fürchte: Ja. Mich interessieren viel mehr die Pflanzen, denen es hier ziemlich gut zu gehen scheint. Sie bieten ein gemütliches Zuhause für allerhand Getier :-) Die ersten Spinnen des Herbstes flechten ihre klebrigen Netze zwischen Gräsern, Büschen und Stoßstangen, verlagern ihren Hauptwohnsitz in den windgeschützten Bereich eines elektrisch verstellbaren Außenspiegels und seilen sich von nachträglich angebauten Nebelschlussleuchten ab. Niedlich. Ach hey. Guck mal. Was sehe ich DA denn??? Jahaaaaa ♫

Friedhof der Geschichten

EIner der letzten hier Überlebenden

Eingekeilt zwischen ein paar Bayerischen Motorwagen, einem Audi 80 und einem Hiun… Hyund… Hyiundai? Hunday? Wie schreibt man denn diesen koreanischen Mist??? Jedenfalls einem Nexia, was mal ein E-Kadett war, dazwischen steht ein: Audi 100 Typ 43 VorFaceLift! *seufz* Ein wahnsinnig seltener GLS mit Velours, Plüsch, Chrom, Schiebedach und dem gleichen großen Vierzylinder wie mein Dottore. Und noch alles dran, niemand hat hier irgend etwas abgebaut oder kaputt gemacht! Niemand außer Petrus, der es hat regnen lassen. Immer wieder. Ich habe selten so einen verrosteten Unterboden wie diesen gesehen. Vom fast genau so durchgerosteten Dach (DACH!!!) fange ich gar nicht erst an :-) Aber davon abgesehen – Teile. Viele viele käufliche Teile. Und da ist sie wieder, die Erkenntnis, dass Schrottplätze für mich noch immer das sind, was sie mal waren. Bedeutet: Ich muss wohl nochmal wiederkommen. Mit ein wenig Werkzeug und ein bisschen Bargeld.

Rücksicht

Rücksicht

Das grüne Innere des nicht verschlossenen Mittelklasse-70ers ist nahezu makellos. Ich brauche leider nix Grünes :-( Ui, und jemand hat mal das Zündschoss recht rabiat ausgebohrt. Das scheint ein allgemeines Problem bei diesem Modell zu sein :roll:ich kenne das ja auch. Aber ich war bei meinem ein bisschen liebevoller…. Auf der Hutablage liegt irgend so ein 70er Jahre Fussel, und ich sehe die alten runden Lautsprechergitter…. Big Love! Schnell weg hier, ich habe schon lange mein Zeitfenster überschritten…
Harry Kloss in Oststeinbeck. Da muss ich noch mal hin. Beim Rausgehen erfrage ich noch ein paar grobe Preise von Teilen am “alten, verrosteten Audi da hinten”. Mist. Man weiß anscheinend, wie selten der ist. Die Preise klingen trotzdem fair. Ich will: Radio, Doppelvergaser, B-Säulenverkleidungen, Zierleisten, Fensterkurbeln und das Cockpit mit Drehzahlmesser. Ich werde wiederkommen. Laufen Sie derzeit nicht weg.

Sandmann

Read more

15 Nov 2014
Zu den Favoriten hinzufügen   Jens Tanz  

Du BIST wie du SITZT

Du BIST wie du SITZT

So nicht auf Dauer.

Die ewige, unsterbliche Frage nach dem passenden Gestühl in des Deutschen liebsten Spielzeug ist genau so polarisierend wie die Frage nach der Schönheit oder Hässlichkeit bestimmter Felgen. Soll das Sofa original sein? Leder oder Stoff? Kann ich hier auch mal gewagte Farben in den ansonsten mausgrauen Alltag bringen? Ich bin bei der Suche nach neuen Sitzlösungen für meinen Dottore auf eine Seite gestoßen, die mir leider nicht helfen kann. Aber die ich Ihnen nach einem Telefonat mit dem Schef mal vorstellen will, denn in einem anderen Leben mit einem anderen Auto hätte ich angebissen. Überzieher für die Sitze. Und alles, wirklich ALLES andere als das, was man an Plunderware vom Discounter kennt…

Du BIST wie du SITZT

Ein Sessel für den Herren

Die Sessel meines Dottore sind durchgesessen, von der Sonne und den nicht getönten Scheiben porös wie alter Lebkuchen, faltig und teils zerrissen. Neuwertige Sitze im originalen blau aus Stoff gibt es für dieses Auto keine mehr. Und ein Sattler möchte für die neuen Bezüge vorn und hinten mehr haben als mein gesamter silberner Blechhaufen wert ist. Sitzbezüge zum Nachkaufen gibt es schon fast so lange, wie es Sitze gibt. Und wer einmal das komplette 9-teilige kunterbunte Stoffset aus dem Supermarkt für 29,95 auf seine Sessel gezogen hat macht das kein zweites mal. Das sieht nicht nur sagenhaft billig aus, das hält nicht mal eine TÜV Periode. Und die Leute, die in den 2014ern immer noch auf das Wohnzimmersofadesign der frühen 90er stehen (oft zu finden in ostdeutschen Gaststätten) werden auch weniger. Alles keine Optionen. Über 12 Ecken durch meine Mitarbeit am GRIP Motormagazin (dem gedruckten) und ein wenig rumgegoogel hab ich eine Seite gefunden, die ein paar Sachen besser macht als die anderen :-) Und hatte ein langes, sehr freundliches Telefonat mit dem Geschäftsführer. Ladies and Gents – die Seat Styler sind da. Und wir schwenken gleich mal auf einen 3er BMW mit roten Kedern.

3er BMW? Hata da.

3er BMW? Hata da.

Die Jungs aus Berlin bieten maßangefertigte Bezüge für die Sitze und die Seitenverkleidungen nach Herstellervorgaben an. Also Naht auf Naht. Da wirft nix Falten und da spannt nix, da bröselt nix und da verbiegen keine Klammern. Die sehen aus wie frisch gesattelt! Wermutstropfen für mich: Mein Audi ist zu alt :-( Für den gibt es keine Bezüge mehr. Also auch kein Anreiz in Form einer neuen Garnitur, wenn ich diesen Artikel schreibe. Mist. Aber Herr Schuster am Telefon schickt mir gleich mal ein paar Bilder, die ich meiner Tochter nicht zeigen darf. Für ihren A3 gibt es nämlich sehr wohl ziemlich sexy Häute. Ob man jetzt Voll-Leder in mehreren Farben mag oder nicht liegt im Auge des Betrachters, da komme ich wieder zu der Analogie mit den Felgen :-) Stehen Sie auf sowas? Käme das in Frage? Wollen Sie mal ein Beispiel mit altem Audi, wenn auch nicht dem meinigen?

Du BIST wie du SITZT

Leder für den A3 8L

Herr Schuster zählte am Telefon noch ein paar weitere Modelle auf, die ich durchaus in meinem näheren Umfeld wiederfinde. Und das sind garantiert nicht nur die top-aktuellen Spoilerhupen koreanischer Herkunft, da sind auch Klassiker mit Rang und Namen dabei. Hauptsache, es fahren noch viele davon rum, sonst lohnt eine Maßanfertigung natürlich nicht. Denn so teuer sind die gar nicht. Der Standard-Pimp, also eine Vielzahl von fertigen Varianten für alle Sitze wird im Set schon für weniger als 300 Euro verschickt. Kommt natürlich ein bisschen auf das betreffende Auto an, und die Sonderwünsche gehen ein bisschen mehr ins Geld. Aber hey, die durchgesessene Lederausstattung von ebay kostet auch gern mal 500 Euro plus Versand oder an Selbstabholer, oder? Und echtes originales Leder gibt’s hier nagelneu zwischen 700 und 800 Euro. Wenn Sie einen Mercedes 190 chauffieren und schon lange mal drüber nachdenken, die fleckigen und durchgerittenen Stoffsitze nach 500.000 Kilometern endlich mal aufzuwerten – schwarzes Leder kommt gut.

Du BIST wie du SITZT

Mercedes 190? Na klar. Steht ihm gut.

Auf der Seat-Styler Seite kann man sich fein austoben und gedanklich schon mal seine Weihnachtswünsche zusammenkonfigurieren. Das geht auf Bestellung und beginnt bei Lederoptik, also Kunstleder und endet bei echtem Leder. Dazwischen oszillieren ungezählte Designs, Farbkombinationen und Varianten von “angenehm dezent original” bis hin zu “superabgefahren und schrill”. Schlicht schwarz oder zweifarbig? Ich mag’s ja lieber schlicht, aber jeder wie er will. Die Süddeutsche Zeitung hat gelobt und gepriesen, GRIP hat getestet und 5 von 5 Sternen vergeben und der Hersteller Zacasi legt nochmal drei Jahre Garantie drauf. Und eine DVD, wie die neuen Bezüge passgenau montiert werden. Je länger Herr Schuster redet, desto mehr überlege ich mir, ein neues Auto zu kaufen. Eins, was bei Seat-Styler im Programm ist und beliefert werden kann ;-) Lars, wie sieht es aus, neue Stühle für euer Golf 1 Cabrio? Das wäre dann ungefähr so:

Du BIST wie du SITZT

Neue Sitze für Lars Kohlkopfs Golf?

Für meinen Audi habe ich inzwischen eine andere Lösung finden müssen. Auf den durchgerittenen Lumpen will ich nicht mehr sitzen, und meinen Töchtern ist es langsam regelrecht peinlich. Mein Kumpel Stefan hat in Lübeck noch gute blau-graue Stoffsitze aus einem alten 200er, die hole ich kommende Woche ab. Und die zerschlissenen fliegen komplett raus. Aber für euch und Sie hab ich mit Seat-Styler eine Kooperation ausklamüstert: Wer Interesse an neuen Sitzbezügen hat (die kann man ja auch super dem Schatzi zu Weihnachten schenken) bekommt mit dem Sandmanns-Welt Gutscheincode bei einer Bestellung über die Website eine sexy Zusatz-Option zum halben Preis und einen Rabatt von 10 Euro auf die Bestellung*
Du BIST wie du SITZTKlick Klack auf das Banner, und dann sehen wir weiter :-) Und nicht verschreiben beim Code ;-) Cool? Ich hoffe. Und wenn das nicht Ihren Geschmack trifft, teilen Sie mir das gern mit. Ich freu mich auch hier und vielleicht gerade hier auf Kommentare sowohl positiver als auch kritischer Art. Kommen solche Bezüge für das eigene Autogestühl prinzipiell in Frage? Oder gibt es im Freundeskreis vielleicht Seat Styler? Dann scheucht sie mal auf die Seite und gebt ihnen den Code. Oder schaut mal bei den Jungs auf Facebook vorbei: FACEBOOK-LEDER Oder, wenn Sie aus Berlin kommen – rufen Sie den Herrn Schuster mal an und machen Sie einen Termin vor Ort, natürlich kann man sich die Beispiele auch live anschauen, beschnuppern und betasten. Ich werde das mal machen, wenn ich das nächste mal am Hackeschen Markt zur Redaktionskonferenz der Sterne aussteige. Da plane ich mal ein Stündchen extra ein und nehme mal Platz. Hm… Da fällt mir meine alte E-Klasse ein…. die hat auch “nur” Stoff *grübel*

Sandmann

[Im Feed kann dieses Video nicht angezeigt werden.Klicke zum Blogeintrag um das Video anzusehen.]

*Einzulösen unter: www.Seat-Styler.de Gilt für die Bestellung eines Komplettsets Maßsitzbezüge, nur bei Verfügbarkeit Ihres Fahrzeugmodells und Designwunsches. Nicht kombinierbar mit anderen Sonderaktionen/Rabatten.

Read more

Created Samstag, 15. November 2014 Tags anbieter | Autositze | Fremde Federungen | Kunstleder | Lederausstattung | Seat-Styler | Sitzbezüge | Wildleder Document type Video