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Unterkategorien : Stories , Themen
21 Oct 2014
Zu den Favoriten hinzufügen [1 Benutzer]   Jens Tanz  

Ge STUTZ te Flügel

Ge STUTZ te Flügel

Ein bisschen Saurier, ein bisschen Hai

Stutz? Schon mal gehört?Nein? Bestimmt doch, auch wenn Sie es nicht wissen. Durch unzählige Filme der vergangenen 40 Jahre fährt ein Stutz Blackhawk. Herbert Engel besitzt ein Exemplar dieser extrem seltenen Gattung. Das US-amerikanische “Revival Car” wirkt wie der Mix aus einem übergewichtigen Dinosaurier und einem schlanken Hai, die von Virgil Exner gestaltete Karosserie könnte ausgefallener nicht sein – und kleidet eines der teuersten US-Automobile aller Zeiten. Dieser Cocktail aus Luxus und Extravaganz mit verspielten Anklängen an die 30er Jahre begeisterte damals nicht nur Sunnyboy Dean Martin, sondern auch viele andere Reiche und Schöne der Welt… Ich bin weder reich noch schön, aber ich hab mich mal auf den Wagen eingelassen und zähle ein paar Promis auf, die mir das gleich taten. Mit Erfolg? Definitionssache…

Ge STUTZ te Flügel

Eine total verrückte Kombination aus Formen

Das 40 Jahre alte Getüm, das rückwärts aus der kleinen Garage in der Burgschmiede Namedy herausrollt, ist – ein Auto. Wirklich? Formen wie aus einem Batman-Film und ein Name wie ein Rasiermesser: Stutz Blackhawk. Des Engels schwarzer Falke. Der gewaltige 7,5-Liter-V8 mit seinen mehr als 400 SAE-PS murmelt eine ungeduldig vorgetragene Ballade von letztendlicher Freiheit. Dieser gestutzte Falke durfte noch nie so richtig das tun, wozu er einst gebaut wurde: Fliegen. Jagen. Schnell und gefährlich sein. Nur 2.600 historisch verbriefte Meilen sind vom Tacho abzulesen, für einen V8 ist das ein Neuzustand, der Block ist noch nicht einmal richtig eingefahren :-) Und es ist aus heutiger Sicht kaum zu glauben, was einem die ungläubigen eigenen Augen für ein Konglomerat aus Formen ans Gehirn melden. Was der Omnibusbauer Officine Padane aus dem italienischen Modena diesem ur-amerikanischen Klotz da für ein Kleid geschneidert hat.

Ge STUTZ te Flügel

Metall, Holz, Fell soweit das Falkenauge reicht

Ich bin schlecht entsprechend vorbereitet. Dieses Fahrzeug trifft mich in der kühlen Morgensonne wie ein Schlag ins Gesicht, und ich kann mich noch nicht entscheiden, was ich eigentlich über diesen Kahn denken soll. Er steht da lauernd wie eine Provokation, wie ein Legomodell, was ein kleiner Junge aus vielen verschiedenen Themen-Baukästen zusammengesetzt hat. Irgendwie stimmt das auch. Nur, dass der kleine Junge ein bisschen genial war und den extravaganten Zeitgeschmack mit extravaganten Baukästen getroffen hat. Ich fasse die kalten, glatten Flanke an. Ich streichel sie. Und ich habe immer Angst, vom Falken gebissen zu werden.

Ge STUTZ te Flügel

Alles passt zusammen. Echt jetzt.

Was mag Sammy Davis Jr. gedacht haben, als er über den fast wollüstigen Kühler seines Stutz strich und die Hand über die geschwungenen Kotflügel gleiten ließ, die eine fußballfeldgroße Motorhaube flankieren? Irgendwas muss er gedacht haben, schließlich hatte er eine Menge Geld für die Karre auf den Tisch gelegt. Anfang der 70er kostete ein VW Käfer rund 6000 Mark. Ein gut ausgestatteter Opel Kadett Festival lag schon bei 7800 Mark. Ein total ausgefallener Maserati Ghibli war mit etwas über 70.000 Mark teurer als ein Einfamilienhaus am Stadtrand von Uelzen. Der Stutz kostete 150.000 Mark. Viel Geld. Sammy muss irgendwas gedacht haben. Vielleicht ist ihm ein neuer Song eingefallen…

Designelemente der 30er Jahre

Ge STUTZ te Flügel

egal von wo man guckt, die Karre ist unfassbar

Um dieses Auto zu verstehen (und letztendlich auch zu mögen) muss man in die Geschichtsbücher eintauchen.
Der US-Amerikaner Harry Stutz beschäftigte sich schon vor mehr als 100 Jahren mit dem Bau von motorisierten Kutschen, die er über die Jahre als Roadster und Limousinen immer weiter verbesserte. Seine expandierende Stutz Motor Company ging durch die Hände mehrerer Eigner, bis sie 1939 wegen der Weltwirtschaftskrise Insolvenz anmelden musste. Im Jahr 1968 ließ James ODonnell den Markennamen in seinem neu gegründeten Unternehmen Stutz Motor Car of America wieder aufleben. Sein Ziel: Luxuriöse Fahrzeuge mit eigenständigem Design zu bauen, eine Kombination aus Elementen der 1930er Jahre mit zeitgenössischen und robusten Komponenten moderner Autos. Für die Verwendung der Plattform gab ein gewisser Herr DeLorean, damals Chef bei Pontiac, selbst sein okay. Es mussten allerdings statt des nur benötigten Rahmens komplette Fahrzeuge abgenommen werden. Komplette Fahrzeuge vom Typ Pontiac Grand Prix. Der große Preis, Geschäftsmann war er ja durch und durch ;-)

Ge STUTZ te Flügel

Ein wahrlich beeindruckendes Markenzeichen

Der Blackhawk der ersten Serie, von dem es nur 25 Stück gab, gleicht diesem Baukasten. Aber einem Baukasten der Superlative. Am Ende wirkt er irgendwie stimmig kombiniert. Wenn Sie das erste mal vor einem späten Picasso stehen fangen Sie auch an zu lachen, finden das bunte Bild mit der seltsamen Frau und diesem Löffel im Gesicht und diesem kantigen Taschentuch vor der Nase albern und gehen kopfschüttelnd weiter. Zu den gefälligen Seerosen von Monet. Wenn Ihnen aber mal jemand erklärt, dass dieser Löffel auf dem Bild der Frau gerade brutal das Auge aushebelt und die Zacken im Taschentuch auf ihrer Nase scharfe, unbarmherzig schneidende Glassplitter sind – dann bekommen Sie eine Ahnung davon, welche Schmerzen sie wohl gerade durchleiden mag. Schmerzen, die ein normales Bild gar nicht darstellen kann. Der Stutz ist ein Auto, was etwas verkörpert, was Sie mit einem normalen Auto einfach nicht hinbekommen.

Ge STUTZ te Flügel

goldene Felgen und dicke Hurra-Tüten an den Seiten raus

Von den wuchtigen Kotflügeln gerahmt fallen die speziellen Firestone-Reifen auf, die exklusiv für dieses Fahrzeug hergestellt wurden. Mr. Davis Jr. strich über Türgriffe vom Maserati Indy und fuhr die perfekte Linienführung der Flanken nach, deren Filigranität gekonnt von je einem armdicken seitlichen Auspuffrohr unterbrochen wird. Seitenfenster gibt es nicht bei diesem als Zweisitzer konzipierten Coupé. In unserem speziellen Exemplar befindet sich allerdings eine originale, klappbare Rückbank – dieser Stutz ist tatsächlich für vier Personen zugelassen, aber trotz seiner wahnwitzigen Länge nur bedingt als Familienkutsche geeignet.

Ge STUTZ te Flügel

Tierschützer sollten hier mal wegschauen.

Man möge es den damaligen Zeiten und der fehlenden political correctness verzeihen – für diesen Wagen mussten kleine Tiere sterben. Ein großer Teil des mit Chinchilla-Fell ausgelegten Kofferraums wird vom außen liegend montierten Reserverad inklusive Firmenlogo beansprucht – Continental Kit mal ganz anders. Kenny Rogers hätte da nicht einmal seine Gitarre reinbekommen, vermutlich hatte er sie auf dem Beifahrersitz liegen. Nach dem satten Klacken des Schlosses öffnet sich mit der überdimensionalen Tür ein innerer Schrein des Überflusses. So wähnte sich der Schah von Iran wohl in seinem Palast, als er in einem seiner zwölf (nochmal: ZWÖLF) Stutz saß. Feines Wurzelholz vom Zitronenbaum umrahmt kunstvoll die analogen Rundinstrumente und filigranen Knöpfe, die ebenfalls von Maserati geliefert wurden.

Echtes Fell vor geteilter Windschutzscheibe

Ge STUTZ te Flügel

Herbert Engel mitten im Überfluss

Auf Augenhöhe finden sich bei genauerer Betrachtung erneut ein paar graue Chinchillas wieder, deren Fell die Sonnenblenden ziert, mit denen sich die in der Mitte geteilte Frontscheibe abblenden lässt. Feinstes weiches Leder umschmeichelt den Körper und verströmt den wunderbaren Geruch eines alten, erhabenen Autos. Der Blackhawk mutet fast schon britisch an. Trug Elvis Presley am Steuer vielleicht Handschuhe? Seine drei Stutz waren die einzigen Autos, in denen er sich nicht chauffieren ließ. Er nahm das Volant selbst in die Hand, bei unserem Modell ist das übrigens ein sehr sportlich gehaltenes aus dem Mustang Shelby. Das letzte bekannte Foto des King zeigt ihn kurz nach Mitternacht zum 16. August 1977 am Steuer seines schwarzen Stutz mit roten Sitzen. Nur wenige Stunden vor seinem Tod. Der Wagen steht heute in Graceland. Auf jeden Fall hätte Elvis zunächst seine eigene Musik auf einer Cartridge in die original Stutz-Stereoanlage gedrückt. Das antike Teil selbst ist inzwischen so selten, dass ich gar nicht glauben kann, dass es tatsächlich noch funktioniert. Doch, tut es, wenn auch nicht mit Elvis. Hier und heute begnügen wir uns mit Paul Ankas 21 Golden Hits.

Ge STUTZ te Flügel

Paul Anka singt uns einen vom Tonband

Herbert Engel lächelt wie Muhammad Ali nach einem gewonnenen Kampf, als er gleich dem unserblichen Boxmeister selbst am Steuer Platz nimmt. Die charmante Ausstrahlung des Händlers für exklusive Automobile wird vom Geist dieses unfassbaren Autos und seiner prominenten Fangemeinde noch mystisch untermalt. Es sitzt sich hier wie in einem italienischen Gran Turismo aus den späten 60ern, es fühlt sich aber ein bisschen klapperig an wie in einem Ami aus den 70ern und – es klingt wie ein Sportwagen, als Engel den Big Block zum Leben erweckt. Donnerlüttchen. Ich wusste zwar, dass da fast acht große Milchtüten mit Treibstoff versorgt werden, dass die aber so zornig klingen können ist mir neu.

Ge STUTZ te Flügel

Dürfen es ein paar Liter mehr sein?

Ge STUTZ te Flügel

guller guller blubber schlürf

Der Stutz gleitet wie ein gigantisches Schiff durch die Welt

Die originalen LXX-17 Run Flat Firestone-Reifen von der Auslieferung besitzt Herbert Engel noch, hat sie aber aufgrund des biblischen Alters gegen etwas jüngere, einigermaßen fahrbare Pneus auf anderen Felgen getauscht. Auch wenn die originalen Reifen erst besagte 2600 Meilen gelaufen sind. Aber wenn Sie mal ihr seit Jahrzehnten mitgeschlepptes Reserverad im Kofferraum angucken, wissen Sie, wie hart Gummi werden kann. Safety first. Mit der Erhabenheit eines Supertankers gleitet der Blackhawk knurrend über den Innenhof zur Yellow Brick Road, wie Elton John sie besungen hätte, während er durch das verregnete England fuhr. Die Automatik schaltet ohne Ruckeln, die Klimaanlage schnorchelt leise. Es fühlt sich wirklich wie in einem edlen Salon an, ich möchte spontan eine Pfeife rauchen, nehme aber Rücksicht auf die verstorbenen Chinchillas und die Reinheit ihrer pelzigen Hinterlassenschaft. Die 5,26 Meter Länge verteilen sich gefühlt vor allem auf die nicht enden wollende Motorhaube, die 1,91 Meter Breite indes fallen weniger ins Gewicht.

Ge STUTZ te Flügel

Alles im Blick? Schwierig.

Das meilenweit von den Insassen entfernte Cockpit und die runden Armaturen lassen Luft zum Atmen und versprühen das passive Sicherheitsgefühl eines Panzers. Wer mal in einem Leopard II gefahren ist weiß, dass auch der durchaus Bumms haben kann, nicht nur hinter der Kanone. Engel gibt Gas. Ja :roll: der Motor hat Drehmoment, das kann selbst das mehr als zwei Tonnen schwere Gesamtkunstwerk nicht verheimlichen. Es ist nicht überliefert, wie Evil Knievel seinen Stutz gefahren ist, den er sich selbst nach dem legendären River Jump als Belohnung schenkte. Vermutlich aber nicht fliegend durch brennende Reifen oder was er sonst noch alles so veranstaltet hat. Unsere nicht brennenden Reifen hier und heute im 21. Jahrhundert wollen jedenfalls nicht mit dem Wort “waghalsig” in einen Topf geworfen werden, also shuffelt Engel kommod und entspannt zu ein paar wunderschönen Plätzen. Wie gemacht für ein wunderschönes Auto. Ich beginne Gefallen zu finden. Am Ende mochte ich Picasso auch.

Ge STUTZ te Flügel

Gesehen werden? Na gut.

Der Falke will kommod gefahren werden

Egal wo wir auftauchen – vor Ort polarisiert der Bolide die anwesenden Zuschauer, die sich zu allem ungefragt lautstark äußern. Der kleinere Teil sieht in dem Fahrzeug ein hässliches Monster von einem anderen Stern, steigt danach in seinen Multipla Fiat und fährt nach Hause in sein Reihenmittelhaus. Die meisten aber begreifen ihn aber von Anfang an richtig, nämlich wie ein exklusives Kunstwerk, für das man sich gern begeistern kann, ohne es gleich selbst besitzen zu müssen. Angucken erlaubt. Denn das hat der Blackhawk vielen seiner verwandten Kollegen voraus: Ein Ferrari, ein Rolls-Royce, ein Jaguar oder ein Lamborghini pressen ihre Besitzer umgehend in feste, für die Ewigkeit in den Köpfen verankerte Klischees  - der Stutz, im Übrigen wesentlich teurer und seltener als jede der genannten Marken, ist einfach nur stylisch und ein bisschen verrückt. Wie sollte man seinen Besitzer charakterisieren? Geht nicht. Ach doch – reich. Auf jeden Fall reich.

Ge STUTZ te Flügel

Was für sündige Hüften

Spätestens, wenn den Betrachtern am warmen Kaminfeuer der gullernden Zylinder aus der illustren “Stutz Owners” Liste vorgelesen wird, und allerspätestens, wenn der Name Elvis Presley fällt, schwenken sogar ein paar der fast schon wieder abgereisten Neubaugebiets-Zweifler um und gucken genauer hin. Ja ja, Prominenz macht sexy und verursacht explosionsartig ansteigendes Interesse aller Beteiligten. George Normanist, wie alle anderen Stutz-Käufer auch, auf einer Metalltafel an der Mittelkonsole verewigt. Er lebte zwar ein farbenfrohes und interessantes Leben, ist aber nicht so prominent wie einige der anderen Fahrer von insgesamt rund 600 gebauten Stutz verschiedener Serien. Herr Norman als einziger Vorbesitzer dieses Falken hatte in den frühen 70ern ein paar Probleme mit dem Gesetz und tauchte unter, seine Sammlung teurer Autos wurde später konfisziert.

Ge STUTZ te Flügel

Der Erstbesitzer ist verewigt

Der Erstbesitzer wurde international gesucht

So überdauerte auch dieser Stutz fachgerecht eingelagert die Jahre, bis 1985 ein Nachbar von Norman das Fahrzeug verkaufte. Über einige verschlungene Wege gelangte der Wagen letztendlich zu Herbert Engel, der ihn heute prinzipiell verkaufen würde. Doch erwarten Sie kein Schnäppchen. Der Zustand ist weltweit einzigartig, die erste Serie ist wesentlich begehrter als die Nachfolgemodelle. Bei späteren Baureihen hat das Baukastensystem von Pontiac immer mehr Einzug gefunden, der filigrane Charme und italienische Einfluss verflog ein wenig. Bis er einen Käufer gefunden hat bewegt Engel das Unikat mit H-Kennzeichen durch die Landschaft rund um den Rhein und erfreut sich immer wieder an den Reaktionen der Passanten. Für ihn ist es ein gutes, seltenes Auto. Er hat noch andere, noch ganz andere Kuriositäten in seinen Hallen stehen.

Ge STUTZ te Flügel

angesaugt werden – kann passieren

Der seltsame Wagen, welcher an sich schon eine faszinierende Geschichte erzählt, kühlt leise tickend wieder ab. Er verfügt über eine komplette Historie, angereichert mit Berichten von Preisverleihungen und weltweiten Showveranstaltungen. Wie bei fast allen seiner anderen Autos auch hat Herbert Engel ein besonderes Verhältnis zu diesem besonderen Fahrzeug, aber der Handel ist ein Kommen und Gehen. Zu viele Gefühle machen da schnell sentimental, und meistens gelingt ihm, einen professionellen emotionalen Abstand zu den Exponaten zu halten. Manchmal aber auch nicht. Als er das Garagentor hinter dem Blackhawk schließt, hat er dieses Leuchten in den Augen, das nur Männer haben, die ein bisschen verliebt sind.

Sandmann


www.sportwagenengel.de

STUTZ BLACKHAWK Serie 1
Baujahr: 1971
Erstzulassung: 1972
Motor: Pontiac Big Block V8
Hubraum: 7.500 ccm
Leistung: 431 PS
Drehmoment: 570 Nm bei 4.000/min
Verbrauch: ca 30l/100km
Getriebe: GM TH-400 3-Gang Automatik
Höchstgeschwindigkeit: 210 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h: 8,4 s
Gewicht: 2.300 kg
SammyAliKennyEvilElvisElton
Originalartikel auf TRÄUME WAGEN

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Created Dienstag, 21. Oktober 2014 Tags Burgschmiede Namedy | Herbert Engel | Sportwagen Engel | Stutz | Stutz Blackhawk | TRÄUME WAGEN Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
20 Oct 2014
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Aus Versehen TÜV

Aus Versehen TÜV

Lange her, der letzte Werkstattbesuch…

Eigentlich sollte es ein ganz normaler Tag in meinem Leben werden. Früh Morgens mit dem Dottore ohne Zündschloss das Töchterchen zur Schule fahren und ab 9:00 Uhr an den Schreibtisch, schreiben und Fotos bearbeiten. Wie immer in meinem Leben ist es natürlich KEIN normaler Tag geworden, zumindest kein normaler Morgen. Er schüttelt mich zwischen 7:00 und 9:00 Uhr von Himmelhochjauchzen bis Zutodebetrübt, vielleicht sollte ich mich langsam mal an eine derartige relative Emotionsgeschwindigkeit gewöhnen. Ich fang mal vorn an, damit ich um 9:00 Uhr auch rechtzeitig an meinen Computer komme…

Aus Versehen TÜV

Na – da ist er ja

6:42 Uhr
Papa, ich hab grad das Netzteil vom alten Laptop aus der Kommode geholt, da ist so ein Schlüssel mit rausgefallen…” Argh. Tropfnass direkt aus der Dusche kommend (ich hatte noch nicht mal einen Kaffee) stehe ich überraschend vor meinem verlorenen Autoschlüssel. Sie erinnern sich? Ich werde in diesem Leben nicht mehr erfahren, was er in meiner Kommode im Wohnzimmer gemacht hat und wie er da hin gekommen ist. Ich sehe jedenfalls eine Chance für einen guten Tag, trockne mich grob ab, ziehe mich an, bastel noch liebevoll ein Pausenbrot für meine fröhliche Finderin und lasse sie dann für 10 Minuten mit ihrem Müsli allein. Ich und mein Kaffee, wir sind schnell mal draußen beim Audi in der frühherbstlichen Feuchtigkeit. Ich baue mit den schon bereitgelegten neuen Schrauben das alte Lenkradschloss wieder an, ziehe es fest und befinde das Ergebnis für insgesamt vorzeigbar. Lenkstockschalter drauf, Lenkrad drauf und gut. Mein Kaffee unterstützt mich dabei bedingungslos. Das hektisch bei ebay ersteigerte und inzwischen auch eingetroffene Set aus Schließzylinder, Türschloss, Heckklappenschloss und Schlüssel kann ich ja irgendwann mal weiterverkaufen oder beiseitelegen, falls sich der Schlüssel erneut in irgendwelchen undurchsichtigen Ecken meines Lebens niederlassen sollte :-)

Aus Versehen TÜV

Mit Montag Morgen Muffel Musik

07:10 Uhr
Ich hatte ganz vergessen, dass mein Töchterchen am Wochenende mit ihrem Fahrrad bei mir war. Na gut. Kombi? – Braucht man nicht :-) Der Kofferraum des Dottore schluckt das Fahrrad ganz gut, und an so einem kalten grauen Herbstmontag will man die Zweitgeborene ja nicht frieren lassen. Also gullern wir mit ♫ Montag Morgen Muffel Musik ein bisschen verschlafen in Richtung Innenstadt. Ich beschließe, gleich nach dem Rauskippen der hübschen Fracht bei meinem Leib- und Magen-KFZ-Meister Rüdiger Menzel vom 1A Autoservice in Kiel einzukehren und zu fragen, ob er das allgemein schlechte Laufen des alternden Vierzylinders irgendwie kurz ergründen kann. Mit dem bin ich schon seit der Neueröffnung freundschaftlich verbunden. Deshalb: Nein, das sind keine verkauften und irgendwie ins Thema integrierten Links, die kommenden Geschichten werden Ihnen nach und nach erläutern, warum ich den Mann wirklich schätze und glaube, dass er zaubern kann. Und danach könnte ich mir auf dem Rückweg ins Büro gleich einen Termin bei der GTÜ holen, Hauptuntersuchung ist fällig. Bis dahin kann ich mich an den Wochenenden nochmal drunter legen und schauen, was alles gemacht werden muss. Ich fahre den Audi seit fast zwei Jahren einfach nur so….. ich habe da noch nie drunter geguckt, es war schlicht nicht nötig. Guter Plan. Also los.

Aus Versehen TÜV

In guter Gesellschaft

7:32 Uhr
Für einen Montag Morgen ist der Meister ausnehmend gut gelaunt. Ich trau mich gar nicht zu fragen, woran das liegen könnte, nehme aber hin, dass wir zwei uns endlich duzen. Fein :-)Komm ich häng den gleich mal ran” sagt er und fährt den silbernen Herren auch schon in die große helle Halle, gleich neben einen wunderschönen W123. Der alte Daimler guckt den alten Audi ein wenig herablassend an, er ist in einem definitiv besseren Zustand und hat auch eine viel größere Fangemeinde als der Typ 43. Den will irgendwie niemand haben, alle finden den toll wenn man auf die Tankstelle fährt aber kein Mensch lässt sich drauf ein. Na und? Ich bin in diesem Jahr schließlich auch ein Typ 43 :-) Ich hab ihn ein bisschen lieb und freue mich, dass der alte Herr mal wieder eine richtige Werkstatt von innen sieht. Ex-Raffay in Hamburg, wo er einst 1977 gekauft wurde, sollte diese Ehre eigentlich auch zuteil werden. So dachte ich mal, als ich die anschrieb. Dort hat man aber leider das Klischee des “Freundlichen” bestätigt und trotz mehrerer Mails keinen Terminvorschlag gemacht. Hat man das in einem Audi Zentrum nicht nötig? Ich werde dem noch nachgehen, Menzel hat schon seinen Rollwagen hergeschoben und legt los. Hier werde ich auch mit einem 37 Jahre alten Auto ernst genommen, im Hamburger Audizentrum anscheinend nicht.

Aus Versehen TÜV

Mit Herz und Ohr dabei

7:40 Uhr
Standgas und CO vom Vergaser sind frisch eingestellt. “Der bläut aber derbe hinten raus. Da solltest du mal die Schaftdichtungen machen, die sind sicher schon steinhart…” Das hatte ich sowieso vor, lasse mir einen groben Preis nennen (die Nockenwelle muss dazu raus, Mist) und mache gleich einen Termin für die nächste Woche. Morgens bringen, Nachmittags abholen. Klasse. Und dazwischen fahr ich dann eben Fahrrad, noch ist es ja nicht so kalt dass ich dafür zu bequem bin – und dass es hinten rein passt weiß ich ja seit heute Morgen :-) Die gute Nachricht: Kompression auf allen vier Zylindern ist gut, Standgas ist sauber, der Motor macht einen relativ gesunden Eindruck. Die Werkstatt füllt sich langsam, Kundenfahrzeuge werden reingeschoben, Monteure klettern unter die Hebebühnen und geschäftiges Treiben dringt aus allen Ecken.

Aus Versehen TÜV

Der Maestro an seinem Orchester

7:43 Uhr
Wissen Sie, was beschämend ist? Viele Werkstätten haben gar nicht mehr die alten Testgeräte, die über Induktion die Zündsignale abgreifen. Ich bin von drei Markenzentren in Hamburg wieder nach Hause geschickt worden, weil man dort die alten Geräte entsorgt und auf die neue Generation umgestellt hat. Die mit den Diagnosesteckern, wo nur noch ein Computer angeschlossen wird, der dann über die Schnittstelle vom Auto gesagt bekommt, wo es weh tut. Diese Schnittstelle hat mein Audi aber noch nicht, 1977 waren Computer den Universitäten und der NASA vorbehalten :-( Was machen solche Werkstätten denn, wenn ein gut situierter Klassikerfahrer ankommt und zum Beispiel die Vergaser seines Porsche oder seines Audi Coupé S einstellen lassen will? Nichts. Ach doch, sie können was machen – sie können diese Leute zu Menzel nach Kiel schicken, der hat noch so ein Gerät. Und er selbst hat auf dem alten Audi 100 gelernt, und was er selbst bei alten Autos zeitlich nicht hinbekommt regelt sein Vati. Der ist auch noch ab und an dabei, der hat schon die Bremsen meines alten K70 damals wieder gerichtet. Gut. Das Zündbild ist fast perfekt. Es muss also irgendwie an der Spritzufuhr oder am Vergaser liegen, dass der Dottore bei 100 km/h sporadisch immer wieder bockig ist.

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Alles gesund im E-Werk

7:48 Uhr
Wir vertagen uns auf die nächste Woche, dann will er außer den Schaftdichtungen auch gleich mal den Vergaser unter die Lupe nehmen. Außerdem soll ich mir mal die Lenksäule anschauen, die macht komische Geräusche und mahlt so metallisch, das ist nicht gut. Ich erzähle von dem ausgebohrten und wieder angeschraubten Schloss. Irgendwas wird das damit wohl zu tun haben. “Das lässt sich schon finden” beruhigt Menzel mich grinsend und scheucht mich gut gelaunt vom Hof :-) Okay. Ich bin nicht wirklich weiter, aber ich kann mir ja noch schnell den Termin bei der GTÜ Prüfstelle holen, bevor ich mich in den Arbeitstag stürze. Die ist quasi eine Ecke weiter und öffnet in wenigen Minuten ihre Pforten. Vielleicht kann ich mir danach sogar noch ein Brötchen bei meinem Lieblingsbäcker holen, bevor es ans Schreiben geht.

Aus Versehen TÜV

Äh… moment, ich bin unvorbereitet…

8:05 Uhr
Sie sind heute der Erste, fahren Sie den schönen alten Audi doch gleich auf die Bühne!” – Äh… ich…. wollte eigentlich nur einen Termin so für in drei Wochen oder so haben…. “Wieso, der sieht doch gut aus. Den machen wir gleich, rauf damit!” Ich bin verwirrt und überfahren. So war das nicht geplant. Während der Plakettenchef in seinem Büro die Daten in den Computer eingibt schleiche ich schnell nach vorn, mach die Haube auf und tausche die gelben Lampen gegen nicht ganz so gelbe, die ich im Handschuhfach für besonders renitente Ordnungshüter mitführe. Und schon ist er wieder da. *schwitz* Ich fühle mich irgendwie ertappt, allein aus dem Grund dass ich absolut nicht weiß, in welchem Zustand dieses Auto ist. Vor allem der Unterboden. Der Mann legt einfach los und lässt den Motor ein paar mal aufjaulen und ihn hochdrehen, als er Temperatur bekommen hat. Abgaswerte sind okay (na klar sind die das, ich komme ja auch gerade erst vom Motortester). Der routiniert vorgehende Sachverständige schaltet das Licht durch, Blinker, Hupe, Fernlicht, Nebelscheinwerfer (oh GOTT die gehen ja sogar noch!). Er prüft das Lenkungsspiel und wackelt an allen Rädern. Während der Motor im Standgas ruhig vor sich hin murmelt und irgendwann der Lüfter anspringt (was den Prüfer auch fröhlich zu stimmen scheint) stellt er noch die Lampen in der Höhe nach. Ich sage danke.

Aus Versehen TÜV

So gestrahlt hat er noch nie

8:23 Uhr
Unter dem Auto höre ich AAAAHS und OOOOHS. “Wie sind Sie denn dem Rost bei diesem Modell Herr geworden? Der sieht ja von unten aus wie neu!” Ich…. ich…. ach wissen Sie, regelmäßige Pflege und Inspektion, wenn man immer dran bleibt ist das gar nicht so wild bei dem Audi 100. Während meine Nase immer länger wird und ich ebenfalls unter dem Dottore stehend Gefahr laufe, sie mir am heißen Auspuff zu verbrennen bin ich selbst ein wenig erstaunt über diesen Unterboden. Habe ich irgendwelche Lemminge im Garten, die Nachts diesen Wagen pflegen und konservieren? Das ist ja nicht zu fassen. “Hier an der Antriebswellenmanschette ist ein kleiner Riss. Nicht schlimm, aber da sollten Sie bald mal ran. Ansonsten okay, wir können wieder raus.” Ach? Was ist denn hier los? So ein gesundes Auto habe ich? Der Mann geht wieder in sein Büro, während die nächsten Prüflinge schon Schlange stehen. Ein total, TOTAL verrosteter T3 Bulli und ein wunderschöner, anscheinend tadelloser Mercedes W108, die alte S-Klasse. Na dann. Auf in den Tag. Da kommt der Chef wieder und hat was rundes, selbstklebendes in der Hand…..

Aus Versehen TÜV

Zwei Jahre Ruhe

8:52 Uhr
Und wie war Ihr Montag Morgen so? Ich bin wieder zu Hause und habe meinen Plan abgearbeitet. Vor zweieinhalb Stunden hatte ich noch einen alten Audi ohne Zündschloss mit Motorproblemen, jetzt habe ich einen alten Audi mit Zündschloss und Schlüssel, sauberen Abgaswerten, frischem TÜV und… noch immer mit Motorproblemen. Aber das weiß ich jetzt noch gar nicht. So erfolgreich dieser Morgen in Sachen Schlüssel und TÜV auch war – er hat seine Langzeithaken. Mit der mahlenden und schabenden Lenksäule habe ich noch ein paar Hühnchen zu rupfen. Und der Satz “Die Schaftdichtungen solltest du machen” in Verbindung mit dem gebuchten Termin soll noch für eine Menge Gesprächsstoff sorgen – und für einen BMW 325e, wenn auch nur für kurze Zeit. Warum sollte in diesem Jahr auch IRGEND etwas einfach mal einfach nur funktionieren? Pha. Ich sitz dann mal am Schreibtisch und schreibe, deshalb heißt er ja auch so. Wir lesen uns bald wieder zu diesem Thema. Aber so unerwartet hab ich noch nie die HU bekommen.
Haben Sie auch so einen Respekt vor diesem Termin…?
Sind Sie auch ein Opfer der Überheblichkeit der Fachwerkstätten mit den vier Ringen?
Oder hat Ihre gar keinen Motortester mehr, sondern nur noch ein Laptop?

Sandmann

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Created Montag, 20. Oktober 2014 Tags 1A Autoservice | Audi 100 | Audi 100 LS 1977 | C2 | gtü | Hauptuntersuchung | Menzel Kiel | TÜV | Typ 43 | Vergaser | Zündung Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
16 Oct 2014
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Schlüsselerlebnisse

Schlüsselerlebnisse

Oldschool Autoknacken

Sag mal, wo’sn der Schlüssel vom Audi…?” Mit diesem Satz fing alles an, irgendwann heute Morgen, im Osten von Kiel. Das ist 8 Stunden her. Nein, sie hatte ihn nicht gesehen, stieg später in den Mercedes und fuhr mit unserem viertelfinnischen Sandmädchen von Kiel zurück nach Hamburg. Ein fröhlich Liedlein singend. Ich will, nein ich MUSS heute Abend mit dem Audi nachkommen und stehe vor einigen Problemen. Ich komme gerade noch nicht mal rein in den alten Dottore, vom Losfahren kann noch viel weniger die Rede sein. Das bedeutet: Entweder den Schlüssel finden oder… oder… hm. Na das sehen wir dann.

Schlüsselerlebnisse

Ich muss da irgendwie rein.

Haben Sie schon mal einen Autoschlüssel nicht wiedergefunden? Ich will gar nicht von “verlieren” sprechen, denn ich bin ja mit der Karre hier her gekommen und habe seit dem das Grundstück nicht verlassen – also muss er hier irgendwo sein. Aber er ist nicht da, wo ich ihn immer hinhänge: Am Schlüsselbrett. Doof. Ich durchsuche alle Taschen, sowohl die an meinen Klamotten am Körper als auch die meiner Arbeitshose, die ich heute auch an hatte. Die Taschen meiner Jacke. Die aller anderen Jacken. Laptoptasche. Alle Ablagen im Wohnzimmer, in der Küche und im Bad. Manchmal legt man so einen Schlüssel ja in Gedanken mit irgend etwas anderem irgendwo hin. Nein. Hab ich nicht. Der Kofferraum ist offen, da habe ich vorhin ein paar Ersatzteile reingelegt. Aber nicht den Schlüssel. Nirgends. Er ist nicht im Kühlschrank, nicht auf der Terrasse und auch nicht in der Kaffeemaschine. Verdammt. Habe ich den stecken lassen, und jemand hat ihn geklaut? Nein. Ich lasse NIE den Schlüssel stecken, und selbst wenn – alle Türen sind zu. Die Fahrertür lässt sich nur mit dem Schlüssel zumachen, ich glaube nicht, dass sich ein Schlüsseldieb so viel Zeit nähme. Nein, den hat niemand geklaut. Ich laufe die Straße rauf und runter und scanne mit Adleraugen den Straßenrand. Ist er mir aus der Tasche gefallen? Nein. Ich durchsuche alles noch mal. Und noch mal. Was für ein sinnloses Verbrennen von wertvoller Zeit :-( Irgendwann ist klar, dass ich diesen Schlüssel hier und heute nicht mehr auftreiben werde, also plane ich einen gezielten Einbruch. Vielleicht… liegt er ja doch irgendwo im Auto…?

Schlüsselerlebnisse

Der gute alte Kleiderbügel

Ach ja, die guten alten Zeiten. So ein Kleiderbügel von der chemischen Reinigung ist schon ein super Universalwerkzeug, das kennt man ja noch aus den alten Filmen. Heute, bei neueren Autos geht das nicht mehr. Da kann man die Türen nicht so einfach mit einem Schraubendreher von der Dichtung wegdrücken und schon gar nicht den Knopf mit einer Art Haken hochziehen. Die Knöpfe sind heute oben nicht mehr breiter als unten (damals, 1977 waren sie es), und irgendwelche Innenraumüberwachungen würden wohl laut Alarm schlagen. Ich frickel mir so einen Bügel zurecht und finde mich wieder zwischen komisch guckenden Spaziergängern, die mich nicht persönlich kennen und lachenden Nachbarn, die das schon gewohnt sind. Dass ich seltsame Sachen an und mit den Autos vor meiner Haustür mache und mich dabei fotografiere. Es kommt innerhalb von 10 Minuten kein Polizeiwagen, soll mich das nun verunsichern oder beruhigen? Dann bin ich drin. Kein Schlüssel. Nirgends. Hätte mich auch gewundert, aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Also nochmal von vorn. Ich laufe die Straße ab. Ich durchsuche nochmal alle Taschen, sowohl die an meinen Klamotten am Körper als auch die meiner Arbeitshose, die ich heute auch an hatte. Ich gucke sogar im Wäschekorb. Die Taschen meiner Jacke. Die aller anderen Jacken. Die Laptoptasche, obwohl ich das alles schon gründlichst gemacht habe. Alle Ablagen im Wohnzimmer, in der Küche und im Bad. Der Kofferraum ist immer noch offen, ich suche erneut und finde eine verschollen geglaubte Zierleiste unterm Teppich. Aber nicht den Schlüssel. Nirgends. Er ist noch immer nicht im Kühlschrank, noch immer nicht auf der Terrasse und auch noch immer nicht in der Kaffeemaschine. Nochmal Verdammt.

Schlüsselerlebnisse

Dann muss es eben sein.

Ich bin zu alt zum kapitulieren. Nicht vor meiner eigenen Blödheit und schon gar nicht vor einem kleinen Schlüssel. Ich habe in den vergangenen Jahren zu viel Scheiße erlebt, bin da durchgegangen und habe nach und nach alles in den Griff bekommen, da ist das hier ja wohl auch zu regeln. Es muss wohl der harte Weg sein. Die Alternative wäre eine Bahnfahrt nach Hamburg und übermorgen eine Bahnfahrt wieder zurück nach Kiel. Nicht unbedingt unattraktiv, aber dann hätte ich hier noch immer keinen Schlüssel. Der zaubert sich ja nicht plötzlich wieder her. Gleichwohl er irgendwo sein muss….. Egal. Ran an den Speck beziehungsweise den Stahl, Lenkrad runter und das Zündschloss freilegen. Dafür muss der komplette Lenkstockschalter ab, aber das ist bei diesem alten Herren mit dem Lösen einer einzigen Schellenschraube getan. Sollte ich vielleicht noch mal alles durchsuchen…..? Ich rufe mein halbfinnisches Fräulein Altona an, ob der Schlüssel vom Audi vielleicht aus irgend einem Grund im Mercedes liegt? Nein :-( Nun reicht’s. Ich ziehe ein dickes schwarzes Verlängerungskabel aus dem Kellerfenster bis auf die Straße. Hat der Audi grad gezittert? Ja, zu Recht, mein Lieber. Auch wenn du nichts dafür kannst, du kostest mich gerade eine Menge Nerven und Zeit an einem Tag, an dem ich beides nicht habe. Ich fahre heute noch Audi. Definitiv. Und jetzt ist schweres Geschütz angesagt.

Schlüsselerlebnisse

Er will es ja nicht anders

Die gute alte BOSCH hat schon einige Löcher in weichem und hartem Material hinterlassen, heute wird sie erstmals mit rundköpfigen Abrissschrauben (sieht komisch aus, oder? sss) aus Stahl konfrontiert. So ein Zünschloss konnte man natürlich auch in den 70ern nicht einfach mit einer 13er Stecknuss abschrauben, auch damals gab es schon Diebe und auch damals hingen die Menschen an ihren teuer bezahlten Mittelklasselimousinen. Die beiden Schrauben im Alugehäuse des Zündschlosses sind am Ende des Tages auch nur Schrauben. Und nein, liebe Kinder, ich erkläre euch und auch den Erwachsenen, die das vielleicht wissen wollen jetzt nicht im Detail, wie man an diese Schrauben rankommt. Das soll ja hier keine Anleitung zum Audiknacken sein. Auch erzähle ich nicht, wie weit und wie tief man bohren muss, aber lasst euch gesagt sein: Da fallen eine Menge Metallspäne in den Fußraum. Was ich lerne: Die Schrauben halten nicht nur das Zündschloss, sie fixieren auch die komplette Lenksäule am Armaturenträger. Oh. *KNACK* jetzt nicht mehr….

Schlüsselerlebnisse

Ich bin der Schlüsselmann

Die Ingenieure haben sich da vor 37 Jahren in Neckarsulm ganz schön Mühe gegeben, ihre Autos stabil und sicher zu bauen. Mal eben die Kabel rausreißen, aneinanderhalten und dann läuft der Laden (wie im Kino) geht hier nicht. Solange das Zündschloss noch auf der Lenksäule sitzt rastet gegebenenfalls auch noch das Lenkradschloss ein. Also ganz runter mit dem Teil. Hinten drauf steckt ein Bauteil, das gern mal im Alter seinen Dienst quittiert. Der Anlassschalter. Schreibt man den heute wirklich mit drei s? Ist ja gruselig. Auch den hab ich jetzt mal nicht fotografiert, da kommt man auch gaaaanz schwer ran. Echt. Und ich beschreibe hier auch nicht, welche der 7 Klemmen wie verbunden werden müssen, damit man a) die Zündung anschaltet und b) dem Anlass-Relais die Spannung gibt, die es davon überzeugt, den Strom zum Anlasser durchzuschalten. Aber ich kann so viel verraten: Als penibler Kommunikationselektroniker habe ich fein drei Kabel mit Steckern gekrimpt und die in die richtigen Pole gesteckt. Das sieht nicht nur gut aus, das verhindert gegebenenfalls auch einen feinen kleinen Kurzschluss mit Brand hinter dem Armaturenbrett, denn hier wird mit Klemme 30 hantiert, die ist stromführend direkt von der Batterie.

Schlüsselerlebnisse

zündende Ideen

Das muss jetzt nur noch a) überhaupt funktionieren und b) bis Hamburg halten. Ich bin heute ein Mann von viel a und b. Und ich bin Kummer gewohnt, mit dem KaSi fahre ich schon seit Jahren rum und habe das Abblendlicht mit einer Klemme im Sicherungskasten überbrückt, weil irgendwo ein Kabel gebrochen ist. Geht. Warum also nicht auch hier? Ein bisschen Sorgen machen mir die drei anderen unberücksichtigten Klemmen am nun temporär nicht mehr benötigten Anlassschalter, die haben schließlich auch irgend eine Funktion. Aber was kann schon groß ausfallen bei so einem alten Auto? Primär will ich jetzt den Motor zum Laufen bekommen, damit mich der Wagen nachher nach Hamburg tragen kann. Wider der Deutschen Bahn und wider der Kapitulation. Später kann ich mir ja bei ebay ein gebrauchtes neues Schloss kaufen und das entsprechend wieder einbauen. Ich habe ja nur die beiden Schrauben zerstört, den Rest kann ich wieder brav zurückbauen. Okay, vielleicht habe ich auch mit der Bohrmaschine ein bisschen vom unteren Armaturenbrettträger (wirklich heute mit drei t? Krass) weggefräst, aber das sieht man nicht, da ist das Lenkrad vor. Also, dann, wenn ich es wieder draufgeschraubt habe. So. Zwei der drei Klemmen verbinden. Zündung, jetzt?

Schlüsselerlebnisse

Große Freude über zwei rote Lampen

Jawohl! Kupplung treten, die dritte Klemme mit ranhalten – und der Anlasser dreht sich. Und der Motor springt an. YESS!!!!! :-) Nach 45 Minuten bohren und basteln läuft der Dottore wieder, lässt sich lenken und schalten und macht insgesamt einen fahrbaren Eindruck. Ich… äh… okay, die Blinker gehen nicht. Das muss an der Position der Schalter auf der nun nicht mehr fixierten Lenkachse liegen. Glaube ich. Dementsprechend sollte ich Kreuzungen meiden oder vielleicht die Hand raushalten, das geht ja beim Fahrrad auch. Das normale Abblendlicht geht auch nicht. Nur das Standlicht. Also sollte ich los, bevor es dunkel wird, das kriege ich aber hin. Der Scheibenwischer geht auch nicht. Und es sieht nach Regen aus. Aus Mangel an Alternativen lasse ich mich trotzdem drauf ein und beschließe, zur Not einfach so schnell zu fahren, dass die Regentropfen auf der Scheibe nach oben weggefegt werden. Dass das nicht geht weiß ich irgendwie, aber nun bin ich schon so weit gekommen – jetzt will ich das auch durchziehen. Wenigstens weiß ich jetzt, was mindestens alles noch über diesen Anlassschalter gesteuert wird. Das Radio hängt direkt an Klemme 30, das geht immer. Und das ist auch gut so. Die Hupe geht auch. Die Lenksäule schwabbelt ein wenig haltlos ohne ihre Fixierung im Fußraum vor sich hin, ich beschließe, vorsichtig zu fahren und das alles erst zu veröffentlichen, wenn es ein gutes Ende genommen hat :-)

Schlüsselerlebnisse

Ich hör jetzt auf damit, aufzugeben.

Steine im Weg? Fuck you. Nur ein kleines Ereignis innerhalb des riesengroßen Haufens an Arbeit, Kummer und Zeitdruck, der momentan in Sandmanns Welt abgearbeitet wird. Aber weil ich nicht einsehe, dass so ein Dreck jetzt überflüssigerweise auch noch meine Pläne verzögert oder durchkreuzt ist es mir so wichtig gewesen, den Kahn wieder zum Laufen zu kriegen. Dass dies erst der Anfang war und in der Folge nach und nach noch ein weiterhin malader Vergaser, verhärtete Ventilschaftdichtungen, eine durchgeschossene Kopfdichtung, ein zahnloser Zahnriemen und ein geplatzter Kühlwasserschlauch kommen ist nur konsequent. Aber das sind andere Geschichten. Heute fahre ich mit dem Audi nach Hamburg, und ich komme heil und nur leicht genervt da an. Ohne Regen ;-) Und vielleicht bin ich auch ein bisschen stolz auf die alte Karre, denn trotz alledem bringt sie mich auch in stürmischen Zeiten immer wieder nach Hause.

Sandmann

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Created Donnerstag, 16. Oktober 2014 Tags Audi 100 | Audi 100 LS 1977 | schlüssel | Typ 43 | verloren | Zündanlassschalter | Zündschloss Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
15 Oct 2014
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Re-CHARGE my Life!

Re-CHARGE my Life!

Wertanlage mit Hüftschwung

Wie sich ein 68er Dodge in ein Leben einschleicht …
Als Kinder seid ihr irgendwann aus dem Spielzeugalter raus,  habt dann aber kein Geld. Jedenfalls nicht viel mehr als für ein Eis, ein YPS und ein Smartphone. Wenn ihr als Männer später Geld haben, nimmt es euch meist der Alltag, das Finanzamt oder die knapp kalkulierte Doppelhaushälfte wieder ab. Oder die Lebensgefährtin. Denn die legt üblicherweise ein Veto gegen Spielzeug jeder Art ein, so habe ich das jedenfalls in meinem Freundeskreis mehr als einmal beobachten dürfen. Bei Martin Hofmann ist das irgendwie alles anders. Der ist erwachsen, hat Geld gespart und die Freundin auf seiner Seite. Er will auch wieder spielen, und er tut es, und sie lässt ihn.

Re-CHARGE my Life!

Besser als jede Therapie

Keine Spur Midlife-Crisis
Kinder und maskuline Erwachsene spielen gern mit Autos – aber die Form eines 911er, die so viele Männer in der Mitte ihres Lebens erregt (und meist einhergeht mit dem Austausch der Lebenagefährtin gegen ein wesentlich jüngeres Modell), reizt Martin nicht. Er ist ein Kind der 80er. Amischlitten – sie fallen ihm wieder ein, zuerst gesehen in den amerikanischen TV-Serien. Erinnerungen an das “A-Team”, “Knight Rider” und “Ein Colt für alle Fälle” erwecken den berühmten Virus für amerikanische Autos wieder zum Leben. Seiner Freundin gebührt an dieser Stelle großer Respekt, denn statt zickig mit der klappernden Haushaltskasse zu wedeln unterstützt sie geduldig und verständnisvoll diesen Mann in seinem Vorhaben. Obwohl er nichts anderes mehr im Kopf zu haben scheint, aber das kennen wir ja.

Volltreffer in Wisconsin
In Hamburg werden Nägel mit Köpfen gemacht. Mit einem kundigen Importeur bringt Martin monetäre Voraussetzungen mit Wunschvorstellungen in Einklang, und er beginnt die detektivische Suche im Internet. Und gerade das gestaltet sich gar nicht so einfach, wenn man konkrete Gedanken und Vorstellungen besitzt. Es soll ein Dodge Charger werden, das klassische, leider inzwischen recht hochpreisige Muscle-Car der 60er. Martin befolgt den Rat des Importeurs und sieht sich viele, sehr viele Muskelkisten an – und wird immer wieder enttäuscht. Da ihm ein bestimmtes Baujahr mit einer klar definierten Motorisierung vorschwebt, dünnt sich das Angebot im deutschen Lande ohnehin immer weiter aus, und Dichtung und Wahrheit besorgen den Rest. Also erweitert er seine Recherche auf die USA, und schon kurze Zeit später macht es endlich “Klick”. Bei einer Anzeige passt alles – Motor, Innenausstattung, Übersetzung der Hinterachse und der beschriebene Allgemeinzustand. Martin greift zum Telefon.

Re-CHARGE my Life!

Da geht noch was…

Auf der anderen Seite des großen Meeres meldet sich Chris aus der Nähe von Milwaukee in Wisconsin. Ja, der Wagen sei noch da, er habe auch schon eine lange Geschichte in seiner Familie hinter sich. Als das ursprüngliche Fahrzeug in die Jahre gekommen war, erwarb es sein Bruder und wollte es eigentlich zeitgenössisch zum Drag-Racer pimpen. Dieses Vorhaben zog sich aber anscheinend erheblich in die Länge, und Chris konnte es irgendwann nicht mehr ertragen, den schon damals recht seltenen Wagen ohne Motor ausgeweidet auf dem Hof stehen zu sehen. Also kaufte er ihn seinem Bruder ab und baute ihn bis 2004 nach und nach genau so auf, wie er selbst sich einen fabrikneuen Dodge Charger bestellt hätte. Und da scheint zwischen Martin und Chris geschmackliche Einigkeit zu bestehen. Was für ein Treffer!

Farbe? Passt.

Farbe? Passt.

Über den großen Ozean
Der nun erneut wieder auf den Plan gerufene Importeur einigt sich mit dem Besitzer des Muscle-Cars auf die Bestellung eines unabhängigen Gutachters vor Ort, der 120 Fotos vom Auto macht und alle eventuellen Schwachpunkte und Mängel in einem Schriftstück festhält. Die Fotos und die umfangreichen Beschreibungen überzeugen Martin sofort – und das Ja seiner Freundin bekommt er umgehend. Das muss Liebe sein. Also… von beiden Seiten :-) Er kauft den 42 Jahre alten Dodge, ohne ihn je selbst gesehen zu haben und nimmt ihn sieben Wochen später überglücklich und mit Herzklopfen in Empfang. Nach einem kurzen Umbau für den deutschen TÜV und eine auf Anhieb erfolgreiche Zulassung gehört der Dodge zur Familie.

Re-CHARGE my Life!

So soll ein Muscle Car aussehen

Eine eigene Dimension
Und Familientreffen mag ich. Da folge ich der Einladung sehr gern, zumal die Anreise nicht weit ist und es am Treffpunkt einen leckeren Mittagstisch, serviert von der süßen Mary, zu futtern gibt ;-) Martin stellt mich seinem Charger höflich vor, während ich mich verbeuge und ehrfürchtig damit beginne, die Dimensionen zu erfassen. Erstmal innen drin. Ein für die späten 60er Jahre unaufgeregtes Armaturenbrett beherbergt in schwarzem Kunststoff einige Rundinstrumente und dicke Kippschalter. Kleine Aufkleber auf dem Tacho erzählen von Stundenkilometern und verdecken die Meilenangaben. Ein Lichtlein aus dem Mitteltunnel leuchtet den Weg, als sich der Steuermann in das weiße Kunstledergestühl fallen lässt.

Alles im Blick

Alles im Blick

Re-CHARGE my Life!

Beleuchtete Füße. Cool.

Re-CHARGE my Life!

Schalter, die noch geschaltet werden WOLLEN

Re-CHARGE my Life!

Musik zwo drei…

Ich trete zurück, um dieses glänzende, grüne Muskelpaket einmal in Gänze vor die Linse und in mein Bewusstsein zu bekommen. Ich muss dafür ziemlich weit zurücktreten, das Ding ist sagenhaft lang. Was gerade noch als Matchbox-Auto in einer irren Farbe mit dicken Reifen und kurvenreichen Formen in meiner Sandkiste auf eine kleine Reise ins benachbarte Erdbeerbeet wartete, steht hier jetzt im Maßstab 1:1 vor mir. Seine Schnauze wirkt gierig, sein Body wie von einem heißen Gegenwind nach hinten ausgeformt. Ein faszinierender Hüftschwung mit wunderschönen Details wie dem seitlichen Tankdeckel oder den kleinen, runden Rücklichtern lassen meinen Mund permanent offen stehen. Ich beginne zu begreifen, warum dieses Modell bei den Freaks in der Szene so begehrt ist. Hier war ein Künstler am Werk. Der Dodge scheint zu warten.

Re-CHARGE my Life!

Nordische Wangenknochen, sehr sexy

Re-CHARGE my Life!

Grip auf jedem Meter. Die Walzen versprechen es.

Re-CHARGE my Life!

Bremslichter, die aber nicht gebraucht werden.

Ein Motor wie ein Gewitter
Im Hintergrund holpert ein Toyota Aygo die Kopfsteinpflasterstraße entlang, und ich kann mich nicht entscheiden, was mir hier deplatzierter vorkommt. Der knubbelige, japanische Kleinwagen im Angesicht einer gewaltigen, völlig sinnentleerten Fahrmaschine – oder eben diese vor Kraft strotzende, irgendwie unwirkliche Symbiose aus wunderschönen Kurven und Ressourcen vernichtendem 440cui Big Block in einer grauen Welt voller Abgasnormen und Elektroautos. Wie sagten sie so schön im Trailer des ersten Jurassic-Park-Films? “Etwas… hat überlebt!”. Ja geil, und dieses etwas passt, wie ich finde, noch immer wunderbar in diese Welt. Nennen wir es Ansichtssache. Der Anlasser dreht sich.

Re-CHARGE my Life!

Zwischen viel Platz und viel Motor.

Und das, was jetzt kommt, lässt sich kaum in Worte kleiden. 7,2 Liter Brennraum füllen sich mit leicht entzündlichem Nass. Der Anlasser klingt wie bei jedem amerikanischen Hubraumwunder ein bisschen so, als schaffe er es nicht ganz. Tut er dann aber irgendwie doch immer. BRROOOOAAMMMMM!!!!! Ein kurzes, turbinenhaftes Aufbrüllen, dann ein ruhiges Grummeln wie von einem fernen Gewitter, gleichmäßig und völlig unaufgeregt. Martin legt den mittigen Wählhebel des TFT 727 Getriebes in die Fahrstufe ein und fährt an mir vorbei… und fährt vorbei… und fährt vorbei… Ich habe schon kürzere Autos gesehen. Der Aygo ist hoffentlich langsam mal in seinen Vorort verschwunden, wir brauchen gleich die ganze Straße!

Re-CHARGE my Life!

Ein Gewitter donnert durch den Hafen

Käufliche Sehnsucht
Wow – deshalb heißen die auch Muscle Cars. Das tiefe Grollen erzählt von etwas, was gern frei gelassen werden möchte, von einem Raubtier in Lauerstellung, von einem endlich erfüllten Traum. Und Martin lässt es frei. Katzenhaft schnellt der Dodge nach vorn. Wie bei einer nahenden U-Bahn bebt die Straße, er ist gar nicht laut dabei, ich fühle es trotz der Entfernung eher im Magen und bewundere, wie unangestrengt das Fahrzeug dabei wirkt. Ich bin von Evel Knievel geprägt. Ich erwarte einen am anderen Ende der Straße sich entfaltenden Bremsfallschirm, aber diese Aufgabe müssen die vier zeitgenössischen Trommelbremsen übernehmen. Meine Nackenhaare haben sich noch gar nicht wieder gelegt, da brennt er erneut an mir vorbei. Shit, ich soll ja Fotos machen :-) Okay. Die breite, scheinwerferlose Schnauze taucht tief in die Bodenwellen ein, hart und bestimmt stemmen sich die Pneus gegen das Kopfsteinpflaster – und schon ist er wieder weg. Es riecht angenehm nach sauber verbranntem, unkatalysiertem Super.
Das hier ist Sex. Das ist Form und Kraft in einem, das ist käufliche Sehnsucht und erfüllte Lust bei der Kontrolle über die Maschine. Mich fröstelt. Als das Gerät (kann man so etwas überhaupt noch Auto nennen?) wieder an mir vorbei auf den Parkplatz rollt, blicke ich nur noch andächtig lächelnd und ein bisschen irre.

Re-CHARGE my Life!

Wer braucht da noch einen Therapeuten?

Aufladen im Alltag
Martin Hofmann, setzen, alles richtig gemacht. Der Mann erzählt am Ende unseres Treffens bei einem Kaffee in der Oldtimertankstelle Brandshof die Geschichte seines Autos, während es draußen ungeduldig auf ihn wartet. Martin ist noch immer ein bisschen Kind. Und er wirkt glücklich, so glücklich wie ein Mann nur wirken kann, wenn er sich einen Traum erfüllt hat. Der Nachbar muss jeden Tag sein Elektroauto wieder aufladen. Der Charger lädt andersrum Martin jeden Tag wieder auf, bringt Farbe und Sound in den grauen, monotonen norddeutschen Winter und  gewährt einen Ausblick auf viele weitere spektakuläre Reisen und Erlebnisse mit einem mehr als ungewöhnlichen Auto.

Re-CHARGE my Life!

Das Schiff ist im Hafen

So soll es sein. Hier hat ein Mann seine Religion gefunden und lebt sie nun. Und noch immer mit dem Segen seiner Freundin. Der Fahrer des Aygo wird das niemals verstehen…

Sandmann

Location: www.tankstelle-brandshof.de und der Hamburger Hafen
Artikel auch bei TRÄUME WAGEN

Bilder: Jens Tanz und Susann Drews

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Created Mittwoch, 15. Oktober 2014 Tags 1968 | ami | Brandshof | Charger | Dodge | Dodge Charger | hamburg | Import | Musclecar | TRÄUME WAGEN Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
13 Oct 2014
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Zurück in die Sintflut

Zurück in die Sintflut

Wie Sie sehen – sehen Sie nichts.

Finalement bringt der Weg am Ende des Urlaubs mit dem Auto nach Hause viererlei Erkenntnis: Erstens sind es viele Kilometer. Zweitens wird das Wetter in Richtung Deutschland schlechter. Drittens überkommt den Fahrer bei so einer lange Tour am Stück gern mal eine tiefe Müdigkeit. Soweit ist mir das alles bekannt :-) Die Superlativen sind allerdings neu – ich lerne heute, WIE weit es wirklich von Agde am Mittelmeer bis Kiel in Norddeutschland ist, WIE schlecht das Wetter faktisch werden kann und WIE sehr einen die Müdigkeit am Steuer eines Autos erwischt, wenn weit und breit über Stunden kein Rastplatz kommt. Von der vierten Erkenntnis erzähle ich später. Aber ahnten Sie schon, WIE dringend ich ein neues Navi brauche? Aber geben wir dem alten zunächst, bei gutem Wetter in Südfrankreich, die Koordinaten der Heimreise durch:

Argh.

Zurück in die Sintflut

Das… ist WIRKLICH weit.

Zur Verifizierung der ersten Erkenntnis schiebe ich mein bas Erstauntsein auf die Psyche des Menschen und die Verdrängung im Allgemeinen. So ein zweigeteilter Hinweg mit Übernachtung in Paris lässt eine europadurchquerende Gesamtstrecke irgendwie kürzer wirken, als sie tatsächlich ist. Heute sollen es 1635 Kilometer am Stück werden, und nach nur 14 Stunden sollen wir um 1:21 heute Nacht da sein :-) Ha. Ohne Pausen, also eher ein paar Minuten später. Und mein großes Töchterchen regt einen Stopp in Lyon an, da waren sie auf Oberstufenfahrt, und man sagt dort solle es sehr leckere Süßigkeiten geben. Mitbringselalarm!
Das Mobile Home ist fachgerecht abgenommen und mindestens in seinem Ursprungszustand übergeben, das bedeutet (wie immer auch nach jedem Dänemarkurlaub) sauberer als zu Beginn und mit genau so vielen Fehlteilen in der Küche wie vor 10 Tagen. Das stört niemanden, die Gäste offensichtlich auch nicht, uns auch nicht – also kann es losgehen. Jetzt. Jetzt ist er wieder da, dieser Moment, von dem wir zu Beginn der Reise immer sprechen :-( Wenn nach nur einem *SCHNIPP* mit den Fingern all die schönen und schrägen Tage vorbei sind.

Zurück in die Sintflut

Bitte recht traurig…

Mmmmmmhhhhböööh :-( Manno. Zurückfahren heißt sich mit dem Alltag konfrontiert sehen, und zwar ziemlich direkt und unnachgiebig. Heute ist Samstag, und Montag geht die Mühle wieder voll los. Zumindest für den sich in einer Ausbildung befindenden jungen Mann mit der neuen Cap und für mich, also MÜSSEN zumindest wir beide irgendwie morgen im Laufe des Tages in Norddeutschland ankommen. Und dann wird er wieder wacker vor sich hinzimmern, und ich werde ich mich dem stellen, was da auf mich wartet. Die Mädels wiederum haben entweder noch vier Wochen Ferien oder noch vier Wochen Freiheit bis zum Beginn des FSJ vor sich. Beneidenswert. Vier Wochen am Stück, vielleicht hätte ich DOCH Lehrer werden sollen? :-) Neiiiiin. Autos. Der Tank ist voll, Öl, Wasser und Reisebaguettes sind aufgefüllt und Lyon als Zwischenziel in 5 Stunden klingt gar nicht so wahnsinnig weit weg. Gleich bei der Auffahrt auf die erste Autobahn vor Montpellier (wo M. Leroc den ausgebüchsten Daniel mit… ach, lassen wir das nun mal) treffen wir auf viele gleichgesinnte Franzosen, Niederländer und Belgier, die auch nur bis zum heutigen Samstag ihre Domizile gebucht haben und die vermutlich wie wir auf dem Heimweg sind. Stau an der Péage. Na – da fühlt man sich doch gleich wie Zuhause auf der A7 im Elbtunnel…

Zurück in die Sintflut

Samstag ist Bettenwechsel?

Finalement gibt südfrankreichs Sonne noch einmal alles. Ich weiß nicht ob mich die Wetterprognosen, die Regen vorhergesagt haben nun fröhlich stimmen. Eher nein. Denn vom Regen in Frankreich hab ich nichts und bin prinzipiell kein missgünstiger Mensch, außerdem scheint in Deutschland sowieso grad die Welt unterzugehen. Mindestens wettertechnisch. Also nehmen wir es einfach so, wie es ist – bleibt ja eh keine Alternative :-) Und mit Petrus kann ich erst wieder im Dezember über seine Wetterplanung plaudern, wenn er genau wie ich den jährlichen Trip mit seiner Ische Frau Holle auf den Weihnachtsmarkt nach Uelzen macht. Aber das ist eine andere Geschichte. Scrollen Sie doch bitte noch einmal hoch zu dem Bild am Anfang. Das mit der Windschutzscheibe. Dann haben Sie einen ungefähren Eindruck davon, was so auf der Autobahn kurz vor Lyon abgeht. Alle bleiben stehen, der Himmel öffnet seine Schleusen und zwischendurch ballern auch noch Hagelkörner nieder. Hat Lyon keine Lust auf uns? Selbst wenn dem so ist - wir haben Lust auf Lyon. Auch wenn es uns üblicherweise auf dem Rückweg dann doch ziemlich doll nach Hause zieht, wollen wir einmal durch die Stadt flanieren, die Gliedmaßen strecken, etwas essen und ein paar Süßigkeiten kaufen, bevor es auf die finale Etappe raus aus Frankreich geht.

Zurück in die Sintflut

Da braut sich was zusammen

Die Lebensmittelversorgung wird standesgemäß aus Zeitgründen von der amerikanischen Fastfoodkette mit dem goldenen M bewerkstelligt. Notiz an mich selbst: Auf der nächsten Reise dieser Art werden ausschließlich saisonale Köstlichkeiten von lokalen Anbietern gegessen. Man muss ja Ziele haben :-) Für andere Sehenswürdigkeiten neben diesem Etablissement hat der Zeitplan leider keine Lücken gelassen, also hüpfen die drei Mitreisenden und ich zwischen den einzelnen heftigen Starkregenschauern von Fußweg zu Fußweg und suchen und finden dann auch eine Confiserie, wo man diese kleinen bunten süßen Küchlein kaufen kann. Wie heißen die noch mal? Leider sind die hier sechsmal so teuer wie in jeder anderen Bäckerei auf dem Land, aber wir haben nun mal keine andere Bäckerei auf dem Land in der Nähe und das Angebot bestimmt den Preis. Ich beschließe spontan bei soviel kapitalistischer Erkenntnis, das Taschengeld meiner Töchter zu erhöhen. Immerhin sind die Pralinchen sehr hübsch verpackt, die Lieben daheim werden sich freuen :-)

Zurück in die Sintflut

Quasi im Dior-Shop für Pralinen

Tschüss Lyon. Ich glaube du bist ganz schön, wenn man sich Zeit mit dir nimmt. Leider haben wir die heute nicht, aber meine große Tochter kann von einigen wirklich guten Tagen und Abenden im vergangenen Jahr hier berichten. Und auch wenn wir nur den innerstädtischen McDonald’s und diese völlig überteuerte Luxus-Schokoladenmanufaktur gesehen haben, so bekommt man doch beim Durchfahren auf der Suche nach einem Parkplatz einen ganz guten Eindruck von deiner Schönheit. Lyon. Wenn der Regen einem diesen Eindruck gewährt. Kurz vorm Auto werden wir noch einmal nass. Also so RICHTIG nass! Zumindest drei der vier Reisenden können es nicht fassen, dass nach der warmen Morgensonne und dem strahlend blauen Himmel heute bei unserer Abfahrt nun ein paar 100 Kilometer weiter nördlich die erste Sintflut niedergeht. Haben wir denn so sehr gesündigt, dass wir reingewaschen werden müssen? Ich kann mich nicht erinnern. Nummer vier hat eine wasserdichte Cap auf, von der die Regentropfen abperlen, den stört das alles irgendwie nicht ;-)

il pleut

il pleut

Zurück in dem Rettungsboot aus Sindelfingen wird das pensionierte Navi mit neuen, letzten Zielen versorgt. Die Route geht irgendwie nicht so, wie ich sie in Erinnerung habe, sehe ich da einen Zipfel von Luxemburg ins Bild ragen? Sind wir nicht sonst immer über Saarbrücken gefahren? Na wie dem auch sei, wir wollen bei Dämmerung an der Deutschen Grenze sein. Die Große möchte dann ein paar Stunden das Steuer übernehmen, damit ich ein bisschen Schlaf bekomme. Also soll es der erste Rastplatz nach der Grenze werden, bis dahin ist es noch ein laaaaaanger Weg über die große große Landkarte. Genug Diesel schwappt noch im Tank (wir fahren tatsächlich mit einem Schnittverbrauch von 6,8 Litern auf 100 Kilometern, da werden Tankstellen zur Nebensache). Frische Musik ist schon zurechtgelegt, satt sind wir auch, genug Trinkwasser und Cherry-Coke in Dosen befindet sich in direkter Reichweite meiner linken Hand. Also los.

Zurück in die Sintflut

Gallien ist größer als man meint

Die Meilen ziehen sich. Es dämmert früher als erwartet, und in der Nähe der Grenze (jedenfalls GLAUBE ich, dass wir in der Nähe sind) beginnt meine gute alte TomTom Lisa schon wieder zu zicken. Ein paar Straßen scheinen hier neu gebaut worden zu sein, und plötzlich sind wir tatsächlich in Luxemburg. Huch? Es gibt hier keine Raststätten, auf denen man einen Fahrerwechsel durchführen könnte, außerdem möchte ich meiner hübschen Fahranfängerin noch keine so lange Stecke außerhalb klarer Richtungsverhältnisse zumuten. Nicht, wenn ich dabei hinten auf dem Rücksitz vor mich hin schnarche… Also fahre ich weiter. Immer weiter. Von der Autobahn geht es runter auf dunkle Überlandtraßen in irgend eine Richtung, ich hoffe die richtige. Irgendwann nach Mitternach werde ich wirklich müde! Also – so RICHTIG müde. Auf dem Rücksitz sind alle Führerscheininhaber resignierend eingeschlafen, hier kann ich nicht mit Ablösung rechnen. Wir kurven durch die Dunkelheit, es gibt weder Ortschaften noch Rastplätze und es geht nur schleppend voran. Ich hinterfrage nicht mal mehr, ob wir hier eigentlich richtig sind, ich fahre einfach weiter auf der Suche nach einer Autobahn nach Norden. Gegen 1:00 Uhr kommt die tatsächlich. Ich kenne meine Belastbarkeit inzwischen ziemlich gut, und ich weiß, dass ich keine 50 Kilometer mehr gefahren wäre. Die Fracht an Bord des Mercedes ist zu kostbar für Sekundenschlaf.
Und da ist sie endlich, die beleuchtete Oase der Rast, die Tankstelle! Rauf da, Motor aus, Kuschelkissen in den Nacken und… schlafen.

Zurück in die Sintflut

grad noch Zeit für einen verschwommenen Selfie

Haben Sie schon mal auf einer Autobahnraststätte im Auto geschlafen? Hier bieten sich einem alle erdenklichen Klassiker nacheinander, und ich habe sie alle mitgenommen:
Zuerst schläft man nicht ein, weil man noch aufgekratzt von der Konzentration und der Übermüdung ist.
Nach 30 Minuten fangen die Gliedmaßen an, sich unwohl zu fühlen. Schließlich sitzt man in einem Auto.
Nach dem ersten kurzen Wegnicker beginnt das Kühlaggregat des LKW neben einem anzuspringen. Die Lichter des Parkplatzes scheinen von dem Moment an viel heller zu sein und nerven rum.
Nach dem zweiten Wegnicker kommen die Autobahncops und leuchten einem mit ihren MagLites direkt ins Gesicht.
Daraufhin gehen die beiden davon aufgewachten Damen nochmal zum Piseln in die Büsche, der Mann mit der Harry Potter Narbe raucht eine.
Nach dem dritten Wegnicker schläft man dann. Man schläft sagenhaft tief.
Und um 4:00 Uhr weckt einen der Wecker. Hurra.

Aufstehen, strecken, Cola trinken, tanken und weiter auf der Autobahn nach Norden. Ich bin fit und wach, ich habe noch keinen Plan wo wir eigentlich sind aber angeblich sind wir gegen 8:30 Uhr in Kiel. Was für ein blindes Vertrauen in dieses TomTom. Okay.

Zurück in die Sintflut

Der “Rest” der Etappe

Irgendwann (es ist noch immer dunkel) erkenne ich die Städte auf den blauen Schildern als die, die man entlang der A1 gebaut hat. Das beruhigt. So schön die Vorstellung auch ist, endlich mal in Luxemburg gewesen zu sein. Und so angenehm ich die Errungenschaften des vereinten Europas finde, die es möglich machten, dass ich nicht einmal gemerkt habe, dass ich über mehrere Landesgrenzen gefahren bin. Aber es ist noch schöner, zu wissen, wo man ist. Eins muss ich meinem alten Navi lassen – es hat mich am Ende immer dort hin gebracht, wo ich hin wollte. Nicht immer auf dem besten Weg, aber immer zum Ziel. Du bist ehrenhaft ergraut, Lisa. Du warst stets bemüht, das Klassenziel zu erreichen. Aber jetzt kannst du endlich Bäcker werden. Oder vielleicht im ersten Auto meiner großen Tochter ein zweites Leben führen. Wir werden es erfahren. Während ich noch so über die Ereignisse der letzten Nacht sinniere wird es am Horizont langsam hell. Die bekannten Silhouetten der Hamburger Hafenkräne zeichnen sich schattenhaft neben der A7 kurz vorm Elbtunnel ab, vielleicht ist der frühe Sonntag Morgen tatsächlich der einzige Zeitpunkt, an dem man hier nicht im Verkehrsinfarkt steckt? Hallo Hamburg.

Zurück in die Sintflut

Nun, das kennt man ja

Alle schlafen. Mein halbfinnisches Fräulein Altona und mein viertelfinnisches Sandmädchen, die tapfer fast zwei Wochen ohne Papa klargekommen sind schlafen keine drei Kilometer von hier tief in ihren Betten. Meine mittlere und meine große Tochter schlafen auf den Mercedes-Sitzen neben und hinter mir, die große hat den Mann mit der Mütze im Arm. Schlafend. Bald werden sie alle wach werden und in einen neuen Tag starten. Die einen werden sagen: “Heute Abend kommt Papa endlich wieder!” und die anderen werden sagen: “Huch, hier sind wir schon?” Denn es geht immer weiter. Jedes Ende von irgend etwas ist gleichzeitig der Anfang von etwas Neuem. Ich habe einen sehr weiten Weg bis hier hin zurück gelegt, und bald komme ich an. Ich wurde begleitet von Menschen, die ich liebe und Menschen, mit denen man sich gern umgibt. Wollen Sie noch mehr Metaphern? Gern. In diesen Tunnel hinein geht es zwar bergab, aber abwärts bedeutet nicht immer, dass es schlechter wird. Das spart auch Diesel :-) Und ab der Mitte geht es wieder bergauf. Das kostet zwar Kraft, aber am Ende des Tunnels ist Tageslicht.

Unter Normal Null

Unter Normal Null

Und auch wenn es da regnet ist es doch hell.
Ich habe Sie nun über mehrere zusammenhängende Geschichten zugetextet, habe alle meine Gleichnisse und Andeutungen in Urlaubserlebnisse verpackt und bin streckenweise sehr nachdenklich geworden. Zwischen schönen Bildern von Sonne und Palmen standen Zeilen, die nicht immer fröhlich waren. Und wenn Sie verfolgen, wie lange ich benötigt habe, um einen 12 Tage dauernden Urlaub niederzuschreiben bekommen Sie vielleicht eine Ahnung davon, dass die eigentliche Sintflut nicht auf der Autobahn bei Lyon über uns niedergegangen ist, sondern später in Kiel. Gut, dass ich mir rechtzeitig eine kleine Arche gebaut habe, in der ich nur die Menschen mitnehme, die mir am Herzen liegen. Und nur die Dinge, die ich wirklich benötige und an denen ich wirklich hänge. Das ist dann wohl die vierte Erkenntnis. Wir sind wieder da. Ich bin wieder da. Passen Sie auf sich auf, verschließen Sie niemals die Augen und halten Sie an dem fest, was wirklich wichtig ist.

Sandmann

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Created Montag, 13. Oktober 2014 Tags autobahn | Elbtunnel | ende | frankreich | Hafen | hamburg | heimweg | Lyon | regen | Reise Reise | Roadmovie | Rückweg | S210 | Urlaub Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
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09 Oct 2014
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Von oben betrachtet

Von oben betrachtet

Unbesiegbar. Zumindest hier oben.

Zack bingg ♫ Begeben Sie sich bitte zum Ausgang. Zum Ausgang vom Sommerurlaub nach Südfrankreich, wenngleich ich mir das vor 10 Tagen noch nicht wirklich vorstellen konnte. Ich denke noch nicht darüber nach, was mich alles im deutschen Alltag erwartet, zumindest nicht am Tag, was ich nachts so träume habe ich leider nur bedingt unter Kontrolle. Aber es fehlt im Hier und Jetzt noch ein Pflichtbesuch sur nôtre Route: das mühlige Cassis mit den malerischen Calanques und dem Cap Canaille. Diese kleinen Flecken, auch von offiziellen Quellen als die schönsten auf der französischen Landkarte bezeichnet, sind das Krönchen dieser kleinen Reise, sowohl von den Höhenmetern als auch von der Farbskala als auch vom bleibenden Eindruck. Als auch von… als auch von… ach manno, mein Wortspeicher ist fast leer :-(

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Die fantastischen Vier

Sie sehen hier zusammenhängende, aber nicht geordnete Körperteile in sindelfinger Großkombis. So sieht man aus, wenn der Wecker den Geist rausrappelt, obwohl der Körper doch im Urlaub ist. Also nicht ausschlafen, mit schlurfendem Gang ein paar Croissants und Pains Chocolat vom Camping-Mini-Marché holen und diese in der Morgensonne zu heißem Kaffee genießen. Stattdessen packen die drei jungen Menschen und der mittelalte Papi diversen Badekrams, Sonnenbrillen und Handtücher ein. Und viel Trinkwasser. Und sie machen sich auf den Weg dahin, wo das Wasser unfassbar grün, die Felsen leuchtend weiß und der Himmel sagenhaft blau ist. Blöderweise sind das von hier aus 260 Kilometer. Wer hatte eigentlich die Idee, mal “woanders” zu verweilen und nicht wie immer in der Nähe von St. Tropez? Wer?? Ich? Oh :-( Okay. Na egal, nach so vielen Tagen in und um Agde kann der Südwind gern mal wieder den Staub von dem dicken Daimler blasen, die Autobahnmaut-Tüte ist noch einigermaßen voll und das Ziel heiligt jeden Weg. Glauben Sie mir. Vorglühen, starten, Fahrstufe einlegen und mit französischer Musik ♫ von Radio NRJ im Ohr los bis…

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Stop. Nachhaltig.

… irgendwo bei Montpellier. Alles bremst, alles steht. Na toll. Und nein, es ist nicht dieses sirupartige Dahinquälen wie jeden alltäglichen Montag Morgen auf der A7 von Kiel in Richtung Hamburg, es steht tatsächlich. Und es hört nicht auf damit. Menschen laufen durch die Gegend, die ersten drehen nach einer Stunde Stillstand um und versuchen ihr Glück entgegen der Fahrtrichtung rückwärts durch die just passierte Mautstelle. Der Mann mit der Cap Canaille auf dem Kopf raucht erstmal eine und ist dementsprechend dankbar für diese Unterbrechung, aber ich sehe schmerzlich jede Minute hier auf der teuer bezahlten Autobahn verstreichen, wo ich sie doch auch am smaragtgrünen Wasser in den Calanques bei Cassis verstreichen lassen könnte. Es kommen Krankenwagen. Oha. Es kommen Rettungswagen und Notärzte. Es kommen Hubschrauber, einer, zwei, drei. Und noch mehr Krankenwagen. Und noch mehr Notärzte. Es kommen Feuerwehren. Viele Feuerwehren. Oh je oh je…..

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Ja, es nervt. Aber wir leben wenigstens noch.

Wir machen es irgendwann wie die anderen und fahren zurück, entgegen der Spur, durch eine offene Schranke rückwärts auf die Landstraße. Kapitulierend. Geleitet von der Gendarmerie. Später lese ich auf Facebook, dass in den schweren Verkehrsunfall vor uns ein LKW und mehrere PKW verwickelt waren. Eine Familie wurde in ihrem Kleinbus eingeklemmt und ein 14jähriges Mädchen ist noch an der Unfallstelle gestorben.
Da ist sie wieder. Meine Erdung. Drauf geschissen, hier stundenlang rumzustehen, wen interessieren Hitze und Zeitverlust – da hat gerade ein Vater seine Tochter verloren. Eine Mutter ihr Kind. Da ist aus einem fröhlichen Sommerurlaub mitten auf der Autobahn eine furchtbare Tragödie geworden, wegen Unachtsamkeit, wegen Übermut, was weiß ich weswegen. Das kleine Mädchen ist tot, und ich kann wirklich sehr gut damit leben, nur ein bisschen Zeit verloren zu haben. Wir fahren weiter über Land, vorbei an der Autobahn und allem was da drauf gerade passiert. Weil wir noch immer unser Ziel vor Augen haben und der Tag noch immer recht jung ist. Ich bin ein bisschen dankbarer als ohnehin schon für das, was ich habe, streife die traurigen Gedanken ab und konzentriere mich wieder ganz auf Lisa, mein veraltetes Navi, der ich zum ERSTEN MAL die genauen Koordinaten des Parkplatzes unten an den Calanques eingegeben habe. Die vorigen Male (Sie erinnern sich? KLICK) sind wir mit dem Auto immer irgendwo weit oberhalb des eigentlichen Fußweges gelandet, das war unsexy und anstrengend. Heute sind wir direkt unten auf dem Parkplatz der ersten Bucht und müssen nur weitere 30 Minuten warten, bis jemand sein Auto aus der jetzt schon sengenden Hitze ohne Schatten rausnimmt und wir diese begehrte Parklücke haben dürfen. YESS:

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Deiiiine Spuuuuren im Saaaand

Da vermutlich die wenigsten von Ihnen schon einmal den Fußmarsch in die Calanques gewagt haben, sei erwähnt, dass es auf dem Weg dorthin parallel zu einer wandartigen hohen Klippe tagsüber sehr heiß ist. So heiß, dass der kleine Kiosk am Parkplatz gegen Abend immer zum lebensrettenden Ort für die Heimkehrer, die zu wenig Wasser mitgenommen hatten wird. Ich weiß inzwischen, wie viele Sonnenstunden wir vier so abkönnen und wie man sich mit mehr oder weniger albernen Kopfbedeckungen schützt, aber was kann man eigentlich einem durchschnittlichen Kraftfahrzeug so an Direkt-UV zumuten? Schmilzt das irgendwann? Ein wenig beunruhigt lassen wir (ich) den Mercedes im Staub zurück, sind uns nicht endgültig sicher ob man hier überhaupt einen ganzen Tag stehen darf und bedecken unsere Häupter und Schultern mit allerlei Stoffen. Und dann ab in die Wüste, entlang der Calanque Port Miou über den Kamm rüber zur Calanque Port Pin… Und wir machen das Bild, was wir immer gemacht haben. Schon 1991.

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So heiß wie auf einem Salzsee

Wahnsinn, wie die Zikaden hier ihr lautes, unermüdlich balzendes Liebeslied in den blauen Himmel sägen. Dabei sind die echt winzig, und sie können so einen Krach machen. Jedes mal war es hier heiß, sonnig und schön. Drei mal in den frühen 90ern und nun schon das dritte mal mit meinen Ladies im neuen Jahrtausend – und immer der gleiche blaue Himmel. Gibt es in Cassis gar so etwas wie eine Sonnengarantie für Touristen aus Allemagne? :-) Ein Vorteil und gleichzeitig ein Nachteil dieses Plätzchens unter Pinien, das wir vor 23 Jahren zufällig entdeckten (weil uns zwei junge, hübsche Holländerinnen dort hingeführt hatten, aber das ist eine andere Geschichte): Man muss zu Fuß da hin. Oder mit einem der Boote, aber das kostet Geld. Also zu Fuß, und das dauert eine gute halbe Stunde laufen bei sengender, schattenloser Hitze. Über Sandpisten, lockeres Geröll und über glatt gelatschte Steine zwischen Kiefern und Pinien durch. Wohl denen, die dann NICHT ihre Schwimmreifen und Luftmatratzen mitschleppen und sich auf ein einziges Paar Taucherflossen beschränken. Wohl denen, die aber viel Wasser mitschleppen und auch vorher geschmierte Baguettes mit Käse und Wurst nicht vergessen. Wenn man nämlich erstmal da ist, befindet sich der nächste Kiosk eben genau da, wo man das Auto geparkt hat. Weit weg.

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gut geeignet für Piraterie…

Warum wir aber immer wieder den steinigen Weg gehen (und das phrasiere ich jetzt mal ohne Metaphern mit aktuellem Bezug) erschließt sich beim Blick weg von den staubigen Füßen, hoch, über die Bäume in Richtung Meer. Allein der Weg in die zweite Bucht (es gibt drei) belohnt einen mit sagenhaften, fast karibischen Panoramen von einem Mittelmeer, was hier ganz anders aussieht als an der restlichen Côte d’Azur. Links ist schon das Cap Canaille zu sehen, die mit 396 Metern steil nach unten (von oben gesehen) gehende höchste Klippe Frankreichs. Das messen wir heute Abend mal nach und sagen der Sonne gute Nacht. Vorher ist die aber noch gar nicht in Schlaflaune, diese Sonne, und das Bad in ihr fernab der touristisch völlig überlaufenden Strände ist schon zum Greifen nahe. Frankreich hat Sommerferien, und genau wie die Deutschen sich an Nord- und Ostsee drängeln treibt es die Franzosen ans Mittelmeer. Aber die sind genau so faul wie wir, und den besagten Fußmarsch möchten offensichtlich nicht viele auf sich nehmen. Allein schon deshalb ist die Bucht trotz ihrer Erwähnung in fast allen Reiseführern immer so leer wie eine Bierkneipe mit Rauchverbot. Und da ist er endlich, der erste Blick auf dieses grüne Wasser und die badenden Menschen, der mir in jedem Jahr einen wohligen Schauer über den Rücken treibt. Hallo. Da sind wir wieder :-)

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Karibik? Ein bisschen…

Sandstrand? Nein. Ein Steg, auf dem man seinen blassen Körper bequem sonnen kann? Nö. Treppenstufen, über die man wieder altersgerecht dem Wasser entrinnt? Nicht eine einzige. Warmes Wasser, in das ein jeder gern springt…? Äh – nein, auch nicht. Warum auch immer, das Wasser hier in der Calanque Port Pin ist ungefähr zwei Zentimeter kalt. Es ist so kalt, wie es klar ist. Der über 4 Meter tiefe Grund spannt sich wie eine HD-Fototapete unter der Oberfläche, wenn man hier schnorchelt haut es einem alle Farbsicherungen aus dem Kopf raus und hinterlässt eine tiefe Abneigung gegen trübe norddeutsche Badeseen. Wunderschön. Aber kahaaalt.

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Schattig, weitläufig und ein bisschen hart

Es liegt eine Magie über diesem Ort. Ich weiß nicht, ob nur ich das so empfinde, weil ich vor über 20 Jahren hier meinen ersten richtigen, selbstbestimmten und für plöner Verhältnisse ziemlich abgefahrenen Sommerurlaub verbracht habe? Weil ich hier als junger Mann mit zwei durchaus attraktiven jungen Frauen in einem lila Ford Taunus Coupé hergefahren bin und mir niemand geglaubt hat, dass die beiden wirklich nur Freundinnen von mir sind, obwohl ich 14 Tage zwischen ihnen in einem kleinen Zelt geschlafen habe? Weil ich in die eine der beiden jungen Frauen wie immer und wie seit der ersten Grundschulklasse ein bisschen verknallt war und das immer und immer wieder wie bei den beiden Königskindern nichts wurde? Weil ich hier Petra und Marieke aus Holland kennen gelernt habe, die mich an diesen Ort führten und die beide so wunderschön waren, dass diesmal ich selbst nicht glauben wollte, welcher Film da vor meinen Augen abläuft? Dass die wesentlich blondere der beiden hier auf diesen Felsen meine Gitarre nimmt (welcher Idiot hat die damals eigentlich so weit durch die Hitze geschleppt…? äh…) und mit einer verrauchten, engelsgleichen Stimme anfängt, Like a Hurricane von Neil Young zu singen? Wenn mir heute schon beim Schnorcheln die Farbsicherungen rausfliegen war ich damals entweder blind oder blöd. Wahrscheinlich beides, außerdem jung. Wahnsinn. Soweit zur Magie.

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Wie auf einer Rallye – immer die gleichen Bilder

Jedes Jahr fast die gleichen Bilder. Nur die Auflösung wird immer besser :-) Anfang der 90er hat Nea (die eine meiner beiden Mitreisenden)  mit einer unfassbar teuren analogen Spiegelreflex überlegt die Motive ausgesucht und mit künstlerischem Ansatz fotografiert. Heute hält der Freund meiner großen Tochter sein Telefon vor sich, drückt einen Knopf und dreht sich dann. Zeiten ändern sich. Ich sitze im Schatten und bin noch immer stolz auf mein drei Jahre “altes” iPhone 4, während meine Brut auf die Teile von Samsung abfährt. Sie mussten dafür laaaange arbeiten, ich hab mal geguckt, bei OTTOkostet das S5 ohne Vertrag aktuell zwar weniger als ein iPhone, aber noch immer fast so viel wie ein Friseur in Sachsen im Monat verdient… Na gut. Aus Papierabzügen werden digitale Panoramen, aber die Motive sind hier jedes Mal ähnlich. Weil man es am Anfang einfach nicht fassen kann, wie schön es hier ist. Hier. Genau hier. Und das irgendwie für später festhalten muss. Wir springen in das kalte, wie erwähnt wirklich sehrkalte Wasser und plantschen ein bisschen rum. Später soll der coole Typ, der nicht mal beim Schwimmen seine Cap abnimmt noch einen gewagten Kopfsprung von der Klippe machen. Hier kann er wenigstens sicher sein, dass der Grund weit genug weg ist und er sich nicht eine zweite Narbe auf die Stirn stempelt. Das Wasser ist allerdings heute so kalt, dass der Spruch “Wenn man erstmal drin ist geht’s!” niemandem über die Lippen kommt. Denn er wäre gelogen. *bibber*

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Gekommen um zu bleiben

Handtücher auf harten Steinen. Die Augen schließen und das leise Plätschern des Salzwassers hören. Vereinzelt fröhliche französische Menschen, regelmäßig ein *PLATSCH* gefolgt von spitzen Schreien und vielen verschiedenen französischen Wortformen für “kalt”. Es duftet nach warmen Steinen, Meerwasser, Pinienharz und ein wenig Sonnenmilch. Die Zikaden schnarzen auch hier, als wäre der letzte aller Tage angebrochen und verwandeln den Moment in einen Mikrokosmos, weit weg von der Realität. Ich finde es wundervoll. Auch wenn wir diesmal viel zu viel Wasser mitgeschleppt haben und die Baguettes nicht so gut schmecken wie sonst möchte ich noch verweilen. Eine leichte Unruhe ist in uns allen, vielleicht auch ein bisschen, weil wir noch einen weiten Heimweg vor uns haben und der Urlaub bald zu Ende geht. Ich schließe noch einmal die Augen. Und leise, ganz leise kann ich wieder eine Frauenstimme singen hören.

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You are like a Hurricane…

Der Rückweg kommt einem immer kürzer vor als der Hinweg, vielleicht auch weil es mehr bergab geht, weil wir weniger zu schleppen haben (irgendwie sind die Baguettes dann doch weggefuttert worden) und weil wir ein weiteres schönes (letztes) Ziel in diesem Urlaub noch direkt vor uns haben. Tochter groß, Tochter klein (mit einem leichten Kollisionsschaden an der Hand, im Wasser, womit auch immer) und der Typ mit der Cap stapfen mit mir den noch immer warmen, sandigen Weg zurück zum Benz. Für ein weiteres Jahr sagen wir au revoir.
Und heute lasse ich einmal mehr die blonde Holländerin zurück, singend und neben meinem ewigen Schwarm Silke auf den Felsen sitzend (das ist die andere meiner beiden damaligen Mitreisenden) und langsam leiser werdend, während das Meer weiter unaufhaltsam an den Strand vor Cassis brandet. Das Auto gleicht einem Gewächshaus in einem Hochofen, in dem neuartige Formen der Kernschmelze ausprobiert werden. Die geliebte Klimaanlage regelt das Schlimmste, und nur ein paar Grad bevor der Kunststoff innen anfängt zu schmelzen kehren wir den Prozess um und drehen den Kompass auf die Route des Cretes, Richtung La Ciotat. Der Mercedes nagelt herzzerreißenderweise vorbei am Campingplatz Les Cigales, wo wir damals unser Zelt aufschlugen. Den gibt’s also auch noch. Mich beruhigt es, wenn Orte oder Dinge nach 20 Jahren noch immer da sind, wo sie mal waren. Das ist ein kleiner konstanter Zipfel, an dem ich mich festhalten kann, wenn alles andere um mich rum zusammenbricht und sich verändert…

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La Route des Cretes

Der Weg rauf auf die Klippe ist für sich genommen schon eine kleine Attraktion, denn man ist auf dem Kamm dieses Massivs und schraubt sich Serpentine für Serpentine nach oben. Links ist La Ciotat und das Mittelmeer, rechts ist Cassis und das Mittelmeer. Dieses wundervoll grüne Mittelmeer, über das die Abendsonne langsam ihre Strahlen ausbreitet und die ganze Gegend in genau das Licht taucht, welches den Malern des Impressionismus immer wieder neue Schöpfungskraft und Inspiration gegeben haben muss. Marc Chagall, Pablo Picasso, Henri Matisse und Auguste Renoir – sie MUSSTEN einfach malen, als sie dieses Licht sahen. Wie es die trockenen Pinien und die weißen oder roten Felsen in ein warmes Orange taucht, was sich komplementär vom tiefblauen Abendhimmel absetzt. Fotografieren konnten sie noch nicht, das kam grad erst in Mode. Also haben sie gemalt. Irgendwann muss ich hier mal hin und meine Malutensilien wieder dabei haben…..
Wir parken den Wagen auf dem kleinen Parkplatz, wo wir 1991 auch schon den Taunus geparkt haben. Heute liegen am Rand des kleinen Pfades zwei große schwere Steine, die vermutlich verhindern sollen, dass übermütige Zeitgenossen ihre alten Karren mit Vollgas über den Abgrund entsorgen. Damals war das noch möglich. Jedenfalls lagen unten drei oder vier zerklumpte Autowracks. Ansonsten ist der 400-Meter-Kick unabgesperrt wie eh und je, man hat noch immer gefühlt einen Blick bis nach Spanien und das Herz bleibt für einen kleinen Moment andächtig stehen.

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Erhabene Aussichten

Ich sag ja – das muss festgehalten werden. Meine beiden Töchter kennen die Klippe schon, der charmante Mann mit dem besseren Telefon beginnt schweigend, sich in neuen Panoramen zu drehen. Ich kann das verstehen. Das halbe Land liegt unter uns, was für ein Ausblick! Ich merke, dass mit den Jahren weder mein Mut noch mein Leichtsinn noch mein Gleichgewichtssinn nennenswert besser geworden sind. Im Gegenteil. Bin ich 1991 noch entspannt an den Rand getreten, um a) die zermatschten Autowracks da unten zu bewundern und b) posierende coole Fotos von mir zu machen (ja, damals schon) krabbel ich heute auf allen Vieren über den selben Felsvorsprung und fühle irgendwie, dass die Tiefe an mir zieht. Sie zieht mich regelrecht körperlich da runter. Das ist gruselig. Ich krabbel wieder zurück und mache Fotos von lieben Menschen, die Fotos von sich machen.

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Selfie mit Tiefgang

I am just a dreamer,
but you are just a dream,
You could have been
anyone to me.
Before that moment
you touched my lips
That perfect feeling
when time just slips
Away between us
on our foggy trip.

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nicht nur Papa kann posen

Das Cap Canaille verströmt einen ähnlichen Zauber wie die Calanques. Irgendwie ist es ein unwirklicher Ort, irgendwie ist alles überwältigend und auch hier sind nicht viele Menschen, die einen bei der Verarbeitung der Eindrücke nerven. Damals haben wir hier ziemlich viel Bier getrunken, und als es anfing zu regnen habe ich im Taunus 12 Personen mit nach unten auf den Campingplatz genommen. Eigentlich müsste ich die Bilder auch mal in eine Geschichte verpacken :-) Wollen Sie das sehen und lesen? More Shit of the Past? Was das Cap außer der Höhe über Normal Null von den Calanques unterscheidet ist die Stimmung des Lichts. Ich war hier immer nur Abends. Wenn unten in der Bucht von Cassis schon lange die Gaslaternen angegangen sind, erstrahlt die Klippe noch immer im warmen Abendsonnenlicht. Das sieht auch von unten wunderschön aus, vor allem wenn später bei Dunkelheit das Massiv von großen Scheinwerfern angestrahlt wird. Von oben allerdings ist das Gefühl einer großen Erhabenheit irgendwie erlösend.
Wir stehen quasi über den Dingen und gleichzeitig am Abgrund.
Zwei Schritte von der Lebensgefahr entfernt in warmes Abendrot getaucht.
Krass.

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Zwei aus der Top 5 der schönsten Menschen der Welt

Möge es immer ein friedlicher, schöner Ort bleiben, der auch in 20 Jahren noch seinen Zauber bewahrt. Wenn Sie hier einmal vorbeikommen sollten – senden Sie mir bitte ein Bild. Die Menschen fliegen von Deutschland aus in Richtung Australien, Thailand, Südafrika und Island. Wir sind mit dem Auto über Land einfach nur in den Süden von Frankreich gefahren, und mehr Urlaub, mehr Eindrücke und mehr Panorama braucht kein Mensch. Es ist mir heute tatsächlich gelungen, für ein paar Stunden glücklich und unbeschwert zu sein. Das liegt wohl an den intensiven Farben der Calanques und dem weit entfernten Horizont, wenn man auf dem Cap steht. Das hier sind gute Orte. Sie geben mir Kraft und Zuversicht, und die Menschen, die mit mir hier sind und die Menschen, die Zuhause auf mich warten machen mein Leben lebenswert. Jetzt verstehe ich, warum hier keine Absperrungen sind. Niemand hier oben wird jemals den Wunsch verspüren, über diese Klippen zu gehen. Dafür gibt einem dieser Ort einfach einen zu guten Eindruck davon, wie schön diese Welt ist und dass es sich immer wieder lohnt, weiterzumachen statt aufzugeben. Dass man seinen Peugeot oder seien Renault hier runterkippt – na gut, dafür habe ich Verständnis.

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Der Sonne gute Nacht sagen

“I am getting blown away somewhere safer where the feeling stays…” Neil Young legte in sein Lied mehr Weisheit, als er sich wohl damals gedacht hatte und die hübsche Holländerin pflanzte mit meiner Gitarre und ihrer Stimme in den frühen 90ern, als das Leben noch jung war und Deutschland erst frisch vereint einen Ohrwurm, dessen Bedeutung sich mir erst nach und nach erschließt. Wenn ich Losing my Religion von R.E.M. höre sitze ich vor dem Zelt auf dem Campingplatz Les Cigales und bin unfassbar betrunken von französischem Rotwein. Wenn ich Like a Hurricane von Neil Young höre sitze ich in den Calanques oder auf dem Cap Canaille und bin nüchtern. Zwar berauscht von den Eindrücken der Umgebung, aber klar bei Verstand und offen im Herzen für all das, was da noch kommen mag. Ich wünsche meinen Töchtern genau diese Offenheit, und dass die vielleicht ein paar weniger Fehler machen mögen als ich. Aber wollen das nicht alle Väter? Ich finde das Leben irgendwie schrecklich durchschaubar, aber leider wird einem das immer erst klar, wenn die Kacke schon richtig am Dampfen ist.

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sur la route….

Au revoir Cap Canaille. Wir haben noch ein paar kostenpflichtige Autobahnkilometer vor uns, bevor wir wieder in unsere quietschenden, aber bequemen Mobile Home Betten fallen dürfen. Die Sonne will und will nicht untergehen. Sie wird untergegangen sein, wenn wir auf dem Campingplatz in Agde angekommen sind. Mindestens für ein 14 Jahre altes Mädchen wird sie nie wieder untergehen. Das ist zu früh, das ist fucking zu früh und ich bete zu Gott und allen anderen, an die man meinetwegen in irgendeiner Form glauben kann, dass mir so etwas erspart bleibt.
Gute Nacht Sonne.
Auf dass dieser Tag auch in der Erinnerung meiner Kinder eine bedeutende Rolle spielt, vielleicht fahren sie in 20 Jahren ja mit ihren Kindern hier wieder einmal hin? Wir werden es lesen.

Sandmann

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Created Donnerstag, 09. Oktober 2014 Tags Agde | Calanques | Cap Canaille | Cassis | frankreich | Reise Reise | Route des Cretes | Südfrankreich Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
29 Sep 2014
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Glauben, Licht und Liebe

Männer vorm Himmel

Männer vorm Himmel

Montpellier, Südfrankreich. Auf den Karten ist das (europäisch gesehen) irgendwo links unten am azurblauen Mittelmeer, aus der Sicht eines gebeutelten Mittelstuflers im Französischunterricht der 80er ist das der Name einer Stadt in einer Geschichte mit den Lerocs. Einerseits ein Tagesausflug für drei der vier Anwesenden, andererseits ein Wendepunkt im Denken des vierten von vier Anwesenden. Jeder alte Stein hier, jedes Kirchenfenster und jeder einzelne Blick auf den weit entfernten Horizont will mir etwas mitteilen. Sind Sie bereit für eine kleine Reise mit schönen Bildern und einem mehr als verwirrenden Text? Haben Sie Ihre zweite Tasse Kaffee (morgens) oder Ihr zweites Glas Rotwein (abends) schon im Magen? Dann kommen Sie gern mit.

Glauben, Licht und Liebe

Ich brauche ein neues Navi. Oder weniger wirre Ziele.

Ich brauche ein neues Navi. Das ist nicht erst seit den zwischenmenschlichen Eskalationen im nicht kartografierten Niemandsland von Portugal klar, das zeichnet sich schon länger ab. Ich habe die Updates verpasst, ich habe die neuen Wege nicht beachtet und ich habe vor allem vor lauter Alt-Navi-Vertrautheit versäumt, mit meinen eigenen Augen auf die großen Schilder vor mir auf der Straße zu gucken. Die großen gelben Schilder, die mir sagen, wo es wirklich lang geht. Dann habe ich mich so oft verfahren, dass ich den Ausweg fast nicht mehr gefunden habe. Zum Glück gibt es da ein halbfinnisches Fräulein Altona mit einer viel attraktiveren Sprechstimme als der TomTom “Lisa” auf dem leblosen Chip im Plastikgehäuse des Frontscheiben-Navigators. Mit klaren, unmissverständlichen Ansagen hat sie meinem Dahintreiben eine Richtung gegeben, und ich habe mich störrisch, aber vertrauensvoll leiten lassen. Mal schmerzhaft, mal arbeitsreich, am Ende aber zielführend. Hier in der Innenstadt von Montpellier habe ich aber nur Lisa. Ich glaube, es ist am besten, ich verweile zunächst am Rand des Geschehens und atme tief durch, denn Lisa weiß einfach nichts mehr.

Glauben, Licht und Liebe

La Place de la Comedie

Wie so oft im Leben ist der Rand des Geschehens gleichzeitig das Zentrum und das Tagesziel. Mitten in Montpellier stehen wir auf dem Place de la Comedie, wie passend, und ich habe Hunger. Bin ich eigentlich manchmal witzig? Einige behaupten das. Andere machen sich Sorgen, weil ich in letzter Zeit nicht mehr witzig bin, oder irgendwie anders als sonst witzig. Vor allem sorgen sich Menschen, die mich nur virtuell kennen und die einen gewissen Grad der Leichtigkeit in den belanglosen Geschichten gewohnt sind.Eeinige von denen fragen öfter nach meinem Befinden als meine eigene Familie. Was sagt mir das? Es scheint bei einigen Lesern hier und auf Facebook eine Art tiefe digitale Verbundenheit zu geben, deren Ausmaß mir noch gar nicht richtig bewusst war. Aber die sich warm und richtig anfühlt. Und es sagt mir, dass man im Leben entgegen der Meinung anderer nicht immer witzig sein muss, warum denn? Mein Hunger meldet sich wieder, hier auf dem Witzig-Platz in einer alten Stadt in Südeuropa, in der wir weder M. Leroc noch seinen Sohn Daniel noch irgend einen Hinweis auf die beiden finden werden. Ich sehe vor meinem geistigen Auge mit knurrendem Magen die mediterranen Köstlichkeiten, die sich hier auf einem Markt oder in einer kleinen Brasserie vor uns ausbreiten könnten. Ich rieche gebackene Früchte, frisches Brot und knuspriges Fleisch mit Zwiebeln. Und betrete fremdgesteuert den nächstbesten McDonald’s :-(

Glauben, Licht und Liebe

Da weiß man was man hat

Es ist in jedem Land auf dieser Welt das gleiche. Wenn der Hunger mit dem Portemonnaie um die Wette kneift treibt es den sorgenden Vater und Versorger für vier hungrige Schnäbel in die Frittenbude mit den Golden Arches. Hier schwant einem so eine ungefähre Ahnung davon, was gleich serviert wird. Der lustige Koch mit dem geringelten Anzug, den roten Haaren und der dicken Nase brutzelt es einem frisch aufs Plastiktablett. Und man kann davon ausgehen, dass man wenigstens ein paar Stunden lang satt ist, bevor die undurchsichtigen Inhaltsstoffe vom BigMac und seinen kalorienreichen Freunden einem aus heiterem Himmel eine Unterzuckerung, einen Riesendurst und einen schier unstillbaren Appetit auf Muttis Rouladen mit Rotkohl und Klößen vorgaukeln. Voilà. Cheeseburger für alle, was kostet die Welt? :-D Äh… doppelt so viel wie in Deutschland. Mist.

Glauben, Licht und Liebe

Und sogar Netz haben die hier…

Globalisierung? Ich lache. Immer wenn ich im Europäischen Ausland unterwegs bin wird mir wieder und wieder klar, wie billig Nahrungsmittel in Allemagne sind. Da bekommen Sie einen vollwertigen Mittagstisch im Lokal um die Ecke für rund 5 Euro. Oder gleich ein ganzes chinesisches Mittagsbuffet für 6,95 plus Getränke (ich grüße an dieser Stelle meinen “das war günstig” Papa), und damit es sich “lohnt” kann man hier bei schrägtoniger Musik sogar ausschließlich Garnelen im Backteig futtern. Wenn die Zeit drückt passt auch gern mal das 1 mal 1 für einen Burger und ein Getränk. Reicht grob. Das ist doch ein Witz, für zwei Euro kann man in Kiel
- drei Stunden parken
- satt werden
- eine Kerze anzünden und was in den Opferstock schmeißen
Und hier? Reicht das nicht mal für eine einzige Rindfleischbulette im Weizenbrötchen mit süßen Gurken und Ketchup. Andere Länder, andere Sitten. Und andere Preise. Über Parkgebühren verliere ich weiter hinten noch einen kurzen Satz… Aber wie dem auch sei – heute Abend wird wieder gekocht! *burps* so! Als Verdauungsspaziergang tendieren wir in Richtung Botanischer Garten entlang einiger alter Mauern. Es ist echt warm. Das gehört sich so für Südfrankreich.

Das Streben nach Oben

Das Streben nach Oben

Der Botanischen Garten von Montpellier ist in der Nähe der Uni, fußläufig erreichbar vom Witzig-Platz. Der soll ziemlich schön sein. Aber auf dem Weg dahin findet sich noch das eine oder andere Eis und auch ein paar Häppchen Kunst und Geschichte :-) Die Kathedrale Saint Pierre de Montpellier steht hier vom Prinzip her schon so knapp 700 Jahre rum und hat im Turm echt große Glocken hängen. Unter anderem mit 4 Tonnen Gewicht die größte und schwerste der Region Languedoc-Roussillon. Nein, seien Sie unbesorgt, ich werde Ihnen hier nicht zusammengegoogelte Geschichtshappen kopieren, die Sie schon in 42 anderen Webseiten gelesen haben. Vielmehr will ich da mal rein. Selbst. In diese Kathedrale. Und wissen Sie, was abgefahren ist, abgesehen von der Tatsache, dass drei junge Menschen mit mir altem Sack im Auto in den Sommerurlaub fahren? — Dass genau diese drei Menschen mit zusammen auch in die große Kirche reinwollen. Freiwillig. Und der eine nimmt sogar seine Cap ab.

Glauben, Licht und Liebe

Immer wieder verzaubernd

Ich mag Kirchen. Sie strahlen Ruhe und Geborgenheit aus, das unterscheidet sie gravierend von Finanzämtern oder Banken. Manchmal sind sie hell, manchmal schummerig, aber niemals dunkel. Irgendwo brennen immer ein paar Kerzen, irgendwo sind immer ein paar mehr oder weniger bekannte Leute eingegruftet und es riecht immer gleich. Nach geöltem Holz, nach Steinen und nach…. Vergebung? Kann man die riechen? Vielleicht sind es auch nur alte Gesangbücher, in denen steht viel, womit man heute nichts mehr anfangen kann. Aber es sind auch kleine Schätze in diesen Gesangbüchern, schöne Lieder, die manchmal unerwartet eingängig in einem definitiv unfreiwilligen Gottesdienst an einem grauen Sonntag Morgen intoniert wurden.
Oder stellen Sie sich vor, Sie hören als kleines Kind Ihre Oma morgens in der Küche so ein Lied schmettern. Sie feuert den Ofen an, kocht Kaffee für Mama und Papa und singt. Und genau dieses Lied stimmt die Gemeinde dann an einem Heiligen Abend voller Kerzen und Tannengrün an. Einem Heiligen Abend, an dem die Kirche wie immer gerappelt voll von beurkundeten Christen mit schlechtem Gewissen ist. Einem Heiligen Abend, an dem die Oma schon seit vielen Jahren nicht mehr lebt und ihre Lieder in der Küche längst verklungen sind. Wenn Sie dieses Bild vor Augen haben und vielleicht eine kleine Träne des Vermissens wichtiger Menschen über die Wange kullert werden Sie den Zauber von Kirchen verstehen. Ja. Ich glaube. Und es ist ein Glaube, der mir Kraft gibt.

Weiter von hier an.

Weiter von hier an.

Ich sehe meine beiden hübschen Töchter barfuß andächtig durch das uralte Gemäuer stapfen und verstehe auf einmal, worauf es wirklich ankommt. Auf Liebe. Auf Geborgenheit, auf den Zusammenhalt einer kleinen Familie, in Hamburg und in Kiel. Es kommt nicht auf Grundbesitz an, nicht auf Altersvorsorge und nicht auf Statussymbole. Ein Zuhause ist da, wo mich die Menschen lieben. Dort kann ich ruhig schlafen, dort stehe ich jeden Morgen wieder fröhlich auf und bin für andere da. Lachend und singend. 331, die Nummer wabert durch meinen Kopf. Ich glaube, meine Oma hat manchmal morgens in der Küche das Lied Nummer 331 gesungen. Wir verlassen die Kathedrale wieder, nicht ohne dass ich einen kleinen Schein in den Spendentopf gestopft hätte.
Sie mögen das nicht nachvollziehen können – aber ich bin gerade erst aus der Kirche ausgetreten. Schräg? Ja, vielleicht. Doch was soll ich mein Geld unfreiwillig von einer undurchsichtigen Unternehmensstruktur abbuchen lassen, die ein mies bezahlender Arbeitgeber ist und am eigenen Verwaltungsapparat fast erstickt? Dann spende ich lieber gezielt in Kiel in “meiner” Kirche für die Kirchenmusik und die Obdachlosenhilfe. Glauben Sie mir, ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn einem das Dach über dem Kopf weggenommen wird. So. Gut jetzt. Hallo Botanischer Garten, wie präsentierst du dich uns an diesem hellen, lichten Montag im Juli?

Glauben, Licht und Liebe

Botanischer Garten – fermé

An diesem hellen, lichten Montag im Juli, an GENAU diesem Montag, hat der Botanische Garten von Montpellier leider gerade geschlossen. Hurra. Vermutlich ist jemand mal wieder investigativ auf den Spuren von Daniel Lerocund durchsucht dabei die hiesige Flora. Ist eigentlich überliefert, wo genau er sich aus dem camion in Montpellier befreien konnte? Nun, das hätte ungefähr die Relevanz der Ortsangabe, wo genau Harry Potter in Hogwarts das erste mal überlegt hat, wie es wohl sein würde, Hermine endlich mal zu küssen. Die drei jung gebliebenen und ich driften, noch immer unkontrolliert Kirchenlieder singend, einigermaßen planlos durch diese schöne Stadt und sind ein bisschen froh, nicht nach Marseille gefahren zu sein. Hier ist es ein wenig übersichtlicher, ein wenig grüner und wesentlich weniger touristisch überlaufen. In Montpellier werden zwei Fakten gespiegelt, die uns schon in Paris aufgefallen sind: Antike Architektur steht einfach so mitten in der Stadt rum und wird betreten, begriffen und benutzt und –  Baustellen sind überall. Offensichtlich nicht nur auf der A7 Richtung Norden zwischen Hamburg und dem Bordesholmer Dreieck, auch in Frankreich wird an jeder Ecke abgesperrt, umgeleitet und gebaut. Aber das halte ich mal von den Fotos fern. Die sind übrigens alle mit meinem alten iPhone gemacht, ich wundere mich, wie gut hier und da die HDR Bilder werden ;-)

Glauben, Licht und Liebe

Vielleicht mal den Horizont erweitern?

Die bronzene Reiterstatue strebt nach vorn (wer ist das bloß?), dahinter baut sich am Ende einer symmetrischen Parkanlage ein großer steinerner Pavillon auf. Von ihm aus spannt sich eine ebenfalls steinerne hohe Mauer in Bögen über das Land, die ehemalige Wasserversorgung von Montpellier. Für mich sieht die antike Wasserstraße aus wie ein Weg direkt in den Horizont hinein, ein Weg ohne erkennbares Ende. Er geht geradeaus, er ist stabil und er überwindet Täler und Flüsse. Ich könnte ihn gehen, aber davor ist noch ein schmiedeeisernes Gitter. Weil man das ja nicht einfach so darf, als Tourist auf einem Aquädukt rumklettern. Falls Sie davon genervt sein sollten, dass ich mich hier in Bildern und Metaphern verliere – kontaktieren Sie bitte meinen Arzt oder Apotheker :-) Leider kennt hier niemand mehr die Famille Leroc, und dieses ewige Herumgereite auf dem Trip von Daniel im camion nach Montpellier hat inzwischen bewirkt, dass bei der Eingabe dieser Suchbegriffe nicht mehr die schönen französischen Schulbücher der 80er Jahre zitiert werde – sondern mein Blog :-) Sachen gibt’s….

Horizonte

Horizonte

Südfranzösische Städtetrips kippen irgendwann von Aaaaaah und Ooooooh in Urks und Gähn. Zwangsläufig, denn die anfangs erkundenden Füße sind plattgelatscht, die Sonne drückt und die Müdigkeit zieht den freizeitgeplagten Körper zurück an den Pool auf dem Campingplatz in Agde. Montpellier macht es einem zwar leicht, sich mit teils antiker Architektur auf du und du zu bewegen, aber wir wollen die Geschichtsstunden des Lebens nicht übertreiben. Schließlich sind wir im Urlaub. Hier noch ein Wasserspeier, da noch ein Triumphbogen – vermutlich werde ich nach Jahren mal was drüber lesen und denken, dass man dem einen oder anderen alten Stein ein wenig mehr Ehrfurcht hätte entgegen bringen sollen. Das ist ein bisschen so wie mit den Leserautos, die ich durchfotografiere. Das sind immer ausnahmslos coole Karren, aber wenn ich später den Artikel drüber schreibe und im Netz über das Modell recherchiere finde ich so viele liebenswerte Kleinigkeiten, dass ich eigentlich am liebsten gleich nochmal fahren würde. Hm. Nun gut, Zeit, mal Tabula Rasa zu machen.

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Das Tor nach Irgendwo

Ich fasse abschließend und endgültig zusammen, was ich über die Lerocs denke: Aus heutiger Sicht waren die superlangweilig.
Was mag aus ihnen geworden sein? Ich glaube, Daniel Leroc ist mit 19 Jahren dreifacher Tischtennis-Europameister geworden und mit 24 an einer Überdosis gestorben. Er hatte einfach zu viel nachzuholen, nachdem seine Kindheit ein wenig zu unspektakulär verlief. Monique hat sich mit 16 in einen viel zu alten gitarrespielenden Mann verliebt, der ein bisschen so aussah wie ihr Vater, aber nicht andauernd im Büro abgehangen hat. Sie leben heute mit ihren fast erwachsenen Kindern in der Banlieu von Paris, er ist 90 und sitzt seit 15 Jahren im Rollstuhl und sie überlegt, nochmal ganz neu anzufangen. M. und Mme Leroc sind noch immer ein Paar. Er ist pensioniert und weiß nicht, was er mit seiner Zeit anfangen soll und sie ist total genervt, dass er andauernd zu Hause ist und sich kein Hobby sucht. Vor ein paar Jahren hatte sie es mal mit einer Affäre versucht, aber der junge, belesene Claude aus dem Norden hat ihr nur gezeigt, dass sie langsam alt wird. Sie hat es beendet. Pädagogikleichen der 80er Jahre, mögen sie in Frieden ruhen. Amen.

Nicht Familie Leroc

Nicht Familie Leroc

Die erweiterte Patchwork-Familie Sandmann macht es anders als die Lerocs. Ganz anders. Ob das besser ist lasse ich mal im Raum stehen. Schließlich sollten die erdachten Figuren nur eine typische französische Familie darstellen und uns letztendlich an die Sprache heranführen. Und so ganz falsch können sie das nicht gemacht haben, ich spreche und höre gern Französisch, und auch wenn der damalige vorgehaltene Nationenspiegel weit entfernt ist von der heutigen Genialität der Simpsons – sie waren eine Familie. Da kann man eine Menge kaputt machen, ich bin immer wieder erschüttert, wie viel einige Menschen auf dieser Welt kaputt machen. Ich mag momentan gar keine Nachrichten mehr gucken, die Einschläge sind grausam, sie sind unkontrollierbar und sie sind nur eine Flugstunde von Deutschland entfernt. Können die Menschen sich nicht einfach mal darauf besinnen, ihre kleine eigene Welt in Ordnung zu halten? Ihren Kindern menschliche Werte mitzugeben und sie nicht zu Kriegern für den einen oder für den anderen Glauben auszubilden? Offensichtlich nicht. Man kann in einer Familie aber auch eine Menge richtig machen. Was und wie viel zeigt sich offensichtlich erst nach Jahren, manchmal auch erst nach Jahrzehnten.

Glauben, Licht und Liebe

Am Ende ist doch alles Liebe

Als wir wieder im Auto sitzen und ich den Kassenautomaten unter dem Witzig-Platz mit einer Geldsumme gleich dem Bruttoinlandsprodukt von Spanien zur Herausgabe des Tickets und zum Öffnen der Schranke bewegen kann weiß ich nicht so richtig, was ich denken soll. Ich bin hier her gekommen, um die Stadt kennen zu lernen. Stattdessen war ich mit meinen Gedanken überall und nirgends, was mir aber gut getan hat. Ich glaube, ich kann jetzt ein paar Sachen in meinem Leben loslassen. An anderen wiederum halte ich noch mehr fest als vorher. Es war wohl nicht nur die Kathedrale, die diese Erkenntnis kanalisiert hat, aber sie hat dazu beigetragen. Ich weiß jetzt, in welche Richtung ich gehen werde, wenn ich wieder zu Hause bin. Das wird eine Menge Arbeit sein und den Rückweg nicht einfach machen, aber noch bin ich ja hier. In Südfrankreich. Heute Abend kloppen wir wieder Rommée, bis uns die Augen zufallen und sogar die Zikaden draußen schlafen gehen. Und morgen ist ein neuer Tag. Immer wieder. Und er wird an der Seite dieser wundervollen Menschen definitiv wieder schön werden.

Sandmann

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Created Montag, 29. September 2014 Tags camion | Familie Leroc | famille Leroc | Gesangbuch | Glauben | Kiel 331 | Kirche | Montpellier | Reise Reise Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
23 Sep 2014
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Was liegt denn da?

Was liegt denn da?

Hals über Kopf

Ein neuer Tag am Mittelmeer, ein neuer Tag in Frankreich und wir vier gleiten im dunklen dicken Daimler dezent dahin. Ziel: Montpellier, wo in den 80ern der kleine Daniel Leroc aus den Schulbüchern im camion gelandet ist und von wo ihn sein Vater mit dem Auto abholen musste :-) Es ist nicht viel los auf der Nebenstraße, ein paar Autos kommen uns entgegen, eines davon liegt am Straßenrand im Maisfeld auf dem Dach so rum. Huch? Da halte ich doch schnell mal an und gucke, was da los war. Oder ist. Oder sein wird?

Was liegt denn da?

irgendwie ein bisschen schräg das alles

Die Szene ist tatsächlich ein bisschen bizarr. Bei allerschönstem Sommerwetter mit fusseligen Schönwetterwolken vor einem blauen französischen Himmel liegt ein Auto am Straßenrand. Irgend so ein Renault Kombi, Lennart weiß vermutlich genau, was das für einer ist ;-) Oder Touranus, kannst du helfen? Niemand wurde verletzt, keine Tiere sind zu Schaden gekommen, kein Blut und keine Knochensplitter. Nur dieses Maisfeld, die Wärme und das Auto, an dem alle anderen vorbei fahren. Ich lasse Sie mal mit den Bildern allein, was soll ich da auch groß zu schreiben…?

Was liegt denn da?

Scheiße geparkt…

Was liegt denn da?

Wie eine Posterwand

Was liegt denn da?

Der Autor ist stutzig

Was liegt denn da?

brauch ich da noch was von? Nö.

Was liegt denn da?

multiple Ausstiegsmöglichkeiten

Was liegt denn da?

Die Airbags haben wohl funktioniert…

Was liegt denn da?

Stand Up! Na los!

Was liegt denn da?

Ein bizarres Kunstwerk

Schräg, oder? Da stellt man sich doch nun einige Fragen, was da wohl passiert sein könnte. Glatt war es sicherlich nicht, auch nicht regenrutschig. Hier ist es seit Wochen furztrocken. Ob der Fahrer eingeschlafen ist? Ob vielleicht die Achse einfach so brach? ;-) Vielleicht war jemand abgelenkt von einer SMS auf dem Handy, und von links kam ein Krokodil oder so? Hm. Was meinen Sie? Ich steige jetzt erst einmal wieder in meinen Daimler zu meinen Töchtern und dem Typen mit der Mütze.

Was liegt denn da?

…und weiter gehts

Sensationstourismus ist ja so GAR nicht meine Welt, und wenn da grad jemand rausgekrabbelt wäre hätte ich bestimmt keine Bilder gemacht – sondern geholfen. Aber stellen Sie sich mal vor, Sie fahren so in Frankreich durch die Gegend, und am Straßenrand steht plötzlich Ihre Oma und winkt. So ähnlich fühlte sich das grad an. Die drei und ich dieseln jetzt weiter nach Montpellier, von da aus gibt es dann noch ein paar echte touristische Bilder. Eine schöne Stadt, aber das wissen wir jetzt ja noch gar nicht :-)

Sandmann

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Created Dienstag, 23. September 2014 Tags Absurdistan | Maisfeld | Montpellier | Reise Reise | renault | Sète | Südfrankreich | Unfall Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
18 Sep 2014
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G-Kräfte mit Pommes und Limo

G-Kräfte mit Pommes und Limo

Ich weiß auch nicht warum ich das mitmache!

Luna Park! Den Begriff kennen wohl die wenigsten von Ihnen, es sei denn sie treiben sich ab und an in Südeuropa rum. Früher nannte man die Kirmes so. Den Jahrmarkt. Also den Ort, wo man einen Haufen Geld dafür ausgibt, dass einem am Ende des Abends kotzelend ist. In Südfrankreich stehen diverse Luna Parks fest installiert an den Küsten rum und sind von März bis November quasi jeden Abend geöffnet und jeden Abend brechend voll. Warum? Ich weiß es nicht genau. Aber meine drei Mitreisenden wollen heute Abend im Kreis gedreht werden, und da wir mit dem Essensgeld gut gehaushaltet haben lasse ich mich breitschlagen. Es soll auch ein Feuerwerk geben. Aber ich will nicht mit in die Drehdinger rein. Nein nein nein.

G-Kräfte mit Pommes und Limo

Der Eintritt zum Anfang vom Ende

Denn ich verabscheue und meide alles, was mich festhält, während es sich dreht. Abgesehen von der Erde selbst. Das hat schon auf dem Kinderkarussell damals auf dem Spielplatz angefangen. Einmal hat es irgend ein blöder, Kekse kauender fetter älterer Junge übertrieben und mich da drin so schnell gedreht, dass mir gefühlt das Gehirn aus den Ohren gespritzt ist. Ich habe den halben Spielplatz vollgekotzt. Und am Abend zu Hause noch die Küche. Und in der Nacht noch das Bett. Später im Leben habe ich auf diesen drauf rumlaufbaren Drehscheiben gelernt, was Zentrifugalkräfte sind und was sie mit einem machen, wenn man nicht mehr läuft, sondern sich auf der schnell drehenden Platte niederlässt und nicht mehr genau in der Mitte sitzt. Man könnte es als meine erste Flugstunde bezeichnen. So vorbelastet musste ich einfach Physik studieren, und während des Studiums war man natürlich auch mal interaktiv und gemeinschaftsbildend im Heidepark Soltau. Ich konnte die auf mich wirkenden G-Kräfte und die Fallbeschleunigung (9,81 m/s²) nun zwar berechnen, das hat mich aber nicht davor bewahrt, schon um 10:00 Uhr vormittags blass auf einer Bank am Rand der Westernstadt dahinzuvegetieren, während meine Kommilitonen sich kreischend in Loopingbahn, PowerTower und BreakDancer verlustierten. Können Sie mir folgen? Ich will in nichts rein, was sich dreht.

Ein Abend voller Lichter

Ein Abend voller Lichter

Meinen beiden Töchtern und dem Typen mit der Cap und der Harry Potter Narbe auf der Stirn ist das alles total egal. Ich leide schon mal profilaktisch rum, trage gut ausformulierte Argumente vor und muss mir anschließend vorwerfen lassen, schon wieder “Geschichten aus dem Krieg” zu erzählen (werde ich etwa alt?) oder Geld sparen zu wollen :-( Diese unsensiblen Teenager. Aber wenn man die 20 erst knapp oder noch gar nicht überschritten hat ist der Gleichgewichtssinn auch wesentlich robuster als bei uns alten Männern. Da geht sowieso alles noch besser, man kann mehr trinken (und wenn nicht kann man sich wenigstens damit rühmen, alles vollgekotzt zu haben, dann war es eine GUTE Party – versuchen Sie diesen Ansatz mal mit 43), man kann sich minutenlang fünfdimensional durchschütteln lassen ohne einen Stromausfall im Herzschrittmacher zu provozieren und man hat nicht jeden Abend so ab 21:00 Uhr das dringende Bedürfnis, auf der Couch zu verenden und Serien zu gucken. Ach ja, die Jugend. Also stehen wir mitten im Luna Park Cap d’Agde, es dämmert und die Szenerie vor meinen Augen füllt sich mit gut aussehenden, gut gelaunten und durchaus solventen Menschen, die sich alle gegen Geld quälen lassen wollen.

Papas Bart?

Papas Bart?

Ach ja, a propos alt werden….. Ist Ihnen über die letzten Geschichten nicht aufgefallen, dass ich meinen Bart abrasiert habe? Am Tag vor unserem Aufbruch an die Côte d’Azur hab ich das erste mal seit 2008 keine Stoppeln mehr im Gesicht, ich wollte mal sehen, ob ich dann wieder so jung und frisch aussehe wie 1995… :-) Hm. Äh. Nein, aber egal. Es wächst schon wieder nach, schon wieder ein bisschen grauer als noch vor ein paar Monaten, aber irgendwas ist ja immer. Während die jugendliche Brut übermütig von Attraktion zu Attraktion hüpft und beratschlägt, womit man denn alles fahren wolle denke ich ein wenig über die bevorstehende Nahrungsmittelaufnahme nach. Zuckerwatte. Fanden Sie die als Kind auch immer total toll? Und dann haben Sie Ihre Eltern so lange genervt, bis Sie eine bekommen haben? Und mit der haben Sie sich dann die Hände, das Gesicht und den Acrylpullover verkleistert, irgendwie schmeckte die auch nach wenigen Minuten nicht mehr so richtig und niemand wollte den Rest an dem klebrigen Stil entsorgen? Ja genau die. Die gibt’s hier auch, sie heißt in Frankreich traditionell wie das, was ich vor ein paar Tagen abrasiert habe und ich widerstehe dem Wunsch, eine zu kaufen. Warum? Ich habe keine Ahnung.

G-Kräfte mit Pommes und Limo

Freude des Motorjournalisten

Aber auch für die groß gewordenen Kinder gibt es ne Menge zu sehen und zum sich drüber Freuen. Cadillacs mit zwei Lenkrädern? Na klar. Rosa Kutschen mit zwei nackten Einhörnern davor? Jede Menge. Kampfhubschrauber mit doppelläufigem Maschinengewehr? Auch. Ich frage später mal nach, ob ich mir den einen mal für ein paar Leute in Kiel ausleihen kann. Alles tingelt, bimmelt, rollt und fliegt, dreht sich, blinkt und duftet nach Trockeneisnebel, Gummiabrieb und gebrannten Mandeln. Ich liebe Jahrmärkte, habe ich das schon erwähnt? Ich finde es großartig, einfach nur rüberzubummeln, ein paar Würstchen oder ein Eis oder irgend etwas anderes wahnsinnig ungesundes zu futtern und den anderen bei der hochpreisigen Selbstverstümmelung zuzusehen. Der Vorteil in Frankreich gegenüber ähnlichen Veranstaltungen in Deutschland ist ein überdurchschnittlich hoher Intelligenzquotient der anderen Besucher. Während ich mich auf dem Hamburger Dom oder dem Kieler Umschlag immer frage, wo sich alle diese grenzdebilen Halbzombis eigentlich den ganzen Rest des Jahres verstecken flanieren hier männliche und weibliche Augenweiden mit Kommunikationspotenzial. Cool. Vielleicht verstehe ich auch nur die französischen Pendants zu Alder! Digger! und Ey weissu was isch mein? nicht und habe ein falsches Bild im Ohr? Blöd ist vor allem: die anderen drei nötigen mich intensiv, nun endlich mal mit in irgend eine dieser lebensverkürzenden Maschinen rein zu kommen. In irgendwas. Alt geworden ich bin. Die Macht schon lange nicht mehr in mir wohnt. Ich wähle STAR WARS!!!

Ich mutiger Typ, ich.

Ich mutiger Typ, ich.

Was für ein unfassbar überzogener Name für ein einfaches Kettenkarussell. Das dreht sich zwar, aber ich habe das subjektive Gefühl, dass ich das in dieser Form ertragen könnte. Kettenkarussells gab es ja 1920 oder so auch schon, also in der Zeit, die von meinen Kindern immer mit meinem persönlichen Begriff von “früher” verbunden wird. Das ist also genau das richtige für den analogen Sandmann. An den Blechgittern vorm Eingang stapft ein finster guckender Darth Vader schnaufend und knarzend hin und her und bedroht mich periodisch mit seinem Laserschwert. Das lenkt mich ein wenig vom Ticketerwerb und dem damit verbundenen überraschend tiefen Krater in meinem Portemonnaie ab. Was es alles für Ferienjobs gibt, ich habe damals Pizza ausgefahren. Na ja, die Zeiten ändern sich. Und auch die Kettenkarussells ändern sich, was damals noch ein lustiges Ding mit bequemen Sitzen war und sich einfach mehr oder weniger schnell im Kreis dreht ist heute in der Version 2.0 wesentlich ausgeklügelter. Meine Große und ihr Freund sitzen in dem Doppelsitz vor uns, ich halte ein wenig verunsichert die Hand meiner kleinen Tochter und bin nicht ganz sicher, ob ich alle möglichen Risiken in meiner Pro- und Contra Liste berücksichtigt habe. Die Bügel über den Sitzen sind dünn und klapperig. Und warum ist über dem ganzen Ding so eine dicke hohe Stange bis weit in den Himmel hinein? Ist da am anderen Ende der Todesstern?

Skepsis an Ketten

Skepsis an Ketten

Ah. Ich verstehe, dieses Verständnis macht es allerdings nicht besser. Dieses Kettenkarussell dreht sich nicht nur, es beginnt nach kurzer Zeit auch, diese Stange heraufzuklettern. Und die Stange ist dünn und hoch. Sie sieht von oben sogar noch viel höher aus als von unten. Das habe ich übersehen. Urks. Parallel tobt uns pompös der STAR WARS Soundtrack um die Ohren. Aber… hm… irgendwie ist es ganz schön hier oben, wenn man sich erstmal an die einsetzenden Fliehkräfte aufgrund der Trägheit des eigenen Körpers gewöhnt hat. Der beleuchtete Luna Park dreht sich unter uns in der Dämmerung, am Horizont leuchtet die Stadt und von fern brandet das Mittelmeer dunkelblau an den Strand *seufz* Vor uns schweben, irgendwie unwirklich beleuchtet, die beiden Turteltäubchen fast lautlos durch die warme Abendluft. Deshalb mag ich Kettenkarussells so gern, auch wenn sie rauf und runter fahren, sie drehen sich verhältnismäßig leise und sind irgendwie erhaben über dem ganzen Tumult da unten. Schön. Unter wahnsinnigen Verlustängsten mache ich ein paar Fotos mit meinem Telefon.

Die Liebenden

Die Liebenden

Und ja, ich entsteige dem Star Wars Spektakel ohne Kollateralschaden. Weder hat mich der Todesstern weggeschossen noch wurde mir von einem alternden Meister Yoda mit dem Lichtschwert ein Scheitel gezogen – und auch der asthmatische Darth Vader am Eingang hat mehr mit seiner Beatmungsmaschine zu kämpfen als mit der Aufmerksamkeit der Kirmesbesucher. Wir sind zurück auf dem Boden der Erde. Der Vorteil, wenn man sich (wegen des Gleichgewichtssinns einer Weinbergschnecke) von den wirklich, also WIRKLICH schlimmen Dingern fernhält: Der Hunger bleibt. Und der kann hier auf vielfältigste Art und Weise befriedigt werden, denn im Magen klebt noch keine Zuckerwatte. Ah. Da ist er ja, mein gesuchter Grund von vorhin :-) Zwei lustige Gesellen in Form einer fröhlichen Getränkeflasche und eines provokant grinsenden Pommes machen am Rand des Kinderlands darauf aufmerksam, dass sich hier jung und alt den Magen verderben können – und das machen wir auch gleich mal. Hier im Luna Park gibt es noch Limonade, die eine ordinäre Coca Cola zum herben Bio-Getränk degradiert und Fleischersatzprodukte, die mehr Fett enthalten, als Joseph Beuys jemals auf allen seinen Kunstwerken hätte verteilen können. Hhhhmmmmmmm.

G-Kräfte mit Pommes und Limo

Süß und salzig geht noch rein

Ja, es ist teuer. Öffentliche Feste, Jahrmärkte und Großveranstaltungen sind immer teuer. Das weiß man, aber es treibt einen an diesem einen Abend auch nicht in den Ruin. Mich nerven diese Permanent-Pöbler auf der Kieler Woche, die bei jedem Stand rumschimpfen, dass man die Zutaten bei Aldi für einen Bruchteil des Geldes bekommt, die zwischen Schalen von gebratenen Champignons oder panierten Calamares ihr selbst mitgebrachtes Mischbrot mit Käse mümmeln und jeden laut auslachen, der sein mühsam erspartes Vermögen in die überteuerten Nahrungsmittel vor Ort investiert. Was wollen die da? Warum bleiben die nicht zu Hause? Kauft euch doch bei Aldi für einen Bruchteil des Geldes die Zutaten, fresst die allein zu Hause und lasst diejenigen in Ruhe, die hier eine gute zeit haben wollen! Niemand wird gezwungen, den Konsum mitzumachen. Es ist einfach sagenhaft lecker und abwechslungsreich, und hier in Frankreich noch viel mehr, weil alles irgendwie noch ganz anders schmeckt. Das Geld muss man vorher eben einplanen, dann tut es auch nicht weh :-) So. Wir sind satt und ich bin pleite, einigermaßen, aber die drei planen noch, die Zentrifugalkräfte einmal komplett auszureizen und zu testen, was so ein gefüllter Magen alles mitmacht. Da bietet sich so ein Break Dancer an, aber einer von der neueren Generation. Die Gondeln drehen sich nicht nur um die eigene Achse, sie kippen auch noch nach vorn und hinten, während das ganze Konstrukt im Kreis schwirrt. Ohne mich. Ich mache Fotos.

G-Kräfte mit Pommes und Limo

Sie wollen da wirklich rein.

Und daran tu ich auch gut. Die Damen und der Herr grinsen im Kreis (Papa bezahlt), genießen noch mit ein bisschen Abstand die Schreie der anderen, den nach Erdbeeren riechenden Trockeneisnebel und die laut bumsenden Bässe der Musik. Hier unten am Boden dreht sich eine ganz andere Welt als eben noch da oben in dem Riesenrad. Ich liebe es, mich mit Ausreden vor diesem Karussell zu drücken. Ich bin gern ein bisschen älter, das macht mir gar nichts aus :-)

Sie haben es so gewollt

Sie haben es so gewollt

Na gut. Es scheint den beiden Damen und dem Herren tatsächlich zu gefallen 8-) Ich bin mir nach wie vor nicht wirklich darüber im Klaren, wie ein menschlicher Körper mit allen seinen inneren Organen diese unmenschlichen Bewegungen über vier Achsen gleichzeitig aushalten kann, ohne durchzudrehen oder zu sterben. Aber ich muss ja auch nicht alles wissen, dafür gibt es Fachärzte, Neurologen und Therapeuten. Egal. Es geht rund.

torkeln, torkeln....

torkeln, torkeln….

Und für einen kurzen intensiven Moment scheinen die drei tatsächlich ein bisschen außer Kontrolle zu sein, als sie wieder aussteigen, torkelnd aber glücklich. Lediglich der happige Fahrpreis verhindert, dass sie gleich nochmal einsteigen :-) Und soll ich Ihnen verraten, was ein weiterer Vorteil dieser Aufteilung “Ihr geht da rein und ich bleibe hier” ist? Ich schlage generös vor, jetzt doch endlich mal ein Eis zu essen, weil ich echt Bock auf ein Eis habe und es hier überall echt leckeres und vor allem buntes Eis gibt. Mit diesem Wunsch stehe ich aktuell allein da, die jüngere Generation gibt in geschlossener Dreieinigkeit zu verstehen, dass man zwar glücklich sei, Nahrungsmittelaufnahme aber in der kommenden halben Stunde nicht an vorderster Stelle stehe. Also suche ich mir ohne Rücksicht auf Farbe und Form ein ganz persönliches, besonders ekeliges Eis aus und kompensiere damit, dass ich mir weder eine Zuckerwatte gekauft noch mir in irgend einem überzogenen Drehdings magentechnisch den Abend versaut habe. Die Paste meiner Wahl in dem Bottich ist grünblau, schmeckt nach allem was man sich so vorsttellen kann und hat einen komischen Namen. Das will ich :-D

Wie bitte?

Wie bitte?

Nein, das ist kein Schreibfehler, ich glaube was in Deutschland als Schlumpfeis bekannt ist hat hier sein Pendant gefunden. Das Lied der Schtroumphe ♫ Alles ist meiner Meinung nach besser als die sogenannten Trend-Eissorten, die man unbedingt mal probiert haben muss. Sowas wie Schwarzbrot-Vanille oder Limone-Rhabarber. Aber darüber habe ich mich neulich schon mal aufgeregt, jeder wie er will ;-) Schtroumph! Eine leichte Erschöpfung legt sich wie ein warmer Nebel über die Reisenden aus dem Norden in Südfrankreich. Ein Feuerwerk soll es heute geben, und es wäre großartig, wenn das mal jemand zünden würde, denn bald verrammeln die nämlich 5 Kilometer weiter nördlich wieder die Schranke vom Campingplatz. Und der Weg vom äußeren Parkplatz bis zu unserem Mobile Home ist weit, wirklich sehr weit… Der verantwortliche Pyrotechniker der Kirmes ist definitiv auf unserer Seite, und wie aus dem Nichts zischen plötzlich die Raketen in den Himmel, knallen, leuchten, britzeln. Sie malen bunte Farben in das schwarz der Nacht, zaubern flackernde Bälle aus Feuer und knisternde Palmen aus Funken und lassen sogar die fröhliche Getränkeflasche und den provokant grinsenden Pommes mit offenen Mündern stehen und staunen. Wer noch nie einen staunenden Pommes gesehen hat – hier gibt es ihn. Schtroumph!

G-Kräfte mit Pommes und Limo

So schön kann Mitternacht sein.

Ich weiß nicht, wie lange das hier an einem ordinären Wochentag voller Arbeitnehmer und Urlauber noch weitergeht. Wir jedenfalls machen uns jetzt langsam mal auf den Weg zurück zur Hütte, denn die Tage sind müdemachend lang und warm. Vorbei an der Geisterbahn, wo man hinter einem offenen Fenster den geschminkten Statisten mit seiner lärmenden Motorsäge den schreienden Leuten in den Wagen nachstellen sieht. Die trotzdem enttäuscht sind, weil die Fahrt keine 30 Sekunden dauert. Vorbei an dem wunderschönen Riesenrad, in das ich meine Homies nicht reingekriegt habe, weil sie das zu langweilig finden. Vorbei an Dosenwerfen, Hau-den-Lukas und anderen klassischen Kirmesattraktionen, bei denen man sich heute fragt, ob sie in der iPhone und Playstation verwöhnten Welt noch Freunde finden. Aber auch vorbei an einer Kugel mit zwei Menschen drin, die an gespannten Bungee-Seilen nach —> oben! geschossen wird. Daneben das Riesengerüst wie eine Schaukel, an dem sich je zwei Wahnsinnige auf 80 Meter hochziehen und dann in die Tiefe schaukeln lassen können. Es geht noch schlimmer als im Break Dancer. Ich bin beruhigt. Vorbei an einer Freakshow, vor der auf Schildern mit buckeligen Wesen, doppelten Körpern und unfassbaren Abnormitäten geworben und gleichzeitig versichert wird, dass das Gesehene niemand anstößig finden wird. Irgendwie bin ich neugierig, wie man dieses mittelalterliche Dilemma wohl gelöst hat, irgendwie bin ich aber auch froh, dass sich während unserer vielen Runden kein einziger Mensch dort reingewagt hat. Gut so. Schtroumph!

Zum Teufel mit der Kohle

Zum Teufel mit der Kohle

Ui das war jetzt mal ein teurer Abend. Aber jede Minute hat sich gelohnt. Die drei sind aufgedreht, brabbeln durcheinander und lachen über alles mögliche, während Radio NRJ den Soundtrack des Rückweges liefert. Heute ist das mal okay und dem Ereignis angemessen :-)Sur ma Route. Auf ein paar Dinge im Leben ist einfach Verlass, das stroumpfe Repeat-Programm der privaten Radiosender gehört definitiv dazu. Himmel bin ich müüüde. Noch ein Schlückchen Rotwein und einen Zigarillo draußen auf der Veranda, das vertreibt auch die Mücken. Gehen Sie gern mal auf den Jahrmarkt? Oder fühlen Sie sich dort auch von den geballten Menschlichen Abgründen überfordert? Erzählen Sie doch mal. Morgen? Morgen fahren wir vielleicht mal nach Montpellier. Oder lieber gleich in die Calanques bei Cassis? Ach wissen Sie was? Urlaub ist, wenn man sowas einfach – morgen – entscheidet.

Sandmann

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Created Donnerstag, 18. September 2014 Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
12 Sep 2014
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Mobile Homes

Mobile Homes

Kleine Träume mit großer Sonne

Bin ich alt geworden? Spießig oder bequem? Womöglich VERNÜNFTIG?? :roll: Ein Mittelklasse-Kombi vor einem mobilen Ferienhäuschen. Beides meins, eins gekauft, eins gemietet. Was habe ich früher auf Kombis geschimpft, während ich selbstverliebt auf dem Kofferraumdeckel meines Audi V8 saß. Und was habe ich die Spießer belächelt, die sich auf den Campingplätzen in diese stickigen Plastikbuden eingemietet haben, während ich Ravioli vor meinem Zelt auf dem Gaskocher brutzelte – direkt unter den schnarzenden Zikaden. Nun ja. Wenn das Leben selbst einem Bärenfallen vor die Füße legt und parallel der Himmel mit Barrikaden versperrt wird freut man sich mit 43 über Platz im Auto, noch mehr freut man sich über ein Dach, einen Kühlschrank und ‘ne eigene Dusche. Ein ganz normaler Tag am Mittelmeer.

Mobile Homes

Weizenmehl, O-Saft und Kaffee

Frühstücken Sie eigentlich regelmäßig? Ich selbst bin in den 70ern bei Lehrern mit den Arbeitszeiten von Lehrern aufgewachsen, da war es üblich, dass morgens alle gemeinsam am Tisch saßen. Wir wären die klassische Werbefamilie gewesen – es gab Kelloggs Smacks oder frisch aufgeknusperten Golden Toast, drauf war gute Butter und Schwartau Extra Konfitüre, Nutella oder Grafschafter Goldsaft. In meiner Tasse schwappte Uelzena Schlauchmilch mit drei Löffeln Suchard Express (mit den Vitaminen A, B1, B2 und C) drin, und Sonntags kamen die Knack & Back Hörnchen direkt aus dem Ofen auf das Brettchen. Wenn der Tag so begann, konnte einem eigentlich nicht viel passieren, dachte ich damals. Später habe ich begriffen, dass auch ein gutes Frühstück mich nicht vor den Tiefschlägen menschlichen Zusammenlebens schützen kann, aber diese Erkenntnis hat das Frühstück nicht schlechter gemacht. Hier in Frankreich haben wir sogar NOCH mehr Zeit, denn niemand muss um 8:00 Uhr in der Schule sein, weder auf dieser noch auf der anderen Seite des Pultes. Um 8:00 bin ich sogar der einzige, der schon wach ist und genieße den ersten Kaffee in der aufgehenden Sonne…
Wenn sich irgendwann mal alles Jungvolk aus den Betten geschält, geduscht, rasiert, geschminkt und frisiert hat gibt es Frühstück im Jahre 2014. Frische Croissants und Baguettes, Schokopops mit Milch, Orangensaft, Käse, Wurst, Himbeermarmelade und Nutella. Welches in Frankreich weicher ist als in Deutschland, und nein, das liegt nicht an der Außentemperatur. Dazu trinkt Papi noch fünf weitere frisch gebrühte Kaffees. Zwischenmenschlich ist hier bei uns soweit auch alles im Reinen – dann kann der Tag ja losgehen.

Mobile Homes

brav abschließen

Ja – so ein Mobile Home ist spießig, Sie haben völlig Recht, vor allem aus der Sicht eines auch-bei-Schnee-Campers oder aus dem Kaminzimmer eines Dänischen Holzhauses betrachtet. Allerdings bin ich dann wohl ein Spießer geworden, denn ich finde es unerklärlich großartig, das Geschirr einfach in die Spüle zu stellen, Herd und Kaffeemaschine auszumachen, Milch und Wurst und Käse im Kühlschrank zu lagern und heute Abend alles frisch und ohne erobernde Ameisenkolonie wieder vorzufinden. Äh… und es dann natürlich noch abwaschen zu müssen :-( bin ich heute dran? Das kläre ich gleich mal. Auf stabilen Stühlen an einem richtigen Tisch sitzen. Super. Und das alles ist trotz Haute Saison (ganz Frankreich hat JETZT Sommerferien und ganz Frankreich ist JETZT am Mittelmeer) für vier erwachsene Personen einigermaßen bezahlbar. Und hey – die Hütte hat sogar Räder! Um uns rum brummt das Leben, wie es nur auf einem großen Campingplatz brummt. Rechts neben uns sitzen die fünf Belgier schon wieder biertrinkend auf ihrer Veranda, das werden sie regungslos bis heute Nacht tun. Und morgen und übermorgen auch. Gegenüber hüpft der lustige kleine französische Junge deformierend auf dem Dach von Mamas VW Sharan rum, springt dann runter und bemüht sich, Papas Motorrad umzuschmeißen. Links von uns turtelt das junge Pärchen aus der Schweiz, anscheinend frisch verliebt, wenn man der nächtlichen Geräuschkulisse Glauben schenken kann. Hinter uns noch mehr Belgier, die schlafen noch, die waren gestern Abend bestimmt beim Karaokesingen am Pool. Davon hören wir leider nicht viel, wir sind weit genug weg :-)

Mobile Homes

eine kleine eigene Welt

Französische Campingplätze sind ein Mikrokosmos mit einer ganz eigenen Art der Gelassenheit und des Miteinanders. Man lässt sich gepflegt in Ruhe. Gefühlt sind wir den ganzen Tag draußen und könnten in der Mittagshitze auf den Betten eine schattige Siesta machen. Machen wir aber nicht. Drin kochen, draußen essen. Nebenan wird gegrillt und der halbe Rasen in Brand gesteckt, na und? In keinem Hotelzimmer hat man diese Atmosphäre, und doch verbuchen wir mit dem Minimalkomfort eines Mobile Home prinzipiell alle Annehmlichkeiten einer kompletten Ferienwohnung. Duschen, spülen, waschen, kochen. Schlimm furniert, nicht groß, nicht schön – aber wer braucht das hier im Süden, wo die Sonne einen rauslockt? Wo es an der frischen Luft nach Pinienharz duftet und in einiger Entfernung das Lachen gut gelaunter Menschen am Pool zu hören ist? Nein danke, liebes Zelt, ich lasse dich auf unbestimmte Zeit trocken eingelagert in meinem Keller liegen. Der alte dicke Diesel hat heute Nacht genau wie wir gut geschlafen, und er soll und jetzt mal ins Zentrum von Agde tragen. Ein bisschen Nippes shoppen, einer von uns will sich noch eine neue Cap kaufen, die Mädels dürstet es nach schicken luftigen Kleidchen und Sonnenhüten und ich… hm… na ja vielleicht finde ich ja ein T-Shirt und ein bisschen leckeren Tabak für mein Pfeifchen heute Abend.

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Einkaufen Teil 1 – das was Spaß macht

Das “Zentrum” dieses Örtchens ist wiederum ein ganz anderes Universum als der 5 Kilometer entfernte Campingplatz. Raten Sie, welches Lied wir in den 10 Minuten auf dem Weg hier her auf Radio NRJ gehört haben…? Immerhin gibt es einen zentralen Parkplatz in der prallen Sonne, auf dem wir tatsächlich jedes mal eine Lücke für das ziemlich breite und ziemlich lange Rolling Home aus Stuttgart finden. Tagsüber schlendern Touristen durch die einzige breite Einkaufsmeile, es gibt bunte Gemüseläden, klingelnde und klöternde Andenkenboutiquen mit bedrucktem Schrott aus China, flatternde Klamottenläden voller wirklich schöner Teilchen (ebenfalls aus China, vielleicht auch aus Indien), frostige Eisbuden und unzählige duftende Restaurants, in die man wortgewaltig zum déjeuner reinkomplimentiert wird. Nein danke, wir haben ja sehr gut gefrühstückt ;-) Alles wird auf der einen Seite von einer großen Bühne flankiert, auf der jeden Tag eine andere Veranstaltung tobt und man sich schon für den Abend-Event vorbereitet. Auf der anderen Seite ist das Meer. Ich glaube, wir kommen heute Abend nochmal wieder und schnuppern mal in das Nachtleben von Agde. Vorher gilt es noch, im Super U (oder ist es ein Mega U? Gar ein Geant U oder Giga U?) draußen im Centre Comercial mit einem unfassbar großen Einkaufswagen den Zwei-Tages-Plan für uns vier abzuarbeiten. Frühstück, Mittags-Snack, Abendessen. Sie würden sich wundern, wie viel da zusammen kommt und wie knapp ein Budget von 50 Euro am Tag sein kann… Vor allem, wenn man nicht immer versteht, was auf den Verpackungen draufsteht. Außerdem erwerben wir noch einen Fußball :-D und meinen Tabak finde ich auch…

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Nahrung für die wilde Horde

Wer ist denn heute Abend mit schnibbeln und kochen dran? In der nicht immer leicht zu übersetzenden französischen Supermarktsprache haben wir uns ganz gut geeinigt auf: Fleisch (porc, boef oder dinde), Reis, Zwiebeln und… Cherry Cola. Ich kaufe nichts, von dem ich nicht weiß, was es eigentlich ist. Nachher hab ich da noch Pferd in der Pfanne oder so :-( Also ZACK alles rein in den Kühlschrank (jajaJAAAA!). Und über den Mittag? Nix Siesta, wir sind noch nicht lange genug hier, um müde zu werden (auch wenn das noch kommen soll….), also schält sich die kleine Familie nebst Freund mit den gut gebauten Alabasterkörpern in die Badeaccessoires und stapft in Richtung synthetisches Wasser. Pools, Rutschen, Wasserfälle und viele viele Liegen. Oh. Das ist hier ja wie in einem deutschen Freibad, es sind alle (nochmal: wirklich ALLE) Liegen mit Handtüchern reserviert, aber es ist kaum einer da. Auch nicht im Wasser. Die sind alle beim Mittagessen oder im Mittagsschläfchen. *grummel* In mir wächst der Wunsch, alle Handtücher bei so viel arrogantem Besitzanspruch runterzuziehen und ins Becken zu werfen. Aber nein :-) Ich bin ja weise und möchte hier noch ein paar Tage länger ungestört leben, also legen wir gut gelaunt unsere Badelaken einfach auf den Boden, stellen fest, dass das viel bequemer als die harten und engen Plastikliegen ist und springen ins lauwarme Nass. Einige tiefer, andere flacher.

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Draußen. Nicht im Hotel oder so

Baden. Plantschen. Schwimmen. Ich fühle mich wohl, solange ich das Ufer in meiner Nähe weiß. Ich war noch nie ein echter Fischkopp des Nordens, Kiel hin oder her, ich segel nicht, ich esse kaum Fisch und ich mag keine langen Reisen auf Schiffen. Aber ich mag Schwimmbecken und Freibäder und das bunte Treiben in ihnen. Die Sonne brät auf unsere noch ein wenig UV-unvorbereiteten Körper, und während die anderen drei gut eingeölten Mitreisenden mit Knopf im Ohr musikhörend in eine andere Sphäre driften (oha – einschlafen in der Mittagssonne, das gibt benommene Blicke) liege ich wach auf meinem Handtuch und lasse mich vom Leben berauschen. Spielende Kinder, lachende Menschen, gut gelaunte braungebrannte Einheimische und schneeweiße rotbäuchige Ausländer. Es riecht nach Chlor und Sonnenmilch, und ständig laufen sowohl höchst attraktive Schönheiten gemeinsam mit abstoßenden Halbnackt-Katastrophen durch mein Bild, Männlein wie Weiblein. Ein spannendes Theaterstück, die Regie führt das große Schicksal eines normalen Urlaubstages. Alle diese Menschen haben ein Leben zu Hause, mit Hoffnungen und Ängsten, Mit Liebe und Hass, mit Freude und Kummer. Und hier, an diesem Pool auf einem Campingplatz in Agde am Mittelmeer, treffen sie sich alle für einen kleinen Moment in ihrem Leben – um zu baden :-)

platsch

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Das war anscheinend so eine Art Telepathie, Tochter 1 und Tochter 2 springen auf und ziehen mich mit zur Steilrutsche, wo man auf vier gleichen Bahnen nebeneinander den Schnellsten unter sich ausmachen kann 8-) Großartig. Unser sympathischer Freund mit der Cap ist gerade ein wenig out of Order. Ich möchte das gar nicht episch auswalzen, aber sagen wir mal so… Es gibt Gründe, warum man nicht vom Beckenrand springen soll. Und so ein echt Eindruck schindender mackeriger Steilköpper vom Beckenrand hoch in die Luft und tief ins Wasser ist nie eine gute Idee. Vor allem nicht mit den Händen auf dem Rücken. Hätte er mal die Cap aufgelassen. Seit sie ihn aus der Krankenstation rausgelassen haben liegt er ein wenig benommen im Schatten rum und sieht alles doppelt. Es wird wohl eine kleine Harry Potter Narbe auf der Stirn bleiben, cool, so kann man sich natürlich auch die Andenken aus dem Souvenirshop sparen. Und Tattoos sind viel zu teuer. Alles richtig gemacht.

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Familie Badefreud’

Genug Sonne. Irgend jemand hat mir mal gesagt, man soll das vor allem an den ersten Tagen nicht übertreiben, und da sind auch so ein paar doofe Wolken – also zieht es uns zu einer Alternativbeschäftigung ins “Wohnzimmer”. Vor einem Jahr in Finnland (erinnern Sie sich?) habe ich allen Anwesenden, die schon die Karten selbst halten können Rommée beigebracht. Dieses alte klassische Kartenspiel, bei dem man erst ablegen darf, wenn man 40 Augen zusammengesammelt hat. Meine Eltern (ja, die Lehrer damals) haben mir das schon im zartesten Kindesalter vermittelt und wir haben es bis kurz vor ihrer Scheidung abends am Wohnzimmertisch gekloppt. Später dann, in einem anderen Bundesland mit leicht geänderter Elternbesetzung ging’s weiter mit dem großen Kartenspiel, und auch in den Urlauben haben wir so manchen extrem verregneten Abend in irgendwelchen schwedischen Holzhäusern damit verbracht. Töchterchen klein kann es noch, Töchterchen groß und der Mann mit der Harry Potter Narbe wollen es lernen. Kein Problem. Ein paar Ründchen vorm Kochen schaden sicher nicht. Nebenan ballern die Belgier auf ihrer mitgebrachten Playstation aufeinander und prosten sich zu. Vielleicht habe ich nicht ALLES falsch gemacht :-)

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Rommée statt Counterstrike

Nahrungsbereitung. Essen. Das ist nicht nur notwendig, das kann auch kulturelles Highlight an einem Tag im Mobile Home sein. Während der gute Tag noch mit einem guten Frühstück beginnt endet er hier in Südfrankreich mit einem deftigen Abendessen. Die Ladies haben nicht nur Rommée für sich entdeckt – sie finden auch frische, in Olivenöl angebratene Zwiebeln richtig lecker. Das soll den beiden Männern nur recht sein, wenn noch ein Stückchen Fleisch dazu kommt ist der Abend gerettet. Bevor wir aber so weit sind und schon mal losretten bereiten die Youngster alles vor, schnibbeln und stellen Pött und Pann zurecht, während Vati den Abwasch von heute Morgen erledigt *grummel* Die karge Plastik-Behausung duftet nach Gewürzen und Gemüse, später dann nach britzelndem Fett und scharf angebratenem Rind. Dazu wird ein knackiger Salat serviert, und das alles für weniger als 50 Euro, inklusive dem Frühstück heute Morgen und einem Fläschchen Rotwein (was zugegebenermaßen nur einen Bruchteil der Kosten verursacht hat, weniger als der morgendliche Apfelsinensaft, den man inzwischen als obligatorisch einplant). Nur das mit der Sherry Cola, das dürfen Sie echt keinem erzählen. Ich bin wohl der einzige Mensch auf diesem Planeten, der die mag.

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schnibbeln und manchmal auch weinen

Waah! Und schon ist so ein ganzer Tag fast vorbei. Manchmal rast die Zeit, als wenn sie auf der Flucht vor irgend jemandem ist. Vor wem bloß? Ich bekomme so eine Ahnung, dass es gar nicht sehr lange dauern wird, bis wir vier uns schon wieder ein bisschen traurig angucken und meine Große mit den Fingern einmal schnippt :-( Das ist dann das Zeichen, dass der Urlaub rückblickend in nur einem kleinen Augenblick vorüber gezogen ist. Dann werde ich immer traurig. Dann wird meine Kleine uns anstrahlen und sagen: “Hey, der nächste Urlaub kommt bestimmt!“. Und sie hat recht. Der gut aussehende Typ mit der Mütze steckt sich eine Kippe an. Außerdem ist es noch viel zu früh um melancholisch zu werden, also krabbeln wir ein weiteres mal in den Mercedes und fahren noch einmal nach Agde. Eigentlich nur, um die Stimmung am abendlichen Strand zu genießen und womöglich noch einmal im Meer zu baden. Aber wie sich heute Mittag schon architektonisch angedeutet hat tobt hier Abends der Bär noch viel gewaltiger als tagsüber, Beats und Bässe bumsen, Tänzer und Breakdancer performen auf der Promenade und viele viele Menschen lassen sich mitwippend begeistern. Ist das überall am Meer abends so voll? Krass. Das macht Spaß :-)

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Nochmal zurück auf die Meile….

Ein paar Meter weiter hinter den Dünen liegt der lange Sandstrand fast menschenleer da, klar, die sind alle oben auf der Meile. Am Horizont funkelt die Festung mit dem Leuchtturm, und die Wellen brechen sich träge und sanft in den aufgeschütteten Bunen. Wir bolzen mit dem neu gekauften Ball durch den Sand, toben rum, rauchen, machen ein paar schräge Fotos mit der Kamera und sitzen dann einfach ein bisschen da. Es wird schnell dunkel in Südfrankreich, im Gegensatz zu Finnland. Da ist es irgendwie überhaupt nicht dunkel geworden. Nach so einem wühligen Tag tut es gut, einmal nichts zu sagen, auf den Horizont zu gucken und die Dinge einfach laufen zu lassen. Das Meer rauscht wie eine endlose Melodie, immer wieder neu, ich werde niemals müde dem zuzuhören. Adios, lieber Tag. Du warst gut, auch wenn es leichten Kollateralschaden gab. Wir machen noch ein Bild von uns, irgendwie nennt man das jetzt ja Selfie und es ist voll hip, irgendwie hab ich mich aber schon immer selbst fotografiert und es ist ja auch eigentlich egal, was für Trends welche Namen haben. Ich schwimme die sowieso nicht mit. Dafür fühle ich mich hier viel zu wohl, mit dem Auto am Mittelmeer, umgeben von Menschen, die mir sehr viel bedeuten. Das genügt doch für einen wirklich glücklichen Moment, oder?

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Auch hier wird es irgendwann mal dunkel

So, jetzt aber heim, ab 23:00 Uhr kommt man mit dem Auto nicht mehr durch die Schranke. Auf dem Weg zurück zum Campingplatz lassen wir Radio NRJ einvernehmlich mal aus. Was tagsüber Spaß macht, kann nach so einem nächtlichen Strandgang die mitgenommene Stimmung platzen lassen, und ich will diese Bilder noch ein bisschen weiter in mir tragen. Stattdessen lasse ich “The Barricades of Heaven” von Jackson Browne laufen. Nein, nicht James Brown, der rumkrakeelende Soulprediger, Jackson Browne ist jemand anderes. Inzwischen ist der auch nicht mehr der Jüngste, das Lied ist von 1996, da war ich knackige 25 Jahre alt. Und die Dame, die im Bild hier oben ihren Freund küsst gab es immerhin schon ein Jahr :-) Das Gute ist ja, dass ich inzwischen sicher bin, selbst einfach nicht älter zu werden. Pha. Niemals. Das passiert nur den Anderen, mir nicht. Dafür gibt es eine Menge Beweise, und auch wenn Jackson Browne inzwischen ziemlich alt aussieht… der sah bestimmt schon immer so aus. Und jetzt lassen Sie uns von was anderem sprechen…

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Zimmer mit Aussicht

Zu Hause. Alle schon im Bett, nur ich noch nicht. Während die winzig kleinen Mücken wie Piranhas meine knusprig braunen Arme und Beine aufessen stopfe ich mir noch meine Pfeife und blicke in die Nacht. Durch die Tür des Mobile Homes fällt ein warmes Licht, lockt weitere Mücken nach drinnen (mit denen wir später noch Spaß haben) und verströmt in mir ein wohliges Gefühl. Vorhin habe ich noch ein bisschen nachdenklich auf Baumarkt-Seiten im Netz rumgeblättert und bin über Hellweggestolpert. Kannte ich gar nicht? Die läuten da schon den Herbst ein, Kaminöfen, Laubsauger, Feuerholz. Das hat mich schon wieder melancholisch gemacht, denn ich weiß momentan gar nicht, ob ich in diesem Herbst noch einen Kaminofen haben werde. Aber das ist eine andere Geschichte, eine von denen, die ich in Kiel lassen wollte. Das klappt leider nicht immer. Aus dem iPhone quaddelt noch einmal Jackson Brown und singt von Seiten, die er umblättert, Jahre bevor er angefangen hat zu lernen. Es gab mal eine Zeit, irgendwann, da hatte man alles noch vor sich. Da waren die wirklich dicken Fehler noch nicht in Gang gebracht und man hatte nicht die leiseste Ahnung, wie viel Scheiße auf einen niedergehen kann, wenn man erstmal “erwachsen” ist. Vielleicht werde ich deshalb nicht erwachsen. Und nicht älter. Vielleicht muss ich noch viel mehr lernen.

Mobile Homes

Notieren Sie, Watson

Aber wie dem auch sei, erst texte ich Sie mit dem unspannenden Tagesablauf einer Familie auf einem Campingplatz zu und fange jetzt auch noch das Rumleiden an, weil früher bestimmt nicht alles besser, aber vieles einfacher war. Früher ist vorbei, genau wie dieser Tag. Morgen ist ein neuer Tag, und er wird wieder viele schöne Sachen hervorbringen, vielleicht auch ein paar nicht so schöne. Wer weiß? Etwas habe ich in den letzten Wochen gelernt: Mein Zuhause ist da, wo die Menschen sind, die ich liebe. Dort komme ich zur Ruhe und kann durchatmen. Diese Erkenntnis ist für den kleinen Sandmann, der schon ein paar mal gegen seinen Willen aus seinem komfortablen Wurzeltopf rausgerissen wurde, existenziell wichtig. Vielleicht erlebe ich deshalb so ein Mobile Home wie eine bewohnbare Metapher für etwas nicht Statisches, etwas nicht Ortsgebundenes, was einem trotzdem Sicherheit und Ruhe spenden kann? Ich bin dankbar dafür und habe erstmals seit Jahren das Gefühl, den Herbst dieses Jahres überleben zu können, ohne mir die Flügel zu brechen.

Und Sie? Sie haben wieder still mitgelesen, vermutlich aus Trägheit nicht mal unten auf “Gefällt mir” geklickt und Sie werden sicher auch nichts kommentieren. Meine Reisegeschichten fangen sich irgendwie immer nicht so viele Kommentare ein, das war schon immer so :roll: Dabei habe ich doch jetzt echt mal was vorgelegt: Frühstücksfamilien, Nachbarn auf Campingplätzen, Shopping-Queens, reservierte Liegen, Kartenspiele, Pools und Verletzungen, Lebensmittelphilosophien und ein tiefer Blick in die Vergangenheit von mir und Jackson Browne. Sprechen Sie mit mir :-) Und wenn Sie mir nur erklären, wo es diese Hellweg Baumärkte gibt – und warum nicht in Schleswig-Holstein.

Sandmann

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Created Freitag, 12. September 2014 Tags Agde | frankreich | Frühstück | Mobile-Home | Pool | Reise Reise | Roadmovie | S210 | Sternstunden | strand | T-Modell | W210 Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
 
11 Sep 2014
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Sur ma Route

Sur ma Route

Un vie de Route

Reisen. Mein Leben lang war der Weg das Ziel, und in der zweiten Hälfte (des Lebens) wird sich das wohl auch nicht mehr ändern. Auch wenn die Wege steiniger werden. Strecke machen. Mit dem Auto, nicht mit dem Flugzeug, denn dann bekommt man ein Gefühl dafür, wie weit man von Zuhause weg ist. Und am Abend gemeinsam sprachlos vor einer Karte aus Papier sitzen und sich über den zurückgelegten Weg unterhalten. Wissen Sie was? Ich habe diese bei mir schräg verknüpften Synapsen an meine Töchter weitergegeben. Statt zu whatsappen, facebooken und twittern sprechen sie mit mir, mal vom Rücksitz, mal vom Fahrersitz. Sie singen die Lieder aus dem Radio mit. Und sie machen Fotos. Auf der Straße von Paris nach Agde, Südfrankreich, Mittelmeer.

Sur ma Route

Echte, also wirklich ECHTE Croissants

Ein guter Tag beginnt mit einem guten Frühstück. War das nicht mal eine Werbung in den 80ern? Egal wann – das stimmt auch 2014 noch, und nichts wäre in der Pariser Morgensonne leckerer als ein frisches französisches Croissant, ein Stück knuspriges Baguette und ein leckerer heißer Kaffee? *hach* Direkt an einer stark befahrenen Hauptverkehrsstraße, die man im Angesicht dieser kalorienreichen Leckereien aber wunderbar ausblenden kann. Nirgends schmecken Croissants oder auch nur ein Stück einfachen Weißenbrots besser als in Frankreich. Kaffee können sie nicht so gut wie die Italiener, aber man muss ja nicht alles können. Wir nehmen noch ein paar Pains Chocolat in einer fettigen Papiertüte mit, für unterwegs, der nächste kleine Hunger kommt bestimmt. Und das Mittelmeer ist noch weit, 750 Kilometer, um genau zu sein. Ich beginne mit dem Chauffieren der wertvollen Fracht, neben mir die sich auf’s Baden freuende Kleine, hinter mir die gute Musik liefernde Große und neben ihr ihre große Liebe, ausnahmsweise mal ohne Cap, aber mit der ADAC Tourset Straßenkarte auf dem Schoß. Denn keine App der Welt kann einem die Entfernungen so schön verdeutlichen wie eine große ausgefaltete Papierkarte. Ich bin begeistert, dass es die noch gibt, inklusive Sehenswürdigkeitenführer und Mauttabelle. Da macht die ADAC Mitgliedschaft ja mal wieder richtig Spaß :-)

Sur ma Route

Navigieren wie früher bei Opi noch

Denn die beiden auf dem Rücksitz verfolgen nicht nur den Straßenverlauf der überteuerten Autobahnen, sie lesen uns auch die Beschreibungen der Sehenswürdigkeiten vor, die auf uns zukommen könnten. Montpellier steht irgendwann auf dem Plan, Daniel Leroc besuchen. Die Große will mal schnell nach Barcelona (das… äh… ist in Spanien) rüber, da ging die Klassenfahrt hin, aber das ist mir zu weit, heute Abend werden wir sicherlich vom Autofahren erstmal genug haben ;-) In unserer Nähe liegt noch Narbonne, außerdem das als Brettspiel in den 90ern ziemlich bekannt gewordene Carcassonne. Und hey – na selbstverständlich wird es wieder einen wundervollen karibischen Tag in den Calanques bei Cassis geben! Das ist diesmal etwas weiter weg, aber der geduldige Daimler wird uns schon tragen. Und es ist eine andere Geschichte. Mein eingeplantes Maut-Budget ist noch absolut im grünen Bereich, der Briefumschlag mit dem Kleingeld in der linken Innentasche der Fahrertür ist prall gefüllt. Obwohl… er alle 40-80 Kilometer, je nach Streckenabschnitt, nach und nach schlanker wird. Immer wenn ich mal so richtig schön lethargisch dem Horizont entgegenträume schleicht sich eine Péage ein, eine Maustelle, wo meist sehr freundliche Menschen den lieben langen Tag sitzen und alle paar Sekunden den durchfahrenden anderen Menschen in ihren Autos Zahlen in die Ohren sagen. Dann das Geld kassieren, dann die Schranke öffnen und sich verabschieden. Ich glaube, ein Job an der Kasse bei Aldi ist dagegen ein echtes Abenteuer.

Sur ma Route

Schranke zu, Schranke auf.

Und da kommen sie, sie Worte, die ich nun zum ersten Mal in einem Urlaub höre: “Papa, wenn du willst fahr ich jetzt mal ein Stück…” Ha! Okay, Korrektur, zum ersten mal höre ich sie nicht. Meine Töchter fahren schon etwas länger mit meinen Autos rum, das fing schon mit dem V8 an, als ihr Lebensalter noch einstellig war. Ich bin da ja nicht so, ich mag das… Aber das weiß niemand, ist ja auch alles nicht erlaubt und außerdem ist das noch nie auf einer französischen Autobahn passiert. Deshalb erlebe ich hier doch so etwas wie das erste mal, und dann auch noch legal. Gniihihi :-D Die privatwirtschaftlichen Rennstrecken in Frankreich sind zwar teuer, dafür aber gut in Schuss und mit sehr aufgeräumten Rastplätzen ausgestattet. Irgendwo muss das Geld ja schließlich bleiben. Also soll ich mal das Steuer meiner inzwischen 19jährigen Erstgeborenen übergeben. Geübt hat sie genug, sowohl mit Automatik als auch mit geschalteten Autos. Mein Freund mit der Mütze (nein, sorry, es ist ja IHR Freund) hat sich selbstlos angeboten, das Musikprogramm vom Beifahrersitz aus zu managen. Okay, lassen wir mal die jungen Leute ran.

Sur ma Route

Fahrerwechsel. Cool, ich kann mal dösen.

Geht Ihnen das auch so, dass Sie immer ein bisschen seltsam aus der Wäsche gucken, wenn Sie in Ihrem eigenen Auto hinten sitzen? Es gibt ja auch nicht viele Gründe, warum man das tun sollte. Ich glaube das erste mal war das in meinem Taunus Coupé 1991, an dem Tag, als die Probezeit meines Führerscheins ablaufen sollte. Ich war beim Bund, wir waren in einer Pizzaria in Husum lecker essen und ich wollte wegen meines einen Bieres nicht am letzten Tag noch Ärger riskieren – also ließ ich einen Kameraden zurück fahren, der da schon seit Wochen mal heiß drauf war. Schön im Knudsen hinten rechts. Jessas kommt einem ein Auto von hinten rechts auf einmal groß vor! Ich habe es damals sehr genossen. Heute bin ich zwar entspannt, aber schon zu lange unterwegs als dass ich tatsächlich sogar ein kleines Nickerchen machen könnte. Außerdem sitze ich hinten LINKS. Die beiden vorn legen los, ich mache es mir neben meiner “Kleinen” bequem und bin wieder einmal fasziniert vom Platzangebot einer alten E-Klasse. Vor allem, wenn vor einem jemand sitzt, der nicht wie ich 1,90 groß ist :-) Der Verkehr rollt, die Bässe bummsen aus den vier Lautsprechern und ich lerne neue Musik kennen. Immer am Ball bleiben ♫

Sur ma Route

Vom Rücksitz betrachtet…

Außer der schon zuvor genannten Hymne von Herrn Forster mit dem Refrain, den einem die Péage-Wächter immer freundlich hinterherträllern scheint hier vor allem in den Radiosendern ein Lied gut zu gehen: “Sur ma Route” von Black M 8-) Ein feines Ding. Wir sollen es noch öfter in diesen Tagen zu hören bekommen. Während die Chauffeuse und ihr DJ vorn mit vorwärtsfahren und Mukke suchen beschäftigt sind und mein Zweier-Teamgegenüber rechts von mir auf ihrem Laptop mit Kopfhörern ein Filmchen inhaliert driften meine eigenen Gedanken über die Grenzen der Autobahn hinaus.

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böse Katze?

Ich frag mich, was wohl meine anderen beiden Frauen, die halbfinnische und die viertelfinnische, gerade machen und in welchen schönen Gegenden sie sich wohl rumtreiben. Ob sie auch grad an mich denken? Puh, zwei Wochen sind echt ganz schön lang… Ich sehe in der Ferne Hochspannungsmasten, die aussehen wie böse guckende Katzen oder Füchse mit abstehenden Schnurrhaaren. Und ich frage mich dabei schmunzelnd, wie lange ich nicht mehr auf dem Rücken in einer Wiese gelegen habe, um in den Wolken über mir Figuren und kleine Geschichten zu entdecken? Wie alt war ich? 8? Vielleicht 9? Auf dem Seitenfenster des Daimlers funkelt die Prägung der Scheibe, ihre Schrift wirft einen Schatten auf das Kunstleder – die Sonne wird intensiver, je weiter wir nach Süden kommen. Ich habe schon einmal hinten links gesessen, ich muss ziemlich klein gewesen sein und fragte mich, was diese Zeichen auf dem Fenster im Audi 100 meines Papas wohl bedeuten mögen. Sie sahen für mich aus wie eine kleine, doppelte Eiswaffel. Die späte, sehr späte Erkenntnis über die tatsächliche Bedeutung einiger als Kind falsch interpretierter Zivilisationszeichen hat mich mal zu einer Geschichte getrieben, die können Sie hier nachlesen:-) Der Diesel schnurrt immer weiter in Richtung Urlaub, und vielleicht bin ich irgendwann doch ein bisschen weggedöst.

Sur ma Route

was man so unterwegs entdeckt…

Agde. Es ist später Nachmittag, als wir den Campingplatz am Mittelmeer erreichen. Ich habe nun einen guten Eindruck, wie angepisst M. Leroc gewesen sein muss, als er seinen im camion ausgebüchsten Daniel aus Montpellier abholen musste (wenn Sie nur Bahnhof verstehen lesen Sie die vorangegangene Geschichte). Das war ein ganz schöner Ritt hier runter, nicht auszudenken, wie lange das gedauert hätte, wenn ich nicht den halben Netto-Monatslohn eines Friseurs in Sachsen in die Hände der Autobahnkassierer gedrückt hätte. Überlandstraßen? Routes Nationales? Braucht man nicht. Genug Lebenszeit sur ma route verbracht, jetzt stehen wir (nach ein paar blöden Verfahrern wegen eines schon erwähnten veralteten Navis) vor unserem Mobile Home und sind tatsächlich… angekommen. In Agde. Keine Ahnung wie man das ausspricht. Akte? Ascht? Deshalb sagen wir auch allen wir waren in “Südfrankreich”, das klingt mondäner :-) Seit der Zelterei mit dem Audi V8 Anno 2011haben wir beschlossen, dass zwar ein Campingplatz super ist (und ehrlich gesagt in der Haute Saison in Gallien auch rein finanziell quasi ohne Alternativen punktet), das Schlafen auf dem Boden und das Essen aus Schüsseln voller Kiefernnadeln und Ameisen aber zu den weniger erquicklichen Gegebenheiten gehört. Seit dem wird eine Plastikhütte mit zwei Schlafzimmern, einer Küche und einem Bad gebucht. Mit Kühlschrank und allem, was man so braucht. Das ist nicht wirklich stilsicher, aber es ist auch nicht viel teurer als ein aufgestelltes Zelt – und der alte Reisende hat ein richtiges Bett, Strom und ein Dach über dem Kopf.

Sur ma Route

Hallo Zuhause für 10 Tage!

Über diesen Luxus des kleinen Mannes schreibe ich die Tage noch ein bisschen mehr, jetzt werfen wir erstmal unsere Taschen und Klamotten auf die quietschenden Betten, räumen alles grob ein, machen eine kurze Bestandsaufnahme des vorhandenen Inventars (was wahrlich nicht komplett ist, aber man nimmt das hier nicht so genau) und haben ein allererstes, erklärtes Ziel: Wasser. Der Pool, der irre Pool mit Rutschen, Palmen und Badelandschaft ist schon zu. In Agde macht man früh Feierabend, um die Gäste in die Restaurants zu treiben. Egal. Mission: Badeklamotten an, Handtücher geschultert und wieder rein in den staubigen Benz. Klimaanlage auf volle Pulle, das auf Dauer ein wenig Hirnbluten verursachende Radio NRJ einstellen und auf dem Weg zum Strand wieder mal “Sur ma Route” hören. ♫ Und inzwischen ein bisschen mitsingen können – was auch fast alle im Auto machen. Das Leben ist schön :-) Hallo Südfrankreich!!! Wir sind jetzt 10 Tage hier, wir haben ziemlich gute Laune und wir wollen braun werden. Lesen, kochen, baden und ein paar schöne Ecken sehen. Mehr nicht. Die erste schöne Ecke ist der Strand, der sanft ins warme Wasser geht.

Sur ma Route

Das Cap d’Agde, vom nassen Wasser aus betrachtet

Ich habe gelogen. Das Wasser ist ARSCHkalt heute Abend, aber es treibt uns trotzdem rein, quietschend, schreiend und plantschend. Dem langen Strand vorgelagert ist eine kleine Festung mit Leuchtturm zu sehen, weiße Yachten und Jetski grummeln am Horizont entlang und die ganze Atmosphäre ist irgendwie unwirklich schön und friedlich. Es ist wohl dieses sagenhafte Licht hier unten, was schon die Impressionisten vor 150 Jahren zu Meisterleistungen der Farben animiert hat. Aus der nahen kleinen Stadt, die erst jetzt zu ihrem eigentlichen Leben erwacht, wehen leckere Gerüche herüber. Gebratener Fisch, Pizza und Gewürze, ich merke erst jetzt hier mitten im Wasser, was für ein Hunger in mir wütet. Von fern klingt Musik, noch weiter hinten beginnt das beleuchtete Riesenrad eines Luna Parks sich langsam zu drehen. Den haben wir soeben auf unsere Agenda geschrieben, da müssen wir auch unbedingt mal ein paar Euros in Drehbewegungen investieren. Plitsch platsch. Baden im Sonnenuntergang im Mittelmeer. Das klingt doch gut, oder?

Sur ma Route

Der Erholung Anfang im Selfie

Und jetzt? Muss ich aufpassen, dass mein iPhone nicht absäuft. Nachdem ich schon mit Sonnenbrille getaucht bin. Ich sollte erstmal ein bisschen runterkommen, den Alltag ausblenden und das eine oder andere Thema, was ich mit hier her geschleppt habe verdauen. Aber dabei helfen mir meine drei jungen Mitreisenden, die weitestgehend ohne Cap im Wasser sind ;-) Urlaub. Nicht bloggen, nicht texten, nicht posten und nicht korrespondieren. Außer, ich will es. Leben, essen, trinken, schlafen. Nach Sur ma Route sind wir jetzt am Ziel, zumindest vorläufig. So richtig an kommt man ja im Leben nie, und das ist auch gut so. Später an diesem Abend wird es vor lauter Hunger und noch leerem Kühlschrank noch eine köstliche Pizza auf dem Campingplatz geben, dann ein Glas Rotwein für mich und noch einmal ein gemeinsamer Blick auf die ausgebreitete große Frankreichkarte vom ADAC. Einmal quer durch. Klasse. Jetzt whatsappen und facebooken sie auch wieder, meine Töchter und der Mann mit den coolen Klamotten. Dank sündhaft teurem W-LAN, was Vati bezahlt hat. Aber jetzt ist es auch okay :-) Noch viel später fange ich mein gebraucht gekauftes Buch an (Mit dem Kühlschrank durch Irland – ganz großes Kino) und werde danach so lange schlafen, bis ich von alleine aufwache. Und morgen ist ein neuer Tag.

Sandmann

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Created Donnerstag, 11. September 2014 Tags Avantgarde | paris | Reise Reise | Roadmovie | S210 | Sternstunden | Sur la route | T-Modell | un vie de route | W210 Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
05 Sep 2014
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Mit einem ♫ Ta-xi nach…

Mit einem ♫ Ta-xi nach…

Touristen, wie sie im Buche stehen

… Paris. Nur für einen Tag, auf den Spuren von Famille Leroc. Nein, nicht mit einem Taxi, aber fast. Das Taxi habe ich blutend in Wahlstedt bei Markus1975 eingelagert. Und statt des von Michi Reincke besungenen kleinen Reeendezvoouuus treibe ich mich mit drei mir am Herzen liegenden jungen Menschen in der Stadt der Liebe rum. Wie diese Menschen heißen? Sie müssen ja nicht alles wissen :-) Aber hübsch sind sie, cool und gut drauf. Und zu 2/3 mit mir verwandt. In dieser Geschichte geht’s mal nicht so sehr um Autos, sondern um eine Stadt voller Leben und voller Menschen, eine Familie aus den Französischbüchern der 80er und einen rostigen Turm aus Stahl. Lehnen Sie sich zurück, schenken Sie sich einen Vin de Pays de Herault ein und genießen Sie die Aussicht.

Mit einem ♫ Ta-xi nach…

Metro fahren. Alles andere wäre Unsinn

Warum so einen billigen Fusel, fragen Sie? Weil wir später am Tag noch in die Gegend rund um den Fluss Herault fahren (aber das ist eine andere Geschichte), weil dieser französische Landwein gar nicht so schlecht ist wie sein Ruf und weil es dann irgendwie authentischer ist. Oder? :-) In Frankreich zahlen Sie die verschiedenen Preise für den vergorenen Traubensaft vor allem nach der Anbauregion, weniger nach der Qualität. Kleines Gebiet mit großem Namen (wer denkt da nicht gleich an die Champagne) – teurer Saft. Oft direkt in der Flasche vergoren, das scheint toll zu sein. Großes Gebiet mit aus Traubensicht unbekanntem Namen (Herault, Aude, Gard oder Bouches du Rhône) – preiswerte Weine. Und nicht mal schlecht. Glauben Sie nicht, dass ein Rotwein nicht schmecken kann, wenn er nur 1,79 Euro kostet. Außer es steht vielleicht “Melange aus verschiedenen Weinen der Europäischen Union” drauf, aber das wird Ihnen in Frankreich nicht passieren. Äh… pardon, wir sind in Paris, und wir wollen zum Tour Eiffel. Den Rest kann Ihnen mein Weinspezialist Steffen G. erläutern.

Mit einem ♫ Ta-xi nach…

Alle wollen da hin, wo wir hin wollen

Ich spreche immer von Wir. Wir sind: Tochter klein (inzwischen auch schon 13 aaarggh), Tochter groß (die bald ein eigenes Auto haben wird) und Freund von Tochter groß (cooler Typ, umsichtig, hilfsbereit, aufmerksam und vermutlich der beste, der ihr passieren konnte). Und ich. Wir sind vier. Vielleicht haben Sie ja schon die erste Geschichte unserer kleinen Reise gelesen, dann sind Sie bereits ein bisschen vorbereitet. Und hier im Bild sehen wir schon die echte Alternative zum Auto in Paris: Die Métro. Mit dem Auto in die Innenstadt zu fahren, während die Franzosen Sommerferien haben gleicht dem Plan, sich mit vier Millionen Fliegen ein einzelnes Stück Aas in der Sonne teilen zu wollen. Keine Chance. Nicht mal mit dem besungenen Taxi. Von unserem Hotel zum Zentrum hätten wir eine volle nervenaufreibende Stunde gebraucht, dann wären wir drei Stunden auf der Suche nach einem Parkplatz (ohne einen zu finden) im Kreis gefahren, würden vielleicht irgendwo in zweiter Reihe genervt stehen bleiben und wären dann abgeschleppt worden. Nee nee. Also: Es steht an der Erwerb einer Tageskarte für die Métro, hier erkenne ich, dass man zu viert in einer großen europäischen Metropole echt ein bisschen mehr Geld in der Hosentasche haben muss als allein in Kiel…

Am Trocadéro raus

Am Trocadéro raus

Wer den Eiffelturm sehen will, der muss am Trocadéro raus. Paris bietet noch eine ganze Menge anderer menschengebauter Sehenswürdigkeiten, wir nehmen später noch ein paar davon optisch mit, aber der Turm muss einfach. Weil er doch eigentlich gar nicht so groß ist, aber dann über dem Betrachter, vor ihm stehend, eine magische Faszination wie einen warmen Mantel ausbreitet. Der Eiffelturm. DER Eiffelturm, auf jedem dritten Kitsch-Gemälde drauf, in jedem Französischbuch der Mittelstufe präsent und als Schlüsselanhänger oder Aschenbecher längst ein fester Bestandteil der hirnamputierten deutschen KIK-TEDI-1EUROSHOP Kultur. Hier über uns im Tunnel steht er wohl, wenn wir die Ströme von Touristen an uns vorbei richtig interpretieren. Als der Elektrozug davonrumpelt könnte es losgehen, doch ich habe die Sehenswürdigkeiten-Rechnung ohne meine Mitreisenden gemacht. Die wollen nämlich, genau wie beim letzten mal hier, erstmal in den Nippes-Shop und die eben erwähnten nicht ganz maßstabsgetreuen China/Thailand/Indien Eiffeltürme begutachten/anfassen/kaufen. Der arme Gustave, wenn der von seinem Ausverkauf wüsste. Ich brauche sowas nicht, aber so ne Baskenmütze…..? Hm….

Mais oui!

Mais oui!

Ich denke zurück an die Zeit irgendwann in den 80ern, als ich noch die fremden grammatikalischen Verdrehungen mit Hilfe von Monsieur und Madame Leroc auswendig lernen musste. Die beiden führten ein übersichtliches Leben mit ihren Kindern Monique und Daniel. Ich erinnere mich daran, dass M. Leroc eigentlich immer au bureau abgehangen hat, während Mme Leroc ergeben die Hausarbeit erledigte. Es gab auch einen Hund, dessen Namen ich mir nicht gemerkt habe. Le chien. Die beiden Blagen liebten jouer au ping-pong und ecouter de musique pop. Gibt es diese angenehm durchschnittlichen Menschen noch immer in der Mittelstufen-Folterliteratur? Damals waren Frankreich und seine pompösen Wahrzeichen mir so fern wie Montpellier, in das der umtriebige Daniel einmal aus Versehen mit einem camion gebracht wurde, in dem er sich frecherweise versteckt hatte. Der kleine Rebell. Nach Montpellier wird es uns in diesen Tagen auch noch treiben, allerdings freiwillig und nicht auf der Ladefläche eines Lastwagens. Und Popmusik hören wir auch, aktuell hat die Große “Au Revoir” von Mark Foster und Sido am Start, viele Wochen bevor das bei N-Joy Radio auch nur jemand zufällig mal in die Ohren bekommen hat :-) Sie spielt aber auch kein Tischtennis. Okay, ab jetzt ans Tageslicht. Kommt man aus der Métro raus, geht es noch um ein großes altes Gebäude rum und dann – eröffnet sich der große, mit Marmor geflieste Platz vor dem Palais de Chaillot.

Mit einem ♫ Ta-xi nach…

Wenn Sie da noch nie waren, sollten Sie mal hin…

Fragen Sie mich nicht warum, ich könnte jedes mal heulen, wenn ich diesen Weg gehe, an dessen Ende der Turm zu sehen ist. Und ich werde immer ganz still, genieße den Moment und blende für eine kurze Zeit alle anderen um mich herum aus. All die hunderte und tausende von Touristen, die Bilder machen, Selfies, lustige festgehaltene Fingerspielchen. Sie “tragen” auf den Fotos das Stahlgerüst, gleich dem witzigen und selten praktizierten Stützen des schiefen Turms von Pisa. Der Turm und ich. Mein captragender Mitreisender ist ähnlich still. Er ist das allererste mal hier. Wir befinden uns noch immer am absoluten Anfang des Urlaubs, was mich mit einer tiefen Ruhe und einer kribbelnden Vorfreude durchströmt. Hinter dem 324 Meter hohen Stahlgestell anlässlich der Weltausstellung 1889 bauschen sich Gewitterwolken auf, aber es ist wenigstens angenehm warm. Sonne und Strand erwarten uns tendenziell ja weiter unten im Land, am Mittelmeer. Südöstlich von Montpellier, wo der genervte M. Leroc den ausgebüchsten Daniel mit dem Auto wieder abholen musste, damals. Langsam dringen die Stimmen der anderen wieder an meine Ohren, langsam komme ich wieder in dieser Welt an. Wenn Sie dem Eiffelturm einmal live gegenüberstehen oder schon einmal gegenüberstanden werden Sie wissen, was ich meine.

Mit einem ♫ Ta-xi nach…

sowas gibt es in Hamburg nicht

Heute belassen wir es nicht bei diesem Blick – heute haben wir ein bisschen mehr Zeit als beim letzten mal. Leider sind die Brunnenanlagen mit langen bösen Bauzäunen umgeben, was ein ausgelassenes Treiben im Wasser und den Fontänen verhindert. Mist :-( Direkt an der Seine, diesem dicken trägen wundervollen Fluss, in dem noch immer die Asche der Jeanne d’Arc treibt kann man der Nahrungsaufnahme und des Toilettenganges frönen – muss man aber nicht. Notiz an mich selbst: Wenn ich den Preis von vier Tageskarten für die Métro schon als Erkenntnis verbuche, dann sind Toilettenbenutzung und Mittagessen für vier Personen direkt am Wasser unter dem Eiffelturm, da, wo die Schiffe ablegen, eine Art Offenbarung. Offenbar müssen wir in den kommenden Tagen mit dem Erwerb von Nahrung ein wenig kürzer treten, wenn wir den Schnitt von 50 Euro am Tag halten wollen. Ich bin nun pleite, gerade mal 8 Euro klimpern noch in meiner Hose. Vor dem Frühstück nachher muss ich wohl nochmal zum Auto, finanziellen Nachschub holen. Es ist ja alles bar in verschiedenen Umschlägen abgezirkelt…… So eine Art Haushaltskasse. Wir stapfen weiter entlang des Ufers, was offensichtlich zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört. Ach so. Daher die Preise.

Mit einem ♫ Ta-xi nach…

Seltsam? Stimmt. Das liegt an Photoshop…

Paris ist als Innenstadt vielleicht nicht ganz so groß wie man meint, aber Kiel ist kleiner. Kiel kann man locker fußläufig durchmessen. Paris sicherlich auch wenn man Rüdiger Nehberg ist, das ist alles eine Frage des Maßstabs und des Schuhwerks, und hier finden wir den Fehler. Mit FlipFlops lässt sich super (südöstlich von Montpellier) am Pool abhängen, aber dass die Dinger nicht als asphalterprobte Wanderstiefel taugen stellen einige der Anwesenden noch vor der Halbzeit fest. Also beschließen wir, so klassische Namen wie den Obelisk auf dem Place de la Concorde, die Tuileries, den Louvre und seine in ihm wohnende geheimnisvoll lächelnde Mona Lisa, den Triumphbogen und die Champs-Elysées nur zu streifen, sie alle wenigstens im Vorbeihumpeln zu sehen und sowohl die letzte Aufmerksamkeit als auch die allerletzten Euros für heute in vier (vier) gefrorene Wassereisgetränke der Geschmacksrichtungen Waldmeister, Pfirsich und Himbeere zu investieren. Herrlich süß und erfrischend und unfassbar kalt. Stattlicher Hirnfrost mit Blick auf Sacré Coer. Klasse. Schön, wenn der Schmerz nachlässt.

Mit einem ♫ Ta-xi nach…

Nicht die Pont d’Avignon, weder l’on noch danse.

Zwei ungleiche “Paare” in Paris auf dem Weg nach Südfrankreich. Vier Menschen, die fast drei Generationen überspannen. Vier Menschen, die das aber alle irgendwie ganz cool finden, miteinander ein paar Tage Urlaub zu machen. Ich sage mir immer wieder (und korrigieren Sie mich da bitte, wenn Sie anderer Meinung sind oder ich mich wiederhole), dass ich wohl nicht alles falsch gemacht habe, wenn die drei freiwillig mit mir im Auto auf einen Campingplatz in Frankreich fahren wollen und sich seit Wochen darauf freuen. Ich übrigens auch :-) Die Kinder von damals sind nun teils tatsächlich, teils fast erwachsen. Und es ist großartig, sich mit ihnen zu umgeben. Diesen jungen Leuten, die noch ihr ganzes Leben vor sich haben und die ganzen Fehler, die man selbst gemacht hat vielleicht nicht machen. Oder eben doch. Und vielleicht irgendwann mit ihren eigenen Kindern mal nach Paris fahren. Dann…. bin ich wohl Opa :roll:

Mit einem ♫ Ta-xi nach…

Wenn ich die beiden sehe fühle ich mich alt…

Meine große Erstgeborene mit ihrem Freund. Sie kenne ich schon ihr ganzes Leben lang, von ihm weiß ich bisher nur, dass er nicht alles mag, was ich koche, und dass er ab und an mal was sagt, was ich richtig witzig finde. Er hat einen Führerschein und trägt fast immer eine Cap. Viel mehr nicht. Aber ich war schon mit wesentlich schrägeren Menschen unterwegs, ich glaube, das könnte ganz gut klappen. Ich mag den Kerl extrem gern. Ich war ein bisschen in Sorge, weil wir uns vorher nicht oft gesehen haben, aber die Sorge war unbegründet. Schließlich kann ich mich wohl darauf verlassen, dass meine Tochter sich nicht einen Voll-Honk angelt und den dann mit in den Urlaub schleppt. Stimmt :-) Die beiden sind schwer verliebt, und das schon seit einiger Zeit *seufz* und irgendwie glaube ich, dass er der richtige für meine große Hübsche sein könnte. Und dann haben wir noch noch das Papa-Tochter-Team:

Mit einem ♫ Ta-xi nach…

Na, wir beide wissen ja dass wir Urlaub machen können

Meine Zweitgeborene und ich sind ein erprobtes Duo. Sei es Weihnachten mit dem KaSi nach Uelzen oder Weihnachten danach mit dem Audi 100 in die gleiche Stadt und die ganzen Tage dazwischen, wir verbringen eine Menge Zeit zusammen. Ich schiebe das momentan auch noch auf die Tatsache, dass kein Freund existiert, der mitgenommen werden möchte. Ob nun mit oder ohne Cap. Aber wenn ich mir die junge Dame so angucke kann das eigentlich nicht mehr lange dauern. Was dann? Lässt sie den Kollegen dann für Papa zu Hause, weil sie mit Papa einfach ne echt gute Zeit hat, während ihre Schwester und deren Freund das Zweierteam-Pendant bilden? Oder sind wir dann zu fünft unterwegs, und ich sitze abends allein Pfeife rauchend vor dem Wohnwagen während die anderen, inspiriert von der Stadt der Liebe, irgendwo am Rumknutschen sind…? Hm. Ich fürchte, Sie werden es eines Tages hier zu lesen bekommen. Jetzt schließe ich für heute erstmal mit dem Klassiker von Felix de Luxe, auch schon wieder 30 Jahre alt. Morgen fahren wir dann mal ans Meer, gucken, ob M. Leroc seinen Daniel da wirklich weggepflückt hat. Und schreiben Sie mir mal, was Sie über Paris denken….

Sandmann

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Created Freitag, 05. September 2014 Tags Avantgarde | daimler | Eiffelturm | la famille Leroc | M. Leroc | Mme. Leroc | paris | Reise Reise | S210 | Sternstunden | T-Modell | Vieraugengesicht | W210 Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
27 Aug 2014
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Vom Dunkel ins Licht

Vom Dunkel ins Licht

Auftakt zum Roadmovie

Mit dem Auto nach Südfrankreich. Abenteuer, Straßenromantik, Sonne und Rotwein :-) Bis auf “Abenteuer” stimmt das auch alles. Romantik, Sonne und Rotwein nehme ich gern mit, aber das Abenteuer bleibt schön zu Hause. Urlaub, Leute! Ich werde mit der freiwilligen Babysitterin meines viertelfinnischen Sandmädchens und ihrer großen Schwester unterwegs sein. Was beides meine Töchter sind. Obendrauf gesellt sich der Freund der großen Schwester der Babysitterin, der nicht komplett alles isst was man ihm vorsetzt und gern Caps trägt. Wir vier in einem alten Mercedes. Erst mitten in der Nacht nach Paris, dann nach Agde am Mittelmeer, irgendwo zwischen Montpellier und der spanischen Grenze. Zwei Wochen in einer kleinen Hütte aus Plastik auf einem Campingplatz. Hm. Okay, vielleicht nehme ich das Wort “Abenteuer” doch wieder mit auf die Liste.

Vom Dunkel ins Licht

Einstimmung auf ein anderes Land

Vorfreude ist eine schöne Freude, wenn auch nicht die schönste, finden Sie nicht auch? Gerade war ich noch mit meinem halbfinnischen Fräulein Altona und dem Sandmädchen in Portugal, dann habe ich 10 Tage in Kiel und Hamburg meine Freiberuflichkeit mit Fleiß und Nachtschichten einmal mehr strapaziert – und jetzt ist der Abend vor der Nacht, in der es auf die Bahn geht. Ich freu mich. Ich stapfe durch die verregnete Kieler Innenstadt und kaufe ein, was man so braucht. Reisebrötchen-Kram, Eier, Cola, ungesunde Süßigkeiten. Waren Sie schon mal mit Teenagern und gerade eben flügge gewordenen Menschen im Urlaub? Die sind ganz schön anspruchsvoll. Nix hier Schnitzelbrötchen auf die Hand, man ernährt sich einigermaßen ausgewogen. In der Fußgängerzone vor Karstadt spielen ein paar Jungs lustige, französische Musik. Ist das ein Zeichen? Vielleicht. Ich weiß nicht wofür, aber lustige französische Musik gefällt mir. Notiz an mich selbst: Nachher bei iTunes nach lustiger französischer Musik für unterwegs suchen, schließlich sind es ein paar sehr sehr dunkle und einsame Kilometer bis nach Paris.

Vom Dunkel ins Licht

Waschtag für den Daimler

Der dicke Daimler steht vor seiner ersten echten Bewährungsprobe. Wir kennen uns noch nicht richtig. Ursprünglich wollte ich uns mit dem Taxi in den Süden Europas bringen, allein schon wegen des Tages in Paris ♫ Nach den bisher abgespulten Kilometern mit dem treuen 220 CDI breitet sich allerdings in mir eine ziemliche Erleichterung aus, dass ich diesen alten Plan NICHT umsetzen muss. Zu klapperig war er, zu hart die hinteren kaputten Druckspeicher der Federung und zu defekt die Klimaanlage. Alles ist hingegen gesund an unserem aktuellen Beförderungsmittel, und aus purer Dankbarkeit für diesen Zustand bekommt der alte Herr eine “Alles-was-geht” Wäsche beim örtlichen Supermarkt spendiert. Der Tank ist voll, alle Flüssigkeiten sind befüllt und mit Ersatzdöschen hinten im Werkzeugfach ergänzt. Während die Mädels in der Küche die Reisebrötchen schmieren und der Mann mit der Cap vor der Haustür verträumt eine raucht und den Schafen beim Grasen zuguckt bekommt das alte Lisa-Navi ein paar frische Anweisungen. Es geht die A1 nach Westen, durch die Niederlande an Amsterdam vorbei, dann durch Belgien und über die Nordroute runter nach Paris. Wie ich gestern lesen konnte hat jemand bei TomTom mein Greinen erhört und ein neues Navi auf dem Weg zu mir geschickt. Das bedeutet aber, dass dies die letzte Reise sein wird, bei der die alte Lisa das Sagen hat :-( Na okay, in letzter Zeit war sie ein bisschen bockig. Jetzt kann sie nochmal alles geben. Warum zeigt mir das Teil die ganzen BurgerKing Filialen an??? Verwirrend.

Sur la route

Sur la route

1000 Kilometer. Und dieses mal wollen wir noch mehr von Paris sehen als damals, 2011. Oh mann. Geht das nur mir so, oder rennt die Zeit seit ein paar Jahren schneller als vorher? Oder werde ich einfach nur alt? :-) 1991, 1992, 1993 war ich in Südfrankreich, zweimal mit dem Taunus und ein mal mit dem Granada. 2011 mit dem Audi V8 und 2012 mit Rudolf, meinem metallicgrünen Passat. Heute ist es also das sechste mal, und meine große Tochter ist inzwischen nur unwesentlich jünger als ich damals auf der ersten Tour mit dem Taunus. Argh. Der Nachteil: Wenn das so weitergeht begreife ich vielleicht tatsächlich eines Tages, dass das Leben endlich ist. Wie blöd. Der Vorteil: Die genannte Dame hat einen Führerschein. Der Caps tragende Zitronen-Pasta-Verweigerer auch. Was wiederum bedeutet, dass Papa nicht die ganze Strecke alleine fahren muss, denn der wird wie gesagt nicht jünger *schrei* und freut sich vermutlich im Laufe des Tages über einen kleinen Nap auf dem Rücksitz, irgendwo im Süden dieses Kontinents. Vorher ist ein Nap im kuscheligen Bettchen angesagt. Der Wecker steht auf 2:00 Uhr morgens, wer nachts fährt a) hat keine LKW vor sich und b) steht in keinen Staus mit dumpfbackigen Berufspendlern und c) sollte nicht in seinem gewohnten Trott verweilen und erst gegen 23:00 ins Bett gehen. Ach du Scheiße. Ich muss ja in drei Stunden schon wieder raus! :-( Ich kaufe schnell noch die paar hippen französischen Alben auf iTunes und schiebe die auf mein steinaltes Musik-iPhone, was billiger als ein mp3-Player war. Das Jungvolk baut noch ein paar Häuser und Familien mit SIMS 3 und ich entschlummere derweil für eine viel zu kurze Zeit dem Geschehen…

Vom Dunkel ins Licht

Nachts, wenn alles schläft

*klick* “Zwei Uhr. Die Nachichten.” Waah. Hat es Ihr Radiowecker auch schon geschafft, Sie aus einem wundervollen Traum zu reißen und Sie einsam und hilflos in einem stockdunklen Zimmer zurück zu lassen? Um eine Zeit, in der Sie eigentlich in diesem Traum bleiben sollten? Stattdessen wecke ich das Konglomerat aus Heranwachsenden um mich herum auf und geleite die müde Horde zum komplett fertig gepackten Mercedes. Kiel ist absolut still. Es ist die Nacht von Montag auf Dienstag, rechtschaffene Bürger schlafen friedlich, nicht mal die Vögel sind zu hören. Nur eine einzelne verwirrte Grille zirpt resignierend in der Hecke vor sich hin und stimmt mich ungewollt ein auf das Geschnarze der Zikaden in den Calanques bei Cassis. Da ist sie wieder, die Vorfreude. Und JETZT ist dieser Moment, auf den wir uns die vielen Monate und Wochen gefreut haben. So sehr, wie nur Teenager und junge Erwachsene und deren Papa sich freuen können. Wir haben den ganzen Urlaub noch vor uns, und er beginnt – jetzt. Und auch ohne einen Hauch von Pessimismus wird uns in genau diesem Moment klar, dass es einen weiteren Moment geben wird, an dem wir ins Auto steigen und uns auf den Rückweg machen. Dann ist der Urlaub *schnipps* wie ein Fingerschnippen verdampft. Wieder wird er kommen, dieser Moment. Aber noch nicht jetzt, hier und heute.

Vom Dunkel ins Licht

Man sieht nix. Ist vielleicht besser so

Ich mag die Stimmung in der Nacht. Da ich kein Schichtarbeiter bin und lieber früh aufstehe als Nachts zu schuften wirkt die Dunkelheit auf mich immer wie eine große, fremde Unterwasserwelt. Alles ist gedämpft, langsamer, anders. Die Ladies schleppen müde schlurfend ihre Bettdecken auf den Rücksitz, best Boyfriend (mit Cap) raucht eine Zigarette und ich gucke in den Sternenhimmel. Das habe ich hier viel zu selten gemacht. Wie wunderschön er ist, wenn nicht der Lichterschein der großen Stadt ihn komplett verwässert. Tochter klein plappert aufgekratzt vor sich hin, während Tochter groß sich auf dem Rücksitz an ihren Liebsten kuschelt. Noch fragt niemand nach Reisebrötchen. Ich schütte mir einen letzten großen Kaffee in den Kopf und starte den Diesel. Selbst jetzt, um zehn vor drei, sind auf dem Thermometer noch knapp 18 Grad. Sommer de Luxe im Jahr 2014, möge er uns auch in Südfrankreich erhalten bleiben. Wählhebel auf D und los gehts.

Vom Dunkel ins Licht

Dann kann es wohl losgehen

Der erste von 1000 Kilometern bis Paris führt durch das schlafende Kieler Vorörtchen. Kein Mensch ist in keinem Auto irgendwo zu sehen. Na klar, niemand ist so bekloppt und fährt um diese Zeit unter der Woche irgendwo hin. Alle Fenster sind dunkel. Was mag wohl in den Leuten gerade vorgehen, die dahinter schlafen? Träumen sie? Haben sie Hoffnungen und Wünsche? Haben sie Ängste? Bauen sie das Nageln des Common Rail Diesels in ihren Schlaf mit ein? Vor uns liegt die A7. Die scheiß A7. Was habe ich sie mir schon schön geredet, habe über Sonnenaufgänge philosophiert und mich pathetisch in Musik verloren, aber bei allem ist und bleibt sie eine scheiß Autobahn mit scheiß Staus, und das jeden Tag. Jeden einzelnen zwischen Hamburg und Kiel. Der jetzt beschlossene Ausbau zur Dreispurigkeit in den kommenden 10 Jahren wird das nicht besser machen. Entschuldigen Sie diesen Ausbruch. Es ist nicht Tag. Es ist Nacht. Eine Verkehrsdichte wie vor 50 Jahren, hinten schlafen die beiden Großen schon wieder seltsam ineinander verwoben und mein munteres 13jähriges Töchterchen neben mir textet mich fröhlich mit relativistischen Theorien und Ansichten über Freundschaft und Tod zu. Dazu singt uns ZAZ was von Emotionen, dem Richtigen und einem Wiedersehen in Port Coton. Französisch. Wie ich diese Sprache liebe, ihren Singsang und ihre Betonung. Fahr, mein Mercedes, fahr uns vier jetzt nach Frankreich.

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One thru the night

Wie seltsam, durch den Autobahnabschnitt in Hamburg zu rollen und nicht in Stellingen rauszufahren. Die erste Cola ist inzwischen in mir drin, ich bin glockenwach und bekomme eine gewisse Sehnsucht nach der großen und der ganz kleinen Frau, die nicht weit von hier schlafen. Alle anderen in meiner direkten Nähe schlafen inzwischen ebenfalls. Die beiden hinten sowieso und das kleine Wortwunder neben mir ist vor 15 Minuten mitten im Satz einfach weggeratzt. Das alles erfüllt mein Herz mit einer klebrigen Mischung aus Sehnsucht und Liebe. Um mich rum sind so viele liebe Menschen, dass ich manchmal gar nicht weiß, mit wem ich wann wie viel Zeit verbringen möchte. Am liebsten immer mit allen. Doch die Würfel sind gefallen, der Preis für zwei gemeinsame Wochen mit den hier anwesenden schlafenden wundervollen Menschen ist die Entbehrung. Die Distanz zur finnischen Fraktion. Zu der kleinen (bestimmt Papa auch vermissenden) Gurke und ihrer hübschen Mutter. Mann – kann nicht alles haben. Also schicke ich gute Gedanken von hier aus ein paar wenige Kilometer nach Osten und verspreche flüsternd, bald wieder da zu sein. Hinter dem Elbtunnel strahlen die Hafenanlagen wie eine eigene Stadt, und ich bin allein mit den schlafenden jungen Menschen und der Musik. Genug Französisch für den Moment, ich brauche emotional härteren Stoff. Kettcar ist jetzt gut. Die bringen mich zum Weinen und sicher auf die A1 und damit weg von der A7.

Vom Dunkel ins Licht

Aus grau wird langsam blau

Die Mädels und der Mann mit dem großen Kippenvorrat schlafen über Stunden tief und selig. Ab und an räkelt sich mal was im Rückspiegel, und wenn ich mich umdrehe sehe ich Menschen, ineinander verknotet, aber glücklich. Ich lasse den Diesel fliegen und spule Kilometer für Kilometer ab, solange der Berufsverkehr noch in seinem Bett liegt und dieser einen verirrten Grille zuhört. Kennen Sie diese Stimmung, wenn am Horizont langsam der erste Lichterstreif erkennbar wird? Wenn aus der Dunkelheit fast unmerklich erst ein dunkles grau, dann ein blau und dann der neue Tag entsteht?

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Komische Zeiten. Und ich meine komisch nicht im Sinne von witzig, vielleicht ist Ihnen das schon aufgefallen. Einen Teil dieser komischen Zeiten kann ich in Kiel zurück lassen. Einen guten, festen, beruhigenden Teil habe ich traurig in Hamburg zurück gelassen. Und einen ebenfalls guten, konstanten Teil habe ich hier bei mir im Auto. Solange die Sicherungen im Kopf noch den Strom halten geht es immer weiter, in unserem Fall erstmal immer weiter in Richtung Süden. Aus grau wird blau wird hell. Wo sind wir hier eigentlich? Egal, der Kaffee und die Cola wollen zurück ins Meer, der Hunger fordert verbalisierte Gedanken über Reisebrötchen und meine Gliedmaßen bedeuten mir, dass sie sich gern einmal strecken möchten. Parkplatz. Jetzt.

Vom Dunkel ins Licht

Verschleißerscheinungen

Olala. Die rund vier Stunden seit unserem dunklen Abflug in Kiel stecken dem alten Mann doch mehr in den Knochen, als er es zugeben möchte. Gut, dass die durchgeknallten Mitreisenden im Gesamtalter von 53 Jahren jetzt wach sind und den Fahrer unterhalten können. Während ich mich recke und strecke wandern die müden Augen über den in der Morgensonne liegenden Parkplatz. Auch diese Atmosphäre mag ich, der erwachende Tag, Trucker, die Kaffee holen und vorbeiziehende Karawanen von Blech. Der Verkehr wird auf der Autobahn langsam dichter und es wird merklich wärmer. Aus dem Auto dringt lustige französische Musik, ich glaube das ist jetzt Gregoire. Na ja, nicht wirklich lustig, im Gegensatz zum jüngst ausgetretenen Volk. Giggelnd und brabbelnd kommen die drei aus den Büschen zurück und fragen nach den Brötchen, die irgendwo im Kofferraum in einer Papiertüte liegen. 13 Jahre und 18 Jahre. Und die beiden fahren freiwillig mit ihrem Papa mit dem Auto auf einen Campingplatz nach Frankreich, statt mit ihren Homies irgendwo auf den Ballermann. Okay, ein Homie ist einfach mitgekommen :-)

Vom Dunkel ins Licht

Der Raumgleiter und die Crew

Aber wieder einmal denke ich so bei mir, dass ich vielleicht in der Vergangenheit nicht restlos alles falsch gemacht habe, wenn das bei meinen Kindern die Definition für einen guten Urlaub ist. Ich selbst bin ja auch lange mit meinen Eltern unterwegs gewesen, aber mit 15 wollte ich irgendwie auch mal alleine los. Mit dem Fahrrad nach Uelzen und so. Das ist eine andere Geschichte :-) Die drei fühlen sich anscheinend wohl in Erwartung von Palmen und Sonne, und wenn sie als Preis dafür den einen oder anderen abgegriffenen 90er Jahre Witz von mir und die ab und an mal aufpoppenden Geschichten von “früher” ertragen müssen (mein halbfinnisches Fräulein sagt immer “Vati erzählt aus dem Krieg”. Die doofe…) scheint das für sie ein guter Tausch zu sein. Auch der immer gut gekleidete, gut gebaute junge Mann mit der Mütze findet langsam seine Silben wieder. Das könnte ne echt gute Zeit werden, denke ich gerade…

Vom Dunkel ins Licht

Endlich kann man mal was sehen

Ich fühle mich darüber hinaus perfekt durchorganisiert. Und wer mich kennt weiß, dass ich dieses Gefühl und diesen Zustand eher selten erlebe. Ich habe einen Umschlag mit rund 120 Euro für die Autobahnmaut in Frankreich dabei. In dem steckt auch bar das Geld für das Mobile Home in Agde und das Hotel in Paris. In einem anderen sind 500 Euro für Diesel drin. Genau so viel Geld steckt in einem weiteren Umschlag, das sind pro Tag auf dem Campingplatz 50 Euro Essensgeld für 4 Personen. Ob das reicht? Wenn nicht müssen wir mit der Gitarre rumziehen, singen und Geld sammeln. Na und? Das hat 1992 auch schon mal ganz hervorragend funktioniert ♫ Darauf ein Brötchen mit Jagdwurst. Auch wenn inzwischen die Sonne hinter den Wolken aufgeht – für die gekochten Eier finde ich es noch ein bisschen zu früh.

Vom Dunkel ins Licht

Reisebrötchen. Ich liebe es ♫

Dieser erste Stop mit der just erwachten Brut war ein kurzer, knapper Halt, wir wollen Strecke machen, solange wir Strecke machen können. Paris lockt mit dem Eiffelturm und ein paar anderen baulichen Schönheiten links und rechts von der Seine, da kann man ja gar nicht früh genug aufschlagen. Inzwischen ist die goldene Dämmerung einem grauen Wolkenhimmel in den Niederlanden gewichen. Dass hier die Straße schnurgeradeaus geht ist schön, dass die Autos irgendwie nicht mehr werden auch aber dass wir keine Zeit für Amsterdam haben nicht :-( Schade. Ist lange her, dass ich da war. 1997 glaube ich. Irgendwo muss noch eine sehr schräge Jacke rumhängen, die ich mir da gekauft habe, die muss ich mal suchen. Weiß mit schwarzen Rändern und ganz vielen Schriftzeichen drauf. Hm. Nee, vergessen Sie den letzten Satz ;-) Die Führerscheininhaber sind zwar wach, aber zu träge zum Autofahren. Also lassen wir erstmal die Sitzverteilung so wie sie ist. Wach genug bin ich auch, vielleicht wollen die beiden ja morgen auf der zweiten Etappe mal vorn hinterm Stern sitzen. Wir lassen uns von weniger melancholischer Musik beglücken, seit das Handy von hinten ans Radio angestöpselt wurde und fette Bässe sich mit groovigen Beats abwechseln. Warum nicht? Ein bisschen gute Laune auf dem Weg in den Süden kommt jetzt gut. Sobald wir den Sendebereich der durchgeknallten Holländer verlassen könnte man auch mal nach einem guten Radiosender suchen.

Vom Dunkel ins Licht

Durch echt viele Länder heute

Was folgt sind Anekdoten von Navis, die so alt sind, dass die mal wieder die Ausbaustraßen nicht kennen und einen deshalb auf ausladenden Umwegen über Strecken lotsen, die man nicht genommen hätte, wenn man den gut lesbaren Schildern gefolgt wäre. Außerdem Geschichten von Mautstellen, von Schranken, die einen nur durchlassen wenn man mittlere Geldbeträge in ihnen versenkt und von freundlichen Menschen in Kassenhäuschen, die einem bon voyage wünschen. Ah. Wir sind also endlich in Frankreich. Diese Geschichten in ihrer gesamten Breite erspare ich Ihnen, denn die haben Sie schon in verschiedenen Farben mannigfaltig in vergangenen Blogs zum Thema gelesen. Nicht? Dann suchen Sie mal, da finden Sie so einiges :-)

Fast da

Fast da

Auf den Zubringerstraßen von Paris beginne ich erneut, mich intensiv auf mein neues Navi zu freuen. Die alte Lisa ist total überfordert, die Straßenführung ist verwirrend und das lustige Umschalten auf die französische Sprechstimme “Kathérine” hat uns a) keine Besserung der Verwirrung und b) einen weiteren kleinen Umweg beschert, weil ich in den entscheidenden Momenten nicht verstanden habe, was die zu mir gesagt hat. Also wechsel ich wieder zurück zur Custom Voice, was die Stimmen der beiden anwesenden Töchter von anno 2009 oder so in der Schweiz beinhaltet, die mir aus Langeweile Fahranweisungen aufs Navi pöbelten, als ich mir ein paar Autos anguckte. Hallo Hauptstadt der Franzosen. Stadt der Liebe. Stadt der Touristen. Stadt, wo wir ein erstaunlich preiswertes Hotel mit zwei Doppelbetten in einem Zimmer gefunden haben. Im Netz. In der realen Welt müssen wir es nun noch einmal finden. Um 2:45 Uhr heute Nacht haben wir in Kiel abgelegt, und um 13:00 Uhr sind wir in Paris. Aus Norddeutschland kommend, wohlgemerkt. Ich finde das erstaunlich schnell und denke darüber nach, ab und an mal statt auf einen HotDog mit Blick auf die Nordsee nach Dänemark vielleicht lieber auf ein paar Crepes mit Blick auf Sacre Coer nach Paris zu fahren :-)

Vom Dunkel ins Licht

Namen, die ich lesen will

Ein gutes Hotel in Paris zeichnet sich dadurch aus, dass eine Tiefgarage vorhanden ist. Dass die in unserem Fall pro Nacht fast ein Viertel des Zimmerpreises kostet liegt vor allem an dem günstigen Zimmerpreis. Andererseits ist mitten in Paris ein Parkplatz eigentlich nicht mit Geld aufzuwiegen, vor diesem Hintergrund ist das schon wieder preiswert. Also soll es so sein. Ich ziehe Bilanz. Keine Panne, nicht mal eine leuchtende Warnlampe bis hier. Kein nennenswerter Ölverbrauch. Durchschnittsverbrauch beim ersten Tankstop: 6,8 Liter Diesel auf 100 Kilometern. Und das voll beladen mit vier Personen und Gepäck und mit seit 8:00 Uhr permanent mitlaufendem Klimakompressor, weil die Sonne von außen rein wollte und der Muff von Menschen und Lebensmitteln raus. Drei Reisebrötchen sind noch übrig. Ich freu mich schon wieder. Das ist nun keine Vorfreude mehr, das ist Freude. Ich bin in Paris. In DEM Paris, hey, an einem ordinären Dienstag Nachmittag :-D

Vom Dunkel ins Licht

Wo parken, wenn nicht hier?

Tickend und knackend kühlt der Daimler nach diesem Marathon für Kolben und Radlager ab. Die vier Reisenden checken ein und bringen das Gepäck aufs Zimmer, was nicht groß, aber gemütlich und sauber ist. Wir wollen hier nur schlafen, mehr nicht. Und das werden wir nach einer Tour durch die City (nach einer Tour durch halb Europa) sicherlich gut. Aber jetzt noch nicht. Die Stadt der Liebe wartet auf uns. Und schon vermisse ich den kleinen Plauderfrosch und seine Mama…. Argh. Zwei Wochen sind ganz schön lang. Aber ich bin mir sicher, dass meine drei Mitreisenden mir die Zeit schon verzaubern werden :-) “Abenteuer” war das nicht, aber: Heute haben wir die Sonne über der Autobahn aufgehen sehen und vier Länder durchquert. Vorhin waren wir noch in Kiel, jetzt sind wir in Paris. In Frankreich. Auf dem Weg ans Mittelmeer. Ich könnte noch ewig so weiterphilosophieren.

Sandmann

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Created Donnerstag, 28. August 2014 Tags mercedes | paris | Reise Reise | Reisebrötchen | Roadmovie | S210 | Sternstunden | Südfrankreich | T-Modell | Urlaub Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
25 Aug 2014
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Donnerschlag!

Donnerschlag!

Anfang und Ende aller Rennwagen

Rumpel Röhr. Zehn Stunden, sieben Minuten und 48 Sekunden. 1955 war das die Zeit, die Stirling Moss für die Strecke Brescia – Rom – Brescia benötigte und damit der Mille Miglia einen neuen Rekord bescherte. Seine Durchschnittsgeschwindigkeit von 157 km/h war auf den kurvigen eintausend Meilen unmöglich. Aber die 300-SLR-Silberlinge aus Stuttgart-Untertürkheim waren nicht zum Spielen hergekommen, und Moss sagte später über den aus zwei Vierzylindern hintereinander gegossenen Reihenachtzylinder: “Kein anderer Motor klingt so böse wie der des 300 SLR…” Das silberne Moss-Auto mit der Nummer 722 – wegen seiner Startzeit morgens um 7:22 Uhr – steht heute im Mercedes-Benz Museum und ist unbezahlbar. Aber es gibt ja noch Alternativen. Einsteigen. Jetzt. Anschnallen geht nicht, also halten Sie sich bitte irgendwo fest.

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Original oder Fälschung?

Dass der SLR unbezahlbar ist stellt in den 80er Jahren auch schon der Schweizer Willy Kaiser fest, der diesen Rennwagen haben will. Koste es, was es wolle. Er bekam ihn aber nicht. Der gelernte Sanitär-Installateur und selbständige Automatenkaufmann war durch und durch Oldtimer-Enthusiast – und sowohl mit Geld als auch mit Zeit gesegnet. Kaiser verstand sich auf die Marke mit dem Stern und hatte genug Fachwissen angesammelt. Er wollte unbedingt so ein Auto, und er war bereit, dafür auch andere Wege zu gehen als den üblichen des Originals.

Donnerschlag!

Selbst die Replik ist schon eine Legende

Ihm wurde in den USA ein SL Roadster mit modifiziertem, aber nicht funktionierenden Motor und langer Hinterachse günstig angeboten. Kaiser schlug zu. Und verwirklichte sich seinen Traum: Sein Grund-SL, heute allein zwischen 400.000 und 600.000 Euro wert, wurde damals ausgeschlachtet. Kaiser besorgte sich die originalen Baupläne der Rennlegende und ließ in einer italienischen Fachwerkstatt eine Kunststoff-Modellkarosserie sowie ein Holzgerüst anfertigen, über das ein Karosseriebauer die Teile dengelte. 750 Stunden verbrachte der Spezialist mit filigraner Blecharbeit und replikierte in drei Jahren die Aluminiumhaut des Rennwagens in handwerklicher Perfektion, bevor sie wieder auf den originalen Gitterrohr-Rahmen gesetzt wurde. Das gute Stück erhielt 15-Zoll-Borrani-Speichenräder mit Zentralverschlüssen, einen außen liegenden Auspuff und, und, und. Ergebnis: eine Eins-zu-eins-Kopie des Moss-Rekordwagens, aber mit 245 statt der serienmäßigen 215 PS, was in Verbindung mit der lang übersetzten Hinterachse für rund 260 km/h gut sein sollte. Und was den korrekten und wohlhabenden Mitgliedern der SL-Clubs auf dieser Welt heute die Originalitäts-Tränen in das Antlitz treibt. Und mich zum Auto. Den die Karre gibt es immer noch.

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Herr Engel selbst mit allerhand Unterlagen

Sportwagen Engel am Rhein in der Nähe von Koblenz lockt immer mit automobilen Schätzen, die eine skurrile Geschichte haben. Herr Engel holt für mich diesen begehrenswerten Mix aus Metall, Passion und Kraft mit der Nummer 723 (!) aus der Garage. Nein, nicht einfach nur Garage – allein der Raum, in dem die Rennmaschine von Willy Kaiser steht, gleicht einem wunderbaren Museum voller zeitgenössischer Reliquien. Es sind filigrane Kacheln, die in diesem Teil der Burgschmiede Namedy in Andernach den Fußboden zieren. An den Wänden hängen Lenkräder, blasse Fotos und alte Reklametafeln. Im Fenster steht ein 50 Jahre alter Champagner. Und inmitten von all diesem steht diese Replik, die für sich genommen schon eine Legende ist. Ich habe Gänsehaut und fast schon ehrfürchtigen Schiss davor, mitzufahren.

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Allein die Garage ist ein kleines Museum

Herbert Engel ist da ein wenig kühler. Er hat Respekt vor seinen Autos, aber nicht diese Ehrfurcht, die mir in den Augen zu stehen scheint. Nebenan steht ein Hummer randvoll mit AMG Technik, den mal Tina Turner gefahren hat. Um die Ecke linst ein Koenigsegg. Vorhin hat ein Kunde einen Ferrari abgeholt und bar bezahlt. Hand drauf. Krass. Er ignoriert die einzige kleine Tür des Mercedes und erobert mehr oder weniger elegant etwas, was in einem normalen Auto “Fahrersitz” heißt. Klettern beschreibt den Vorgang wohl am besten: Die knappe Karosserie verschluckt seinen Körper nahezu gänzlich, und der Betrachter fragt sich Stirn runzelnd, wie er da jemals wieder rauskommen will. Ich bin zwar eine Handvoll Jahre jünger als er, mache mir aber selbst ein wenig Sorgen.

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Nichts für nordische Jungs?

Reinkommen, rauskommen – das alles wird Nebensache, als Engel den Motor startet. Das eigene Herz scheint einen Schlag auszusetzen, als der Anlasser die SLR-Replika zum Leben erweckt. Aus zwei dicken, geraden Rohren an der rechten Fahrzeugseite ballern nahezu ungedämpft verbrannte Abgase in den Raum und haben hier einen ähnlich unpassenden Auftritt wie laute, pöbelnde Grabräuber im Petersdom. Langsam grummelt der silberne Leichtbau rückwärts in die kalte, sonnige Frühlingsluft. Was vorhin noch eine Gänsehaut auf meinen Armen war, ist inzwischen zu einem meinen kompletten Körper bedeckenden Reibeisen geworden. Nackenhaare stellen sich auf, mir fröstelt. Himmle, wie geil das ballert, wir gut das riecht….

Donnerschlag!

Erstmal drin, kommt man schlecht wieder raus

Herbert Engel lacht, möchte den Wagen aber erstmal warm fahren, bevor wir so richtig Gas geben werden: “Ziehen Sie Ihre Jacke an und setzen Sie sich eine Mütze auf!” Ähm. Jacke na klar, eine Mütze habe ich gar nicht dabei. In meinem Auto war es eigentlich angenehm warm… Und es ist gar nicht so einfach, die Gliedmaßen in diesen Maßanzug zu falten. Wie hat Engel das gemacht??? Der Sitz ist ein hartes, winkeliges Brett ohne nennenswerten Seitenhalt, auf das jemand eine karierte Liegestuhlauflage gelegt hat. Silbrige Armaturen mit schwarzen Zifferblättern versprühen spontan Retro-Charme – sie sind aber echt. Der einzige Schmuck scheinen ein paar Hebel, ein paar Schalter und ein dreispeichiges Holzlenkrad zu sein. Alles andere ist blankes, unlackiertes Metall und umgibt die Passagiere kalt und pur. Im kleinen Handschuhfach liegt eine Mütze. Ich sträube mich ein bisschen, aber der schmunzelnde Blick des Fahrers lässt sie mich aufsetzen. Ich gucke ein bisschen schüchtern über das schmale Scheibchen aus Plexiglas, und wir rollen tatsächlich los.

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Pur, purer geht autofahren nicht

Donnerschlag!

Beherzt dran reißen, das kann er ab

Das langsame Steigen der Motortemperatur während der ersten Kilometer durch verwinkelte Gässchen und holperige Wohngebiete gleicht dem ersten Berg, den die Achterbahn im Vergnügungspark hochgezogen wird. Es gibt kein Zurück mehr, die Bügel haben sich geschlossen und das Geräusch, wenn die Gondeln zum freien Fall entriegelt werden, klingelt schon mahnend in den Ohren. Hier und heute ist dieses Geräusch der kurze Hebel des Schaltgetriebes, der von Engel in den zweiten Gang gerissen wird. Der Mann kennt den Wagen, er weiß, wozu er in der Lage ist und er vertraut der alten Technik blind. Mir als Beifahrer bleibt eigentlich keine andere Wahl als mich tief hinter die kleine Scheibe zu ducken, mich irgendwo festzuhalten und die Mütze tief ins Gesicht zu ziehen.

Donnerschlag!

Racing am Rhein

Seitlich brüllen die heißen Rohre ihr Stakkato in die unschuldige Nachbarschaft, der Vortrieb ist sagenhaft. Engel kurbelt am Volant und knüppelt souverän mit Schaltern und Hebeln herum, als wäre er eins mit dem Silberpfeil. Neben uns fließt majestätisch der Rhein, aber für touristische Momente hat mein Hirn momentan keine Kapazität. Ich sitze in einem echten Rennwagen. Und es ist mir scheißegal, ob das ein Nachbau ist oder ein Original, denn das Original hat die gleichen Komponenten wie dieses Geschoss hier. Schmeißt eure Subaru Imprezas und eure Audi S3s weg, Leute. Die liegen vielleicht sicherer auf der Straße, aber das hier ist die brutale Realität. Mir wird ein bisschen mulmig, so müssen Astronauten sich fühlen, wenn sie in Zentrifugen auf den Raketenstart vorbereitet werden. Und wie LAUT der ist. Sagenhaft. Werde ich das Grinsen jemals wieder aus dem Gesicht bekommen?

Donnerschlag!

Kaum da, schon wieder vorbei

Donnerschlag!

Den Donner wird mal kilometerweit vernehmen

Was macht dieses Auto mit einem? Es vermittelt tatsächlich Macht, es vermittelt Kontrolle über eine rohe, ungezügelte Kraft. Kaum ein anderes erdgebundenes Gefährt war vor 60 Jahren zu diesen Fahrleistungen in der Lage, und wo heute ein moderner Mercedes-Benz elektronisch abregelt, legt der hier noch 50 Sachen oben drauf. Ein unvorbereiteter Körper hat damit Probleme, weil die Physik an der Wirbelsäule zerrt und der leistungsgesteigerte Drei-Liter-Direkteinspritzer seine kraftvollen Vibrationen direkt an die Nerven weitergibt. Dieses hier ist ein Auto, wie es vor 125 Jahren einmal von Carl Benz erdacht wurde -  alle anderen sind in diesem Moment nur noch bessere Transportmittel.

Donnerschlag!

Er saugt die Straße vor sich auf

Tickend und knackend steht der SLR in der Nachmittagssonne an einer Uferpromenade, wo wir eigentlich gar nicht hinfahren dürfen. Kaum eine Chance, ihn ohne fragende Passanten zu fotografieren. Aber wem will ich das auch übel nehmen, dass er neugierig angeschlurft kommt, die Rundungen der Karosserie streichelt und den Duft von verbranntem, unkatalysiertem Benzin schnuppert? Während ich mir die ersten Frühlingsfliegen aus den noch immer grinsenden Zähnen pule fühle ich mich regelrecht privilegiert, in diesem Ding eben noch mitgefahren zu sein. Und KALT ist mir, Leute…. Ich trete ein paar Schritte zur Seite, während weitere Passanten mit großen Augen gucken und Bilder machen. Kein Wunder – der Motor allein, auch wenn es sich nicht um den Reihenachtzylinder der Mille-Miglia-Rennwagen handelt, ist schon ein Kunstwerk. Herbert Engel besitzt diesen Wagen seit mehr als sechs Jahren. Der Benz ist tatsächlich ständig zugelassen und wird regelmäßig bewegt.

Donnerschlag!

Ein Kunstwerk für sich

Donnerschlag!

Auch ein Rücken kann entzücken

An schönen Sommertagen donnert Engel mit seiner Frau Inka gern einige Runden über die Nordschleife am Nürburgring, da, wo es möglich ist und man nicht allzuviele Menschen belästigt :-) Er erlebt dabei immer wieder die Technik, die Natur, die mechanischen Geräusche und den Wind. Die Zaungäste jubeln, das alles macht den SLR für ihn zum “geilsten Auto der Welt“. Ich kann ein bisschen nachvollziehen, was er meinen könnte. Trotzdem: Altersbedingt wird er sich bald von seinem Traumwagen trennen müssen. Die 723 ist inklusive Wertgutachten und kompletter Historie zu haben. Wie noch viele weitere Exoten in den Hallen dieses charmanten Enthusiasten.

Donnerschlag!

Kein Raum für saubere Luft

Engel zirkelt das blubbernde und fauchende Auto wieder zurück in seinen Raum. Das war ein Blick in die Urgewalt des Autofahrens. Das war viel zu kurz. Es wäre immer zu kurz gewesen, egal wie lange wir den Rhein rauf und runter gedonnert wären, und mein Herzschlag wird sich heute nicht mehr so recht beruhigen. Ich bin ziemlich dankbar für die ausgeliehene Mütze und beschließe, irgendwann mal wieder her zu kommen. Aber das muss ich jetzt erst einmal alles verarbeiten. Die Legende ist greifbar. Wohl denen, die so etwas einmal im Leben erfahren dürfen.

Donnerschlag!

Ich und der SLR

Sandmann

 

Mercedes-Benz 300 SLR (Replica)
Grundmodell: Mercedes-Benz 300 SL Roadster
Baujahr: 1957, Umbau ca. 1987
Motor: M-198 Reihensechszylinder-Direkteinspritzer
Hubraum: 2.996 cm³
Leistung: 245 PS
Drehmoment: 275 Nm bei 4600/min
Höchstgeschwindigkeit: 260 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h: 9 s
Der Artikel auf TRÄUME WAGEN gibt es hier: KLICK

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Created Montag, 25. August 2014 Tags 300 SLR | Engel | Namedy | rennwagen | Silberpfeil | Sportwagen Engel | Sternstunden | stirling moss | TRÄUME WAGEN | Willy Kaiser Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
22 Aug 2014
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Kleinanzeigen

Kleinanzeigen

Kein Anschluss unter dieser Nummer

Hallo digitales Deutschland. Du verkaufst billige gebrauchte Digitalkameras und Kleinwagen, die man seiner Tochter vor die Tür stellen kann. Das trifft sich gut, denn ich suche dieser Tage eine billige gebrauchte Digitalkamera und ein Auto, was ich meiner Tochter vor die Tür stellen kann. Früher habe ich mir da eine Annoncen AVIS gekauft und drin geblättert. Und wurde immer fündig. Heute mache ich das in Kleinanzeigen im Netz, wie üblich. Und nach einigen Tagen verliere ich den Glauben daran, dass die Menschen in diesem Land den Mist, den sie inserieren auch ernsthaft verkaufen wollen…

Kleinanzeigen

Da sagt man doch nicht nein

Fangen wir klein an. Vorweg: Das Bild ist leicht nachbearbeitet, es ist nicht genau die Kamera die ich wollte und die hat auch keine drei, sondern sechs Euro gekostet. Cool. Ich will nämlich so eine für meinen Trip nach Frankreich mit den beiden Mädels, weil meine Spiegelreflex grad die Grätsche gemacht hat und in Reparatur ist. Und eine Sony DSC war jahrelang meine Blog Cam, für diesen Preis, noch dazu in Hamburg…. Ich rufe an.
Nee, mache ich nicht, denn es ist keine Nummer angegeben. Also schreibe ich eine Nachricht über das Formular. Abends kommt dann eine freundliche Antwort mit Telefonnummer, ich solle mich morgen mal melden. Okay. Das mache ich auch und – erreiche niemanden. Hm. Nach mehreren Versuchen über einige Stunden schreibe ich eine SMS und frage freundlich, ob ich das Gerät so wie es ist heute vielleicht auf dem Heimweg abholen könnte. Es kommt eine SMS zurück, dass es nicht vor 17:00 Uhr gehe. Das sei kein Problem, schreibe ich, dann gern 17:30 und wo ich denn genau hinkommen müsse? Es kommt lange nichts. Ich fahre nach Hause. Am kommenden Tag kommt eine SMS, dass es alles ein bisschen kompliziert sei, man würde sich nochmal melden. Also rufe ich bei Kamera zwei an, die kostet schon 15 Euro. Hier ist man irgendwie pampig, jaaa, die is noch da, aber er wisse nicht so recht wann er mal daheim sei um mir die zu geben. Ich schlage vor, dass er darüber ja noch ein wenig meditieren könne und er versichert, mich zu benachrichtigen, wenn er die Erleuchtung erlangt habe. Das beides war vor drei Wochen. Von beiden habe ich nichts mehr gehört. Ich habe am kommenden Tag meine alte Sony im Keller wiedergefunden, sie macht seit dem einen hervorragenden Job.

Treiben wir das Thema ein bisschen größer weiter, am Beispiel von *tataaaa* Kleinwagen. In den 90ern habe ich alle meine Autos über die AVIS gekauft. Und wenn ich Bock auf Amis hatte holte ich mir die DAZ Auto Mobiles, die jetzt TRÄUME WAGEN heißt und einer meiner Arbeitgeber ist :-) Auch hier bietet nun das Netz Abhilfe.

Meine große Tochter sucht einen Polo. Einen ab 2002, mit den schicken runden Augen, Zweitürer, Diesel, TÜV und bis 2000 Euro. Das ist machbar. Ich schreibe insgesamt 8 Inserenten im Umkreis von 200 Kilometern freundlich an und bitte jeweils noch um Auskunft über Scheckheft und das erfolgte Zahnriemeninterwall.

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Der hätte es werden… KÖNNEN

Krass. Der oben auf dem Bild war the most sexy. Ich schreibe auch ihn an, bei privaten Inserenten ist ja oft noch Spielraum im Preis und die sind in aller Regel kooperativer als Händler. Es kommt keine Antwort. Drei Tage lang nicht von EINEM der angeschriebenen Menschen, die ihre Autos verkaufen wollen. Meine Tochter ist enttäuscht. Nach drei Tagen kommen zwei Zeilen in gebrochenem Deutsch zu einem anderen Polo, einem blauen, von einem Händler in Norddeutschland. Die Beule im Schweller ist kein Problem, einige Warnlampen leuchten aber der Motor läuft. Kein TÜV mehr. Ist ein Bastlerfahrzeug. Na vielen Dank, und das für 2000 Euro? Ich schreibe dem roten Polo Mann mutig eine freundliche SMS an die Mobilnummer und bitte um eine Probefahrt. Nichts kommt zurück. Ich schreibe weitere drei neue Inserenten an. Nichts. Keine Mails, keine Anrufe, kein Kommentar. Ich rufe die Telefonnummer des roten Polo Mannes an. Es kommt eine Mailbox, der ich fröhlich und charmant meine Absichten mitteile und um Rückruf bitte. Nichts. Nada. Das war vor vier Tagen.

Sind die alle bekloppt? Wollen die ihre Autos nicht verkaufen? Oder sind die inzwischen so abgebrüht, dass jede Kommunikation bezahlt werden muss und nicht im Zeitplan mit drin ist, weil die Karre sowieso vom Hof gekauft wird? Ich verstehe das nicht :-(
Zwei Theorien poppen mir auf.
Entweder: sind genau diese Sony Digitalkameras und VW Polos der Baujahre 2002-2005 von einer geheimen Kraft im Universum dazu auserkoren worden, aufwändig inseriert zu werden, ohne dass eine Verkaufsabsicht dahinter steht. Wer für einstellige Eurobeträge mehrere Bilder und Text zusammenbastelt muss ohnehin ein interessantes Zeitmanagement haben, da versteht man schon mal, dass diese Leute die Teile eigentlich lieber behalten wollen. Und Polos will ja sowieso niemand verkaufen, das sieht nur so aus.
Oder: Die Leute sind gerade alle im Sommerurlaub und checken schlicht ihre Mails nicht. Oder haben vergessen, die Inserate nach Verkauf zu löschen. Alle zusammen.

Und wissen Sie, was mich traurig macht? Ich halte die erste Theorie für die wahrscheinlichere…

Sandmann

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Created Freitag, 22. August 2014 Tags Absurdistan | autos | gewerblich | händler | Inserat | Inserenten | Kleinanzeige | Kleinanzeigen | privat | Sony DSC | vw polo Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz

13 Aug 2014
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Strandmanns Welt

Strandmanns Welt

Mehr Schlaf und mehr Geschichten

Ich, sie und sie in Portugal, Teil 4.
Sand. Das wird nochmal ein happy peppi Familienblog hier, wenn das so weitergeht :-) Aber Sie sehen schön, mein Leben dreht sich nicht ausschließlich um Autos. Es gibt auch noch Sand. Sand ist gröber als Schluff und feiner als Kies. Schön, wenn der zudem noch am Atlantik rumliegt und bei angenehmen 25 Grad bebuddelt werden kann. Die letzten Tage in Portugal sind angebrochen, das bedeutet das nahe Ende von Urlaub eins, die Aussicht auf eine wühlige Woche in Kiel und Hamburg und den Anfang von Urlaub zwei (kompliziert). Erfolgreicher Familien-Patchwork verhindert den einen einzelnen großen Sommerurlaub, Papa teilt sich auf. Aber vorher gedenken wir noch ein wenig der Sonne, die auf das Land im Südwesten scheint. Angesichts der langsam fallenden Temperaturen hier in Deutschland ist das zumindest für mich eine schön melancholische Retrospektive. Was Sie draus machen – sehen wir dann. Erstmal lesen. Und dann streu ich Ihnen den Sand auch noch am Ende in die Augen…

Strandmanns Welt

BÄM. Das schmerzt, wenn beim Lesen schlechtes Wetter ist.

Wettergott Petrus™ hat seinen wolkigen Terminkalender nicht so richtig mit uns drei rastlosen Reisenden im Yaris-Wagen abgestimmt, sonst hätte er zu unserem ersten Hotel, dem Boutique-Hotel in den Bergen, von Anfang an besseres Wetter geschickt. Wahrscheinlich ist wieder mal Zoff mit Frau Holle, das kennt man ja. Es war zwar die ganze Zeit irgendwie warm hier im westlichsten Westen Europas, aber nicht gerade sonnig (wie man den Bildern der vorangegangenen Geschichten entnehmen kann) und wir haben uns das immer nett zurecht gelegt. “Stell dir mal vor, die Sonne hätte die ganze Zeit geschienen, dann wäre die Kleine ja komplett verbrannt!” oder “Gut dass es nicht so wahnsinnig sonnig ist, hier in der Stadt wäre das dann ja unerträglich!” waren nur zwei Sätze, die verdeutlichen, dass sich der Mensch gern selbst bescheißt und sich die Lage irgendwie zurecht lügt ;-) Und heute, wo es auf die zweite Halbzeit zurück in den Süden Portugals geht ballert der wärmespendende Gasriese von einem blauen Himmel, als gäb’s kein Morgen mehr. Das gibt’s aber noch, also das Morgen, ich sitze am Pool, schaue ein letztes mal über die irgendwie lieb gewonnenen Berge und tröste mich damit, dass wir in Estoril ganz nah am Meer wohnen werden. Raus aus dem inhabergeführten Boutique Hotel mit dem freundlichen Niederländer und dem Pool, der uns sozusagen ganz allein gehört hat und rein in das Treiben an der Küste nahe Lissabon. Aber mit Sand (als was man einen nicht bindigen Boden mit einer Korngröße zwischen 0,063mm und 2mm bezeichnet). Na gut.

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Die Mauren wachen von oben.

Unterwegs nach da unten gibt es viele schöne Sachen anzugucken, was wir vor allem machen, um uns vom Hunger ablenken zu lassen. Nicht schon wieder trockenes Hühnchen, geschweige denn eine wie auch immer geartete Nahrungsaufnahme an einer Raststätte entlang der Autobahn. Ich habe in der Nähe von Mira (einem kleinen Städtchen an der Westküste, und nicht nur das) schon einen Koffer, die Gitarre, drei Bücher von Stephen King, mein iPhone Ladekabel und die Laptoptasche einem fliegenden Händler verkauft, um mir überhaupt die Autobahn-Maut leisten zu können. In Estoril wird die Fahrerei auch erstmal ein Ende haben, von da aus ruft in erster Linie der Strand. Strand mit Sand. Reine Sandböden bestehen in Mitteleuropa zum allergrößten Teil aus Quarzkörnern. Die durch Sandböden gekennzeichneten Tiefländer Nordmitteleuropas werden auch als Geest bezeichnet. Sie sind das Resultat pleistozäner Sandablagerungen (chchch :-D ). Und was weiß ich von Estoril? Da soll es ein großes Spielcasino geben, was mich persönlich nicht sonderlich reizt. Außerdem wohnt da anscheinend eine meiner beiden Stief-Halbschwestern, das habe ich aber erst hinterher erfahren. Schade. Unter jedem Dach ein Ach. Sachen gibt’s… Jedenfalls bekommt inzwischen mindestens das sandmann’sche Gesicht eine leicht bräunliche Sommertönung, und endlich kann man mal gesunde Facebook-Selfies machen, ohne darauf wie ein blutleerer Zombie auszusehen :-) Gleichwohl SeineKleineSchwester total auf Zombies abfährt. Also… nicht die Stief-Halb, auch nicht eine andere, die heißt so weil…. ach, das ist eine andere Geschichte.

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Profilbilder für Facebook findet man überall

Irgendwann wird der Hunger aber doch so groß, dass wir eine Pause in dem kleinen Städtchen Sintra wagen und uns einen Eiskaffee und ein bisschen Kuchen bestellen. Bollo. Nein, nicht billige Nudeln mit Hackfleischsauce, Bollos sind kleine Kuchen. Natas. Viel zu süß, aber wundervoll glücklich machend. Sie versetzen mein halbfinnisches Fräulein Altona in einen ähnlichen Zuckerschock wie mich der spanische Sherry aus der Vorgeschichte, und ich bin froh, dass mir gleich mein eiskalter Eiskaffee gebracht wird. Die sind ja erfahrungsgemäß eher herb. Parallel hat sich das Touristenbüro in Sintra auf die Agenda geschrieben, die gesamte Altstadt mit Musik zu beschallen. Aus kleinen Lautsprechern auf hohen Pfählen quaddelt portugiesische Musik, die ein bisschen an eine kleine Party und ein bisschen an die Wehlaute ertrinkender Seeleute erinnert, und das Leben geht ganz normal so weiter. Die Müllmänner leeren ihre Tonnen zur Musik. Die Bäcker verkaufen ihr Weißbrot zur Musik. Die Verkehrsplaner stecken ihren Kopf in den Sand zur Musik. Die Kunsthandwerker feilbieten ihre Handarbeiten zur Musik und ich bekomme meinen Eiskaffee zur Musik. Einiges ist anders als wir es kennen in diesem gastfreundlichen Land. Das Essen. Die Akustik. Und… auch die Eiskaffeebecher.

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Äh…. okay. Ich…

Während ich versuche, mit Hilfe einer Leiter die obersten Schichten des gefrorenen Vanille-Koffeeins zu erreichen verteilt mein viertelfinnisches Sandfräulein süßen Kuchen an die Tauben. Reisen mit kleinen Kindern bedeutet vor allem zwei Sachen: Erstens eine gewisse Selbstaufgabe zwischen 7:00 Uhr und 21:00 Uhr zugunsten des sich formenden Willens eines kleinen Menschen (was allerdings regelmäßig mit herzergreifendem Knuddeln belohnt wird) und zweitens ein ganz neues Verhältnis zum Essen. Es fällt eine Menge runter, es bleibt hier und da spontan etwas übrig und nicht alles findet Anklang bei einem 17 Monate alten Gaumen, ist aber auch nicht immer mit den eigenen Plänen der Nahrungsaufnahme vereinbar. Man wird kreativ. Aber auch das ist eine andere Geschichte. Länglicher Eiskaffee und süße Kuchen machen zwar nicht satt, aber besser als Hühnchen ist das allemal. Als uns die Ohren gar zu doll klingeln von der allgegenwärtigen Musikbeschallung trägt uns der kleine Miet-Toyota ohne Sand im Getriebe noch weiter hinauf auf den Hügel über Estoril, kurz vor unserem Ziel. Hier soll es eine Kapelle geben, die einem Kraft spendet, wenn man sie betritt. Göttliche Kraft, universale Kraft, Karma, nennen Sie es wie Sie wollen. Jedenfalls ist sie nicht auf Sand gebaut. Ich geh da mal rein. Derweil klettert der Nachwuchs draußen die vielen Steintreppen ganz allein herunter und bekommt dafür tosenden Applaus von einem kleinen Reisegrüppchen, was unter einer Palme Schatten gesucht hat. Sie sind leicht zu begeistern, die Touristen hier. Vermutlich haben sie noch kein Mittag gegessen.

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Vor der Kapelle der heiligen Madonna

Estoril. Da sind wir also. Estoril hat eine lange Promenade mit (für mein Portemonnaie) viel zu vielen Eisbuden und einen langen Strand mit Sand. Quarzsand. Quarzsandböden gehören zu den am wenigsten fruchtbaren Bodenarten, da Minerale, die bei ihrer Verwitterung Nährstoffe freisetzen bzw. speichern können, in solchen Böden kaum zur Verfügung stehen. Auch versickert Wasser relativ schnell in dem relativ grobporigen Substrat und Nährstoffe werden rasch ausgewaschen. Als Boden entwickeln sich bevorzugt Podsole oder podsolige Braunerden. Die Sandbodenlandschaften Mitteleuropas sind jedoch nicht vergleichbar mit den relativ kahlen und vermeintlich toten Wüsten Afrikas oder Australiens. Nerve ich Sie? Na hören Sie mal, schließlich bin ich der SANDmann, also sagen Sie nicht, Sie hätten in diesem Blog nichts gelernt! Da Sand ein verhältnismäßig großes Porenvolumen hat, sind unterirdische Sand- und Sandsteinvorkommen wichtig als Speichermedium für Trinkwasser, Erdöl und Erdgas! Gniiihihi :-) Aber bevor ich final die Plastikschaufel in die podsoligen Braunerden steche kommen wir noch am Casino vorbei. Sie kennen das irgendwie? Vielleicht aus dem James Bond Film “Im Geheimdienst seiner Majestät” von 1969?

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Ian Fleming was here

Der klotzige Kasten aus den 30er Jahren hat Herrn Fleming anscheinend seinerzeit inspiriert, und man munkelt, dass auch er hier nennenswerte Beträge verzockt hat. Was für ein Glück, mit kurzer Hose, T-Shirt und Kinderkarre lassen die einen hier gar nicht rein :-) Aber ich mag Palmen. Palmen hier und Palmen da, sie sind hier einfach so dabei. Nein, keine Angst, ich werde jetzt nicht auch noch über Palmen referieren. Ich erfreue mich nur ihrer. Am Ende des Tages sind wir hier ja auch wegen des Sandes. In der Vergangenheit (17. oder 18. Jahrhundert) wurde Sand als Schreibsand (auch Streusand genannt) zum Trocknen der schreibnassen Tinte verwendet, später aber durch Löschpapier ersetzt. Kennen Sie noch Löschpapier? In Sanduhren rieselt trockener Sand durch eine kleine Öffnung und zeigt an, dass es immer weiter geht und nichts jemals anhalten wird. Und dass wir alle vergänglich sind. Vogelsand wird als Einstreu in Vogelkäfigen verwendet. Er dient unter anderem den Vögeln als Verdauungshilfe. Nasser Sand wird an Stränden zum Bau von Sandburgen verwendet. Und da sind wir wieder. Nicht zu fassen, was bei Wikipedia und seinen Freunden alles über Sand zu lesen ist, und es beunruhigt mich ein bisschen, dass der Bedarf der Bauindustrie an Quarzsand durchaus zu Weltkriegen führen könnte. Hier und heute führt der Bedarf an Quarzsand maximal zu gefüllten Plastikeimerchen und dem krokettenhaften Aussehen eines vormals mit Sonnenmilch eingeschmierten kleinen Mädchens.

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Da sind wir ja endlich…

Es ist schön am Strand von Estoril. Friedlich und fast windstill. Das viertelfinnische Sandmädchen ist unermüdlich dabei, kubikmeterweise wertvollen Quarzsand von einer Seite ihrer Beine auf die andere zu buddeln. Unser grünpflanzenbefreites Design-Hotel verwöhnt uns des Abends mit einem Balkon zum Wasser hin, der mehr Grundfläche als mein ganzes Häuschen in Kiel hat, aber irgendwie kommt der familiäre Charme des Boutique-Hotels in den Bergen nicht rüber. Das Bett ist bequem, alles ist sauber und nett und Pedro gibt sein Allerbestes, um uns als einzigen Halbpensions-Gästen jeden Abend das trockene Hühnchen mit einer anderen Sauce zuzubereiten. Nachts blinkt das Casino mit mehr Lampen als alle portugiesischen Leuchtfeuer zusammen, Elvis tanzt als Lichtgestalt durch die Nacht und das Meer rauscht gemeinsam mit dem Gebimmel der Slotmachines wie ein naturbelassener Fado der nicht zu ändernden Abläufe. Ach Südeuropa, ich mag dich, doch ich muss bald wieder heim nach Kiel, ein paar Sachen regeln, bevor sie mir wie Sand durch die Finger rinnen. Schon sind 10 Tage wieder vorbei. 10 Tage Dreisamkeit in einem entspannten Land westlich von Spanien, das ist weit weg von Norddeutschland.

Strandmanns Welt

Von Oben sieht es alles immer so friedlich aus

Sand in die Augen streuen ist ja irgendwie unangenehm, genau genommen. Dieses Bild wird als rhetorische Figur eingesetzt für die Täuschung von jemandem, den man so “blind” macht. Meine Augen sind offen. Augen auf und durch :-) Und der Sandmann streut seinen Sand ja auch aus ganz anderen Gründen. Es ist nicht dieser klassische Ursand. Der erste Sand der Erdgeschichte entstand aus magmatischen und metamorphen Gesteinen (z. B. Granit oder Gneisen), die durch physikalische Verwitterung in kleinere Blöcke oder, bedingt durch chemische Verwitterung entsprechend anfälliger Gesteinsbestandteile, direkt in einzelne Mineralkörner zerfielen. Nein, der ist es nicht. Ich streue Ihnen den klassischen Schlafsand in die Augen, immer nach einer Geschichte,damit Sie diese schließen und drüber nachdenken können. Mal mehr, mal weniger. Und damit Sie danach gut schlafen. Erzählen Sie mir mal, wie sich das anfühlt. Bis dahin erinnere ich mich an die Bilder von Sonne, an das Gefühl von Wärme und die unbedingte Sicherheit, die einem nur Familie und Freundschaft bieten kann.

Sandmann

DAS HIER war der vorangegangene Fado…

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Created Mittwoch, 13. August 2014 Tags Aldeia das Dez | Boutique-Hotel | Casino | Estoril | Porto | Portugal | promenade | Reise Reise | reisen | Reißen | sand | Sintra | strand Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
07 Aug 2014
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Sing den Fado!

Sing den Fado!

Im Land der traurigen Seemannslieder

Ich, sie und sie in Portugal, Teil 3
Ich stehe zum zweiten mal auf dem Fußboden dieses Landes, was schon immer unter der Überheblichkeit des großen Nachbarn gelitten hat, was mit Vollgas in den nächsten EU Rettungsschirm schleudert und was langsam unter der Arbeitslosigkeit und dem Verfall auseinanderbricht wie demnächst die Insel Sylt in der Nordsee. Es ist trotzdem oder gerade deshalb rau und schön auf diesem kleinen Zipfel westlich von Spanien. Die einst stolze Seefahrernation singt seit Jahrhunderten ihre traurigen Lieder, und es liegt eine immerwährende, unaufdringliche Melancholie über diesem Teil der Erde. Eigentlich kann man das gar nicht so recht beschreiben. Ich suche mal nach Worten, während ich vom Balkon aus auf eine Reihe abendlich beleuchteter geschlossener Geschäfte blicke, die zu mieten oder zu kaufen sind. Es riecht nach Holzfeuern und gebratenem Hühnchen, und spielende Kinder singen irgend einen Reim immer und immer wieder in den Abendhimmel. Natürlich beginne ich die Geschichte mit einem Flugzeug. Von TAP. Klar.

Sing den Fado!

Tap tap an der Scheibe und auch dahinter

Ich esse im Ausland nicht bei McDonald’s (äh… meistens jedenfalls nicht), weil die kulinarischen Ergüsse der Einheimischen vor Ort fast immer kostenswert sind. So ähnlich verhält sich das auch mit der Fluggesellschaft, es gibt da ja eine Menge Billigflieger ab Hamburg in die ganze Welt, sie, sie und ich haben uns aber für TAP entschieden. Die klassische Transportes Aéros Portugueses mit ihren rot-grünen Schwänzchen hat einen sympathischen Ruf, stürzt nicht übermäßig häufig ab und ist darüber hinaus die einzige Linie, die Direktflüge von Hamburg nach Lissabon anbietet :-) Das macht die Entscheidung noch leichter, denn glauben Sie mir, mit dem ganzen Gepäck einer sehr gut organisierten halbfinnischen Mutter Altona und den gesammelten materiellen Bedürfnissen des kleinen viertelfinnischen Sandmädchens (plus meiner Zahnbürste) möchten Sie nicht irgendwo zwischendrin in einen anderen Flieger steigen. Ich auch nicht. Zumal die Koffer und die Kinderkarre bei wechselnden Fliegern dann nicht da ankommen, wo man es geplant hat. Es genügt schon, mit diesem ganzen perfekt geschnürten Koffergeraffel später noch den Mietwagen zu suchen, aber die Geschichte kennen Sie ja bereits. “Da. Hugzeug. Da.” Sie lernt dazu, wir geben die klitzekleine Kinderkarre noch beim Oversized Luggage ab und steigen ein :-)

Sing den Fado!

Noch auf dem Boden der Tatsachen

Es ist so einem kleinen Menschen, der zwischen der 1 und der 5 noch ein Komma bei der Altersangabe hat, nicht leicht verständlich zu machen, dass man sich mit diesen Sitzen und diesen ganzen vielen Menschen gleich nach ganz oben über die Wolken begeben wird, um gut drei Stunden später inklusive Zeitverschiebung in einem ganz anderen Land zu sein, wo man die Sprache nicht versteht. Schon gar nicht, wenn man so kompliziert verschachtelte Sätze wie den eben gerade anwendet. Sie hat schon einmal einen Flug nach Wales bravourös hinter sich gebracht und beschließt im komplett ausgebuchten Airbus, nach erfolgreicher Nahrungsaufnahme einfach in Mamas Armen einzuschlafen. Das verhindert erfolgreich den ursprünglich geplanten Weiterbildungsschub genannter Dame mit der aktuellen “Gala”, erhöht aber gleichzeitig die Chance, dass alle Anwesenden ungenervt in Portugal ankommen. Denn die Pöbeleien eines gelangweilten Kleinkindes sind nirgendwo so laut wie in einem überfüllten Flugzeug. “Da. Hugzeug. Da”. *schnarch* Derartige Prioritäten lenken die eigene Aufmerksamkeit auf die ersten portugiesischen Ausläufer nationaler Massenkochkunst, und es fällt mir schwer, zu glauben, dass dieses… Hühnchen?… in der Plastikwanne vor mir genug Nährwert hat, um mich durch den Tag zu bringen. Anschließend gibt es von den freundlichen Stewardessen noch einen interessanten Nachtisch auf das Tablett portioniert, der ein wenig an diesen grünen Schleim erinnert, den wir in den 70ern immer zwischen unseren Händen haben durchglibbern lassen. Nur in ist der hier gelb. Gut, dass die Kleine schläft. Ich trinke eine leckere kalte Cola und bereite mich mental auf 10 Tage ohne Internet und ohne Telefon mit meinen beiden Hamburger Frauen vor :-)

Sing den Fado!

so klein ist das Land irgendwie gar nicht…

Merken Sie sich bitte: Wenn Sie in Hamburg eine Kinderkarre beim Check In abgeben und in Lissabon am Gate gefragt werden, ob Sie eine Kinderkarre mit im Flieger hatten antworten Sie auf jeden Fall immer mit JA. Das verhindert bestenfalls, dass jemand mit dieser Karre am Gate auf Sie wartet, während Sie selbst unten am Gepäckband rumlungern und nicht verstehen, warum die Kinderkarre nicht kommt. Auf diese Weise lassen sich die ersten zwei Stunden auf portugiesischem Boden recht monoton im Beisein von im Kreis fahrenden fremden Koffern verbringen. Zwischendurch wird noch ein trockenes Sandwich ohne Butter und ohne Saucen mit Hühnchenfleisch (glaube ich) erworben, und irgendwie sitzen wir drei dann irgendwann in unserem Mietwagen.

Portugal.
Wie lässt sich Portugal jemandem erklären, der noch nicht hier war? Man isst hier entweder leckeren Fisch oder nicht so leckeres Hühnchen. Da sind geografisch unten im Süden die Goldküste und der Tourismus. Die Hauptstadt Lissabon erstrahlt mit seinen Fußgängerzonen entweder im restaurierten Glanz der guten alten Zeiten – oder verfällt, gleich nebenan, zu baumbewachsenen Ruinen. Dazwischen ist nicht viel, es gibt keine Graustufen. Entweder schön und heile oder komplett kaputt und verlassen. Die berühmte Straßenbahnlinie 28E fährt einen für 2,80€ fast wie ein Touristenbus einmal quer durch die Gassen der Altstadt und hinterlässt einen grübelnd ob der Informationen, wie das alles hier eigentlich weitergehen wird, wenn sogar auf den hellen großen Paradeplätzen aus den Dachrinnen der pleite gegangenen Luxushotels kleine Grünpflanzen wachsen. Sieht man über die allgegenwärtigen Ruinen hinweg, weil man es einfach hier und jetzt nicht ändern kann diffundiert langsam der Charme vergangener Jahrhunderte in den Vordergrund. Die große Stadt ist so entspannt wie ihre Bewohner auch. Hier werden Baudenkmäler nicht eingezäunt und mit Eintritt belegt – hier leben die Menschen damit und darin. Der gekachelte Bahnhof ist einfach nur so ein Bahnhof.

Sing den Fado!

Kein Museum, nein. Eine Bahnhofshalle.

Und plötzlich führen die zunächst zusammenhanglos geglaubten Fäden der vorangegangenen Geschichten wieder zusammen. Nagelneuer Mietwagen und steinaltes Navi :-) Wenn man es erstmal geschafft hat, die Banlieu zu verlassen (und womöglich noch zumindest in der richtigen Himmelsrichtung unterwegs zu sein) eröffnen sich ganz neue Reisemöglichkeiten auf den wundervollen, neuen Autobahnen, auf denen wir fast ganz allein unterwegs sind. Was, wie wir später erfahren sollen, an den Mautpreisen in der Höhe von portugiesischen Monatseinkommen liegt und damit ein Schuss in beide Kniescheiben der hiesigen Verkehrsplanung ist, aber das Thema hatten wir ja schon. Viel interessanter für den blauäugig Reisenden ist ja die ungewöhnliche Kombination aus nicht ganz korrekten Ortsangaben seitens des Buchungsportals zum Standort des Hotels in den Bergen weit östlich von Porto und einigen wirklich gut ausgebauten, aber in meinem alten Navi nicht vorhandenen Überlandstraßen auf dem Weg dahin. Ich möchte die Gespräche im vorderen Teil des Autos hier nicht wiedergeben. Lesen Sie den betreffenden Blog. Im Fond wird glücklicherweise nach dem Genuss einer ganzen Banane friedlich im teuer gemieteten Kindersitz geschlafen.

Sing den Fado!

Einfach mal was finden. Super.

Nach drei verzweifelten Telefonaten mit dem freundlichen, Englisch sprechenden Boutique-Hotelbesitzer aus den Niederlanden und einigen, insgesamt mehr als zwei Stunden dauernden landschaftlich schönen Umwegen über Brücken und serpentinenreiche Bergstraßen stehen wir direkt vor unserer schönen Bleibe. Wikipedia bezeichnet “Boutique-Hotels” (ich habe diesen Begriff vorher noch nie gehört) sinngemäß als kleine, inhabergeführte Oasen der Ruhe, und das klingt wie eine leise Musik in den Ohren der an dieser Odyssee teilhabenden Personen. Von Lissabon nach Aldeia das Dez in den Bergen sind es über drei Stunden Fahrtzeit, dann addieren Sie bitte die kleinen aber feinen Navigationsprobleme oben drauf – das Angebot des alten, charmanten Hoteliers, uns noch etwas zu essen zu kochen beantworten wir mit einem glücklichen Nicken und werden endlich mal wieder mit der portugiesischen Küche konfrontiert, die hier eindeutig einen kleinen wirtschaftlich gerechneten Einschlag hat. Aber satt macht. Und diesmal besteht sogar die Möglichkeit, das Hühnchen abzulehnen und etwas anderes zu bestellen. Kaninchen können kleine, gesplitterte Knochen haben, wussten Sie das? Je nachdem wie sie erlegt und zubereitet wurden. Sehr, sehr viele kleine Knochen. Dieses hier ist vermutlich einer Landmine aus dem letzten Weltkrieg zum Opfer gefallen und wurde anschließend fein püriert und lecker gewürzt. Habe ich mal erwähnt, dass ich Fisch wegen seiner Gräten meide? Aber hey – nach einer köstlichen Cola höre ich die Betten des ersten Abends meines Urlaubs rufen. Ein paar Bimmelglocken um die Hälse glücklicher Ziegen dengeln romantisch in der Abenddämmerung, ein lauer Wind treibt interessante Wolkenformationen bis in den Hotelgarten und die Anstrengung einer kleinen Odyssee weicht langsam einer Müdigkeit, die von einem flauschigen Bett mit Blick über die Berge aufgefangen wird.

Sing den Fado!

Der Pförtner ist ausgezogen

Oben im Norden, westlich von uns, liegt Porto, ein Highlight nicht nur wegen des Portweines. Hier sitzen sie alle, die heiligen Weinhändler, die den süßen, schweren Stoff in die ganze Welt verschiffen. Links und rechts an den Ufern des großen Douro stapeln sich steil wie ein Haufen Legosteine Wohn- und Geschäftsviertel die Berge herauf, die mit hohen, mit wirklich wahnsinnig hohen Brücken verbunden sind. Diese erreicht man aber erst, wenn man die entsprechenden Fahrstühle gefunden hat oder wenn man sich mit einer Kinderkarre (die man am liebsten nie wieder weggeben möchte) und dem entsprechenden Zubehör auf anderen, wesentlich ausufernderen Wegen den Stahlkonstruktionen nähert. Es geht sportlich vorbei an bunten, wühligen Häuserzeilen, an denen Fahnen an den schmiedeeisernen Balkongittern hängen und aus dessen Fenstern leiser, trauriger Gesang klingt. Und immer wieder wird dieser Spaziergang gebremst von einem kleinen, mitteilsamen Mädchen mit Sonnenhut, das lieber laufen als geschoben werden will und das halbminütlich einen anderen Plan von der einzuschlagenden Richtung entwickelt. Das Ergebnis dieses Plans unterscheidet sich grundsätzlich von der tatsächlich einzuschlagenden Richtung, geht man davon aus, dass wir theoretisch ein Ziel vor Augen haben :-) Auf diese Weise bekommen wir einen abwechslungsreichen Eindruck von der Stadt und sehen Nebenstraßen, in denen wir sonst nicht gelandet wären und die auch in keinem Reiseführer genannt werden.

Sing den Fado!

Fast schon wie bei Hundertwasser, aber nicht weniger natürlich bunt

Was anfangs nur “irgendwie seltsam” anmutet, was aber nach und nach immer präsenter wird: Die Geschäfte sind fast alle anscheinend grundlos geschlossen, obwohl es früher Nachmittag ist. Und es befinden sich nicht viele Menschen an diesem eigentlich recht schönen Wochentag hier mitten in einer der größten Metropolen des Landes. Jedenfalls findet man sie nicht auf der Straße. Hier und da dringt ein trauriges Lied aus einem höher gelegenen Fenster, manchmal begleitet von einer Gitarre, aber sonst…? Wo sind die alle? Und warum? Ein blasser, sich auffallend langsam bewegender junger Kellner mit blutunterlaufenen Augen klärt uns auf, nachdem es ein wenig gedauert hatte, seine Aufmerksamkeit zu erhaschen. Gestern war doch das Fest des Heligen São João, des Schutzpatrones. Da sei die ganze Stadt auf den Beinen, da feiern alle lange und trinken ziemlich viel. Ah. Und auch das beschreibt die Mentalität der gelassenen Portugiesen, die machen dann am nächsten Tag einfach komplett ihre Geschäfte erst am frühen Abend wieder auf. Wenn der Kater erträglich geworden ist. Dieser Mann hier hatte einen anscheinend nicht optimalen Deal mit seinem Arbeitgeber und wäre sicherlich auch gern ein bisschen länger liegen geblieben. Jetzt bringt er mir dafür ein Clubsandwich mit Hühnchen. Und eine Cola.

Sing den Fado!

Zu Lande, zu Wasser und zu Fuß

Die Stadt erwacht langsam zum Leben, gegen 16:00 Uhr räkeln sich die ersten Ladenbesitzer in einer Wolke aus Vinho Verde und Chicken Piri Piri. Ich will abschließend noch auf diese riesengroße Stahlkonstruktion, die sich wie ein umgekippter Eiffelturm über den Fluss legt und sowohl Fußgängern als auch Straßenbahnen ermöglicht, ihn zu überqueren, ohne dabei sonderlich nass zu werden. Sie kennen doch diese dünnen Stahlgitter, die manchmal wie Fußmatten über den rechteckigen Löchern vor den Eingangstüren von Schulen liegen. Darunter fand man immer verschiedenen Kram, Zopfgummis, Ringe, Kämme, Geld. Und jetzt schieben Sie diese Gitter mal 60 Meter oder so hoch in die Luft, hängen ein paar aneinander und lassen dazu noch Straßenbahnen drüberdonnern. Argh. Ein solch vertrauenerweckendes Gefühl verströmt diese Brücke. Alles wackelt leicht, und wenn man runterschaut sieht man keine Zopfgummis, Ringe, Kämme oder Geld. Da sieht man den Douro. Irgendwo da unten, da ganz weit unten, und mit seiner Fließgeschwindigkeit scheint die Stahlkonstruktion langsam zur Seite zu kippen. Mein halbfinnisches Fräulein Altona ist ein bisschen grün, obwohl sie gestern Abend gar nicht wie alle anderen mit dem Heiligen São João gefeiert hat und schlägt vor, dass wir doch vielleicht schnell ein paar Fotos machen und dann mal wieder festen Boden aufsuchen könnten. Dieser Wunsch wird von der nächsten, direkt an uns vorbei donnernden Straßenbahn unterstrichen.

Sing den Fado!

Über den Dächern von Porto

Natürlich. Einen kleinen Moment noch. Ich pendel zwischen Faszination und Höhenangst und beschließe, zu Hause in Deutschland mal zu schauen, ob es für meinen Microsoft Flugsimulator ein Portugal Add On gibt, denn ich will unbedingt mal unter diesen Brücken durchfliegen :-) Der Blick von hier oben ist wirklich sagenhaft, er geht über Plätze mit großen Public Viewing Leinwänden (die WM läuft noch, und bisher hat niemand eine Anspielung auf das 5:1 von Deutschland gegen Portugal gemacht), Werbetafeln von Sandemann und Graham’s Portwein über das Häusermeer bis zu den Bergen am Horizont, hinter denen unser kleines Boutique Hotel liegt. Dort ganz weit hinten, rund 100 Kilometer entfernt über die Autobahn für Gutverdiener und dann noch einmal 20 Kilometer über gedärmartige Bergstraßen, die auf Beifahrerinnen einen ähnlichen Effekt haben wie Heiligenparties. Das viertelfinnische Sandmädchen ist in ihrer Karre kapitulierend eingeschlafen. Ich bekomme schon wieder Hunger und mache schnell noch einen Selfie, bevor wir auch langsam den Yaris-Wagen aufsuchen, um dem Abend im entspannten Hotel eine Chance zu geben. Sightseeing ist toll, aber irgendwann soll man ja auch bei gutem Essen mal die Füße hochlegen.

Sing den Fado!

Von hier oben kann ich auch nicht in die Zukunft blicken…

Wenn ich in Portugal Fritten bestelle bekomme ich Kartoffelchips, wenn das erstmal bekannt ist und ich es mir gemerkt habe bestelle ich eben keine Fritten mehr. Raststätten entlang der unbefahrenen Oberschicht-Maut-Highways locken den spontan hungrigen Touristen auf seinem Weg zurück ins Hotel mit großen Auslagen voller liebevoll angerichteter Gemüse- und Fleischvariationen, an denen wir uns nur allzu gern laben möchten. Hier tut man gut daran, sich lediglich ein klebriges, süßes Stück Kuchen zu kaufen. Außer, es steht einem der Sinn nach antiken Fleischstücken und Gemüsesorten, die in Europa seit Jahren nicht mehr angebaut werden. Essen. Das müssen wir alle mal irgendwann. Genau wie Kaffee trinken, in Italien ist das eine allgegenwärtige Geschmackswonne, in Frankreich eher nicht so. Hm. Man nimmt es den Portugiesen aber irgendwie nicht übel. Irgendwie nicht. Was können sie denn auch dafür, dass hier auf der Autobahnraste wegen dieser utopischen Mautgeschichten nur alle zwei Monate überhaupt mal jemand vorbeifährt und nur alle vier Monate mal jemand anhält? Und der will dann meist noch nicht mal was essen, denn preiswert sind die Gerichte zu allem Überfluss auch nicht. In den Städten jenseits der Autobahnen wiederum sprechen sie deine Sprache nicht, und egal, was du bestellst, es ist irgendwie immer Hühnchen mit Kartoffelchips. Generell kann ich zusammenfassen: Eine kalte Coca Cola aus der Dose schmeckt immer.

Sing den Fado!

Kaninchen mit Nachtisch

Was sie können, die Portugiesen, ist Wein und Dessertwein. Der extra tief aus dem Keller hervorgezauberte, uralte Cream Sherry aus Spanien (verdammt) entwickelt seine ganz besonderen Eigenarten. Unser niederländischer Gastgeber präsentiert ihn stolz, während das viertelfinnische Sandfräulein einen Klangteppich aus “mehr! mehr! mehr!” über ihrem leergefutterten Teller ausbreitet, auf dem eben noch Hühnchen lag. Ja. Sherry. Man bekommt eine kleine Ahnung, warum Portugiesen und Spanier sich nicht sonderlich mögen, dieses Getränk hier in meinem Glas scheint einen Teil der späten spanischen Rache zu verkörpern. Ich zerschneide der Kleinen noch etwas von diesem Geheimrezept des Hauses und versuche mich nach diesem langen Tag voller Eindrücke zu konzentrieren. Dabei gleitet das eben verköstigte Getränk zähflüssig meinen Hals hinunter und verwandelt mich innerhalb von Sekunden in einen betrunkenen Diabetiker. Vielleicht a) kümmert sich heute mein halbfinnisches Fräulein Altona mal lieber um die nächtliche Betreuung unserer Tochter und b) trinken wir morgen Abend lieber wieder einen klaren, frischen portugiesischen Vinho Verde. *hicks* Ich feier den Ausklang dieses Tages auf dem Balkon mit einem fast kitschigen Blick auf die Berge. Das Dorf da vorn, mit den vielen geschlossenen Geschäften, erwacht zum Leben. Kinder spielen, es wird gegrillt und gesungen. Ich mag Südeuropa…

Sing den Fado!

Abends beginnt das Leben

Während meine Pfeife langsam vor sich hinglimmt und kleine, nach Kirschen duftende Wölkchen in den klaren Abendhimmel entlässt fällt eine schwere, schon viel zu lange drückende Last des Alltags langsam von meinen Schultern. Was für ein unbezahlbares Glück, mit meiner geliebten Freundin und unserem gesunden, quirligen Töchterchen diese Tage hier zu verbringen, früh am Abend zu schlafen und um 7:00 Uhr spätestens von neuen Wortkreationen aus den Tiefen des Reisebettchens wachgeplaudert zu werden. Wer sich anmaßt, so etwas anstrengend zu finden hat noch nicht erlebt, was wirklich anstrengend ist. Was an den Nerven zerrt und über Jahre die Existenz von allem in Frage stellt. Der Anfang dieses kleinen Urlaubs markiert gleichzeitig das Ende einer großen Reise, die aber nicht in Portugal stattfindet. Nicht hier, bei diesen gelassenen Menschen, die alle João heißen und garantiert nicht alle heilig sind. Nicht zusammen mit diesen beiden wundervollen Menschen, mit denen ich mein Leben teile. Hier atmen wir jetzt durch und tanken Kraft für den Endspurt zu Hause. Aber das ist eine andere Geschichte. Morgen fahren wir erst einmal ans Meer…

Sandmann

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Created Donnerstag, 07. August 2014 Tags Aldeia das Dez | Boutique-Hotel | Chips | lissabon | Piri-Piri | Pommes | Porto | Portugal | Portwein | Reise Reise | reisen | Reißen | Sherry Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
22 Jul 2014
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Navi, alt

Navi, alt

Jenseits von allen Routen

Ich, sie und sie in Portugal, Teil 2
In 300 Metern, biegen Sie im Kreisverkehr rechts ab. Zweite Ausfahrt. Dann, Sie haben Ihren Bestimmungsort erreicht.” Ach Lisa, meine große Liebe. Lisa ist die Sprechstimme meines TomTom GO 720 von anno 2007, und Lisa ist in die Jahre gekommen. Dabei war ich ihr ein so kreativer Freund. Ich habe ihr Kathrin zur Seite gestellt, ihre synthetische Computerstimmenfreundin. Und ich habe meine großen Töchter im Custom Modus dieses Navigationssystem selbst besprechen lassen. Das ist auch 6 Jahre später noch verhältnismäßig unterhaltsam. Aber Lisa ist jetzt alt. Sie ist verwirrt. Das bringt mich und unbeteiligte, nachvollziehbar genervte Mitreisende erstmals an Orte auf diesem Planeten, die noch nie zuvor ein moderner Mensch sehen wollte.

Navi, alt

erneut unterwegs mit dem Miet-Yaris

Es hätte so schön sein können. Immerhin haben wir beim Autovermieter 110 Euro Leihgebühr gespart, weil wir mein altes Navi mit in den Urlaub genommen haben. Dass diese Ersparnis nicht mal für eine einzige Paartherapiestunde reicht war mir bis dato nicht ganz klar. Ich vertraue meinem alten TomTom. Es hat mich 7 Jahre lang da hin gebracht, wo ich hin wollte. Immer! Okayyyy….. in den vergangenen Jahren vielleicht nicht immer auf dem bestmöglichen oder schnellsten Weg, denn das Teil stammt noch aus einer Zeit, in der es keine lebenslangen Kartenupdates gab. Das gute alte “Nav Share”, also von einer emsigen Online-Community bereitgestellte, selbst erlebte kleine Korrekturen der Verkehrswege waren damals zwar eine prinzipiell gute Idee, diese Korrekturen betreffen aber auch nur sowas wie Einbahnstraßen in falscher Richtung, Kreisverkehre wo keine sind oder neue Rechtsabbieger. Ganz neue Straßen berücksichtigt dieses Karten-Crowdfunding nicht, und glauben Sie mir, ganz neue Straßen sind seit 2007 eine ganze Menge gebaut worden. Aber nicht im Urlaubsland Portugal, denke ich mir, das wird schon alles so okay sein, bis hier sind die Fördergelder der EU noch nicht geflossen. Ich schalte das Navi an, starte den Kleinwagen und fahre los. Wir wollen ins Nachbardörfchen, da soll es einen Supermarkt geben. Wein und Windeln sind alle.

Navi, alt

Neben der Spur

Da vorn links, von da sind wir gestern gekommen…” sagt nicht das Navi, sondern die eine Frau an meiner Seite. Die, auf deren Aussagen ich eigentlich hören sollte. Ich biege rechts ab. Der Akku von Lisa ist nach all den Jahren so tot, dass sie permanent am Zigarettenanzünder hängen muss wie ein Junkie am Methadontropf. Nicht schlimm. Schlimm ist, dass sie senil wird und immer länger braucht, um ihre Satelliten zu finden. Meistens genau so lange, bis ich exakt in die falsche Richtung gefahren bin und sie mir zart ihr laszives “Drehen Sie wenn möglich um…” ins Ohr säuselt. Wenn ich meine beiden Töchter als Stimme aktiviert habe, dröhnt mir in so einem Fall schmähende Häme entgegen, den Wortlaut möchte ich Ihnen an dieser Stelle ersparen. Meinem halbfinnischen Fräulein Altona auch, deshalb textet Lisa ihre unkreativen Phrasen jetzt quasi vorhergesehen (denn ich bin ja nicht links abgebogen). Die nicht Lisa heißende Dame neben mir ist schon genervt genug von der Tatsache, dass wir uns anscheinend gerade auf einer Straße befinden, die es gar nicht gibt. Ein Projekt aus EU Fördermitteln. Lisa ist entsprechend nervös und orakelt sekundenweise neue Abkürzungen, die derart nerven, dass ich ihr mit zwei Fingertipps den Mund verbiete. Durch frisch betonierte Serpentinen geht es den Berg rauf. Meine Beifahrerin wird langsam grün, die kleine Frau im Fond ist in ihrem Kindersitz resignierend eingeschlafen.

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schön hier, über der Baumgrenze

Das Navi gibt alles, um uns vorausschauend landschaftlich hinreißende Orte in diesem Land zu zeigen, was heute gar nicht das erklärte Ziel mindestens einer in diesem Auto anwesenden Person war. Als wir nach 20 Minuten auf der EU-Betonpiste oberhalb der Baumgrenze mitten in schlechtes Wetter geraten wagt meine attraktive Reisebegleitung erstmals, mich zu fragen, ob ich vielleicht in letzter Zeit mal an den Erwerb eines neuen Navis oder zumindest an ein Kartenupdate gedacht habe…? Ja. Habe ich. Aber die neuen Karten kosten für dieses alte Gerät pro Jahr 70 Euro, das lohnt sich ja nicht. Und warum sollte ich ein neues kaufen, das alte tut’s doch noch ganz gut? Das geht doch noch? Sie ist da irgendwie anderer Meinung und guckt böse aus dem Fenster. Irgendwo hier wird das Dörfchen mit dem Supermarkt schon sein, ich kann schließlich nichts dafür dass die in Portugal absurde Kilometerangaben auf ihre Schilder drucken, wenn sie überhaupt Schilder aufstellen. Und andauernd neue Straßen bauen. Kann denn nicht mal etwas so bleiben, wie es war? Schlüssel rum, Motor aus. Ich halte an und steige aus, es ist doch schön hier oder nicht? Oder? Oder was?

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Endlich wieder Pathos-Selfies

Ja, sagt sie, es sei schön hier, aber das sei es im Niendorfer Gehölz bei Hamburg auch, und auch da wolle sie jetzt nicht hin. Ob ich mich an den Supermarkt erinnern könne, bei dem wir laut meinen epischen Versprechen seit 15 Minuten sein müssten? Zu dem wir nur kurz aufgebrochen seien, um ein paar Kleinigkeiten zu besorgen? Ach ja, stimmt. Ich bitte meine gut organisierte Lebenshälfte um eine weitere Minute ihrer Geduld, während ich noch ein paar obligatorische Pathosbilder mache, mit Auto am Rand des Abgrunds, Blick auf den Horizont und weitem Land unter mir. Leider ist dieses Auto, ich kann es drehen und wenden wie ich will, nicht für solche Bilder geschaffen. Es sieht einfach unglaublich scheiße aus, verzeiht mir ihr Designer bei Toyota, ich wünsche euch von ganzem Herzen viele viele Kunden – aber ich bleibe bei kantigen Stufenhecklimousinen und vieräugigen Alt-Daimlern. Selbstauslöser. piep piep piep *klick* Gleich noch eins :-) Aus dem Inneren des Wagens höre ich Gebrummel über die typischen männlichen Zeitangaben. Ich liebe diese Frau. Sie ist sehr geduldig mit mir, sie ist trotz der vergangenen fast sechs Jahre immer noch an meiner Seite und ohne sie würde ich vermutlich wie ein Schiff ohne Segel steuerlos über einen großen Ozean aus Planlosigkeit treiben. Ich mach noch mal ein Selfie vor dem Schild mit der Schneefallwarnung.

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FAST … auf dem richtigen Weg.

Man muss dazu kurz rekapitulieren, dass es Sommer ist und wir in Portugal sind. Dann ist es lustig, ich poste es gleich mal bei Facebook. Nein. Hier ist nicht mal ein Handynetz. Und wir sollten jetzt tatsächlich mal zu diesem Supermarkt, weit kann er ja nicht mehr sein, so lange wie wir schon hier auf diesem Bergkamm umherkurven. Oder Lisa, was sagst du? Sie sagt nichts mehr, denn sie hat sich komplett stromlos resettet, als ich den Motor und die Zündung ausgemacht habe. Der Neustart der antiken Software dauert jetzt ein bisschen, ich fahre schon mal vorsichtig weiter, weil ich noch einen Funken Resthoffnung in den schönen Augen meiner erwachsenen Mitreisenden auf dem Beifahrersitz erkenne. Links unten im Tal entdecke ich Häuser. Das Navi ist schon fast wieder da, immerhin erscheint schon wieder mein Zuhause in Kiel auf dem Bildschirm, jetzt müssen im Orbit nur noch ein paar versprengte Satelliten gefunden werden. “Mein Gefühl sagt mir, dass wir hier jetzt rechts abbiegen sollten…” murmelt meine große Liebe mit leicht resigniertem Unterton. Solange sie noch mit mir spricht ist weder Hopfen noch Malz verloren. Oder ist es nur ihr ungebrochener Überlebenswille? Ich habe allerdings links die Häuser gesehen und argumentiere beharrlich, dass das die bessere Richtung sei. Sie guckt aus dem Fenster. Ich biege links ab und vernehme nach ein paar 100 Metern von der aus ihrem Dornröschenschlaf erwachten Lisa “Drehen Sie wenn möglich um.” Ups. Auf einmal, na toll. Das geht hier aber gerade nicht. Bestimmt kommt bald eine weitere Kreuzung, oder Lisa berechnet den Weg in diese Richtung neu.

Navi, alt

Stonehenge?

Wenigstens scheinen wir in Gegenden vorzudringen, in denen zumindest die Ureinwohner irgendwann mal heidnische Kultstätten errichtet haben. Auf den Grundmauern dieser Opferaltäre sind im 19. Jahrhundert oft Supermärkte gebaut worden. Leider kann Lisa uns momentan nicht sagen, wo genau wir sind, die nach unten ins Tal dichter werdende Vegetation aus Bäumen hat sich vor die Satelliten geschlichen. Das mag sie nicht. Inzwischen sind wir meiner Meinung nach auch schon zu weit in Richtung der gesichteten Häuser gefahren, um jetzt noch umzukehren. Unser Benzin reicht noch für mindestens 50 Kilometer, wir sind mitten in Portugal – herrjeh das KANN doch nicht so schwer sein, diesen Supermarkt zu finden? Ich denke an die hippen kostenlosen Verkehrshotlines deutscher Privatsender (“auch vom Handy aus!”), bei denen ständig vom Leben gelangweilte selbsternannte Überland-Sherriffs anrufen und im perfekten Ordnungshüter-Sprech dienstbeflissen die Verkehrslage vor ihrem Dauercampingplatz durchgeben. TomToms “Nav-Share” hätte funktionieren können, genug Melde-Lemminge sind in diesem Land vorhanden. Mein halbfinnisches Fräulein Altona hat sich aus meinen Monologen ausgeklinkt und ist damit beschäftigt, das auf dem Rücksitz erwachte und hungrige viertelfinnische Sandmädchen mit einer Banane bei guter Laune zu halten. Reise Reise. Ich muss mal. Aber alles wird gut, hinter einer engen Kurve um einen beeindruckenden Felsen herum erscheinen die ersten Anzeichen menschlicher Zivilisation!

Navi, alt

Ein Dorf im eigentlichen Sinne ist das nicht.

Äh. Ja. Das ist nun nicht genau das, was ich mir erhofft hatte. Kleinlaut blicke ich in Richtung des Beifahrersitzes. Von dort kommt weder ein “siehste” noch ein “hab ich doch gesagt”, von da kommt momentan gar nix. Ich fürchte, sie macht intern wieder einen Haken auf der langen Liste der Sandmann-Idiotien, die definitiv zu verhindern gewesen wären. Warum habe ich vor dem Urlaub eigentlich als zufriedenes ADAC Mitglied nicht diese superpraktische Urlaubsbox geholt, mit Touristeninformationen, Sehenswürdigkeiten und vor allem großen Karten über das Land, in dem man sich gerade befindet? Die gute alte Straßenkarte. Wie wünsche ich sie mir jetzt. Lisa hat sich inzwischen wieder zurechtgefunden, der Bildschirm dreht sich ein paar mal um sich selbst und zeigt uns mit unserem Toyota als kleinen Pfeil inmitten einer öden Gegend, in der die Straßen keinen Namen haben. Ach, das meinte Bono also damals. Vom Rücksitz kommt fröhliches Gegluckse, gefolgt von ein paar ersten Zweiwortsätzen. Die süße kleine Gurke. Es ist ein erhabenes Gefühl, sie aufwachsen zu sehen. Ihre Mutter wird ihr später beibringen, nicht so starrköpfig wie ihr Vater zu sein. Hoffe ich. Ich bringe den japanischen Kleinwagen noch einmal zum Stehen, weil ich meine Blase entleeren möchte, bevor ich weitere Pläne schmiede.

Navi, alt

Ach, kommen Sie doch rein.

Auch meine allerletzten Hoffnungen schwinden, hier noch etwas zu finden, was ich meinem halbfinnischen Fräulein Altona als den gesuchten Supermarkt verkaufen kann. Ich gebe mich geschlagen. Wahrscheinlich wird es das beste sein, den Weg einfach wieder komplett zurück zu fahren und nochmal bei der ersten Kreuzung tief in die Augen der Dame mit dem zumeist richtigen Bauchgefühl zu gucken, sie zu fragen, was sie glaubt in welche Richtung wir wohl fahren sollten, diese Aussage dann auch ohne Rücksicht auf die eigene Meinung zu befolgen und die Aktion noch mit dem Versprechen zu würzen, nach diesem Urlaub ein neues, ein nagelneues Navigationsgerät zu kaufen. Das klingt nach einem guten Plan. Ich fahre los. Zurück. Raus aus diesem Tal. Wo immer wir hier auch gerade gelandet sind, nach gruseligen Lost Places steht mir heute der Sinn gar nicht. Mit jedem Kilometer in die richtige Richtung hellt der Blick meiner Freundin auf. Lisa, das verwirrte TomTom, findet sich auf der EU-Betonpiste wieder nicht aber behauptet nun, dass wir prinzipiell auf dem richtigen Weg seien. Lisa, das ist mir egal, das rettet dich jetzt auch nicht mehr und deine Meinung ist nicht gefragt. Nicht mehr.

Navi, alt

Angekommen!

Alors, da sind wir ja. “Nach 100 Metern, Sie haben Ihren Bestimmungsort erreicht.” Gefahren nach Schildern und dem Bauchgefühl meiner halbfinnischen humanoiden Navigationshilfe. Vertrauen Sie immer auf das Bauchgefühl der Frau, die Sie lieben. Immer! Und widersprechen Sie ihr nicht ständig, wenn Ihre Erfahrung aus der Vergangenheit Sie schon gelehrt hat, dass ihre Vorschläge meist gut sind. Mein erster Weg nach unserem Urlaub wird mich in einen Elektronikfachmarkt in der Innenstadt führen. Es soll definitiv wieder ein TomTom werden, allein schon damit ich die Stimmen meiner Töchter mit “rüberretten” kann. Außerdem mag ich TomTom irgendwie. Gleichwohl ich in prähistorischen Zeiten mal Sorgen mit der Befestigung hatte, man erinnert sich vielleicht? :-) Aber da wurde mir im Anschluss tatsächlich unbürokratisch geholfen, und hey, das Navi von damals habe ich schließlich noch immer Navi, alt Mal sehen, was da heute so angeboten wird, ab 150 Euro bekommt man schon lebenslange Kartenupdates aus Amsterdam. Mehr will ich ja gar nicht. Und hören Sie mir auf mit gratis-Navis auf dem Handy oder meinetwegen auch Kaufversionen (ich als Telekom Kunde habe Navigon für 10 Euro komplett drauf) – mein Handy ist ein Telefon. Damit will ich einfach nicht navigieren, denn IMMER wenn ich das doch mal mache ruft jemand an und ich verfahre mich, während die Sprechstimme dem Anrufer ständig reinquatscht. Neee. Ich will TomTom. Und ich will diese tolle Frau an meiner Seite. Und jetzt kaufen wir endlich Wein und Windeln und machen noch was aus dem Tag.

Sandmann

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Created Dienstag, 22. Juli 2014 Tags Absurdistan | alt | karten | Navi | Navigationssystem | neue Straßen | Portugal | Reise Reise | Supermarkt | Tom Tom | TomTom | Update | Urlaub | veraltet Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
20 Jul 2014
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Mietwagen, neu

Mietwagen, neu

Zwischen Land und Meer

Ich, sie und sie in Portugal, Teil 1
Es ist mir fast schon ein bisschen peinlich. Also peinlich auf mehreren Ebenen. Ich bin ja kein Neuwagenblogger und werde das auch niemals sein, aber WENN ich einen Neuwagen fahre, fotografiere und drüber schreibe, dann muss der schon sehr geil sein. Also vielleicht ein CLS AMG wie damals in Kalifornien:-) Und jetzt? Jetzt sitze ich hier neben einem nagelneuen Kleinwagen, den ich sehr hässlich finde. Der total lahm ist. Das ist mir peinlich. Aber ich werde jetzt nicht wie ein allesfahrender Neuwagenblogger trotzdem die tollen Vorzüge dieser langweiligen Karre beschreiben, denn es geht heute um … MIETWAGEN:-) Darüber habe ich noch nie getextet. Sandmanns klugscheißender Wissens-Blog. Und das – ist mir auch peinlich.

Mietwagen, neu

Nun mal mit Kindersitz, bitte.

Miet-Wagen. Meet-Wagen. Meat-Wagen. Need-Wagen. Miet-Plagen. Viele sagenhaft witzige Kalauer sind mir eingefallen, eigentlich wollte ich sie als roten Faden durch die Geschichte spinnen, aber ich bekomme nicht genügend sinnstiftende Zusammenhänge hin. Im Süden gibt es da einige viele, GoldCar, AutoEurope und wie sie alle heißen. Während eine nette junge Dame an der Rezeption bei “Drive on Holidays” irgendwo in Suburbia nahe des Flughafens Lissabon den zum Toyota dazugebuchten Kindersitz einbaut, rekapituliere ich kurz ein paar vergangene Urlaube, bei denen ich auch schon das Vergnügen mit unterdimensionierten Leikarren hatte:

Alle waren sie klein, diese Transportmöglichkeiten. Sehr klein. Und alle hatten was gemeinsam: Sie waren billig, und ich habe sie im Internet über das Portal billiger-mietwagen.de gebucht, weil der Name mir eben genau das anbietet. Im Urlaub brauche ich keinen Komfort, ich will nur motorisiert von a nach b kommen. Für Hotels und Ferienreisen gibt’s Portale, für gebrauchte Autos gibt’s Portale, für Klüngelkrams und Kindheitsspielzeug gibt’s Portale, für Mietwohnungen gibt’s Portale… und für Mietwagen gibt’s die auch. Das wird nun eine kleine Lobhudelei auf diese spezielle Plattform, denn die haben bisher jedes Mal alles richtig gemacht. Und wenn man sich im Vorfeld über ein paar spezielle Modalitäten der südeuropäischen Mietwagenanbieter im Klaren ist tut das meistens auch alles gar nicht so weh. WENN. Dafür haben Sie nun ja mich. Ich liste mal ein paar Stolpersteine auf und hebe die fett hervor. Denn nicht alles, was auf mich zukommen kann erfahre ich offiziell vor meiner Reise :-(

Mietwagen, neu

Kofferraum? Na ja… TASCHENraum eher.

Was wir in Wales mit dem Fiat 500 schon in einer Selbststudie erarbeitet haben: Mit einem Kind dabei muss das Gefährt mindestens VIER Türen haben! Und ‘ne Klimaanlage. Dabei ist billiger-mietwagen als Vergleichsportal sehr bemüht, den Onlinebucher mit allen Informationen nicht nur über Sehenswürdigkeiten vor Ort, sondern auch über Haken und Ösen der südländischen Mietwagen-Mentalität zu versorgen. Wo finde ich im Flughafen den Anbieter, wie schnell darf ich im Urlaubsland fahren, ist Maut fällig, kommen Extrakosten auf mich zu? Aber sie sind eben “nur” das Portal, sie wissen nicht immer was am Ende beim Anbieter vor Ort noch abgeht, weisen aber per Mail darauf hin dass eventuell am Ende beim Anbieter vor Ort noch was abgeht. Eben jener Kindersitz, der uns mit 5 Euro pro Tag zusätzlich berechnet wird :-( Der in Deutschland gebliebene Testsieger “Römer King” hat im Portal für Klüngelkrams und Kindheitsspielzeug neuwertig gerade mal 35 Euro gekostet, da sind wir hier in Portugal preislich schon nach 7 Tagen. Und wir bleiben 11 Tage. Urks. Aber mal ehrlich – wollen Sie einen dicken Kindersitz im sowieso schon viel zu engen Flugzeug mitschleppen? Nein. Trotzdem ne kleine Frechheit, aber wenn schon nicht am Auto verdient wird dann eben hier. Wir wurden schließlich vorher darauf hingewiesen *röchel*, sind also selbst Schuld.

Mietwagen, neu

Er fährt. Wenn auch träge.

Auch dass die GANZ billigen Anbieter (“Drive on Holidays” scheint so einer zu sein) kein eigenes Büro im Flughafen haben und dich am Gate abholen, um dann mit dir in einem klapperigen Ford Transit in die düsteren Favelas der Stadt zu fahren (wo die Autos stehen) kennen wir bereits. Nicht wundern, keine Angst haben, alles ist gut und man spart hier einen Haufen Geld :-) was sich in den Kindersitz investieren lässt. Alles Gepäck hinten drin? Ja. Aber die Ablage musste ausgehängt und auf den Rücksitz neben das viertelfinnische Sandfräulein gelegt werden, was sich in ihrem “neuen” Kindersitz (der so richtig gar nicht einen auch nur ansatzweise lebenserhaltenden Eindruck macht) ein bisschen unglücklich umsieht. Wie erwartet wird beim Anbieter versucht, mir ein Versicherungspaket für nur 5 Euro am Tag zuzubuchen, was Reifenpannen, Diebstahl und Unfälle ohne Selbstbeteiligung abdeckt. Danke nein. Das habe ich vorher schon direkt für 3 Euro am Tag abgeschlossen.
Der knubbelige, verkrampft jugendlich wirkende Toyota Yaris hat erst 2500 Kilometer auf dem Display und deshalb nur wenige Kratzer, die von der jungen Frau auf einer visuellen Checkliste kunsvoll aufgemalt und von mir unterschrieben werden. Hier muss der akribische Deutsche sich ebenfalls noch ein bisschen locker machen, das ist denen hier unten zumeist total egal, wie die Kiste zurückgegeben wird. Beim vorletzten mal fehlte sogar der Tankdeckel. Egal :-) Wichtig zu wissen: Man kann den Wagen als alleiniger Fahrer oder mit mehreren Fahrern buchen. Das macht bei 11 Tagen einen Unterschied von über 100 Euro, also fahr ich doch lieber als Einzelfahrer, mein halbfinnisches Fräulein Altona hat sowieso keine Lust, hinters plastikumbaute Steuer zu schlüpfen.

Mietwagen, neu

Klein passt überall durch

Eine Kaution von 750 Euro wird auf einer Kreditkarte geblockt, also bietet es sich an, eine ausreichend gedeckte Kreditkarte mitnehmen. Was das Benzin betrifft, da gibt es einmal die Möglichkeit Vollen Tank bezahlen und leer wieder abgeben, was je nach Kraftfahrzeug und geplanter Strecke ein finanzielles Desaster werden kann. Mit dem Smart auf Mallorca hat mich das 70 Euro gekostet (“Was haben Sie denn hier für Literpreise, junge Frau???” – “Das ist normal, der Ölpreis, die Weltwirtschaft, wissen Sie….“), und wir haben den Zweisitzer in den 5 Tagen nicht mal halbleer gefahren. Obwohl ich am letzten Abend noch einen Ziegelstein auf das Gaspedal gelegt und den vier Stunden im Kreis habe kacheln lassen, der war einfach nicht leer zu kriegen. Da wurde also gleich zwei mal verdient :-( Dann doch lieber die Variante Vollgetankt mitnehmen und vollgetankt wieder abgeben. Die ist pauschal ein bisschen teurer, passt mir aber irgendwie besser. Auch wenn wir einige 100 Kilometer auf portugiesischem Festland zurücklegen werden und man das bestimmt irgendwie hingezirkelt bekäme, aber sowas ist mir inzwischen zu blöd. Mit südländischer Gelassenheit zeigt die junge Frau mir den ungefähr halbvollen Tank und sagt, wir sollen den Yaris-Wagen einfach wieder ungefähr halbvoll zurückbringen. Ich bin inzwischen ganz entspannt. Ob wir ein Navi für 10 Euro am Tag brauchen würden? Nein. Das — habe ich nun tatsächlich aus Kiel mitgenommen, und das bringt uns jetzt gleich mal von Lissabon nach Aldeia das Dez in den Bergen im Norden.

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Ponte des Tres Entradas

Bevor es über diese einem Mercedes-Stern gleiche Brücke mit ihren drei Zufahrten hoch zum gemütlichen Boutique-Hotel (wieder ein neues Wort gelernt) in den Bergen geht wollen wir noch schnellstmöglich dem Meer hallo sagen, und schnellstmöglich bedeutet in Portugal: Autobahn. Maut. Gerade bei längeren Etappen, zumal mit ab Werk ungeduldigem 17 Monate alten Mädchen auf dem teuer gemieteten Kindersitz im Fond, treibt einen die Navioption “Mautstraßen vermeiden” erst in den Wahnsinn, dann in die Kotzerei und am Ende in ein permanentes zu-spät-Kommen, weil die Fahrtzeiten sich bei diesen gedärmgleichen Nebenstraßen verdoppeln. Also Maut. Die Autobahnen sind angenehm frei, weil kaum ein Einheimischer sie benutzt. Mein Unvermögen, Portugiesisch zu sprechen und die genuschelten englischen Nebensätze der jungen Dame am Tresen von “Drive on Holidays” ließen mich in dem Glauben, dass ich mit dem Tagespreis von 1,80 Euro für den kleinen Sender oben in der Scheibe des Autos die pauschale Tagesmaut und freie Durchfahrt an den Mautstellen gebucht hätte. Freie Durchfahrt stimmt. Aber jedes mal piept die kleine Kiste beim Durchfahren einer Schrankenanlage, und am Ende wird mir klar, dass die 1,80 Euro nur die Tagesmiete für den Sender sind. Die Maut kommt noch oben drauf, in unserem Fall bitte noch einmal 76 Euro nach 11 Tagen, vielen Dank. Das erklärt, warum die Autobahnen so schön frei sind….. *grummel*

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Hallo Atlantik

Der Toyota, der aus irgend einem unerfindlichen Grund aus den Lüftungsdüsen nach Tutti Frutti riecht kühlt uns, hat ein fettes Soundsystem und röchelt einigermaßen müde vor sich hin. Wenns bergauf geht muss ich vom fünften erst in den vierten und dann in den dritten Gang schalten, weil das Motörchen irgendwie sagenhaft schwachbrüstig ist. Da man aber vor allem in den schmalen Bergstraßen im Norden Portugals sowieso immer einen lebensmüden Einheimischen und seine halbe Verwandtschaft direkt an der hinteren Stoßstange kleben hat, egal wie schnell man unterwegs ist, hat sich auch hier bei mir eine gewisse Gelassenheit breitgemacht und ich fahre nur so schnell, wir ich es für angemessen halte. Was ich in Sachen Toyota Yaris lerne: Er ist hässlich, aber schluckt uns drei mit Gepäck. Er fährt laut und träge und schluckt nicht nur Gepäck, sondern auch 8 Liter auf 100 Kilometern, erfüllt aber seinen Zweck und hat gute Lautsprecher. Und zwischen Tanknadel auf halbvoll und Tanknadel auf komplett leer liegen nur knapp 200 Kilometer. Wenn man das weiß kann man sich auch drauf einstellen, rechtzeitig zu tanken ;-)

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Wetter – na ja, das muss besser werden

Jetzt muss ich nur noch damit klar kommen, dass wir mit Regen begrüßt werden. Ich fasse mal zusammen, denn das ist ja ein klugscheißender Lern-Blog für Sie da draußen, den Sie gern immer wieder als Checkliste rausholen können, wenn Sie mal im Süden ein Auto mieten wollen:

  • Alles genau durchlesen, was in den vorab per Mail zugesendeten Reiseunterlagen des Mietwagenportals steht.
  • Ein Fahrer ist wesentlich preiswerter als mehrere.
  • Vor Ort klären wo der Anbieter zu finden ist, meist lächelnd im Terminal mit Schild in der Hand.
  • Es gibt große Unterschiede zwischen “Voll hin und voll zurück” oder “Voll hin und leer zurück”.
  • Versicherungen ja, aber vorher buchen und dann vor Ort KEINE weiteren abschließen.
  • Alle Kratzer und Beulen checken und aufmalen.
  • Genug Deckung auf der Kreditkarte für die Kaution haben.
  • Kindersitze kosten bis zu 5 Euro am Tag.
  • Navigationssysteme kosten bis zu 10 Euro am Tag.
  • Maut ist nicht gleich Maut.
  • Locker bleiben.

Das steht auch alles sinngemäß in den Unterlagen des Portals, aber wer liest denn sowas? Und jetzt die gute Nachricht für alle die von Ihnen, die bis hier immer noch gedacht haben: Wieso sollte ich mir ÜBERHAUPT einen teuren Mietwagen im Urlaub leisten, wenn ich nicht wie der Sandmann an zwei Orten in einem Land für je 5 Tage ein Hotel gebucht habe und im Monat mindestens vier Millionen Euro berdiene? Die Antwort: Weil es dank des vergleichenden Mietwagenportals in unserem Fall nur 130 Euro gekostet hat. Das sind keine 12 Euro pro Tag. Krass, oder wollen Sie bei diesem Preis etwa zu Fuß gehen oder mit dem Bus fahren? Okay, plus die optionale Versicherung plus den optionalen Kindersitz plus Maut und plus Benzin, aber das hat man ja selbst weitestgehend im Griff, wenn man es vorher weiß. Die schlechten Bewertungen der Anbieter im Netz, in unserem Fall ging es um mangelnde Höflichkeit und fehlenden Service, kommen vorwiegend von immer nörgelnden deutschen Mittfünfzigern, die glauben, für einen Appel und ein Ei erste Klasse Highlights hinterhergetragen zu bekommen. Die erstmal alle Kratzer am Auto fotografieren und hinterher ihre Rechtschutzversicherung belasten, um nochmal 20 Euro rauszupressen. Traurig sowas. Ich bin mehr als zufrieden! Ich musste das jetzt mal loswerden. Und nein, ihr featured-Blog-Enttarner da draußen, billiger-mietwagen hat mir kein Geld dafür gegeben ;-) Ich bin tatsächlich begeistert und teile das mit euch und Ihnen. Das musste einfach mal raus. Und jetzt öffne ich mir ein Fläschchen Rotwein auf unserem Balkon mit einem sagenhaft schönen abendlichen Blick über die Berge.

Mietwagen, neu

Am Ende eines langen Tages

Frankreich, dachten Sie? Mit dem Mercedes, war die Ansage? Später, ihr ungeduldigen Leser, das kommt danach. Erstmal: Hallo Portugal. Das Foto ist unscharf. 11 Tage mit meinem halbfinnischen Fräulein Altona und meinem viertelfinnischen Sandmädchen und einem Toyota Yaris. 11 Tage Familie, Zusammensein, lecker essen und tief und lange schlafen. Äh. Streichen Sie lecker essen. Dazu ein andermal mehr. Und öhm…. lange schlafen ist vielleicht auch nicht so eine der Überschriften, wenn man mit dem quirligen Sandmädchen unterwegs ist. Aber der Rest passt. Morgen früh überlege ich noch, ob ich mein Navi in den Ruhestand schicke oder wieder auf Straßenkarten aus Papier umsteige, aber das ist eine andere Geschichte. Dazu morgen mehr. Heute seid ihr erstmal umfassend auf euren nächsten Mietwagen vorbereitet ;-)

Sandmann

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Created Sonntag, 20. Juli 2014 Tags billiger-mietwagen.de | buchen | internet | Kindersitz | Maut | mietwagen | Navi | Online | Portugal | Reise Reise | Südeuropa | toyota yaris Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
18 Jul 2014
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Ein neuer Stern.

Ein neuer Stern.

Folgen Sie dem Stern

Neuland? Neuwagen? Ja und nein. Weil ich mir natürlich NICHT einen Neuwagen gekauft habe, ohgottogott wo denken Sie hin? Es fühlt sich aber (für mich) so an. Meine Freundin war immer jünger als meine Autos. Immer! Okay, mit steigendem Alter wurde das schwieriger, dann brach plötzlich der Audi V8 elfjährig als nagelneuestes Auto in der Familie die Tradition, das Taxi war sogar von 1997 und jetzt – JEEEEETZT — ist im Fuhrpark erstmals eine 2 vorn im Baujahr. 2001. Ich werd bekloppt. Oder spießig? Zur Freundin: so tief in der Midlife-Crisis stecke ich nicht, dass ich mich mit so einem jungen Huhn schmücken müsste. Nein. Automobil gesehen ist das hier aber tatsächlich Neuland, und wenn ich mir die Eckdaten des dunkelblauen Herren angucke könnte das eine Affäre für eine kleine Ewigkeit werden. Ich fahr mal hin und hol ihn ab…

Ein neuer Stern.

Sandmann fährt Bahn

Strenggenommen begebe ich mich in keine gute Verhandlungsgrundlage, wenn ich mit einem One Way Ticket per S-Bahn zum Autoangucken fahre. Ein klassischer Fehler, denn der Vorbesitzer geht in so einem Fall davon aus, dass man den Wagen sowieso mitnehme und bleibt auf seinem ausgerufenen Preis kleben. Normalerweise. Wenn man von Kiel nach München oder so fährt. Diesen Vorbesitzer kenne ich allerdings inzwischen persönlich und mache mir im Vorfeld keine Sorgen, dass ich den Wagen NICHT erwerben werde. Zumal es von Hamburg nach Hamburg geht und ich im Eskalationsfall auch mit einer anderen S-Bahn wieder zurück fahren könnte :-) Flashback: Das Autoschicksal spann schon wieder spinnengleich seine seltsamen, klebrigen Fäden, gerade noch vor ein paar Wochen auf dem Drivestyle Sunday vom DAZ Verlag stand ich so mit einem Kumpel zwischen feinen Autos rum, über dessen weißen 280 S ich gerade eine Geschichte geschrieben habe. Da merkt sein ebenfalls rumstehender Bruder beiläufig an, dass er einen Benz ähnlich meinem aus Funk und Netz bekannten Klappertaxi besäße und dass der jetzt weg solle. Ach? Erzähl? Vielleicht schraube ich mir ja doch nicht für den nächsten Tüv am cremefarbenen T-Modell die Finger blutig sondern sattel um…? Und er erzählte.

Ein neuer Stern.

One Way Ticket

Alles neu macht der Mai. Sandmann und Sandmann fahren raus in die Hamburger Suburbs. Mit ganz vielen Gedanken im Kopf. Ich habe nach den Erzählungen von Bruder Marcus versucht, das Taxi am Stück zu verkaufen – keine Chance. Das Thema hatten wir schon. Jetzt steht der alte Herr trocken eingelagert beim Markus1975, also noch einem Mark/cus, und wartet auf seine Filetierung. Aber das ist eine andere Geschichte. Das, was da wiederum in ein paar Minuten vor mir stehen wird ist prinzipiell das gleiche dieselnde Auto – aber eben auch nur prinzipiell. Ich werde mit diesem Wagen, so ich ihn denn mitnehme, erneut ein paar meiner felsenfesten Grundsätze über den Haufen werfen, als da wären:

  • kaufe keinen Common Rail Diesel
  • kaufe kein Auto mit CAN Bus
  • nur noch Leder, nie mehr Stoff
  • vermeide Xenon Lampen
  • Standheizungen sind überflüssig
  • Radios müssen einen AUX Anschluss haben
  • möglichst keine Displays im Tacho

Ohauerha. Ohauerhauerha :-( Nun werden einige von Ihnen den einen oder anderen Gedanken der Liste oben nicht ganz verstehen oder nachvollziehen können. Der vor 20 Jahren einmal gefasste Grundsatz hinter den meisten Punkten ist meine Vermeidung von zu viel Elektronik oder sensibler Motorentechnik. Weil ich ganz gern selbst schraube. Und über den Einspritzdruck von rund 1300 Bar der CDI Motoren haben wir uns an anderer Stelle bereits ausgetauscht, die können einem sauber den Finger mit einem leckeren Dieselstrahl abscheren, wenn man blauäugig an den Injektoren nestelt. Nun. Mit blauen Augen kann ich dienen, mit Blind- oder Dummheit nicht, jedenfalls nicht beim Autokauf, woanders schon mehr. Auf der JAJAJAA!!!!-Seite dieses T-Modells (immerhin habe ich mich langsam an die Präsenz eines Kombis gewöhnt, auch das war mal anders…) stehen auch noch ein paar Fakten. Viele.

Ein neuer Stern.

Reise Reise mit der HVV

JA – es ist wieder dieses Vieraugengesicht, das ich inzwischen lieb gewonnen habe. Ein Mercedes-Benz S210, der ungeliebte, der rostige, der Taxi Benz mit dem Kombiarsch. Der hier ist ein Nach-MOPF, also das überarbeitete Modell (bei Mercedes, wer von Ihnen das vielleicht nicht weiß, heißen die “Modellpflegen” immer MOPF. Das fällt mal umfassender und mal weniger umfassend aus. Bei diesem dicken Daimlerwagen sind nach meinem Taxi im August 1999 über 1800 Bauteile ersetzt oder modifiziert worden, man erkennt den damals noch zum Chrysler Konzern gehörenden so überarbeiteten Dampfer an den Blinkern in den Rückspiegeln (auch das fand ich eigentlich immer doof) und den geänderten Front- und Heckschürzen. Ach ja – und die Nase ist flacher. Aber man kann angeblich noch immer auf der Haube sitzen. Ich werde das testen :-) JA – er ist nicht mehr taxielfenbein getüncht, sondern tief dunkelblau. JA – es sind echte 140.000 Kilometer auf dem Tacho(display), weitestgehend durch das Scheckheft nachgewiesen. Der Kahn ist noch nicht mal richtig eingefahren und hat innen auf Sitzen und Armaturen keinen sichtbaren Verschleiß. JA – er ist immer in einer Mercedes Werkstatt gewartet und repariert worden. Bremsen, Reifen, Anbauteile, da ist nix vom osteuropäischen ebay-billig-Anbieter mit Zerfallszeiten von einem halben Jahr. JA – er hat noch über ein Jahr TÜV. JA – die Avantgarde-Ausstattung ist cool, elektrische Fensterheber (geht), Glasschiebedach (geht), Klimaanlage (geht), serienmäßige Xenonbrenner der ersten Generation (gehen), Zuheizer, graues Wurzelholz, ab Werk ein bisschen tiefer, Alufelgen, Standheizung von Vebasto mit Fernbedienung (geht). Ein Ackerhaken ist abnehmbar dabei… Und der Preis ist mehr als okay. Und schon bin ich da.

Ein neuer Stern.

Der neue Sternenkreuzer.

Groß und edel wirkt der erst 13 Jahre alte Herr mit der geringen Laufleistung. Im Vergleich zu meinem Taxi, und sehen Sie mir diesen Vergleich bitte nach denn ich habe keinen aktuelleren Benchmark, ist das blaue Wunder tatsächlich wie ein Neuwagen. Ein paar Kratzer sind im Lack und auf den Alus, aber na und? Unter den Gummidichtungen der hinteren Türen blühen einige Rostblumen, aber na und? Im Inneren riecht es sehr stark nach Rauch, aber na un…. urks. Nee :-( Bah. Mensch Marcus, das ist aber doch ziemlich muffig. Puh. Ich selbst bin ja dem gemeinen Zigarillo oder dem Pfeifchen nicht abgeneigt, aber niemals im Auto. Er ist durchaus gepflegt und sauber von innen, der Daimler, aber im Himmel, in den grauen Stoffsitzen, in jeder Naht hängt der kalte Kippenhecht. Mist. Und zwar so nachhaltig, dass ich überlege, ihn deshalb nicht zu nehmen, weil ich nicht sicher bin, ob das jemals wieder rausgeht. Dabei passt alles andere doch wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge…

Ein neuer Stern.

MOPF. Aber irgendwie wohnlich.

Drei Dinge stimmen mich milde.
Da ist zunächst einmal eine Probefahrt mit offenen Fenstern und offenem Schiebedach. Überhaupt, endlich wieder ein Schiebedach. Der rechte Fensterheber ist aus der Führungsschiene ausgehakt, aber im Taxi wartet ja Ersatz auf Abruf. Es fächelt durch die anderen Öffnungen nicht nur Frischluft in den großen Wagen rein und vertreibt ein wenig den alten Rauch, es kommt auch Freude am Fahren auf. Der 220 CDI zieht sauber und kraftvoll, ist sagenhaft leise im Vergleich zum 290er Nagelklotz und die ganze Fuhre schnurrt wie am ersten Tag durch die Vorstadtstraßen. Ein wahrhaft gesundes Auto. Auch wenn es hinten links an der Achse beim Einfedern so komisch knarzt, aber auch das wird man beheben können. Es werfe den ersten Stein, wer ohne Mängel sei… Die Klimaanlage kühlt, ohne zu zischen, alle Warnlampen sind aus und alle Instrumente zeigen das, was sie zeigen sollen. Übers Lenkrad (ohne speckigen 70er Jahre Bezug) lässt sich das fette Becker Radio mit Kasettenschacht steuern (ja, das geht Dank CAN Bus), außerdem kann ich das große mittlere Display lustig in seinen Funktionen durchblättern. Cool.

Ein neuer Stern.

Ich sitze, also bin ich.

Wieder vor der Tür des geduldig wartenden Vorbesitzers angekommen und von der Technik des sonor nagelnden Stuttgarters komplett überzeugt fällt das milde stimmende Wort “Ozonbehandlung”. Davon habe ich schon mal gehört, ist das nicht diese Schicht da oben über der Erde, die mal von Spraydosen kaputt gemacht wurde und wegen dessen Fehlen wir zum Dank jetzt alle im Sommer ganz schnell braun werden? Nein, nicht ausschließlich, mit Ozon lassen sich offensichtlich auch stinkende Geruchsmoleküle knacken und kaputt machen, damit sie anschließend nicht mehr stinken. Ach? Cool. Das kostet aber ein bisschen Geld, und damit kommen wir zum milde stimmenden Ding Nummer drei: Dem Preis. Vorbesitzer Marcus und ich werden uns nach ein bisschen hin und her einig, und ich kaufe das Auto. Handschlag drauf, passt. Sandmann hat das bisher neueste Auto in seiner 25 Jahre währenden Histoire des Voitures erworben. Glück. Freude. Seeligkeit. Neu ist immer gut, ich bekomme sogar noch den Kasettenadapter dazu, über den ich mein iPhone als Musikspender anschließen kann. AUX? Braucht man nicht. Und fangen Sie mir hier nicht an mit FM Transmittern, die taugen überland nicht so weit wie man sie werfen kann. Werfen wir stattdessen einen Blick unter die geschwungene Haube:

Ein neuer Stern.

220 CDI, der typische Taximotor

Der Motor mit der internen Bezeichnung OM 611 hat nur vier Töpfe und ist noch mehr mit Plastik umbaut als der klotzige Reihenfünfer meines Taxis. Aber er hat einen nachgerüsteten Dieselkat und mit seiner grünen Plakette freie Fahrt durch die Smog-Städte der Republik :-) Uuuuund…. er genehmigt sich angeblich nur rund 7 Liter von der stinkenden Brühe, aber das muss noch bewiesen werden. Alle Anbauteile sehen gesund aus, alles um den Motor herum wirkt quasi neuwertig, alles klackt und klickt und funktioniert. Ich kann mein Glück kaum im Zaum halten und hüpfe singend und lachend mit dem Dampfstrahler an der Tanke um mein neues Auto herum und produziere Regenbögen. Ungefähr so lange, bis ein freundlicher, aber bestimmt guckender junger Mann aus dem Kassenhäuschen kommt und mich darauf hinweist, dass ich hier doch bitte die Aktivitäten rund um meine Motorwäsche in Grenzen halten möge. Na gut. Ist ja eh alles nicht nur sauber, sondern rein. Und deshalb kann ich Euch und Ihnen nun endlich meinen neuen Sternenkreuzer präsentieren, nicht mehr nur in geschnipselten Bildern – sondern mal in seiner ganzen Pracht. Tataaaaaaa ♫

Ein neuer Stern.

Avantgarde. Na ja, damals zumindest.

:-) Er ist nicht so kultig wie das Taxi, sondern eher dezent. Aber schick. Er hat keinen Riss in der Frontscheibe, und man rupft ihm beim Einlegen der Fahrstufe nicht den Wahlhebel aus dem Schaltbock. Er trampelt nicht mit der Hinterachse wie ein tiefergelegter Opel Astra, weil die Druckspeicherkugeln der Niveauregulierung gerissene Membranen haben. Er lässt nicht jede Nacht die Heckklappe einfach so offen. All das, was mein Taxi sich herausgenommen hatte. Er ist fast schwarz und funkelt fein in der Sonne. Seine kleinen Kratzer und Schmarren erzählen schon jetzt von einem bewegten Leben, das in meinen Händen nun weitergehen wird. Aber hoffentlich nicht mehr so bewegt, denn das Leben als solches bewegt sich schon genug dieser Tage. Ich hege die vage Hoffnung, hier ein Automobil erworben zu haben, das über einen längeren Zeitraum einfach mal nur so funktioniert. Und zwar so gut, dass auch mein halbfinnisches Fräulein Altona ihm Vertrauen entgegen bringt und mit Kindersitz nebst viertelfinnischem Sandmädchen auch mal allein und behütet unterwegs sein wird. Ohne auf dem Weg nach Berlin den Auspuff zu verlieren (Rudolf) oder mit herausgerupftem Automatik-Wahlhebel ohne Rückwärtsgang an der Tanke stehend (Taxi). Mein Neuwagen. Alles ist ja relativ :-)

Ein neuer Stern.

Der Schlüssel zu Ali Babas Schatzkammer

Jetzt habt Ihr ihn gesehen. Jetzt wisst Ihr, was Sache ist. Und der erste Trip geht gleich mal ganz weit weg – mit meinen beiden großen Töchtern nebst Freund auf einen Campingplatz zwischen Montpellier und der spanischen Grenze. Über Paris. Zwar nicht mehr mit einem Taxi (nur für eiiiinen Taaaaag), aber angesichts der 1700 Kilometer mit einem sehr beruhigenden Gefühl der Zuverlässigkeit. Cool. Ich freu mich drauf. Und ich nenne die Karre irgendwie noch immer “Taxi”, hat jemand einen besseren Vorschlag…?

À bientôt.
Sandmann

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Created Freitag, 18. Juli 2014 Tags Avantgarde | daimler | Ich fahr... TAXI! | kombi | S210 | Schiebedach | Standheizung | Sternstunden | T-Modell | taxi | Vieraugengesicht | W210 Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
01 Jul 2014
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Vier / zwei / viele Räder

Tod eines Taxis, Teil 2

Schichtwechsel

Schichtwechsel

Der Stern, abgestellt vor der Halle. Ein letztes mal warngeblinkt. Aber noch nicht gestorben und begraben. Ciao Taxi, erstmal, wenn wir uns wiedersehen habe ich einen Schraubenschlüssel in der Hand und rücke dir auf den Pelz ;-) Und nur genug gejammert, der zweite Teil der Reise erfolgt in der rappeligen goldenen Zeitmaschine. Unter anderem. Hallo KaSi. Das erste von vielen HALLOs heute. Du hast hier den ganzen Winter lang auf mich gewartet, und jetzt bringst du mich nach Hause. Endlich mal wieder. Geht es dir gut? Viel Bewegung bekommst du ja nicht gerade… Na, wollen wir doch mal hören ob du die 40 Kilometer nach Kiel ohne Murren abspulen kannst…

So ein K70 ist ja ein seltsames Ding.

Vier / zwei / viele Räder

Opel HEISST Agila, KaSi IST agiler

Ich will nun gar nicht die ganzen Geschichten hier verlinken, die ich persönlich mit dieser Karre schon erlebt habe, vielleicht erinnern Sie sich an die eine oder andere. Oft lag Schnee :-) Auch referiere ich nicht über die lesenswerte Historie dieses seltsamen Autos, das habe ich schon oft und das haben andere noch viel ausführlicher. Ich fahre den heute einfach nur. Der gute Markus hat den alten Herren sauber gewedelt und gut vorbereitet, Luft auf die uralten Reifen gepustet, die Batterie durchgeladen und den Motor einmal so lange laufen lassen, bis das Thermostat aufmacht. Er funktioniert. Einfach so. Wenn das alte NSU Triebwerk, was optisch auch in einem alten Jagdflugzeug stecken könnte,  erst einmal warm ist schnattert es wie ein Uhrwerk vor sich hin und saugt die frische Luft durch den seitlich hängenden Vergaser, als hätte es nicht das Herz und die Lunge eines starken Rauchers.
Hallo Autobahn 21 von Bargteheide nach Kiel, du ewige Baustelle, auf der aber der Verkehr im Gegensatz zur A7 immer rollt und sich nicht staut. Stau mag KaSi nicht. Ich auch nicht.

Vier / zwei / viele Räder

das könnte ich den ganzen Tag machen

Alles andere, egal was es ist, scheint dem wegrationalisierten Wunderwagen aus Salzgitter gut zu bekommen. Der 43 Jahre alte NSU rollt und bremst agil durch die Welt, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Als würde er nicht die meiste Zeit irgendwo gut behütet rumstehen. Geht so ein K70 eigentlich überhaupt irgendwann mal kaputt? Ach ja, da war mal was, vor ein paar Jahren. Mit den Bremsen. Ist aber lange her :-) Ich bin wieder zurückversetzt in andere Zeiten. Gar nicht die Kindheit, das war ja eine andere Geschichte (und beinhaltet den Blick vom Rücksitz nach vorn), mehr die Zeit zwischen meinem ersten Leben und jetzt. Irgendwo rund um 2007 oder 2008. Mein Papa guckt mich von dem Bild auf dem Armaturenbrett irgendwie herausfordernd und fragend an. Aber er lächelt. Ups? Der Plan geht auf, das alte Auto lenkt mich so sagenhaft gut ab dass ich nicht über taxischlachten nachdenke und *schwupps* in Kiel ankomme. Ich habe nicht mal Bilder unterwegs auf irgendwelchen Rastplätzen gemacht, aber ich glaube da sind auch gar keine. Nur zwei Tankstellen, da, wo der Schaufelradbagger des norddeutschen Autobahnbaus noch nicht seine vernichtende Schneise in die ehemalige B404 gefräst hat. Eine Esso und eine NordOel. Bald sind die auch dicht und eingeebnet. Dann ist da nur noch eine vierspurige Asphaltpiste.

dem Horizont entgegen

dem Horizont entgegen

Hallo Kiel.
Ich bin schlecht auf diesen Moment vorbereitet. Der ganze zusammengetragene Mist eines langen, wenn auch warmen Winters stapelt sich in meiner Garage. Ich sollte da öfter mal mein Auto reinstellen, groß genug ist sie ja :-) Jetzt muss ich hier erstmal irgendwie den wannabe VW reinzirkeln, Mofa beiseite, Kinderwagen raus, Winterreifen vom Taxi nach hinten an die Wand und dann mit viiiiiel Gefühl rückwärts schräg von links kommend rein. *knack* War klar. Das alte Bild an der Wand, das mit dem Holzrahmen und den Engeln mit röhrendem Hirsch in den Bergen, hat nach Feindkontakt den zweiten Riss bekommen. Warum sollte heute irgend etwas anders sein als sonst, wenn ich dieses Auto rückwärts in die Garage fahre? Irgendwann hänge ich den Schinken mal an die Wand. Wo kommt der eigentlich her? Ich glaube, den habe ich mitgenommen, als ich vor gefühlt 100 Jahren einen antiken Schreibtisch für mein halbfinnisches Fräulein Altona geholt habe. Mit dem Golf Bon Jovi. Ach ja, und Markus, dem Hallenhüter. Okay, da schließt sich der Kreis. Ansonsten brauchen Sie nicht jedem Gedankengang am heutigen Tag folgen, ich bin ein wenig durcheinander.

Vier / zwei / viele Räder

Das lernt man in keiner Fahrschule

Mit ein bisschen Hin und Her passt die gar nicht so kleine Limousine tatsächlich noch in das gemauerte Fahrzeugdomizil rein. Alles, was ich nicht mehr daneben stapeln kann lege ich auf die Motorhaube oder davor. Die gelben Säcke muss ich auch beizeiten mal raus auf die Straße stellen…. In Kiel haben wir den gelben Wertstoffsack, der (glaube ich) jeden zweiten Montag abgeholt wird. Das sind dann die Tage, wo große Mengen von wiederverwertbarem Plastikmüll durch die Straßen wehen, weil hungrige Katzen schon am Vorabend die durchwachsen riechenden Säcke gefleddert und sich an Joghurtresten und anderem Zivilisationsmist satt geschleckt haben. Ciao KaSi. Lange bist du nicht alleine, aber jetzt drückt meine Zeit ein bisschen, denn ich muss zurück nach Hamburg und bin noch nicht mal am Bahnhof.

Vier / zwei / viele Räder

bald wird er unter Krams verschwunden sein

Hallo Fahrrad. Fahren Sie Fahrrad? Fährt überhaupt noch irgend jemand Fahrrad heute? Ich habe das zeitlebens gemacht, zur Schule, zum Ausbildungsplatz, zur Uni, zur Firma, in den Verlag…. ich bin immer Fahrrad gefahren. Bei Hitze und Sonne, bei Wind und Regen und auch bei Schnee. Ganz früher war es ein sportliches Herrenrad von Brennabor (huch? :-) ) – seit ich nicht mehr zu Hause bei meinen Eltern wohne habe ich mein Mountainbike, eines der ersten damals Anfang der 90er und seinerzeit entsprechend teuer. Das scheint sich aber irgendwie gerechnet zu haben, ich hatte nie das Bedürfnis, ein anderes Fahrrad zu besitzen, und außer ein paar neuen Kettenblättern und Bremsbacken geht ja daran auch nix kaputt. Schweife ich ab? Von Kiel nach Hamburg ist es ein bisschen zu weit für eine Fahrradtour, 100 Kilometer, dass muss heute nicht wirklich sein. Aber zum Bahnhof, mit leichtem Gepäck, das ist okay, das geht fast nur bergab (ja, Kiel ist ganz schön bergig) und ist fast schneller als mit dem Auto. So, hab ich alles? Nummernschilder, Kamera, Zigarillos…

Auf, auf und davoooon

Auf, auf und davoooon

Irgendwie ist fahrradfahren klasse. Wieso ist eigentlich Kiel – Hamburg zu weit??? Als Teenager bin ich im Sommer regelmäßig von Plön in meine Heimatstadt Uelzen geradelt, mal alleine, mal mit einem Freund. Bei meiner Sandkastenfreundin Silke in Ripdorf konnten wir dann immer unter dem Kirschbaum zelten und so die ewig langen Sommerferien ein bisschen abwechslungsreicher gestalten. Zelten, Stephen King lesen, Kirschen und Erdbeeren essen, Gitarre spielen und Rotwein trinken. Eigentlich könnte ich das mal wieder machen. Ob ich die Strecke noch schaffe? 190 Kilometer? :-) Ich alter Mann. Ich setze das mal auf meine Agenda der noch zu erledigenden Dinge in meinem Leben, inklusive Gitarrenabend mit Kerze und Silke und Rotwein und Lebkuchenherzen. Und vielleicht einer Hollywoodschaukel. Es gibt nicht viele Menschen auf der Welt, die jetzt wissen, was ich meine. Agenda hin oder her, wenn ich den Zug um halb noch erreichen will muss ich mich mal sputen.

Vier / zwei / viele Räder

Kiel, heute mit guter Ökobilanz

Schnell mit dem Zahlenschloss den Drahtesel an einen Poller geknotet und rein in die Halle. Hallo Deutsche Bahn. Ich habe nicht mal mehr ‘ne Bahncard… Jahrelang hatte ich eine Bahncard 50 und die auch immer fleißig genutzt, mal war ich hier, mal mein halbfinnisches Fräulein Altona da, mal in Berlin, mal in Hamburg, mal in Kiel. Das Leben hat sich auf Kiel und Hamburg eingeschossen, keine Kapriolen rund um verschobene Lebensmittelpunkte mehr, also auch keine Bahncard. Für diese 100 Kilometer Distanz fahre ich auch viel zu gern Auto. Na mal sehen, wie das mit der A7 und ihren Großbaustellen um den Elbtunnel rum weitergeht und wie die A21 als Alternativroute damit korrespondieren, vielleicht nutze ich ja bald doch wieder mehr Bahn? ;-) Immerhin sitzt man da entspannt bei seinem Kaffee, schaut aus dem Fenster auf die öde norddeutsche Steppe, liest oder schreibt was… Hauptsache nicht telefonieren, wer noch immer behauptet das deutsche Mobilfunknetz sei gut ausgebaut hat sich noch nicht mit einer Eisenbahn telefonierend zwischen Kiel und Hamburg und Berlin aufgehalten. Und hey – ich bin sogar bei der Telekom, wer noch immer Kunde von E Plus oder so ist sollte die Ballungsgebiete lieber erst gar nicht verlassen…

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von Zuhause nach Zuhause

Einen heißen Kaffee von dem Mann mit dem Kaffeewagen, ein banales und nicht weltbewegendes PC Spielemagazin und der immer gleiche Gedanke, den ich in einem fahrenden Zug habe: Wenn dieser Zug mit Lichtgeschwindigkeit in Richtung Hamburg fährt und der Mann mit dem Kaffeewagen in diesem Zug in Fahrtrichtung läuft – bewegt er sich dann für einen außenstehenden Beobachter schneller als das Licht? :-D Da können Sie ja mal drüber nachdenken. Einstein sagt: nein. Und ich nach ein paar Jahren des Physikstudiums auch. Meine 13jährige Tochter will das unbedingt in den kommenden Wochen mal erläutert haben, ich denke, das wird möglich sein. Ich gucke noch ein bisschen aus dem Fenster, lese noch ein bisschen über die neuen sexy Open World Egoshooter in diesem Jahr und bin – schwupps – auch schon am Bahnhof Dammtor in Hamburg. Wenn auch nicht ganz so schnell wie das Licht.

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und der Tag ist noch immer jung.

Hallo Hamburg. Helloooo again ♫ würde Howard Carpendale trällern. Hier fing heute Morgen alles an, ich weiß im Moment grad nicht wie spät es ist, ich habe unter all den Fortbewegungsmitteln ein bisschen mein Zeitgefühl verloren. Wilde, wühlige Zeiten liegen auch ganz ohne Relativitätskonstante gerade über meinem Leben, dieser Taxi-Transport-Hick-Hack steht ein bisschen Pate dafür und während ich diese Zeilen schreibe fällt mir obendrein noch ein, dass mein Fahrrad in Kiel noch immer vorm Bahnhof steht. Verdammt. Das muss ich dann wohl bald mal abholen, wenn es noch nicht gefleddert wurde. Jetzt bin ich erstmal richtig müde, der Kaffee des freundlichen Bahnbeamten wirkt nicht so wie er soll (weil er eben NICHT schneller als das Licht war) und ich steige auf das nächste Fahrrad. Das alte Brennabor, was ich hier abgestellt hatte, Sie erinnern sich vielleicht. Das ist noch immer da. Warum sollte das auch jemand klauen?

Vier / zwei / viele Räder

was vom Tage übrig blieb

Hallo Abend. Nun ist das Taxi also eingelagert. Sein würdiger Nachfolger steht in Altona unter Hamburger Linden und lässt sich von diesen verdammten Läusen genau so klebrig vollpissen wie alle anderen Autos, die ich vor ihm da geparkt habe. Wer hat sich denn ausgedacht, in Großstädten Linden zu pflanzen? Aber ich will nicht noch einen Off-Topic aufmachen. Übrig bleibt, neben vielen vielen ungeordneten Gedanken über diesen langen Tag verteilt, eine weitere Plastiktüte. In ihr sind Radio, Parkscheibe, Kleinkram aus den Seitentaschen, Kugelschreiber und die Christopherus Medallie. Alles, was an persönlichem Kram eben aus einem Auto rauskommt, wenn es den Weg alles irdischen gehen wird. Die Madonna ist schon im neuen Auto eingezogen, das Kleingeld aus dem Aschenbecher auch. Ich habe die Tüte erstmal zu den anderen in die Garage gestellt. Schauen wir mal, wie es so weitergeht, mit den Autos und mit ein paar anderen Sachen. So oder so – ich werde Sie und euch damit volltexten :-)

Sandmann

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Created Dienstag, 01. Juli 2014 Tags Ersatzteile | Fahrrad | hamburg | Ich fahr... TAXI! | K 70 | K70 | K70 - Goldene Zeiten | KaSi | Kiel | S210 | schlachten | Sternstunden | taxi | VW K70 | W210 Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
25 Jun 2014
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Der letzte Fahrgast

Tod eines Taxis, Teil 1

Der letzte Fahrgast

Danke für diesen guten Morgen ♫

Ein Jahr Taxiwitze. Ein Jahr das beruhigende, stoische Nageln eines unzerstörbaren Motors, während um mich rum so ziemlich alles zerstörbar scheint. Das fühlte sich trutzburgig an. Irgendwie. Aber so treu die vier Augen auch gucken, nun ist Schluss. Kein Anruf “Was is letzte Preisch?“, kein Angebot, ein schweigendes Telefon und nur vereinzelt ein bisschen eifersüchtiges Rumgehupe unten vor meinem Haus, weil der Nachfolger, den Konkurrent in der sandmann’schen Personenbeförderung schon ein zugelassenes Nummernschild hat. Auch ein Taxi hat Gefühle, aber ich muss Prioritäten setzen und fange damit heute mal an. Zeit? Hab ich die kommenden sechs Wochen nicht, also wird das Elfenbein eingelagert. Endgelagert. Auf Umwegen, selbstverständlich, ein bisschen Pathos sei erlaubt…

Denn ich muss ja irgendwie hin und zurück.

Der letzte Fahrgast

Ein letztes mal über Hamburgs Straßen

Wenn Sie erst jetzt eingeschaltet haben: Ich habe mir ein anderes Auto gekauft und muss ja nun was mit dem “alten” anstellen. Weil ich nicht irgend einen armen Freund oder Kollegen mit meinen Autogeschichten behelligen will versuche ich das mal wieder im Alleingang. Dafür brauche ich:

  • Zeit (ach Mist, die hab ich ja nicht… also nehme ich sie mir),
  • ein Fahrrad in Hamburg,
  • einen Markus in Wahlstedt,
  • seine Halle,
  • einen KaSi,
  • ein Fahrrad in Kiel und
  • einen Regionalexpress.

Mir ist schon ein bisschen komisch, wie immer, wenn ich mich von einem Auto verabschiede. Das war schon beim V8 nicht leicht (die Geschichte schulde ich Ihnen noch), beim Taunus auch nicht (die Geschichte schulde ich Ihnen AUCH noch) und sogar das Auswildern des Bon Jovi meines halbfinnischen Fräulein Altonas ging nicht ohne Tränen über die Bühne (auch da gibt’s noch einen Nachruf). Und jetzt bin ich allein unterwegs, allein mit Tori Amos, und die singt mir ein paar frühmorgendliche Klavierballaden in die Ohren. Und hinten im sagenhaft großen “Kombi? – braucht man nicht Memorial Gepäckraum” liegt kommod mein Hamburg Fahrrad. Das stelle ich am Bahnhof Altona ab, denn das brauche ich nachher noch. Später.

Der letzte Fahrgast

Muskelkraft auf Abruf, für später

Ich platziere den Drahtesel neben den Taxiparkplätzen :-) Auch auf die Gefahr hin, dass ich entgegen aller journalistischen Grundsätze schon wieder ständig abschweife: Ich gebe inzwischen zu, dass ein Kombi (in diesem Fall ein T-Modell) schon echt heftig praktisch ist. Einfach alles rein da. Schön ist anders, stilvoll geht besser, aber hey – es gibt Phasen im Leben, da freut man sich über den Raum, der einem gelassen wird. Wo man schlimmstenfalls sogar wohnen könnte. Dieses Auto macht das mit Bestnote, für ein durchschnittliches 20-Euro Flohmarkt Herrenrad der Marke “Brennabor” mit Sachs Torpedo Dreigangschaltung muss nicht mal der Rücksitz umgeklappt werden ;-) Schön. Nun ist also auch das Fahrrad raus und Tori und ich sind allein auf dem Weg erst über die A1 und dann die A21 nach Wahlstedt. Zum Endlager. Zum Abdecker…?

Der letzte Fahrgast

Ein letztes mal Roadmovie auf MB Tex Sitzen

Jammer nicht Kerl, es ist nur ein Auto. Oder? Nee. Wenn das so einfach wäre, schriebe ich keine Alltagsgeschichten, in denen diese runtergerockten Karren meistens die Hauptfiguren sind. Ein Auto ist für mich nicht einfach nur ein kostspieliges, unwirtschaftliches Fortbewegungsmittel von A nach B. Dieses Taxi hat mein Leben begleitet, wie jedes Auto vor ihm auch. Besonders wenn die See stürmisch ist gebe ich das schwimmfähige Schiff nur ungern aus der Hand, denn es hat zu mir gehalten im Rahmen seiner Aufgaben. *schluck* als mir das bewusst wird, jetzt wo ich mit Tori so allein bin und sie mich in Ruhe lässt, weil sie sich aufs Singen konzentriert werde ich sogar ein bisschen… traurig? Hubs :-( Ich nehme mir vor, nachher noch ein paar Sachen aufzulisten, die mich vielleicht an die Zeit und den Wagen erinnern werden, wenn er mal nicht mehr ist. Und das dauert ja gar nicht mehr lange, so der Plan. Huch? Was singt die älter werdende rothaarige Frau denn da?

Der letzte Fahrgast

Als hätte sie es gewusst?

Gniiihihi :-) Ich hatte vergessen, dass es dieses Lied weiter hinten auf der CD gibt. Bezeichnend. Ich schwanke noch ein bisschen zwischen Belustigung und NOCH mehr Melancholie, entscheide mich dann für Belustigung und mache ein bisschen lauter. Das Wetter ist schön, das Leben geht ja weiter (wie albern, merke ich gerade, am Ende IST es ja tatsächlich nur ein Auto) und irgendwie machen “neue” alte Autos ja auch Spaß. Das einzig Konstante im Leben ist die Veränderung. Außerdem kann man nicht behaupten, das alte Taxi habe nichts von der Welt gesehen. Ich tröste mich mit der Metapher eines knochigen Mannes, der im Leben schon viel erlebt hat, nun aber sehr sehr alt und müde ist und seinen Frieden mit dem Leben, was er lebte, gemacht hat. Und nun kann er gehen. Ja. Hm. Doch. Passt. Ich bin in Fotolaune, da vorn kommt der letzte Rastplatz vor der Ausfahrt Wahlstedt und ich will nochmal ein paar klassische Bilder machen. Sowas wie… nachdenklich auf dem Kantstein sitzen. Und auf der Haube. Und so. Sie kennen das ja.

Der letzte Fahrgast

Das Ende der Rast

Und das alles noch nicht mal mit der guten Spiegelreflexkamera, die ist kaputt :-( Runtergefallen. Bumms knack. Bis die wieder heile gemacht wird muss es eine Leihkamera tun, aber wen interessiert das, wir sind hier in einem Blog und nicht in einem Retina-Display-4K-Wahnsinn. Während ich so auf dem klassischen Bordstein sitze und selbstverliebt auf das *klick* des Selbstauslösers warte frage ich mich, ob dieses Beige, dieses Hell Elfenbein eigentlich gut für Fotos ist? Das kommt wohl auf den Hintergrund an, vor schneereichen dänischen Tundren macht es sich sicherlich nicht so gut wie vor frühsommerlich sattgrünen norddeutschen Autobahnbäumen. *klick* Na gut, die dänischen Tundren bekommt die Karre eh nicht mehr zu sehen. *snief* Hab ich bei diesem Autowagen denn überhaupt schon mal auf der Haube gesessen? Ich glaube nicht. Da war immer zu viel um die Ohren. Na dann los :-D

Haubensitzen

Haubensitzen

Jaaaaaaahhhh super. Ich MUSS einfach Autos fahren, auf deren Hauben man sich setzen kann. Diese schräg abfallenden Dünnblech-Regenrutschen neuerer Vernunftskutschen werden niemals meine Philosophie entern. Schlimm genug, dass ich mich auf Kombis einlasse, statt der klassischen Stufenhecklimousine einen täglichen Altar zu bauen. Aber ich habe ja noch den Audi. Das ist dann wieder eine andere Geschichte. Während ich so auf der Haube rumsitze und das neuerliche *klick* des Selbstauslösers schon längst an den Flanken vorbeidonnernder 30Tonner abgeprallt ist kommt mir wieder das Thema “Rost” in den Sinn. Der W210, oder in meinem Fall der S210 hat die Marke Mercedes-Benz leider damals in ein tiefes Tal der Häme geschleudert, weil es Jahrgänge gab, die einfach überall gerostet haben. Überall, sogar mitten auf dem Dach. Der hier nicht. Die vorderen Federteller sind auch schon mal neu gemacht worden. Und das ist gut. Vielleicht kann ich die fast rostfreien Türen doch noch in Gold aufwiegen? Oder zumindest in … äh… nun vielleicht kauft sie mir ja jemand ab. Weiter geht’s. Nach wenigen Minuten der akustisch Amos-untermalten Weiterfahrt erreichen wir das sagenumwobene Endlager Wahlstedt, nein, keine Wiederaufbereitungsanlage. Hier ist es zu Ende. Und das wird dem Anreisenden auch gleich unmissverständlich gezeigt.

Der letzte Fahrgast

angekommen auf dem Schrott?

Mein guter Kumpel Markus hat hier seine Schrauberhalle, ein helles, sauberes Gebäude mit allem drin, was das Herz eines Bastlers begehrt. Außen rum liegt eine Menge Mist, der allerdings nicht von ihm kommt. Hier wildern noch andere. Zittert der alte Daimler ein bisschen, während er hier auf den Hof rollt…? Och… Zwischen Bauschutthügeln und zerbeulten Autowracks ballert eine unerbittliche Junisonne auf die Szene. Warm ist es. Und irgendwie wird meine Laune besser, auch wenn ich gleich ein letztes mal den Schlüssel drehe und den treuen Motor stoppe. Aber vorher bereite ich mich noch ein paar einsame Minuten lang auf den Moment vor. Irgendwie freue ich mich auch auf’s Schlachten. Ich werde ohne Rücksicht auf kaputt gehende Kleinteile mal wieder ein Auto zerlegen, von dem ich viele Baugruppen sogar noch selbst gebrauchen kann (aber auch das ist eine andere Geschichte), außerdem habe ich schon lange keinen Motor mehr komplett ausgebaut, geschweige denn ein Getriebe. Da lauern viele abgefuckte Tage mit dem guten Markus, dem einen oder anderen Bier und auch sicherlich ein paar Schraubergeschichten aus den Tiefen der 90er Jahre Technik eines alten Mercedes. Cool.

Der letzte Fahrgast

Taxi vor Zivilisationsmüll

Mein Zeitplan hier und jetzt ist ein wenig fremdgesteuert, denn ich bin erst auf halbem Weg nach Kiel und muss heute, also ehrlich gesagt jetzt gleich, ohne Auto weiterreisen. Erst nach Kiel, dann zurück nach Hamburg. Dabei hilft mir ein weiterer alter treuer Freund, nicht ganz als Auto zu bezeichnen, aber golden wie die Herbstsonne und genau so alt wie ich. Doch bevor ich ein letztes, ein wirklich allerletztes mal die Tür des Taxis zuwerfe schau ich mich noch einmal um.

Was für ein sagenhafter Platz.

Der letzte Fahrgast

mehr Platz als so manches WG-Zimmer

Der Mix aus Schafsfell auf MB-Tex und ziemlich gut erhaltenem Wagenhimmel hinterlassen einen pflegeleichten, altgedienten Mix aus Bequemlichkeit und unfassbarem Raumangebot. Gab es in der 90ern eigentlich irgend einen anderen Serienkombi, der so viel Platz bot wie ein S210? Ich glaube nicht. Die Lampen überall, die sich nach dem Aussteigen langsam runterdimmen geben Nachts eine Lounge-Atmosphäre, aber das ist jetzt ziemlich egal. Und Platz hat mein neuer auch.

Was für ein griffiges Lenkrad.

Der letzte Fahrgast

Die 70er sind zurück

Der platte Vor-MOPF-Topf, umwickelt mit irgend so einem Schrubbel-Band aus den 70er Jahren. Nicht, weil jemand es vielleicht schick oder stylisch gefunden hätte. Nein. Nach 652.000 Kilometern ist das einst ledern umhäkelte Volant einfach schon so derbe abgegriffen, dass ohne so eine Kunststoffschicht niemand mehr seine Hände darum legen wollen würde. Ich habe mal drunter geguckt. Glauben Sie mir, das wollen Sie nicht sehen. Aus dem gleichen Grund sind übrigens auch die gehäuteten MähMähs auf den vorderen Sitzen, glauben Sie mal nicht, dass ich die besonders toll finde…

Was für ein Rück-Blick.

Der letzte Fahrgast

Spieglein Spieglein an dem Dach

Das ist mir erst nach Wochen aufgefallen. Über dem Spiegel steckt ein Spiegel. Das Original ist blind und ranzig, und statt den gegen ein gebrauchtes 13-Euro-ebay-Teil auszutauschen hat jemand einen zweiten Spiegel mit Gmmibändern draufgepflanzt. Wahrscheinlich aus dem Supermarktuniversalzubehör. Auch die Halterung des Teils in Kombination mit den Leselampen im Dach scheint nicht von diesem Stern, jedenfalls war man in der Mercedes-Benz Hauptfiliale in Hamburg Süd nicht in der Lage, mir die passenden Leselampen im Ersatz zu verkaufen. Weil es diese Ausführung schlicht nicht gibt. Was auch erklärt, dass ich den Wagen damals ohne diese Leselampen gekauft habe. Seltsam.

Was für ein Glauben.

Der letzte Fahrgast

Madonna ist immer dabei.

Gekauft auf dem Ätna und erstmals in Erscheinung getreten in einem Blog über einen Urlaub mit einem Fiat in Sizilien ist sie immer dabei, die Dashboard Madonna. In diesem Mercedes habe ich sie erstmals direkt auf eine Zierleiste geklebt, und jetzt wandert sie schon wieder ins nächste Auto. Sie macht ihren Job bisher gut, die Heilige, und ich habe sie schon mehr als ein mal zärtlich über den Kopf gestreichelt. Danke. Ab ins nächste Cockpit, ich darf die nachher nicht vergessen.

Was für ein Kaufrausch.

Der letzte Fahrgast

Wollen Sie ihr Auto verkaufen?

Und es sind noch nicht einmal alle Karten, die mir ans Fenster gesteckt wurden. Irgendwann habe ich angefangen, die hinter die linke Fondscheibe zu stecken, teils, weil der Fensterheber da eh nicht geht und teils weil ich glaubte, dass so ein Vorgehen weitere Karten fernhalten würde. Aber nee. Noch eine und noch eine. Und nun? Jetzt WILL ich ihn verkaufen, und niemand will ihn haben. Pah. Dann eben nicht.

Was für eine Laufleistung.

Der letzte Fahrgast

Da bleibt er nun stehen

Ein mal zum Mond und wieder zurück. 16 mal um die ganze Welt. 3273 mal von Kiel nach Hamburg und zurück. Legt man eine zügige Fahrweise und keine Staus zugrunde, schafft man das in 2,5 Stunden. Also, hin und zurück. So gesehen würde man ein ganzes Jahr non stop in diesem Auto von Kiel nach Hamburg und zurück fahren, bis man diese Kilometerzahl erreicht hat. Das flößt mir Respekt ein, unabhängig von meiner tiefen Verneigung vor der Technik, die das gepackt hat. Gutes Auto. Du hättest noch mehr geschafft. Ich sattel jetzt mal temporär um auf vierrädrige goldene Zeiten, der läuft schon warm…

Der letzte Fahrgast

Einer bleibt immer dabei

Jetzt steht er vor der Halle, der dicke Daimler. *rumms* ist die Tür zu, nun endgültig, und der Schlüssel liegt hinten im Kofferraum, damit Markus den heute Abend reinfahren kann. Den KaSi hat er ja schon rausgefahren, mit dem wird es gleich weiter gehen. Eigentlich also nicht mit einem Auto, sondern mit meiner persönlichen Zeitmaschine. Meine Autos kommen und gehen, aber seit 2007 ist das kleine goldene Ding eine Art Konstante in meinem automobilen Alltag geworden. Seit der Tour in den Pfälzer Wald ist der KaSi da. Und warum sollte ich den jemals wieder hergeben? Reinsetzen, starten, losfahren. Egal wann. Egal wie kalt oder warm. Er ist wie ein unsterblicher, treuer Hund, der vergessene NSU aus Salzgitter. Sein Job heute: Mich zurück nach Kiel bringen und da auf weitere Einsätze warten :-) Denn da geht es mit dem Fahrrad weiter zum Bahnhof. Die Taxifahrt jedenfalls endet hier. Ich war der allerletzte Fahrgast dieses genügsamen, geduldigen Autos.

Nie wieder

Nie wieder

Wie geht es auf dieser Reise weiter? Na ja, erstmal über Kiel nach Hamburg, davon erzähle ich Ihnen die nächsten Tage. Und dann raus aus Deutschland, für zwei Wochen, um anschließend einmal vorzufühlen, was Sie und ihr zu dem offiziellen Nachfolger des T-Modells sagen. Dunkelblau ist er. Und ein bisschen neuer als der elfenbeinfarbene Selbstzünder. Ich bin ziemlich gespannt, wie im Herbst das Zerlegen und Filetieren des Sternenkreuzers voran gehen wird. Die Preise für einzelne Teile (besonders am Motor) sind ziemlich lecker, vielleicht werde ich ja noch wahnsinnig reich ;-) Ich bin dann mal unterwegs in einem 43 Jahre alten Auto mit 15 Jahre alten Reifen. Der Sonne entgegen. Ohne Musik, also auch ohne Tori Amos, das Leben singt in diesen Tagen seine Dissonanzen in Moll sowieso laut genug. Ich höre aufmerksam zu. Vielleicht kann ich noch was lernen.

Sandmann

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Created Mittwoch, 25. Juni 2014 Tags abmelden | Ersatzteile | Fahrrad | halle | Ich fahr... TAXI! | letzte Reise | letzter Fahrgast | S210 | schlachten | Sternstunden | taxi | Tori Amos | W210 Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
12 Jun 2014
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Seine Zeit läuft ab

Taxi und Tic Tac

Taxi und Tic Tac

Jedes Auto hat seine Zeit. Einige Freunde auf vier Rädern bleiben lange, manche sogar ewig. Andere nicht, und das hat dann seine Gründe. Bevor ich Ihnen die letzte Fahrt des Taxis um die Augen haue gebe ich noch eine offizielle, verworrene Presseerklärung zur Lage ab. Das macht man ja heute so. Denn ich bin schon ziemlich überrascht, wie viele Mails, SMS oder Facebook-Kommentare ich zum Thema “Taxi geht weg” bekomme. Haben Sie den runtergerittenen Schlitten gar mehr ins Herz geschlossen als ich? :-) Also – nichts ohne Grund. Das hier sind gleich mehrere…

Seine Zeit läuft ab

Auch ein Rücken kann entzücken

Mobilität. Die muss gegeben sein, wenn man wie ich zwischen zwei Städten pendelt und nebenbei beruflich im ganzen Land plus Berlin unterwegs ist, um andere Autos zu fotografieren und darüber Geschichten zu schreiben. Ja, ich habe auch einen Beruf :-) Krass, oder? Genaugenommen sogar zwei. Wenn sich in solchen Lebenssituationen das Alltagsauto als unzuverlässig erweist ist das kein gutes Gefühl, schon gar nicht, wenn der bisher als Backup fungierende Wagen der Freundin auch nicht mehr unter den klebrigen Linden Hamburgs parkt. Auf den hätte man ja ausweichen können. Nun wäre bei einer Havarie ausschließlich der alte Audi 100 da, das ist ganz okay, aber nicht für quer durch die Republik. “Aber das Taxi läuft doch…???” denken Sie jetzt. Stimmt. Inzwischen tut es das ganz hervorragend, aber letzten Winter habe ich ihn an so manchem Morgen nicht bewegen können, weil entweder die Glühkerzen platt waren oder dann als Resultat der Anlasser. Oder das Abgasregelventil. Oder das Saugrohr. Das tritt zwar lustige Geschichten los, wenn Papa und Tochter spontan bei -5 Grad auf dem Mofa lachend zur Schule knattern, aber schön ist das auf Dauer nicht… Ich brauche einfach und unbedingt ein zuverlässiges Auto, und nach 650.000 Kilometern auf dem Tacho kann ALLES passieren.

Seine Zeit läuft ab

Große Klappe, viel dahinter

Arbeitsaufwand und Zeit. Ich habe immer gern an meinen Autos geschraubt und werde das auch immer machen. Das entspannt, das spart Geld, das macht glücklich. Aber in diesen Monaten des Sommers 2014 habe ich aus verschiedenen Gründen schlicht keine Zeit, mich um Schweißarbeiten, neu zu verlegende Handbremsseile, neue Kotflügel und auszutauschende “Bulleneier” zu kümmern. Und der TÜV ruft laut. Ich könnte das Taxi in die Werkstatt geben, aber das würde seinen Kaufpreis übersteigen. Und sogar WENN ich mit euer an verschiedenen Stellen selbstlos angebotenen Hilfe den dicken Daimler nochmal über die HU bringen würde – er wäre noch immer eine (ich zitiere) “runtergerittene Hure”, klapperig, rostig, ausgejackelt und schon weit hinter dem Zenit seines Lebens. Örg findet sowas toll. Bei Bamako Motors oder dem Fusselblogkönnte ich damit wohl auch punkten :-) Aber da ist dann noch immer mein halbfinnisches Fräulein Altona, das einfach keine Lust hat, beim Schalten den Wählhebel aus dem Getriebe rauszuziehen, die Heckklappe nicht abschließen zu können oder mit ausgeschlagenen Achslagern über die Autobahn zu hüpfen wie ein tiefer gelegter Opel Astra. Kann ich verstehen.

Seine Zeit läuft ab

aber er guckt so freundlich

Geld. Immer wieder Geld. Während der Taxilaufbahn des alten S210 wurde jährlich in sein Überleben investiert, denn es rief jährlich die Hauptuntersuchung. Er war ein Werkzeug, was funktionieren musste, damit sein Besitzer seinen Lebensunterhalt damit verdienen konnte. Das hatte ihm vor nicht allzu langer Zeit neue Bremsen, ein neues Lenkgetriebe, neue Scheinwerfergläser und viele andere kleine Neuteile beschert. Jetzt ist ein Riss in der Frontscheibe (und ich scheue mich, die Teilkasko dafür zu belangen, denn ich habe diesen Riss nicht selbst verursacht), besagte “Bulleneier” sind platt, der Unterboden hat ein paar Löcher, die Feststellbremse geht nicht und die Klimaanlage ist irgendwo undicht. Und der Sommer ist warm, sehr warm. Das alles zusammen, ohne Scheibe, kostet schon 600-700 Euro. Und wer weiß was die emsigen Ingenieure beim TÜV noch finden. Soll ich wirklich nochmal Geld in so ein altes Auto stecken, was keiner außer mir zu mögen scheint und was schon 16 mal um die ganze Welt gefahren ist? Nein. Und komplett verkaufen? :-) Hab ich versucht. Gestern hat sich ein einziger Interessent gemeldet. Und danach nie wieder.

Seine Zeit läuft ab

Tick Tack lebe wohl

Das Taxi verlässt mein Leben und meinen Alltag dem selben Grund wie der treue Rudolf Diesel vor gut einem Jahr. Vernunft. Ich bin schon auf so vielen Ebenen durchgeknallt und unvernünftig, ich kann es mir erlauben, an dieser Stelle einmal ruhig und fast emotionslos kalkulierend zu bleiben. Aber der lange, elfenbeinfarbende Nagelkreuzer wird anteilig weiterleben. Wir zerlegen ihn komplett, so dass nur noch eine rollbare Rohkarosse übrig bleiben wird. Alle Türen und Klappen, Antriebswellen, Motor, Getriebe, Interieur – alles muss raus. Und für die Einzelteile bekommt man wiederum bei ebay richtig viel Knete. Vielleicht sogar so viel, dass ich den Preis von seinem Nachfolger, der inzwischen zugelassen vor meiner Tür steht, wieder reinbekomme. Der ist AUCH nicht vernünftig, der ist AUCH alt und der ist AUCH groß. Aber nicht ganz so … äh … ich nenne es mal “streckenerfahren”. Braucht noch jemand Teile von einem 290 Turbodiesel? Ich hab da ein paar. Und ein paar andere werde ich auch behalten, vielleicht bin ich ja doch nicht so emotionslos bei dem Thema wie ich behaupte….

Sandmann

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Created Donnerstag, 12. Juni 2014 Tags e-klasse | Ersatzteile | Ich fahr... TAXI! | S210 | schlachten | Sternstunden | T-Modell | taxi | Teile | Vernunft | W210 Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
06 Jun 2014
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Auto Blog of the year 2014 – Katzen gehen immer.

Och bitteeeeee

Och bitteeeeee

Man kann mit verschiedenen Aktionen die Aufmerksamkeit und vor allem die Klicks auf seine Seite ziehen. Das geht mehr oder weniger perfide, am besten klappt das, wenn man einen Wettbewerb auslobt und ein paar Verrückte dazu bringt, für einander zu voten. Abzustimmen. Am besten täglich :-) Das ist der Direct Line Versicherungs AG zusammen mit Motor-Talk nahezu perfekt gelungen – sie haben aufgerufen, die besten Auto Blogs aus deutschen Landen zu nominieren und dafür zu voten. Gniihihi. Und da haben sie sich mindestens zwei feine Querulanten eingefangen 8-)

Man konnte eine Zeit lang nominieren. Das hab ich natürlich auch gemacht :-) Gleich als erster.

Voraussetzungen waren:

  • Der Blog muss älter als drei Monate sein
  • Innerhalb der letzten 4 Wochen muss ein Beitrag erschienen sein
  • Das Thema ist Auto/Mobilität
  • Es wird Deutsch geschrieben

Okay, das erfüllt Sandmanns Welt weitestgehend :-) Und da schau her, ich hab mich nicht nur selbst nominiert, meine Welt war am Ende einer der meist vorgeschlagenen Blogs. Von Menschen, die ich gar nicht kenne. Geil. Und dann gab’s die Top 15, schon irgendwie eine Ehre, allein dazu zu gehören, bei 70 nominierten Blogs. Die Auswahl war bunt gemischt, alte Freunde wie der Mercedes Passion Blog von meinen Daimler-Kumpels Markus Jordan und Philipp Deppe über Highlights wie den Fusselblog von KLE und impulsee von der bezaubernden Dajana bis zur V8 Kultur des sagenhafterweise immer noch Audi V8 fahrenden Fräulein Katze aus München – klasse. Ein guter Mix. Definitiv. In der Liste sind auch ne Menge Plattformen, die mich schlicht überhaupt nicht interessieren, aber Meinungen im Netz und Texte über Autos sind IMMER gut. Egal, ob es Neuwagen, Prollkarren, grüne Stromschlurren oder Marken-Maniacs sind.

Klick auf die 5

Klick auf die 5

Und nun hatten die User zwei Wochen Zeit, unter den kurz vorgestellten Blogs auf einen bis fünf Sterne zu klicken. Das hat sich zunächst nicht gleich jedem erschlossen, das musste einigen auf Facebook noch persönlich erklärt werden. 5 Sterne: gut. Und das am besten täglich, denn sofern die IP des Routers eine andere war konnte man dann gleich nochmal abstimmen. Also hab ich natürlich auf meiner Facebookseite fleißig geworben und das erstmals seit einer halben Ewigkeit auch auf mein privates Profil mit rübergezogen. Auch auf die Gefahr hin, dass ein paar Homies genervt sein könnten ;-) Und dann war da noch Bernd. Der hat das auch gemacht…

Fusselvoting

Fusselvoting

Sowohl den Fusselblog als auch die ähnlich gelagerten farbenprächtigen Ergüsse von Bamako Motors lese ich regelmäßig mit einer Flasche Wein im Kopf und fühle mich dann immer so unfassbar normal und langweilig :-) Umso glücklicher war ich, als ich den Kotelettenkönig und Jägermeistervernichter KLE nach ein paar Tagen in den Top 3 sah. Neben Sandmanns Welt und dem Passion Blog, was eine super Plattform ist, aber die Jungs haben doch letztes Jahr schon gewonnen. Nun ist auch mal gut. Da sich Bernd und ich auch in den “privaten” Facebookprofilen ab und an unsere Neurosen um die Augen hauen war schnell eins klar: Wer gewinnt ist eigentlich egal, aber wir beide müssen am Passion Blog vorbeiziehen!

das hat die Tierschützer motiviert

das hat die Tierschützer motiviert

Also haben wir fast täglich die Jungs auf Facebook genervt und irgendwann angefangen, den anderen jeweils mitzuziehen. Ich konnte mein Glück ohnehin nicht fassen, so weit vorn zu sein, und mit einem Gewinnen des Schrauberhelden hätte ich niemals ein Problem. Also haben wir uns beide als Ziel gesetzt: Fussel und Sandmann aufs Podest, egal wie. Und den jeweils anderen in die Marketing Strategien mit einbezogen:

Die Masse macht's

Die Masse macht’s

Bernd alias KLE scheint allerdings täglich mit ein bisschen mehr Enthusiasmus als ich vor seinen Bildbearbeitungsprogrammen zu sitzen, vielleicht liegt das daran dass ich lieber texte als male? Was macht Bernd eigentlich beruflich? Ich muss ihn mal fragen. Plötzlich war klar: Wir können die Massen aktivieren. Freunde von mir sind durch Universitäten gezogen und haben von jedem verfügbaren Rechner einen Klick gemacht. Freunde von Bernd haben begriffen, dass ein Router-Reset eine neue IP vergibt und seit dem 10 Stunden am Tag immer wieder den Stecker gezogen und gleich nochmal abgestimmt. Und meine Leute auch für ihn, und seine Leute auch für mich. Glaube ich zumindest :-)

Die tägliche Erinnerung

Die tägliche Erinnerung

auspeitschen auf der SackRatte

auspeitschen auf der SackRatte

Chronologie einer Klickveranstaltung :roll:
Für mich selbst war es gleich morgens der erste Akt, erstmal ein paar Sternchen zu vergeben. Noch vor dem ersten Kaffee. Wenn ich ein paar Facebook Kommentare richtig lese haben das so einige andere auch so gemacht. Und weil ich ein generell sehr dankbarer Mensch bin habe ich dann auch öffentlich angeboten, alle Leute, die für mich klicken, bei einem Platz unter den ersten drei in die Casa Sandmann nach Kiel einzuladen und ne Menge Bier für alle im Kühlschrank bereit zu stellen. Mit Zeltübernachtung unter meinen Obstbäumen optional. Ich weiß nicht ob das gezogen hat oder das Katzenbild vom Anfang, auf jeden Fall ging der Fusselblog steil nach oben und Sandmanns Welt am Passion Blog vorbei. Krass. Vielleicht waren Markus und Phillip auch nur zu beschäftigt mit coolen Autos, als dass sie sich auch noch um die Aktvierung ihrer Fans zum Klicken auf der Direct Line Seite hätten bemühen wollen… Wie auch immer :-)

Gebt beiden Sterne

Gebt beiden Sterne

Zwischendurch kam auf Facebook die Frage auf, wie das Geklicke denn eigentlich ausgewertet würde. Augenscheinlich der Durchschnitt der angeklickten Sterne geteilt durch die abgegebenen Stimmen. Das bedeutet, wenn nur ein einziger bei einem Blog auf 5 Sterne klickt und dann nie wieder irgend jemand, hat der mehr Punkte als ein Blog, bei dem 10.000 Menschen auf 4 Sterne geklickt haben? Ich verstehe das alles nicht. Aber ich sah, dass der Fusselblog weit vorn und Sandmanns Welt gleich dahinter waren. Jetzt durfte der Passion Blog nur nicht mehr an mir vorbei ziehen…

der tägliche Wahnsinn

der tägliche Wahnsinn

mal ein sachlicher Aufruf

mal ein sachlicher Aufruf

Tiere kommen gut

Tiere kommen gut

Babys gehen fast immer

Babys gehen fast immer

Sie sehen schon, der auf halbnackte schöne Frauen einprügelnde Mann mit der Uniform hat die besseren Argumente auf Facebook verbreitet. Es sei ihm vergönnt :-D Kurz vor Schluss ging noch einmal ein Gerücht durch die sozialen Netzwerke, dass es wohl möglich sei, den Durchschnitt runterzuziehen, wenn man bei jemandem nur auf einen Stern klicke. Aha. Wie arm ist das denn bitte? Voten ist toll, jemandem seinen Tribut für die Arbeit zollen auch – aber einen Blog RUNTERzuziehen geht gar nicht. Warum? Mit welchem Recht? Wenn mir ein Programm nicht gefällt, muss ich es doch nicht gucken/lesen/hören? Warum sollte jemand die gute Arbeit von anderen abwerten, statt sich in dieser Sache einfach zu enthalten? Schlimm :-( Also haben wir zwei beiden nochmal aufgerufen, das Gas gegeben werde. Sex sells. So weit bin ich dann nicht gegangen :-D

Er hat Titten versprochen und Wort gehalten

Er hat Titten versprochen und Wort gehalten

Aber ich hatte neben den Katzen auch andere süße Tiere für meine Zwecke benutzen können. Leider kam ich erst vorgestern aus verschiedenen Gründen auf Mangusten, aber Eichhörnchen, Hamster und was weiß ich noch alles eignet sich doch auch super, um die Massen zu begeistern. Ich bekomme langsam einen Einblick, wie diese ganzen Facebook-Spielchen funktionieren :-) Aber leider bin ich glaube ich zu gutherzig, um mein Wissen auszureizen…

Fell macht glücklich

Fell macht glücklich

Und am Ende? Waren alle unsere virtuellen Freunde zugeballert mit Votingaufrufen, denen sie erstaunlich emsig gefolgt sind. 16.000 abgegebene Stimmen sind nach dem 25. Mai ausgewertet worden, und die 5 bestplatzierten wurden nach Berlin zu einem Mampf unter Gleichgesinnten eingeladen. Leider nur eingeladen. Kurz darauf wurde das Date, was eigentlich HEUTE :-) Abend stattfinden sollte, abgesagt. Zu kurzfristig, zu wenige Zusagen, aber man wolle es nachholen. So oder so hat Zucker, der Vermarkter dieses Events, vorgestern offiziell bekannt gegeben, dass die Bemühungen des sackrattigen Fusseltuners mit seinem “speziellen und eher nischigen Blog (großartig)” und des Typen, der abseits des Mainstream über ein Leben in alten Karren schreibt erfolgreich waren.

Fussel holt den Pott

Fussel holt den Pott

Platz 2

Platz 2

Hihi :-) Was bleibt? Ne Menge. Vor allem ne Menge Klicks für Direct Line, was auch das Ziel der Aktion war. Außerdem meine Dankbarkeit für euren Klickeinsatz, das ich ECHT cool!!! Aber auch ein paar Trophäen und symbolische Riesenschecks bleiben, mit denen wir uns noch fotografieren müssen. Viele User, die nun froh sind, nicht mehr täglich zum Voten aufgerufen zu werden und in meinem Fall viele User, die sich nun fragen, wann sie ihr Bier bekommen ;-) Bald. Nach dem Sommer. Ich werde mein Wort halten und nach Kiel einladen, und ich werde es rechtzeitig bekannt geben. Aber nur denen, die auch wirklich 5 Sterne gegeben haben. Die mit dem Geklicke auf nur einen Stern sollten mal ihr Gewissen durchkämmen… Danke Direct Line, danke Zucker, danke Motor Talk. Hat Spaß gemacht. Aber was ich mich frage…. wenn wir alle DEUTSCH schreiben müssen, warum heißt es dann nicht einfach “Auto Blog des Jahres 2014″?

ABOTY-Badge-2014
Ich darf jetzt für ein Jahr ein “Badge” auf meinen Kopfzeilenbildern tragen und mach einfach so weiter wir immer. Das scheint ihr ja zu mögen ;-)

Schöne Pfingsten und viel Sonne in dieser verrückten Welt wünscht

Sandmann

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04 Jun 2014
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Der Straßenarbeiter

Der Straßenarbeiter

Essen auf Rädern

Streetworker wär’ nicht mein Job. Nicht im klassischen Sinn, also Menschen da draußen in schwierigen Lebenssituationen Hoffnung und Perspektiven in homöopathischen Dosen in den Alltag zerstäuben. Auch mit Helm, oranger Jacke und Presslufthammer könnte ich nicht auf der Straße arbeiten, zu wenig Armmuskeln, und die klassischen Klischees erfülle ich auch nicht – ich bin nicht so der Bier- und Fußballfan. Pfeif auch keinen Frauen nach. Ich schreib lieber Texte und Geschichten. Und weil die zwar oft, aber nicht immer von alleine zu mir kommen fahre ich manchmal zu ihnen, quer durch eine kleine Welt aus Asphalt, Rädern, Staus, Musik und ungesunden Nahrungsmitteln. Immer mit dem Büro auf dem fellbezogenen Beifahrersitz…

Der Straßenarbeiter

Nicht direkt um die Ecke

Wenn Ihnen ganz ganz früh morgens der Bildschirm des alten TomTom links und rechts neben der Route schon anteilig Neubrandenburg und die Niederlande zeigt wissen Sie, dass es zumindest nicht nur ins Nachbardorf zu Hans-Peter und seinem Opel Corsa geht. Diesmal ist es Minden. Irgendwo bei Bielefeld (was es aber gar nicht gibt, warum zeigt mir das Navi das dann an?). Ich muss mal ein Update machen…. Ach nee, das ist ja zu alt :-) Egal, mit stark veraltetem Kartenmaterial unterwegs sein ist ein bisschen wie eine Schatzsuche mit einem alten Plan aus einer Flaschenpost, das erhöht die Spannung unterwegs. Minden liegt in einer kleinen Ecke in einem Flächenland mit Atomkraftwerken und Schafherden, dort ist die “Classic Car Ranch” und da warten 4-6 ziemlich coole Autos auf mich, fahrbar und sehr artikelwürdig. Ab Hamburg ist das wahrhaftig keine Weltreise, aber schon ein bisschen Strecke zu fahren (zumal entlang meiner verhassten A7). Schauen wir also lieber nochmal nach dem Öl, der Funktion der Bordsteckdose und werfen wir ein Ohr auf das mitgeführte Musikprogramm.

Der Straßenarbeiter

Vor ein paar Jahren noch mit freiem Oberkörper

Öl ist fein. Knapp unter Maximum. Was mich immer wieder beeindruckt, dieser Motor hat nun schon 652.000 Kilometer hinter sich, aber nennenswerter Ölverbrauch ist da nicht zu beklagen. RUMMS Klappe zu. Ich stecke die dicke aktiv gekühlte Bordsteckdose in den Anschluss auf der Mittelkonsole neben dem Aschenbecher/Eurodepot, damit mein Laptop, das Navi und das Handy ausreichend mit Strom versorgt werden und breite die digitale Informations- und Schreibtechnik auf dem zubbeligen Fell des Beifahrersitzes aus. Regelmäßig nach den Mails gucken, Facebook-Postings absetzen (beruflich wie privat) und erreichbar sein. Doof? Nein. Das muss so, schließlich ist es ein Arbeitstag, auch wenn ich den mit insgesamt sechs Autos auf der Straße verbringe. Streetworker. Irgendwie krass, dass sowas heute problemlos möglich ist, online von überall und im Auto sitzend. Kann’s los gehen?

Der Straßenarbeiter

Sonne scheint, dann kann es ja losgehen

Ich denke schon. Die schon gut wärmende Sonne krabbelt hinter hohen hamburger Häusern langsam nach oben. Sowohl mein Taxi als auch ich haben Hunger, diesen Task werde ich gleich noch vor dem Eintauchen in den Elbtunnel von der ToDo Liste streichen. Und jetzt schreibe ich auch wieder auf Deutsch. Der Verkehrsfunk orakelt zumindest bis ins nördliche Niedersachsen entspannte Straßen (wie kann das sein?), bevor Radio Schleswig-Holstein zu “Radio Gaga” von Queen wechselt und ich daraufhin den Sender, weil ich das echt nicht mehr hören kann. Haben sich eigentlich fast alle Radiostationen bundesweit abgesprochen, dass man aus den 70ern und 80ern nur genau die Lieder in Dauerschleife wiederholen darf, die uns allen schon in den 90ern auf den Sack gegangen sind? Dieses klebrige Repertoire von rund 20 perma-repetierten Dauerbrenneroldies werde ich niemals verstehen, schon gar nicht bei den Öffentlich Rechtlichen mit einem angeblichen Bildungsauftrag, für den ich auch noch unfreiwillig Gebühren bezahle. Radio 1 in Berlin/Brandenburg schafft das doch auch. Die machen, dass ich nachgucke, was das für ein Lied ist und bei iTunes dann das Album kaufe. Aber Berlin ist leider weit weg. Obwohl… wenn ich mein Navi so angucke… oh Verzeihung, ich habe mich gehen lassen. Zurück zum Thema Hunger.

Der Straßenarbeiter

Diesel fürs Taxi, Mettbrötchen für den Fahrer

In den Tank des großen elfenbeinfarbenen Sternenkreuzers gluggern viele Liter schmieriges, stinkendes Zeug. Ich kauf mir an der Kasse für mich selbst auch sowas ähnliches. Ob das meinem Körper mehr schaden wird als ein Liter Diesel kann erst durch Langzeitstudien herausgefunden werden, der Nährwert ist jedenfalls vergleichbar, der Brennwert nicht ganz – aber geben wir dem allgemeinen Mettbrötchen noch vor 8:00 Uhr eine echte Chance, okay? Dazu kalte Erdbeermilch aus der Flasche, die gibt es gefühlt seit 40 Jahren in dieser Form, ich kenne absolut niemanden außer mir der die kauft aber sie ist immer da. Schön :-) Ach ja, und Kaffee. VIEL Kaffee. Das alles zusammen kostet mehr als ein Dreigängemenü im Maritim, ich denke oberflächlich über alternative Ernährungspläne nach und setze mich derart gut bestückt wieder ans Steuer des vollgetankten automatischen Fünfgängemenüs. Es riecht nach Zwiebeln vom Mettbrötchen und Diesel von meinen Fingern. Mit dem sicheren Gefühl, hier und heute mit meinem Auto nicht den Preis für den Sexiest Place on Earth zu gewinnen beschleunige ich auf die A7 in Richtung Süden.

Tunnelblick

Tunnelblick

Vergrößern Sie sich dieses Bild, drucken Sie es aus und hängen Sie es sich gerahmt über das Bett. Das ist der Elbtunnel in Richtung Süden OHNE stehenden Verkehr. Wenn ich mir die Bauvorhaben rund um dieses Loch unter dem großen Fluss in den kommenden 10 Jahren anschaue wird dieses Foto schon sehr bald Seltenheitswert haben, und man wird beim Betrachten sowas sagen wie: “Weißt du noch damals…? Als man durch den Elbtunnel einfach so durchgefahren und am anderen Ende wieder rausgekommen ist? Das waren gute Zeiten…“. So wie heute. Vielleicht wird das gar eine komplett unstressige Reise, geprägt von Eindrücken einer längst vergangenen Sauriermotorengeneration? Vielleicht. Ein freier Elbtunnel verströmt noch keinen Optimismus im Sinne einer absurden Navi-Zeitberechnung oder solchen hahnebüchenen Stau-Echtzeitberechnungen, wie sie die lokalen Radiosender hier rausblasen. Wer die A7 kennt weiß, wie viel Zeit sie einen kosten kann. Also nutze ich diese unerwartete Freiheit unter Tage, bemerke vor lauter Glück erst bei der zweiten Strophe dass auch mein Senderwechsel zu Hamburgs Oldie 95 nun mit “Radio Gaga” von Queen belohnt wird und lasse den USB-Stick seine Einsen und Nullen ins Radio drücken, was dieses dann in analoge Wellen umwandelt.

Der Straßenarbeiter

fahn faaahn faaahn auf der…

Ah. Angenehm. Fernab von totgespielten Hits der 80er umschmeichelt die neue CD von Tori Amos meine Ohren und lässt mich auch im Kopf ein bisschen davongleiten. Wenn du erstmal durch bist ist schon fast München. So denken wir Norddeutschen, also wir GANZ Norddeutschen (alles nördlich der Elbe) über den Tunnel. Dahinter geht die Sonne gleich noch ein bisschen heller auf und beleuchtet golden und optimistisch riesige Hafenkräne, ganze Felder mit saftigen Containern, eine kleine alte Kirche mittendrin und unglaublich große Windgeneratoren.

Der Straßenarbeiter

Strom für die anderen

Und weil ich gefühlt schon fast in München bin, schlägt der schnell Hunger zu. Gnadenlos und unbeherrscht wächst mein Verlangen nach diesem Mettbrötchen. Und ich gebe dem nach. Zwiebelmett ist streng genommen das ekeligste, was man auf nährwertlose weiße Weizenbrötchen streichen kann. Zusammen mit Butter, Pfeffer und frischen Zwiebeln wird vom ersten Moment des Reinbeißens jeglicher Lippenkontakt zum anderen Geschlecht an diesem Tag bis 18:00 Uhr kategorisch ausgeschlossen, außerdem muss man schlimm pupsen von den Dingern und sie hängen noch stundenlang zwischen den Zähnen. Na und? Rohes Schweinefleisch! Ich liebe diese Teile, und vor 20:00 Uhr heute will ich maximal reden, aber nicht knutschen. Den fehlenden Nährwert wird der heiße Kaffee sicher ausgleichen.

Mampf!

Mampf!

Argh. Extreme Closeup :-) Ich hoffe ich habe Sie nicht erschreckt? Das mit dem futtern im Auto geht immer so lange gut, wie man nicht auf fleckenfreie Kleidung angewiesen ist. Die Krümel auf Hose, Sitz und Teppich kann man später irgendwann mal ausklopfen oder wegsaugen. Außerdem ist natürlich eine entspannte, möglichst dreispurige verkehrsarme Streckenführung vorteilhaft, in der Innenstadt bräuchte ich ja beide Hände zum Lenken, Blinken und Radio bedienen. Überhaupt, ich mach das mal kurz wieder an, ist gerade halb. Irgend ein niedersächsischer Sender wird mir hoffentlich sagen, dass die Verkehrslage so entspannt bleibt wie sie zurzeit ist? Äh. Nein. Knapp zu spät, NDR 1 Niedersachsen hat gerade die Blitzer durchgegeben und spielt jetzt “Radio Gaga” von Queen.

Der Straßenarbeiter

Arbeitsplatz? Ja, manchmal.

Ich wechsel zu Radio FFN und starte mit der rechten Hand das Laptop, was neben mir auf dem Sitz liegt und über mein Handy theoretisch mit dem Internet verbunden ist. Diese Theorie ist oft, aber nicht immer in die Praxis umzusetzen, denn selbst in dem tatsächlich ausgesprochen guten Netz der Deutschen Telekom wundere ich mich immer wieder, dass sogar entlang von Autobahnen die Datenrate erst von 3G auf Edge krückt, manchmal komplett zusammenbricht und im Jahr 2014 noch immer nicht stabil ist. Warum können das die Skandinavier schon seit Jahrzehnten? Komisch. Da hinten kommt ein Parkplatz, das Netz sieht gut genährt aus, ich wittere eine datenübertragende Chance und fahr mal raus und arbeite ein bisschen. Ich kenne Leute, die das suizidal während der Fahrt machen, als Fahrer wohlgemerkt, aber für solche Kapriolen hänge ich doch ein bisschen zu sehr an meinem Leben und möchte da auch Unbeteiligte nicht reinziehen. Mailtausch, Facebook Posting vorbereiten und hochladen, Seiten checken…. was da gerade alles durch mein kleines Telefon klappert flößt mir einen tiefen Respekt vor moderner Technik ein.

Der Straßenarbeiter

einige Dinge macht man lieber auf dem Parkplatz

Andere sitzen den ganzen Tag im Büro und gucken nach draußen. An einigen Tagen in der Woche mache ich das ja auch, aber hier und heute genieße ich in genau diesem “draußen” die Freiheit, unterwegs zu sein. Geil. Sitzen tu ich allerdings auch schon ganz schön lange, und was da alles wiederum seit heute Morgen durch meinen Körper klappert beeindruckt mich zwar nicht, will aber raus. Haben Sie auch das Problem, dass Sie ausgerechnet auf Rastplätzen mit WC-Anlagen lieber in die Büsche pinkeln? Ich weiß gar nicht warum. Restaurants mit Mondpreisen für Nahrungsmittel und Sanifair Gutscheinen zum schöner Pissen meide ich sowieso, das ist zwar immer alles fein sauber und duftig da – aber dank einer Laune der Natur können wir Männer die flüssigen Kleinigkeiten des Lebens komfortabel im Stehen rauslassen (es soll Frauen geben, die das auch können), das geht schneller und befreit irgendwie mehr. Hm. Hier sind nicht mal Büsche. Und jetzt? Vielleicht doch ins WC-Häuschen, das allerdings bis hier hin zu riechen ist, obwohl ich 100 Meter entfernt bin? Nee. Niemals.

Der Straßenarbeiter

Raus muss es ja doch

In dem Moment fahren selbstverständlich fünf Autos mit neugierigen Familien, drei Trucks und ein vollbesetzter Reisebus gleichzeitig los. Das Leben ist ein einziger Murmeltiertag :-) Ich strecke noch die knirschenden Ü-40 Gliedmaßen wie ein Kompass von mir, stelle irgendwo im Nacken einen fortwährenden Anstieg der Temperaturen fest und beschließe, ein paar Fotos vom Außenthermometer zu machen. Ja, auch das kennzeichnet uns Norddeutsche. Also uns RICHTIG Norddeutsche. Fahren durch Niedersachsen fühlt sich für uns schon wie der Weg in den Urlaub an, und sobald die Temperaturen mal über 10 Grad klettern lassen wir alle Hüllen fallen und holen uns einen Sonnenbrand plus Erkältung. Aber lieber in Extremen leben als gelangweilt sterben. Als ich wieder im Taxi sitze, die Mettbrötchenkrümel aus den Ritzen der Sitze fege und ein paar faserige Fettstreifen aus den Zahnlücken ziehe erbricht sich der FFN Moderator mit der Ankündigung eines sagenhaften, schon ewig nicht mehr gespielten musikalischen Klassikers in meine Ohren und legt “Radio Gaga” von Queen auf. Ach Jungs. Darauf noch einen tiefen Schluck Erdbeermilch und ein paar Sequenzen vom USB-Stick. Klick.

Das tut gut...

Das tut gut…

Das klingt bis hier alles gechillt und super? Also, nicht die Wiederholungs-Hits, sondern der Ablauf? Na ja. Ich schränke das mal ein bisschen ein, autofahren auf der A7 ist generell ziemlich anstrengend, auch wenn autofahren mehr Spaß macht als Steuererklärungen ausfüllen. Parallel immer online sein und regelmäßig die Sozialen Netzwerke checken ist Stress im Kopf und nicht so entspannt, wie man das sonst von langen Touren mit dem Auto gewohnt sein könnte. Verantwortung zu tragen ist auch ohne körperlichen Einsatz fordernd. Auch die zu erwartenden Autos in Minden werden einen Haufen Spaß machen, aber zwei Stunden Fotosession mit jedem Wagen, Datenaufnahme… und ich muss heute ja auch wieder nach Hamburg zurück… das kann schon ganz schön müde machen. Trotzdem will ich mit keinem anderen Job mehr tauschen. Denn alles findet in und um Autos statt. Das kann ja so verkehrt nicht sein :-) Und es wird immer wärmer und wärmer. Ist das ein Anflug von Sommer? Geil.

es wird Sommer

es wird Sommer

Jetzt habe ich Sie und euch mit banalen, wirr zusammengewürfelten Themen zugequatscht, eben das, was mir durch den Kopf geht, wenn ich unterwegs bin. Und in diesem Leben bin ich momentan immer unterwegs, vielleicht muss ich deshalb auch so viel Unsinn niederschreiben, sonst platzt mir der Kopf. Und ihr hört mir wenigstens zu ;-) So langsam, nach rund drei Stunden, komme ich an meinem Ziel an. Wenn ich sonst in Sachen Fotos unterwegs war haben immer irgendwelche LKWs gebrannt, sind mit einer Ladung lebendiger Schweine quer durch Obstplantagen havariert oder haben sonstwelche Gründe produziert, um Vollsperrungen zu erzeugen. Heute liegt mein Büro meistens auf dem Beifahrersitz rum und ich komme tatsächlich zwischendurch mal zum Musik hören und nachdenken. Wie Sie vielleicht gemerkt haben. Und jetzt steigt auch die Vorfreude auf die dicken Amis der Classic Car Ranch.

Der Straßenarbeiter

unaufgeräumt – wie zu Hause

Ich kann mal aufzählen, was ich gleich vor Ort fahren werde…..?

  • Ein 1941er Ford Business Coupé,
  • eine 1969er Corcette C3 Stingray,
  • ein 1965er Pontiac GTO Cabrio,
  • ein 1968er Camaro 2-door Hardtop Coupé,
  • ein 1963er Galaxie Hardtop Coupé und
  • einen Ford Torino Cobra…

Also alles Autos, die man nicht von der Bettkante schubbst, und Sie können die Geschichten in den kommenden Ausgaben der TRÄUME WAGEN lesen. Und später natürlich auch hier 8-) Gut gelaunt und bei strahlendem Sonnenschein parke ich vor der Halle und stapfe mit Kamera und Stativ vorbei an fetten, chrombeladenen Autos ins Büro. Michael, der Chef, grinst mich an. Auf dem Regal hinter seinem Schreibtisch steht ein Radio, ich weiß nicht, welcher Sender eingestellt ist aber es spielt “Radio Gaga” von Queen.

Ja. Das ist es.

Ja. Das ist es.

Leben im Auto. Leben mit Autos. Manchmal ein bisschen ekelig, ich habe noch immer einen gewissen Zwiebelhecht mit Erdbeermilchanteilen im Hals, aber ich erzähle Ihnen diese intimen Details ja nur sehr selten :-) In meinem Auto bin ich ich. So sehr wie nur an wenigen anderen Plätzen. Zwei Sachen sind ein bisschen schade. Es war die letzte längere Tour mit meinem Dieseltaxi. Ich werde noch ein paar Abschiedsfotos machen, und dann geht es zum Abdecker. Er hat sein Leben gelebt und wird als Organspender viele andere W210 und S210 glücklich machen. Und dann ist da noch dieser Freddie Mercury, der einst über den ganzen belanglosen neuen Mist in seinem geliebten alten Radio sang und dank der Endlosschleifen der Massensender nun selbst dazu geworden ist. Schade. Ich wünsche mir mehr mutiges Radio. Aber das ist eine andere Geschichte. Deshalb gibt’s als kleinen Clip am Ende auch nicht Queen, sondern Tori Amos. In die bin ich seit 20 Jahren ein bisschen verknallt.

Sandmann

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Created Mittwoch, 04. Juni 2014 Tags 3G | Arbeitsplatz | autobahn | Büro | Elbtunnel | handynetz | Ich fahr... TAXI! | laptop | Rastplatz | S210 | Sternstunden | telekom | W210 Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
31 May 2014
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Sichtbarer Konsum

Sichtbarer Konsum

Mal flott den Taschenrechner bemühen…

Ja, der Dottore (also der alte Audi 100 Typ 43 von 1977, wem dieser Name noch immer nicht geläufig sein sollte) läuft wieder. Das erfreut. Allerdings habe ich einen Kollateralschaden des maladen Registervergasers noch nicht in meine ganz persönlichen, splatterigen Zahlen gefasst… So… quasi… als statistischer Abschluss dieser kleinen Schrauberei, als Ausklang des Geschichtentrios, als Epilog einer Havarie vor dem Zaun einer Kindertagesstätte. Was noch offen war und wie ein Damoklesschwert über dem Kopf eines Normalverdieners mit begrenztem Einkommen pendelte: Die Fahrt zur Tankstelle. Und ich würde hier nicht drei Sätze darüber verlieren, wenn es mir nicht stumpf die Sprache verschlagen hätte, wie viel ein kleiner Vierzylinder verbrauchen KANN.

Wozu er in der Lage ist. Was er vermag. Wo bleibt das teure, energiereiche Nass in meinem Fall?

Ich erinnere mich an meinen Audi V8, da kam ich mit einem Tank immer rund 400 Kilometer weit. Das waren aber auch 280 Quattro-PS, 400NM Drehmoment und in zügige Bewegung gebrachte, voll ausgestattete Oberklasse der frühen 90er. Irgendwas bei 15 Litern, mal mehr, mal weniger. Oder der Cadillac von Marc, den ich mir für das Treffen in Lensahn ausgeliehen habe. Die gefahrenen Kilometer habe ich nicht abgelesen, aber getankt habe ich für über 110 Euro :-( Gegenbeispiel war Rudolf, mein treuer Passat TDI. 1200 Kilometer mit einem Tank, Diesel, das waren dann knapp 5 Liter auf 100 Kilometern. Warum ich hier so in vergangenen Durchschnittsverbräuchen rumhänge? Weil der Sprit läuft und läuft, das ist ja nicht zu fassen!

Sichtbarer Konsum

Mehr als der Cadillac von Marc!

*klick* Urks. Na Endlich. Die Rechnung ist nicht schwer. Getankte Liter mal 100 geteilt durch gefahrene Kilometer. Weil meine letzte Mathestunde schon einige Tage her ist bemühe ich mein Handy und rechne 41 mal 100 geteilt durch 164. Und dann rechne ich das gleich nochmal, denn ich hab mich irgendwo vertippt. Nee. Hab ich nicht. Mit dem alten Vergaser war der Tank nach 164 Kilometern leer. LEER. Der Vierzylinder hat mal eben 25 Liter auf 100 Kilometern verarbeitet, und das noch nicht mal sehr spektakulär :roll: Ich wusste gar nicht, dass das möglich ist…? WAH! Aber wie dem auch sei, nun ist ein “neuer” Vergaser drauf, und seit dem steht der Wagen unter Linden in Hamburg und wird jeden Tag ein bisschen klebriger. Aber ich will ihn da nicht wegfahren, denn mein kleines viertelfinnisches Sandmädchen sagt ihm jetzt jeden Abend von oben aus der Wohnung durch ihren Schnuller “guuuuuuunaacht Auuuudiiiii ♫” Und wenn Sie einmal hören würden, wie zärtlich und liebevoll sie dieses “Auuudiiii” säuselt könnten Sie mich verstehen. Aber das ist eine andere Geschichte. Ich habe gelernt: Ein falsch/schlecht/gar nicht eingestellter kleiner Motor kann ganz schön viel Benzin verbrauchen. Und jetzt schalte ich zurück in die Taxizentrale, da gibt es Neuigkeiten.

Sandmann

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Created Samstag, 31. Mai 2014 Tags 1977 | 2-Liter | 2B3 | Audi 100 | Audi 100 LS 1977 | Sandmann | Typ 43 | Verbrauch | Vergaser | vierzylinder Document type Video
Categories Timeline Author Jens Tanz
25 May 2014
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Start – Hilfe – Kabel

Start – Hilfe – Kabel

So, jetzt wird sauber gezündet, klar?

Ach – der Herr Dottore. Er hat sich in den vergangenen Monaten so ein bisschen zum fünften Auto im Carport entwickelt, der diamantsilberne Entschleuniger aus Neckarsulm, der mit Vinyldach, was doch so selten ist. Der. Neuer Vergaser drauf, man erinnert sich, er läuft noch schlechter - aber ich hänge an dem Eisen und gebe nicht auf. Unser aller Vergaserpapst Klaus ahnt fernmündlich den Fehler und bietet mir umfassende Hilfe und Tausch an. Und er habe noch einen weiteren Zenith Vergaser liegen, wie neu und sauber eingestellt, den könne ich derweil haben. Ich sage laut JA, und noch während die Silbe von den Hamburger Hausfassaden wiederhallt ist das Paket auch schon da. Ha. Kommt es am Ende gar zur finalen Starthilfe?

Start – Hilfe – Kabel

Tauschparty vor der Kita

Plug and Play. Ohne Hebebühne oder Grube, ohne Garage (die habe ich in Kiel vergessen) und ohne Carport. Unter dem grünen Dach der Linden, von denen diese komischen Läuse eine ekelig klebende Kleisterpisse runterkleckern und mit Werkzeug, gutem Wetter und einem fröhlichen Publikum, das ich Ihnen an anderer Stelle ja schon vorgestellt habe. Schon bei der zweiten Bühnenshow habe ich den revidierten Vergaser in wenigen Minuten getauscht bekommen, heute überlege ich, ob ich mir dabei noch die Augen verbinde, um die Zuschauer angemessen zu unterhalten. Nee, lieber nicht. Das sieht hier schon alles albern genug aus mit dem rot/schwarzen dicken Kabel seitlich raushängend und dem graubärtigen Mann, der mit schmutzigen Fingern ständig Fotos knipst und um das alte Auto rumhoppst wie ein Eichhörnchen um den Wintervorrat. Und am Ende die Kamera fallen lässt und kaputt macht, aber das ist eine andere Geschichte. So. Die dritte doppelläufige Beatmungsmaschine ist so gut wie drauf, ein wahrhaft schöner Klotz aus der allerersten Serie, der hat sogar noch kleine Ablassschrauben an den Schwimmerkammern! Falls mal zu viel Benzin drin sein sollte und ich nicht weiß wohin damit :roll: Ich schau noch mal mit spießiger deutscher Gründlichkeit, ob ich alle Anschlüsse richtig zurecht gelegt habe, zählen Sie mit…?

Start – Hilfe – Kabel

sieht kompliziert aus – ist es aber nicht

Aaaaaaaalso: Vier Schrauben einmal quer durch festdrehen, Unterdruckschläuche auf die richtigen Dosen, alle kleinen Stecker wieder drauf, Benzinleitung anschließen, Gaszug einhängen und einstellen, fertig. Fertig? Klaus schreibt mir, dass dieser Vergaser theoretisch perfekt sein müsste, sozusagen der Charles Atlas der Gemischaufbereitung, die Tori Amos auf der Ansaugbrücke, der Stephen Hawking der werksseitigen Grundeinstellung – er habe sogar noch die Einspritzmenge ausgelitert. Zu Stephen Hawking kommen wir gleich nochmal. Jetzt und hier stehe ich erstmal zweifelnd vor meinem nach Benzin stinkenden Tagwerk. Sollte jetzt wirklich alles gut sein? Ich mag da schon gar nicht mehr dran glauben, so sehr habe ich mich an einen schlecht anspringenden und irgendwie echt scheiße laufenden Audi 100 gewöhnt. Beziehungsweise ihn einfach stehen lassen, mit so einem Eimer will ja niemand fahren, außerdem werde ich das Gefühl nicht los dass der wirklich viel getrunken hat. Zuletzt. Das geht noch besser? Gerüchten zufolge ja. Ein Auto, auch ein altes, muss anspringen und fahren. Punkt.

Start – Hilfe – Kabel

Rodeo mit einer Menge Ampere

Fein, wenn man als pannenerprobter Altautofahrer überhaupt ein Starthilfekabel und ein Abschleppseil im herbeigerufenen T-Modell liegen hat. Ich habe zwar noch immer nicht die Batterie der alten E-Klasse gefunden (man munkelt, die sei unter dem Rücksitz?), aber Ostern ist schon lange vorbei und die Suche kann entspannt abgeblasen werden denn: die alten Taxis haben eine praktische Fremdstartdose im Motorraum. Ein dicker Pluspol, da kann sich der Altaudifahrer mit Überbrückungsbedarf direkt von unter der Haube eine Schippe Gleichstrom holen. Beim Dottore steht der kleine, im Winter gern mal die Backen dick machende Energiespeicher klassisch zwischen Motor und Frontscheibe in dem Kasten, wo auch das Gebläse und das Wischergerumpel untergebracht sind. Der Kandidat kommt aus Polen und hat inzwischen all’ seine ursprüngliche Emsigkeit verloren. Nachvollziehbar, so oft wie ich mit diesem kleinen Bleiklotz schon ein Orgelkonzert allerfeinster Güte und vor allem Dauer abgehalten habe. Aber vielleicht hat das Orgeln nun ein Ende, womöglich würde der gute alte Zweiliter OHC sogar noch mit dem Restsaft der polnischen Batterie anspringen? Egal, nun habe ich den elfenbeifarbenen Raumgleiter schon mal hergeholt, dann kann ich den auch gleich andocken.

Spenderlunge

Spenderlunge

Ui ja. Man spürt den Moment, wo Plus mit Plus und Minus mit irgendwo an der Karosserie verbunden sind. Die Drehzahl des nagelnden Turbodiesels geht kurz ein bisschen runter und pendelt sich dann wieder stoisch zurück. Da wird jetzt gerade eine Menge Energie von dem einen Auto rüber zu dem anderen Transportiert, und gleich geht noch viel mehr ab. Um noch einmal kurz zum genialen Physiker im Rollstuhl zurück zu kommen: Haben Sie eigentlich mit den noch aus dem Physikunterricht übrig gebliebenen Formeln mal überschlagen, was beim Starten Ihres Autos so an freien Ladungsträgern durch die Gegend springt? Wenn Sie mit dem Anlasser für einen kurzen Moment die Batterie kurzschließen? Das ist schon sehr beeindruckend. Leistung ist das Produkt aus Strom und Spannung. Anders ausgedrückt: P=I*U. Noch anders ausgedrückt: Wenn Sie ne Menge Watt haben wollen aber nur 12 Volt da sind brauchen Sie ne Menge Ampère, um auf die vielen Watt zu kommen. Comprende? Beim Drehen des Zündschlüssels macht sich eine Stromstärke von rund -> 100 Ampére! beim Anlasser breit, nicht sehr gefährlich, weil es Gleichstrom ist, aber durchaus in der Lage, das dicke Kabel hübsch warm zu machen. Okay, genug Physik, nach nur zwei Umdrehungen des kleinen Elektromotörchens am Audi macht es BROAMMMMM und der Vierzylinder läuft. Huch?

Start – Hilfe – Kabel

Partystimmung unter der Haube

Nicht zu fassen. Was für ein schöner Moment. Ich würde Ihnen gern ein Tondokument einspielen, aber das gestaltete sich unspektakulär bei diesem Auto. Er läuft. Einfach so, kalt, lange Standzeit, total verwarzt in den vergangenen Monaten – und er läuft. Läuft läuft läuft ♫. YIIIHAAAA. Läuft. Die Ventile klackern auf und zu, kleine Bläschen wandern durch den transparenten Benzinspeicher und die beiden Klappen saugen die frische Luft gierig und laut ein, als würden sie vor einem langen Tauchgang ein bisschen hyperventilieren. Mein minderjähriges Publikum am Zaun applaudiert, ich weiß noch nicht ob sie das wegen meines Erfolges tun oder weil nun doch nicht die gesamte Umgebung in einem gewaltigen Feuerball untergegangen ist, wie ich das vorhergesagt hatte. Geil. Ich schraube noch den Luftfilterkasten fest und klippse den Deckel drauf, was den Sauglärm auf das nuschelnde Geschnorchel von Darth Vader reduziert und genieße einfach nur das gesunde Brabbeln und Pöppeln des Motors im Stand. Ein paar Gasstöße – er nimmt sie an. Läuft. Vorne und hinten. Hinten finde ich toll. Der 37jährige Audi 100 des 43jährigen Typen (Typ 43, ein sagenhaft findiges Wortspiel…) war bockig und durstig (also… das Auto), keiner wollte ihn kaufen und ich selbst fand nicht die Zeit, ihm die Menge an Liebe und Zuneigung zu geben, die ihm eigentlich zustünde. Und jetzt kommen kleine blaue Wölkchen aus dem Auspuff. Er atmet. Laut und deutlich. Willkommen zurück, alter Audi.

Genusslauscher

Genusslauscher

Heute also mal kein Haubensitzen, heute mal gut gelauntes Kofferraumsitzen. Sozusagen als Etappensieg. Das geht ja bei den meisten Autos heute nicht mehr. Kinder, wisst ihr was das da hinten ist? Ja. Genau. Das ist ein Kofferraum, da macht man den Deckel auf und tut seine Koffer rein. Dadrüber ist kein Platz für ergonomischen anderen Krams, dadrüber ist das Auto nach oben einfach zu Ende. Weil es schön aussieht und es damals noch nicht um Effizienz in der Raumausnutzung ging. Heute teilen sich Mama und Papa das Auto mit ihrem Gepäck, früher hatte man das noch hinten weggesperrt. Ich finde das cool. Und hey – man kann drauf sitzen und dem Auspuff zuhören, wie er das unkatalysierte Abgas zufrieden und sonor in die Umwelt bläst. Das ist toll :-) Und schon ist die Betriebstemperatur erreicht, das warme Kühlwasser sorgt dafür, dass der Vergaser mechanisch den Leerlauf wieder runterregelt und noch immer brabbelt der Audi sauber vor sich hin. So wie es eigentlich sein soll und so wie es aber noch nie war, seit ich den habe. Und Sie da draußen haben vielleicht was gelernt über Stromstärken, dicke zweifarbige Kabel und vergessene Karosserieformen. Und dass man nie, nie aufgeben sollte. *hach* Komm, ich mach mal ne Probefahrt zur Tankstelle.

Sandmann

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20 May 2014
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NIE NIE NIE… vor der Kita schrauben!

Kleine Automechaniker

Kleine Automechaniker

Was machst du daaaa?” – “Ich… äh… Moment… ich mach mein Auto heile!” – “Machst du dein Auto heile?” – “Jahaaa ♫” Schwitzend und ölig verkante ich mich im Motorraum des Dottore und versuche, dem revidierten Vergaser Leben einzuhauchen. Neben dem alten Audi steht der nicht ganz so alte Daimler mit offener Haube und ist bereit, der leergeorgelten Batterie Strom zu spenden. Irgendwelche Eltern haben anscheinend ihre Kinder noch nicht aus der angrenzenden Kita abgeholt. “Sind das beides deine Autos?” – “Jaaa.” – “Der andere gelbe da auch?” – “Ja, das ist auch meiner” – “Darfst du den nehmen?” – “Ja, das ist doch meiner…….” – “Ist das auch deiner?

:-)

Ich nehme mein Handy und bedeute meinem halbfinnischen Fräulein Altona per SMS, dass sie hier nichts verpasse. Ich würde erstmal versuchen, den Audi zum Laufen zu bringen, um ihn umzuparken und dann dort weiter zu schrauben. “Kuck mal das Auto hat auf den Boden gespuckt!” Manchmal stellt einen die Menschheit selbst auf die Probe.

Was hat denn dein Auto?” – “Das weiß ich noch nicht so richtig, das versuche ich gerade rauszubekommen….” – “Weißt du das nicht?” – “Nein.” – “Ist das Auto kaputt?” – “Ja. Wo ist denn euer Erzieher?” – “Da hinten, hier ist das viel spannender… magst du das, wenn dein Auto kaputt ist?” – “Hey nein natürlich nicht, deshalb mache ich ihn ja heile”. – “Warum magst du das nicht?” – “Weil ich mit einem kaputten Auto nicht fahren kann.” – “Kannst du damit nicht fahren?” Die lieben Kleinen. Ich sehe mich selbst vor 40 Jahren am Gartenzaun stehen und alle Vorbeikommenden unter fadenscheinigen Begründungen zum Stehenbleiben bewegen. Dann zählte ich stolz langsam und laut bis 100. Heute bekomme ich eine Ahnung, was ich diesen Menschen angetan habe.

beam me up Scotty

beam me up Scotty

Warum ist das andere Auto ein Taxi?” – “Das ist kein Taxi, das war nur mal ein Taxi…” – “Bist du Taxifahrer?” – “Äh… nein, das ist ja kein Taxi mehr, das sieht nur noch so aus, wisst ihr…?” – “Ist das kein Taxi?” – “Nein.” – “Warum nicht?” Wie sangen sie in der Sesamstraße? Wer nicht fragt bleibt dumm. Okay. Hier wird gerade eine Menge gelernt. Ich überlege kurz, ob ich den Nachwuchs mit einem kleinen Vortrag über Drosselklappen, Vollast-Anreicherungsventile und Vergaserfußdichtungen so doll langweile, dass sie sich lieber wieder fröhlich Sand in den Mund stecken oder sich gegenseitig so lange die Gummistiefel in die Bäume schmeißen, bis sie oben hängen bleiben. Ich habe aber Angst, dass ich damit Schlimmeres anrichte. “Ich will später auch mal Autos heile machen.” – Ah. Ein guter Ansatz, der meine Theorie bestätigt. “Ja, das macht auch Spaß!” – “Macht das Spaß…?” – “Ja.” – “Wieso macht das Spaß?” – “Ich….” – “Findest du das gut, wenn dein Auto kaputt ist?” – *grummel* “Nein, ich finde es gut, wenn ich es selbst wieder heile machen kann…” – “Wieso?” – “Ja, weil das in der Werkstatt ganz teuer wäre.” – “Was kostet dein Auto?” – “Viermillionen Euro!” – “Ooooah ist das viel?” – “Ja.” – So, der Vergaser ist getauscht, jetzt muss ich nur noch….. “Darfst du das Ding da auf den Boden legen?” – “Öh…. ja na klar, warum denn nicht?” – “Darfst du das?” – “Ja.” – “Warum darfst du das?” Langsam komme ich an meine pädagogischen Grenzen. “Was machst du da?

Ich habe heute etwas gelernt.

Ich habe heute etwas gelernt.

Wenn ich Ihnen einen gut gemeinten Rat geben darf – parken Sie Ihr Auto nur vor einer Kita, wenn Sie sicher sind, dass Sie den da auch wieder wegkriegen. Einsteigen und los. So ein dickes Fell hat man nämlich nicht jeden Tag. Die kleinen angehenden Automechaniker bleiben standhaft, obwohl ich ihnen andeute, dass gleich hier in dem Motor eine riesen Explosion stattfindet, die alles bekannte Leben mit sich reißt und Tod und Verderben über diesen Stadtteil bringen wird. Verdammt. Das wollen sie unbedingt sehen! Gegen Ende des Szenarios kommt ein Satz, der mich innehalten lässt: “Tut das dem Audi weh, was du da machst?” – “… Du weißt, dass das ein Audi ist?” – “Ja, das ist doch ein Audi, tut dem das weh?” – “Äh…. nein, das tut ihm nicht weh. Der ist gleich ganz glücklich, dass er vielleicht wieder heile ist. Glaube ich.” Die Kleine wird vielleicht tatsächlich mal Automechanikerin. Was ich hier und heute am Dottore gemacht habe und ob ich erfolgreich war? Wer weiß. Aber in Hamburg gilt für mich ab heute: Nicht unter Linden parken, nicht unter Bäumen mit Vogelnestern parken und… nicht vor Kitas parken. Die konsequent neugierige, stumpf abgespulte Litanei geballter Vorschulintelligenz lässt Sie komische Dinge tun. Starthilfekabel lassoähnlich schwingen und dabei Bonanza singen und so. Aber das ist eine andere Geschichte.

Sandmann

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Created Dienstag, 20. Mai 2014 Tags 1977 | 2-Liter | 2B3 | Audi 100 | Audi 100 LS 1977 | Benzin | Fragen | Kinder | Kita | LS | Starthilfe | Typ 43 | Vergaser | vierzylinder Document type Article
Categories Timeline Author Jens Tanz
19 May 2014
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Frühlingsgefühle

Frühlingsgefühle

“Gleich fertig, mein Schatz”…wer´s glaubt!

…werden im Keim erstickt, wenn Mann mal wieder nur an das Eine denkt. Echt der Hammer!

Wie herrlich, endlich Frühling und die Sonne wärmt so richtig das Gemüt. Also, mich zieht es jetzt raus in den Garten. Die Blumenkübel wollen bepflanzt werden, Tisch und Stühle brauchen einen neuen Anstrich und das Chaos im Gartenhäusle gehört dringend aufgeräumt. Mein Mann sieht das anders. Die Reifen am S6 wollen gewechselt werden, der Kotflügel vom Granada braucht eine neue Lackierung und das Chaos in der Garage gehört dringend aufgeräumt. Schon klar, der Garten fällt in mein Ressort, zumindest der Teil, der Arbeit macht. Als ich mich des Gartenhausgerümpels annehmen will und schwungvoll die Tür aufmache bricht diese halb auseinander. Da war meine Reparatur vom letzten Jahr wohl nicht besonders nachhaltig gewesen. Ich gestehe, ich bin nicht gut in so was. Ich mache mich also seufzend auf den Weg in den Keller, um Hammer und Nägel zu holen. Vielleicht schau ich mal im Hof vorbei und erkundige mich, wie weit die Wartung des Fuhrparks gediehen ist. Die Radiomusik dröhnt hier so laut, dass man sein eigenes Wort kaum versteht, bestimmt wollen ja auch die Nachbarn etwas Unterhaltung haben. Da steht mein Liebster, schmutzig und glücklich, mit der Rätsche in der Hand und brüllt mir ein zuversichtliches “Gleich fertig , mein Schatz” zu.

Schön, vielleicht habe ich ja doch noch Glück und die Arbeit an der maroden Türe übernimmt der Herr des Hauses. Einstweilen fange ich an im Gartenhaus aufzuräumen, was sich da so über den Winter angesammelt hat: 5 Bobbycars, 3 Fußbälle, Spaten, Schaufel, Rechen, alles kreuz und quer, dazwischen Grill und Rasenmäher, Säcke mit Blumenerde und Dünger, ein platter Hüpfball und ganz hinten die Liege. Eine Stunde ist vergangen, ich bin schon fast wieder fertig mit Einräumen und frage mich, wann wohl “gleich” sein wird. Im Radio spielen sie “Dream on” von Anastacia, während ich beschließe, dass die Liege ganz vorne hinkommt, man könnte ja möglicherweise nachher…
Frühlingsgefühle Ah da kommt mein Göttergatte, er ist erschöpft, hat schließlich hart gearbeitet. Und dann sieht er die Liege. Na was für ein glücklicher Zufall, dass die direkt griffbereit dasteht. Ansonsten sieht er nichts und gleich, nachdem er sich noch ein Deckchen geholt hat, macht er sowieso die Augen zu. So kann er auch nicht sehen, dass ich jetzt den Hammer nehme. Meine Hand umklammert wütend den Griff. Da liegt er und schnarcht in seinem verschmierten T-Shirt, die Fingernägel rabenschwarz. Mit grimmiger Miene hole ich aus und treffe mit solcher Wucht den ersten Nagel, dass die Tür vollends in sich zusammenfällt. Mein Mann schreckt aus dem Schlaf hoch und brummt vorwurfsvoll: “Was machst Du für einen Lärm, jetzt hab ich gerade von einem wunderschönen Mustang Cabrio geträumt“. Neiiiiiiiiiin!!!

Karin

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Created Montag, 19. Mai 2014 Tags audi | Frauen | Frühling | garage | garten | Gartenhaus | Granada | hammer | Karins Kolumne | Liege | Männer | mustang | Rätsche | reparieren | S6 | Selbstlose Schreiber | träumen | Wut Document type Article
Categories Timeline Author Jens Tanz
15 May 2014
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Einfach mal die Dose halten.

Einfach mal die Dose halten.

Wohin mit den Getränken?

Sie kennen das Problem. Da schlürft man eine kühle Cola, hört Marillion, hat vor sich die weite Straße – und kann nirgendwo die halbvolle Dose abstellen. Tragisch. Wo in Neuwagen aus jeder Plastiksicke verschmitzt ein kleiner Cupholder erwächst, da ist bei älteren Autos Sense. Nada. Ich weiß nicht warum. Damals war man anscheinend noch nicht in der Lage, Getränke im Kraftfahrzeug zu sich zu nehmen, oder die Beifahrerinnen waren hilfsbereiter als heute und haben den Becher einfach gehalten. Goldene Zeiten. Ebenso verhält es sich in meinem Mercedes, ich könnte mit Abstellmöglichkeiten im aufgeklapptem Handschuhfachdeckel das Land durchmessen, aber wer will denn sowas? Es muss eine ordentliche Lösung her. Nicht die vom Vorbesitzer. Und hey – direkt beim Hersteller finde ich ein sen-sa-tio-nelles Produkt :-)

Ein Blog über einen Cupholder?

Einfach mal die Dose halten.

Das sieht sehr sehr seltsam aus.

Ja. Ein Blog über einen Cupholder. Beziehungsweise einen Getränkehalter, diese ewigen Anglizismen kotzen mich langsam an. Wenn Sie was krasseres lesen wollen genehmigen Sie sich doch noch mal den Cadillacoder meine Mofatour nach Dänemark. Ich halte hier und jetzt ein seltsames Gerät in der Hand, von dem ich mir momentan noch nicht vorstellen kann, wie ich es stilsicher und funktional mit meinem Auto verbinden soll. Es sieht aus wie eine alte Dachantenne mit UHF und VHF, irgendwie unbeholfen, so ähnlich wie auf dem Bild bei ebay, wo ich’s gekauft habe. Und ich fragte mich noch, warum ich so einen Scheiß an meine Mittelkonsole pappen soll, aber der gute Kay Paffrath, der mit dem weißen 280 S vor der Elbphilharmonie (Sie müssen TRÄUME WAGEN Leser sein, um jetzt zu wissen wen ich meine) hat mir den empfohlen, und wenn er das sagt dann ist der wohl auch gut. Besser als mein zerbrochenes, in die Lüftungsschlitze gestecktes Billigteil vom Vorbesitzer allemal. Wenn ich da ne Dose reinstelle passt das Navi nicht mehr in die Halterung, und jedes Getränk kleckert mir immer auf das linke Knie. Weil die “Bulleneier” kaputt sind und das alte T-Modell mehr hüpft als es soll. Aber das ist eine andere Geschichte.

Einfach mal die Dose halten.

Ich wusste gar nicht dass da ein Fach ist?

In der Mittelkonsole vor der Armlehne, da wo beim entspannten Rumlungern während der Fahrt die Hand des rechten Arms immer lose rumfingert und letztendlich unnötigerweise am Schaltknauf der Automatik verweilt befindet sich beim W210 ein kleines, holzverkleidetes Fach. Ja, es ist tatsächlich Holz. Während andere Hersteller mit Hingabe ihre Fertigungstaktiken dahingehend perfektionieren, dass sie Kunststoff tatsächlich wie Holz aussehen lassen schafft Mercedes-Benz es in den 80ern und 90ern fast genau so perfekt, ihr echtes Holz wie billigen Kunststoff aussehen zu lassen ;-) Jedenfalls ist so ein Drück- und Schwingdeckelchen direkt vor dem Kombinations-Safe-Verschluss des Armlehnendeckels. Mysterien. Ich wüsste nicht, was ich in dieser Mittelkonsole mit einer dreistelligen Kombination sichern sollte (den Deckel könnte man mit einem leichten Ruck einfach abbrechen, er hat den Sicherheitslevel eines YPS-Geheimtresors) und ich stelle außerdem fest, dass ich dieses Klappfach seit dem Erwerb des Autos nie benutzt habe. Es liegen immer noch die Cockpitlämpchen drin, die ich ein paar Tage nach meiner Reise in den Osten gekauft und aus Faulheit nie eingebaut habe. Und ein paar Centmünzen. Hier soll angeblich der neue Cupholder wohnen… Also raus mit dem kleinen nutzlosen Kasten.

Einfach mal die Dose halten.

darunter lauert Tod und Verwesung

Uärks. Einige Sachen sollte man lieber unberührt lassen. Mittelkonsolen sind die Einrichtungsgegenstände im Auto, die man eher selten zerlegt. Die aber immer in der Nähe von einem sind und alles mitbekommen, was Menschen so an menschlichen Dingen im Laufe der Jahre absondern. In diesem 17 Jahre alten Kraftwagen haben schon eine Menge Menschen während der letzten 650.000 Kilometer verschiedene Dinge und Substanzen von sich gegeben, und ein wenig davon erzählt, was ich unter dem leicht herausziehbaren Schubfach finde. Ganz unten. Ich möchte ehrlich gesagt nicht darüber sprechen, bin aber froh, dass mit einer Menge Meister Proper, Küchentüchern und Ekelanfällen diese flusigen Konglomerate aus jahrzehntealtem Schmutz nun ihren Weg in Sandmanns Mülleimer gefunden haben. R.I.P. Irgendwie riecht es seit dem in meinem Auto ein bisschen frischer.

Zack drin

Zack drin

Die beigelegte Anleitung des nagelneuen original Mercedes-Benz Ersatzteils vom Autohaus Rosier umfasst nur eine einzige Zeichnung. Da bin ich von IKEA anderes gewohnt. Und diese Zeichnung sagt mir auch lediglich, dass ich meine UHF-VHF Doppelantenne genau da beherzt reinrasten lassen soll, wo vorher dieses kleine geimelumgebene Fach mit Münzen und Cockpitlämpchen war. Mehr nicht. Ich trau dem Frieden nicht. So einfach? *klack* *knarz* Und dann? Ah…..

Einfach mal die Dose halten.

Raum in der kleinsten Klappe

Plötzlich verstehe ich das Prinzip und schmunzel über alle Werbefotografen, die es hinbekommen haben, mir dieses Produkt wie ein unpraktisches, klotziges und klapperiges Bastelgebilde zu verkaufen. Vielleicht erklärt das auch, warum es noch immer originale Neuteile für weniger als 30 Euro im Netz gibt. Nur wegen des Bildes hätte sich niemals jemand diesen Getränkehalter gekauft, und einen Kay Paffrath hat ja auch nicht jeder zur Hand… Das Ding ist nicht praktisch – es ist genial. Diese zweiarmige Antenne entpuppt sich bei richtigem Einbau als ein zweiteiliger Dosenhalter, der seine eine Halterung ein wenig zum Beifahrer hinschwenkt und die andere weiter unten versetzt beim Fahrer belässt. Ein kleiner runder chromiger Knopf lädt zum Draufdrücken ein, und mechanisch perfekt herabgelassen drehen sich die beiden Halter und falten sich im dafür vorgesehenen Fach klein zusammen. Geil. Nochmal drücken, und die beiden drehen sich gemächlich spiralartig nach oben und entfalten ihre Haltebereitschaft. Und wieder rein. Und wieder raus. Ich freu mich :-D Und wenn ich den Holzdeckel schließe ist das Teil komplett verschwunden…

Ich bin begeistert

Ich bin begeistert

So viel Aufhebens, weil nun ein Stück Plastik in diesem Auto in der Lage ist, zwei Getränke zu halten, denken Sie? Stimmt. Aber haben Sie auch nur ansatzweise eine Ahnung, was mir dieser Moment bedeutet? Ich hatte noch NIE NIE NIE einen vernünftigen Getränkehalter :roll: Im Audi V8 gab’s mal so einen Doppeldoseneinsatz für die Mittelkonsole, aber dafür hätte ja das gute alte Siemens Koffertelefon weichen müssen. Nee. Der W124 hatte keinen, Rudolf auch nicht und die Oldtimer um mich herum sowieso nicht, die sind ja noch viel älter. In den 70ern trank man definitiv keinen Kaffee oder Cola im Auto. Da saß man schweigend nebeneinander, dachte über den letzten Sex mit jungen Menschen hinter dem Rücken des Ehepartners nach und ließ sich dann scheiden. Aber getrunken – wurd nix. Jedenfalls nicht im Auto. Meistens. Sie verstehen also, was es für mich für ein Ankommen, ein Abfeiern und ein Etappensieg ist, nun endlich mal einen unerwartet stilvollen doppelten Getränkedosenhalter zu besitzen? Manchmal ist mehr drin als man erwartet. Ich hol ihn nochmal raus…

Einfach mal die Dose halten.

rein raus rein raus das macht SPASS

Und nochmal rein. Und nochmal raus. Es sind diese kleinen Ingenieursleistungen, die mir ein zufriedenes Lächeln ins Gesicht treiben. Nicht die hochbezahlten Motoren-Techniker, die es hinbekommen haben, Triebwerke komplizierter und leiser zu machen, aber nicht nennenswert effizienter. Es gab schon Anfang der 80er Jahre einen Passat und einen Golf, der mit 5 Litern Diesel ausgekommen ist. Heute, 30 Jahre später, sind es vielleicht 4. Das beeindruckt mich nicht. Aber so ein kleines, preiswertes Mechanikwunder, was mir tagein tagaus das Leben erleichtert und bereichert, das beeindruckt mich. Wer mag es erdacht, wer konstruiert haben? :-) Ich werde es nie erfahren. Aber ich probiere es gleich mal aus, hole mir eine Dose Cola, eine Dose Valensina und ein Wiener Würstchen (“einpacken oder auf die Hand…?”) und mach mich auf den Weg von Kiel nach Hamburg.

Einfach mal die Dose halten.

alles was glücklich macht

Kommt mir die A7 heute entspannter vor? Vielleicht. Vielleicht ist das sogar eines der letzten male, dass ich diese Autobahn im kommenden Jahrzehnt fahre, denn rund um den Elbtunnel sind umfassende Baumaßnahmen geplant, die das Stauaufkommen definitiv nicht besser machen werden. Und die Staus auf diesem Stück asphaltierter Zeitverbrennung sind schon heute eine Alltagskatastrophe. Da helfen auch Getränke aus dem super Dosenhalter und ein Wiener nicht. Vielleicht kommt die Autobahn mir heute auch entspannter vor, weil hinten auf der Ladefläche ein Paket mit einem frisch revidierten 2B3 Vergaser für den Dottore Audi 100 liegt und ich mich schon gespannt drauf freue, den einzubauen und vielleicht endlich mal den silbernen Typ 43 ohne Mucken zu fahren…? Es wird gerade alles gut. Und das personifiziert sich an diesem Getränkehalter. Finden Sie nicht auch? – Oder wo stellen Sie ihren Kaffee ab?

Sandmann

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Created Donnerstag, 15. Mai 2014 Tags Cupholder | e-klasse | Getränkehalter | Ich fahr... TAXI! | Mittelkonsole | Originalteil | S210 | Sternstunden | T-Modell | taxi | W210 Document type Article
Categories Timeline Author Jens Tanz
12 May 2014
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Harm-los? Nicht wirklich.

Kaffee der Herr?

Kaffee der Herr?

Blues Brothers sind unsterblich. Jake und Elwood wurden allerdings schon so oft zitiert, dass sie inzwischen längere Bärte haben als die Jungs von ZZ Top. Schwer, aus dieser Schublade wieder rauszuklettern, wenn man mit einer Wayfarer aus den 70ern und einem Auto mit Bullenreifen, Bullenmotor und Bullengetriebe unterwegs ist. Heute ist der Tag, an dem Harm & me die Ostküste entlanggullern, nicht etwa von Boston nach Miami, aber fast. Von Kiel nach Lensahn. Kennen Sie nicht? Muss man auch nicht kennen. Da gibt es ein chromiges Diner, bei dem man sich kennen lernt, sonst ist da nix. Na ja doch, ein paar Autos, heute zumindest. Begleiten Sie me & Harm auf einer HARMonischen Reise mit dem dicken durstigen Dampfer? Es ist 7 Uhr, es geht loooooos….

Do no harm – do know Harm.

Matrosen im Hafen

Matrosen im Hafen

Wir kennen uns indirekt schon länger, sind uns aber erst so richtig bei der Hochzeit meines Freundes Örg am Nikolaus 2013 über den Weg gelaufen. Wie das halt so ist, Bier, Zigarren, Musik und Autos Autos Autos. Da der Tag des Mannes mit dem roten Sack nun schon ein bisschen zurück liegt stand beschnuppern auf dem Plan, ja nun da bieten sich ja die unendlichen Weiten des Cadillac an. Denn von Kiel nach Lensahn ist’s ein rundes Stündchen zu gleiten. Eigentlich hätten wir uns auch eine Halle mieten können, das wäre dann nicht so weitläufig. Der frühe Vogel tankt Super, und statt an diesem grauen Samstag liegenzubleiben, sich nochmal leicht bekleidet an die schlafende Herzdame ranzuwanzen oder so absurde Sachen wie Brötchen holen abzuwickeln finde ich mich auf dem Lidl Parkplatz am kieler Südfriedhof wieder und lade ihn ein, den Matrosen mit dem friesischen Namen. Er gesteht mir, dass er lange darüber nachgedacht habe, Kaffee mitzubringen. Er wusste aber nicht, ob mich irgendwelche Allergien, Laktoseintoleranzen oder Diabetisse plagen, daher habe er es gelassen. Macht nix. Ich bin NOCH ein bisschen früher als er aufgestanden und köchelte eine große orange Thermoskanne randvoll mit heißem schwarzen Koffein-Sud. Mit meiner schönen orangen Melitta aus den 70ern. Denn mich plagen weder Allergien, Laktoseintoleranzen noch Diabetisse. Harm auch nicht. Also teilen wir uns den Becher, prost.

Harm-los? Nicht wirklich.

Supertanker DeVille mit Besatzung

Das Radio hat sich nicht über Nacht selbst repariert, also sind wir gezwungen, uns zu unterhalten. Da wir uns in den letzten 43 Jahren erst ein- oder zweimal gesehen haben, besteht nachweislich nicht die Gefahr, dass uns die Geschichten ausgehen :-) Wobei es für mich zur Abwechslung mal sehr entspannt ist, nicht pausenlos zu plaudern, sondern einfach mal zuzuhören, große Augen zu bekommen und ab und an mal ungläubig mit dem Kopf zu schütteln. Gewürzt mit einem “Aaaaaalder waaas???” Zeitdruck besteht nicht, der Cadillac gluggert zufrieden wie eine volle Regenrinne bei Gewitter und die Tankanzeige ist immer noch kaputt. Jetzt ist angeblich schon fast die Hälfte raus aus dem benzinbunkernden Bottich, haha, die lügt doch wie gedruckt. Niemals. Der Weg führt uns über Holsteiner Rapsfelder, an meiner alten Schrauberscheune vorbei, durch endlose Alleen im frühlingshaften Blattgrün über Selent und Lütjenburg immer weiter der Küste entgegen. Wenn man hier wohnt ist das nix ungewöhnliches, aber alle Touristen drehen spätestens bei den Schildern “Hohwacht” oder “Strand” total durch. Es ist schon was selten feines, am Meer zu leben, zu arbeiten und autozufahren. Ein cHARMantes Gefühl. Machst du noch einen Kaffee klar?

Harm-los? Nicht wirklich.

Hinterm Horizont geht’s weiter

Kaffee könnte ich so viel in mich reinkippen wie in einen Cadillac DeVille das gute Super. Mit dem Unterschied, dass der Cadi das Super verbrennt und mehr oder weniger effizient in Bewegungsenergie umsetzt. Ich setze den Kaffee um in Kalauer, einen irren Blick, wache Gedanken und den wiederkehrenden Wunsch, mal rechts ran zu fahren und einen Teil der zugeführten Flüssigkeiten auch wieder rauszulassen. Allein in dieser Stunde nach Lensahn zwei mal. Ist das schon das Alter? Weiß jemand ein gutes pHARMazeutisches Mittelchen? Oder ist das der Litermenge geschuldet? Der Matrose läuft ebenfalls zu ungeahnten Hochtouren der kreativen Wortschöpfungen auf, und spätestens ab dem klassischen “Cadi lecken” sind wir ganz froh, dass nichts davon nach außen dringt. Zwischendurch wird die Aufmerksamkeit immer wieder auf das antike Fortbewegungsmittel aus dem Hause General Motors gelenkt, sei es in engen Kurven, sei es, wenn der Fahrer seine Sätze zum Beifahrer etwas lauter rüberrufen muss (weil der so sagenhaft weit weg sitzt) oder sei es einfach nur in Hochachtung vor der schieren Größe und dem wohnzimmergleichen 60er Appeal des fast-sechs-Meter-Schiffes, den ausufernden metallenen Flächen um uns herum und dem tuffigen Plüsch der Zierkissen. Mein kaffee-kalauernder Nebenmann selbst fährt übrigens einen restaurierten T3-Bulli. Ein Cadillac steht wohl für immer in den Sternen, er ist so harm, er kann sich nicht mal Chromleisten.

Harm-los? Nicht wirklich.

Letzte Pinkelpause vor dem großen Treffen

Und in LensHARM, am Chrome Diner? Exakt um 7:00 Uhr kommen wir an. Da ist Chrom. Da ist Diner. Da sind Burger und Pommes. Und viele alte Autos, viele Menschen und wir mit dem Cadillac mittendrin. Petrus schickt uns außer einer sibirischen Kaltfront freundlicherweise geschlossene Schleusen, die Wolken sind HARMlos und es regnet tatsächlich nicht einen einzigen Tropfen. Das wird Marc freuen, allerdings wird das für mich persönlich später ganz andere Probleme aufwerfen. Ich muss irgendwie die ganzen zerklatschten norddeutschen Insekten von der windbrechenden Nase des Dickschiffes wieder runterpolieren, das würde mit ein wenig Regenwasser viel einfacher gehen. Aber da fallen mir wieder die noch nicht lackierten Innenkotflügel ein, also lieber Trockenheit. Und ich bereite mich schon mal verständnisvoll auf die Tank- und Saubermachorgie heute Abend vor. Juhuu.

Männer, behütet

Männer, behütet

Das US-Car Treffen wird sicher noch Thema in einer der nächsten TRÄUME WAGEN Ausgaben sein, deshalb halte ich mich mit einem Bericht und Bildern einmal dezent zurück. Das ist schon eine recht coole Community hier im Norden, und ich habe mehr Visitenkarten mitgenommen als ich tragen kann. Frisches Blech für neue Artikel. Nebenbei könnte ich jetzt noch ein paar Sätze verlieren über die Jungs, die entlang der Hauptstraße zwischen den hunterten von Menschen (Männern, Frauen und Kindern) brennendes Gummi auf die Straße legen. Oder lieber über die Menschen selbst, die freiwillig am Rand im Qualm stehen und nur eine Radmutter vom Tod entfernt sind. Über die Fahrer, die es cool finden, den V8 brachial 10 Sekunden lang im Vollgas brüllen zu lassen, obwohl hier jeder so einen Motor hat. Nein, ich lasse das lieber. Ich werde ja bekanntlich altersmilde, jeder wie er möchte, und wenn das jemand toll findet soll er das eben machen. Ich stelle mich nicht mitten in diese S.HARMützel und lunger den Tag über lieber um die schönen alten Autos rum. Und friere.

Harm-los? Nicht wirklich.

Frühstück und Drivestyle

So ein Treffen macht neben den maifeiertäglichen Temperatur-Grenzerfahrungen erstaunlich müde, und nach einer guten Packung Pommes steuern wir den Cadillac am Nachmittag wieder zurück in den Hafen nach Kiel. Das ist allerdings erst der Zwischenstopp für mich, ich muss das nordamerikanische Schmiedeeisen heute ja noch bei seinem Herrchen in Hamburg Jenfeld abgeben. Geputzt und gestriegelt. Das wird gar nicht so leicht, abgesehen davon, dass man eine LKW Waschanlage benötigen wird, um diese Flächen wieder sauber zu bekommen. Geregnet hat’s ja auch nicht. Hm. Und mich plagen noch ganz andere Gedanken – ich will auch so ein Auto haben :-( Ich will nicht mit irgendwas Gewöhnlichem durchs Land cruisen, und ich will zusätzlich noch einen Sponsor, der mir mindestens eine Benzinflatrate spendiert. Ein Mann muss Ziele im Leben haben, die ihn vorantreiben – und ich hab noch so einige, und über die denke ich verträumt nach, während ich von Kiel wieder über Land in Richtung Hamburg fahre. Wieder ohne Musik, aber der Abendwind drückt die Pappeln am Straßenrand zusammen und lässt sie hin und her schaukeln wie eine ZieHARMonika. Ach ja. Der ist natürlich schon wieder zu Hause.

Harm-los? Nicht wirklich.

Geb ich gar nicht gern wieder her

Kurz vor Hamburg erhasche ich tatsächlich eine Tankstelle, die in den späten 70ern einmal dafür konstruiert wurde, havarierenden Jumbos auf dem Weg nach HH Fuhlsbüttel eine Notlandemöglichkeit zu bieten. Da passt der Cadillac einigermaßen rauf. Der Deckel auf den Kavernen des Treibstoff sitzt im Heck hinter dem Nummernschild, also fahre ich an der Zapfsäule vorbei und fahre vorbei und vorbei und vorbei. Als ich sie im Rückspiegel nur noch als kleinen Punkt am Horizont wahrnehmen kann wähne ich das Ende vom Auto ungefähr auf ihrer Höhe, halte den Tanker an und drehe am Schlüssel. Der Big Block verstummt. Plötzlich ist es wieder sagenhaft still, ich höre schüchtern piepsende Vögelchen in entfernten Bäumen, und auch die Gräser und Büsche zittern nicht mehr unter dem permanenten Erdbeben der kontrollierten Benzinverbrennung. Wie friedlich Hamburg sein kann. Während ich aussteige und am Cadillac entlang den langen Weg zum hinteren Nummernschild zurücklege sehe ich im Augenwinkel den Tankstellenpächter, der just in diesem Moment das Auto entdeckt hat und gerade dabei ist, eine Flasche Champagner zu entkorken. Verstehe ich nicht. Aber egal, ich bastel den Super Plus Rüssel irgendwie zwischen abgeklapptem Nummernschild und den gesammelten Chromvorräten der ganzen Umgebung in das Rohr und lasse laufen. Mal sehen, wieviel der nun wirklich verbraucht hat, die kaputte Tankanzeige behauptet ja frecherweise der Bottich wäre fast leer…

Harm-los? Nicht wirklich.

Es läuft und läuft und läuft…

Hui. Na da geht ja ordentlich was rein. Während die fossilen Brennstoffe laufen und laufen und laufen sehe ich den großen Zettel auf der Tanksäule, dass heute nur mit Bargeld bezahlt werden könne. Ich glaube ich habe aber noch genug im Portemonnaie, ich war gestern erst am Geldautomaten, das wird schon reichen. Läuft und läuft. In diesen Minuten überkommt mich auch die Erkenntnis, warum an Tankstellen überall steht, man möge bitte den Motor beim Tanken ausmachen. Klar. Sonst wird der Tank ja niemals voll. Ich habe über 40 Jahre lang geglaubt das habe was mit Brandgefahr und so zu tun, aber hier ist nur Beton und Metall, was sollte da brennen? Man muss erst einen Cadillac fahren, um die wichtigen Dinge im Leben zu begreifen. Das Benzin läuft und läuft. Im Hintergrund treffen Freunde, Familie und Bekannte des Pächters ein und werfen mit Luftschlangen und Konfetti. Mir ist so, als höre ich Satzfetzen wie “Freibier für alle er tankt noch immer!” oder “nachher mach ich zu und buche erstmal drei Wochen DomRep“. Was meinen die? Eigentlich könnte ich zwischendurch die Zeit nutzen und den Wagen noch ein bisschen überpolieren statt hier rumzuhocken und Benzol einzuatmen. Nehme ich für den weiten Weg vom Heck zur Front was zu Essen und zu Trinken mit? Nee, das schaffe ich auch so.

Harm-los? Nicht wirklich.

An der Nase eines Autos….

Einen 1969er Cadillac von zermatschten Fliegen zu befreien gleicht im Aufwand einer Fassadensanierung des Reichstags. Was ich schon in Kiel liebevoll weggekärchert hatte hinterlässt noch immer vereinzelt buntflüssige Spuren, garniert mit Füßen und Flügeln. Mit Lackreiniger, Flauschlappen und viel Kraft scheuer ich endlose Garnisionen von geschlagenen Chitinpanzern und Stechgleitern von Lack und Chrom und ahne, dass diese beiden Tage mit dem Auto in der freien Natur vermutlich für das Aussterben zahlloser Insektenarten verantwortlich gemacht werden können. Ich glaube ich schaffe das niemals alles mit der mir noch verbleibenden Kraft in den Handgelenken, das fühlt sich an als würde man den Rasen auf einem Fußballplatz mit der Nagelschere mähen. Währenddessen läuft das Super munter weiter in den Tank. Ich sehe den Tankstellenpächter hinten an der Straße “Wegen Auslastung geschlossen”-Schilder aufstellen. Teure, hübsche Callgirls schenken ihm dabei Champagner nach. Na hier ist was los.
Nach einigen Stunden ist der Tank voll und das Auto sauber. Es ist auch schon 7 Uhr. Als ich die Zapfpistole wieder einhänge schwinden mir beim Blick auf das Zählwerk fast die Sinne. So wie es aussieht habe ich mich eben gerade auf 10 Jahre verschuldet und einen Tankstellenbesitzer zum Millionär gemacht. Ich denke nicht darüber nach und fahre voller Ehrfurcht den Cadillac zu Marc in die Halle. Anscheinend ist die Tankuhr völlig in Ordnung, meine Weltanschauung allerdings nicht mehr. Im nächsten Leben werde ich Scheich. So.

Harm-los? Nicht wirklich.

Du hast was mit mir gemacht…

Die Tatsache, dass ich nicht an Ort und Stelle hingerichtet werde scheint für eine erfolgreiche Säuberungsaktion zu sprechen. Sie müssen sich Marc ein bisschen so wie diesen Wagen vorstellen. Kantig, brutal, schwer. Aber irgendwie ganz geil. Jedenfalls möchte man nicht seine schlechte Laune auf den Schultern oder im Gesicht erfahren, glücklicherweise ist das auch nicht nötig. Wenn Sie den Artikel über dieses Auto und seinen Besitzer in der TRÄUME WAGEN vor ein paar Monaten verfolgten werden Sie ein Bild vor Augen haben. Meine Krankenversicherung hatte mir schon schriftlich mitgeteilt, dass sie mir den Vertrag kündigen würde für den Fall, dass ich eine Beule in dem Wagen hinterließe. Feiglinge, die. Aber jetzt ist alles gut :-) Nein, eigentlich nicht alles. Ich will auch so ein Auto. Ich will ich will ich will *stampf*. Nach dem grauen 1978er Ford LTD Sedan so um 1995 rum und dem weißen Cadillac Eldorado Biarritz um die Jahrtausendwende sitzt auch in mir der Amivirus noch immer tief, und jetzt ist er wieder ausgebrochen. Verdammt. Als ich mich von Marc und seiner nun endlich auch wieder tiefenentspannten Frau verabschiedet habe und wieder in meinem Mercedes sitze werde ich so traurig, dass ich nicht mal einen unverwackelten Selfie hinbekomme.

Harm-los? Nicht wirklich.

Alltag grau und normal

Hallo Hamburg. Da sind wir wieder, ich und mein eigentlich auch gar nicht soooo alltägliches Rappeltaxi. Manchmal frage ich mich wirklich, warum man nicht noch ein bisschen unvernünftiger ist. Nun habe ich es schon geschafft, meine Passion zum Beruf zu machen und mit Geschichten über alte und neue Autos mein Geld zu verdienen. Da muss dann doch eigentlich auch im Alltag mal ein Big Block drin sein, oder nicht? Andere Leute geben viel Geld für Briefmarken oder Kunstwerke aus, haben alle sechs Monate ein neues Smartphone oder Tablet und bauen sich Häuser für eine halbe Millionen Euro. Brauch ich alles nicht. Also warum nicht in Benzin investieren? Ich denke die Tage mal darüber nach. Während der Fünfzylinder Diesel sonor vor sich hinnagelt, schwärme ich noch ein bisschen von dem 1969er Cadillac DeVille und seinem Überfluss in allem. Von einem überheblichen und trotzdem wundervoll designten Schlachtschiff, was nicht polarisiert, sondern freundliche Ehrfurcht einflößt. Was Spaß macht und lachen lässt. Ein Auto, was Sehnsüchte in einem weckt und in dem es immer Freitag Abend, 7:00 Uhr ist.

Sandmann

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Created Montag, 12. Mai 2014 Tags 1969 | cadillac | Chrome Diner | DeVille | Fremde Federungen | Gas Guzzler | Lensahn | Super Plus | tanken | Tankstelle | volltanken Document type Article
Categories Timeline Author Jens Tanz
03 May 2014
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Prosecco Cadillac

Prosecco Cadillac

Mit Tanz in den Mai

WAAAHAHAHAAAAA” *klirr* “lass das doch mal!” … *gacker* “Ey JÄÄÄÄÄNSSSSS was das für ein geiles Auto da vor der Tür hä?” *rück, knarz* “JÄÄÄÄÄÄÄNSSSSSS?” “nu lass den doch mal die grillen doch grad schenk ma lieber was nach” *gluckgluck* “Dange. Pröhösterchen ♫” “Prohoost” *kliingg* “Jungs was’ mit euch nochn Bier?” *klopfklopf* “N’Abeeend…. :-) Na hier is ja was los. Das ist ein 1969er Cadillac, cool oder? Damit will ich morgen auf ein Treffen nach Lensahn…” … “AH GEIIIIIL da bissu ja!” – *gluckgluck* “wadde ma, hast du nicht Lust uns ans Hindenburgufer ssu fahren?” “Prooooooost!” “HAHAHAAAAAAA WAAAHHHH” “Stößcheeen ♫” – “Klar, warum nicht? Macht euch fertig und dann rein in die gute Stube…” “YAYYYYY EEECHT???” *schrei* rumpel polter “Los jetzt Mädelssss“…..

Dasss totaaal nett von dir!

Prosecco Cadillac

Kennen Sie diese Menschen?

“Mach ich doch gern…” – “Ey du bis soooooo n nedder Nachbar! Voll geiles Auto was ist das jetzt? Is ra riiiisig” “Cadillac DeVille” *raschel* “KUCK MA DIE KISSEEEEEEN!!! :-D AAAHAHA sind die GEIIIL!!!!” *knautsch* “Proohoost!” “wa has du das Bier mitgenommen bissu blöd mach keine Fleckn!” *hick* “neee ich pass auf” … wuwuwuwu broooooooohhhhmmAAAHHHHH” *schreiiiii* *gacker* “mahaaa GEIIIIL ist der geil wie der KLINGT!!!” “nu rück mal ich sitz mein Nachbarn ja schon fast aufm Schoß” *hick* “oooaaaah die HAUBE!” *gluckgluck” “und Fensterheber ey schon damals!” *siiiirrrr* *rrrrrrr* *siiirrrrrrr* “was das nochmal fürn Modell ich muss das morgen meim Sohn sagen was jetzt? N willi? De. Wa?” “DeVille…. wo müsst ihr denn hin da unten am Wasser?” – “Stück weiter noch, da is Tanz in den Mai” “geil sssu dritt vorn der is echt riesich” gullergullerguller “Boah das’ Cruising, so, nech? Cruising jetzt.” “oooaaahhhh ich komm nich über die Kissen weg die sind voll geil” *tuff* *streichel* “gib mal bisschen Gas wie klingt der dann?gullergullerBROOOOOOO *schreiii* “WAHAHAAAAAA” *eskalier* “YAYYYYYYY” *gröhl*

Prosecco Cadillac

besser als busfahren auf jeden Fall

MUUUHAHAHA” “schnurch” *hust* “oaahr das war das Highlight des Aabns echt du bester Nachbar du” “machsu noch n Bild von uns vor dem… was’ das nochmal? Für Facebook das muss Lennart unbedingt sehn!” – *klonk* “Na klar, baut euch mal vor dem Wagen auf. Und lächeeeeeln…” “hahahaaaaaa!” “hihiiiiii” “WAAAHHHHHAHAH” “hallööööööö ♫” *klick* “ey sssoooo geil wir gehn jetzt tanzen und Tanz ey danke das war richtig geil!” “Gern :-)” “bis dahaaaann!” “ey diese Kissen willich auch” *taptap* *kling* “hasstu auch n GLAS mitgenomm??” “PROOHOOOST!” *tapptapp* *murmel* *brummel* “ey die KISSEN!” … *leiserwerdend* “was war dasjetz fürn Auto…?

*windweht*

Ich mag meine Nachbarinnen und deren Freunde :-) Der Mike fährt einen Commodore A. Cool. Jetzt aber ab ins Bettchen, auch wenn es erst 7 Uhr ist. Und wie bekomme ich bloß dieses Fernlicht wieder aus?

Sandmann

[Im Feed kann dieses Video nicht angezeigt werden.Klicke zum Blogeintrag um das Video anzusehen.]

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Created Samstag, 03. Mai 2014 Tags cadillac | DeVille | Fremde Federungen | Hindenburgufer | Kiel | Party | Prosecco | Tanz in den Mai | taxi Document type Article
Categories Timeline Author Jens Tanz
02 May 2014
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Das rollende WG-Zimmer

Das rollende WG-Zimmer

Auch in DIR steckt ein James Dean

Dee-heeer Maiii ist gekooommen ♫ die Bäume schlagen auuuus. Sollen sie doch. Ich sitze in einem knapp 6 Meter langen und gut 2 Meter breiten Cadillac DeVille, älter als ich selbst und allen in Deutschland gewohnten Dimensionen einen deutlichen und provokanten Fickfinger zeigend. Ich treibe ihn durch den leichten Druck meines rechten Fußes tsunamigleich vorwärts und male mir im Kopf eine bunte Karte der umliegenden Tankstellen. Gleichzeitig durchströmt mich ein warmes Glücksgefühl, das niemand kennt, der einen vernünftigen Kleinwagen neueren Baujahres fährt. Freiheit. Geilheit. Unabhängigkeit. Wenn auch nicht von der Mineralölindustrie, dann aber vom Hier und Jetzt. Und es ist immer Freitag Abend, 7 Uhr. Steigen Sie mit ein?

Weiter, immer weiter.

Das rollende WG-Zimmer

eine nicht enden wollende Haube

Dahaaa bleibeee wer Lust hat ♫ mit Sohoorgen zu Haauuus. Nö. Heute nicht. Doch fangen wir vorn an. Spätestens mit dem Mai beginnt die Saison der Youngtimer, Oldtimer und Klassiker und ich lasse mich über diversen Treffen treiben. Rein dienstlich, selbstverständlich. Aber was nun, wenn der Verlags-Dienstwagen (der 1973er Mustang Mach 1) noch in der Werkstatt steht, obwohl ein wahrhaft prominenter Platz auf dem US-Car Treffen morgen schon reserviert ist? Mit meinem Taxi kann ich mich in der Community nicht blicken lassen, die teeren und federn mich. Also? Rumfragen. Jemanden finden, mit dem man vielleicht nicht die politischen Weltansichten teilt, aber die Liebe zu alten Autos. Den Marc zum Beispiel. Der will morgen mit seinem krawalligen D-Kadett GTE (“geht ab wie Hupe“, hallo Schwager Andreas) zum Treffen der Alt-Opel-IG und braucht demnach seinen geliebten Amerikaner nicht. Also kann ich ihn für einen Tag haben. Dass diese Zusage im Nordosten Hamburgs eine mittlere Ehekrise auslösen würde vermag ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu ahnen.

Das rollende WG-Zimmer

seltsam, aber plausibel

Sorgenvoll blickt mich mein gewichtiger V8-Freund an, als wir in der Tiefgarage vor diesem Ding stehen, was sehr viel mehr als nur ein Auto ist. Er liebt den Wagen. Seine Frau hat ihm schon heftig die Hölle heiß gemacht, warum er den denn überhaupt weggeben würde. Das Argument, dass wir uns schon lange kennen, ich schon ganz andere Autos gefahren bin und wieder heil zurückgegeben habe und wir doch schon einen gemeinsamen Leitartikel in einer TRÄUME WAGEN im vergangenen Jahr zum Thema Cadillac und Mafia zündeten beruhigt hier in Hamburg Jenfeld niemanden. Auch das versprochene Jahresabo tröstet nur ihn, nicht die Dame des Hauses. Was gibt es zu wissen, wenn man 400 Kilometer in einem amerikanischen Auto aus den 60er Jahren zurücklegen möchte? Gar nicht so viel. Wo das Licht angeht zum Beispiel :-) Und auch wo das Fernlicht wieder ausgeht. Da habe ich nicht richtig zugehört, ich war wohl von den plüschigen Zierkissen abgelenkt, aber das ist eine andere Geschichte.

Das rollende WG-Zimmer

Irgendwie geht er überall an, aber nicht wider aus.

Eine kurze Einweisung auf den Wischer ist hier ebenfalls angebracht, der norddeutsche Himmel ergraut manchmal schneller als meine Haare und dann möchte man doch wissen, wie die feuchten Tropfen von der sagenhaft breiten Windschutzscheibe geschoben werden. Der Schalter ist stellungsunabhängig, die Wischer wischen immer gleich schnell. Und manchmal bleiben sie zuckend unten vor der Scheibe liegen, in dem Fall müsste ich rechts ran fahren, den Motor kurz ausmachen und dann geht’s wieder. Ich hoffe also, dass es nicht regnen wird. Marc auch, die vorderen frisch geschweißten Kotflügel sind innen noch nicht grundiert.
Ein paar nachvollziehbare Ansagen muss ich natürlich auch unterwürfig über mich ergehen lassen. Keine Burnouts bitte. Vor dem Abgeben morgen alles wieder sauber machen (“HANDwäsche, Sandmann, nicht in die Waschstraße!“) und es wird auch nicht gefickt im Auto. Zitat Ende. Das hatte ich ehrlich gesagt auch nicht vor, meine morgige Begleitung ist männlich und heterosexuell. Der Tank ist hinter dem Nummernschild hinten. Das Radio geht nicht. Die wunderschöne Zeituhr auch nicht, aber das macht nichts. Im Gegenteil, in diesem Wagen ist es immer Freitag Abend, 7 Uhr. Immer.

Das rollende WG-Zimmer

Freitag Abend, 7 Uhr. Immer. Jeden Tag.

Ich merke schon, Marc kann sich gar nicht so richtig lösen. Er schlurft ein wenig kopflos durch die Gegend und wirkt wie eine überforderte Mutter, die zum ersten mal die kleine Tochter bei der Kindergartenfreundin übernachten lässt. Zum ersten Mal gibt er sein Baby her. Der Cadillac ist mit den mitgebrachten und ordnungsgemäß eingetragenen roten 06-Nummern komplett vollkaskoversichert, aber irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass ich trotzdem aufpassen muss. Wenn mir da jemand einen Kratzer oder schlimmeres reinmacht wird er mich langsam und qualvoll umbringen. Und wenn nicht er selbst (wegen des Jahresabos…), dann spätestens seine Frau. Das macht mir ein bisschen Angst, und etwas verunsichert lege ich die Fahrstufe mit dem dicken Hebel am Lenkrad ein. Nach Gefühl, die Anzeige geht nicht mehr. Aber P — N — D ist bei allen alten Autos gleich. So. Es ist 7 Uhr Abends, ab nach Kiel. Nicht über die Drecks-A7, nein, über die sehr entspannte A21 mit ihren langen Geraden zwischen gelben Rapsfeldern. Der Weg ist das Ziel. Respektvoll lenke ich das schwankende Schlachtschiff in Richtung Autobahnzubringer. Eigentlich will ich noch zum Abschied auf die Hupe drücken, finde die aber trotz intensivem Rumgefingers rund um das Lenkrad nicht. Egal. Kick it.

Das rollende WG-Zimmer

Man gewöhnt sich an alles…

BROOOOOOOOO. YAYYY! Endlich mal wieder. Es ist etwas ganz besonderes, einen alten Ami zu fahren, und es ist noch eine Spur besonderer, wenn es ein Cadillac ist. Und noch besonderer mit einem DeVille aus den späten 60ern. Der Virus sitzt bei mir eh schon tief, aber mehr Auto als das hier um mich rum ist gefühlt nicht möglich. Vor meinen Augen erstreckt sich eine wirklich unfassbar lange Motorhaube, ich denke mal, bei Herbstnebel kann man die Nase des Autos von hier aus nicht sehen. Darunter stampft stoisch die Mutter aller Big Blocks, ein aus dem Vollen geschmiedeter 7.7 Liter V8 mit 380 PS. Der hält sich dezent im Hintergrund, obwohl man vor 45 Jahren mit Innenraumdämmung noch nicht viel am Hut hatte. Überhaupt, wo ist mein Hut? In Kiel – den darf ich morgen auf keinen Fall vergessen! Aber zurück in den benzingetriebenen Wohnraum. Das Lenkrad steht sehr hoch, irgendwie kann man das doch bestimmt verstellen? Wenn ich an dem kleinen Hebel an der Lenksäule ziehe wackelt es leicht, jetzt ertönt sogar kurz die Hupe! aber es bewegt sich nicht weiter nach unten. Na egal, geht ja auch so, und der Sound des V8 tröstet über alles hinweg. Wenn ich beherzt zutrete, anfangs noch aus Versehen, später dann dezent geplant, brüllt der Ballermann kraftvoll hinten raus, eben genau der Sound, der diese Karren so begehrenswert macht.

Das rollende WG-Zimmer

nicht übertreiben

Die Reisegeschwindigkeit ist schnell erreicht, ich sinniere kurz darüber nach, ob ich hier auf Meilen oder Kilometer blicke und entscheide mich dann mit peilendem Blick auf die anderen Verkehrsteilnehmer dafür, dass es sich wohl um eine europäische Tachoeinheit handelt. Laut Marc sei es theoretisch möglich, bei einem gemäßigten Gasfuß jeweils die nächste Tankstelle zu erreichen, ohne sich da vom ADAC mit leerem Tank hinschleppen zu lassen. Wir werden sehen, mit 120 bin ich fein links unterwegs, schneller darf man hier eh nicht. Der Wind zischelt um mich rum, er bleibt hauptsächlich am bulligen Kühler hängen, was da noch drüber weg kommt säuselt um den einen kleinen mechanisch verstellbaren Seitenspiegel auf der Fahrerseite. Mehr Rückblick war im Land der unbegrenzten Straßenbreite damals nicht nötig, wen interessiert in einem Cadillac schon, was hinter einem passiert? An den Fensterdichtungen zischelt es, aber dafür dass dieser Raumgleiter keine B-Säule hat ist es erstaunlich ruhig. Oberklasse. Hinter dem Auto, im nicht einsehbaren luftleeren Raum, vermischen sich Zeit und unkatalysierte Auspuffgase zu einem Strudel aus Ungläubigkeit und lassen normalsterbliche norddeutsche Autofahrer erschreckt, verängstigt und ehrfürchtig auf der rechten Spur zurück.

Das rollende WG-Zimmer

cooler als alles andere, was rollt

Ich habe heute Abend Zeit, es ist erst 7 Uhr und das basslastige Gegrummel des Achtzylinders schüttet einige Endorphine aus. Der Tacho steht auf 120, einen Drehzahlmesser gibt es nicht, aber ich glaube der V8 zündet gerade mal im Standgas. Ein Kühlwasserthermometer gibt es auch nicht, General Motors wollte damals den solventen Neuwagenkäufer nicht mit zu vielen Informationen belasten. Eine vertikal angeordnete Tankanzeite ist wohl da, aber die ist auch kaputt, jedenfalls steht die schon ne ganze Ecke tiefer als noch in Hamburg. Schade, dass das schöne Drehskala Radio nicht geht, aber ich kann zur Not auch selbst singen. Marc hasst das. Ach ja, vielleicht war das auch eine seiner Bedingungen, unter denen ich den Wagen bekomme: “Trobadix darf nicht singen:-( Ich ignoriere das mal, es ist nicht meine Schuld, schließlich hätte ER sich ja um ein funktionierendes Soundsystem kümmern können… Und auch wenn er nie mein Groupie werden wird, ich singe ♫ trotzdem. Und *zack* klappern die Scheibenwischer einmal unaufgefordert los und zucken dann vor der Windschutzscheibe hin und her. Super. Die Karre ist ihrem Chef anscheinend hörig. Da hinten kommt ein Parkplatz…

Das rollende WG-Zimmer

Wahre Größe all überall

Wie die Wo-ho-lken dort wa-han-dern ♫ am hihimmlischen Zeeelt. Okay, man MUSS das alte Liedgut nicht mögen, das gebe ich zu. Mir kommen aber in den letzten Monaten immer mehr Lieder in den Kopf, die wir damals im Urlaub mit unseren Eltern gesungen haben, mein großes Schwesterchen und ich. Lieder aus der Mundorgel. Ich kenne sie alle noch, und manchmal summe ich sie unbewusst vor mich hin. Heute regieren Spongebob und Germanys next Top Model die Kinderzimmer. Heute singen Eltern ihren Kindern keine Lieder mehr vor. Ich schon. Ich erfinde Windelwechsellieder, Zahnputzlieder und In-die-Kita-Bringlieder. Mir hat das damals nicht geschadet, meinem viertelfinnischen Sandmädchen heute wohl auch nicht. Aber dem Cadillac. Also rolle ich auf den Parkplatz und rolle auf den Parkplatz und rolle und rolle (himmel der ist so unglaublich lang, man fühlt sich als würde man mit die ganze Zeit einem Anhänger fahren) und mache den Motor wie mir erklärt wurde aus. Was für eine Ruhe.

Das rollende WG-Zimmer

Größe ist eine Frage des Standpunkts

Während die Wo-holken wa-handern (hoffentlich regnet das nicht hoffentlich regnet das nicht) nehme ich mir einen kleinen Moment des Innehaltens. Und gucke dieses Auto an. Zwischen all den Liedern im Kopf blättere ich seit meiner Abfahrt virtuell in einem Thesaurus der Steigerungsformen. Kein Mensch braucht so viel Blech um sich rum, geschweige denn diesen selbst für einen Ozeanriesen beeindruckend großen Motor. Auch damals nicht, auch nicht in Nordamerika. Hier bei uns noch viel weniger, die meisten deutschen Spießbürger fuhren noch immer mit einem Käfer oder einem Opel Olympia durch die Gegend und regten sich über die Überheblichkeit der blöden Amis auf. Der Zweite Weltkrieg war gerade mal 24 Jahre her, 24 Jahre!!! also ungefähr wie aus heutiger Sicht das Jahr 1990. Daran erinnern wir uns fast alle, noch Fragen? Amerikaner durften überheblich sein, weil sie es KONNTEN. Die Marke Cadillac hat in diesen Jahren zeitlose, stilvolle Meisterwerke des Kapitalismus geschaffen. Lincolns waren noch länger, sahen aber aus wie ein gestrandeter Wal.

Das rollende WG-Zimmer

Sauber halten? Dann muss ich ihn wegSCHIEBEN

Eigentlich wollte ich mich für das Foto auf diesem Parkplatz lasziv auf das Schild setzen und die Beine baumeln lassen. Ich habe es während der 10 Sekunden des Selbstauslösers fünf mal versucht und dann mit hochrotem Kopf aufgegeben. Ich bin eben keine 20 mehr. Die Bilder kommen vielleicht eines Tages in einem “making of”… :-) Der Cadillac ist auch keine 20 mehr, startet aber gleich wieder auf Anhieb und macht auch keine Anstalten, die Scheibenwischer unaufgefordert zucken zu lassen. Dann kann es ja weitergehen, die letzten Kilometer nach Kiel. Da warten schon meine beiden großen Töchter auf mich, mal gucken ob der Kahn die Smartphone-Generation vielleicht noch ein bisschen begeistern kann. Immerhin habe ich ihnen damals auch Lieder vorgesungen, Lieder von großen Autos und Kleinwagen, die als Altglascontainer benutzt wurden, weil man die Fenster offen gelassen hatte. Hoffentlich hat das geprägt. Vielleicht zieht auch das Argument, dass dieses Auto mit fast 6 Metern Länge und über 2 Metern Breite mehr Quadratmeter über die Straßen wuchtet als Papa in seinem ersten Zimmerchen damals während seiner Ausbildung in Kiel zur Verfügung hatte. Hier fahren 12, ich hatte nur 9. Mal sehen.

Das rollende WG-Zimmer

Wohnraum und Lounge in einem

Langsam gehen mir auch die Lieder aus. So-ho ste-heeet auch mir der Sinn ♫ in die weite weite Weeelt. Aber erst morgen. Morgen geht es mit Harm nach Lensahn zum US Car Treffen am Chrome Diner. Ich freu mich drauf, Harm hat mindestens genau so bekloppte Geschichten an Bord wie ich meine Lieder aus der Mundorgel und die Zeit wird nicht ausreichen, über alles zu quatschen, was es zu bequatschen gäbe. Aber dazu morgen mehr. Nun ist es inzwischen 7 Uhr, ich bin in Kiel und die Tankanzeige scheint tatsächlich kaputt zu sein, ein Viertel ist angeblich schon raus. Blöd. Das muss ich Marc morgen Abend mal sagen.

Müde und ziemlich beeindruckt von diesem wunderbaren Auto lasse ich mich begrillen und lausche dem proseccoseligen Gegacker meiner Nachbarinnen. Die ebenfalls anwesenden Jungs sind dem klassischen Kraftfahrzeug auch nicht abgeneigt, einer von ihnen hat einen begehrenswerten Opel Commodore A unten vor der Einfahrt stehen. Vielleicht hätte ich nicht rüberrufen sollen: “Na? Wer hat heute Abend den Größten???” Denn schon stagniert das Gegacker und es entbrennt der Wunsch der Trinkenden, mit dem “Größten” zur Maifeier ans Hindenburgufer gebracht zu werden. Statt mit dem Taxi. Aber davon erzähle ich morgen. Heute bin ich erstmal froh und glücklich, schadenfrei angekommen zu sein. Das verlängert meine Lebenserwartung :-) Und hey – ein Cadillac verändert den Menschen. Size matters, glauben Sie mir.

Sandmann

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Created Freitag, 02. Mai 2014 Tags 1969 | Big Block | cadillac | DeVille | Fremde Federungen | Gas Guzzler | Saurier Document type Article
Categories Timeline Author Jens Tanz
24 Apr 2014
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Angemessen eingetopft

Angemessen eingetopft

Gänseblümchen kann ja jeder…

Grünpflanzen heben die Stimmung, sorgen für gute Luft und verbessern ganz allgemein das Wohnklima. Sowohl im stickigen Eigenheim als auch im vollgepupsten Kraftfahrzeug. Das gilt nicht nur für die grauen 50er, als die berühmte Blumenvase im VW Käfer modern wurde, das ist auch heute in Zeiten noch eine gültige Bauernregel. Nun fahre ich im Alltag keinen Käfer (schade…) sondern eine E-Klasse mit langem Heck, einen S210, und da ist alles ein bisschen größer. Der selbstzündende Motor, der unermessliche Stauraum, die … äh … Blumenvase. Man muss ja mit der Zeit gehen, und im Jahr 2014 kommt es eben doch auf die Größe an. 8-) Oder?

Hm. Na ja. Ich weiß noch nicht so recht.

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schöne alte Käferzeit

Das florale Zubehörteil für das volksnahe Krabbelchen oder seine wanna-be-Nachfolger gibt es noch immer von der Firma Kamei, es ist heute nicht mehr aus Keramik und es passt noch immer nur ein klitzekleines Sträußchen rein. Oder ein Gänseblümchen vom Wegesrand. Der Luftverbesserungsfaktor ist nicht zu vergleichen mit dem eines südamerikanischen Regenwaldes oder den Weltmeeren, aber es sieht schön aus. Ganz seltsame Menschen stecken sich da auch gern mal was blühendes aus Plastik rein, vor allem wenn sie keinen Käfer sondern einen New Beetle fahren, das finde ich ungefähr so sexy wie eine aufgesteckte Doppelauspuff-Blende beim 70-PS-Astra. Egal. Die Rundumsicht ist weiterhin gewährleistet, der Wasserverbrauch liegt pro Tag ungefähr bei dem eines durchschnittlichen Goldhamsters und die ohnehin schon gute Laune wird Kilometer für Kilometer leicht angehoben. Lasst Blumen sprechen. Laber Rhabarber.

Moderne Zeiten

Moderne Zeiten

Die Blumenvase in meinem alten Taxi ist endlich wieder aus Keramik, zwar auch nicht von Kamei sondern aus dem Baumarkt, aber authentisch und massiv :-) Darin befindet sich ein… äh, nun, das ist ein… ich weiß es nicht. Das Ding heißt schon seit Jahren wegen seiner Blattform “Ufo-Pflanze” und stammt von einem kleinen, emsigen Ableger aus Berlin. Einmal in der Muttererde angewachsen, kennt es keinen Halt mehr. Vergleichen wir es mit dem Gänseblümchen im Käfer, fallen sofort Gegensätze und Parallelen auf. Wobei die Parallelen schnell aufgezählt sind: Es ist eine Pflanze in einem Gefäß. Das war’s dann auch schon. Anders als bei der dezent eingewässerten Einzel-Primel ist meine Ufo-Pflanze in Sachen Sauerstoffhaushalt allein schon aufgrund ihrer Größe gegenüber einem Stück Regenwald durchaus konkurrenzfähig. Oder mit den Weltmeeren, auch was ihren Durst betrifft. Das Ding zieht am Tag mehr Wasser als ein Kamel in der Wüste und trocknet den Innenraum meines Autos besser als jede Klimaanlage.

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Sind wir noch auf der Straße…?

Das mit der Rundumsicht muss allerdings in Frage gestellt werden. Zu den Seiten und nach hinten raus kann ich super gucken. Nach vorn ist die Sicht ein wenig eingeschränkt, dafür fühle ich mich aber anregend umgeben von frischem, grünen Leben. Das ist doch auch was feines. Ob es allerdings die Laune hebt muss ich erst noch auf einem Langstreckentest ergründen. Diese moderne, größenmäßig angepasste Blumenvase behindert den Lenkvorgang ein wenig, was vorhin zu einigen unangenehmen Schlenkern auf einer dafür nicht vorgesehenen schmalen zweispurigen Hauptverkehrsstraße im Herzen Hamburgs geführt hat. Andere Menschen haben auch schöne Hupen. Man wundert sich. Darüber hinaus kann ich nicht gänzlich ausschließen, dass durch das nach vorn eingeschränkte Sichtfeld tendenziell Menschenleben auf Fahrrädern gefährdet werden. Aber was soll ich machen? Wo soll sie denn sonst hin? Die kleine Kamei-Vase klebt laut Bedienungsanleitung satt und fest mit einem Saugnapf am Armaturenbrett. Meine aktuelle Variante wiegt mit Erde und Topf rund 8 Kilo, dieser Saugnapf muss erst noch geboren werden. Und das passende Armaturenbrett auch. Ist ja alles aus Plastik heute, also, alles bis auf meine Vase.

Angemessen eingetopft

Vielleicht doch eine andere Lösung?

Mist. Ich muss das nochmal überdenken. Pro und Contra abwiegen (abwägen? wie sagt man?) und dann vielleicht irgend etwas im direkten Umfeld meiner vorderen Sitze anpflanzen, was weniger die Sicht versperrt und vor allem nicht so viel Pflege benötigt. Bis dahin wandert die Ufo-Pflanze in die Küche der Casa Sandmann. Möge sie dort wachsen und gedeihen. Grün ist die Hoffnung. Haben Sie Blumen im Auto? Und kann mir irgend jemand sagen, was das für eine Grünpflanze ist? Gründaumige Grüße und schon jetzt ein schönes Wochenende wünscht:

Sandmann

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Created Donnerstag, 24. April 2014 Tags 50er | Armaturenbrett | Blumenvase | Gänseblümchen | Grünpflanze | Ich fahr... TAXI! | käfer | Kamei | taxi | Vase Document type Article
Categories Timeline Author Jens Tanz
22 Apr 2014
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Weg mit dem Dreck

Weg mit dem Dreck

Gut festhalten, Jungs

Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss. 2014 wird nicht nur mein Leben aufgeräumt (ich bin gerade dabei), sondern auch das Umfeld der Casa Sandmann. Das betraf unter anderem einen… nun… ich nenne es mal “Wintergarten” hinter meinem kleinen Häuschen in Kiel, der jetzt endlich mal weg sollte. Umhauen. Rumms Bumms. Problem: Ich kleiner Messie hab da immer schön alles reingestapelt, was ich in Ermangelung eines Dachbodens grad nicht im Haus haben wollte. 10 Jahre lang. Also raus mit dem Kram, und du jemineh, was man da alles findet :-) Und wozu Spülmaschinen dann so gut sind. *hach*

Ich habe schon vor zwei oder drei Jahren begonnen, vermoderte Teile meiner jüngeren Vergangenheit zu entsorgen. Meine zwei Schuppen im Garten und mein leider feuchter Keller haben mich da tatkräftig bei unterstützt, ich musste nur den Krams lange genug drin liegen lassen, dann war alles so schimmelig dass es in den Müll wanderte.

Weg mit dem Dreck

Sherriff… da geht doch noch was.

Aber irgendwann stößt man auf den Kern, auf die Sachen, die einem entweder am Herzen hängen, weil sie aus der eigenen liebgewonnenen Vergangenheit kommen oder weil sie einfach zu schade sind, um sie vermodern zu lassen oder gar wegzuschmeißen. Mir geht das so mit Büchern, Stofftieren und mit allem vorhandenen Spielzeug. Vertreter dieser drei Kategorien mag ich niemals wegwerfen. Also habe ich schon einmal im Vorfeld acht Bananenkartons randvoll mit Büchern in meinen Daimler geladen und einem Sozialkaufhaus in der Kieler Innenstadt gespendet. Dafür bekam ich einen Gutschein über 10% Rabatt auf alle meine Einkäufe :-) Das Leben ist schön, auch wenn ich diesen Gutschein nie einlösen werde. Die Stofftiere habe ich gewaschen, ein Teil von ihnen ist in die Arme meines viertelfinnischen Sandmädchens gewandert, die anderen zum Roten Kreuz. Vielleicht erfreuen sie eines Tages Kinder, die ansonsten nicht so viel Fröhlichkeit erfahren. Bleibt das Spielzeug.
Bei dem Kram aus meiner eigenen Kindheit bin ich ja eigen. Die Sachen, die es noch gibt behandel ich teilweise wie Reliquien, aber das ist eine andere Geschichte. Hier und heute finde ich noch einen ganzen Sack mit Playmobil Figuren aller Farben und Formen, Bauarbeiter, Kinder, Eltern, Cowboys und einen Sherriff. Die hab ich wohl mal auf irgend einem Flohmarkt gekauft, in einer Zeit, in der ich an keiner günstigen Gelegenheit vorbeigehen konnte. Deshalb war dieser Wintergarten ja auch so zugemüllt.

Weg mit dem Dreck

immer schön der Reihe nach

Playmobil, wenn sie bemalt und bespielt sind, kannst du bei ebay nicht verkaufen, das wird dann wieder so eine Auktion, wo vier verstörte Anthroposophen-Mütter dir 42 Fragen zum Artikel und seiner Umweltverträglichkeit stellen, um dann am Ende die Auktion für 1,00 Euro zu gewinnen und noch an den 2,90 Euro Versandkosten rumzumeckern. Nee danke, damit bin ich durch. Und dreckig sind die Jungs, ich sach euch das. Die praktisch veranlagte Halbfinnin an meiner Seite hat eine quasi glänzende Idee: Ab in die Spülmaschine mit den Kollegen. Ja, in voller Bekleidung, und das tollste daran ist: Die können sich in den Besteckkästen auch noch mit ihren kleinen Grapsch-Fingern selbst festhalten :-) Playmobil ist einfach großartig. Am Boden der Baumwolltüte finde ich noch vier längst verschollen geglaubte Gummiautos. Kennen Sie noch Gummiautos? So irgendwie weich und aus einem Stück und mit rollenden Rädern, ich habe damit damals in der Sandkiste gespielt, deshalb sind die Achsen auch ganz verrostet.

Weg mit dem Dreck

Gummiautos. Cool.

Ach was soll’s, auch rein damit in die gute Bosch. Irgendwo in meinem “Petterson”-Schuppen (ich nenn den so, weil er irgendwie so aussieht) hab ich auch noch einen Gummi-Taunus. Ein Coupé. Egal. Da sind noch ganz andere Sachen drin, die hier alle gar nicht reinpassen würden. Tab rein, Klappe zu, Vollgas – und nach einer Stunde sind die Plastikteile porentief rein und duften angenehm nach einem dieser 18-in-1-Reiniger. Dafür liebe ich mein halbfinnisches Fräulein Altona. Sie hat manchmal echt gute Ideen :-) Der Meute ist sauber, ich weiß noch immer nicht wohin damit aber sie ist sauber.
Was haben Sie denn schon mal so alles durch die Spülmaschine gejagt? Irgendwelche Tipps für mich? Ich bin auf den Geschmack gekommen! Und den Rest von meinem Leben bekomme ich auch noch klargespült, keine Sorge.

Sandmann

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Created Dienstag, 22. April 2014 Tags Absurdistan | Gummiauto | Gummiautos | Playmo | playmobil | reinigen | sauber | spülen | Spülmaschine Document type Article
Categories Timeline Author Jens Tanz
16 Apr 2014
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Fehlgezündet

Fehlgezündet

Schlechte Laune kommt irgendwann von allein…

Vorsprung durch Technik hieß es vor fast 40 Jahren bei Audi. Viel Technik ist gar nicht dran an den innovativen Vorreitern aus Neckarsulm, jedenfalls nicht aus heutiger Sicht. Was eben 1977 so state of the art war, eine Zündspule mit Kondensator, ein Unterbrecher, Kappe, Finger, Kerzen. Gegenüber ein 2B3 Vergaser, Zenith, Pierburg, Unterdruckdosen, was weiß ich. Das Konglomerat aus Funken, Schlürfen und geleitetem Benzin hat es heute auf meine gute Laune abgesehen, denn die alle zusammen wollen nicht so wie sie sollen. Und keiner kann mir direkt und akut helfen. Was für ein Scheißtag :-(

Das Audi Zentrum in Hamburg, ehemals Raffay, bekleckert sich momentan auf der Kommunikatinsebene nicht mit Ruhm. Ich hatte schon vor 10 Tagen freundlich und umfassend per Mail angefragt, ob ich a) den Dottore mal in seiner “Geburtsstätte” grundeinstellen lassen kann, also Zündung und Vergaser, und ob man b) diesbezüglich und für weitere Wartungsarbeiten nicht an einer Kooperation interessiert sei. Und hab mich als Journalist im automobilen Printbereich und Blogger in meiner Welt zu erkennen gegeben. Fein. Nach einer Woche und drei mal telefonisch nachhaken hat mich die Dame für Public Relations freundlich an die Pressereferentin weitergereicht. Also habe ich meine Mail noch einmal formuliert. Und bekomme bis heute keine Antwort. So lange säuft der kleine Vierzylinder aber wie ein Loch, rußt, spuckt und spotzt beim Gasgeben und eiert unrund bei Halblast. Aber die Hoffnung stirbt ja zuletzt, ich kann mir irgendwie nicht vorstellen, dass man bei Ex-Raffay nicht interessiert ist an Geschichten über ein Auto, was 1977 dort neu gekauft wurde? Eine preiswertere Werbung gibt es doch gar nicht, ich will doch nur dass er wieder läuft…

Fehlgezündet

nochmal von Vorn

Ein Kumpel von mir im Porsche Zentrum Hamburg ist zwar spontan von der Idee begeistert, den Motor des Dottore (der auch im Porsche 924 verbaut wurde) bei denen durchzumessen und einzustellen, musste aber nach kurzer Euphorie feststellen, dass seit dem vergangenen Jahr die alten Bosch Tester alle entsorgt worden sind. Es gibt nur noch Motortester mit Fehlerspeicherausleser und Diagnosestecker, aber keine Strobolampe mehr. Krass. Dabei hätten der diamantsilberne Audi 100 und das Porsche Zentrum ein gutes Bild abgegeben. Schade.

Also habe ich heute Früh noch einen nagelneuen Flansch unter den revidierten Vergaser gesetzt (um hier Nebenluft auszuschließen) und bin zur freien Werkstatt meines Vertrauens in Kiel gefahren. Zündung ist okay, 10 Grad, passt. Vergaser ist nicht okay, 13% CO Gehalt!! Kein Wunder, dass der entschleunigende Viertürer so geräuchert und gesoffen hat. Normal sind 0,2 oder so. Beim stoßweise Gas geben kam dem Mechaniker und mir jedes mal eine feine Stichflamme aus dem Vergaser entgegen und einen Knall wie im besten Tarantino Film. Irgendwie Cool. Aber in der Sache doof.

Fehlgezündet

das einzige Beweisbild…

Drehen an der CO Schraube hat keine Besserung gebracht, auch bei Vollgas sind die Werte im Motortester nicht runtergegangen. Der Auspuff ist inzwischen total verrußt und der Asphalt hinter und unter ihm sieht aus wie ein Schlachtfeld.
Der arme Klaus, seines Zeichens Vergaserüberholer und “Verursacher” meines gereinigten und neu abgedichteten Registerklotzes, hat mich sofort mit Bildern versorgt, was man wo alles prüfen und einstellen kann und gleich gemutmaßt, dass ein nicht überprüftes Anreicherungsventil im Fuß des 2B3 Schuld sein könnte. Er habe das noch neu liegen und würde den Vergaser natürlich sofort noch einmal überarbeiten.

Fehlgezündet

Theorie und Praxis

Der Mann ist sagenhaft, aber das hilft mir hier und jetzt nicht.
Weil ich nicht mit 20 Litern Super auf 100 Kilometern von Kiel nach Hamburg fahren will bin ich nach Hause in die Casa Sandmann gehüstelt und habe – inzwischen sehr routiniert – den alten Vergaser wieder draufgebaut. Der Wagen sprang an und lief auch, also hab ich nochmal selbstüberschätzend nach dem Unterbrecherabstand im Verteiler geguckt und den für ein bisschen zu klein befunden. 0.4 soll er sein, also wird er mit einer alten Fühlerblattlehre auf 0.4 eingestellt — und danach geht GAR nichts mehr :-( Orgeln, kein Zünden, nicht mal ein Husten, überhaupt nichts!

Argh

Völlig paranoid vermute ich den Fehler selbstverursacht im Unterbrecher und drehe ihn wieder ein bisschen zurück, das hat aber auch nichts gebracht. Na geil. Faxen dicke, ich hab nicht den ganzen Tag Zeit und muss hier nachher auch wieder weg. ADAC rufen. Ha.

Der Kollege mit dem gelben Auto ist extrem entspannt, hat erstmal den Audi rundrum bewundert und sich dies und das über Vorgänger und Nachfolger erklären lassen. Er orakelt, wen ein derartiger Vergasermotor GAR nicht anspringt, also nicht mal hustet und spuckt, ist es eigentlich niemals der Vergaser, sondern die Zündung. Also checkt er Kappe, Unterbrecher und Finger und findet nach Abziehen der Hauptleitung auch einen Zündfunken. Das ist ja schonmal gut. Dann setzt er auf das erste Zündkabel seinen Tester und bittet mich, mal zu starten. Und was macht der Drecks-Dottore? Springt auf Anhieb an, sogar auf nur drei Zylindern! Also wieder aus, vierten Stecker auch wieder auf die Kerze und nochmal starten… und er läuft rund wie aus dem Laden… :roll:

Fehlgezündet

Töchterchens Auftritt

Wir haben dann noch 15 Minuten philosophiert, der gelbe Engel ist echt ein netter gelber Engel. Helfen kann er mir zwar nicht, aber der Wagen läuft wieder. Wenn ich jetzt noch Kondensator und Zündspule austausche ist eigentlich die ganze Zündung neu…
Ich habe ein bisschen hilflos noch die Kontakte an der Spule blank geschliffen und neu verschraubt und wieder alles zusammen gebaut. Die Ferien habende Horde meiner Tochter und ihrer Freundinnen braucht den Wagen für ein kleines Filmprojekt. Mit 13 kann man schon alte Autos fahren. Aber das ist eine andere Geschichte. Na ja, und bei der Probefahrt habe ich die üblichen Probleme, wegen denen mir Vergaser-Klaus den überarbeiteten Vergaser geschickt hat. Bocken beim Gas geben, unruhiger, ruckiger Lauf bei Halblast, räuchern und verschlucken beim Durchtreten. :-( Morgen früh geht es mit dem “alten” Vergaser nochmal an den Abgastester, den “neuen” Vergaser bekommt Klaus nochmal auf den Tisch und irgendwann wird irgend ein Fehler gefunden sein. Zum Aufgeben ist es jetzt zu spät ;-) Mal sehen ob Audi sich noch meldet.
Schockt echt nicht, wenn der Hobel so scheiße läuft…

Schönes Osterfest euch allen!

Sandmann

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Created Mittwoch, 16. April 2014 Tags Abgas | Audi 100 | Audi 100 LS 1977 | CO2 | einstellen | Finger | Kappe | motor | Registervergaser | Typ 43 | unrund | Unterbrecherkontakt | Vergaser | Verteiler | Zenith | zu fett | Zündung Document type Article
Categories Timeline Author Jens Tanz
12 Apr 2014
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Sich Schrott Leisten

Sich Schrott Leisten

Ich könnte heulen

Die Titel werden immer kryptischer, oder? :-) Na gut, ich erklär das mal. Ich hab einen Leistenbruch und brauche Ersatz. Nein? Doch. Halt. Zwei Falschaussagen, nein, drei. Nicht ICH habe einen Leistenbruch sondern mein alter Mercedes. Genau genommen handelt es sich um die Einstiegsleiste der hinteren rechten Tür, sie ist auch nicht gebrochen sondern nur weg. Verschwunden. Und Ersatz BRAUCHE ich nicht, ich WILL ihn. Haben Sie den Faden nun komplett verloren? Ich fasse zusammen: Ich hab mal wieder Bock, zwischen alten Autos auf dem Schrottplatz rumzuklettern. Also los.

Looooove, loooove will tear us apart one day ♫ Oder Rost. Oder das Alter.

Sich Schrott Leisten

Ein Paralleluniversum

Es gibt sie noch, die Autoverwerter, bei denen man auch selbst schrauben darf. In Kiel haben wir einen, der ist besser gesichert als der Jugendknast in Schleswig. Aber wenn man wie ich ein freundliches Gesicht hat, am Eingang einen klaren Wunsch verbalisiert (“Leiste Tür hinten rechts, W210″), keine riesigen Werkzeugtaschen mit reinnimmt und den Retina-Eyescan sowie den genetischen Fingerabdrucktest besteht wird man auf den Platz gelassen. “Da stehen noch zwei von irgendwo rum, musst du mal gucken“. Schatzsuche 2014, ein bisschen wie Ostern, die bunten Eier sind geschickt zwischen, über und unter den Eiern anderen Marken versteckt. Allein das macht schon Spaß :-D Ich muss an SeineKleineSchwester denken, die am Wochenende immer nach Geocaches sucht. Ist so ähnlich hier, nur die stumpfe Variante für Männer. Kein GPS, der Schatz muss mit den bloßen Augen gefunden werden. Da ist einer! Eine Limousine, vorMOPF, schöne Farbe. Mal sehen was mein Taxi da noch alles von gebrauchen kann!

Sich Schrott Leisten

ehemals stolz und edel, jetzt ein Jammerbild

Hm. Ich bin nicht der erste, der hier im Goldrausch wildert. Auch das macht die Schatzsuche interessant, ich muss nicht nur das Osterei selbst finden, ich kann mir auch nicht pauschal sicher sein, ob ich seine Füllung mag. Cool. Abgesehen davon, dass mir einige fehlende Teile beim hier vor sich hinsterbenden Mittelklassedampfer einen tiefen, nicht uninteressanten Einblick in die verborgenen Eingeweide des W210 gewähren fallen mir tatsächlich noch ein paar Sachen ein, die ich fernab der Leiste brauchen könnte. Einen Rückspiegel links außen, einen neuen Innenspiegel (meiner ist blind und von so einem ATU Überzieher-Teil verunstaltet), Leselampen im Wagenhimmel, die sich auch anschalten lassen… Aber alles ist hier schon abgebaut :roll: Keine Außenspiegel mehr vorhanden, offensichtlich ein sehr begehrtes Teil. Meinen habe ich eigenhändig zerbrochen und hielt mich für bescheuerter als die anderen. Und die Innenspiegel verstehe ich nicht, wie sind die festgeschraubt? Na egal, ein neuer Innenspiegel wird sich auch woanders auftreiben lassen. Ich will ja auch nichts kaputt machen hier, so wie die anderen…

Sich Schrott Leisten

Alles schon weg…

Die Innenräume des altehrenwürdigen Daimler sind durch das wildernde Volk und das norddeutsche Wetter schon sehr in Mitleidenschaft gezogen worden. Hier holt sich jeder nur das raus, was er braucht, alles auf dem Weg dahin wird rausgerissen oder abgebrochen. Die Airbags sind explodiert oder ausgebaut. Dichtungen hängen lose im Türrahmen, das Handschuhfach ist rausgebrochen und der Fußraum mit Schrauben übersät. Der ganze Wurzelholzkram, den ich noch vor einem halben Jahr für die Mittelkonsole suchte ist paradoxerweise komplett vorhanden. Tachos, Schalter, alles da, aber das geht ja auch nie kaputt bei diesen Kisten. Auch ein Automatik-Schaltbock ist noch drin, aber bevor ich den ausgebaut habe ist die Sonne untergegangen… Und der gefundenen Sternenkreuzer hat ein Schiebedach